THE LIBRARY OF THE
UNIVERSITY OF
NORTH CAROLINA
THE LIBRARY OF THE
UNIVERSITY OF
NORTH CAROLINA
ENDOWED BY THE
DIALECTIC AND PHILANTHROPIC
SOCIETIES
BUILDING USE ONLY
Nr. 1. Januar 1875.
Philologischer Anzeiger.
Herausgegeben als ergänzung des Philologus
Ernst von Leutsch.
1. Die entstehung der synkretistisclien casus im lateinischen,
griechischen und deutschen. Ein beitrag zur vergleichenden
casuslehre von Carl Penka. (Aus dem programme des k. k.
real- und obergymnasiums im IX. bezirk Wien's für das Schul-
jahr 1873/74 besonders abgedruckt). Wien 1874. 26 s. 8.
Die kleine schrift, die ich den lesern dieser Zeitschrift mit
wenigen Worten empfehlen möchte, behandelt die durch das zusam-
menfallen mehrerer in der indogermanischen grundsprache nach-
Aveisbar vorhanden gewesenen casusformen entstandenen misch- oder
synkretistisclien casus in den einzelsprachen, mit beschränkung auf
das lateinische, griechische und deutsche, wo diese erscheinung
am ausgedehntesten platz gegriffen hat. Delbrück hatte die Ur-
sache dieses Verfalls in der Wichtigkeit zu finden geglaubt, die
das streben nach einem genaueren gedankenausdruck allmählich
den präpositionen gegeben, insofern dies die aufmerksamkeit des
sprechenden von der casusendung abgelenkt und so anfangs eine
Verwechselung, später ein gänzliches .fallenlassen einzelner ca-
susformen herbeigeführt hätte. Dieser ansieht gegenüber sucht
der Verfasser der vorliegenden abhandlung ,deig gedanken durch-
zuführen, dass der verfall einzelner casusformen in den indoger-
manischen sprachen aus denselben Ursachen erfolgte, wie in den
romanischen, wo bekanntlich ursprünglich verschiedene casus-
formen im laufe der zeit durch lautliche Veränderungen einan-
der gleich wurden und so auch syntaktisch mit einander ver-
mischt wurden. Die ausführung ist besonders für das deutsche
noch etwas skizzenhaft, aber den grundgedanken der abhandlung
selbst halte ich für sehr glücklich , und wenn man auch diesen
Philol. Anz. VII. 1
2 1. 2. Grammatik. Nr. 1.
factor vielleicht nicht als den einzigen für die erklärung der in
rede stehenden erscheintmg wird annehmen dürfen, so ist es
doch das verdienst Penka's überhaupt zuerst auf denselben hin-
gewiesen zu haben. Ein beispiel mag den Vorgang klar machen.
Als letzte entwickelung des lateinischen ablativ ergeben sich
für die verschiedenen stamme die formen -ä -£ -ö -ü, -e (J).
Als schlussentwickelung des locativs ist anzusetzen -ae-e-t -ü-e.
Diese formen stimmen mit ausnähme der der a- und o- declina-
tion mit den letzten formen des ablativs überein ; so fielen sie
zusammen und durch analogie wurden dann auch die formen
der a- und o- declination mit hineingezogen, Dasselbe weist
Penka für den instrumentalis nach.
Prag. Gustav Meyer.
2. Vergleichende erklärung der personalendungen und
modi im lateinischen und griechischen. Eine abhandlung von
Aldobrand Weisssteiner. Programm des k. k. gymnasiums-
zu Brixen 1874. 21 s. 8.
Die existenzberechtigung der vorliegenden programmab-
handlung ist mir nicht ganz klar geworden, indessen ist der man-
gel daran leider eine so gemeinsame eigenthümlichkeit vieler als
Programme erscheinender aufsätze, dass sie nachgerade als eine
berechtigte wird gelten dürfen. Von einer gewissen naivität des
Verfassers zeugt auch das auf der ersten seite abgedruckte citat
aus Max Müller. Irgend etwas selbständiges darf man nicht
suchen; doch ist es auch für eine solche compilation bedenklich,
wenn p. 4 in der tabelle die lateinischen passiven düngen or ris tur
in derselben reihe mit den griechischen ficu Gai tat sk. e se te figu-
rieren. Auch über die entstehung des lateinischen mediums wird
p. 14 eine eigen thümlich modificierte auffassung vorgetragen: die
lateinische spräche — nahm 'den verbalstamm an [sie] , amo-se
lieben sich, was dann leicht überging in geliebt werden'. Die mon-
ströse form amaminor vegetiert p. 15 trotz Madvig und Curtius
noch fröhlich weiter. Für die vergleichende syntax ist folgen-
der satz auf p. 16 nicht ohne interesse: 'zur zeit, wo das futur
noch nicht existirte , galt der conjunetiv und optativ für das
futur; zeuge davon ist nicht nur der veda-dialekt, sondern auch
Homer'. Aus der 'Vorbemerkung' erfahren wir, dass es ur-
sprünglich die absieht des Verfassers war die ganze bildung des
Nr. 1. 3. 4. Grammatik. 3
lateinischen und griechischen verbums zu behandeln. Ich meine,
dass es für ihn gewiss sehr nützlich ist, sich aus den 'epochema-
chenden grossen auf dem gebiete der vergleichenden philologie'
auszüge anzulegen, warum aber derartiges sofort in die druckerei
wandern muss , vermag ich nicht im entferntesten abzusehen.
Gustav Meyer.
3. Die zusammengesetzten nomina in den homerischen und
hesiodischen gedichten. Von Dr. Friedrich Stolz. Klagenfurt
1874. 62 ss. 8.
Die kleine schrift, die aus einer doctorarbeit des Verfassers
hervorgegangen ist, verfolgt den zweck das was sich bei den
bisherigen Untersuchungen über griechische nominalzusammen-
setzung als festes resültat herausgestellt hat, in übersichtlicher
weise zusammen zu stellen und zur anschauung zu bringen. Sie
berührt sich auf diese weise mit der im letzten hefte der Studien
von G. Curtius (VDI 1) erschienenen arbeit von Clemm, der indes-
sen den einzelnen fragen selbständiger näher getreten ist und
darauf verzichtet hat, das material nach den gewonnenen ge-
sichtspunkten geordnet noch einmal vorzuführen. Stolz hat dies
für Homer und Hesiod gethan und zwar in durchaus lobenswer-
ter weise. P. 8 — 34 behandelt die formale seite der composita }
wobei sich der verf. im wesentlichen an meine in Curtius Studien
V entwickelten ansichten anschliesst. P. 35 ff. werden die ho-
merischen und hesiodischen composita nach ihrer bedeutung an-
geordnet, wobei der Verfasser in der eintheilung wesentlich Justi
folgt. Die ganze arbeit ist recht umsichtig angelegt und darf
als eine wohlthuende erscheinung auf diesem nun schon etwas
ausgetretenen gebiete bezeichnet werden. Näheres eingehen auf
einzelheiten versage ich mir, ich fürchte nachgerade eulen nach
Athen zu tragen.
Gustav Meyer.
4. De latini pronominis relatiui syntaxi prisca. Diss.
inaug., auct. Frid. Paetzolt. Vratisl. 1873. 8. IV und 46 pp.
— 9 sgr. (Berlin, Calvary u. Cie.).
Dass der verf, wenn zwingende gründe ihn daran hinder-
ten, nicht alle komoedien des Plautus, und auch nicht die
fragmente der übrigen dramatiker, zu seinem zwecke ausnutzte
1*
4 4. Grammatik. Nr. 1.
(p. 3 cl. p. 44), wird ihm niemand zum Vorwurf machen; auf-
fallend ist es aber, dass unter jenen (ausser der Cistellaria)
grade Epidicus, Poenulus und Casina bei seite gelassen wurden,
zu denen doch bekanntlich Geppert hin und wieder durch
Studemund's nachtrage aus A und B unterstützt, manches
wichtige beigebracht hatte, während Amphitruo, Rudens, Asinaria
und Curculio nach Fl eckeis en's ausgäbe ohne weiteres als kri-
tisch sicher citirt werden, ohne dass auch nur die angaben der
zweiten Pareana irgendwo genannt würden. Und wie viel ist
zu diesen, wie ich aus autopsie weiss, noch nachzutragen, resp
zu verbessern! Dieser mangel an gründlicher kritik, verbunden
mit grosser unselbstständigkeit (die beiden einzigen vorschlage,
die der verf. selbst macht, sind entschieden misslungen: p. 26
not. 2 Vide sis quam*mox vapulaveris Amph. 360, s. dagegen
Becker in Studemund's Studien I, 1, p. 293 sq.; p. 35 not. 3
Quin etiam insuper qui adducas Truc. II, 6, 53, was heissen soll :
'nein, führe du mir noch andere hinzu!') — bilden die schwä-
chen der überhaupt ziemlich unreifen, in ermüdender breite und
in unbeholfenem latein geschi-iebenen beitrage (denn nur als
solche können sie nach obigem gelten) zur syntax des pronomen
relativs im alten latein. Anerkennung verdient dagegen öfter der
sammlerfleiss des Verfassers. So werden im ersten abschnitte
p. 5 — 20 zuerst die beispiele aus den alten gesetzesurkunden
zusammengestellt, in welchen das dem demonstrativen satze vor-
hergehende relativum mit demselben Substantiv verbunden er-
scheint, das nachher beim demonstrativum wiederholt wird: ex
qua sorte pronunciarit , eam sortem proxsumo iudici — , und dann
p. 10 sq. die aus demselben streben nach deutlichkeit entsprun-
genen , mehr oder minder vollständigen , beispiele aus den ko-
mödien. Es hätte hinzugefügt werden können Ter. Hec. 10 sq.
eodem iure, quo iure, entfernt der indirecte fragesatz Pseud. 21,
Rud. 330, wohl auch Most. 505. Was aber der verf. aus dem
breiten curialstil jener inschriften für die nativa (primaria)
structura des relativs folgert , ex qua ceteras orrmes ortas esse
censeo , quae ßorentis Latini sermonis aetate in usum venerunt,
was p. 16 sqq. an der bekannten attraction (Naucratem quem
conuenire nolui, in navi non erat Amph. 1009 u. s. w.) weit-
läutig nachgewiesen werden soll, — ist natürlich völlig halt-
los : die richtige erklärung dieses phänomens aus der natur der
Nr. 1. 5. Grammatik. 5
lebhaften Umgangssprache hat langst H a a s e gegeben , zu Rei-
sig' s Vorlesungen anm. 553. — Bei der besprechung der in
allgemeinen Sentenzen ein unbestimmtes persönliches subject ver-
tretenden retativsatze (Plus potest qui plus valet Truc. IV 3, 38
u.v.a.) ist das auffallende versehen begegnet, dass qui in sätzen
■wie Nisi qui Trin. 469, 1004 (hier ist das gleichartige Ubi qui
vergessen: Trin. 257, Stich. 178, Pers. 313) als relativum ge-
fasst wird; p. 14 weiss der verf. zu den zwei etwas freieren
anwendungen solcher sätze bei Plautus (Asin. 323 ; Eud. prol-
17 sq. ?) kein beispiel aus Terenz , s. aber Hec. 608, vgl. Enn. trag.
340 Vahl. — P. 15 sq. ist Plaut. Trin. 551 falsch erklärt, das richtige
s. bei Brix; Ter. Haut. 205 hätte mit dem vorhergehenden satze,
nicht mit dem folgenden, citirt werden müssen; Capt. 153 wird
die Überlieferung mit unrecht gegen Brix vertheidigt. — Hier-
nach können wir uns ein genaueres eingehen auf den zweiten
abschnitt p. 21 — 39 und den dritten p. 40 — 44 ersparen;
jener behandelt die verschiedenen arten wirklicher relativsätze,
dieser die anwendung des relativs zur Satzverbindung. Die in-
haltsleere breite wird noch vermehrt durch hineinziehung von
hierher gar nicht gehörenden dingen (wie von «£, ut — ne, ne,
p. 21 — 24, 28 sq.; von indirecten fragesätzen , p. 25 — 27; von
unbestimmt relativen pronomina, p. 31 sq., in denen auch nicht
das mindeste neu erscheint. Die beispielsammlungen sind in
keinem einzigen falle vollständig, so dass Holtze's material
kaum irgend eine wesentliche bereicherung , geschweige denn
seine resultate eine berichtigung erfahren. Die schrift ist daher
für das Studium des archaischen lateins so gut wie werthlos.
Aug. O. Fr. Lorenz.
5. De linguae latinae adiectivis suffixo to a nominibus
derivatis. Dissertatio inauguralis philologica, quam scripsit . . .
Georgius Bordelle Silesius. 8. Duesseldorfiae 1873.
Die arbeit ist ein brauchbarer beitrag zur wortbildungs-
lehre. Sie behandelt die ungemein zahlreichen lateinischen ad-
jectiva, die von nominibus durch das suffix -to (ursprünglich -ta)
abgeleitet sind. Dergleichen finden sich zwar auch in andern
indogermanischen sprachen , haben aber vorzugsweise auf dem
gebiete des lateinischen reichlich wurzel geschlagen. Die arbeit
ist zwar im wesentlichen nur materialsammlun? und zwar wohl
6 6. Lateinische Orthographie. Nr. 1.
nur auf grund des lexicons, wie das freilich bei einer das ganze
material zusammenfassenden arbeit kaum anders angeht, aber
sie ist im ganzen nach vernünftigen grundsätzen angelegt und
darum nicht ohne werth. Vermisst habe ich auch hier, was ich
neulich bei einigen die griechische Wortbildung betreffenden ar-
beiten hervorzuheben gelegenheit hatte, die berücksichtigung der
Chronologie, die für dergleichen Untersuchungen von nicht zu
unterschätzender Wichtigkeit ist. Von einzelnheiten möchte ich
folgendes bemerken. Die bildung von delicatus s. 21 ist nicht
klar genug dargestellt; es geht ohne zweifei auf einen stamm
delico- zurück, von dem delici-um delici-ae auf dieselbe weise
gebildet ist wie von aedifico- sacrifico- die nomina aedifici-um
sacrifici-um und die verba aedificä-re »acrificä-re. Auch das über
die von stammen der u - declination abgeleiteten adjectiva auf
p. 38 bemerkte leidet an einer gewissen Unklarheit, gradä-tus
von gradu- ist nicht anders gebildet als brachiä-tus von brachio-]
man muss sich daran erinnern, dass auch in der composition die
u- wie die o-stämme gleicherweise den auslaut zu i senken, er-
stere, wie ich an einem andern orte wahrscheinlich gemacht habe,
auf dem wege durch o, wofür die häufigen metaplasmen aus
der u- in die o-declination sprechen. Für die erklärung von
arcualus u. s. w. haben wir zwei möglichkeiten offen. Man
kann Stammerweiterung von arcu~ zu arcuo- annehmen wie im
griechischen von ddxQv- zu ddxqvo-\ oder aber — und das ist
bei diesen spätem bildungen das bei weitem wahrscheinlichere —
äto- ist als suffix für das Sprachgefühl zusammengefasst worden
und als solches angefügt, contortiplicatus p. 53 kann ich nach
dem, was ich in Kuhns Zeitschrift XXII, 1 ausgeführt habe,
natürlich nicht für ein dvandva halten, ebenso wenig wie das
damit in parallele gestellte Xtvxo/jtXag,
Gustav Meyer.
6. Kegeln und Wörterverzeichnisse zur begrün-
dung einer einheitlichen lateinischen Orthographie auf
gymnasien und andern höhern schulen. Von Dr. C. A. Hölbe
Zweite aufläge. Hannover, Hahn'sche hofbuchhandlung. 1874.
44 s. gr. 8. [incl. 7 s. vorwort]. — 6 sgr.
Diese allerdings 'wesentlich umgearbeitete' reproduction der
der pädagogischen section der Leipziger philologen Versammlung
Nr. 1. 6. Lateinische Orthographie. 7
(1872) vorgelegten 'vorschlage' (15 s.) ist ein an sich, auch
neben und nach den demselben zwecke dienenden arbeiten von
Wagener und Brambach (siehe des vf.s 'vorwort' alin. 1 a. e.),
dankenswerthes unternehmen, wie schon die eintheilung des büch-
leins ausweist. An sich — aber freilich in der gestalt in
der es jetzt vorliegt , so von druckfehlern , ungenauigkeiten
und falschen angaben wimmelnd, kann es den schülern, für die
es doch bestimmt ist, nicht in die hände gegeben werden ohne
grossen schaden zu stiften, ja seinen zweck vollkommen zu ver-
fehlen. Von den 15 §§, welche die I. abtheilung bilden, sind
zwar einige, nämlich 1—3. 5. 8. 11, ohne wesentliche Verstösse,
aber gleich § 4 finden wir unter 1) om-mitto (vgl. 'sübsummiren',
vorw. p. 4 a. e.), was kein druckfehler sein kann (während es
§ 1 4, VI. ganz richtig mit einem m steht — so wenig zeit hat
sich der vf. zur 'einheitlichen' durcharbeitung gegönnt!), unter
2) 'eingeschobenes d — red-eo\ wie es auch bei G. T. A. Krüger
§ 32 anm. noch heisst, jetzt aber (vgl. Gossrau § 42. 6, anm. 3,
§ 95. anm. 4, Krüger § 22 unterste anm.) füglich nicht mehr heissen
sollte. Uebrigens ist die richtigkeit der trennung neg-otium,
quon-iam, red-eo mindestens fraglich, o-mnis kommt trotz der 'äl-
testen lateinischen grammatiker' (Krüger § 34, vgl. Gossrau § 42.
3, anm. 1, nicht genügend) immer mehr ausser Übung, und
Ba-cchw ist entschieden falsch (beides unter 1). — § 6, 1 steht
-äs, -öm statt -äs, -6m. Die regel selbst 1) und 2) ist ebenso
wie 4) c. für die Schreibung zu billigen, doch sollte für die lec-
türe, wie auch anderwärts auf dieselbe rücksicht genommen ist,
den unbestritten richtigen formen divom, volgus (p. 33) und
(wegen Horatius) consäi u. s. w. rechnung getragen sein. — §. 7.
1) soll es heissen: nicht pieps, 2) 6r\ dort steht plebs % hier t>«,
— § 12. 2) Warum dem schüler formen wie (se-)quotu8, die zu
schreiben doch wohl noch niemand in den sinn gekommen ist,
als falsch vorhalten? — 6) Es genügte hausurus in dem Ver-
zeichnisse III, p. 36 aufzuführen, genau genommen gehört es
jedoch in den 'anhang', vgl. Neue Formenl. 2, p. 452. 460. (2
dichterstellen-, bei Seneca unsicher.) — 8) p. 16 anf. steht -ectum
statt iectum, 9) musste consequenterweise Neue a. o. 2, p. 442 f.
berücksichtigt werden. — § 13, I. II. ist nicht klar dass unter
'wörterverzeichniss' nr. III. gemeint ist, wo übrigens (wohl wegen
der alphabetischen Ordnung) nicht herl, sondern (mit druckfeh-
8 6. Lateinische Orthographie. Nr. 1.
ler) Tiere statt hcre usw. zuerst steht. — § 14.1. steht abstr ä ho.
— § 15. in. sind die worte a. e. [ — ] nicht recht verständlich,
übrigens ist Mlnücws hinreichend belegt (Hör. Ep. 1, 18, 20),
während Minutius, wenn die form existierte, allerdings, wie
Albutius usw. , langes u haben würde ; das vorhergehende pro-
petitum als stamm von propitius ist, vgl. Gossrau § 222, sehr
problematisch.
Und nun erst die alphabetischen Verzeichnisse unter II. III.
Um das mass nicht zu überschreiten , gebe ich dazu folgendes
verzeichniss der hauptsächlichsten ausstellungen , nur hin und
wieder durch bemerkungen unterbrochen.
II. abth. (Schreibung feststehend). Etymologieen wie aedt-
tiius von aedem tueri (vgl. Döderl. Syn. 6, p. 54!) und aCca
von alere (gehört in den 'anhang') sind (trotz aedituens Lucr. 6,
1275) gewiss nicht richtig; ebenso barrltus — (celt. bar wuth!),
mindestens überflüssig; vgl. exsül — {ex solo!), gewiss sehr ver-
lockend ; aber wegen consul , praesul wird es doch trotz Zehet-
mayr (sella) bei sal-ire (w. sar) bleiben müssen , vgl. Corssen
Krit. nachtr. p. 280—284, Vanicek Etym. wb. p. 175 f. Unter
Anxur steht Tarraeina, dieses an seiner stelle richtig mit I (fehlt
-rä, vgl. Tarräco); wozu folgt aperiref Unter Argivi (l war nöthig)
steht eine von den beliebten 'anregenden' parenthesen (vgl. 'Vor-
wort' p. 4. z. 5 ff.): loci Argei in Rom! Diese kenne ich nicht.
Livius sagt selbst 1, 21, 5: loca sacris faciendis, quae Argeos
pontifices vocant. Zusammenstellung der einschlägigen stellen s.
Marquardt R. A. IV, p. 200, Peter zu Ovid. Fast. 5, 621. Uebri-
gens ist es vermöge der hsl. Überlieferung nicht zulässig Ar-
gem und Argivus so auseinander zu halten wie es der vf. thut, da
Argei entschieden als Substantiv vorkommt. Später folgt aurlfex;
wer schreibt aussus, bassis, bassilica, fussus, connoscere usw.?
Zu bipennis 2) und penna vgl. Klotz hwb. und die hss. von Ovi-
dius u.a.; ist Brittönes sicher? Unter Caeres muss es trotz Gell.
NA. 16,13 heissen Gaeritum tabulae statt tabulae Caerites; dass es
canterius, nicht cantherius heisst, dürfte wohl feststehen; zu catellus
2) fehlt: gewöhnlich catella; sowohl cati nus als sein deminutiv ca-
tillus sind gewöhnlicher als die formen auf -um; zu cedrus vgl.
Verg. Georg. 3, 414 u. a. Der cena setzt die angäbe 'zwischen
3 — 4 uhr' zu enge grenzen; 'diner', vgl. 'budiker', 'kassette', usw.,
auch 'beschimpfen' 'k o h 1 Strunk', alles unter a und c, nicht zw
Nr. 1. 6. Lateinische Orthographie. 9
hilligen; zu cieo vgl. Neue, 2, p. 330 f. 456; wozu canthus, ci-
cindela hier? Dieses etwa wegen der Klotz'schen etymologie?
Mit der hemerkung zu cohors ist die frage nicht ahgethan ; 'laut-
lich' ist nicht genug; cors und chors sind verbürgt, indess stimmt
der vf. mit Wagener und Brambach überein ; s. diesen Neugest.
p. 285 f., hülfsb. p. 31 [wozu hier das citat?]; wer denkt nicht
bei collegwm an Hör. Sat. 1, 2, 1? colüber von edlere (!) ver-
ehren ? zu comperi (wo die zweite parenthese wohl an der falschen
stelle steht!) ist zu bemerken dass Tertullianus compertus sum
activisch braucht; bei Confluentes sollte es heissen: Mosae et
Rheni; den singular hat bekanntlich Caes. BG. 4, 15, 2; der
kukuk heisst cucülus , nicht -w, vgl. Hör. Sat. 1, 7, 31; zu
Cybebe vgl. Prop. 4, 16, 35 usw.; Dähae (Freund-?) Klotz-
Lübker'seher druckfehler, vgl. Verg. Aen. 8, 728. Lucan. 2, 296
Sil. 13, 764; dmgo: wer hat das (erste) l nachgewiesen? vgl
Ov. Fast. 6, 484 ; diclo steht in Widerspruch mit der citirten
stelle in der 'einleitung' [vorwort!], vgl. z. b. Verg. Aen. 7, 737;
dlmtdlus vgl. Hör. Carm. 1, 3, 8. Ep. 1, 2, 40, dlsertus ebd.
5, 19; duumviri ist in den hss. zu Caes. B. C. 1, 30, 1 ausge-
schrieben, gewiss auch anderwärts; der singular z. b.- Liv. 2, 42, 5 ;
bei extuli, elatum fehlen auf der paenultima die quantitätszeichen,
in deren setzung überhaupt die grösste willkür herrscht; ebenso
weiterhin auf folgenden silben : sedeeim , süblcio (Ov. Trist. 4, 1 ,
74). Syräcüsänus (trotz Aus. Ord. nob. urb. 11, 1), terrenus
— wo ' irden ' auch nach dem prosaischen Sprachgebrauch nicht
ausreicht, da nur Plin. Nat. Hist. 35, 12 (46). 160 terrena vasa
nennt was bei ihm sonst, und überhaupt in der regel, vasa fictilia
heisst — ; geradezu verwirrend aber müssen quantitätsbestim-
mungen wie pätrltcius, qiiädrldüum, quädnennium, quädrtveum
usw., subrtus (vgl. Luc. Müller de R. metr. p.364) wirken, s. oben
etdrus, falsch sind, um wieder zur alphabetischen Ordnung zurück-
zukehren, noch folgende: elephas (vgl. auch Neue a. o. 1, p. 331),
equus, e lege (ebenso le gfämusl), e vestigio, ex pröfesso, fämes,
femur (vielleicht mit dem bei Klotz durch druckfehler trochäisch
gewordenen fernen, vgl. Verg. Aen. 10,788, verwechselt), gentiUctus,
multotiens [nicht für schüler!], nubes, pemlctes (vf. dachte an
pernix, nlcis?), sepulcrum, spätium (davor spat^or 'herumspazie-
ren), alles ebenso falsch wie növTc^us [bis auf die — nur für
schüler berechnete? — Übersetzung] richtig und daher als aus-.
10 6. Lateinische Orthographie. Nr. 1.
nähme von § 15. HE. p. 17 zu bezeichnen; ob sich die quanti-
tät Genava bestätigen wird? zu fructus und fruttus vgl. Neue 2,
p. 440, zu merui (zu viel behauptet) p. 222 — 225; bei Graius
[ä!) lies griechi seh (vorher Gracc hm statt 'gracchisch') ; gutus
ist trotz der hss. in Plin. Nat. Hist. 16, 38 (73). 185 a e.
kaum als feststehend zu betrachten, übrigens, wie synhödus (Orell.
Inscr. !) u. a., höchstens unter III, besser in den 'anhang' zu
setzen ; zu sancitus, sanetus vgl. Neue 2, p. 439 f. und z. b. Cic.
pr. Sest. 30, 65; neben semnisomnus (druckf.) und seniesus war
z. b. semustus (nicht -i-), von Klotz-Ltibker sehr ungenau behan-
delt, wegen Liv. 26, 27, 13 u. a. zu nennen, wie überhaupt,
vgl. Bramb., gar manches fehlt; unter stclus muss II. nebst anm.
wegfallen; stinguo [warum die verba nicht endlich einmal, wie
sich's gebührt, in der infinitivform aufgeführt?] ist nur poetisch,
die composita s. vorher; wozu töti, die parenthese zu tütelat unter
iueor (tütus — alphabetische Ordnung!) durfte der hinweis auf
tutatus als partieip nicht fehlen ; unter ve sind die worte von der
parenthese an bis 'wehe' unklar; dass vehes hier erwähnt ist
steht in Widerspruch mit III. p. 39, wo fälschlich -es als endung
angegeben ist; verü druckfehler; sein deminutiv vericulum wäre ein
fortschritt gegen Wagener und Brambach — wenn es feststände ;
Viriathus [welch' auffällige Vorliebe überhaupt für den tribra-
chys!] hätte Silius nicht (3,354.10,118) in den vers gebracht;
vlnulentus gehört nach Brambach (fast auch nach der fassung im
'vorwort' IV.) unter
III. abth., wo meist auch angegeben ist, welche Schreib-
weise der schüler vorzuziehen hat. Da wird ihm aufgenöthigt
äütus im vollen Widerspruche mit Neue 2, p. 434; bei Cicero
nur altus; anetlnus, — tlcula muss in Wegfall kommen; biper-
tito usw. ist durch hss. bei Caesar gesichert, cheragra, analog
podägra, an zwei stellen beiHoratius; caepa, vgl. Neue 1 p. 578,
und caetra [c e tratus an vier Caesarstellen gesichert] trotz Brambach
nicht unbedingt vorzuziehen, sonst würde es mit saepes usw. und
saeta (anhang) unter II. zusammenzustellen sein; über cötidianv*
[zu cotldie] vgl. Luc. Müller, praef. zu Catullus p. XXXV. a. e.»
zu defätlgo — (intr.) Caes. B. G. 1, 40, 8. 5, 16, 4. 7, 85, 5.
(nur hier -a bezeugt) B. C 3, 40, 1., überall part. perf.
passivi, act. trans. B. G. 7, 41, 2. (ebenfalls -a); fäcinero&us
(klammer falsch) doch wohl nicht ohne weiteres von Velins
Nr. 1. 6. Lateinische Orthographie. 11
Longus (vgl. Bramh. Neugest. s. 103. f.) anzunehmen-, oder
billigt der vf. auch facineris? — dann müsste es dastehen-,
gleich darauf fehlt faenera r i, viermal bei Cicero transitiv ; formli ö -
losus vgl. sanguino lentus und Hör. Carm. 2, 17, 18. Epod. 5,
55, jedoch auch Bramb. Htilfsb. s. 38; bei fresus (-ndo) fehlt
die transitive bedeutung 'zermalmen' (dreimal bei Columella, einmal-
bei Celsus part. perf. passiv) ; gel u m, i findet sich zwar beides Lucr.
6, 877. 5, 205, aber an dem ablativ gelu, z. b. Hör. Carm. 1, 9, 3.
Verg. Ge. 2, 317. 3, 443. Aen. 8, 508. Nux El. 106, wird
wohl niemand zweifeln, vgl. Neue 1, p. 357 f.; hävere musste
von ävere 'begehren', vgl. avidus avartis, getrennt werden, was
auch bei Brambach nicht geschehen , obgleich die hülfsb. p. 41
erwähnten vier Horazstellen meine ansieht bestätigen ; unter dem
sonderbaren artikel Juppiter, der unter II. gehört, müsste es
wenigstens Djaus (statt -y) heissen; manupretium hat Plaut.
Men. 544 doch wohl -it? miliaris (statt -ius) ist widerlegt
durch Plin. Nat. Hist. 22, 25 (78), 161, misereri und prae-
steti verschiedenartige druckfehler; opTlio steht Plaut. Asin.
540, üpllio Verg. Ecl. 10, 19 fest, s. Corssen Krit. beitr. p. 152.
Bramb. Neugest. p. 86. f.; das citat bei Pollio 'Cfr. bibliotheca'
[IL] ist doch zu arg; Porsena steht Hör. Epod. 16, 4; warum
soll post e a quam und tentare vorzuziehen sein ? p ö tus ist acti-
visch und passivisch, pötatus nur pass. ; poturus , ebenso wie
tergeminus, poetisch; nachweis für tredecies? Vacalus steht hsl.
fest bei Caes. B. Gr. 4, 10, 1 ; bei vetutesco [Anhang!] fehlt ein
*, Viridomarus siehe Dinter, Ind. zu Caes. B. G. s. 229. f.
Schweikert, N. J. B. f. Phil. 109. s. 558. f.
Anhang (selten vorkommende Wörter) — 'für den phi-
lologen von fach'. Unter Andes ist zu lesen Angers, statt
Cevenna — Cebenna, vor Larva fehlt für (die ganze sache mir
unbekannt); steht ligula [trotz] Caes. B. G. 3, 12, 1, Par-
theni trotz 4 Stellen im B. C. fest? — Besonders ist zu rügen
dass hier nicht wenige Wörter bzw. formen vorkommen die
viel gebräuchlicher oder bekannter sind als viele in H. HI.
angeführte ; vgl. derigo usw. (wiederholt aus H.), jBsw6w[alph. ordn. !],
Hibernia, Her da u. a. nom. pr. , positus, postridie, praeco, rursus,
vaccillo, vasum [fassung! vgl. Neue 1. p. 294. f. 300.]; und
das alles für philologen! Also auch hier (vgl. 'vorwort' al. 1.)
keine consequenz in der durchführung des an sich zweck-
12 7. Homeros. Nr. 1.
massigen planes. So bleibt auch in betreff der gelehrten zu-
that Brambach in seinem bei grösserem drucke nur um die
hälfte umfangreicheren hülfsbüchlein unerreicht.
Endresultat: das buch soll ein führer der Jugend sein, ist
aber vorläufig nur ein irreführer, vor dem nicht genug gewarnt
.werden kann. Es bleibt demnach eine 3. revidierte, d. h. philo-
logisch und paedagogisch in jeder hinsieht recht sorgfältig
durchgearbeitete, streng systematisch geordnete, von druck-
fehlern gesäuberte aufläge zu erwarten. Und eine solche wird
sich dann von selbst empfehlen; denn nur eine arbeit, welche
das gepräge der uxgißtiu an der stirn trägt zu der sie an-
leiten soll, kann den schülern unserer gymnasien, die ja so
schon genug unter der höhe und Vielheit der an sie gestellten
forderungen leiden, mit gutem gewissen in die bände gegeben
werden.
B. D.
7. Dieeinheit der Odyssee nach Widerlegung der an-
sichten von Lachmann-Steinthal, Köchly, Hennings und Kirchhoff
dargest. v. Dr. Edward Kammer. Anhang: homer. blätter
v. Professor Dr. Lehrs. Leipzig. Teubner 1873. — 5 thlr.
10 gr.
Wenn ein älterer gelehrter zuweilen von ansichten und
bestrebungen der jüngeren generation sich wenig erbaut fühlt
und dieses gelegentlich ausspricht, so nimmt niemand anstoss,
auch wenn solche klage nicht ganz berechtigt sein sollte ; wun-
dern muss man sich aber, wenn der verf. eines buchs, wie des oben
genannten, welches so manche spuren von Jugendlichkeit zeigt,
unaufhörlich mit indignation davon spricht, wie 'heutzutage' die
Wissenschaft betrieben werde, wie man 'heute' urtheile, forsche,
schreibe, als wäre das zu seiner zeit so ganz anders gewesen.
Dies ist nämlich nicht bloss ein nebenpunkt (dann wäre hier
kein wort darüber zu verlieren), sondern der verf. hat es sich
gradezu 'zur aufgäbe gemacht', die neueren ansichten und for-
schungen über die homerische frage zu charakterisiren, ja — 'zu
geissein' ; seine kritik wird also förmlich censur. Der hauptvorwurf
ist dabei immer der alte : es fehlt den kritikern am 'poetischen ver-
ständniss'. Wenn aber doch das 'kritische talent' Lachmann's,
Köchly 's, Kirchhoff's anerkannt wird, so liegt hierin ein wider-
Nr. 1. 7. Homeros. 13
spruch. Denn wer des poetischen Verständnisses entbehrt, wie
kann demselben für homerische kritik talent zukommen ? Doch
gegen diese männer bewahrt die censur immer noch einige rück-
sicht, nur gegen Steinthal wird sie schon peinlich inquisitorisch,
aber sie alle sind doch 'männer von geist' ; um so schärfer wird
über die kritiker minder berühmten namens die geissei ge-
schwungen. Auch die erklärer , Faesi, Ameis, werden kaum je
ohne höhn genannt, und Düntzer hat sich sagen zu lassen, dass
ihm oft richtige gedanken kommen, aber 'wegen seiner ausge-
breiteten thätigkeit' selten reife gewinnen, und so geht es fort.
Doch das resultat? Vieles, was gegen jene kritiker geltend ge-
macht wird, ist ohne zweifei richtig ; es ist ja z. b. wenig wahr-
scheinlich , dass die Telemachie je ein ganzes für sich gebildet.
Aber folgt daraus, dass jene bücher von demselben dichter her-
rühren wie das 9., 10., 12.? Die möglichkeit also, dass an den
alten kern jüngere bildungen sich angesetzt, ist durch die kritik
der Kirchhoff sehen ansieht noch nicht widerlegt; für mangellos
hat aber schon bisher keine der kritischen theorieen gegolten.
Doch — hoffen wir auf den zweiten theil, der uns — positiv die
einheit der Odyssee darstellen, uns den plan der dichtung so vor-
führen wird, dass wir überzeugt werden, die gesänge 9, 10, 12 sind
nie vorgetragen worden, ohne dass 1 — 4 schon vorhanden waren?
Weitgefehlt ! Da hören wir vom 'hängen in grossen Situationen',
von 'eminentem kunstinstinkt' , von dem beständigen 'fluss' , in
dem die gedickte sich befanden , von 'erstaunlicher improvisa-
tionsgabe' , kurz lauter trivialitäten. So ist denn das stück,
von dem man am meisten erwartet , das schwächste des buchs
(p. 388 — 403). Alles folgende ist nachweisung von interpola-
tionen ('meine interpolationen' nennt sie Kammer naiv p. 768 j,
und hier ist der vf. auf seinem feld. Wo er vertheidigt, ist er
schwach. Da heisst's etwa: Kirchhoff hat 'kein äuge für das
poetische einer Situation' ; er selbst natürlich besitzt dieses äuge.
Beweis ? er findet die und die scene , die andre tadeln , sehr
'stimmungsvoll' ; ein schlagAvort das sich ihm allemal rechtzeitig
einstellt, wenn die begriffe schwinden. Dagegen schaden, Wider-
sprüche aufspüren, darauf versteht er sich. Das brauchbare
also, das er bringt, ist eben — auch kritik. Aber dafür ist die
Odyssee durch die zahlreichen athetesen, durch welche die stärk-
sten widerspräche beseitigt werden, ein schönes zusammenhängen-
14 7. Homeros. Nr. 1.
des ganze geworden. Wir wollen jetzt über einzelnes nicht
streiten, nur dies möchten wir fragen: gesetzt, dass wir nach
des vfs Operationen die Odyssee ohne sonderlichen anstoss lesen
können, was folgt daraus? Dass die Odyssee ein ganzes ist, was
niemand leugnet. Aber auch, dass sie von jeher als dieses
ganze bestanden, es nicht erst in längeren Zeiträumen geworden ?
Aber man ist ja im letzteren sinn schon so ziemlich einig. Auch
die unitarier wie Nitzsch nehmen an, dass lange, ehe Ilias und
Odyssee in dieser gestalt bestanden, die abenteuer vom Troerkrieg
und von der heimkehr der helden besungen wurden. Homer
sei nun der grosse dichter gewesen, der solche einzellieder auf-
genommen, frei benutzt und zu einem grossen ganzen gestaltet.
Der unterschied ist also nur, dass die unitarier dieses, die eini-
gung des überkommnen (von einheit der entstehung ist überall
keine rede) für das grösste erklären, während nach den andern
die poesie im einzellied ihren sitz hat, welches im wesentlichen
schon vor der Verarbeitung zum ganzen die bekannten Charak-
tere der helden enthalten musste: denn was sollte sonst jenen
liedern reiz verleihen? Die Schöpfung dieser Charaktere aber ist
wesentlich Wirkung dichterischer kraft; denn die sage für sich
enthält nur begebenheiten, aus denen heraus der dichter die
charaktere bildet. Welches ist nun die grössere that? die Cha-
raktere der helden, des Achill, des Odysseus, das was eben der
homerischen poesie ihren zauber gibt, zu schaffen, oder die Über-
arbeitung und Verbindung vorhandner gesänge zu einem grösseren
ganzen? Letzteres, meinen die unitarier , 'der Schwerpunkt der
poesie liegt im ganzen'; als ob die idee der göttlichen gerech-
tigkeit (welche sonst liegt aber in Ilias u. Odyssee als 'ganzen' ?)
das die homerische poesie unterscheidende und nicht in jeder dich-
tung, ja in jeder erzählung enthalten wäre ! Das trennende ist also
nicht die Verschiedenheit der ansichten über die entstehung
(diese sind nicht so sehr verschieden) sondern des objects der
bewunderung. Ihr habt einen andern Homer als wir. Wir be-
wundern den schöpfer der heldengestalten, ihr den Ordner der ge-
sänge. Was hat nun Kammer an diesem stand der sache geändert?
Die einheit der entstehung konnte und wollte er nicht beweisen,
die einheit der Ordnung ist ja aber thatsache. Im besten fall
hat er bewiesen, dass diese nicht so zufällig, wie Köchly und
Kirchhoff annehmen, sondern mit geschick und planmässig er-
Nr. 1. 8. Pindaros. 15
folgt sei. Aber eben dies ist, wie bemerkt, am mangelhaftesten
gezeigt. Und darum all die praetension auf poetisches verständ-
niss, all das schelten und poltern, all die ^{ya^o^avlix^? Aber
es ist überall die art der Orthodoxie , auch wenn sie selbst
von der frommen väter glauben weit abgewichen, ihren gegnern
nicht etwa irrthümer im urtheil , nein ! mangel an liebe zur
sache, an hingebung und begeisterung vorzuwerfen: hie niger
est. Dass nicht bloss hochmuth und tadelsucht, dass auch reine
begeisterung für das ideal die kritik erzeugen und bestimmen
kann , wird die Orthodoxie niemals zugestehen. Soviel vom
ganzen des buchs. Dass dieses urtheil nicht von der behand-
lung einzelner stellen von Kammer und Lehrs (in dem theilweise
schon bekanntes enthaltenden anhang) gelten soll, wurde schon
bemerkt und versteht sich ohnehin. Die besprechung einzelner
punkte bei anderer gelegenheit. (S. Philol. XXXIV. XXXV).
A. Bff.
8. Programm des Bugenhagen'schen gymnasiums zu Treptow
a. R. womit zu der am 3. u. 4. april 1871 stattfindenden öffent-
lichen prüfung ehrerbietigst einladet im namen des lehrer-colle-
gium Dr. Perthes, dirigent des gymnasiums. Inhalt : 1 . bei-
trage zur erklärung Pindars *(3. isthmische und 11. pythische
ode); 2. die nationalen kämpfe um die Rheingränze, eine schul-
rede ; 3. schulnachrichten; vom dirigenten; 4. Treptow a. R.,
Lehfeldt, 1871. — 46 s.
Also ein an philologischem inhalt reiches programm, ein
lob, was jetzt selten ertheilt werden kann : da hier das zumeist
philologische hervorzuheben, besprechen wir, da das die Studien
des vfs. am besten characterisiren dürfte, das Pindar betreffende.
Es werden zwei der schwierigsten gedichte besprochen, wie das
jüngere geschlecht der philologen jetzt liebt mit dem schwersten
zu beginnen: ob zum vortheil unserer Wissenschaft, lassen wir
jetzt auf sich beruhen. Bei besprechung von Isthm. HE. IV.
gelangt der vf. p. 9. zu folgendem grundgedanken : 'Melissus
und sein geschlecht sind hoch zu preisen weil sie beglückt sind
durch reichthum und siege und doch im herzen den wilden über-
muth bezähmen. Denn obgleich sie wie alle sterblichen nicht
verschont blieben von dem Wechsel des geschicks und manches
leid ertragen mussten, so hat doch in den siegen des Melissos
16 8. Pindaros. Nr. 1.
und in dem daraus dem geschlechte erwachsenden rühm und
siegespreis neuer frühling zurückgebracht , was der winter ge-
nommen'. Daneben wird aber noch eine verborgene mahnung
vor überhebung gefunden und darnach angenommen, dass gerade
in dieser beziehung dem Melissos im ersten theile des gedichts
seine ahnen und in dem zweiten der heros seiner Vaterstadt als
ein vorbild hingestellt werde. Aehnlich verfährt Perthes in
Pyth. XI. und glaubt auch da einen verborgenen sinn zu er-
kennen: meines erachtens ist solche Verborgenheit etwas der
pindarischen und überhaupt der classischen griechischen poesie
ganz fremdes. Als resultat der Untersuchung über Pyth. XL
wird nun p. 16. flg. angenommen, 'dass Thrasydaios durch den
errungenen sieg zu höherem Selbstvertrauen und zu kühnen ent-
würfen angespornt, mit bestrebungen nach einer hervorragenden
Stellung unter seinen mitbürgern hervorgetreten und dass er dazu
mit den gerade in jener zeit in Phokis und dann in Böotien
sich aufhaltenden Spartanern , die , wie wir aus Thukydides
wissen, grade damals auf derartige Verbindungen gerne eingingen,
im stillen beziehungen angeknüpft habe': zugleich lasse sich
aber auch schliessen, p. 17: 'dass Thrasydaios mit dem gedanken
umgegangen sei, durch eine Vermählung in die engste beziehung
zu dem herrscherhause der Lakorfier zu treten'. Also ein lob-
gesang auf den sieger mit anspielung auf vaterlandsverrath ?
Diese erklärung, übrigens bei weitem noch nicht die unglück-
lichste der neuerdings über diese ode versuchten, mahnt recht ein-
dringlich an die nothwendigkeit des festhaltens scharfer methode bei
der erklärung Pindars : und um diese nach kräften zu fördern
besprechen wir hier kurz dies gedieht. Also wer ist der sieger?
Den nennt nebst dem pythischen siege das prooimion, sonst aber
direct nichts : mehr enthält das exodion, nämlich dass Trasydaios
im lauf gesiegt wie früher sein vater, dass beider rühm jetzt
heiter strahle, dass beide, vater und söhn, wie in kampfspielen
so auch im Staate erreichbares, die rechte mitte haltendes er-
streben: darnach stand der vater im kräftigen mannesalter, folgte
im staatsieben den hier ausgesprochenen grundsätzen und befand
sich auch hier mit Pindar in vollster Übereinstimmung; grade
um ol. 75, 3 erheischte Thebens läge die grösste mässigung und
vorsieht, Pind. Isthm. VII., 5, die dem so schwer heimgesuchten
thebanischen adel innezuhalten wohl vor allem andern schwer
Nr. 1. 8. Pindaros. 17
werden mochte. Diese läge, vorzugsweise Sparta's werk, ward durch
des Pausanias grausamkeit (Herod. VIII. , 88) und hochmuth
(Com. Nep. IV, 1 qua victoria elatus, wollte er doch ' Ekld-
6og jvoavrog werden, Herod. V, 32 : vgl. Aristid. Oratt. t. III,
p. 290 Cant.) gesteigert: darauf zielt vs. 53 fiijjLtpofjb utoav xv-
Qavvldüii', denn Sparta's königthum rvqavvlg zu nennen, konnte in
Theben , zumal mit hinblick auf Pausanias — dass er nicht
könig war, verschlägt hier nichts — nur mit beifall aufgenom-
men werden. Zugleich liegen darin winke für Thrasydaios : dem
vater soll er folgen ; dann wird er erreichen, was die am schluss
genannten heroen erreicht haben.
Dies die erklärung des i'godiov und zugleich das für uns aus
ihm erreichbare historische element des gedichts : wie verhält sich
das nun zum mythos? Man mag sich nun wenden und drehen
wie man will , zwischen diesen beiden findet sich weder eine
gleichheit noch ein entsprechen noch überhaupt eine ähnlich-
keit; nichtsdestoweniger gehen aber alle erklärungsversuche der
neuern davon aus, dass in dem mythos das leben des Thrasydaios
geschildert werde , dass in den personen des. mythos die des
historischen theils wiedergefunden werden müssten. Da das aber
nun einmal factisch unmöglich, wie haben wir zu verfahren?
Zunächst müssen wir durch die concession, dass das princip, im
mythos müsse das leben des Siegers sich abspiegeln , nicht auf
alle epinikien und namentlich nicht auf alle der ersten epoche
Pindar's auszudehnen sei, uns einen unbefangenen weg für die
erklärung zu bahnen suchen. Und deshalb betrachten wir zuerst
jetzt die eparchen. In ihnen ladet Apoll die töchter des Kadmos,
Alkmene, Melia und andere heroinen, also recht eigentlich die
ältesten gottheiten Thebens (vgl. Pind. Hymn. fr. 1, Isthm. VI, 7),
zu Seo^ina oder '§6vi(Tfj6g Theben's und des Thrasydaios wegen
zu sich in das Ismenion ein, und er thut das, weil sie alle an Thrasy-
daios antheil nehmen, der also von Kadmos stammt, als Kadfioysvrjg
zu dem ältesten, den göttern entstammenden adel Thebens gehört.
Aber aus der einladung ergiebt sich auch noch das Vorhanden-
sein eines engern Verhältnisses zwischen dem ismenischen Apoll
und Thrasydaios: dasselbe lässt auch der pythische sieg des
Thrasydaios erkennen : bei dem kämpfe hat diesen der pythische
Apoll gnädig angesehen, s. Pind. Isthm. II, 18, der pythische
Apoll ist aber derselbe mit dem ismenischen, wie die erwähnung
Philol. Anz. VII. 2
18 8. Pindaros. Nr. 1.
der Themis vs. 9 (vgl. Aesch. Eumen. 2) beweist, eben so noch
anderes, s. 0. Müller Dor. I, p. 235. Aber das genügt noch nicht:
wahrscheinlich war Thrasydaios im kult des Apollon thätig, als
priester oder als ein an dessen festen ganz besonders eifriger
choreut, wodurch er dem Apoll Heb geworden: wir würden das
genauer wissen, hätten wir genauere künde von dem wie es
scheint bei einer navvv^tq gesungenen und vs. 9. 10 erwähnten
Hede der nuida; l ^4 q^jlov tag s welches von unserer ode ganz zu
trennen : Bergt, der nicht xihadrjteT nach Heyne, sondern nach
eigner conjectur xsXadr^ov lesen will, scheint zwar anderer mei-
nung, aber der folgende mythos steht der klärlich entgegen.
Dieses verhältniss und somit die frömmigkeit des Thrasydaios
vorzuführen hat der mythos zur aufgäbe : wie führt der dichter
das aus? Klytaimnestra begeht ein grosses verbrechen: Apollo,
von Agamemnon immer hoch geehrt, Hom. Od. &, 79, leitet die
sühne: Pylades, Orest, Strophios, besonders die beiden ersten,
müssen ihm für sie dienen. In dieser Verherrlichung Apollon's
fällt aber die eigenthümliche Wiederholung des ihr zu gründe
liegenden factums auf: vs. 19 hebt Kassandra als die haupt-
person hervor und neben ihr geht Agamemnon in die unterweit :
vs. 31 geht Agamemnon voran und zieht Kassandra mit sich in
den tod : was liegt dem zu gründe? Doch nur das an Apoll' s festen
in Theben zur aufführung gekommene hyporchem oder ein bei
dieser gelegenheit aufgeführter, diesen mythos von Klytaimnestra
darstellender tanz, in dem Thrasydaios eine hauptrolle, vielleicht
als Chorführer gespielt hatte; der hatte denn auch die vs. 22
versuchte rechtfertigung der Klytaimnestra herbeigeführt, zumal
Pindar gern gegen der würde der götter und heroen seiner an-
sieht nach nicht entsprechende mythen polemisirt, Pind. Ol. I,
52. Nem. V, 14. Also der dichter preist neben Apollo eine
fromme that des siegers , nicht aber den sieg selbst ; verwandt
ist Pind. Pyth. XII, wo im mythos Pindar das erzählt, was
Midas auf der flöte geblasen : in beiden gedichten ist also Pindars
publicum während des mythos mit dem sieger und dessen trefflich-
keit beschäftigt, woraus sich nun in unserm falle der Übergang mit
den wegen verderbter lesart so schwierigen vss. 38 — 42 leicht erklärt.
Somit scheinen politische beziehungen dem gedieht fremd
zu sein: allein dem ist nicht so, wenn auch die art, wie Tycho
Mommsen, Rauchenstein u. s. w. in ihrer aufündung verfahren,
Nr. 1. 8. Pindaros. 19
trotz des ihr von Perthes ertheilten lobes als eine dem wesen
der hellenischen poesie widersprechende verworfen werden muss.
Versetzt man sich in die damalige — ol. 75. 76: s. Bergk.
PLGr. p. 6 — läge Thebens , so zwingt die frappirende art
der erwähnung Lakoniens — vs. 16 Adxvjvog, vs. 32 ^A^vvXaic,
— an die gegenwart zu denken: auch jetzt sah es in Sparta
für den innern frieden bedenklich genug aus: hader in den
königsfamilien, des Pausanias Umtriebe und Streitigkeiten mit den
ephoren, bestechungen, morde, ehebruch, verläumdungen aller art
waren im schwänge: Thucyd. I, 128. Com. Nep. IV, 4. Herod.
VI, 61 : vgl. Pierson im Philol. XXVIII, p. 55: dazu die grausam-
keit gegen Theben und anderes, wie schon oben bemerkt. Also
sagt nun hier Pindar: in Sparta's herrscherfamilie geschehen
grause dinge : aber zugleich entsteht durch des delphischen Apollo
sorge der welcher sühne bringen, die missethäter strafen, wird und
zwar in Sparta selbst: s. 0. Müller zu Aesch. Eumen. p. 131;
darin liegt ein trost für Theben: jetzt geschieht, deutet der
dichter an, durch Sparta und Pausanias in frevelhafter über-
hebung unverantwortliches unrecht : aber es erwächst auch schon
durch des delphischen Apoll fürsorge der rächer : bei geordneten
zuständen wird Theben dann auch sein recht erhalten. Wären
wir genauer imterrichtet über diese zeiten, könnten wir auch
hier genaueres sagen : so viel ergiebt sich aber , dass in dieser
parthie die TVQuvviöeg vs. 53 vorbereitet sind, dass ferner gerade
diese parthie die ugovgui UvXuda der eparchen, die liebe des
ismenischen Apoll zu Theben erörtert , dass also die einzelnen
theile des gedichts in enger Wechselbeziehung stehen und ein
eng zusammenhängendes ganzes ausmachen.
So aufgefasst ist diese ode wenigstens ein InCvixoq , d. h.
ein siegesgesang und desshalb bemerke ich noch zur richtigen
beurtheilung meiner, hier sehr kurz vorgetragenen auffassung,
dass im epinikos der mythos und das historische element sich
nie gegenseitig decken, dass ferner das lied seiner ganzen be-
handlung nach zu den altern epinikien und somit zur ersten
periode des pindarischen epinikos gehört, also mit Pyth. VI. X.
XII zusammengestellt werden muss , in denen eine tiefe auf-
fassung noch nicht vorhanden : die reise Pindars nach Sicilien
scheint für die ausbildung und Vollendung seines epinikos von
grösstem einfluss gewesen zu sein : dies namentlich wegen
2*
20 9. Piaton. Nr. 1.
der Verschiedenheit der meinungen in betreff der abfassungszeit
des gedichts.
Ernst von Leutsch.
9. De rauthenticite* du Parm^nide. These presentee ä la
faculte* des lettres de Paris par C. Huit. Paris, 1873. Didier.
Vni und 210 s. 8.
So weitschweifig Huits arbeit über den platonischen oder
pseudoplatonischen Parmenides ist, so kurz kann die kritik sein.
Man muss den fleiss und Scharfsinn des verf. und seine belesen-
heit in der alten und neuen litteratur anerkennen, aber es ist
ihm nicht gelungen für die unächtheit dieses dialogs etwas bei-
zubringen, was nicht schon eben so gut oder besser bei Ueber-
weg zu lesen ist, und es genügt daher im wesentlichen, wenn
ich auf dasjenige verweise, was ich gegen letzteren bereits in der
einleitung zu meiner Übersetzung des Parmenides (in der Samm-
lung von Osiander und Schwab) bemerkt habe, obgleich ich mir
nach wie vor nicht einbilde dort die ganze Streitfrage erschöpft
zu haben. Huit wiederholt, Piaton könne unmöglich selbst so
grundstürzende einwürfe gegen seine ideenlehre erhoben haben.
Aber Piaton erhebt ja wenigstens den ersten derselben auch im
Philebos p. 15 B, einem dialog, den auch Huit für acht hälty
und der obendrein, wie selbst Schaarschmidt anerkannt hat, aus-
drücklich auf den Parmenides zurückweist (s. Phil. anz. V. p.
339). Wer kann ferner ohne kopfschütteln das zugeständniss
lesen, welches Huit (s. 52) unmittelbar hinterher macht: que
Piaton n'ait Jamals eu la moindre hesitation sur la certitude de
son Systeme, c'est ce quHl serait puiril de soutenirt Würde es
denn etwa weniger pueril sein behaupten zu wollen , Piaton
habe nie genauer über das verhältniss der ideen zu den dingen,
über die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, und über die
möglichkeit ihrer hebung nachgedacht? Und wenn er es that,
musste er da nicht noth wendig auf eben die im Parmenides vor-
getragenen bedenken oder ähnliche kommen, denn was sind
diese bedenken anders als eben jene Schwierigkeiten? Wie will
man sich ferner die Wandlungen erklären, die Piatons lehre von
den ideen und der materie nachweislich durchgemacht hat, wenn
man nicht in ihnen eben verschiedene versuche zur Überwindung
jener Schwierigkeiten erblicken will? Wie will man sonst jenen
Nr. 1. 9. Piaton. 21
halb skeptischen Standpunkt begreifen , mit welchem er in den
Gesetzen endet? Ob die im Parmenides bestrittene ideenlehre,
wie einst auch ich angenommen habe, nur die der Megariker
war, oder ob Eukleides in Wahrheit nie eine ideenlehre aufge-
stellt hatte, ist für die hauptsache gleichgültig, diese unbestreit-
bare hauptsache aber ist, dass alle hier vorgebrachten einwürfe
unmittelbar nur diejenige fassung dieser lehre treffen, bei welcher
die ideen den dingen transcendent oder ideen und dinge zwei
neben einander bestehende weiten sind. Dass Piaton sich stets
nettement für diese fassung ausgesprochen habe , behauptet
zwar auch Huit, allein wenn man sich endlich einmal entwöhnt
haben wird Piatons Schriften durch die brille des Aristoteles an-
zusehen , statt sie aus sich selbst zu erklären , so wird man in
ihnen keine einzige stelle finden , in welcher , wenn man von
offenbar mythischen oder popularisirenden darstellungen gebüh-
rendermassen absieht, diese angeblich so häufige runde und
nette erklärung wirklich enthalten wäre. Und wie sehr man
Ursache hat grossen philosophen in ihrer eigenschaft als angeb-
lich historisch treuen auslegern ihrer nächsten Vorgänger zu
misstrauen, dafür giebt Fichte gegenüber Kant ein warnendes
beispiel. Im übrigen bedenke man nur, wie schlecht sich
Piatons eigne bezeichnungen einerseits der dinge als abbilder
der ideen und andrerseits ihrer theilnahme an denselben, sobald
man beide ausdrücke wirklich ernst nimmt, mit einander ver-
tragen , so schlecht , dass man allen grund hat in keinem von
beiden die letzte formel für Piatons eigentliche meinung zu fin-
den! Wo Piaton wirrklich rund und nett spricht, da bezeichnet
er die dinge vielmehr ausdrücklich als mischung von sein und
nichtsein, ideen und materie, d. h. er spricht mit anderen
worten die inhärenz der dinge nach der seite ihres seins in den
ideen aus, was Huit (p. 190 vgl. p. 125) so befremdlich (etrange)
vorkommt. So im Philebos, Staat (V, 477 A. 479 B. C), Timäos,
und Aristoteles selbst legt wider willen dafür, dass dies die
eigentliche consequenz der ideenlehre ist, zeugniss ab, indem er
zugesteht, dass Piaton die materie als das absolute nichtsein be-
trachtet habe. Aber auch aus der wiederholt von ihm ange-
führten stelle Phäd. p. 100 D konnte Huit wenigstens abnehmen,
dass Piaton, wie er hier selbst erklärt, zwischen theilnahme der
dinge an den ideen und parusie der ideen schwankte. Piaton
22 9. Piaton. Nr. 1.
verhehlte sich mithin allerdings auch die Schwierigkeiten nicht,
welche der inhärenz der dinge in den ideen wiederum im wege
standen , und eben aus diesem schwanken zwischen immanenz
und transcendenz werden allein jene Wandlungen, die er durch-
machte, begreiflich. Huit wiederholt ferner die behauptung,
dass der zweite theil des Parmenides von rein skeptischer natur
sei , allein der Verfasser dieses dialogs , der doch wohl selbst
sein bester ausleger ist, erklärt mit dürren worten diesen zweiten
theil vielmehr für eine Übung in der Überwältigung der im
ersten gegen die ideen dargelegten Schwierigkeiten. Damit fällt
aber auch die von Huit (p. 71) wiederholte behauptung, die
hier gemachte anwendung der hypothetischen begriffserörterung
widerspreche dem im Phäd. p. 100 A (vgl: 101 D) diesem ver-
fahren gesetzten zweck : sie stimmt vielmehr ganz zu ihm, indem
sie so auch hier dem uwitodsrov dient. Dazu enthält dieser
zweite theil eine reihe von eigenthümlichkeiten , welche bei der
rein skeptischen auffassung desselben völlig unbegreiflich sind und
mithin diese auffassung als eine oberflächliche und vom richtigen
wege abirrende kennzeichnen. Ich habe dieselben in der ange-
führten einleitung in möglichster kürze zusammengestellt. Ver-
gebens müht ferner der verf. sich ab, am ende des vierten und
im verlaufe des dritten Jahrhunderts v. Chr. irgend eine skep-
tische richtung zu entdecken, bei welcher auch nur die geringste
spur davon sich findet, dass sie auf eine kritik der eleatischen
philosophie und der platonischen ideenlehre sich gründete, oder
auch nur einliess ; und wenn auch immerhin unsere bekanntschaft
mit den philosophischen entwicklungen der damaligen zeit nur
eine mangelhafte ist, so ist doch dies dunkel keineswegs so über-
mässig dicht, um dem verf. das erwünschte asylum ignorantiae
darzubieten, und wir wissen vielmehr so viel klar genug, dass
der damalige skepticismus dem ganzen wissenschaftlichen zeit-
charakter gemäss sich vielmehr bereits mit der Widerlegung des
blossen Sensualismus volle genüge that. Huit wiederholt endlich
auch , Aristoteles würde unter Voraussetzung der ächtheit des
Parmenides ein plagiator gewesen sein, aber dann wäre er es
auch unter Voraussetzung von der des Philebos gewesen, da er
den eben so gut dort wie im Parmenides vorgetragnen einwurf
gegen die ideenlehre auch seinerseits wieder vorbringt, Met. VII,
14, p. 1039 a, 34 ff. Nach diesem allen wird, wer den Parmeni-
Nr. 1. 10. Galenos. 23
des für unäclit erklärt , folgerichtig nicht bloss , wie auch Huit
thut, den Sophisten und Staatsmann, sondern auch den Philebos,
wie Schaarschmidt forderte, mit fallen lassen müssen. Auch
sollte man denken, wer, wie es von Huit wiederholt geschieht,
auf das künstlerische element als kennzeichen der ächtheit ent-
scheidendes gewicht legt, müsste in der that dieses im Philebos
eben so gut vermissen. Aber freilich gerade in bezug auf diesen
dialog hat bekanntlich die Schaarschmidt'sche kritik eine sehlappe
erlitten, von der sie sich schwerlich wieder erholen wird. Gerade
diese erfahrung sollte aber auch in betreff jener anderen dialoge
zur vorsieht mahnen. Mit unrecht ist der Parmenides oft für
ein besonderes meisterwerk erklärt, aber wenn man den ver-
dienstlichen theil von Huits arbeit, die geschichte der ansichten
über diese schrift durchliest, kann man sich doch der frage
kaum erwehren, ob denen, '-^welche nichts als ein gewebe von
Sophismen in ihm erblicken, nicht einigermassen bedenklich wird,
in welche gesellschaft sie sich damit begeben. Denn die flach-
heit der sogenannten aufklärungsperiode gefiel sich bei weitem
zumeist in diesem urtheil.
Fr. Susemihl.
10. Galeni libellum qui inscribitur ITsgl xr\g Tu&wg iwv
IdCtüv ßcßlfwv recensuit et explanavit Iwanus Mueller. Er-
langen. 1874. 4. 27. s.
Nachdem Mueller im vorigen jähre bei gelegenheit des
prorectorats-wechsels bereits die schrift Galens, o rt o uoioiog
largog xui yiXoGoyog in neuer kritischer bearbeitung heraus
gegeben, hat derselbe in diesem jähre die wichtige schrift myt
Trjg jd^aog jujv löttüi' ßißXCwr folgen lassen, deren text, wie alle
Schriften dieses Schriftstellers, in trostlosem zustande auf uns ge-
kommen ist. Nach einer kurzen einleitung folgt der text von
p. 6 — 17, dem, wie in obgenannter abhandlung, eine ganz neue
selbstständige lateinische Übersetzung beigegeben ist. Diesem
schliesst sich ebenfalls eine kurze enarratio an, in der einzelne
der geänderten stellen besprochen, andere sachlich erklärt wer-
den. Was die herstellung des textes betrifft, so hat Mueller
darin nicht unbedeutendes geleistet, was um so mehr anzuer-
kennen ist , als er in ermangelung einer älteren handschrift
lediglich auf eigene kraft und Scharfsinn angewiesen war —
24 10. Galenos. Nr. 1.
die einzige handschrift, die er benutzen konnte, ist ein Ambro-
sianus Q. 3, codex papyraceus saec. XVI., der fast ganz mit der
Aldina übereinstimmt. Zu wirklichen Verbesserungen hat er, soviel
ich sehe, nur an drei stellen anlass gegeben p. 13, 3 xavx riSt]
für tXSii — p. 15, 7 ts d-artor für u xui Suttov und p. 16,
14 tcüv l EXXrjvtxuv 6 vo p uro) v , welches indess auch die Aldina
hat. Trotzdem sind von den ungefähr sechzig Veränderungen, die
er vorgenommen, etwa vierzig entschieden richtige Verbesserungen,
die andern, wenn auch nicht ganz sicher, doch sehr wahrschein-
lich zu nennen. Zwei kleinere interpolationen pag. 9, 10 und
10 , 9 sind mit recht eingeklammert. . Von den drei grösseren
lücken, die den bisherigen text arg entstellten, ist eine (pag.
12, 13) leider unausfüllbar geblieben, eine andre (pag. 16, 14)
wenigstens dem sinne nach richtig in der enarratio (pag. 27)
ergänzt, die dritte aber (pag. 11, 3 — 12) aus verschiedenen
andern Schriften, meisterhaft ausgefüllt worden. Bei solchen
Verdiensten um die lesbarmachung einer so wichtigen schrift,
wie die unsrige ist, wird man die wenigen kleinen ungenauig-
keiten gern entschuldigen. So finden sich an drei stellen ände-
rungen, die in der adnotatio nicht bemerkt sind: pag. 14, 3
dg ro 2nü'ixü)T8Qov, wo sämmtliche ausgaben Itt» haben; pag.
15, 1 fjfitig ehvxfoafMv , wo Kühn tvTv%i}xa[iev hat; pag. 16, 4
GvyyocKpsvGtv, unstreitig richtig statt der vulgata yqayivaw.
Schliesslich will ich noch einige wenige vermuthungen er-
wähnen, die mir beim durchlesen der schrift gekommen sind.
P. 7, 2 haben alle ausgaben und Ambrosianus in iyw /jsv
Srj mnsixdtjg ifiavrov ein fio t nach Af. Vielleicht steckt in dem
fjioi ein itov oder nori wie Galen, t. V, p. 30 Kühn : iyw dqnore
tXS-töu-ävaytvtJüGxfiv. Vrgl. p. 21. (joGneo iyw nore nv&ofitvog-
lnqa%a. —
P. 7 , 13 schaltet Mueller dem sinne nach sehr richtig
vor ynrjl'kdx&ai, ein xgrj ein, und stösst in der nächsten zeile
vor wg das vollkommen überflüssige ov% aus. Aber V, 30 — 31
findet sich ein ganz ähnlicher satz : ov yuq äqy.u fiovov äoQyqGCav
uyuv, uXXa xui Xi^vetag xui Xuyvitag olpocpXvyCagiexalntQi,eQytagxal
(p&ovov xuSuqsvhv, wo ebenfalls das durch den sinn erforderte
XQij fehlt. Aus dem an falscher stelle eingeschalteten ou% scheint
mir nun hervorzugehen, dass das von einem leser oder ab-
schreiber vermisste XQV v °n diesem an den rand geschrieben
Nr. 1. 11. Demosthenes. 25
und dann später von einem andern abschreiber, der es falsch
las, als ov% vor (Lg eingeschoben sein muss ; wie dergleichen für
die schrift neol ixu&öjv xul ufiuQTrj/jiunov des öftern von mir nach-
gewiesen ist: vgl.. Observ. crit. pag. 14 — 22.
P. 9 , 5 ändert vf. xä\ri& wg iyvwßfiiva, richtiger xu TaXt}-
9eog iyvwOfiira, dem entsprechend ich auch xul i u tysvSwg Inu-
Xrjfifxha schreiben möchte, wie pag. 11, 15 i« riv xm — xul
tu xuiä TO XT§.
P. 9 , 1. luv fir\ fio vag fiu&t] rag (Xidodovg] Das (xovug,
welches Müller in der lateinischen Übersetzung selbst richtig
durch 'nora solum wiedergiebt , muss doch wohl in fiov ov ge-
ändert werden.
P. 14, 10. {inußwftsv int xu loinu Tür r\ /übt iqwv vno-
fi r rj fi u x « ] übersetzt Müller ebenfalls ganz richtig ad reliquos no-
stros libros, hätte also auch wohl vfiofivrjfiuxwv schreiben müssen.
Abgesehen von solchen kleinigkeiten , müssen wir , wie
schon gesagt,, das grosse verdienst dem Verfasser zuerkennen,
dass er den bisherigen fast unlesbaren text dieses schriftchens
für uns zuerst geniessbar gemacht hat; und dürfen wir uns-
freuen, dass gerade er nun auch das grosse werk Galens de
placitis Hippocratis et Piatonis hat erscheinen lassen , wie er es
vor zwei jähren versprochen hatte. Ich denke dasselbe in nicht
zu langer zeit ebenfalls hier zu besprechen.
H. M.
11. Various readings in the speech of Demosthenes de
falsa legatione, from the ms. (saec. XP7) bequeathed by the
late rev. E. Kerrich to the Fitzwilliam Museum, Cambridge,
with a facsimile, by F. A. Paley, Cambridge. Macmillan and
Co. 1874.
Diese neue handschrift ist für die kritik von keinem werth.
Der herausgeber ist zwar andrer meinung, weil er zwei conjec-
turen Dobree's bestätigt zu finden meinte. Allerdings § 53 ist
Dobree's Vorschlag xaxa ndvxag xqonovg bestätigt; da indessen
alle handschriften ndvxug xovg xqonovg haben , so ist in der
neuen handschrift eben nur einer der gewöhnlichsten Schreib-
fehler zu statuiren. Im zweiten fall (§ 310) irrt Paley. Was
hier seine handschrift bietet: xovg xoGuviu rjdixtjxoiag ist die
frühere vulgata, welche Dobree wieder hergestellt wissen wollte.
26 12. Aelius Aristides. Nr. 1.
Die handschrift gehört zu dem mixtum genus, ist aber vielfach
aus einer quelle corrigirt, welche mit Laur. S. verwandt
erscheint.
A. Weidner.
12. Aelius Aristides als repräsentant der sophistischen
rhetorik des zweiten Jahrhunderts der kaiserzeit, von Dr. Her-
mann Baumgart. gr. 8. 240 s. Teubner 1874. — 1 thlr.
In dieser schrift behandelt der Verfasser eingehend den be-
rühmten rhetor Aristides. In der einleitung kündigt er seinen
Standpunkt an gegen Bernhardy's glänzende Schilderung und
gegen Welcker's günstige ansieht von dem genannten Sophisten.
Aber in seinem eifer, letzteren gelehrten überall zu widerlegen,
geht der verf. auch zu weit, indem er Aristides als einen men-
schen bezeichnet , dessen grundzug es sei , den schein statt des
wesens zu verehren, und dessen consequenz und kraft darin
aufgehe, die kunst, irrthum statt Wahrheit zu verbreiten, auf
ihre höhe zu bringen. Richtiger ist des verf. ansieht am ende
des sechsten kapitels , wo er die eigenthümlichkeiten des rhetor
auf rechnung der zeit, des Jahrhunderts der sophistik und des
epideiktischen rhetorenthums setzt. — Nach nur zu kurzer be-
sprechung der lebensumstände des Aristides, wo unbedingt auch
dessen schüler zu nennen gewesen wären , behandelt der verf.
die Stellung desselben zur altgriechischen literatur und betont
mit recht das feindselige verhältniss des Sophisten, der neue und
alte sophistik identificirte , zur philosophie überhaupt und beson-
ders zu Plato, aus dessen verhältniss zu Dion demselben vor-
würfe gemacht werden, wie Aristides überhaupt dessen briefe
als echt gegen ihn überall verwendet.
Das zweite kapitel handelt von dem wesen der sophistischen
rhetorik. Unrichtig ist das urtheil des Verfassers , dass er in
den Übertreibungen der epideiktischen reden ein zeichen einer
unwahrhaftigen gesinnung erblickt. Denn dass es bei dieser
redegattung an hyperbeln nicht fehlen kann, ist klar ; niemanden
aber fällt es wohl ein, daraus z. b. Plinius oder anderen latei-
nischen panegyrikern einen Vorwurf zu machen. Es liegt das
eben in dem zuge jener zeit und speciell des yivo<; smdiixTixov.
Ebenso wenig kann ref. zustimmen, wenn der verf. meint, der
sophistik habe es an gesundem boden des politischen und prak-
Nr. 1. 12 Aelius Aristides. 27
tischen lebens gefehlt und sie sei überall in feindlichem gegen-
satze zu allen wirklich wissenschaftlichen bestrebungen gestan-
den, es müsste denn sein, dass der verf. Demetrius, Menander,
Hermogenes, die er selbst rühmt, für feinde der Wissenschaft er
klärt und ihre werke verurtheilt. "Wenn man freilich überall
den maasstab des klassischen oder der jetzigen nüchternen zeit
anlegt , so wird wohl weniges noch zu retten sein. Es ist eben
nöthig , mit dem vorhandenen zu rechnen und in das gegebene
sich hinein zu denken. Ueberhaupt ist der herrschende ton
des buches eine nicht ganz objektive verurtheilung jenes sophi-
stischen Zeitalters. Im dritten kapitel bespricht dann der verf.
die Stellung des Aristides zur religion und erklärt richtig den
aufschwung der griechischen literatur am ende des ersten und
im zweiten Jahrhundert als begründet in dem bewussten streben,
die altgriechischen zustände auch in kunst und religion wieder
zu erneuern. Doch dieser einfache glaube konnte dem ver-
wöhnten gaumen nicht mehr genügen, daher auf der einen seite
der neuplatonismus, auf der andern seite der damals herrschende
Asklepios- und Serapisdienst. Im vierten kapitel gibt der verf.
eine analyse der götterreden , im fünften der heiligen reden des
Aristides. Letztere stellte der rhetor selbst als eingebungen des
gottes hin. Mit recht betrachtet der verf. den Aristides als
einen in der weise seiner zeit gläubigen Asklepiosdiener , der
aus der religion ein feld für seine rhetorik macht, woraus dann
natürlich, wie immer, wunderliche dinge entstehen.
Im sechsten kapitel endlich bespricht der verf. des rhetors
krankheitsgeschichten nach dessen heiligen reden. Aristides Hess
sich nemlich in den dreizehn jähren seiner krankheit nach den
träumen und orakeln des Asklepios behandeln und machte von
seinen heilträumen umfangreiche aufzeichnungen und verwerthete
diese zu den heiligen reden. Der beweis aber, den der verf.
nach seiner einmal gefassten meinung unternimmt, Aristides habe
diese notizen gar nicht benutzt, sondern alles erdichtet, ist nicht
erbracht. Denn der aberglaube ist bei ihm nicht etwas acces-
sorisches , wie der verf. meint , sondern beruht theils auf der
richtung seiner zeit, theils ist er eine folge seiner langjährigen
krankheit.
In der zweiten abtheilung des buches untersucht der verf. die
echtheit der rt^vai briTogixai des Aristides, die bekanntlich Spengel
28 13. Plautus. Nr. 1.
u. a. diesem rhetor absprachen. Glänzend wird hier bewiesen,
dass sprachlich und sachlich diese rhetorik von Aristides sei,
der sie aber nicht vollständig ausarbeitete, sondern als entwurf
für seine Vorlesungen benutzte. Durch eine ausführliche darle-
gung der rhetorischen Systeme des Aristides und des Hermoge-
nes wird dann gezeigt , dass die erwähnten ri^vat QrjTooixaC vor
der des Hermogenes entstanden sein müssten. Ueberhaupt ist
dieser zweite theil der bessere von der an und für sich schon sehr
guten arbeit. Möge nur der Verfasser noch mehrere solche dunkle
parthien aufhellen, deren es leider gerade in der späteren rhetorik
genug gibt.
C. H.
13. De ablativi casus formis Plautinis. Scripsit Francis-
cus Buth. Leopoli Pomeranorum, 1873. II u. 27 pp. 8.
Trotz der besonnenen Warnung, die Eitschl in den neuen
Plautinischen excursen I, § 38, p. 124 — 127, gegen die auf
blosse häufigkeit oder Seltenheit archaischer formen gestützte
Zeitbestimmung plautinischer stücke giebt, ist dennoch hier der
versuch gemacht worden, die reihenfolge derselben zu bestimmen
nach dem numerischen verhältniss der vocalisch auslautenden
ablative zu den archaischen auf d. Dass die existenz derselben
im Plautustexte überhaupt noch streitig ist, scheint der verf.
nicht gewusst zu haben: wenigstens nennt er Bergk und Mül-
ler nie, sondern fügt nur zu Ritschl's Sammlungen die von die-
sem als unsichere bei seite gelassenen stellen und andere, noch
so sehr verschriebene, wenn sie sich nur irgendwie für ein d
ausbeuten lassen. Dieses verfahren, sowie das fast vollständige
ignoriren anderer forschungen über plautinische Chronologie, wird
genügen zur charakterisirung des überaus eiligen, unreifen und
unselbständigen Versuches. Er ist von der kritik mit dersel-
ben bestimmtheit zurückzuweisen wie früher ähnliche , nur auf
einseitiger ausbeutung der unsicheren Überlieferung beruhende:
als da sind die von Ritschi selbst a. a. o. erwähnte, auf homo —
onis basirte, der von Alwin Darnmann unter dem einflusse
von Ritschl's vorrede zu den Menaechmi gemachte (Observatt. in
cap. XIV um Ritsch, prolegg. Plautt., diss. inaug., Regiomont. 1865,
40 pp.) , der aus dem häufigeren oder seltneren vorkommen des
hiats in der caesur iambischer senare und trochäischer septe-
Nr. 1. 14. Plautus. 29
nare auf das grössere oder geringere alter der komödien schlie-
ssen will, — ja selbst der, selbstverständlich mit aller aner-
kennung genannte , auf die verschiedene anwendung und be-
schaffenheit der Cantica sich stützende versuch Studemund's im
dritten capitel seiner verdienstvollen inauguraldissertation.
Aug. 0. Fr. Lorenz.
1 4. De iambico apud Plautum septenario. Diss. inaug. quam
— — scripsit Paulus Mohr. Lips. 1873. 32 pp. 8. — 10 sgr.
Der verf. zeigt sich schon auf der dritten seite seiner dis-
sertation als ein eifriger anhänger Eitschl's , der ihm auch ein-
mal (p. 21) mit seinen handschriftlichen schätzen zu hülfe ge-
kommen isj, und dessen theorien über die weite tragweite des
auslautenden d nicht blos , ohne geringste berücksichtigung der
gegner, unbedingt angenommen werden, sondern auch als siche-
res Substrat für ein tuad, periclod, aedid, impuned, lepided, impo-
nitod und ähnliche benutzt werden. Auch die correption omnis
wird, nach Ritschi, p. 19 als sicher statuirt, ohne dass der verf
die entgegenstehenden ansichten A. Spengel's, T. Macc. PI. s.
79 f., und Bergk's, prooem. ind. lectt. Halenss. 1866, p. VI, zu
kennen scheint. Zu dieser einseitigkeit gesellen sich andere
mängel : eine nicht immer ausreichende bekanntschaft mit der
neueren litteratur (so ist z. b. p. 21 Bücheler's schöne emenda-
tion Asin. 555 : fugae für eugae, N. Jahrb. bd. 87 (1863), p. 772,
übersehen, die doch den verf. von einem beispiel einer von ihm
selbst verpönten metrischen licenz (p. 23) befreit haben würde;
p. 11 für Asin. 492 die mit Bothe übereinstimmende vermuthung
Loman's in seinem Spec. crit.-litt. p. 24, die durch den sonstigen
Sprachgebrauch gesichert wird, s. die beispiele bei Luchs im
Hermes VIII, p. 108 f.), versehen (wie p. 21 die berufung auf
Eitschl's Opusc. II. p. 686 sq., p. 22 die messung von Epid.
173 G., p. 17 die heranziehung eines obsoleten quamde) und
wenig routinirte darstellung in schlechtem latein. Auch in dem
hauptabschnitte der dissertation , dem zweiten (p. 14 — 26), der
wiederum eine grundlehre Ritschl's stützen soll: de verborum
acc entus cum numerorum r ationibus consociatione,
herrscht oft ein zu weit gehendes bestreben nach 'correctur' des
seltneren, aber an sich doch unverdächtigen, während der verf.
anderem ebenso seltenen gegenüber seine ohnmacht eingestehen
30 14. Plautus. Nr. 1.
muss. Ein hauptbeispiel giebt p. 20 sq. der unter Kitschl's
auspicien unternommene, aber dennoch völlig gescheiterte ver-
tilgungsversuch einiger molossischer wortfüsse an zweiter vers-
stelle, "wogegen selbst Fleckeisen in seinen Neuen jahrb. CVII
(1873), p. 501 — 503 entschiedenen Widerspruch eingelegt hat:
Verweisung hierauf genüge. Sonst aber ist grade dieser zweite
abschnitt der mit fleiss gearbeiteten dissertation ein verdienstli-
cher, weil er das statistische material zur lösung eines theiles
jener grundfrage der Plautuskritik liefert ; dass von den etwa
1300 iambischen septenaren die in den canticis vereinzelt vor-
kommenden, kritisch oft sehr unsicheren, ausgeschlossen worden
sind, thut den hauptresultaten, die wir jetzt kurz mittheilen wol-
len, keinen eintrag. Die erste und die fünfte versstelle bie-
ten mannigfache wortfüsse dar; die zweite meistens iambische,
einen vereinzelten trochäischen Eud. 1297, öfter spondeische
und anapästische nach stärkerer interpunction , doch auch ohne
solche: denn die Umstellungen Mohr's Most. 171, Asin. 421. 571,
Pers. 282. 847 sind unnöthig. Umgekehrt hat die dritte vers-
stelle unter mannigfachen (doch nicht trochäischen und daktyli-
schen) wortfüssen einen iambischen nur Mil. glor. 1259 , Poen.
1223 GL, Asin. 654: Mohr's änderungs vorschlage sind verun-
glückt und auffallend ist seine behauptung, ein tibi sei noch
keineswegs bewiesen (p. 16), nach A. Spengel's reicher beispiel-
sammlung im T. Macc. Plaut, p. 55 — 62. — Strenge gehalten
wird die sechste versstelle, wo selbst oxytonirte iambische Wör-
ter kaum 20mal vorkommen (ein trochäisches nur Pers. 540,
ein anapästisches nur Capt. 513 Fl , wo sich doch die Umstel-
lung ut Mceat sibi videre empfiehlt; spondeische und molossische
sind bereits von früheren entfernt), noch strenger die siebente,
wo oxytonirte iambische Wörter nur etwa 15mal stehen (ein
spondeisches Pers. 854,?) : zwei solche nach einander wohl nur
Epid. III, 2, 22 und Poen. V, 4, 71. — Oxytonirte pyrrhichische
wortfüsse sind im septenar sehr selten : im fünften fusse Mil. glor.
373, Cist. I, 1, 55, im zweiten Pseud. 160; ebenso längere oxy-
tonirte Wörter, nach denen dann immer zwei kurze silben folgen :
Asin. 382 und Poen. I, 2, 30 im zweiten fusse, Pseud. 155 im
sechsten , wenn Bothe's plagigerula richtig ist. — Der vierte
fuss ist, wie im ersten abschnitte (p. 6 — 14: de caesuris)
wiederholt wird, stets rein, ausser bei der sehr seltenen 'trochäi-
Nr. 1. 15. Horatius. 31
sehen' caesur, die nach der anakrusis des fünften iambus eintritt
und im vierten fusse den spondeus (Rud. 318) und daetylus
(Asin. 720), sogar mit elision vor der anakrusis, Rud. 38G,
Asin. 583, zeigt. Aber diese caesur kommt sonst nur noch vor
ßud. 1296, Asin. 599, Cure. 526; drei andere dafür herbeige-
zogene verse sind lückenhaft überliefert, und Asin. 492. 720,
Rud. 349 ist Eleckeisen's u.a. messung, resp. herstellung, weit
besser als Mohr's. Ansprechend dagegen sind einige von letz-
terem bei dieser gelegenheit vorgetragene kleinere änderungs-
vorschläge : Asin. 718: Lictt laudern Fortunäm, tarnen ut ne Sa-
lutem eulpem; 689: O Libane, mihi, patröne mi; 469: te aufer
für aufer te ; Poen. V, 4, 1 ; Sed illuc qtädem nolui dicere — | j
Immo dixi quod volebam; ebend. 79 Enim für Sic (fehlt in den
handschriften). — Der dritte abschnitt endlich p. 26 — 32
bringt allbekanntes über die metrischen füsse : wir heben nur die Sel-
tenheit des proceleusmaticus im siebenten fusse hervor (Men. 978,
wohl auch Asin. 430, Cure. 121) und die verpönung der auf-
einanderfolge — vv | vv — , weshalb mit Ritschi Asin. 673 bin-
ficiö für beneficiö zu lesen und ebend. vs. 634 in seiner ersten
hälfte für verderbt zu halten ist.
Aug. O. Fr. Lorenz.
15. Q. Horatius Flaccus. Oden und Epoden erklärt von
H. Schütz. Berlin, Weidmann'sche buchhandlung 1874. — 20 gr.
Es mag paradox erscheinen , ist aber nichts desto weniger
wahr : kein dichter des alterthums ist bis jetzt so oft erklärt
und doch so wenig verstanden worden als Horaz. Daher die
bekannten auswüchse der neueren hyperkritik , daher auch die
erscheinung, dass keine erklärende ausgäbe allgemeine billigung
und befriedigung finden konnte.
Mit Spannung und hoffhung erwartete man die von M. Haupt
versprochene ausgäbe. Haupt starb , ohne sein versprechen ge-
löst zu haben: dafür erhalten wir jetzt die ausgäbe von H.
Schütz.
Welchen eindruck wird dieses werk hervorrufen ? Wie
andere urtheilen werden , weiss ich nicht , soll ich aber unver-
hohlen meine meinung aussprechen, so muss ich offen bekennen,
dass mich dieses buch , dessen erscheinen ich freudig begrüsste,
schliesslich schmerzlich enttäuscht hat.
32 15. Horatius. Nr. 1.
Allerdings bekundet diese arbeit, das erkenne ich gern an,
rühmlichen fleiss und Selbständigkeit, so dass die Wissenschaft
manche Förderung dadurch erhalten wird, aber als Schulausgabe
verfehlt sie ihren zweck vollständig.
Der Verfasser versichert in der vorrede, dass seine ausgäbe
für die schule bestimmt sei, über deren bedürfhisse er durch
vieljährige erklärung dieses dichters in der ersten Masse des
gymnasiums sich hinlängliche erfahrung zutrauen dürfe.
Et nos consilium Süllae dedimus, zwölf jähre lang! Auch
ich weiss , was man dem primaner zutrauen darf , was ihn
im verständniss der autoren fördert oder hindert! Nach
meiner erfahrung muss ich die methode des Verfassers für gänz-
lich verunglückt erklären. Schlagen wir z. b. I, 3 auf, so er-
fahren wir zunächst, dass auch IV, 12 an den dichter Vergil
gerichtet sein soll, dann wird im anschluss an Donat über die
zeit der abfassung ausführlich gesprochen. Dabei erfährt der
primaner, dass Vergil mehrere jähre in Athen verweilt habe,
bevor er mit August zusammengetroffen, widerspreche den anga-
ben des Donat; und dass mit Lachmann ein anderer Vergil
zu verstehen sei, oder nach Franke's geistreicher aber unbewie-
sener annähme statt Vergilium in v. 6 Quintilium zu lesen sei,
von dem I, 24, 11 dieselben worte non ita creditum gebraucht
seien , sei wenig wahrscheinlich ; ebenso wenig aber auch , dass
Horaz , wenn er das gedieht erst 1 9 schrieb , die absichten des
freundes in keiner weise angedeutet haben sollte u. s. w.
Doch das alles ist noch erträglich, wenn auch Franke's
böses beispiel dem natürlichen sinn des schülers besser ver-
schwiegen bleiben sollte.
Aber was soll man dazu sagen, wenn man zu v. 4 bemerkt
findet: 'hat Peerlkamp aus der falschen lesart einiger hand-
schriften obstruetis und obstrusis (Burmann) überflüssiger weise
abstrusis vermuthet. Es kann nichts angemessener sein als ob-
strictis, nachahmung von Hom. Od. 5, 383'.
Ebenso lesen wir zu v. 6 : ' ganz unnöthig fügt Peerlkamp
vor finibus ein in ein. Es ist der dativ '. Aehnlich ist die note
v. 18: 'Seit Bentley mit grossem Scharfsinn die nothwendigkeit
siccis in rectis zu ändern nachzuweisen versucht ( ! ) , hat man
durch andere conjeeturen dem scheinbar unpsychologischen die-
Nr. 1. 15. Horatius. 33
ser stelle abhelfen wollen. So Cuningham fixis, Paldamus invictis.
Alles offenbar matt und gesucht gegen das einfache siccis '.
Erträglicher ist es, wenn zu v. 19 turpidum und turgidum,
und zu v. 20 Baxter's conjectur alta Ceraunia besprochen wird.
Charakteristisch für die behandlungsweise des vf. ist die
note zu v. 26: ' vetitum in nefas corrigirt Oudendorp, vielleicht
richtig, dass vetitum ein sehr mattes beiwort für nefas wäre, liegt
auf der hand'.
Natürlich, wenn vetitum nur so ein schmückendes beiwort
wäre ! Aber es enthält gerade den angelpunkt der ganzen ge-
dankenentwicklung ! Der mensch übt leider , sagt der dichter,
das unerlaubte (nefas) nicht allein, obwohl es als solches in der
natur angedeutet oder im gewissen als dunkles gefühl empfun-
den wird, sondern selbst dann, wenn es durch göttliche Offen-
barung ausdrücklich untersagt (vetitum) ist, wie dem Prometheus
die Unterstützung der menschheit. Ja selbst wenn den freveln
die strafen auf dem fusse folgen, wie sie vv. 30 — 34 geschildert
sind, so findet sich doch immer wieder ein Daedalus, ein Her-
cules etc.
Der leser wird mir zugestehen, dass ich nach taktlosigkei-
ten des vf. nicht zu suchen brauchte ; die erste beste ode bot
der beispiele genug.
Wer in der schule in dieser weise kritik übt, wie es der
vf. thut , kann nur die absieht haben , entweder die kritischen
bestrebungen der philologie lächerlich zu machen, oder seine
schüler zu ' geistreichen aber unerwiesenen ' annahmen , d. h. zu
einer gefährlichen, jedenfalls unwissenschaftlichen Spielerei anzu-
leiten. Dass über diesem unfug des unnöthigen und taktlosen
kritisirens die erklärung des dichters nicht eben gewonnen hat,
ist bereits angedeutet.
Grammatische bemerkungeu, sagt der Verfasser, sind eigentlich
für diesen Standpunkt nur da , wo sie zur lösung einer Schwie-
rigkeit nicht wohl umgangen werden konnten.
Dieses urtheil ist sehr gesund. Wie steht es aber mit der
ausführung? Man lese, um nicht weit zu greifen, die bemer-
kung zu I. 1, 2 o et praesidium! 'der hiatus bei Horaz selten, meist
nur wie hier nach interjeetionen und in der arsis, freier bei
Vergil und den epikern, auch in der thesis'. Wie? Sollte denn
et eigentlich coalesciren? Hat der schüler hier eine regel oder
Philol. Anz. VII. 3
34 15. Horatius. Nr. 1.
eine ausnähme vor sich? Oder kennt etwa der vf. das Fleck-
eisen'sche gesetz noch nicht? Vgl. Jahrh. 61. bd., p. 49 — 53.
Lachmann zu Lucr. p. 99 und 130 sq. Teuffei zu Hör. Sat. II.
2, 28. Beispiele wie o imitatores, si me amas, würden die kri-
tisirenden primaner des vf. doch auch berücksichtigen dürfen !
Nach dieser probe ist man berechtigt, von der grammatischen
exegese des vf. nicht eben viel zu erwarten. Doch der vf. legt
ja darauf kein gewicht! Wo liegt denn nun aber sein Schwer-
punkt ?
'Ebenso wenig, versichert er, schien es nothwendig, den
gedankenzusammenhang der gedichte überall darzulegen, — eine
an sich unerquickliche arbeit, wenn sie nicht durch selbstthätig-
keit des schülers befruchtet wird'.
Ganz recht, wenn nur der vf. nicht fast überall stumm ge-
blieben wäre, auch da, wo der gedankenzusammenhang noch
keineswegs gefunden , wo noch keine ansieht zur anerkennung
gelangt ist, wo man zu wissen meint und doch im halbdunkel
herumtastet, wie z. b. der vf. selbst I, 2. I, 12. I, 14. Dafür
verfolgt und bespricht der vf. jede atethese der ' massgebenden
gelehrten , eines Peerlkamp, Meineke, Lehrs, Gruppe !
Die aufführung aller dieser atethesen, wenn auch im an-
hang, ist für den lehrer, der sie kennt, überflüssig, für den
schüler aber, welcher sie nur äusserst selten zu würdigen ver-
steht , verwirrend.
Immerhin lassen wir uns auch dieses verfahren gern ge-
fallen, wo der vf. ein gründliches und entscheidendes wort für
oder gegen eine ansieht beibringt. Man findet auch manche
gute bemerkung bei ihm. Im allgemeinen aber ist er über den
grundfehler der neueren Horaz-kritik nicht hinaus gekommen.
'Die massgebenden gelehrten' urtheilen nämlich
über das passende oder unpassende einzelner Stro-
phen, ohne noch die idee und tendenz, folglich
auch die composition des ganzen gedichts zu kennen.
Wer das ganze nicht überschaut, kann natürlich die Stellung
des einzelnen im ganzen nicht würdigen.
Um so mehr ist es pflicht des interpreten, zu der erfor-
schung der motive und der idee jeder dichtung Stellung zu
nehmen. Erst wenn diese Vorarbeit vollendet ist, kann die jetzt
so üppig wuchernde kritik zur reife gedeihen. Wenige bei-
Nr. 1. 15. Horatius. 35
spiele sollen meine behauptung erläutern. Zu den gedienten,
welche am wenigsten verstanden und am meisten angefochten
worden sind, gehört I, 2.
Ich habe im Merseburger progr. 1869 in ausführlicher ent-
wicklung zu beweisen gesucht , dass jenes gedieht nur im spät-
herbst 726 verfasst sein kann, als die freunde der neuen Ord-
nung grund zu haben glaubten , Octavian's rücktritt von der
regierung und damit den ausbruch einer revolution zu fürchten.
Der vf. folgt dieser annähme, welche er vielleicht aus
Nauck's ausgäbe kannte, verlegt aber die abfassungszeit in den
anfang des jahres 727. Es bliebe dann aber nur der 1 — 15.
januar übrig ; vgl. Mommsen Res. Aug. 101. In diesen tagen hatte
sich aber die Situation bereits geklärt, auch waren schnee und
hagel in dieser Jahreszeit keine Wundererscheinungen. Doch in
den motiven stimmt der vf. mit mir überein. Dennoch will er
str. 2 und 3 gestrichen wissen. Dies ist ein unding. Denn
dann bleibt nur die kühle notiz übrig, dass prodigien die Stadt
erschreckt haben (terruit urbemj ; von dem inhalt der furcht er-
fahren wir kein wort. Das ist aber die hauptsache. Denn bei
jedem einfachen schrecken sofort von allen göttern des himmels
nach einander zu verlangen, dass sie als retter zur erde steigen,
wäre lächerlich; keineswegs aber ist dies verlangen lächerlich,
wenn die Schrecknisse einen allgemeinen Zusammensturz des
ganzen Römerreiches befürchten lassen, wenn hauptstadt, pro-
vinzen, könige und nationen (gentes) besorgen müssen, dass eine
neue sündfluth des bürgerkriegs alle bestehende Ordnung zu zer-
stören, das unterste zu oberst, das oberste zu unterst zu kehren
droht. Dieser nothwendige gedanke ist in str. 2 und 3 klar
und deutlich enthalten. Was wollen gegen den zwang dieser
nothwendigkeit die columbae, was das (übrigens recht schöne)
superiecto pavidae natarunt aequore damae!
Aber nicht genug! Berechtigen denn auch die erwähnten
prodigien zu einem so gewaltigen schrecken?
Darauf antwortet die neue periode von 3 Strophen; gewiss
haben wir es doch erlebt, wie nach Cäsars ermordung die gräss-
liche Überschwemmung des Tiberis ebenfalls den furchtbaren
bürgerkrieg zur folge hatte, wodurch bis auf den tag die vor-
nehme Jugend (iuventus) Roms so sehr gelichtet (rara) erscheint !
36 15. Horatius. Nr. 1.
Die gefahr ist also gross, welchen gott sollen wir in dieser noth
als retter anrufen?
Nebenbei erwähne ich , dass ohngefär in dieselbe zeit , also
726, die abfassung von I, 14 fallen muss. Vgl. mein Magd,
progr. 1872, p. 11—12.
Der vf. nimmt abweichend von mir die zeit vor der schlacht
von Actinm, also 32, an. Abgesehen aber davon, dass schwer-
lich eine ode in eine so frühe zeit fällt, wie ist es möglich,
dass Horaz den krieg als bürgerkrieg verurtheilte , den seine
freunde für einen nothwendigen nationalen erklärten , geführt
gegen eine anmassende königin , welche ihre hand nach dem
eapitol ausstreckte? Hat nicht Horaz selbst den sieg mit ju-
belnder freude gefeiert (Epod. 9)? Und damals war das staats-
schiff nicht gebrechlich, sondern stark gerüstet, die götter waren
ihm nicht abhold, sondern sehr freundlich gesinnt (vrgl. Apollo
Actius) !
Der vf. hat die vorhandene litteratur noch wenig ausge-
beutet, ohne aus eigner kraft diesen mangel ersetzen zu können.
Sehr unsicher ist die behandlung von I, 12. Wer die ein-
leitende note liest, dem ist es, als ginge ihm ein mühlrad im
köpf herum. Was ist die einheit?
Die ode umschreibt genau den begriff des namens Augustus,
des Ttküov r\ x«t cxv&qüjtiov , wie Dio Cassius ihn erklärt. Sie
wird also in der ersten hälfte des Januar 727 verfasst sein,
vielleicht um das votum des Munatius Plancus zu unterstützen.
Der gedankengang ist: wen ich besingen will, von dem weiss
ich nicht, soll ich ihn held (vir), heros oder gott nennen. Wie
Iupiter im himmel und auf erden herrscht, einzig und unver-
gleichlich (absolut), dennoch aber neben und unter ihm viele
gottheiten , wenn auch durch einseitige Vorzüge , sich verdient
machen: so hat die römische geschichte zwar viele beiden auf-
zuweisen, aber alle, so ruhmreich sie sein mögen, repräsentiren
doch nur einseitigkeiten ; ihre geschlechter werden alle von dem
iulischen geschlechte überstrahlt, dem endpunkt und höhepunkt
der römischen geschichte. Aber so absolut auch Cäsar erschei-
nen mag, so wird er in seiner alimacht sich der gewalt Iupiters
unterordnen.
Eine ahnung des richtigen hat auch der vf. , wenn er p.
326 bemerkt: 'passend wird dem kriegerischen Romulus der
Nr. 1. 16. Horatius. 37
friedliche Numa, dem herrischen Tarquinius der freiheits-
liebende Cato entgegengestellt!' Natürlich alle helden Roms
sind einseitigkeiten gegenüber dem Augustus, so vortrefflich jene
auch in ihrer art sein mochten.
Die ausgäbe von Schütz wird demnach die lectüre des Horaz
im gymnasium nicht wesentlich fördern. Den schülern das buch
selbst in die hand zu geben verbietet dem lehrer der wissen-
schaftliche sinn und pädagogische tact.
Weidner.
16. Luciani Muelleri Lectiones Horatianae. (Aus den
Melanges Greco-Eomains tires du bulletin de l'Academie Impe-
riale des Sciences de St.-Petersbourg. Tome III. Decembre
1873, p. 688—718.
Diese blätter enthalten die Prolegomena zu der bereits in
nr. I der Teubner'schen mittheilungen v. 1873 verheissenen
aber immer noch nicht erschienenen eleganten miniaturausgabe
des Horaz , in welcher ' um einen lesbaren text zu gewähren,
mehr conjecturen aufgenommen werden sollen als in der Stereo-
typausgabe. ' Consequent heisst es hier: non placuit eadem, qua
antea usus fueram anxietate observari apices codicum, und von M.
Haupt : non magis probavi nimiam Hauptii verecundiam , qui adeo
contempsit criticorum inventa , ut mendosissima haut pauca ne signo
quidem corruptelae addito relinqueret. Darnach ist an die neue
recension nicht der gewöhnliehe massstab anzulegen, sondern
zu erwarten, dass man einer reihe von geistreichen einfallen be-
gegnet, durch welche für den nichtphilologischen leser die zahl-
reichen cruces interpretum escamotirt werden; aber solche einfäll©
erscheinen unter Lucian Müllers aegide und haben dadurch
neuen anspruch auf beachtung.
Den grössten theil des raumes nehmen besprechungen der
interpolationsfrage ein. L. Müller hält zwar p. 689 — 92 seinen
bekannten Standpunkt aufrecht und äussert mit recht: multa
minus grassata est interpolatorum licentia in saturis et epistulis,
überrascht aber am schluss seiner schrift durch eine ganze reihe
unechter verse aus den Sermonen, die er meist im verein mit
August Nauck aufdeckt. Wir lassen diese frage hier unberührt
und wenden uns einigen stellen zu, in denen Müllers Unter-
suchungen uns nicht überzeugen. Dies ist zunächst der fall bei
38 16. Horatius. Nr. 1.
der besprechung des taeter Sat. I, 2, 33. 3, 107. Taeter soll
nunmehr auch aus den Satiren entfernt werden. Die beweis-
führung ist folgende : p. 702 beisst es : Equidem iam alias (ad
Hör. Od. III, 11, 17; ad Prop. I, 16, 38; III, 24, 27) ostendi
poetas latinos plerosque ab Augusti inde tempore timuisse uti hoc
vocabulo, ut nimio eodemque antiquato, ut relinquerem tarnen saturis
Horatii, abiudicarem tantum carminibus. Zu Hör. Od. I, 1. beisst
es : Notandum autem illum (Horatium) extra saturas non magis
quam Tibullum Propertium Ovidium alios multos uti adiectivo quod
est taeter. Zu Prop. I, 16, 38: Melius erat quod Hauptio pla-
cuit taetra, nisi Propertius cum Tibullo et plerisque poetarum lati-
norum abstineret ab hoc adiectivo sicut nostrorum plurimi quod est
i scheusslich\ Und zu Prop. HI, 24, 27 beisst es einfach: Cf.
quae notavimus ad I, 16, 38 et quae diximus nuper ad Hör. Od.
III, 11, 17. Diese behauptungen wird- man doch nicht als
einen vollgültigen beweis ansehen sollen, dass taeter bei Horaz
einfach zu streichen sei ! Vielmehr ist nur die beobachtung
dankenswerth , dass bei Ovid und Tibull taeter nicht vorkommt;
für Horaz ergeben sich ebensowenig consequenzen , als sich
Schiller hat abhalten lassen im Taucher zu sagen 'schwarz wim-
melten da, in grausem gemisch, zu scheusslichen klumpen
geballt' oder im Kampf mit dem dracben 'und alles bild' ich
nach genau und kleid' es in ein scheusslich grau'. Es liegt
eben in der bedeutung des wortes, dass es auf einen geringeren
umfang des gebraucbes beschränkt ist. Im übrigen kehre ich
die behauptung Müllers zu Sat. I, 2, 33 Ipsum autem illud
tecta tarn dignum Horatio quam indignum taetra, einfach um.
Tecta, unter umständen ein ebenso passendes attribut zu libido
wie muta libido bei Lucrez, ist hier ganz ungehörig. Denn sobald
die libido venas inflavit, ist sie nicht mehr tecta, sondern pruriens.
Sehr wohl aber kann sie taetra genannt werden. Taeter findet
sich vorzugsweise in Verbindung mit odor und sapor, bezeichnet
also 'ekel'. Hiernach ist die Verbindung spiritus taeter Carm.
IH, 11 der übelriechende athem dem Sprachgebrauch durchaus
angemessen und wenigstens aus dem taeter kein schluss auf die
imächtheit der strophe zu ziehen. Soll nun die brunst recht
derb geschildert werden, so wird auf den sich dabei entwickeln-
den odor hingewiesen, wie Epod. XH et quam malus undique
membris Crescit odor; die fomices heissen vorzugsweise olentes und
Nr. 1. 17. Horatius. 39
olidi, was wohl nicht bloss der fuligo zuzuschreiben ist. So ist
taetra libido hier ebenso gerechtfertigt wie Catull. 76, 25 amor
genannt wird taeter morbus und Sat. I, 3, 107 cunnus taeterrima
belli causa. Also hat man des vfs. aufstellungen wohl und vor-
sichtig zu prüfen.
Eine treffliche emendation ist Carm. III, 20, 5 contempnatur
für contempletur. — Mit recht ist über Baehrens' conjectur Carm.
III, 4, 9 altricis extra limina pergulae gesagt: etsi non ab omni
parte tut um, certe reliquis multo est praestantius. Die conjectur
ist diplomatisch äusserst elegant, aber sie ist doch falsch. Denn
I. ist Horaz nicht in einer pergula geboren, 2. hätte die aus
Plaut. Pseud. v. 214 bekannte bedeutung des wortes schon von
seiner Verwendung an unserer stelle abmahnen sollen. — Ep.
II, 5 streicht Müller mit Nauck v. 141 und ändert v. 140
levantes , dem nun das object fehlt, in euhantes. Aber es fehlt
der nachweis, dass euhantes auch in allgemeinerer bedeutung
vorkommt, wie etwa oQyid&iv; Verg. Aen. "VT, 517. Catull. 64,
391 ist nur von wirklichem bacchantischen rasen die rede und
selbstSil.lt. I, 101 ist die gottesbegeisterung der Seherin grund-
bedeutung. Sodann vermeidet Horaz in den Episteln die elision
in der cäsur, auser vor et, wie Haec ego procuvare et idoneus,
was fünfmal vorkommt-, anderweitige elisionen hat er nur Ep. I,
11, 9. n, 2, 204 und A. P. 416. — Zu Carm. I, 6, 2, wo
Müller alii mit Passeratius schreibt, wäre eine bezugnahme auf
Epist I, 1, 94 si curatus inaeqy.aU tonsore capillos erwünscht
gewesen.
17. De Horatio Lucretii imitatore. Dissertatio inauguralis,
quam . . . scripsit Adolfus Weingaertner. 8. Halis Saxo-
num 1874. 50 s.
Es ist längst ein bedürfniss gewesen, den einfluss, welchen
Lucrez auf Horaz geübt hat und den schon Lambin durch-
schaute und Bentley mehrfach schlagend nachwies, in einer Zu-
sammenstellung der betreffenden stellen aus beiden dichtem zu
übersehen, und der vf. verdient alle anerkennung dafür, dass er
diesen zeitgemässen gegenständ mit fleiss und gründlichkeit be-
arbeitet hat. Er behandelt pag. 4 — 20 die imitationes, quae ad
L/ucretii et Horatii praeceptorum et institutorum consensum per-
tinent, p. 20 — 37 quae ad dicendi copiam aut ad orationem solam
40 18. Anthologia latina. Nr. 1.
spectant, p. 37 — 47 quae ad res grammaticas et metricas pertinent,
und stellt am schluss, was besonders dankenswerth ist, die Über-
einstimmungen tabellarisch zusammen. Die frage ist durch diese
schrift zwar noch nicht völlig erschöpft, einiges wie die bemer-
kung Lachmanns zu Lucr. p. 206 über den typischen gebrauch
von Appulus und Sabellus auch übersehen, aber die sache ist
doch ernstlich in angriff genommen und namentlich im zweiten theil
wesentlich gefördert. Denn den im ersten theil besprochenen
gemeinsamen anschauungen beider dichter liegt eben so oft eine
gewisse congenialität als unmittelbare nachahmung zu gründe,
während die im dritten theil behandelte aufgäbe bei der textesbe-
schaffenheit des Lucrez zu einer abschliessenden darstellung über-
haupt noch nicht reif ist. — Es wäre sehr zu wünschen, dass
diese arbeit nachahmung fände und insbesondere das verhältniss
des Höraz zu dem nunmehr durch Lucian Müller zugänglich
gemachten Lucilius gründlich festgestellt würde.
18. Carmen codicis Vossiani Q. 9 a Mauricio Schmidt
emendatum. (Index lection. hibern.) Jena 1874, 12 s. 4.
Alexander Riese hatte (Anthol. Latin. I, p. 18 fgg.) die in
den hss. theilweise sehr willkührlich überarbeiteten und umge-
stalteten precationes Terrae matris (5) und omnium herbarum (6)
in ihr ursprüngliches versmass (nach archaischer art gebaute
iambische senare) in der weise zu bringen versucht, dass er
dem versificator mehrere barbarische freiheiten zutraute. Er
liess deshalb 5, 3 gentibus vor folgendem consonanten und 6, 3
vor folgendem vokal als dactylus statt trochäus zu und nahm
an, 6, 12 sei das erste a in sanitatis kurz gemessen. Andere
freiheiten (5, 6 und 6, 18) corrigirte er selbst später in der
vorrede zur zweiten hälfte des ersten bandes der Anthologia Latina.
In dem zur anzeige vorliegenden neuen restitutionsversuch
strebt Moritz Schmidt nach engerem anschluss an die Überliefe-
rung. Er druckt zunächst den Wortlaut des codex Vossianus
ab und notirt unter demselben die abweichungen der an man-
chen stellen zuverlässigeren breslauer handschrift (B). Dabei
sind mehrere ungenauigkeiten untergelaufen: pag. 3, zeile 7
muss es heissen generans et generas; 3 , 9 quem (ohne angäbe
einer correctur, welche sich vielmehr auf codex B bezieht);
Nr. 1. 18. Anthologia latina. 41
3, 10 ditis umbras; 4, 6 praesta und quascumque; 4, 7 hac, 4, 17
quidquid; 4, 18 mici in der klammer.
Der darauf folgende herstellungsversuch , welchem kritische
anmerkungen angefügt sind, enthält manches beachtenswerthe,
wenn auch ein möglichst enger anschluss an die hss. unmöglich
war. Entgangen ist Schmidt dabei Mähly's recension der An-
thol. latina von Riese in der Zeitschr. f. d. österr. Gymn.
XXII. (1871), besonders pag. 554 fg., der zum theil schon
gleiches oder ähnliches gefunden hatte. Die einstige gestalt der
Jambischen senare aus der vorliegenden handschriftlichen Über-
arbeitung völlig sicher zu reconstruiren , wird nie gelingen.
Doch kann man, unter berücksichtigung der für die archaischen
dramatiker geltenden metrischen regeln, einen theil der von
Schmidt statuirten verse als unwahrscheinlich erweisen:
So durften die einen trochäus vertretenden dactylen arbitra
(4) [ebenso Mähly] und denique (31) kaum durch conjectur in den
text gebracht werden. Auch die betonung Fidem: exaudi
quaeso 6t fave (21) ist schwerlich richtig und zweisilbiges creavit
(41) unwahrscheinlich. Die versschlüsse auf einen auch in den
archaisch gebauten inschriftlichen senaren vermiedenen di-
iambus (45) precor meis und auf einen creticus mit iambus (53)
gratiasque agam sind nach dem , was August Luchs im I. band
der 'Studien a. d. gebiete des archaischen lateins' auseinander-
gesetzt hat, bedenklich, ersterer noch eher zu entschuldigen. An
letzterer stelle ist statt Schmidt's Ponamque vobis fruges gra-
tiasque agam, wofür die hss. am schluss et gratias agam über-
liefern, entweder mit Riese durch Umstellung et agam gratias
herzustellen , oder , da seltenere , namentlich archaische formen
von den abschreibern auch sonst durch neuere verdunkelt sind
(vgl. 54 nasci statt nascier), mit Mähly zu corrigiren: et grates
(oder gratis) agam , vgl. ausser prosaikern und dichtem seit
Cicero: Plaut. Merc. 843; Mil. Glor. 412-, Pers. 756 (vgl. auch
Trin. 821; Stich. 403; Trin. 824 und endlich auch Poen. I. 1, 6).
Die in der hauptcaesur überlieferten hiate: Fugäsque sölem
— 6t procellas cöncitas (10) und vielleicht auch Exaudi, quaeso
— 6t fave coeptis meis (21) und wohl auch 5, 5 und vielleicht
6, 5 Riese, billigt Schmidt nicht. Ich halte dies verfahren für
bedenklich : denn , lässt man auch die plautinische metrik bei
.2ite, für welche die zulässigkeit des hiats in der hauptcaesur
42 18. Anthologia latina. Nr. 1.
vielfach bestritten wird : so weist doch Büchelers Anthologia epi-
graphica latina unter ihren ca. 450 iambischen senaren , von
welchen aber fast 90 als strenger nach griechischem Vorbild
(mit reinen zweiten und vierten fassen) gebaut abgezogen wer-
den können, sieben bis achtmal (X, 7; XXXVIII, 8. 10;
XXXXIII, 8; [XXXXVI, 2]; LI, 11; LH, 2; [XCV, 3] den
hiatus grade in der penthemimeres des iambischen senars auf,
während an anderen versstellen gar keine hiate unter diesen
ca. 360 senaren vorkommen, mit ausnähme von L, 5 (Valete —
4t benefdcite etc. , vgl. Büchelers note) und etwa von XXXVIII,
6 (am satzschluss und hinter -m: Ego süm. — ovdntes etc., wo
aber auch die messung eg 5 ohne Hiat denkbar ist) 1 ). Dazu
kommt z. b. aus dem Corp. Inscr. Latin. T. III, nr. 6416 der
senar mit hiatus in der penthemimeres : Rumore sdncto —
Ilyrici iaceo in solo. Unter den continuirlich oder mit senaren
vermischt vorkommenden choliambischen trimetern findet sich
in der Anthol. epigr. latinorum einmal (CV, 3) der hiatus in der
penthemimeres 2 ). Dass vieles stümperhafte und für die littera-
rischen denkmäler daher als analogie nicht verwendbare in den
inschriften vorkommt (vgl. auch Bitschi, Neue plautin. excurse
I, 123 fg.), ist selbstverständlich. Für dichtungen aber wie die
vorliegenden precationes scheint mir , unter berücksichtigung
jener inschriftlichen hiate in der hauptcaesur , vorsieht im
kritischen verfahren geboten. Vgl. auch z. b. was Theodor
Bergk (Beiträge zur latein. grammatik I, pag. 114 fg.) über
die acrostichischen argumente zu den plautinischen comödien
bemerkt.
Bei der herstellung der verse im einzelnen lässt sich viel-
fach über möglichkeiten nicht hinauskommen. Schmidt hat eine
anzahl von stellen scharfsinnig reconstruirt ; vieles bleibt zweifel-
haft, manches unwahrscheinlich (wie divae 40 u. a. m.). —
1) Ich sehe natürlich von messungen wie tarn inTquom , de äpö-
theca, cum ämiceis und auch von düo ut als vvv ab, da diese mit der
vorliegenden frage nichts zu thun haben. — Ein hiat vor dem letzten
creticus ist allerdings LIX, 2 überliefert, doch ist dieser vers stark
verderbt. Fehler wie XXXII, 2 kommen begreiflicher weise nicht in
betracht; zu XXXXV, 7 vgl. Büchelers note.
2) In demselben gedieht ist Nativom — esset (4) und Semissem — dnni
(5) so zugelassen, dass das -m beide male ausgesprochen wurde.
Nr. 1. 19. C. Julius Cäsar. 43
Durch druckversehen ist pag. 6 vers 43 tradistast statt traditast
entstanden. 1 )
W. Studemund.
1) Beiläufig erwähne ich , dass in Riese's Anthol. lat. I, 1 , pag.
211 nr. 291 vers 3 offenbar zu verbessern ist: Nee manum fugit vo-
catus nee pavescit retia (statt regia[m]).
19. Die consecutio temporum bei Caesar. Abhandlung
zum 40. programm des herzogl. lyceums zu Eisenberg . . . von prof.
dr. A. Procksch. Leipzig, druck von C. G. Naumann, gr 8.
36 s. — Auch besonders erschienen bei B. G. Teubner. — 8 ngr.
Eine sorgfältige, gediegene arbeit. Nach der ausführlichen
besprechung der programmabhandlung des vfs. von 1870, als deren
fortsetzung, entsprechend der ankündigung daselbst p. 40, diese
in dem vorwort ausdrücklich bezeichnet wird , Phil. anz. IV,
p. 499 — 506 , *) genügt es zu constatiren , dass hier die dort
hervorgehobenen Vorzüge in erhöhtem masse zu tage treten, die
mängel aber fast völlig beseitigt sind. Der vf. ist auf Wider-
spruch gegen die eintheilung des Stoffes gefasst. Den mögen
andere erheben. Ich finde, dass sich gegen die drei capitel mit
ihren unterabtheilungen weder an sich noch in betreff der durch-
führung irgend etwas begründetes einwenden lässt , im gegen-
theil die sache dadurch an Übersichtlichkeit gewinnt. Wenn
auch in cap. I. tempora der indica tivischen neben-
sätze. A. relativ-, modal- (comp.-) und causalsätze,
§ 3 und 5. HL der ausdruck 'aoristisch', zumal von zwei ganz
verschiedenen arten von Zwischensätzen gebraucht, kaum auf all-
gemeinen beifall wird rechnen können — wie ja auch der vf.
p. 6 am ende von A. denselben nicht festhält — , so ist doch die
sache selbst sowohl hier als in B. temporal-, condicional-
und concessivsätze richtig , genau und erschöpfend behan-
delt (s. 4. p. 12 solute statt salute), ebenso wie in den beiden
folgenden capiteln nur in kleinigkeiten eine andere fassung
wünschenswerth sein dürfte.
1) wo s. 501 Z. 20 statt aus zu lesen ist an.
„ 501 „ 7 v. u. statt c. 3. zu lesen ist 6, 3.
„ 503 „ 12 statt Lat. zu lesen ist Sat.
„ 505 ,, 15 statt ebenfalls zu lesen ist allenfalls.
„ 505 „ 9 v. u. statt c e Iticam zu lesen ist U ticam.
., 506 ,,21 statt a. zu lesen ist a. e. (am ende)
44 19. C. Julius Cäsar. Nr. 1.
Zunächst ist unter cap. II. Tempora der conjuncti-
vischen nebensätze. A. Sätze mit cum. § 12 der
begriff or. obliqua ebenso wie anderwärts , z. b. § 22 , in
weiterem sinne gefasst als cap. III. § 31., wo wenigstens das
zweite ' an sich ' durch ' im engeren sinne' zu ersetzen gewesen
wäre; ferner sind die beiden unter a) angegebenen stellen we-
sentlich verschieden von einander ('ähnlich 1 ), denn während in
der ersten, 7, 83, 5, videatur durch das vorhergehende quid —
placeat genügend legitimirt ist [so dass, wenn hier placeret stände,
sicher videretur folgen würde], bleibt BC. 3, 86, 3 Persuasi ut,
cum — sit accessum , — aggrederentur immer eine — wenn
auch bei Caesar nicht unerhörte — anomalie, viel auffälliger als
die bekannten stellen B. G. 1, 31, 8. 12—16. 40, 7. 12, und
im entgegengesetzten sinne B. C. 1, 85, 12. Proinde — dimitterent,
vgl. p. 28 •, endlich passt der ausdruck 'epexegetisch' gewiss
nicht zu dem unter b) angeführten vorletzten beispiele B. C. 1,
8, 3, ebensowenig zu den unter c) und unten, beim 'imperfect', zu
5, 31, 4 (obgleich 'vorwiegt' vorhergeht), und wenn bei BG.
1, 16, 6. (wo fälschlich c steht) weiter unten die causale be-
deutung von praesertim cum richtig angegeben ist, so geht daraus
hervor, dass die anordnung der 'wenigen stellen' (es folgt auch
noch 1, 26, 2) nicht übersichtlich genug ist; auch consuerunt
p. 11 anf. bedurfte einer sachlichen, nicht nur der formellen er-
klärung. In betreff der 'summarischen (vgl. vorwort) zahlen' a. e.
des vorletzten absatzes dieses §. mache ich nur darauf aufmerksam,
dass B. G. II. das kürzeste der 4 genannten bücher ist, dem-
nach in demselben relativ am häufigsten (38 mal) '■cum mit
ipf. und plqpf u. s. w. vorkommt.
Unter B. Final-, consecutiv- und substantiv-
sätze. § 13 kann ich trotz der Übersetzung von Köchly-
Eüstow nicht zugeben, dass 6, 11, 4 ne quis egeret auch final
gefasst werden könne, die vermuthungen § 14 p. 13 zu 7, 45,
1 (dasselbe wort ebd. § 3 p. 16. a) beanstandet, und BC. 1, 18,
3 sind jedenfalls, ebenso wie § 5. p. 4 anf. possit (vgl. jedoch
Nipp. Add. zu p. 85, 3. p. 790) beachtenswerth ; warum sollte
nicht aber auch hier wie bei ne BC. 1, 61, 2., s. weiter unten,
[und 3, 109, 6, p. 3 ff. ('vielleicht richtig effecit') — gehört
scheinbar wegen der Stellung nicht hierher] eine ausnähme
stattfinden? Dass das letzte beispiel in § 17. abs. 1., B. C.
Nr. 1. 19. C. Julius Cäsar. 45
1, 33, 4, nicht dahin gehört, hat der vf. selbst durch seinen
zusatz ausser zweifei gesetzt. Nach dem, was in der vorerwähn-
ten besprechung, Phil. anz. IUI, p. 500 a. e., über B. C. 1, 85,
4 gesagt ist, war § 19 p. 16 a. e. statt dieser stelle vielmehr
§10 desselben capitel zu erwähnen, wo ebenso wie § 4 ut von
dem relativsatze , dieser aber, wie in der vorhergehenden stelle
B. Gr. 3, 18, 7, von einem perfect, sit — datum, abhängt. Ebd. p.
17 kann ich in B. G. 1, 14, 7. B. C. 1, 22, 6 kein 'pf. hist.'
erkennen, behaupte aber trotzdem entschieden, dass, wenn es der
sinn und Zusammenhang erlaubte, Caesar in der zweiten stelle
cogerentur geschrieben haben würde. Jedoch da a. e. dieses §
die ausdrückliche erklärung folgt, dass die acten über diese frage
noch nicht völlig geschlossen sind, enthalte ich mich in betreff
der im folgenden behandelten coni. perfecti weiterer bemerkungen,
nur möchte ich nicht, dass Nepos in irgend einer beziehung, am
allerwenigsten wo es sich um eine freiheit handelt wie hier, mit
Caesar zusammengestellt würde. Aus C. Condicional-,
concessiv- und modalsätze registrire ich bloss die worte
§ 22 abs. 1 a. e. p. 19 — 'das streben nach deutlichkeit' — ,
nur um den wünsch daran zu knüpfen, dass diesem wichtigen
factor, viel wichtiger als das Hug'sche gesetz , p. vorwort und
§ 17 a. e. p. 15, § 29, allenthalben in diesen verdienstlichen
Untersuchungen rechnung getragen werde. In D. Interroga-
tivsätze. § 27 d) p. 24, wo constituit 5, 22, 4 (zwischen
imperat und interdicit) unbedingt praesens ist, ist mit 'futur'
nichts gesagt': dass der tribut ein 'wiederkehrender' ist,
liegt schon in den Worten in singulos annos ; jedoch wird die
nothwendigkeit des coni. imperfecti recht klar durch das folgende
noceat. Ebd. a. e., p. 25 , ist es nicht zu billigen, dass die
'deutschen Übersetzungen' herbeigezogen worden, da wir Deut-
schen anerkanntermassen eigentlich keine cons. temporum haben. —
In cap. III. Oratio obliqua folgt nach der trefflichen allgemei-
nen erörterung § 30 , worin es doch nicht überflüssig gewesen
wäre zu erwähnen, dass die directe rede des Labienus B. C. 3,
87, 2 — 5 in § 6 durch ein paar worte indirect fortgesetzt wird,
(die des Pompeius 86, 2 — 4 sogar zwischen indirecte eingeschoben,
so dass diese die einleitung [danach eine pause des admirari]
und den schluss dazu bildet) § 32 zuerst die berüchtigte stelle.
B. C. 3, 73, 6 verteret, wozu vgl. Dinter praef. p. LXV1I. Mir
46 20. C. Sallustius Crispus. Nr. 1.
ist es klar, dass von einem folgesatz, noch dazu coordinirt mit
atque — offerrent, schon deswegen nicht die rede sein kann, weil dies
viel zu wenig selbstbewusstsein von Seiten Caesars ausdrücken
würde-, anfang (§ 2) und schluss der rede, die ganz von hor-
tatus est abhängt, enthalten nach meiner auffassung eine auf-
forderung (im conj. impf.), beiden zunächst stehen gerundiva, in
der mitte debere u. s. w. ; diesen höchst kunstvollen bau zu stö-
ren ist bedenklich; entweder ist also eine durch den imperso-
nalen gebrauch von vertere sehr erklärliche härte anzunehmen — vgl.
jedoch cap. 44, 6 mittebat, — vulnerabantur, — incesserat, — fecerant,
gewiss nicht weniger hart — oder der satz durch das Apitz'sche
vertere nt völlig tadellos zu gestalten. Ferner gehört nach dem
befolgten plane das letzte beispiel der 'heischesätze' , 7, 61, 5,
nach§ 18 (daher 'kann man- — reebnen'). Endlich p. 29 z. 4 ist
rect. statt dir. zu lesen, vgl. p. 33; z. 13 v. u. fehlt erwähn-
ten nach ('unten'). — Diese kleinen mängel werden reichlich
aufgewogen durch den inhalt der folgenden §§ bis zum Schlüsse,
von denen namentlich 39. 40. 41 unnmstössliche endresultate in
anschaulichster form enthalten , wie sie nur durch gründliches
Studium gewonnen werden können. Und wenn auch vielleicht
im einzelnen noch mancher kenner hier und da eine abweichende
ausicht mit gutem gründe geltend machen könnte, das steht doch
als endergebniss fest, dass wir es hier mit einer Specialforschung
zu thun haben, welche die Wissenschaft wirklich fördert.
B. D.
20. Quaestiones Sallustianae ad Lucium Septimium et Sul-
picium Severum Gai Sallusti Crispi imitatores speetantes. Disser-
tatio inauguralis quam . . scripsit Henricus Pratje Stadensis.
Gottingae. MDCCCLXXIV. 66 pp. 8.
Mit ausdauerndem fleisse und besonnenem urtheil hat Pratje
die mühevolle Untersuchung geführt , welcher gewinn für die
feststellung des Sallustiustextes sich aus der vergleichung des
Sulpicius Severus und Dictys Cretensis (L. Septimius) mit ihrem
stilistischen Vorbild ergebe, und hat dadurch die kritik des
Sallustius im einzelnen mehrfach gefördert, während er in seiner
zusammenfassenden Schlussfolgerung zu weit gegangen ist. In
der sachgemässen einleitung vermisst man nur für die vermu-
thung des vfs., dass die Ephemeris belli Troiani im zweiten oder zu
Nr. 1. 20. C. Sallustius Crispus. 47
anfang des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung geschrieben
sei, die andeutung eines beweises. Ob nach Dungers annähme
die existenz eines griechischen Originals gänzlich abzuweisen sei,
lässt der vf. , dem übrigens Körtings buch über Dictys und
Dares wahrscheinlich noch nicht zugänglich war, unentschieden.
Der reichhaltigen Sammlung von parallelstellen aus Sallustius,
Dictys und Severus und einer daran gereihten Charakteristik
über die art, in welcher jener von diesen beiden nachgeahmt
worden ist, folgt die behandlung von etwa dreissig stellen aus
Catilina und Jugurtha und einer aus den Historien im hinblick
auf die von beiden nachahmern oder einem derselben gebotene
reproduction. Zunächst wird Hist. I, 48, HD die übrigens nur
noch von Gerlach bestrittene lesart agitur gerechtfertigt. Dann
werden sechs stellen besprochen, an welchen der vf. die von
Septimius oder Severus bestätigte Überlieferung in cod. V jener
des cod. P vorzieht, und zwar Cat. 20, 6 nosmet ipsi und Jug.
85, 33 praesidium im einklang mit Jordan, Jug. 24, 3 incertum
est wahrscheinlich und 85, 26 meque vosque gewiss richtig gegen
ihn, 14, 12 multum laboris gegen denselben mit zweifelhaftem
rechte. Die lesart in V Jug. 24, vos oratum mitto, wofür Jordan,
Wölfflin und Wirz mit P ad vos lesen, während Weinhold schwankt,
vertheidigt der vf. durch ein beispiel aus Septimius II, 51 eum
oratum venissent, und weist ein anderes für P sprechendes bei-
spiel II, 21 ad vos ob eandem causam oratum venimus zurück,
weil hier zwischen ad vos und oratum einige worte eingeschoben
seien. Aber dies mindert doch die beweiskraft des beispiels
keineswegs, da ja Septimius ob eandem causam vos oratum hätte
schreiben können; überdies erscheint dieser satz dem vorbilde
noch ähnlicher als die andere stelle , da er dasselbe object vos
das bei Sallust steht, beibehalten hat. In der schon erwähnten
stelle Cat. 20 , 6 empfiehlt der vf. auch in dies magis magisque
mit V zu schreiben, in dem er sich auf Septimius I, 19, n, 7, III,
3 beruft ; aber er geräth dadurch , dass er hier die bei Sallust
selbst dargebotenen parallelen unterschätzt, in wiederspruch mit
dem ausdrücklich p. 46 adoptierten grundsatze : [ut] verba ad
scriptoris consuetudinem restituamus, quam ut, si quattuor locis aliquis
usus confirmetur, quinto autem scriptura fluctuet , hoc loco aliam
legem scriptorem secutum esse statuamus. — An zwei stellen sucht
der vf. nach Wirz darzuthun, dass cod. P 1 überwiegend besser
48 20. C. Sallustius Crispus. Nr. 1.
sei als P; aber die eine derselben Jug. 114, 4 steht gar nicht
in P, der von 113, 3 an unlesbar ist, was dem vf. entgangen
sein muss, und die andere stelle, Cat. 28, 2 vermag, auch wenn
eine einzige stelle jenen nachweis liefern könnte, nichts zu ent-
scheiden. Denn wenn die lesart in P 1 quantum periculi vom vf.
mit vielen belegen p. 44 ausgestattet ist, so folgt hieraus nicht,
dass die in P erhaltene quantum periculum verwerflich sei ; findet
sich ja z. b. auch quantum negoti Jug. 85, 3 neben tantum ne-
gotium Cat. 44, 1. — Von den übrigen stellen die der vf. ohne
nebenrücksicht nach der folge des textes behandelt, sind Cat.
36, 5 ac veluti, 54, 5 sequebatur 55, 1 \_ad~], Jug. 10, 1 ea res,
72, 2 excitus, 106, 2 pavcns im sinne Jordans entschieden; Cat.
55, 5 wo Jordan schwankt, werden nach Dietsch die worte vin-
dices verum capitalium mit recht beseitigt ; Jug. 42, 5 wird gegen
Jordan und Dietsch das überlieferte deseret gut geschützt. Da-
gegen ist es nicht zu billigen, wenn der vf. Cat. 55, 6 das
archaistische exltium vitae durch das geläufige exitum ersetzen
will. Wenn Jug. 25, 7 animus cupidine caecus ad inceptum scelus
rapiebat nach P geschrieben werden soll, da Sallust das subject
animus gerne mit einem activen verbum construire lind da es ele-
ganter sei, cum animus Jugurthae tamquam adversarius cogitetur,
qui ut temptator in malam eum partem trahere vult: so ist hierbei
übersehen, dass durch caecus entschieden animus nicht als der
fortreissende, sondern als der fortgerissene, bezeichnet wird, wo-
durch sich die lesart der übrigen hss. (und p) rapiebatur als
nothwendig erweist. Auch Jug. 39 , 5 fordert der vf. mit un-
recht , dass gegen die gute Überlieferung animo ardebat viel-
mehr animus ardebat geschrieben werde ; denn wenn auch Sallust
die active structur bei animus liebt, so wechselt er doch bis-
weilen, wie Jug. 11, 5 parum animo valuisse neben Cat. 20, 10
animus valet zeigt. Die einschiebung von animi vor anxius Jug.
55, 4 erscheint durch die in einigen hss stehenden corruptelen
animosior oder animus anxius nicht genügend begründet,
da die besten handschriften einfach das hinlänglich deutliche
anxius bieten; ebenso unnöthig ist die zu Cat. 54, 6 vom
vf. vorgeschlagene tilgung des pronomens illum. Noch kühner
ist es, wenn Jug. 32, 1 statt des ganz richtigen dicendo, wofür
in P u. a. hss. indicendo verschrieben ist, das von Septimius
gebrauchte, in den erhaltenen Schriften bei Sallust gar nicht vor-
Nr. 1. 20. C. Sallustius Crispus.- 49
kommende inserendo empfohlen wird. Zu Jug. 47 , 1 f. wird
die radicale auf Septimius II 8 gegründete änderung ubi cum
incolis res mercari consueverant statt der richtigen Überlieferung
in P und P 1 ubi et incolere et mercari consueverant nur im vor-
beigehen mitgetheilt, weshalb man hier wohl davon absehen darf.
Aber wenn der vf. an eben dieser stelle die von Dietsch ge-
wagte Umstellung der worte si paterentur, wodurch eine bei Sallust
ohne beispiel dastehende construction erzielt wird, aus Septimius
und Severus zu rechtfertigen sucht, so geht er gewiss irre, da
die von ihm herangezogenen stellen zwar die durch vermuthung
gegen den uns bekannten Sprachgebrauch des Sallust eingeführte
structur aufweisen, aber weder im Wortlaut noch im Zusammen-
hang eine beziehung auf Sallust als vorbild verrathen. Dass der
vf. geirrt hat, indem er das Jug. 85, 47 überlieferte consultor
aus Severus in consolator umändern wollte , hat schon Wölfflin
gezeigt. — Noch muss bemerkt werden, dass die handschrift-
lichen lesarten nicht durchweg genau mitgetheilt sind, wie auch
die aus Philol. XXI, p. 162 angeführte conjectur zu Cat. 5, 2
discordiae ungenau ten Brink zugeschrieben wird, während sie
von Kellerbauer herrührt. Zu Cat. 20 , 6 . wird die von der
zweiten hand in P (p) nachgetragene Verbesserung nicht erwähnt
(vgl. Jug. 85, 33), während diese zu Jug. 24, 3 mitgetheilt ist.
Zu Jug. 47, 1 ist die Überlieferung nach Dietsch statt nach den
zuverlässigeren angaben von Jordan und Wirz verzeichnet und
obendrein mit einem missverständniss , da in P 1 bei incolere die
erste littera e nicht erasa, sondern in rasura scripta ist. Jug.
72, 2 hat nicht prima Pi manus die lesart excitus , sondern p.
Der irrthum des vfs. Jug. 114, 4 ist schon oben berührt. — Im
hinblick auf diese mannigfachen bedenken erscheint es nicht
möglich, dem schlussurtheile des vfs. über den angeblich er-
wiesenen vorzug des V vor P beizustimmen oder den beweis
für den Vorrang des P 1 vor P als geliefert anzuerkennen; das
verdienst aber, eine reihe von stellen durch heranziehung des
Septimius und Severus sicher constituirt zu haben, bleibt dem
vf. unbestritten.
2 1 . De Festi breviarii fontibus. Dissertatio historica, quam . . .
scripsit Richard Jacob i. 8. Bonn 1874.
Gewöhnlich nahm man bisher an, dass Festus bei der ab-
Philol. Anz. VII. 4
50 21. Festus. .Nr. 1.
fassung seines breviariums am meisten den Eutrop und Florus
benutzt habe. Allein die in der neuesten zeit angestellten Unter-
suchungen führen zu ganz anderen resultaten, wie z. b. die von
Pirogoff (de Eutropii breviarn indole ac fontibus 1873) und von
Gardthausen (die geographischen quellen Ammians 1873), welche
nur beiläufig den Festus berühren, vor allem aber die von
Jacobi, der in der oben angeführten dissertation zum ersten male
den Festus zum gegenständ einer eingehenden Untersuchung über
dessen quellen gemacht hat. Nachdem der vf. in der praefatio
nachgewiesen hat, dass Festus libellum suum in lucem edidisse
anno 369 (pag. 7) und ad Valentem imperatorem breviarium
suum misisse (pag. 10), geht er zur genauen bestimmung der
quellen über.
Cap. 1 ist die dedicationsepistel an den kaiser Valens, und
im zweiten cap. stellt Festus kurz zusammen, wie lange die könige,
consuln und kaiser den römischen Staat verwaltet haben. Der
beweisführung Pirogoffs schliesst sich Jacobi mit recht an, dass
nämlich Festus in diesem capitel nicht den Eutrop benutzt habe,
sondern Entropium et Festum ex eodem fönte, aliquo chronico,
hausisse. Mit grossem fleisse untersucht nun der vf. die einzelnen
capitel des breviariums und kommt zu dem resultate , dass
1) Florus nicht mehr als quelle des Festus anzusehen sei, dass
2) Eutrop nur für cap. 20 — 24 von ihm benutzt sei, dass Festus
vielmehr, um mit den Worten des vfs. zu reden, in capitibus
3 — 14 componendis in usum vocasse opus geographicum , quod Am-
mianus quogue Marcellinus in geographicis operis sui partibus con-
scribendis adhibuit, praeterea provinciarum indicem, deinde capita
15 — 19 ex epitoma facta e Livii annalibus liausta esse, . . . po-
stremo capita 25 — 29 maximam quidem partem ex ipsius Festi me-
moria emanasse.
Mit diesem resultate bin ich im grossen ganzen einverstan-
den, nur fällt es mir schwer, den Florus als quellenschriftsteller
ganz aufgeben zu müssen. Dass Festus ihn nicht als directe
quelle benutzt hat, geht wohl aus der Untersuchung des vfs.
hervor, aber dass er ihn vor äugen hatte, scheint mir folgende
stelle zu beweisen, die der vf. leider gar nicht beachtet hat.
In dem prooemium vergleicht bekanntlich Florus die perioden
des römischen Staates mit den stufen des menschlichen alters
Nr. 1. 21. Festus. 51
undnachdem er die infantia, adulescentia und iuventus besprochen
hat, sagt er: a Caesar e Augusto in saeculum nostrum haut
multo minus anni ducenti, quibus inertia Caesarum quasi consenuit
adque decoxit , nisi quod sub Traiano •principe movit lacertoa
etc. Es ist kaum glaublich, dass Florus, ein jüngerer Zeitgenosse
des Trajan, in seinem prooemium diese worte über Trajan von
einem andern Schriftsteller abgeschrieben haben sollte, wir müssen
vielmehr annehmen, dass dies seine eigenen worte sind, um so
mehr, da lacertos movere poetisch gesagt wird für convalescere,
was ganz zur ausdrucksweise des Florus passt, von der Peter
Burmann sagt: Florus saepius poetice quam humane loquens. Nun
kommt aber, soviel mir bekannt ist, lacertos movere nur noch im
Festus cap. 20 vor, und hier werden die worte ebenfalls von
Trajan gebraucht. Was liegt wohl näher, als dass Festus an
dieser stelle den Florus vor äugen gehabt hat? Auch der Zu-
satz des Festus post Augustum scheint auf a Caesare Augusto
bei Florus zu gehen.
Zu seite 38 anm. ist zu bemerken, dass in cod. Gr. u. B,
also im urcodex X (Philolog. Anz. 1873, p. 100) steht: a
transfuga quodam Mazzaro inductus, nicht Abgaro.
Noch will ich ein versehen berichtigen, das ohne verschul-
den des vfs. entstanden ist, da er die lesarten der besten hand-
schriften nicht kannte. Auf p. 12 lesen wir: maximi ad quaestionem
nostram solvendam momenti esse videtur , quod Festus Tarquinio
Prisco 37 et Superbo 25, contra Eutropius Prisco 38 et Superbo
24 tribuit annos. Dies ist nicht richtig, die zahlen bei Festus
stimmen mit denen bei Eutrop vollkommen überein. Im cod.
Bamb. steht Tarquinius Superbus expulsus regno est anno XXIIII,
im Cod. Goth. annos XXXIIII. Dass das richtige im cod. B.
enthalten ist und dass der Schreiber des cod. G ein X zuviel
gemacht hat, sieht jeder leicht ein. Ebenso ist auch bei Tar-
quinius Priscus im cod. B. die richtige zahl XXXVDH ange-
geben, während wir im cod. G. XXXVDI lesen, wo leicht ein
strich ausgelassen sein kann. Die ganze stelle des zweiten capitel
lautet nach cod. G. und B. hergestellt folgendermassen: Eeg-
narunt Eomae per annos CCXLIII reges numero VII. Romulus
regnavit annos XXXVII , senatores per quinos dies annum unum.
Numa Pompilius regnavit annos XLIII , Tullus Hostilius regnavit
annos XXXII , Ancus Marcius (cod. G. Marsus , cod. B. Marcus)
4.*
52 22. Griechische geschichte. Nr. 1.
regnavit annos XXIIII, Priscus Tarquinius (so in cod. G. und B.)
regnavit annos XXXVIII, Servius Tullius (cod. G. und B. Ser-
vilius Tullus) regnavit annos XLII1I , Lucius Tarquinius Superbus
expulsua regno est anno XXIIII. Hiernach ist auch Pirogoff
p. 15 zu berichtigen.
C. Wagener.
22. Der homerische schiffskatalog als historische quelle be-
trachtet vonBenedictus Niese. Kiel, C. Schröder u. comp.
1873. gr. 8. 59 s. — 1 mark.
Der vf., ein schüler A. v. Gutschmid's und bereits durch
eine arbeit über die quellen des Stephanos von Byzanz vorteil-
haft bekannt, hat die forschung über den schiffskatalog durch vor-
liegende schrift erheblich gefördert. Im anschluss an 0. Müller's
darlegung die Unvereinbarkeit des katalogs mit dem ganzen
der Ilias festhaltend widerlegt er in überzeugender weise sowohl
Köchly's versuch, durch ausstossung verschiedener verse den-
selben in strophische form zu bringen, als die ansieht, dass der
troische theil einen andern Verfasser habe als der hellenische.
Für die frage nach der abfassungszeit gewinnt er einen sicheren
terminus ante quem durch den nachweis von spuren der benutzung
des katalogs in dem homerischen hymnus auf den pythischen
Apoll, welcher vor beendigung des kirrhäischen krieges und
einführung der pythischen spiele, also vor 586 gedichtet ist.
Dass hierdurch ein neuer beweis gegen die Überlieferung von
der pisistratischen redaction der homerischen gedichte gewonnen
werde, möchten wir bezweifeln: den beziehungen des katalogs
auf spätere bücher der Ilias, aus welchen vf. auf vorliegen des
gesammelten epos schliesst, stehen die weit zahlreicheren stellen
entgegen, welche der Hias widersprechen.
Die quellen und der historische werth der zwei theile sind
nach dem vf. verschieden zu beurtheilen. Den troischen führt
er auf reminiscenzen an stellen der Ilias, der cykliker (beson-
ders der Kyprien) und der Argonautika zurück und schlägt daher
den geschichtlichen gehalt dieses Stückes sehr gering an; ein
ergebniss, dessen richtigkeit nicht wohl in zweifei zu ziehen ist.
Im katalog der Achäerschiffe erkennt er nur die mythographi-
schen bestandtheile : die namen der fürsten, die. zahl ihrer schiffe
und das epische beiwerk als selbständige arbeit des katalogisten
Nr. 1. 22. Griechische geschickte. 53
an und findet als deren hauptquelle in einleuchtender weise
abermals die Kyprien und überhaupt die cyklischen dichtungen;
dagegen die aufzählung und beschreibung hellenischer orte,
landschaften und stamme giebt nach seiner ansieht materiell im
wesentlichen unberührt einen älteren autor wieder, der nach den
darin vorausgesetzten Verhältnissen zu schliessen zwischen 770
und 740 in Böotien eine nsgtoSog rrjg 'EXXddog niederschrieb.
So hätte sich also der inhalt einer uralten periegese von Grie-
chenland bis auf unsere tage erhalten, ein wenn es gesichert ist
grosses ergebniss, das auch bereits die volle anerkennung von
T>&. im Lit. centralblatt sp. 1510 und L. Mendelssohn Jenaisch,
lit. z. 1874 p. 169 gefunden hat. Leider müssen wir bekennen,
dass — einzelne gute ausführungen , wie die Verknüpfung der
übergehung Megara's im katalog mit dessen früherer abhängig-
keit von Korinth, Gutschmid's vom vf. mitgetheilte auseinander-
setzung über die zeit des Aristeas von Prokonnesos, und an-
regungen, wie die bemerkung über Dorion und Dotion, abge-
rechnet — diese partie der schrift uns am wenigsten gelungen
vorkommt.
Die begründung seiner ansieht findet Niese lediglich in der
beschaffenheit der Thessalien betreffenden theile des katalogs.
Während die übrigen partien des hellenischen katalogs, von der
nur in mythographischer beziehung anfechtbaren stelle über Dorion
abgesehen, dem vf. keinen anlass zum tadel bieten, findet er dort
neben zahlreichen beispielen bester chorographischer Information
besondere fälle von so grober unkenntniss, dass beide nicht
aus gleicher quelle abgeleitet sein können , und da diese fehler
nur in der vertheilung und abgrenzung der einzelnen fürsten-
thümer sich vorfinden, so zwar dass von acht landschaften des
katalogs je zwei die in geographisch unmöglicher weise ausein-
ander gerissenen stücke einer einzigen bilden, so folgert der
vf. , dass der katalogist selber in der geographie von Hellas
ganz unbewandert, wahrscheinlich ein Milesier gewesen ist, der
seine anscheinenden kenntnisse einer älteren schrift verdankte
und bei Thessalien, da er dort mehr fürsten als fürstenthümer
vorfand, vier landschaften seiner quelle durch rohe halbirung
in acht verwandelte, um jeden mit einer eigenen herrschaft aus-
statten zu können. Nämlich 1) Alos , welches dem Achill zu-
getheilt ist, erklärt Niese für die bekannte, mitten zwischen den
54 22. Griechische geschichte. Nr. 1.
orten des Protesilaos (Phylake, Pyrasos, Itone, Antron, Pteleon)
gelegene Stadt in Achaia Phthiotis: denn das Alos in Malis,
von welchem Parmeniskos und Strabon sprechen, sei, da es von
diesen weder geographisch fixirt noch ein zeugniss seiner existenz
beigebracht werde, als eine erfindung der erklärer Homers an-
zusehen. Das Hesse sich hören, wenn auch die anderen orte des
Achill sich nach Achaia Phthiotis weisen Hessen: da aber die
geographisch sicheren (Trachis und Alope) in Malis liegen, so
findet zunächst der satz des vfs., dass zwei landschaften aus
einer gemacht worden sind, hier keine anwendung; aus Strab.
9, 5, 16 geht ferner mit evidenz hervor, dass es nicht weit von
Trachis im nördlichen Lokris wirklich einen ort Alos gegeben
hat. Es ist also bloss anzunehmen, dass in früherer zeit das
gebiet der Lokrer sich nicht so weit nach norden erstreckt hat
als später. 2) Die orte des Ormeniden Eurypylos: Ormenion,
Asterion, die quelle Hypereia und das gebirge Titanos, bilden
nach Niese mit den Städten des Eumelos (Pherai, Boibe, Glaphyrai
undjolkos) zusammen ein geschlossenes territorium: in der that
fand sich die quelle Hypereia mitten in der Stadt Pherai (irrig
behauptet vf. , ich hätte das geleugnet, s. Hellas in Thessalien,
Philol. Suppl. bd. n, p. 642) ; ein Orminion ferner kennt Strabon
östlich von Pherai hinter Jolkos; endlich Peirasia, wie Asterion
später hiess, wird von Stephanos von Byzanz und dem scholiasten
des Apollonios von Bhodos nach Magnesia verlegt. Trotzdem
fallen aber die zwei reiche nicht zusammen. Unter Pherai versteht
der katalogist nicht die bekannte Thessalerstadt, welche er gleich
Larissa Pharsalos Skotusa Kranon u. a. ignorirt, weil die Thes-
saler erst nach dem Troerkrieg eingewandert sind; sein Pherai
war unmittelbar an {naqal) dem see Boibeis, die Thessalerstadt
dagegen ganze 50 Stadien von diesem entfernt. Und wenn er
auch so unwissend in geographischen dingen gewesen wäre wie
vf. behauptet, so darf er doch nicht für so aberwitzig gehalten
werden, die quelle in ein anderes land zu setzen als die Stadt,
in deren mitte sie sprudelte, da er doch beide namen und ihr
Örtliches verhältniss zu einander nach des vf. ansieht in der
periegese gefunden haben musste. Ormenion habe ich, weil die
identification mit Orminion es in das gebiet des Eumelos bringen
würde, a. a. o. p. 641 für das Armenion des Strabon, Ormenion
des Enstathios (d. i. Stephanos von Byzanz) erklärt, welches beide
Nr. 1. 22. Griechische geschiente. 55
fitw%v Qtotov xal AuqtG6i]Q setzen. Diese bestimmung findet
Niese so wenig genau, dass man den ort wohl mit Bursian für
Orninion ansehen dürfe ; sie ist aber genau genug, um erkennen
zu lassen, dass Armenion nordwestlich von Pherai lag, also mit
eirem östlich von Pherai gelegenen orte nicht identificirt werden
kann. Aus meiner abhandlung p. 654 konnte Niese auch er-
sehen, dass Kallimachos auf meiner seite ist: bei diesem sind
es die Ormeniden, welche zu den spielen am heiligthum der
Pallas Itonia einladen ; dies lag aber nach Pausanias eben
0fQu>r fisru^ii xul siaQiGffqg. Asterion betreffend spricht das
vom vf. betonte kriterium der topographischen bestimmtheit
gegen ihn: die älteren schriftsteiler setzen es nämlich an den
zusammenfluss des Apidanos und Enipeus, also nördlich von
Pharsalos, und die bestimmung jener zwei geographisch gleich
unwissenden grammatiker ist aus falscher auslegung des Apol-
lonios hervorgegangen (s. Hellas in Thess. p. 735). 3) Gyrtone,
Orthe, Elone und Oloosson, die städte des Lapithen Polypoites,
nennt Niese mit dem in sachen thessalischer ethnographie ganz
confusen Strabon perrhaibisch und verlegt sie sämmtlich an's
linke Ufer des Peneios; dadurch ist aber die geographische
Unmöglichkeit der trennung dieser orte von den sitzen der
Perrhaiber und Ainianen des katalogs am Titaresios nicht er-
wiesen; diesen gibt der katalog auch Dodona, denkt sie also
weiter westlich und binnenwärts als die Lapithen. Ueberdies
ist die behauptung des vf. nur von Oloosson unbestreitbar richtig ;
Gyrton (wenn der katalogist die bekannte stadt dieses namens
gemeint hat) war eine Thessalerstadt und lag am rechten ufer
des Peneios, Elone haben die alten erklärer nicht mehr vorge-
funden und von Phalanna , für dessen akropolis Orthe erklärt
wurde, weiss man nicht ob es thessalisch oder perrhaibisch ge-
wesen. 4) Neben den Magneten des Prothoos am Peneios und
Pelion erscheinen als Philoktets städte Methone, Thaumakia,
Meliboia und Olizon, welche laut angäbe des vf. sämmtlich auf
der halbinsel Magnesia (soll heissen auf der zu Magnesia ge-
hörigen halbinsel) liegen. Damit hat vf. eigentlich selbst die
geographische möglichkeit der trennung beider gebiete ausge-
sprochen: denn der berg Pelion ist nördlich von der halbinsel.
Doch nur Methone und Olizon gehören dieser an; Thaumakia
ist im östlichen Thessalien nicht nachweisbar und Meliboia war
56 22. Griechische geschichte. Nr. 1.
nördlich an der bucht zwischen Pelion und Ossa. Auch von
letzterer stadt ist nicht nothwendig anzunehmen, dass sie in das
gebiet des Prothoos gefallen sei. Damit aber ist auch die letzte
stütze der ansieht des vf. gefallen.
Von der annähme, dass der chorographische theil des helle-
nischen schiffkatalogs aus einer zwischen 770 und 740 geschrie-
benen periegese abgeleitet sei, hätten den vf. schon die bedenk-
lichen consequenzen dieses satzes abhalten sollen. Das fehlen
von Theben bekennt er p. 80 selbst nicht ausreichend erklären
zu können, ebenso die übergehung der Thessalerstädte ; wenn
p. 47 vermuthet wird, Theben müsse damals, weil ein gesetz-
geber dort auftrat, in einem zerrütteten zustande gewesen sein,
oder Larissa (p. 44) die Zwingburg der Perrhaiber habe noch
nicht bestanden, so sind das nur haltlose hypothesen, die über-
dies weder das fehlen der andern Thessalerstädte noch das von
Theben selbst erklären. Die ozolischen Lokrer sollen desswegen
nicht genannt sein, weil sie vermuthlich nur eine untergeordnete
bedeutung und keine namhaften städte gehabt hätten: letzteres
trifft auf Naupaktos und Amphissa nicht zu und das erstere
können wir nicht wissen. Dodona gehörte zur zeit der Home-
riden den Thesprotern, von welchen es an die Molosser kam;
nach der theorie des vf. müssten um 755 Ainianen oder Per-
rhaiber dort gewohnt haben. Pleuron und Kalydon gibt der
katalog den Aitolern ; aber schon seit der böotischen Wanderung
waren beide städte aiolisch und ihr gebiet hiess Aiolis. Während
im achten Jahrhundert schon geraume zeit her Elis von Aitolern,
die untere Peneiosgegend von Thessalern, Euboia von Jonern,
Dryopen und Perrhaibern bewohnt war, nennt der katalog dort
die halb mythischen, der zeit vor den grossen Wanderungen an-
gehörigen namen der Epeier, Lapithen und Abanten. Die Be-
stimmung des katalogs ist eben, ein bild von Griechenland zur
zeit des Troerkrieges zu liefern, und dies ist auch der gesichts-
punkt, unter welchem sein historischer gehalt zu prüfen war.
U.
23. Der zweite punische krieg und seine quellen , von
Ludwig Keller. 8. Marburg 1875, VIDI und 223 s.
Der gelehrte Verfasser dieses umfangreichen werkes nimmt
an, es sei durch die Untersuchungen Böttcher's der beweis dafür
Nr. 1. 23. Komische geschichte. 57
geleistet, dass die übereinstimmenden partnen von Polyb. III und
Livius XXI und XXII aus einer gemeinsamen quelle stammen ; da-
gegen befriedigt ibn Böttcber's ansiebt, diese gemeinsame quelle
sei Silenus und bei Livius vermittelt durch Coelius nicht. Er
sucht nun diese gemeinsame quelle selbst zu bestimmen und auf
den ganzen zweiten punischen krieg auszudehnen.
Als resultat ergibt sich ihm, dass die uns erhaltenen dar-
stellungen des zweiten punischen krieges hauptsächlich auf drei
grundlagen zurückgehen : 1) auf eine antiseipionische parteischrift
des Fabius Pictor, 2) auf eine parteibrochüre des P. Scipio, des
sohnes des älteren Africanus , welche zahlreiche fälschungen der
historischen thatsachen enthalten habe, 3) auf die unparteiischen
memoiren des königs Hiempsal II, welche Sallust. Jug. 17 er-
wähnt. Fabius, P. Scipio, in beschränktem umfange auch Silen,
sind nach dem vf. contaminirt worden von L. Calpurnius Piso
Frugi, welcher dann die gemeinsame quelle war für Polybius, Livius
und könig Juba LT. Juba hat jedoch mit Piso die memoiren
Hiempsal's verschmolzen, und er ist zum theil erhalten bei Dio
Cassius (resp. Zonaras) , besonders aber bei Appian , welcher
somit in diesen partien für uns der unparteiischste gewährsmann
ist und mehr beachtung verdient, als ihm bisher zu theil wurde.
Zunächst hat also der vf. die gründe, welche Böttcher und
Friedersdorff für die gemeinsamkeit der quellen des Polybius und
Livius, und die, welche seither Wölfflin dagegen vorgebracht hat,
wenigstens in dem buche selbst nicht nachgeprüft. Es ist dieses
auch nicht zu bedauern; denn wenn wir z. b. p. 154 lesen:
'Dazu kam, dass Livius den Polybius kannte und ihm die
quellen des letztern gewiss nicht unbekannt waren , dass ihm
dieser aber ein vorbild und dessen urtheil über die beste quelle
nicht gleichgültig war. Was lag demnach für Livius näher, als
zu der gleichen quelle wie Polybius zu greifen ? ' so müssen wir
daran zweifeln, dass Keller entscheidende gesichtspunkte hätte
vorbringen können.
Sodann können wir den gang der Untersuchung nicht billigen.
Der vf. geht aus von dem achten buche des Appian , findet
in diesem eine numidische quelle und zwar Juba und überträgt
ßie auf die früheren. Denselben weg macht er wieder bei
Polybius und Livius •, er findet bei beiden in der darstellung der
feldzüge des Scipio einen seipionischen und einen antiseipionischen
58 22. Komische geschiehte. Nr. 1.
Standpunkt, sucht dazu zwei passende Vertreter und einen ver-
mittler und überträgt sie dann auch auf den anfang des krieges.
Demnach vergleicht er die darstellung des Polybius und Livius
mit der des Appian und kommt zu dem bedenklichen ergebniss»
dass Polybius in mehreren fällen bei sog. doubletten des Piso,
die er erkannte, Livius dagegen nicht beachtete, den gefälschten
bericht des P. Scipio aufgenommen habe , während Livius auch
den bericht des Fabius daneben enthalte und Juba- Appian nach
jenen memoiren des Hiempsal die Wahrheit überliefere. Es
können aber in den späteren büchern neue quellen zu den
früheren getreten sein, und die historiker verwahren sich ja da-
gegen, dass man von der vierten decade des Livius die benu-
tzung des Polybius auf die dritte übertragen dürfe. Dieser rück-
schluss von den späteren büchern auf die früheren und von einem
späteren und bisher für weniger zuverlässig gehaltenen autor auf
frühere erscheint daher uns wenigstens als nicht gerechtfertigt.
Ferner halten wir den beweis, welchen Keller p. 168
dafür vorbringt, dass Piso vor Polybius geschrieben habe, nicht
für stichhaltig. Polybius war zuerst Staatsmann, dann siebzehn
jähre lang in gefangenschaft ; erst ein jähr nach seiner befreiung,
149, war Piso volkstribun, 133 consul, 120 censor; daher ist
Piso sehr wahrscheinlich jünger als Polybius. Wenn nun auch das
letzte fragment des Piso in die geschiehte des jahres 146 fällt, so
können wir doch keineswegs zugeben, dass somit das werk des
Piso mit diesem jähre schloss, ja in diesem jähre schon vollendet
war. Uebrigens soll Piso die ganze römische geschiehte in nur
sieben büchern dargestellt haben ; der zweite punische krieg wird
daher von ihm nicht gerade ausführlich abgehandelt worden sein.
Schliesslich müssen wir uns gegen die behauptung ver-
wahren, die Keller p. 64 ausspricht, dass das gesetz antiker
quellenbenutzung, wonach Polybius sich ' an den, bezw. die autoren,
welche er sich zur grundlage auserwählt hatte,' eng anschliessen
musste, 'vonHerodot bis auf Tacitus ausnahmslose geltung hat.'
Dieses gesetz ist durchaus nicht bewiesen und wird nach unserer
Überzeugung nie bewiesen werden. Uebrigens glauben wir, die
annalistischen und die pragmatischen geschichtschreiber seien nicht
nach demselben maasstabe zu beurtheilen.
Wir anerkennen, dass Keller die geschichtsschreiber des
zweiten punischen krieges ausserordentlich fleissig studirt und in
Nr. 1. Theses, — Neue auflagen. 59
seinem buche manche treffliche bemerkung im einzelnen nieder-
gelegt hat; aber das hauptziel, welches er erreicht zu haben
glaubt, müssen wir zu unserm bedauern für verfehlt erklären.
Zu wünschen wäre besonders, dass er auf die bemerkung (p. 159),
dass Livius auch in der dritten dekade die darstellung der Ver-
hältnisse in Griechenland fast durchgängig direct aus Polybius
genommen habe, mehr gewicht gelegt hätte.
Frans Luterbaclier.
Theses.
De rebus scaenicis Roinanis quaestiones selectae. Dissertatio quam
in alma literarum universitate Gryphiswaldensi ... d. VI m. Febr.
MDCCCLXXV . . defendet Paulus de Boltenstern. Theses: IL
Ludi Romani ante armurn 387/367 a plebeis aedilibus curabantur; V.
in Aristot. Polit. IV, 7, p. 1294 b. 34 legendum est; tfil d' fr rf t nofo-
Teiuitj /uijUiy/usvi; xttXwg afxrfÖTiQa doxiiv tlvai xcci /Ltfj 8- et reg ov (xal /ut]-
ditsQov libri); VI. Livii verba XXXIV, 53, 7: haec eo anno acta glos-
seniatis speciem prae se ferunt; VII. Vitruv. de Archit. V, 6, 9 scri-
bendum censeo: comicae autem (scaenae) aedificiorum privatorum et
maenianorum habent speciem prospectumque fenestris dispositos imita-
tione communium aedificiorum rationis, (rationibus libri); VIII. locum
Tertulliani de speetac. 5 (Suet. fragm. 185, p. 334 Reiff.) ita sanan-
dum dueo: post hunc Numa Pompilius Marti et Robigini (ludos) fecit.
Dehinc Tullus Hostilius. dehinc Ancus Martins et ceteri quos quem
per ordinem et quibus idolis ludos instituerint , positum est apud Sueto-
nium Tranquillum , vel a quibus Tranquillus aeeepit (et ceteri quoque
per ordinem libri); IX. In hist. Apollonii regis Tyrii p. 53, 21 Ries,
legendum est : intrarem enim in balneum , ubi hinc inde fiammae per
tubulos surgunt (turbulos vel cumulas vel tabules libri.)
Neue auflagen.
24. Homers Odyssee. Für den schulgebrauch erklärt von dr. Karl
Friedrich Ameis. 1. bd. 1. heft, gesang I— VI. 6. aufl. Besorgt von
dr. C. Hentze. 8. Leipzig, Teubner. — 25. Freund 's schüler-
bibliothek. Präparationen zu den griechischen und römischen clas-
sikern. Präparation zu Sophokles werken. 8. heft. 2. aufl. 16.
Leipzig. Violet; 50 pf. — 26. Demosthenes ausgewählte reden. Er-
klärt von A. Westermann. 2. bd. 5. aufl. 8. Berlin. Weidmann;
1 mk. 80 pf. — 27. Freund cett. Präparation zu Livius' römischer
geschichte. 8. heft. 3. aufl. 16. Leipzig. Violet; 50 pf. — 28. Krebs,
J. Ph. , Antibarbarus der lateinischen spräche. 5. aufl. Bearbeitet
von J. A. Allgayer. 5. lief. Frankfurt a. M. Winter; 24 ngr. —
29. J. Scherr, allgemeine geschichte der literatur. 5. aufl. 3. lfg. 8.
Stuttgart. Conradi; 1 mk. — 30. 31. Carriere, die kunst im Zusam-
menhang der eulturentwicklung und die ideale der nienschheit. 5. bd.
2. aufl. 8. Leipzig. Brockhaus; 12 mk. 50 pf. — 31. F. Gregorovius,
wanderjahre in Sicilien. 3. bd. Siciliana. 4. aufl. 8. Leipzig.
Brockhaus; 5 mk. 40 pf. — 32. Denkmäler der kunst zur Übersicht
ihres entwicklungsganges von den ersten versuchen bis zu den stand-
puneten der gegenwart. 3. aufl. Bearbeitet von W. Lübke, und
C. v. Lützow. 2. lfg. qu. fol. Stuttgart. Eisner und Seubert ;
1 thlr. 10 gr.
60 Neue Schulbücher, — Bibliographie. Nr. 1.
Neue Schulbücher.
33. W. Bauer, Übungsbuch zum übersetzen aus dem deutschen ins
griechische. 3. lfg. 3. aufl. 8. Bamberg. Buchner; 2 mk. 40 pf.
— 34. H. Perthes, lateinische wortkunde im anschluss an die lectüre.
1. curs. mit dem latein. lesebuch f. die sexta. 8. Berlin. Weidmann;
2 mk. 40 pf. — 35. L. Englmann, lateinisches elementarbuch f. die
erste classe der latein. schule. 5. aufl. 8. Bamberg. Buchner;
1 mk. 20 pf. — 36. C. Pl'ötz, auszug aus der alten, mittleren und
neueren geschichte. 5. aufl. 16, Berlin. Herbig; 18 ngr.
Bibliographie.
_ In Paris starb am 20. dec. 1 874 ganz unerwartet der buchhändler
Friedrich Klincksieck aus Rinteln , der den deutschen buchhandel in
Paris zu hohem ansehen gebracht, daneben auch manchem deutschen
daselbst mit rath und that beigestanden hat. Bei ausbrach des kriegs
musste er flüchten ; jedoch gelang es seinem in Paris geborenen söhn
das geschäft aufrecht zu erhalten.
Das Postblatt nr. 1 (beil. zum D. Reichsanzeiger) enthält eine
übersieht der portosätze für die frankirte correspondenz nach dem
inlande und nach dem auslande.
Die buchhandlung von Joseph Baer u. Co. in Frankfurt a. M.
hat ende december ihren 31. lagerkatalog veröffentlicht, enthaltend
werke über schöne kunst und kupferwerke für 1875. Er zerfällt in
drei abtheilungen: 1) geschichte der theorie der kunst, Illustration s-
und grössere kupferwerke, kataloge von kunstsammlungen ; 2) maierei
und vervielfältigende kiinste; 3) architektur, sculptur, kunstindustrie.
A general catalogue of books , offered to the public at the afßxed
prices by Bernard Quaritch. 8. London. 1874. X und 1889, preis
4 guineen. — Auf festes, weisses papier in klaren typen gedruckt in
solidem halbmaroquinband, ist der Quaritch'sche katalog schon in
seiner äusseren ausstattung eine hervorragende und durch ihren um-
fang imponirende erscheinung. Von ganz aussergewöhnlichem werthe
aber ist sein inhalt, der an kostbarkeit den besitzstand vieler öffent-
lichen bibliotheken übertreffen dürfte. — Auf nahe an 2000 Seiten sind
gegen 23,000 werke verzeichnet, die sich entweder durch wissenschaftliche
bedeutung, oder durch Seltenheit, oder durch den luxus der ausstattung
auszeichnen. Dieselben umfassen fast alle gebiete der literatur in syste-
matischer Ordnung. Von besonderer reichhaltigkeit sind die abthei-
lungen: Orientnl Literature, Fine Arts , Bibliotheca xylographica (über
letztere — welche bereits vor Jahresfrist separat erschienen ist — vgl.
die notiz im Börsenbl. vom 1. december 1873). Ein grosser theil der
titel ist von interessanten bibliographischen oder literarischen anmer-
kungen begleitet. — Den Schlüssel zu dieser Schatzkammer bildet ein
ungemein detaillirter index, der über die oben erwähnten 23,000 werke
nicht weniger als 28,000 Verweisungen enthält (z. b. die Schedel'sche
chronik ist viermal registrirt: unter Schedel, Chronicorzim Über, Nurem-
berg Chronicle, Wohlgemnth). Dieser index ist eine ebenso mühsame als
höchst dankenswerthe arbeit, durch welche der katalog für den biblio-
philen und buchhändler von einer praktischen brauchbarkeit wird,
wie kaum einer seiner Vorgänger. Durch ihn wird der katalog ein
nachschlagebuch von bedeutendem und dauerndem werthe.
Die Kaulfuss'sche buchhandlung in Liegnitz veröffentlicht den
pi*ospect einer vom märz a. c. an erscheinenden Zeitschrift: l der Anti-
kritiker , organ für literarische vertheidigung , für die redaction ver-
antwortlich: M. Nehring'. Die insertionsgebühren betragen 4 mk.
Nr. 1. Bibliographie. 61
für die seite , der abonneinentspreis für je 10 hefte (einen bd. von
ca. 20 bogen) ist auf 5 mk. veranschlagt. — Wir wünschen diesem
unternehmen aufrichtigst bestes gedeihen, denn für eine gewissen-
hafte redaction giebt es kaum eine grössere last, als die durch gute
recensionen veranlassten zuschritten der mannichfachsten art.
Verlag von W. Engelmann in Leipzig versendet prospect von:
Papyrus Ebers, conservirt in der Universitätsbibliothek zu Leipzig.
Ein hieratisches handbuch altägyptischer arzneikunde, herausgegeben
und mit einleitung und Übersetzung der vorkommenden krankheiten
versehen von Georg Ebers. Mit einem vollständigen hieroglyphisch-
lateinischen glossar vonLudw. Stern. Zwei Bände. Mit 109 tafeln
und text in folio gebunden. Preis für ausgäbe I. 90 thlr. = 270 mk.
Preis für ausgäbe IL 70 thlr. = 21U mk.
Verlag von Duncker und Huntblot veröffentlicht prospect von
Allgemeine Deutsche Biographie. Auf veranlassung und mit Unter-
stützung der historischen commission bei der k. akademie der Wissen-
schaften in München herausgegeben von R. freiherrn v. Liliencron
in München und professor F. X. Wegele in Würzburg. Der preis
einer lieferung ist auf 2 mk. 40 pf. , der eines bandes auf 12 mk.
festgesetzt. — Die erste lieferung ist erschienen und giebt davon
einen kurzen bericht D. Reichsanz. nr. 19.
Von buchhandlungen sind versandt ankündigungen von J. Bac-
meister in Bielefeld, schritten von Wollschläger betreffend; von
Dümmler , s Verlagsbuchhandlung (Harrowitz und Gossmann) nachtrag
zum verzeichniss von schritten und Zeitschriften aus dem gebiete
der Sprachforschung, sowie der literaturgeschicbte, mythologie, ge-
schickte und Völkerkunde. October 1874, darunter auch schritten
von J. Grimm; von Fuss (R. Reissland) verlag in Leipzig; Biblio-
theca philologica Teubneriana: erster nachtrag, die erscheinungen des
jahres 1874 enthaltend; neue erscheinungen aus dem verlage der
Wagnerischen Universitäts-buchhandlung in Innsbruck ; verlag der
C. Winter' sehen Verlagshandlung in Leipzig und Heidelberg.
Besonders machen wir aufmerksam auf: Katalog ausländischer
Journale, zu beziehen von A. Asher u. Co. zu Berlin und London; in
einem beiliegenden briefe heisst es: wir liefern zu den im katalog
aufgeführten pränumerations-preisen innerhalb des Deutschen reichs-
postgebiets stets franco sofort nach erscheinen. — Auch sind wir gern
zur lieferung ihres bedarfs ausländischer literatur erbötig, in welchem
falle wir den Shilling engl, geldes mit 1 mk. 10 pf. , den franken
mit 1 mk berechnen und, innerhalb des Deutschen reichspostgebiets,
alle Sendungen frankiren. — Um unsere künden über die novitäten
der englischen und französischen literatur stets auf dem laufenden
zu erhalten , stellen wir denselben die beiden literatur-zeitungen :
Asher's Monthly Gazette of läerature und petite bibliographie Francaise,
gratis und franco zur Verfügung. — Ferner auf: philologischen verlag
von T. O. Weigel in Leipzig und der Oxforder Universität {Clarendon
Press) , welche theilweise zu bedeutend ermässigten preisen zu be-
ziehen sind.
Verzeichniss im preise herabgesetzter werke aus dem verlage der
gebrüder Borntruger (Ed. Eggers) in Berlin: darunter werke von
Lobeck, Ellendt u. a. ; preisermässigung von K. F. Köhler 's Anti-
quarium.
Cataloge von Antiquaren: Antiquarischer catalog von F. A.
Brockhaus' Sortiment und antiquarium in Leipzig (classische philologie
und archäologie); Antiquarisches lager von C. Detloffs buchhandlung
in Basel, catalog nr. XIII (philologie, literaturgeschichte u. s. w.);
62 Bibliographie. Nr. 1.
bücherverzeichniss von Meyer und Müller in Berlin; nr. 6 classische
Philologie.
Catalogue no. 2 de livres anciens et rares en vente aux prix mar-
ques chez R. de Pape ä Naples.
Eine besondere thätigkeit im versenden entwickeln wie es scheint
die Verleger sog. pädagogischer Schriften: also Hermann Beyer in
Langensalza : ' Allgemeines pädagogisches anzeigeblatt ' : Ferdinand
Hirt in Breslau 'Aus der bibliothek des Unterrichts für schule und
haus'; verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart ausgezeichnete päda-
gogische bücher, volks- und j ugendschriften.
Kleine philologische zeituug.
Göttingen, 5. januar. Die nr. 52 des literarischen Central-
blattes für 1874 trägt als die letzte des fünfundzwanzigsten
Jahrgangs an ihrer spitze eine anspräche des redacteurs, Friedrich
Zarncke „an unsere leser" , in welcher die Schicksale des Central-
blattes während dieses langen Zeitraums anspruchslos vorgeführt und
die gegenwart an mancherlei beherzigenswerthes erinnert wird. Ge-
gründet von Paul Wiegand aus Göttingen, in einer zeit, wo die all-
gemeinen literatur-zeitungen eingegangen oder tief gesunken waren, hat
Zamcke, nachdrücklichst unterstützt vom Verleger, seit 1852 Avenarius,
dem blatt rasch eine ehrenvolle Stellung errungen und ununterbrochen
behauptet: welch verdienst darin liegt, wird nur der völlig würdigen,
welcher die geschichte der literatur-zeitungen kennt und in gleicher
oder ähnlicher läge wie Zarncke, was jetzt eine redaction verlangt
selbst erfahren hat. Schon die anonymität ist eine schwer zu um-
schiffende klippe: mir sehr erfreulich war die in dieser nr. 52 ver-
öffentlichte ansieht des so ehrenwerthen Trendelenburg: „wenn Sie
von mir," schreibt er, „ein rein sachlich gefasstes urtheil haben wollen,
so muss ich bitten, meinen namen nicht zu nennen. Trete ich mit
diesem hervor, so werde ich durch eine reihe persönlicher beziehungen
beirrt. Auch möchte ich, wo ich einmal tadeln muss, nicht gerne
mein urtheil zu verschärfen scheinen durch Unterschrift meines
namens" — ; ich benutze diese gelegenheit um auszusprechen, dass
nach meinen erfahrungen in den meisten fällen die anonymität das
bessere ist, obgleich ich nicht übersehe, dass jeder nicht bloss seine
den mitforschern bekannten ansichten , sondern auch seinen dem auf-
merksamen leser erkennbaren styl schreibt. Eine zweite, auch von
Zarncke berührte klippe schaffen die antikritiken : meines erachtens
wird damit im Centralblatt zu viel räum verschwendet. Doch es kommt
vielleicht abhülfe von Th. Kaulfuss: besser wäre eine solche zu be-
schaffen, wäre der redacteur einer gelehrten Zeitschrift nur redacteur
oder wäre ihm doppelt, ja dreifach so viel zeit beschieden als andern
menschenkindern ! Doch diese und ähnliche gedanken, durch Zarncke's
kundige darstellung hervorgerufen, weiter auszuführen verbietet diese
stelle ; sollen doch diese zeilen nur dazu dienen, das literarische publi-
cum daran zu erinnern, welch grossen dank es der redaction des
Centralblattes schulde; denn ohne den, welch' einen lohn trüge wohl
der redacteur einer gelehrten Zeitschrift für seine mühwaltung und
Selbstverleugnung davon? Dem redacteur einer politischen zeitung,
dessen blatt heute steht und morgen in den ofen geworfen wird,
wird gar leicht vortheil und auszeichnung zu theil: der redacteur
einer gelehrten Zeitschrift, zumal der selbständige, der regierung oder
der partei oder der schule nicht dienende, wird, obgleich er nur für
die Wissenschaft — freilich somit auch für die ewigkeit — arbeitet,
mit ingrimm von gerecht zurechtgewiesenen angefallen, allein dafür
JSTr. 1. Kleine philologische zeitung. 63
gehasst, dass treffliche mitarbeiter das tadelnswerthe gezeichnet haben!
Daher also wünsche ich und mit mir wie ich hoffe die leser dieser
zeilen, dass es Friedrich Zarncke vergönnt sein möge, noch lange in
rüstigem vorwärtsschreiten zum besten deutscher Wissenschaft an der
spitze des literarischen Centralblattes zu stehen. — [E. v. L.]
In der nähe von Laon sind die Überreste eines prachtvollen
römischen amphitheaters entdeckt und nicht weit davon bei
der Ortschaft Amifontaine hat ein landmann ein gefäss mit ca. 600
gold- und silbermünzen aufgefunden. Weitere nachforschungen sind
im gange. C'orr. Havas vom 25. December.
Einen kurzen nekrolog über den in der nacht vom 1. auf den 2.
d. m. verstorbenen Dr. ph. Ernst Ludwig Xipperdey gibt der Deutsche
Reichsanz. nr. 6.
Berlin, 5. januar. Die an diesem tage stattfindende sitzung der
archäologischen gesellschaft eröffnete E. Curtius mit warmen
worten des andenkens für den am 30. december 1874 verstorbenen
professor dr. Fr. Matz: er trug sich, für seine Wissenschaft begeistert,
mit vielen literarischen planen , war auch , so lange er in Göttingen
lebte , ein fleissiger mitarbeiter am Philologus und Philologischem
Anzeiger. Darauf besprach E. Curtius eine reihe neuer literarischer
erscheinungen: wir erwähnen daraus neuere inschriftenfunde in His-
sarlik, die einen äolischen städtebund bezeugen, sowie aus Luders'
brieflichen mittheilungen die auffmdung eines eleusinischen wegsteines
bei der H. Triada und alter treppen in der nähe des sog. windthur-
mes. Dann sprach dr. Treu über ein in Berlin befindliches thon-
gefäss und zuletzt Adler über die neuesten ausgrabungen der archäo-
logischen gesellschaft in Athen, deren resultate in der Jlgaxny.cc 1874
von Kumanudes und Papadakis veröffentlicht sind : er benutzte bei
seinem vortrage, der vorzugsweise das Dipylon betraf, zwei grössere
Situationspläne. Jetzt sind deutlich erkennbar zwei thore , das nörd-
licher belegene zweipfortig (Dipylon), das südlichere einpfortig, beide
mit quadratthürmen bewehrt und durch vorgeschobene, von sehr
dicken (für viele vertheidigerj mauern eingefasste thorgassen gedeckt.
Für die baugeschichtliche analyse ist die an allen feldfronten wahr-
nehmbare anläge des zwingers (mit zinnen und wasserausgüssen ver-
sehen) und des trockenen grabens wichtig, weil die zwingeranlage in
der l'ortification erst kurz vor der Justinianischen epoche auftritt
(Frocop. De aedif.) und sich auch hier durch andere technik in der
struktur, sowie der mangelhaften anschlüsse halber als eine zusatz-
anlage zu erkennen giebt. Ihre Verwandtschaft mit der (allerdings
sehr viel grossartigeren) zwingeranlage zu Konstantinopel wurde betont
und dann der nachweis geliefert, dass der grosse liegende, von Moro-
sini nach Venedig entführte marmorlöwe, den der pariser Anonymus
und Babin erwähnen, seinen Standplatz links an der innenseite des
Dipylon, wo der unterbau einer gesäulten halle mit Wasserbecken und
rinnen gefunden worden ist , gehabt hat. Ein besonderes gewicht
legte der vortragende auf die in dem situationsplane markirte that-
sache, dass beide thore ursprünglich mehr zurück (ostwärts) gestanden
haben und in einer späteren zeit nach der feldseite hinausgeschoben
worden sind, wobei das südlicher belegene thor (wahrscheinlich das
' heilige thor ') grossentheils conservirt wurde. Verbindet man den
nördlichsten theil der ringmauer mit den thurmartigen thorpfeilern
dieses älteren thores durch eine gerade linie, so fallen alle theile in
eine flucht, und die gezogene linie schneidet die südmauer der vor-
geschobenen Dipylon- thorgasse ganz in der nähe der fundstelle , wo
die merkwürdigen bruchstücke der diskusträgers-stele zu tage ge-
kommen sind. Es liegt daher nahe, in dieser älteren fiuchtlinie und
64 Kleine philologische zeitung. JSTr, 1.
ihren thor- und mauerresten die richtung und die bruchstücke der
Themistokleischen ringmauer zu sehen, während die feldseitige aus-
lage der beiden thore und ihres Zwischenstückes einer späteren zeit
— am ehesten der des Lykurgos — angehören muss.
Berlin, 16. Januar. Im wissenschaftlichen verein hielt prof. Dr.
JBonitz einen Vortrag über die gegenwärtigen reformfragen im höheren
Schulwesen, aus dem der D. Reichsanz. nr. 16 einen auszug giebt: in
diesem steht nichts neues ausser dass die regierung die klagen über die
mängel der realschulen im neuen Schulgesetz dadurch glaubt besei-
tigen zu können, dass sie 'mittlere bürgerschulen' gründet. — Von
der noth der gymnasien ist keine rede.
Aus Dr. Bulle's Jahresbericht über die literarische gesellschaft in
Bremen giebt auszug D. Reichsanzeiger n^. 16.
Ueber die auffindung der gärten des Maecenas auf dem Es-
quilino wird der Augsburger Allg. Ztg. nr. 13 berichtet: der jüngste
grosse fund über die Venus wird in der beil. zur Augsburger Allg.
Ztg. nr. 13 genauer und begeistert berichtet: darnach fällt die statue,
in jeder hinsieht ein meisterwerk in parischem marmor, in die zeit
nach Praxiteles. Uebrigens ist die statue mitten am halse, über
beiden knieen und über dem linken fusse zerbrochen, auch an der
nasenspitze leicht beschädigt, sonst aber im allgemeinen gut erhalten.
Die zu gleicher zeit ausgegrabenen gewandfiguren sowie ein Bacchus
sind von mittelmässiger arbeit: ungleich höher stehen zwei Tritonen,
meisterhaft aber ist die halbfigur des kaiser Commodus. - Noch weitere
mittheilungen s. im D. Reichsanzeiger nr. 19.
Berlin , 23. Januar. Der magistrat hat beschlossen , das neue
gymnasium an der halleschen Strasse Askanisches gymnasium, das an
der gartenstrasse Humboldt-gymnasium zu nennen.
Am 8. Februar feiert die Universität Leyden ihr 300jähriges be-
stehen. Einladungen der feier beizuwohnen sind an die deutschen
Universitäten ergangen.
Die National-Ztg. theilt aus Athen mit, dass beim aufräumen
des Ilissosbettes innerhalb der zweiten eisenbahnbrücke arbeiter reste
alten mauerwerkes, dann einen kolossalen marmortorso, wie es scheint,
ohne eigentlichen werth gefunden haben, dann aber ein grabdenkmal
von ausgezeichneter Schönheit. Gegenstand der darstellung ist der
jähe tod eines in der blüthe der jähre stehenden mannes. Drei per-
sonen in lebensgrösse sind dargestellt , der verstorbene selbst , leider
ist das gesiebt sehr verstümmelt, dann ein alter diesen anschauender
mann , und ein kleiner knabe , unterhalb des rechten knies des ver-
storbenen stehend, den köpf vor müdigkeit und trauer auf den armen
gestützt. Dazu auf der andern seite des verstorbenen ein hund, der
mit am boden schnuppernder nase bis zu den füssen des alten vor-
geht, als wolle er ihn auffordern, ihm das räthsel des todes zu lösen.
Vgl. D. Reichsanz. nr. 24 beil. 1.
In Treitschke und Wehr. Preuss. jahrb, XXXIV, 2, p. 149 flg.
sind abgedruckt: 'sechzehn thesen über die gymnasialreform ' von
Tycho Mommserij zuerst ein Vortrag, am 26. mai 1874 auf der mittel-
rheinischen gymnasiallehrerversammlung zu Auerbach an der Berg-
strasse gehalten , der hier mit vorrede , nachwort und anmerkungen
vermehrt, wiedergegeben wird. Wir machen wegen des vielen treff-
lichen, was er enthält, nachdrücklichst auf ihn aufmerksam und
theilen die thesen selbst mit, indem wir nur ab und zu eine kurze
bemerkung in klammern hinzufügen, weil wir in einem der folgenden
hefte auf mehre der hier berührten fragen zurückzukommen gedenken,
verweisen übrigens auf Philol. Auz. IV, 1, p. 6, wo zu unserer freude
so manches mit Mommseh's ansichten stimmendes gesagt worden.
Kr. 1. Kleine philologische zeitung. 65
Die erste thesis lautet: das gymnasium ist eine vorbereitungsschule
für die Universität : es soll und kann keine abschliessende bildung
gewähren. [Dagegen wird jetzt gar vielerwärts gesündigt: die der
philologie angeblich beflissenen kommen auf die Universität mit dem
glauben, sie wären fertig und hätten Vorlesungen nicht mehr nöthig:
woher sonst auch bei so vielen der fast unglaubliche hochmuth ?] —
IL Dazu dienen als hauptmittel in erster linie die classischen sprachen,
in zweiter linie die mathematik, in dritter der deutsche aufsatz. [Die
der mathematik angewiesene stelle ist mir sehr bedenklich.] — III. In
den classischen sprachen ist das hauptziel ein bequemes und sicheres
verständniss der Schriftsteller und das kennenlernen der besten werke
der griechisch-römischen literatur — erst als zweites kommt dazu
auch die völlige grammatische correctheit und stilistische fertigkeit
im schriftlichen ausdruck. Kann also beides nicht vollständig erreicht
werden, so ist es besser, dass im zweiten punkt nachgelassen werde.
[Dies verstösst gegen I : man will also doch abschluss ; zweitens wird
die altersstufe der schüler nicht gehörig berücksichtigt — gar manche
classiker können dieser wegen entweder gar nicht oder nur ausnahms-
weise gelesen werden: selbst die stelle, welche jetzt Sophokles einnimmt,
müsste meistens Euripides haben. Vielmehr hat man das vielerlei der
lehrgegenstände zu beschränken {ixon multa, seil multum), den Unterricht
in den classischen sprachen zu erweitern; aber vor allem muss latein-
schreiben und grammatik an erster stelle stehen : denn darin kann der
schüler eine Sicherheit erlangen: aus dieser Sicherheit erwächst die lust
zu eignem arbeiten , erwächst der anfang des forschens ; diese lust zu
erwecken muss für das gymnasium die hauptaufgabe sein : aber daran
denkt niemand mehr: nur aufgeben und wieder aufgeben ist die
parole , so dass der schüler auf der schule gar nicht zur besinnung
kommt!] — IV. Demnach muss das abiturienten-examen in diesem
sinne (und auch in andern punkten) wesentliche Veränderungen
erfahren. [Es wird jetzt überhaupt viel zu viel examinirt und
darauf viel zu viel gewicht gelegt.] — V. Ist die hauptaufgabe
des gymnasium das vertraut werden mit den alten Schriftstellern , so
ist es mehr als je pflicht , dass dem gebrauch unerlaubter oder allzu
bequemer hülfsmittel bei der präparation in aller weise entgegen-
gearbeitet werde , nicht nur seitens der schule selbst , sondern auch
seitens der Staatsregierungen. [Dass ich gegen hülfsmittel der art
kämpfe, zeigt der Ph. Anzeiger überall: aber wirkliche hülfe kann nur
von den lehrern selbst kommen: tüchtiger Unterricht macht esels-
brücken unmöglich. Aber tüchtigen philologischen Unterricht zu be-
schaffen dürfte allmählich den gymnasien immer schwerer werden,
da die philologen, welche jetzt als solche von den Universitäten ent-
lassen werden , nur ausnahmsweise wirklich philologie studirt haben ;
denn die sogenannten wissenschaftlichen prüfungscom-
missionen vernichten das wissenschaftliche studium und so
lange dieser krebsschaden an den Universitäten nagt, dürfte
jeder versuch zur abhülfe mit einem schlag ins wasser zu vergleichen
sein] — VI. Wenn auch einige academische corporationen den ver-
such haben machen wollen oder im einzelnen auch machen mögen,
mit anders als durch das gymnasium vorbereiteten schülern ihre auf-
gäbe zu lösen, so hat der staat doch, da bisher alle experimente der
art sich als misslungen erwiesen haben , keinen grund , deshalb seine
gymnasien zu ruiniren. — VII. Von einer bifurcation also oder trifur-
cation zu gunsten der gleichmässigkeit mit der realschule auf kosten
des kerns des gymnasialunterrichts kann nicht die rede sein. —
VIII. Insbesondere kann das griechische nicht erst in Mb beginnen,
ohne das gymnasium zu degradiren. [Die Odyssee muss so früh als
Philol. Anz. VII. 5
66 Kleine philologische zeitung. Nr. 1.
möglich gelesen, meines erachtens schon mit erlernung des lesens in
Verbindung gebracht werden.] — IX. Ebensowenig zweckmässig scheint
es, das französische, wenn auch dies für das gymnasium weniger wichtig
ist, erst mit Illb anfangen zu lassen. [Man könnte vielmehr nach
alter sitte damit erst in II anfangen , muss überhaupt bedenken,
dass in dergleichen wie früher gar viel der Universität und späteren
jahren — man lernt das ganze leben hindurch — überlassen bleiben
darf.] — X. Ob das gymnasium auch, auf der einen oder der andern
stufe, zum einjährigen freiwilligendienst vorbildet, ist für das gymna-
sium eine nebensache. Ueberhaupt sind diese und ähnliche an den
besuch des gymnasium geknüpfte staatliche berechtigungen, wenn sie
dessen hauptzweck beeinträchtigen , als ein gefährlicher feind aller
höheren cultur anzusehen. [Das ist nicht genug zu beherzigen! Vgl.
die trefflichen worte von Lagarde das verhältniss des deutschen
Staates zu theologie u. s. w. p. 55.]. XL Die Universitäten haben vor
allen dingen solche lehrer zu liefern, die für ihr fach begeistert sind ;
die philologischen insonderheit sollen eine tiefe einsieht in das clas-
sische alterthum und eine hingebende liebe für die forschung in dem-
selben von da mitbringen. [Das ist, wie schon oben, zu thesis IV,
angedeutet, bei der jetzigen läge der Universität ein ding der Unmög-
lichkeit! Die gymnasien entlassen die schüler nicht nur übersättigt
und matt — auf der Universität müssen sich ja die armen von den
strapatzen der schule erholen, klagen die alten, selbst directoren — ,
sondern auch ohne alle anleitung zu eigner arbeit, um nicht for-
schungzusagen: schon in sexta spukt das examen und nur für dieses
wird gearbeitet: auf der Universität denkt man auch nur an die prü-
fungscommission, und der professor der philologie, welcher im philolo-
gischen seminar und in den Vorlesungen von begeisterung des philo-
logen und von forschung spricht , predigt tauben ohren. Crede ex-
perto. In weiteren kreisen ahnt man gar nicht, wie sich das
studium der philologie auf Universitäten verschlechtert hat, seitdem
sie zum brodtstudium geworden !] — XII. Von den landesvertretungen
und communalverwaltungen ist eine liberale regelung der gehalte zu
verlangen , auf grund eines richtigeren prineips der besoldung. Un-
zureichende einnahmen demoralisiren den stand der gymnasiall ehrer;
alles was bisher geschehen, ist nur palliativ gegen die täglich zu-
nehmende entwerthung des geldes. Gründliche hülfe wäre aber darin
zu sehen, dass die lehrer (oder die beamten überhaupt) kein absolutes,
sondern ein im verhältniss zu dem preise der notwendigsten lebens-
bedürfnisse normirtes, also relatives gehalt bekämen. [Klingt bedenklich.
Und wo bleiben die schulbibliothek en? Für sie, doch eine
lebensfrage für die gymnasien, wären vor allem andern ausreichende
mittel zu verlangen!]. — XIII. Bei der anstellung von gymnasiallehrern,
namentlich der höheren categorien, bei beförderung und vertheilung
von titeln u. s. w. ist es zu wünschen, dass von den regierungen in
erster linie auf die wissenschaftliche, in zweiter auf die
tüchtigkeit des praktischen schulmannes gesehen werde, —
jede rücksichtnahme auf andre dinge, wie auf religiöse oder politische
meinungen, bringt dem gymnasium intellectuelle und sittliche gefahren.
— XIV. Es wäre auch wünschenswerth für das gedeihen der gymna-
sien, dass die gymnasial-directoren so viel als möglich von admini-
strativen geschälten entlastet würden, damit sie sich der wissenschaft-
lichen und didactischen hauptaufgabe ihres berufes mehr als unter
den jetzigen umständen möglich ist, wieder hingeben können. [Sehr
wahr!] — XV. Das programmwesen könnte in ganz Deutschland
durch eine feste allgemeine Ordnung sehr gewinnen. — XVI. Die
Berliner octoberconferenzen des vorigen jahres sind mit ehrfurchtsvollem
Nr. 1. Kleine philologische zeitung. 67
flanke gegen den herrn minister zu begrüssen, als ein zeichen, dass
die ernste absieht vorhanden ist , den gymnasialunterricht zu heben ■
und die gründe der klagen der Universitätslehrer ihrer ganzen Wahr-
heit nach zu erforschen. Hierfür aber ist unseres erachtens nothwen-
dig : 1) dass diese berathungen fortgesetzt und auch auf diejenigen
dinge ausgedehnt werden, in -welchen manche, z. b. Peter in seiner
schrift: 'ein Vorschlag zur reform unserer gymnasien 1 , die hauptmängel
der jetzigen einrichtung sehen; 2) dass auch die stimme der neu
erworbenen provinzen der monarchie und der übrigen länder
des Deutschen reichs gehört werden. [Meinetwegen , obgleich genug
berathen ist; gehandelt muss werden und zwar rasch, damit unsre
feinde uns nicht überwinden. Soll aber so berathen werden , dass
etwas dabei herauskommt, so sind die mitglieder der commission
wenigstens zum theil 1) von den provinzen zu wählen, müssen
2) die Universitäten vertreten sein und von diesen wieder vor
allen die philosophischen fakultäten: wer vermag denn besser die lei-
stungen der gymnasien zu beurtheilen, als der wirklich freie lehrer auf
der Universität? Aber die hauptschwierigkeit bei diesen thesen — und
ob sie Mommsen sich wohl klar gemacht hat? — und die hauptsache,
wenn das deutsche unterrichtswesen vorwärts kommen, d. h. dem jetzigen
politischen und geistigen zustande Deutschlands entsprechend organi-
sirt werden soll, dürfte in einem andern angriffspunkt so wie in der
für ihre durchführung erforderlichen reformation gar vieler unserer
jetzigen einrichtungen liegen. Um nur weniges hervorzuheben: nicht
gymnasium, realschule gesondert, sondern das gesammte unterrichts-
wesen muss geprüft werden , um die richtige Stellung der verschie-
denen, jedoch für das bedürfniss noch nicht genügend verschiedeneil,
anstalten zu einander zn finden : an erster stelle aber als dem allein
richtigen angriffspunkt die Universitäten, der köpf und das herz
des deutschen Schulwesens, der sicherste hört der wahren freiheit
und gesittung deutscher nation, sobald ihnen ihre hohe, jetzt ver-
kümmerte Stellung durch zeitgemässe fortbildung und sorgliche pflege
gewahrt wird: gesunden sie, so gelangt auch das gymnasium zu voller
biüthe. Dazu bedarf es aber der eben berührten reformation : selbst
die Oberleitung ist neu aufzubauen: denn man muss die jetzige ein-
richtung, welche ein unmögliches, die Verantwortlichkeit nämlich für
drei völlig disparate verwaltungszweige , einem manne aufbürdet,
beseitigen, für das unterrichtswesen aber vermöge seiner hervor-
ragenden geltung einen leiter bestellen, der als im lehrfach selbst
thätig gewesen und unterstützt durch umfassende kenntniss der literatur
der gegenwart die geeignetsten ratbgeber zu finden und zu controlliren,
überhaupt die ganze Sachlage tief aufzufassen vermag. Wäre das be-
schafft, dann erst könnte mit aussieht auf erfolg berathen werden, ob
die grossen , die hauptstädte in der jetzigen entwicklung für die
deutsche Universität passende pflegestätten seien, also auch die dauer
Berlins als Universität in trage gestellt werden müssen: — auch ent-
schiedenwerden, wie die berufungen an Universitäten, eine lebens-
frage für diese, wieder in vollem umfang herzustellen, wie gegen ein-
flüsse der politischen parthei, der literarischen clique, der schule, der
landsmannschaft sicher zu stellen — und das würde weiter führen
auf die nothwendigkeit von collegien in den provinzen, welche mög-
lichst selbständig die Universitäten nach den erprobten grundsätzeu
des früheren hannoverschen curatoriums leiteten, das ministerium
entlasteten und miteinander wetteiferten — und käme dies zu stände,
so würde sich herausstellen , wie so manche kostspielige , nicht viel
nützende, ja schädliche , in der neuzeit gegründete institute zu ent-
fernen, andere als veraltet zeitgemäss umzugestalten seien, so die
68 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 1.
philologischen seminare: denn die befinden sich noch zumeist
io dem zustand ihrer ersten einrichtung — soll dies und auch das
was damit noch zusammenhängt nicht bloss gefragt, sondern wirklich
ausgeführt werden , so möchte man ausrufen , die deutsche Unter-
richtsfrage verlangt zu ihrer lösung mehr als menschliche kräfte,
verlangt die von riesen : aber das christliche deutsche volk ist
auch ein riese ! — Dies einige gedankenspähne zu Mommsen's
thesen : darin sind wir einig, soll das begeisterte streben nach idealität
und Sittlichkeit im deutschen reich nicht vom materialismus und den
freunden der finsterniss überwunden werden, so müssen den gym-
nasien und Universitäten als breiteste basis die classischen studien
erhalten bleiben. Wenn aber Mommsen mit den versen schliesst;
Dass in ein Wespennest ich stach'
Das werd ich bald erfahren;
Doch bleibt was heute meine schmach
Mein rühm nach hundert jähren,
nun, so hoffe ich, ihm von der schmach etwas abgenommen zu haben :
der wissenschaftliche mann kann nicht anders, so wie er denkt, so
spricht und schreibt er auch , strebt auch immer nach den höchsten
zielen: xal niQav növroio ntilXovT ultwi. — E. v. X.]
Auszüge aus Zeitschriften.
archäologische Zeitung. Herausgegeben von Ernst Curlius
und Richard Schöne. Neue folge. Bd. VII, 1 — 3 heft, der
ganzen folge Jahrg. XXXII: Berlin, G. Reimer, 1874: A. Michaelis,
die privatsammlungen antiker bildwerke in England , p. 1 — 70,
dazu taf. 1 — 6 und ein zusatz p. 120: resultat einer mit Matz
1873 unternommenen reise. — B. Gräser, antike darstellung eines
griechischen dreireihenschiffs , p. 71 — 80, dazu taf. 7. — R. Förster,
zur aldobrandinischen hochzeit, p. 80 — 92. — R. Kekule, Athene und
Marsvas, marmorrelief in Athen, p. 93; dazu taf. 8. — Derselbe, Zeus
Talleyrand, p. 94-99: dazu taf. 9, dabei ein zusatz von J. Bernays,
der die überlieferte lesart ra xoiva in Paus. V, 11,1 schützt. — Mis-
cellen: R. Förster, archäologische miscellen 1 — 5, p. 99 — 106: sie be-
ziehen sich 1) auf Mandrokles bei Herod. IV, 88, wo ygat/todui, ge-
nommen wird = maleu lassen; 2) leugnet, dass die bei Visconti M.
Piocl. III, p. 85 besprochene statue des Menander die von Paus. 1,
21, 2 erwähnte sei; 3) bespricht den östlichen fries des Niketempels
auf der akropolis zu Athen; 4) bezieht sich auf ein in der Archäol.
ztg. 1863 taf. 172 publicirtes relief; 5) bringt beitrage zu der Hope'-
schen vase und dem Sarkophag von Wiltonhouse, eine vertheidigung
gegen Jen. Lit. Ztg. 1874, nr. 23. — Carl Robert, zur tabula Iliaca
des capitolinischen museums , p. 106 — 109; sucht ganz genau festzu-
stellen, was jetzt noch auf dem original zu erkennen ist. — P. Per-
ranoglu , Athene Lemnia des Pheidias, p. 109. — P. Weizsäcker, die
aufstellung der bildwerke in den propyläen zu Athen, p. 110. —
JH. Brunn, der wiener Iokopf, p. 112. — Berichte: aus dem britischen
museum, p. 112; bericht über die festsitzung des archäologischen in-
stituts in Rom, p. 113; über die Sitzungen der archäologischen gesell-
schaft zu Berlin vom 6. Januar, 3. februar, 4. märz, 14. april, 5. mai,
2. juni, 7. juli 1874. — Berichtigung von 31. H. zu Arch. Ztg. 1872,
taf. 12, nämlich dass die fig. 2 nicht ein gebäck sondern einen
schinken in der band halte, wonach anzunehmen, dass selbige einen
koch darstelle.
Nr. 2. Febrnar 1875.
Philologischer Anzeiger.
Herausgegeben als erganzung des Pliilologus
Ernst von Leutsch.
37. Nomi locali del Napolitano derivati da gentilizi Italici
di Giovanni Flechia. Stamperia reale di Turin di G. B. Paruvia.
1874. (Separatabdruck aus dem Atti della reale Accademia
delle Scienze di Torino, vol. X). —
Unter den italienischen Sprachforschern ist einer der be-
kanntesten der professor der Universität Turin Giovanni Flechia.
Zu den mannigfachen Studien, welche dieser gelehrte behufs
einer historischen grammatik der italienischen spräche anstellte,
gehört auch obige treffliche abhandlung.
Es giebt in Italien eine anzahl Ortsnamen, die ohne zweifei
aus altitalischen eigennamen entstanden und mit dem celtischen
suffix — aco oder dem lateinischen — ano gebildet sind. Dass
man mit dem suffix ano seit uralter zeit in Italien Ortsnamen
bildete, zeigt Corssen (U. d. Spr. d. Etrusker I, p. 336), wo
das etruskische pach-ano (paganus) erwähnt wird neben den
lateinisch - etruskischen städtenamen Hort-anu-m, Su-ana, Tusc-
an-ia. In der kaiserzeit bildete man mit diesem suffix adjectiva,
die mit Wörtern wie fundus, villa, praedium u. s. w. die besitzer
bezeichneten. Später wurden die beiworte eigennamen. Dass
dies schon früh geschehen, zeigt die pompejanische inschrift:
venies ad Gabiniu (m), wo Gabinianum ohne zweifei aus einem
praedium Gabinianum entstanden ist.
Ortsnamen auf — aco findet man besonders in Norditalien.
Die meisten auf — ano gehören dem neapolitanischen Sprach-
gebiete an und gerade diese sind in Flechia's schrift untersucht.
Der erste theil der abhandlung bespricht die süditalienischen
Sprachgesetze, um der Interpretation einen festen grund zu geben.
Philol. Anz. VII. 5 a
fö äö. Grammatik. $fr, 2.
Es folgen dann fast 300 Ortsnamen, deren italischer Ursprung
mit kurzen bemerkungen nachgewiesen ist. Die mehrzahl weist
ihre ursprüngliche form ganz leicht auf. So namen wie Aci-
liano, Aquilano , Giuliano u. s. w. von Acilius (Acilianum),
Aquilius (Aquilianum) Iulius (Iulianum) u. s. w. Andere
aber bedürfen grössern Scharfsinn und grosse kenntniss der
Sprachgesetze: so Occiaao (Oppius, Oppianum), P ettoriano
(Pictorius, Pictorianum), Prepezzano {Propertius, Propertianum) u. s. w.
Wer die grosse bedeutung der Ortsnamen für die ethnogra-
phie kennt, der muss dieser dissertation seine vollste aufmerk-
samkeit zuwenden, da sie manche willkürlichkeiten beseitigt hat.
Es ist bekannt, dass die forscher über die urbewohner der ita-
lischen halbinsel ihre conjecturen die meistens ganz grundlos
waren durch Ortsnamen zu befestigen suchten. So z. b. gilt dies
vom prof. Padula, der überall semitische Ursprünge finden will,
in Süditalien namentlich bei einer reihe von namen aut ■ — ano,
die er mit hebräischen Worten zusammenbringt. Es genüge nur
den namen Valenzano zu citiren, den jener aus dem hebräischen
Ba — Jcal — haschan (habens fumum) ableitet, während er
ohne zweifei auf Valentianum von Valentins zurückweist. Solche
fantasien sind jetzt nicht mehr möglich. Somit sind diese Studien
von grosser Wichtigkeit, weil blos wenn die italienischen dialecte
in dieser weise gründlich untersucht worden sind, man für die
ethnographischen Untersuchungen einen festen grund gewin-
nen wird.
G. G.
38. Versuch einer Charakteristik der römischen Umgangs-
sprache, von 0. Eebling. — Vor dem 'Jahresbericht über die
Kieler gelehrtenschule von ostern 1872 bis ostern 1873.' —
27 pp. 4o. (Berlin, Calvary und comp. 10 sgr.)
Dieser versuch auf einem, wie schon Pott (p. 8) bemerkte,
mit unrecht lange vernachlässigten gebiete bezeichnet sich selbst
p. 20 als ein nur die hauptsächlichsten gesichtspunkte ins äuge
fassender und auf eine kleine beispielzahl sich beschränkender.
Er verzichtet also auf Vollständigkeit in jeder beziehung und
zeigt in der that, zumal auch die anordnung unklar und die aus-
arbeitung flüchtig ist, einen fragmentarischen charakter und un-
bestimmte umrisse. Eichtiger dürfte es gewesen sein entweder
ffr. 2« 38. Grammatik. 71
eine vereinzelte partie des weitschichtigen materials er-
schöpfend durchzuarbeiten und sei es auch nur aus einem be-
stimmten verfasserkreise (z. b. die metaphoren — aus den pal-
liaten) , oder eine schärfer begränzte , möglichst lebhaft , klar
und übersichtlich geschriebene skizze zu geben von allen
eigenthümlichkeiten und diese mit musterbeispielen zu belegen.
Was in ersterer weise auf kleinem räume geleistet werden kann,
und was für lichtstrahlen schon von hier aus auf einen grossen
umriss zweiter art fallen können, lehrt der vorzügliche aufsatz
Wölfflin's 'Bemerkungen über das Vulgärlatein 1 im Philol.
XXXIV, p. 137 — 165, der berichtigend und ergänzend zu wesent-
lichen partien des Versuches von Bebling hinzutritt. Vielleicht
giebt uns auch dieser gelehrte bald eine solide und sauber aus-
geführte arbeit der einen oder der anderen art, wozu ihn seine
gewiss reichen Sammlungen und sein geschick im auffinden und
behandeln des hierher gehörenden befähigen dürften. Bei Bebling
ist die innegehaltene methode der einzelnen Untersuchungen, wenn
auch nicht die einzig zulässige, so doch gut gewählte ; die grenzen
derselben (p. 5) , die verschiedenen stufen in der Volkssprache
selbst (p. 6), ihre unterschiede (p. 8 — 10), sind gewiss richtig
getroffen. Die höchste bildet nun eben der sermo cotidianus, den
auch die gebildeten redeten , besonders wenn sie sich gehen
Hessen und zum bequemen umgangstone hinabstiegen. In for-
meller beziehung stand er dem reinen sermo urbanus wohl gleich,
handhabte aber die syntax und die phraseologie freier , was
sogleich, etwas unorganisch, durch einige vorweggenommene bei-
spiele gezeigt wird : durch bene = rnultum bei adjeetiven, durch
die zahlreichen composita mit con (gehören zur Wortbildung p.
14 f.), durch den prädicativen gebrauch mehrerer adverbia bei
esse und fieri. Für das erste und zweite mnss Wölfflin p. 140
f. und p. 158 ff. herangezogen werden, noch weit mehr p. 138 f.
für die bei Bebling p. 8 sehr ungenügend aufgezählten quellen.
Imfolgenden stellt nun der verf. zuerst die mehr äusser-
lichen beitrage zur gestaltung der einstigen römischen Volks-
sprache zusammen (p. 10 — 13): vereinzelte sjmren bei den Ver-
tretern des reinen classicismus, zahlreichere bei literarisch unge-
bildeteren Schriftstellern, reminiscenzen aus der altlateinischen
poesie bei den archaisten u. a. bis zum romanismus hinab —
und sucht dann die inneren momente hervor, die den wichtig-
5 *
72 08. Grammatik $*. 2.
sten einfluss ausgeübt haben mögen: die lust an zahlreichen
neuen und kühnen bildungen p. 13 — 15, die aus der lebhaftig-
keit der rede und dem streben nach deutlichkeit und nachdruck
entspringenden phraseologischen eigenthümlichkeiten p. 15 — 17,
die dem bildungsgrade und dem anschauungskreise der mittleren
und niederen volksklassen entsprechende wähl der ausdrücke
p. 17 — 20. Diese drei abschnitte sind das beste des Eebling'-
schen Versuches : sie enthalten manches interessante , treffende
und anregende; anderes ist freilich in auffallender weise zu kurz
gekommen , wie die syntaktischen eigenheiten p. 15, oder nicht
einmal angedeutet, wie die im komödiendialoge so zahlreichen
asyndeta begriffsverwandter Wörter. Ueberall aber drängt sich
beim durcharbeiten (denn zum blossen durchl e s e n ist die arbeit
nicht) der wünsch auf, dass die (oft auch verdruckten) citate
nach einem festeren principe und mit ganz anderer Sorgfalt ge-
geben worden wären. Das gegebene kann an umfang gering
sein, aber dieses geringe stehe vollständig und genau ausgeführt
da. Hier hingegen liegt gar zu viel nur angefangenes oder
halbfertiges vor : überall muss nachgeprüft, berichtigt, vervollstän-
digt werden. Seinem p. 11 anm. angedeuteten principe, nur die
in den lexicis nicht enthaltenen stellen genau anzugeben, bleibt
der vf. nicht immer treu: sonst hätte er z. b. die vielen sprich-
wörtlichen redensarten mit manus p. 18 kurz abgemacht und
statt ihrer weniger bekannte metaphern gesetzt, die die Um-
gangssprache in menge vom körper, von der wohnung, vom täg-
lichen leben entlehnt. Und wenn p. 11 die sechs stellen für
quantusquantus nach Verfasser und Schrift bezeichnet werden, warum
dann nicht noch in einer viertelzeile die zahlen dazu geben?
Ebendaselbst hätten Zusammensetzungen wie ubiubi, undeunde,
circumcirca , transcontra angedeutet werden sollen, die jetzt auf
p. 17 isolirt dastehen. Von ungenauigkeiten bemerkt man auf
jener p. 11 (um bei dieser zu bleiben): degrumari für degrutnare
Ennias [Ann. 430], Lucilius multigrumus für Lucilius [sat. III, 5
Müller] degrumabis, Laeuius ap. Gell. XIX, 7, 15 multigrumus; bei
suppetias hätte suppetiari nicht fehlen sollen, das auch Cic. Ep. ad
Att. XIV, 18, 2 gelesen wird und bei Apuleius öfter vorkömmt. —
Am Schlüsse p. 20 — 27 sammelt Kebling, 'um auch etwas ganzes
zu bieten, das der gesammtuntersuchung zu gute kommen könne, '
die in der schritt des älteren Seneca Sent. diuis. col. vorkommen-
Nr. 2. 39. Homeros. 73
den spuren mehr oder weniger volkstümlicher ausdrucksweise,
eine interessante und dankenswerthe Zusammenstellung, zu der
wir uns nur die kleinen bemerkungen erlauben , dass die con-
struction supplicare alicpiem p. 23 nicht ohne analogien bei
Plautus ist, s.Most. 181 L. ; dass die erklärung des ergo p. 24
bedenklich erscheint, vgl. Piniol. XXXII, p. 235 ff., und dass
malum habere (p. 26) auch Cic. de legg. I, 14, 41, hoc deerat
'das fehlte nur noch' (p. 27) auch Cic. Verr. 2, 5 stehen.
Aug. O. Fr. Lorenz.
39. Homerische Studien. Beiträge zur homerischen prosodie
und metrik von W. Hartel. 2. aufl. Berlin 1873. 8°. IV
und 130 s. — 3 mk.
Mit umsichtiger benutzung der einschlagenden momente,
namentlich der etymologie und den messungen von Brücke, unter-
sucht Hartel zuerst die kurzen vocalisirten auslaute, welche vor
einfacher oder als einfach erscheinender consonanz verlängert
werden. Für das i des dat. singularis und das u des neutr. plu-
ralis nimmt er ursprüngliche länge in ansprach. Sonst schreibt er
wohl mit recht, wenn auch gegen Curtius u. a., der liquida und
dem ß in folge ihrer physiologischen beschaffenheit gewisser-
massen eine länge d. h. eine vollere ausspräche zu, durch welche
die liquida z. b. die consonantgruppen rm sn sr zerstöre und
bei gewissen , nicht allen , stammen, auch wenn sie einfach sei,
die kraft habe eine doppelconsonanz zu ersetzen und also im
anlaut den vorhergehenden auslaut zu verlängern. Wie gewisse
ursprüngliche lange vocale kurz wurden, andere lang blieben,
so können nach Hartel die liquiden in gewissen stammen diese
eigenschaft verloren, in andern länger bewahrt haben. Aller-
dings bleibt noch die möglichkeit, welche Hartel nicht bespricht,
dass diese sog. länge noch unbewusster rest einer doppelconsonanz
war, wie wir ja auch im deutschen solche volltönende liquiden
in 1 und r mit alten hauchlauten kennen, und im griechischen
an dem Spiritus asper des o. Die längung de to%ov O 478 ist
eine falsche bildung veranlasst durch die 75 fälle, wo de vor
einer liquida lang wird, auch a 40 o 249 und das von Hartel
hier nicht genannte ^45 fügen sich nicht den sonst gültigen
normen. Im ganzen betreffen alle fälle, wo auslautende kürze
vor einfachem consonanten lang erscheint, eng zusammengehörige
74 39. Homeros. Nr. 2.
worte ohne interpunction. In der zweiten grossen masse hieher
gehöriger falle, wo consonantischer auslaut vor vocalischem anlaut
gelängt wird, wirkt eintretende interpunction mit in 172 bei-
spielen von 417. Warum sie dies kann ist sehr sorgfältig nach-
gewiesen, indem durch vergleichung der position von muta cum
liquida die versstellen aufgefunden werden, an welchen der Vor-
trag eine hemmung durch doppelten anlaut verträgt oder nicht
verträgt. Die fälle ohne interpunction anlangend, so ist die
längung gerechtfertigt bei den silben, welche ursprünglich von natur
lang waren. Zu diesen gehören ig iv vg vv 3 die dualendung —
iv fiiv tiqIv ndliv, die verbalendungen — uv ov als aus avx
ovt entstanden, 6ufiuQ,iiir du[x(xoQ, tiuq x 242 für tiuqq und sogar
xiv fjtiv yug. In sehr vielen fällen wird ursprünglich conso-
nantischer anlaut des folgenden Wortes angenommen, sogar für
^I&dxq. Endlich wird die wortform als entschuldigung für
längung angeführt, da ja (Toiptorigog und rjvs/josig sogar in der
schrift den versuch die längung auszudrücken zeigen. Auch
für den schwindenden Spiranten z. b. in vrjpag dipog nimmt
Hartel das recht in anspruch, den folgenden vocal mit hilfe der
arsis zu längen. So bleiben ihm nur 248, 6 62, & 283,
ferner A 27 ov löqioaa wo er nicht auf (cp)[dgcüGa recurrirt
und in der ersten arsis , welche die freiheit der uxicpuloi hat,
X 236 ß 154 als ungerechtfertigt zurück; eine überraschend
kleine zahl, die allerdings sich um ein geringes mehrt, wenn
man die eine oder andere seiner früheren erklärungen nicht
billigt. Im grossen und ganzen muss man anerkennen, dass
das gebiet der willkürlichkeiten innerhalb der homerischen verse
in engere grenzen eingeschränkt ist als man bisher zu glauben
geneigt war.
Giseke.
40. De differentia orationis Homericae et posteriorum epi-
corum in usu epithetorum certis substantivis vel certo substan-
tivornm generi plus minus firmiter adhaerentium. Scr. G.
Kopetsch. Programm. 4. Lyck, 1873. — 20 s.
Der weite abstand, der die spräche Homer's von der seiner
nachfolger trennt, kann kaum lebendiger vor äugen geführt
werden, als durch die stehenden beiwörter Homer's in ihrer er-
scheinung bei den spätem. Daher ist eine solche zusammen-
Nr. 2. 40. Homerös. 7ä
Stellung auch nach der arbeit von Th. Fischer ein verdienst-
liches werk. Um aber belehrend zu sein, muss sie den gang
der Veränderung nach den unterschieden der bedeutungen son-
dern und z. b. sichtbar machen , welche adjectiva in derselben
bedeutung wie bei Homer, nur andern Substantiven beigegeben
werden, welche auch die bedeutungen ändern, und bei welchem
dichter sie das thun , endlich ob in dieser änderung ein gesetz
erkennbar wird das sich auf mehrere adjectiva erstreckt. Vf.
betrachtet aber jedes adjectivum allein für sich und zerreisst
dadurch den Zusammenhang , selbst beim einzelnen adjectivum
fängt er erst im zweiten theile seiner arbeit an die entwickelung
der bedeutung anzugeben, die adjectiva selbst aber ordnet er
nach den Substantiven mit denen sie Homer verbindet, so dass
solche, welche ähnliche entwickelung genommen haben von ein-
ander getrennt werden und man statt eines gesammtbildes so
viel einzelbilder erhält als adjectiva sind. Schon die Überschriften
deuten an, wie äusserlich geordnet ist, z. b. pars 1 cap. 2 de epithetis
quibus Homerus lieroes potissimum exornat ; cap. 3 de epithetis ho-
minibus ab Homero attributis. Sind denn die heroen keine men-
schen? oder pars 2 cap. 2 de verum artificiose fabricatarum epi-
tlietis und cap. 3 de armorum epithetis. Vollständige Sammlung
der homerischen stellen war nicht beabsichtigt , aber von den
Substantiven, welche bei Homer ein gewisses beiwort erhalten,
sollte doch keines fehlen. Doch fehlt bei Iqidovnog dxrdu)v aus
Y 50 und bei ilnloxa^o^ fehlen Tocoui dfiwuC ^AfidSua u/A(p(noXoi,
xovgat Mvxr\vr\ und aus den hymnen 2s%yrrj ; bei aidoiog fehlt
^/toc TiuQuxonig 479 und aus Hesiod JCxrj. Der laiög äfiat-
fiuxeiog 5 311 kann nicht als auf Ulixes herabfallend gedacht
werden , er schwimmt im meere und da ergreift ihn der schiff-
brüchige, A 115 analöv r\iog geht nicht auf den körpertheil,
sondern auf das zarte leben des jungen hirsches, x 226 ist noixtkog
iXXög nicht das bunte thier, sondern das kunstwerk an der
spange-, nolvxlvaiog hat auch bei Homer die passive bedeutung
multum concussus, nicht die active valde adluens. Gisehe.
41. Zur bildung der homerischen infinitivformen. Von P. M.
Simmerle. Programm des gymn. zu Hall. Innsbruck 1873
gr. 8°. 16 s.
Die schrift ist ein kurzes referat aus den werken von Bopp
76 42. Homeros. Nr. 2.
L. Meyer u. a. : In ihr erklärt sich vf. gegen den ausfall des (ji> in
— fiivui und also für zwei infinitivsuffixe — fievut und — (f)i'at, ver-
wirft mit Renner die formen (pvyitiv für tpvyttv, erklärt den infinitiv
für einen dativ nicht einen locativ mit Bopp , dem er auch in
der hehandlung von XvGai, und XvGaad-m folgt. Dann gibt er
ein alphabetisches verzeichniss aller infinitivformen auf — fisvut
und — [xtv mit bezeichnung über die länge und kürze der letzten
silbe vor vocalen und consonanten und endlich eine tabellarische
Übersicht wie oft alle verschiedenen infinitive in den einzelnen
gesängen beider gedichte vorkommen.
Giseke.
42. De Iliadis carmine quodam Phocaico; scripsit Her-
mannus Usener, (gratulationsschreiben der Universität Bonn
zur feier des 300jährigen bestehens der Universität Leyden).
4. Bonnae 1875. 46 s. und eine tafel.
Emperius hatte zuerst die vermuthung ausgesprochen, dass
in der Ilias XI, 489 ff:
AXag de Tqwsgöip inaXfisvog slXs /foovxXop
JTgiapitSqv, vofrop vldv, s'ttshu Ss Ilävdoxov ovia,
ovra 6s yivcavSoov xal IJvQaGov qds JTvXagTTjP,
die spätere Umarbeitung eines älteren gesanges vorliege , in
welchem Aias besungen wäre als erfolgreich kämpfend mit dem
gott der unterweit Hades, welcher seine hände nach dem be-
drängten lind verwundeten Odysseus ausgestreckt hatte : die
vier namen Pandokos, Lysandros, Pyrasos und Pylartes seien in
jenem älteren liede beinamen des Hades gewesen. — An diese
entdeckung, welche Schneidewin (vorr. zu Emperii Opusc. p. IV)
schon gebührend gelobt hat, knüpft Usener an. Da während
der zeit, in welcher Menelaus und Aias auf den hülferuf des
bedrängten Odysseus herbeieilen, Odysseus als in höchster gefahr
schwebend in folgenden versen dargestellt wird, XI, 473 :
UfMpl d'uo* UVTOV
Tgiusg 'inovd^ wösC rs dacpotvol ß-iosg oQttiyiv
475 äfitp' £?M(ßOv xegaov ßtßXrjfjivov, ovt (ßaX i uvijq
Im utio vsvgrjg' rov fiiv r' rjXv^s nödsGßiv
(pivywv, ocpg' aijja Xtaqov xal yovvax oqwqtj.
avraQ imidri rovye Sa^aGGirui wxvg oißrög,
w[AO(pdyoi fiiv #wfg ip ovqsGi, daoduTtxovGiv
Nr. 2. 42. Homeros. 77
480 (V vffisi (fxtzoäi' Int rt X7v rjyays Satfitov
üCvtijv 3 weg fiiv rt diiroiöuv, nvruo o Saitin '
iSc Qa tot ctfjy ^OSvalria duupoovu noixiXoixr\xr\v
Tgajsc 'inov nolXot ts xai alxi^oi, uvtuq oy ijgwg
u'Cffßtüv w iyx H UfivvtTO vrjXssc rjfiao.
485 AXo.g S'eyyv&sv rjXß-f, cptocov adxoc rjvts nvoyov ,
GTrj 3£ 7iuo£%' Towbc Je fiiitgstfav aXXvSic aXXo* —
so meint Usener, die spitze des Vergleichs sei „ein löwe, welcher
einen hirscli mit den zahnen zerfleischt." Er zeigt, dass das bild
eines löwen (oder greifen), welcher einen hirscli (oder ein rind oder
schwein oder dgl.) zerfleischt, zu den beliebtesten darstellungen
der bildenden kunst seit den ältesten zeiten gehörte, und beginnt
in seiner aufzählung der einschläglichen kunstwerke mit recht
mit der assyrischen kunst, von der aus durch die Phoenikier
diese darstellung zu Griechen und Etruskern und übrigen Ita-
likern gekommen ist. Die Variationen, welche dieses thema in
der bildenden kunst im laufe der zeit erfahren hat , werden
fleissig gesammelt und geordnet. Wichtig sind namentlich die
darstellungen von thiere zerfleischenden löwen in mannigfachen
Variationen, welche sich 1) auf grabmälern (besonders Klein-
asiens, seltener ausserhalb dieser halbinsel), 2) auf orientalischen
münzen (besonders auch phoenikischen ; hervorgehoben werden da
mit recht namentlich die lehrreichen münzen von Kitium , auf
welchen einerseits Herakles den bogen spannend , andererseits
ein löwe mit einem hirsch dargestellt ist) finden. Da nun ähn-
liche offenbar dem Orient entlehnte darstellungen auf münzen
von Phokaea, wo zuerst münzen mit reliefartigen bildlichen dar-
stellungen geschmückt zu sein scheinen, und in Phokaea's kolo-
nieen ähnliche thierscenen erscheinen , so argumentirt Usener
unter benutzung der homerischen stelle etwa folgender massen :
1) spätere darstellungen von löwen (oder ähnlichen thieren)
welche einen hirsch (oder ähnliche thiere) zerfleischen, sind
hervorgegangen aus einer ursprünglicheren darstellung , in
welcher ein ein anderes thier zerfleischender löwe durch einen
zur rettung des bedrängten thiers herbeischreitenden bogen-
schützen verscheucht wird ; 2) die Phoenikier, Kyprier und
Kilikier verstanden unter dem ein tlrier zerfleischenden löwen
den dämon der unterweit, welcher um die verstorbenen mit den
guten genien kämpft (geschickt wird p. 33 fgg. das bekannte
78 42. Homeros. Nr. 2.
1861 aufgefundene monument des Antipatros hierfür verwertetet ;
auch aus den heiligen büchern der Hebräer die weite Verbreitung
der Vorstellung des todesdämons unter dem bilde eines löwen
erörtert); 3) der bogenspannende retter (Herakles) ist der
günstige genius (oder gott), welcher des verstorbenen seele den
händen der gierigen unterweit entreisst ; 4) in dem der be-
treffenden stelle der Ilias zu gründe liegenden älteren liede war
erzählt, wie der Hades nach dem rings umdrängten und ver-
wundeten Odysseus gleich einem löwen haschte, der herbei-
gerufene Aias aber als eine art rettenden genius den löwen
(Hades) verwundete und verscheuchte. — So weit stimmen wir
den geistreichen Schlüssen Useners in allem wesentlichen bei;
wir wollen auch nicht sonderlich urgiren, dass in jenem gleich-
nisse der Ilias das hinzukommen der schakale (mit denen die
Troer verglichen werden) kaum genügend erklärt ist. Wenn
aber Usener deswegen , weil Phokaea vermöge seiner ausge-
dehnten handelsbeziehungen am ehesten phoenikischen aberglauben
habe annehmen können , und weil grade die münzen von Pho-
kaea jene thierscene dargestellt aufwiesen, schliesst, jenes der
homerischen stelle zu gründe liegende ältere lied müsse in
Phokaea entstanden sein und danach im titel seiner abhandlung
sogar von einem Iliadis Carmen Phocaicum spricht , so können
wir den beweis dafür nicht zwingend erbracht finden:- die
möglich keit der entstehung in Phokaea wollen wir nicht
leugnen; doch scheint uns auch jeder andere benachbarte ort
Kleinasiens oder der in der nähe liegenden inseln mit kaum
minderem rechte dafür in Vorschlag gebracht werden zu können.
Jedenfalls ist eine so bestimmte meinung für den vf. misslich,
welcher den holländischen philologen, wie er selbst sagt, ein
möglichst sicheres forschungsresultat auf dem gebiete der home-
rischen poesie vorlegen wollte.
43. Ueber die fragmente des epikers Eumelos. Von dr. phil.
E. G-. Wilisch. (Separatabdruck aus dem Zittauer osterpro-
gramm.) 1875. Zittau. 8. Menzel. 1875. — 41 ss.
Als zweck obiger abhandlung giebt der vf. an ' zu untersuchen,
in welchem verhältniss Eumelos rücksichtlich der von ihm be-
handelten stoffe zu seinen Vorgängern, Zeitgenossen und z. th.
auch nachfolgern steht', p. 1. Er beginnt diese kühne aufgäbe
Nr. 2. 43. Eumelos, 79
mit dem versuch des dichters lebenszeit zu bestimmen , muss es
aber bei dem resultat Marksclieffel's (Hesiodi cett. fr. p. 220)
bewenden lassen, ' dass Eumelos in der ersten decade der Olym-
piaden gelebt habe', p. 2. Dabei laufen aber manche unge-
nauigkeiten unter: so wenn es j). 1 heisst, dass 'Eumelos die
zeit des Archias , des gründers von Syrakus noch erlebt habe',
denn woher das noch? im Clem. Alex. Stromin. 1, 21, 131,
p. 144 Sylb. — das ist das richtige citat — steht es nicht.
In der note p. 1 wird eben wegen Clemens ImßuXXsiv = in
jemandes zeit fallen ausführlich erläutert : besser wäre auf Sturz
zu Hellan. fr. p. 4 verwiesen, bei dessen beachtung vielleicht
auch nicht aus Clemens a. o. geschlossen wäre, Eumelos sei mit
Archias enger verbunden gewesen , da dies eben so wenig in
dessen worten liegt, als die trotz Marksch. a. o. p. 218 als
beachtenswerth aus E. Cnrtius Gr. gesch. 1, p. 256 angeführte
vermuthung, Eumelos sei mit nach Syrakus gezogen; Curtius
hat dies unvorsichtig 0. Müllern (Dor. II, p. 487 und sonst)
nachgeschrieben, der übrigens in der Gr. LG. I, p. 178 deut-
lich den irrthum erkannt und aufgegeben hat. Ungenau schreibt
vf p. 2 : ' somit war er (Eumelos) Zeitgenosse einer wichtigen
revolution in seiner Vaterstadt Korinth und im schoosse seiner
familie ' : von der familie wissen wir nichts , vom geschlechte
konnte nur geredet werden-, denn da nach Paus. II, 1, 1
Eumelos zu den Bakchiaden gehörte , ausserdem in hohem an-
sehen stand, kann er an den politischen ereignissen seiner Vater-
stadt irgendwie betheiligt gewesen sein : näheres wissen wir nicht.
Noch anderes bekannte wird auf p. 2 erwähnt, auch dass irr-
thümlich manche gelehrte zwei Eumelos als Schriftsteller unter-
schieden hätten : mich durfte der vf. aber unter diesen nicht
nennen, da ich diesen 'irrthum' schon in der Hall. Lit. Ztg. 1831,
nr. 188, p. 218 aufgegeben habe.
Doch diese dinge gelten unserm vf. nur für nebenfragen;
schon p. 3 wendet er sich zu dem dichter, dem ' wohlsänger'
wie er sagt, also wohl falsch Welcker'n folgend, da der name
nur von fir;Xa = kleinvieh herkommen kann. Vor allem musste
nun festgestellt werden, welche gedichte mit Sicherheit dem
Eumelos beizulegen : da das nicht geschehen und somit die
Untersuchung jedweder grundlage ermangelt, hat der vf. seine
aufgäbe nicht lösen, die frage nach der Stellung des Eumelos
$0 43. Eumelos. Nr. 2.
gar nicht fördern können : das was wir nun in der kürze zeigen
wollen. An die spitze der Untersuchung, nicht p. 41, musste vf.
das allein unzweifelhaft dem Eumelos gehörende aöfia ngoöödiov
dg Jqlov stellen, was nach Pausan. IV, 4, 1 Eumelos für die
Messenier dichtete , das älteste uns bekannte sichere beispiel
eines für bestimmte zwecke bei einem dichter bestellte lied, ein
fall, den Pind. Isthm. 1, 1 sq. erläutert; es ward von einem
Xoqoq uvdowv ausgeführt und zwar bei einer &vatu des Apollon,
also wohl in dessen tempel auf Delos, eine Situation, der Pind.
Scol. fr. 2 zu vergleichen-, geschrieben war es in hexametern,
wie Paus. IV, 4, 1. 33, 3 und das freilich lückenhaft (vrgl.
Emper. Opusc. p. 343. Bergk. PLGr. 3 p. 811) erhaltene
bruchstück des liedes darthut, diese aber in dorischem dialekt,
wie abgesehen vom bruchstück auch aus Paus. V, 19, 2 folgt,
weshalb man hier nicht an epische, sondern an lyrische hexame-
ter je zu 12 x 12 zeiten zu denken hat : dies ganze hat dann der
dichter dem chore eingeübt, so dass bei der aufführung getanzt
wurde; daher lötdu^sv bei Pausanias, vgl. jjoxrjasv Hom. II. 2,
592, Philol. Suppl. bd. I, p. 78 tigg. Demnach fasst 0. Müller
Gr. LG. — auch ein wie es scheint Wilisch unbekanntes buch
— I, p. 179 das uff/j,u irrthümlich als epischen hymnus, wovon
schon Marksch. 1. c. p. 243 hätte abhalten sollen, richtig stellt
es dagegen Bergk PLGr. 3 p. 811 zu den poetae rnelici , jedoch
ohne grund , wie sich unten zeigen wird , vor Terpandros. Es
gehört nämlich in die kategorie der ngooifjm xb&uQmdtxa iv
k'ntffi des Terpandros; die da geübte kunst trug Eumelos auf
das nooaödvov über und wohl so, dass ein theil desselben auf dem
wege zum tempel vorgetragen wurde , vgl. Pind. Ol. V ; nach
anleitung der Titanomachie denken wir den kitharisten in der
mitte, das ganze heiter, s. Welcker Ep. kykl. II, p. 557, Philol.
1. c. p. 81 , vielleicht mit rücksicht auf die kunstvollen auffüh-
rungen auf Delos, Hom. h. in Apoll. Del. 157 fg. mit Baumeister,
O.Müller im ind. lect. un. Gotting. 1836 p. 16 f. Welcker Ep.
Kykl. I, p. 372. Damit zu diesem formellen das lied selbst stimmte,
musste es in sich entsprechende massen zerfallen, entweder in vier,
und so an die alte weise des Chrysothemis anschliessend, s. Philol.
XXIX, p. 294, oder in fünf nebst unterabtheilungen nach Terpan-
dros, s. Philol. a. o. p. 549 : um aber trotz des mangels solcher lie-
der wenigstens im kleinen zu veranschaulichen, wie in daetylischen
13t. 2. 43. Eumelos. 84
liedern von der art unseres jigocodiov symmetrische composition
erreicht wurde, nehmen wir Homer zu hülfe, wo der schon von
den alten völlig verkannte dQqvog der Andromache in Hom. IL
X, 477 die theilung in vier massen erkennen lässt; er zerlegt
sich in 10: 9—9: 10: dazu vrgl. Piniol. XXIX, p. 284. So
offenbart sich im Eumelos der älteste uns namentlich bekannte
und historisch feststehende xogodidaGxakog: da sein lyrisches
werk nach den alten selbstverständlich aufgeschrieben war, so
muss er nach Terpandros gelebt und gedichtet haben ; denn des
Terpandros lyrische leistungen sind die ersten lyrischen durch
die schrift fixirten gewesen: Suid. s. TtQTtavdgog, ein umstand, der
bei der bestimmung der lebenszeit des Eumelos wohl zu beachten.
Der auftrag zn diesem den Messeniern so wichtigen tiqogo-
Stov konnte dem Eumelos nur als einem sehr bekannten und
bewährten dichter werden : woher also sein rühm ? Zunächst
wohl von seiner vornehmen abstammung, Pausan. II, 1 , 1 : seit
anfang der Olympiaden finden sich öfter dichter aus alten ge-
schlecbtern — Arktinos , wie es scheint, Archilochos , Simonides
von Amorgos, Tyrtaios u. a. — und tritt auch dadurch diese
zeit in gegensatz zu Homer und Hesiod, zu Demodokos und
Phemios. Dann aber von seinem auftreten in den uycui'eg fiov-
ctxoi, wie in denen am feste des Zeus Ithomatas nach 0. Müller's
vermuthung, Gr. LG. 1. c. , dagegen freilich Marksch. 1. c. p.
278 : da trat er auf sowohl als hesiodeischer rhapsode als auch
als epiker: grade dadurch ward das aGfiu berühmt, indem in
der guten zeit der griechischen poesie nur selten wirkliche dichter
in so verschiedenen gattungen wie epos und lyrik arbeiten; dem
Eumelos ist in dieser hinsieht Asios verwandt. Aber was für
epen anderer hat denn Eumelos rhapsodirt? welche selbst ge-
dichtet? Ueber erstere, auf die wir unten zurückkommen,
schweigt die Überlieferung gänzlich, von den andern berichtet
sie schwankend und unsicher : nur dass er epiker gewesen, steht
fest. Aber das kümmert unsern vf. gar nicht: was irgend dem
Eumelos einmal beigelegt worden, glaubt er zu dessen Charak-
teristik heranziehen zu dürfen und bespricht demgemäss von p.
27 an die Überbleibsel aus der Europia — so schreibt Wilisch
— , der Titanomachie, den Nosten: nämlich die sagen vom sonnen-
wagen p. 28, von dem in Lykien geborenen Zeus, von Dionysos
und Lykurgos p. 29, von Amphion und der leier p. 31, von
82 43. Eumelos; $& J£
Nymphen p. 36, den Flussmusen p. 38 u. s. w., also ausschliess-
lich mythologisches ; es gelangt aber dadurch der vf. nicht zu
seinem ziele: denn theils sind die sagen nach falscher methode
behandelt, theils gehören sie gar nicht hierher. Ersteres ergiebt
sich schon aus der p. 28 hervorgehobenen grundansicht, 'dass
immer drei stufen Homer, Hesiod, Eumelos unterschieden worden
sind, womit gewiss in der hauptsache das richtige getroffen wird,
dass aber ' u. s. w. : denn es ist, mein' ich , bereits genügend
erörtert , dass , da die entwicklung des homerischen und hesio-
dischen epos auf ganz verschiedenen wegen und unabhängig
von einander vor sich gegangen , ein hesiodeischer mythos nicht
ohne weiteres als jünger als der homerische anzusehen, dass
ersterer vielmehr der ältere sein kann; dass vf. dies nicht be-
achtet, erklärt sich zumeist, wie schon mehrfach hier angedeutet,
aus seiner so mangelhaften kenntniss der neueren forschungen;
um nur eins zum beweis hervorzuheben , die Untersuchung über
Amphion und die Xiqa wäre ganz anders ausgefallen, hätte vf.
"Westphal's vortreffliche Untersuchungen in der geschichte der
alten und mittleren musik I, p. 87 figg. berücksichtigt. Aber
ich sagte auch — und das erscheint hier als das wichtigere —
dass diese erörterungen gar nicht hierher gehörten: nämlich
mit welchem rechte schreibt denn "Wilisch die oben genannten
epen dem Eumelos zu? Kein alter thut das: wo einer von
diesen den Eumelos als den Verfasser eines dieser epen nennt,
geschieht es nur mit vorbehält: dazu kommt, dass so viele epen
einem dichter in dieser zeit beizulegen , dem Charakter eben
dieser zeit, in der ein epiker nur ein epos verfasst, entschieden
widerspricht: wenn gleichwohl Eumelos unter den Verfassern so
manchen epos genannt wird, so folgt daraus nur, dass er diese
und zwar mit beifall rhapsodirt hat, eine folgerung , welche zu-
gleich die oben nicht gelöste frage nach den von Eumelos rhap-
sodirten epen anderer dichter beantwortet. Aber lässt sich denn
nicht das epos des Eumelos näher bestimmen? Wir wollen
sehen. Es scheint der scholiast zu Hom. II. £, 131 ihm ohne
zweifei die EvqwtveIu — dies die richtige form — beizulegen
und könnte man darin Aristarch's ansieht finden wollen; allein
die form des citats b ir t v Eigiumav (sie) mnöttjxuig Ev^Xog
verräth ausfall mehrerer worte : also nrsprünglich stand da . . .
mnoiqxüus iXu Evfiijlog törtv rj — , es zweifelte Aristarch in
Nr. 2. 44. Eumelos. 83
betreff des Verfassers : diesen zweifei kräftigen die fragmente,
in welchen von Theben, von Delphi die rede: wie kommt der
korinthische adlige zu diesem stoff? — Wir gehen znr Titano-
machie, welche man am sichersten nach der tafel im Corp. Inscr.
Gr. T. III, nr. G129, p. 813 dem Telesis von Methymnä giebt;
sie, ein hesiodeisches epos , wie ausser den Titanen die art wie
Chiron in ihr erscheint, erkennen lässt, zeigt dass diese gattung
anfLesbos heimisch, was gut zu Terpander passt, der bekanntlich
mit Hesiodos in eine Verbindung gebracht wird : erst später —
denn Telesis , der neben Arktinos und Eumelos erscheint , muss
doch um ol. X fallen — kam mit Lesches das homerische epos
auch dahin. Auf diese auch heiteres enthaltende Titanomachie
dürfte Pind. Nem. III, 43 hg. zurückzuführen sein, nicht mit
Bergk Griech. LG-. I, p. 1008 auf die nuquiviöHq XeCgtovog,
zumal dieser durch die zurückführung der pinclarischen stelle
auf diese naouivianq zu einem dem hesiodeischen brauch gerade
zu widersprechenden prooemium für diese verleitet worden. Dies
die Titanomachie : die vöörov aber können schon als homerischer
stoff von Eumelos nicht herrühren, auch haben sie in Hegias
von Trözene einen besser beglaubigten Verfasser. So kommen
wir zur Bovyoviu, über welche Wilisch p. 3 not. eine unhaltbare
vermuthung aufstellt, weil ihm Bergk's abhandlung über sie in
Eitschl und Welck. Ehein. Mus. I, p. 366 unbekannt geblieben:
über ihren Verfasser schwankten die alten auch , vielleicht
zwischen Eumelos und Aison, welcher letztere freilich nur dem
namen nach aus Schob ad Pind. Ol. XIII, 31 uns bekannt ist:
ihn will Bergk PLG 3 , p. 1195 durch Kivai&wv verdrängen,
aber doch nur durch eine aller wahren kritik widersprechende
vermuthung.
Fassen wir dies zusammen, so ergiebt sich, dass wie auch
Wilisch p. 27 nicht verkennt, diese epen speciell für die er-
kenntniss des poetischen Charakters des Eumelos kaum etwas
bieten-, daher werden dann als hauptquelle die angeblich von
Eumelos verfassten Kooirdiuxu angesehen und die überbleibsei
derselben p. 4 — 27 sorgfältig behandelt: aber auch die hieraus
gezogenen resultate erscheinen bei näherer prüfung als sehr
zweifelhafte. Denn bedenken erregt das wort Kooiröiaxu als
titel eines alten epos ; man pflegt ihn zwar mit den sg. Navnüx-
na oder Nnvnuxuxu zu vertheidigen ; aber dies epos ward ur-
84 43. Eumelos. Kr. 2.
sprünglich wohl Navnaxiiduiv xuidkoyog genannt. Daher be-
zeichnet Koqivd-uuxd im Schol. ad Apoll, Rhod. Arg. 1, 146,
der einzigen stelle, wo es mit Eumelos verbunden vorkommt,
ein prosaisches werk und zwar dasselbe, was bei Pausan. II, 1, 1
KoqivSlu cvyyquyri heisst, ebenfalls prosaisch, wie schon Marcksch.
a. o. p. 223 bewiesen: dafür spricht auch Igioqwv bei dem
scholiasten, wird auch iGtoqbiv ab und zu von dichtem gebraucht:
da ein derartiges buch nicht vor ol. 60 geschrieben sein kann,
wie kommt Eumelos dazu für dessen Urheber zu gelten? eine
frage, welche auf den ersten blick dadurch sich noch mehr zu
verwickeln scheint, dass diese Gvyyqucpi] mit einem epos des
Eumelos merkwürdig übereinstimmt, vrgl. Scholl, ad Pind. Ol.
XIII, 74 und Pausan. II, 3,10. Aber gerade diese Überein-
stimmung führt nebst dem zweifei des Pausanias (II, 1 , 1) auf
das wahre; denn sie bezeugt doch nur, dass der Verfasser der
Gvyygutpq ein epos des Eumelos benutzte, ferner dass dieser Ver-
fasser, indem er sich den namen Eumelos beilegt, lediglich auf
täuschung ausgeht und somit ein späterer Grieche oder ein Jude
aus der classe der Aristotulos ist und frühestens in die ältere
alexandrinische zeit gehört. Hieraus erklärt sich nun auch,
was Clem. Alex. Stromm. VI, 2, 26, p. 267 Sylb. ausschreibt:
tu öe ' Hauodov y,ixr[lh/§av (ig ns^öv Xöyov Ehfi,rjXvg re xui
^AxovGiXuog ol iGiogioyoucpoi: denn wie die hier angezogenen
Schriften des Akusilaos untergeschobene sind, Suid. s. ^AxovGi-
laog, Welcker Kl. schrift. I, p. 433, so selbstverständlich auch
die des Eumelos, welche keine andere sein können, als die Ko-
qiv&iuxu , welche demnach nicht bloss ein epos des Eumelos,
sondern auch die epen des Hesiod und daher auch noch anderes
für ihre zwecke compilirt und verdreht haben; grade diese be-
nutzung alter epiker offenbart spätem betrug, weil solche be-
nutzung bei den logographen man vergeblich sucht. Darnach
ergiebt sich die Gvyyquyri klärlich als eine sehr bedenkliche
quelle für Eumelos, im dunkeln aber bleibt welches epos dieses
Korinthiers sie benutzte, da es unter den bisher hier genannten
sich nicht befinden kann. Vergleicht man darauf hin die spär-
lichen Überbleibsel , so dürfte das wahrscheinlichste sein , dass
Eumelos ysvsaXoyiut der korinthischen adelsgeschlechter in der
weise des hesiodeischen xardXoyog yvvcuxöjv , des Kinaithon und
Asios (Paus. IV, 2, 1: Marcksch. 1. c. p. 248) verfasst und in
Nr. 2. 44. Theophrasfos. 85
sie viel aus der alten sagengeschichte Korinth's verwebt habe;
dies gedieht ist früh verloren gegangen, weshalb der scholiast
zum Apollonios von Rhodos wie Pausanias statt seiner die ovy-
yqucpri benutzten und deren unzuverlässigkeit nicht erkannt haben.
Wenn also Wilisch p. 9 sagt: 'Eumelos führt zuerst Ephyra
als person ein und giebt dem Helios Antiope zur gemahlin; der
sikyoniscke Asopos tritt dem Aloeus , welcher ohne beziehung
auf seine söhne, die Aloiden, erscheint, Sikyon ab ; Aietes ist
im besitze von Ephyra und wandert von da nachKolchis; Bunos,
Epopeus, Marathon und vor allem der heros eponymos Korinthos
verdanken dem werke unseres dichters ihre entstehung oder
doch erste nennung, wie er auch als schöpfer des Idmon, des
sehers der Argonauten, erscheint, einer von da unentbehrlichen
figur auf der Argo. Gelegentlich mochte er auch hier der
Sinope erwähnung thun. Den Hesiod setzt Eumelos fort, indem
er Iason und Medea aus Iolkos nach Korinth holen lässt und
so die grundlage für die ganze spätere geschichte der Medea,
den kindermord und die trennung von Iason schafft' — wenn
er dies sagt und als resultat hinstellt, so ist das meiste davon
wegen der Unlauterkeit der quellen zu streichen, zugleich auch
dem schon oben gegen die hier angewendete methode bemerkten
hinzuzufügen , dass darin wie auch in den recapitulationen p.
19 und p. 22 eine dem griechischen epiker alter zeit ganz
fremde thätigkeit erscheint ; so' spricht man von einem historiker
oder von einem Alexandriner. Nach unsern so spärlichen
quellen schloss Eumelos im epos der hesiodeischen richtung sich
an, stellte demgemäss die sagen seiner Vaterstadt den genea-
logien folgend in schlichter spräche nach den ansichten seiner
zeit dar, diente dabei vielleicht politischen interessen wie Terpan-
der und kann deshalb als Vorläufer des Tyrtaios, ja auch des
Solon und Peisistratos betrachtet werden.
Ernst von Leutsch.
44. Wilhelm Müller, de Theophrasti dicendi ratione.
Pars prima. Observationes de particularum usu. Göttinger
doctor-diss. Arnstadt, Frotscher. 1874. 8°.
Es war zu wünschen und zu erwarten, dass E. Eucken's
kleine sehrift de Aristotelis dicendi ratione nachfolger finden
würde: die nützlichkeit derartiger arbeiten drängt sich von
Püilol. Anz. VII. 6
86 44. Theophrastos. Nr. 2.
selbst auf, besonders denen, die sich irgendwie mit der kritik
eines gegebenen Schriftstellers beschäftigen. Grade dergleichen
scheinbar unbedeutende dinge wie der gebrauch von conjunc-
tionen und präpositionen giebt werthvolle winke über die
echtheit einer schrift , sowie für ihre emendation , wiewohl sie
allein nie entscheiden werden: denn es bleibt die möglichkeit,
dass ein autor während einer langen laufbahn seine manier, wie
in anderen dingen, so auch im gebrauch von partikeln ändere;
denn dass diese dinge, von den guten Schriftstellern wenigstens,
dem zufall und der willkür seien überlassen worden , wird jetzt
nicht leicht jemand mehr annehmen. Die kunst, was man auch
sagen möge, hat nichts mit dem zufall zu thun.
Damit aber dergleichen Untersuchungen recht brauchbar
seien, müssen sie möglichst kurz und übersichtlich gehalten
werden, vor allem aber in jeder einzelheit vollkommen zuver-
lässig sein. Was den ersten punkt betrifft, wird man den Ver-
fasser vorliegender dissertation nicht eben tadeln dürfen: er
giebt sich nicht allzuviel mit den dingen ab die der allgemeinen
gräcität angehören, und man findet auch leicht was man eben
wissen will. Um die Zuverlässigkeit zu beurtheilen, müsste man
jede stelle nachschlagen; dazu hat referent freilich keine zeit
gehabt, und wenn er nun auf einzelne mängel hinweist, so ent-
steht dadurch eine art von Ungerechtigkeit : die irrthümer treten
hervor , und die richtige benutzung der stellen , welche doch
offenbar die regel ist, wird mit stillschweigen übergangen. Doch
das ist unvermeidlich, und der vf. wird darin nicht bösen willen
erblicken. So wird p. 12 die stelle der Pflanzengeschichte II,
4, 2 unrichtig angewendet : der vf. sieht einen Übergang von fiiv
zu xat statt zu 6i in ihr: xal xavia jxsv i'otxs ftügaq xe fisxa-
ßolfi xal &igantta yiveß&cu' xat evia anyouQoiq, xa dt xfj dega-
TtiCa fjbövov. Aber Veränderung des erdreichs und Veränderung
der pflege können entweder gesondert oder zusammen auftreten,
und das sagt hier Theophrast; der gegensatz von xal xuvia
}i£v tritt erst auf in fiexußäXXovGt ds xal xaxa xaq cogag, andere
unterschiede entwickeln sich in folge veränderter Saatzeit. Auch
die andere für denselben Sprachgebrauch angeführte stelle be-
weist nicht was sie soll: de Causis III, 2, 3 : denn wenn gleich
die lesart übrigens unsicher ist, so viel ist doch gewiss, dass
dem u<jp&ovov (j,ev xgofprjv fyt* erst §. 4 entspricht rj de lifins-
Nr. 2. 45. Galenos. 87
Xog vdazog nksi'Grov ötliai. Der vf. wird hieraus ersehen dass,
um über die responsion der partikeln zu urtheilen, vor allen
dingen der bau des satzes durch richtige interpunction sicher
zu stellen ist ; hierin war ihm freilich von den herausgebern des
Theophrast schlecht vorgearbeitet. Die stellen, in denen Wim-
mer berichtigt wird , scheinen mir richtig getroffen zu sein. —
Es wäre zu wünschen, dass der vf. auch den gebrauch der prä-
positionen ähnlich behandelte, der bei Theophrast manches be-
sondere bietet , und dann etwa das ganze , nach einer strengen
prüfung und nach ausscheidung alles entbehrlichen in übersicht-
licher form noch einmal drucken Hesse. Th.
45. Claudii Galeni de placitis Hippocratis et Piatonis libri
novem. Eec. et explanavit Iwanus Mueller. Vol. I Prole-
gemena critica, Textum graecum, Adnotationem criticam, Versio-
nemque latinam continens. Lipsiae. Teubner. 8. p. "VTII. 827.
Der vorliegende band der bereits vor zwei jähren ange-
kündigten kritischen ausgäbe einer der bedeutendsten philoso-
phischen Schriften Galens ist ein erfreulicher beweis, dass das
Studium dieses so lange vernachlässigten polyhistors im fort-
schreiten begriffen ist. Jeder, der bisher einmal stellen aus
diesem werke zu untersuchen und zu benutzen hatte, weiss, wie
schwer der Kühn'sche text zu gebrauchen ist , in dem fast jede
seite von dem trostlosen zustande desselben beweise giebt. Deshalb
sind wir dem herausgeber zu grossem danke verpflichtet, dass er es
unternommen hat, diesen so arg entstellten text auf grund eines
bisher unbenutzten handschriftlichen materials zu säubern und
lesbar zu machen. Die kritischen prolegomena, die der neuen
textesrecension voraufgeschickt sind, legen zeugniss ab, mit wie
grosser Sorgfalt der herausgeber sowohl bei der aufdeckung der
verborgenen fehler, wie bei der Verbesserung derselben zu werke
gegangen ist. Um nemlich den traurigen zustand erkennen zu
lassen, in dem die vorliegende schrift in den vier grossen aus-
gaben des Galen sich befindet, giebt der Verfasser ein detaillir-
tes bild von dem umfange der in denselben enthaltenen Ver-
derbnisse , indem er vier hauptclassen von fehlem aufstellt,
nemlich 1) rein orthographische versehen, wie falsche aspiration,
Verwechselung gewisser buchstaben, auslassung und hinzufügen
ganzer silben (p. 18 — 30); 2) solche, die aus falscher lesung
6*
«8 45. Galeaosr. Hr. 2.
der compendien entstanden (30 — 33) ; 3) ausgelassene und 4)
fälschlich zugesetzte worte (33 — 39). So interessant nun auch
diese übersieht für den palaeographen sein mag, können wir doch
nicht umhin zu bemerken, dass uns die grenzen dieser Unter-
suchung , die doch im ganzen nicht viel neues enthält , zu weit
gezogen scheinen. Denn bis p. 39 ist nur von den fehlem der
editio prineeps allein die rede, während die der drei andern
ausgaben späterhin eben so wie dieselben fehler in den einzelnen
handschriften , die doch derselben zeit wie die Aldina ange-
hören , mit derselben ausführlichkeit besprochen , verbessert und
mit zahlreichen belegsteilen versehen werden. Nimmt man dazu
noch den umstand, dass fast bei allen emendirten stellen in der
adnotatio wieder auf die prolegomena zurück verwiesen wird,
wo man trotzdem oft nicht die gewünschte auskunft über den
grund der aenderung erfährt, so wird man sich nicht wundern,
dass schon der erste band seines umfanges wegen einen preis
von 20 mk. erreichen konnte. Wir glauben , dass dieser theil
der prolegomena sich leicht auf ein geringeres maass hätte redu-
ciren lassen. Der zweite grund, warum der an sich schon
starke band, um das doppelte vergrössert werden musste, ist die
hinzufügung der lateinischen Übersetzung. Wir wollen zugeben,
dass diese zum leichteren verständniss des oft schwierigen und
dunkeln textes ein willkommenes hülfsmittel bietet, halten dies
aber für einen des griechischen kundigen — und nur ein
solcher wird dies werk benutzen können — nicht für nothwendig,
zumal ja für den zweiten band ein commentar zu allen schwie-
rigen stellen in aussieht gestellt ist. Zudem scheint dieselbe
sich öfters von dem Wortlaute des Originals etwas zu entfernen.
P. 267, 3 sind die worte TtXsito yuQ ovrwg iarlr ixüva unüber-
setzt geblieben; p. 365 sind die worte des Hippocrates, rjfuv
fi,sv avtöfiutotj ctlif?] Jf ovx uvi6{iaiob wiedergegeben durch:
suecorum vis nobis quidem fortuita videtur ; causa autem non
fortuita est!
Das hauptverdienst des herausgebers liegt in der wirklichen
Verbesserung des textes ; und hier müssen wir demselben im
gegensatz zu der allzu missgünstigen recension in der Jenenser
Literaturztg. d. j. Nr. 9 unsere anerkennung zu theil werden lassen.
Denn, wenn auch unter den gegen 1800 vorgenommenen Ver-
änderungen manche unnöthig , manche zu verwerfen und durch
Nr. 2. 45. Galenos. 89
bessere zu ersetzen sein werden, so bleibt doch ein stattliches
quantum von wirklichen emendationen übrig, für die wir nur
dankbar sein können. Handschriftliches material stand dem
herausgeber nur wenig zu geböte. Der einzige Marcianus ent-
hält das werk — das erste buch, das zuerst von Key 1544
nach dem Cantabrigiensis nr. 47 edirt worden, ausgenommen —
vollständig; alle andern nur theilweise. Von allen diesen geht
keine über das 14. Jahrhundert hinaus. Anderweitige hülfe ge-
währten einzelne änderungen von Cornarius in der jenenser
Aldina; für die stoischen fragmente sind Bake's conjecturen be-
nutzt. Im übrigen war der herausgeber ganz auf sich selbst
angewiesen , namentlich auch in der erforschung des Sprachge-
brauches. Hierin hatte er auch nicht die geringste Vorarbeit von
anderer seite , und deshalb wäre es unbillig , wollten wir unsre
anforderungen an Vollständigkeit und Sicherheit so hoch stellen,
wie es in der oben erwähnten recension geschieht. Denn einer
kann unmöglich alles sehen.
Eigenthümlich aber ist es, dass Mueller durchgehends statt
der überlieferten elision durch Wiedereinsetzung des kurzen
vocales den absichtlich vermiedenen hiatus wiederherstellt —
im ersten buch von 145 stellen allein an 117. — Das beruht,
wie der herausgeber mir brieflich mittheilt und im zweiten bände
auch zur spräche bringen wird , auf der thatsache , dass sich in
den zahlreichen bei Oribasius" angeführten stellen aus de placitis
und der schrift neol %Qtiu<; }ioo(üjv keine spur, nicht einmal im
falle der aspiration , den Mueller mit ausnähme von te üpa
zulässt, vorfindet. Indessen dieser jedenfalls doch zweifelhaften
autorität des Oribasius widerspricht die handschriftliche Über-
lieferung — auch der vorzügliche Laurentianus bietet an stellen
der schrift mgl äfiaQ^fidrcov, wo selbst der Kühn'sche text den
hiat hat , die elision — und eine entscheidende stelle in de
placitis selbst, p. G56 , 7, wo ein Syllogismus nach Galens
eigener Zählung 39 sylben betragen soll. Diese 39 sylben sind
aber eben nur so zu gewinnen, dass man in dem überlieferten
text eine dreifache elision vornimmt r] (T uo^rj rajv vevgwv iv iy-
x£(pu?M 'ßTw. iiTuo!}' uqu ro fjysfioHxov. Mueller, der den hiat
beibehält, musste iifrlv ausstossen und erhielt vierzig sylben! Ohne
zweifei hat Galen also auch z. b. p. 309, 6 nicht ovx oWa ojrcog
geschrieben, sondern, wie sonst stets, ovx old' Öncog; wie er
90 45. Galenos. Nr. 2.
denn auch p. 287, 12 offenbar mit absieht schrieb ä XQ'1 V
und nicht ixgqv, was Mueller doch nach seinem prineip ein-
setzen musste. Hiernach müssen auch wir annehmen, dass
Galen den hiat, wo dies ohne Schwierigkeit anging, vermieden
hat, wenn wir ihm auch nicht eine Isokrateische peinlichkeit,
wie der recensent im Centralblatt , darin zuschreiben wollen. —
Auch sonst ist der herausgeber in seinen änderungen zu weit
gegangen. So scheint uns die Veränderung des ijrXrjoovTO p.
141, 3 in den plural nach e'gya nicht nöthig, da Grälen in diesem
falle den singular eben so oft wie den plural gesetzt hat —
P. 154, 14 ist (jtovov zwar denkbarer, aber nicht nothwendiger
zusatz. — P. 176, 14 ist das Grälen so überaus geläufige iiri nlsX-
Grov mit unrecht eingeklammert. — P. 187, 8 halten wir die
änderung des änb ngtorrig in tiqujtov, p. 822, 15 des avibg iq>s-
%rjg in auroTg (cf. p. 380, 12) ebenfalls für unnöthig. Auch p.
369, 6, wo Mueller (ovdiiv tJttov to äggojGirifia toSv Xoyixuv) das
tjttov in rjmai ändert, scheint uns an dem rjriov kein anstoss
zu nehmen zu sein. Denn einmal giebt die sehr gewöhnliche
phrase, iJttü) ilvat xivog hier einen vollkommen richtigen sinn
— ' ist untergeben ' = ( hat zu schaffen mit ' — , andererseits ist
die dem verbum änrofiat beigelegte bedeutung doch etwas be-
denklich (s. p. 325, 5 £%Qqv avwv firjd' olcog l}(p&cu rov fivd-ov
und p. 587, 6 av&Qionog ovd' oXwg avuxo^\g utpdfxtvog = 'sich
befassen'). — P. 589, 5 schaltet Mueller nach rbv &vfibv ein
EXOfisv ein, doch ist hier sicherlich rb d-vjxov/jievov wie vs. 15 zu
lesen entsprechend dem sXttsq l iv rovro lau . . . rb Xoyi£6(ievov . . .
rgftov . . . rb inidvfiqnxov vs. 4 und 7. — P. 637, 7 ist 7itgi,xs-
ofiirov uvtm conjeetur von Cornarius für mgitxo^vov. Ich
vermuthe, dass Galen geschrieben hat mgifyov uvrbv wie p. 640, 5
rov lUQiixovrog fjfiag äigog. — P. 379, 1 steckt in dem unver-
ständlichen vfig rcqbg d-iarga epogäg offenbar nichts anderes als
dunga (cf. 380 1 wg irigav xr-qGaad^av xgCßtv), was wie ich sehe,
auch schon Diels vermuthet hat. — P. 155, 11 war ebenfalls
wie vorher 154, 14 rbv rgonov rr\g diavop^g zu schreiben statt
des einfachen vo/j<r}g. — P. 356, 6 war xugxtvov nach der jetzt
üblichen Schreibart zu accentuiren, nicht xugxlvov; wie dies auch
der Laurent, bestätigt in nsgl ugCörrjg StSaüxaXtac., s. Fleckeisen
Neue Jahrbb. bd. 107, p. 395. Ueber die kürze des jota vgl.
Passow. Lex. u. xagxtvog.
Nr. 2. 46. Horatius. 9!
Zu bedauern ist übrigens, dass trotz des höchst splendiden
druckes eine unzahl accente, namentlich in der ersten zeile ver-
schiedener seiten, ausgefallen sind; so p. 590 steht ' i%tig' allein
dreimal ohne accent. — An sonstigen druckfehlern tragen wir
nach: p. 277, 6 fehlt nach tv&vg das überlieferte avroi (version hat
ei) — p. 345, 13 fehlt vor tJJc ipvxqg ogfiuiv der artikel tüjv
ohne angäbe. — Prolegg. p. 85 steht uo^v rov loyov &ifisvog
für d^sfxivovg (cf. p. 151, 6), in welcher stelle übrigens auch wir
die änderung des tw Xoya in den genetiv (mit den beiden
andern recensenten) nicht für nothwendig halten, s. cap. V
p. 7,8 uoyjiv tm ?JyM (hand.) noiTjöa/isrov ; ebend. p. 822
uQyJjv im Xoyco ir<vdt TroirjGufizrovg u. s. oft.
Vorstehende bemerkungen hätten sich leicht vermehren
lassen ; doch machen wir aus solch einzelnen versehen dem
herausgeber keinen Vorwurf, schliessen vielmehr mit dem wünsche,
dass derselbe nicht allzulange mit dem zweiten bände auf sich
warten lassen, und uns auch bald durch die beabsichtigte heraus-
gäbe anderer Schriften Galens erfreuen möge.
IT. Marquardt.
46. Vindiciae Venusinae quibus v. cl. doct. Julii Zastra
gymnasii Nissensis regimine per XXV annos fauste perfuncti
solemnia cal. Mai. rite celebranda indicit F. A. Hoffmann,
phil. dr. et professor. Nissae, Baer, 1873. 16 s. gr. 8.
Der verf. wendet sich mit dieser in musterhaftem latein
geschriebenen abhandlung gegen Sussmann Heynemann De inter-
polationibus in carminibm Horatii, Bonn 1871, vgl. Philol. Anz.
1872 p. 236, und gesteht diesem zwar ein sultttiter et accurate
disserere zu, befindet sich auch in Übereinstimmung mit dessen
principieller behandlung der interpolationsfrage , verwirft aber
seine resultate im einzelnen. Unter den 21 von Heynemann
für unecht erklärten stellen behandelt Hoffmann I, 6 , I, 12
I, 31 und n, 20 und sucht die hier verdächtigten Strophen
überall dem Horaz zu vindiciren. Gelungen ist die rettung von
I, 31, 9 — 16. Diese Strophen (übrigens bereits von Guiet ver-
worfen) halten Haupt und L. Müller im gegensatze zu Peerlkamp
Meineke, Linker und Lehrs mit recht aufrecht; in der that sind
sie lediglich als opfer einer aesthetischen hypercritik gefallen:
wer wird denn bei einem dichter alles wörtlich nehmen ! Weniger
92 47. Horatius. Nr. 2.
wesentlich sind die bemerkungen, welche zu I, 12, 37 — 44
und II, 20, 9 — 12 Heynemann entgegengehalten werden; nicht
ausreichend aber die besprechung von I, 9, 13 — 16. Zwar ist
der nachweis, dass zwischen Mars, Meriones und Diomedes einer-
seits und Augustus und Agrippa andererseits beziehungen obwalten,
dankenswerth ; allein die folgerung, dass Meriones hier so gut
wie I, 15, 24 am platze sei, trifft deswegen nicht zu, weil man
ja bei dieser wie bei der mehrzahl der interpolationen annimmt,
dass sie einer andern stelle des Horaz ihren iirsprung verdanken,
dass also Meriones aus I, 15 hierhergebracht ist, grade wie
z. b. der interpolirte Cerberus III, 11 aus dem echten IT, 19
stammt. Diese annähme bedurfte also einer Würdigung. Vor
allem aber ist die behauptung Quis digne scripserit heisse: wer
ausser epischen dichtem könnte — nicht nachgewiesen,
wie sie denn auch nicht nachweisbar ist. Die worte heissen
einfach 'niemand vermag das'. Ich sehe nur eine möglich-
keit, die Strophe zu halten, diese beruht aber auf einem sehr
complicirten erklärungsversuch. Es müsste das 'wer kann — '
mit einer Verschiebung der grammatischen beziehung gesagt
sein für 'wie kann man' und alsdann Horaz bei dem 'man'
nur an sich und die in der voraufgehenden Strophe erwähnte
lyrische poesie, also an die lyriker gedacht haben — aber
eine solche erklärung widerspricht der sonstigen einfachheit des
horazischen ausdrucks wenigstens in den öden durchaus.
47. Vier horazische Satiren metrisch übersetzt von M. Hertz
(aus dem Ind. lect. der Universität Breslau) 1875. 4°. 15 s.
Die in dem programm enthaltenen vier Satiren (I, 1, I, 16,
I, 9, n, 1) sind geschmackvoll und leicht verständlich im vers-
maasse des Originals nicht allzu frei übersetzt. I, 9, 5 befriedigt
die Übersetzung von cupio omnia quae vis durch 'ich steh dir
ganz zu befehle' kaum; für das verständniss der stelle lässt
sich wohl auf ähnliche wiedergaben des grusses an den an-
redenden von seite des angeredeten verweisen, wie sie die
archaische komödie nicht selten darbietet; danach findet sich
die richtige Übersetzung der stelle schon in früheren Übertra-
gungen ; II, 1 , 82 liegt in ius est iudiciumque doch viel mehr
als in der ungenauen wiedergäbe durch ' so verfällt er des rich-
ters Spruche ' : denn mit ius und iudicium wird auf den den process
Nr. 2. 48. Julius Caesar. 9*
instruirenden prätor und den die sache entscheidenden richter
unverkennbar angespielt; IT, 1, 50 und 51 ist es selbst Hertz
nicht gelungen, flüssig deutsch wiederzugeben. Der grösste
theil des gebotenen aber ist so gelungen , dass jeder leser mit
vergnügen von der Verdeutschung einsieht nehmen wird.
48. Observationes aliquot in C. Iulii Caesaris utriusque
belli commentarios. Inest interpretatio loci cuiusdam Virgiliani.
Scripsit Henr. Alanus. — Dublinii: apud Hodges, Foster,
et soc. Londinii : apud Williams et Norgate. MDCCCLXXIV. —
Price Sixpence. — 12 s. 8.
Die völlige werthlosigkeit dieser neuesten publication des
durch die 13 auf s. 4 aufgezählten Schriften bekannten vfs.
dürfte wohl jedem der sich eingehend mit Cäsar beschäftigt hat
sofort einleuchten, nachdem er die 12 -{- 25 kurzen bemer-
kungen durchgelesen hat die sich auf das B. G. und B. C.
beziehen-, jeder wird sofort erkennen dass es sich hier bloss
um augenblickliche einfalle und 'fixe ideen' [fast durchgehends
charakterisiert durch * Fort. (ä. h. fortasse) ebenso wie im
index durch (?/] handelt, nicht um das ergebniss eines gründ-
lichen Studiums. Kein wunder auch, denn der vf. sagt selbst
in der praefatio : Lectionis exiguiores seine quam vettern fruetus
ernendationis pereepi , was zwar nicht lateinisch ist, aber doch
beweist, dass er ein conjeeturenjäger ist. Ueber die prineip-
frage die sich hieran knüpft soll kein wort verloren werden :
würde ja doch auch jedes wort verloren sein gegenüber jener
noch mehr in der niederländisch -dänischen als in der englisch-
irischen philologie x ) beliebten, auch in Deutschland immer mehr
anhänger gewinnenden Schablone: 'das wort passt nicht in
meinen kram, da muss ich eine conjeetur machen' — und
wenn sie gefunden ist: 'die darf der gelehrten weit nicht länger
vorenthalten bleiben'. Indess um ein gesammturtheil darüber
fällen zu können inwieweit die erklärung und kritik des Caesar
etwa durch diese leistnng gefördert sei, ist es doch nöthig ins
einzelne einzugehen , und da stellt sich zunächst heraus dass
eine stelle, B. G. 7, 20, 7, mit ihrer parallelstelle B. C. 2, 34,
14 (vgl. Kraner) nur angeführt ist um die [von niemand an-
1) Womit natürlich den unsterblichen Verdiensten eines Bentley,
Madvig, Cobet u. a. nicht im entferntesten zu nahe getreten werden soll.
94 48. C. Julius Caesar. Nr. 2.
gezweifelte] bedeutung von remitiere (== resignare Hör. Carm.
3, 29, 54. Ep. 7, 7, 34) festzustellen und in den locus quidam
Virgilii [Aen. 4, 436] hineinzuinterpretieren. Die idee des vfs.
über diese verzweifelte stelle (vrgl. Forbiger) ist nicht übel,
namentlich ist zu billigen dass er gegen Wagner die einzig
richtige und mögliche lesart dederit und cumulatam annimmt,
indess wie eine gnade oder Vergünstigung die man ausschlägt
morte cumulari kann ist nicht leicht einzusehen, man müsste
denn darin ein oxymoron finden. Jedenfalls ist die erklärung
des vfs. der Situation entsprechender als die gewöhnlichen, und
die in der vorrede ausgesprochene absieht ' sententias doctorum
elicere" 1 überhebt mich der Widerlegung. Alle Schwierigkeiten der
stelle werden aus dem wege \ geräumt wenn man mit Brandt,
Zeitschr. f. Gymn. 28, p. 84 — 89, hier ein hemistichion wie 3, 340
annimmt. Während also diese stelle für Cäsar keine ausbeute
giebt, sollte man wenigstens von anderen das gegentheil erwarten.
Dasteht nun p. 10 anf. die conjeetur zu B.C. 2,7,1 has*: Malles
hos, welche der vf. nicht nur durch diese sondern auch durch die
folgenden worte, in denen der Sprachgebrauch der dieser stelle
zu gründe liegt durch zwei andere stellen aus demselben buche
belegt wird, sofort wieder zurücknimmt. Ohne entscheidung
wird die stelle ebd. 29, 1 nam is abgethan, wo doch wenigstens
das Vossius-(Forchh.-)-Kraner , sche animis zu berücksichtigen war.
Aus den Worten des vfs. aber muss man, da der satz, wie das
präsens beweist, gnomice zu verstehen ist, schliessen dass er mit
denen die nam für richtig halten, wie Dinter, einverstanden ist.
Nun zu den conjeeturen selbst. An zwei stellen , B. Gr. 7, 39
1 B.C. 1, 74. 7 wird (o) vor aetate, (b) vor eorum ein et ein-
geschoben um et — et herzustellen : warum soll dasselbe nicht auch
(a) vor ndbilitate B. Gr. 2, 6, 4 (wie B. C. 1, 85,2 et loco et
tempore aequo) eingeschoben, nicht auch die worte B; C. 3, 82,
4 a. e. in labore pari ac periculo geändert werden? An der
anderen stelle (b) stimmt der vf. mit Dinter überein (B. C. praef.
p. XXIIDI). Hingegen stört er die concinnität zweier durch
et — et verbundener glieder B. Gr. 1, 26, 5 durch einschiebung
von multa (falsch gestellt) zwischen vulnera militum, was
ebenso überflüssig ist wie das, im munde der 'strikenden' Sol-
daten sogar störende und matte, Üb enter vor ituros B. C. 3, 31,
4 (dieses eben so absolut, ohne sese, B. G. 5, 31, 4 im sinne
Nr. 2. 48. C. Julius Caesar. 9ä
von 'marschieren, ausrücken', was gegen Kleyn Observ. crit.
in den Bijdragen u. s. w. 1859, p. 41 , bemerkt sei; dasselbe
ausführlicher von den Soldaten ebd. 1, 39, 7. 40, 12, vom feldherrn
ebenfalls ire ebd. §. 15, mit ad 5, 36, 3). Weitere einschie-
bungen finden sich: B. G. 2, 20, 1 eongrediendi, erledigt von
Dinter, sat. gramm. p. 14, vgl. Kraner und 21, 3; 5, 7, 8.
40, 1, weniger einfach, civem und ferentibus, erstere stelle richtig
erklärt von Fischer, Rectionsl. §. 60, letzteres an sich und wie
aus si pertulissent (== dem von Kle'yn ebd. verlangten matten
iis qui, wofür man vielmehr si qui verlangen müsste, wenn man
Oäsars prägnanten stil meistern wollte) erhellt unlateinisch ;
ebensowenig kann vor den gesetzen der spräche bestehen das
durch die oben angeführte parallelstelle irrthümlich unter das
B. G. gekommene militis B. C. 2, 32, 14 [wozu die wortfolge geän-
dert? Nipp, 'edd.'], es ist wegen meum unmöglich ; völlig barbarisch
für Cäsar (vgl. Sallust. Cat. 33, 1) ist expertes publicis iuris
custodiisque ebd. 5, 3, abgesehen davon dass Caesar expers über-
haupt nicht braucht. Auf diese weise kann die schwierige stelle
nicht geheilt werden. Die hinzufügung von ulla re nach iuvare
B. C. 1, 35, 5 erscheint gerechtfertigt durch die thatsache dass
dies die einzige von den zehn stellen ist wo iuvare (abgesehen
von c. 82, 3 multum iuvare ad aliquid) keinen ablativ bei sich
hat wie frumento, cibo, commeatu — denn B. G. 1, 26, 6 ist zu
iuvissent zu ergänzen frumento aliave re — ; jedoch steht dort
iuvare aliquem contra alqm statt alqa re, und damit erledigt
sich der scheinbare mangel einer näheren bestimmung. Noch
schlimmer steht es mit dem bei Caesar gar nicht vorkommenden
uno verbo, welches B. G. 1, 85, 12 vor ut esset dictum mit be-
rufung auf Forcellini eingeschoben wird. Da steht allerdings
diese redensart durch eine stelle aus Cato de re rustica und
Cic. Phil. 2, 22 [54] belegt, wo sie freilich ganz anders gebraucht
ist als sie der vf. hier braucht, nämlich zur Zusammenfassung
einer aufzählung ; und dieser idee ein ' kurz ' einzuschwärzen zu
liebe soll in der rede des Cäsar die beziehung der fraglichen worte
provinciis . . . dimittcrent auf §. 5 sed . . . dimitti beseitigt werden?
Der vf. scheint zu dieser änderung des sinnes durch die richtige
beobachtung bewogen worden zu sein dass an den beiden
anderen stellen, B. G. 1, 43, 24, 13, 5, ut (contra atque) erat
dictum eine andere bedeutung hat, 'ausgemacht.' — Die conjec-
96 48. C. Julius Caesar. Nr. 2.
tur zu ebd. 44, 2 barbaro steht schon längst bei Kraner; anders
Heller und Dinter ; ebd. 72 , 2 vel x ) vor vulnerari einzuschieben
ist überflüssig, weil dadurch das verhältniss der drei indirecten
fragen zu einander, das fortschreiten vom besonderen zum all-
gemeinen (3, denique), gestört würde ; der gedanke an sich ist gut ;
ebenso bei 3, 9, 6 per manumissionem (statt maximi), nur dass
man ohne hinzufiiguug eines adjectivs so gewiss nicht sagen
kann (vgl. Nipp. p. 175), und 2, 4, 1, wo, ebenfalls vermittelst
der Wiederholung einer silbe des textes, hier aber der folgenden,
eine zahl mit ad ausgefallen sein soll; wozu dies, zumal da die
piscatoriae nachher keine rolle spielen? — Diesen einschieb ungen
steht gegenüber die ausmerzung von non nach nisi an zwei
stellen, B. G. 7, 69 , 1 , B. C. 3 , 87 , 6. Der vf. citirt p. 7
eine menge analoger stellen und seine eigenen Emendd. und
Obss., aus denen hervorgehen soll dass nisi = nisi-non sei. Das
ist haarsträubend. — Endlich siebzehn stellen mit meist sehr
unbedeutenden , änderungen der überlieferten buchstaben :
davon 2, B. G. 5, 34, 2, B. C. 2, 41, 4, wo der vom vf. ge-
wollte conjunct. imperfecti längst zurückgewiesen ist (vgl. Kraner),
ferner B. C. 3, 2, 2, wo die worte Nipp. p. 153 wiederholt sind,
aber damit nicht die herrschende ansieht dass inopia navium ein
glossem sei widerlegt, noch viel weniger glaubhaft gemacht wird
dass man sagen könne copia alcs. rei deest alicui ad alqd. und um
von den anderen überflüssigen nur fünf zu erwähnen, B. G. 3,
24, 1. 5, wo tutius gerade durch das vorhergehende tuto, cupien-
tibus durch alacriores und 7 , 40 , 4 cupidissimis geschützt wird,
B. C. 1, 1, 2 (wie 3, 84, 3 wiederholt aus dem jähre 1854),
wobei man billig zunächst fragen muss: wo liegt die aedes Vio-
toriae? ebd. 2, 3 (mit druckfehler ab statt ad), wo durch ni-
teretur der sinn der worte völlig entstellt wird , vgl. Kr., und
3, 66 1, wo quot viel weniger lateinisch ist als quod. — lieber
diese und alle anderen änderungen kann jeder bearbeiter des
Caesar getrost zur tagesordnung übergehen, nur als abschrecken-
des beispiel ist das schriftchen jungen philologen zu empfehlen.
1) Dasselbe hat Polle N. Jahrb. f. Phil. bd. 103. p. 724. B. G. 4,
16, 7 nach uti eingeschoben: was soll aber aus den texten der alten
werden, wenn überall wo wir modernen eine partikel wie 'auch nur'
'schon' u. a. einsetzen, dieselbe auch ihnen octroyiert wird?
B. D.
.»& 2. 49. C. Julius Caesar. 97
49. Max Miller, kritische und exegetische beitrage zu
Caesar. Programm der königl. [bair.] Studienanstalt Asckaffen-
burg für das jähr 1873/74. 27 s. 4.
Nach einem langen vorwort (p. 3 — 6), in welchem nichts
zur sache gehöriges steht, sondern der anschauungsunterricht
auch für die erklärung des Xenophon und Caesar zum so und
so vielten male empfohlen wird, sind von M. Miller 17 stellen
aus dem IV. VI. und VII. buche des Gallischen und ein dutzend
aus den drei büchern des Bürgerkrieges besprochen. Ich be-
schränke mich hier auf die prüfung jener ersteren stellen und
lasse auch hiervon die grössere zahl unerwähnt, worin der Ver-
fasser keine neuen vorschlage bringt, sondern nur fremde an-
sichten bekämpft oder befürwortet. Eine förderung ist dadurch
der kritik und Interpretation nicht geworden trotz der ausführ-
lichkeit , mit welcher der Verfasser nicht nur sein eigenes rai-
sonnement vorträgt, sondern auch die erörterungen anderer
reproducirt, wie er denn z. b. p. 8 zum referate aus einem der
neuesten bände der allgemein zugänglichen Jahrbücher für phi-
lologie fast eine ganze seite aufwendet. Selbständig vermuthet
der Verfasser IV, 34 host es ornnibus oecupatis, quae erant in agris
relicta; wie er hierbei quae und relicta von Göler angenommen
hat, so fand er auch hostes bereits von Hug vennuthet, setzt es
aber an die stelle von nostris, während Hug den ausfall von
hostis vor nostris für möglich gehalten hatte. VII, 30 sie sunt
animo consternati homines , wofür Nipperdey richtig confirmati
schrieb, ändert der Verfasser in animo parati, wofür er zahlreiche
parallelen beibringt ohne jedoch zu erkennen, dass Caesar parati .
stets adjeetivisch gebraucht, also nicht sunt animo parati sondern
erant geschrieben haben müsste. In den gleich darauf folgenden
Worten ut omnia, quae imperarentur , sibi patienda exÄstimarent
möchte der Verfasser facienda lesen, das allerdings sehr häufig
mit imperare verbunden wird ; aber der Verfasser bringt selbst
für patienda, das auch durch die in cod. Thuan. Leid. Ursin.
Haun. eingedrungene glosse perferenda geschützt wird , einen
(freilich unpassenden) beleg vor und scheint seine conjeetur gar
nicht für treffend zu halten, da er den unnöthigen zusatz macht,
er wolle ' damit nur eine vermuthung ausgesprochen haben. '
Ebenso hat der Verfasser seinen Vorschlag zu VI, 39 paucitate
perspeeta statt despeeta nur als möglich hingestellt , und zwar
98 49. C. Julius Cäsar. Nr. 2.
mit recht, denn dadurch würde nur ein matterer ausdruck statt
des nicht ungeeigneten prägnanteren gesetzt. Die dem sinne
nach klaren, aber im Wortlaut noch nicht richtig hergestellten
worte VII, 35 captis quibusdam cohortibus hat auch der Verfasser
nicht ins reine gebracht; denn ita positis quibusdam cohortibus
würde sich auf die Stellung der cohorten selbst beziehen, während
doch nur von der aufstellung im einzelnen innerhalb der cohorten
die rede ist, wie der Verfasser selbst erkennt. Zu VII, 45 hoc una
celeritate posse mutari bemerkt der Verfasser, ihm scheine entspre-
chender statt mutari zu lesen vitari , vergisst aber zu erwähnen,
dass dies die lesart des Thuan. und Ursin. ist. VII, 72 soll auf
grund einer technischen beobachtung von Eüstow über die ge-
wöhnliche grabenweite fossam pedum quindecim gelesen werden
statt vigvnti; aber dieser graben hat anch sonst etwas besonderes
(directa latera) , weshalb wohl jene zahl nicht anzutasten ist.
Dies sind die vermuthungen des Verfassers, der mit keiner das
richtige getroffen zu haben scheint. Schliesslich mag noch be-
merkt werden, dass bei der behandlung der schwierigen worte
VII, 19 omnia vada ac saltus eius paludis sowohl die conjectur
von Madvig (Advers. crit. IE, 257), welcher meatus eius paludis
lesen will, als auch die erklärung des wortes saltus von Keller
(Jahrbb. für philol. CHE, 558 f.) unbeachtet geblieben ist, wie
auch sonst z. b. VII, 35 und 74 namentlich Dübners und
Hellers arbeiten nicht die nöthige berücksichtigung gefunden
haben.
50. De fide et auctoritate codicis Sallustiani Vat. 3864.
Dissertatio inauguralis quam . . scripsit Gustavus Boese
Clausthaliensis. Gottingae MDCCCLXXIV. 39 s. 8.
Kurze zeit nach dem erscheinen von Pratje's verdienstlicher
Untersuchung ist durch eine zweite Göttinger promotionsschrift
ein weiterer beitrag zur textkritik des Sallustius gegeben worden.
Nach einleitenden bemerkungen über die bezüglich des cod. Vat.
3864 (V) im vergleiche mit cod. Par. 500 (P) sehwebende
controverse behandelt Böse eine grosse zahl von stellen aus den
im Catilina und Jugurtha eingelegten reden und gelangt trotz
mancher irrtbümer, auf die hier einzugehen unmöglich ist, zu
ergebnissen, welchen man in der hauptsache beipflichten muss.
Böse fasst dieselben p. 39 zusammen in den Worten: Vi aucto-
Nr. 2. 50. Sallusttus. 99
ritatem eam esse eontendo, quae quamvis non tanta sit, quantam
Weinholdus et DiecTcius censuerunt, nee tarn parva, quam Jordanus,
minime tarnen in textu Sallustiano recensendo praeter ceterorum
bonae notae, ut PP 1 B negligenda sit. Wenn sich daneben die
behauptung findet, dass V nicht, wie Jordan meinte, von einem
redactor schulmässig bearbeitet sei , so wird doch der Verfasser
nicht leugnen, dass einzelne Varianten des V z. b. Jug. 85, 16
lediglich dnreh willkührliche textge staltung entstanden sein
können, wie selbst Dieck, der diesen codex nach der Überzeu-
gung des Verfassers wie des ref. allzu hoch hält, ausdrücklich
zugestanden hat. Die beweisführung im einzelnen ist nicht
gleichmässig gelungen; bald stört ein schreib versehen wie wenn
p. 1 7 ubique in tota epistola steht, wo doch wohl nusquam stehen
sollte; bald findet sich ein minder gut gewähltes beispiel z. b.
p. 24, wo die worte duobus senati decretis bezüglich der Wort-
stellung keine parallele zu magnae inftium cladis bilden, da hier
das regierende Substantiv, dort der regierte genetiv in die mitte
gestellt ist; bald zeigt sich ein missverständniss , wie wenn p.
16 Wirz als zeuge angeführt wird, dass Cat. 52, 7 in V con-
questus stehe, während Wirz lediglich bestätigt, dass in P questus
steht. Nicht selten trifft Böse das richtige resultat, während
seine beweisführung nicht völlig überzeugend ist. Das beste
hat der Verfasser an jenen stellen geleistet, wo er gegen andere,
die eine lesart des V, bevorzugten die Unmöglichkeit einer aus
inneren gründen geschöpften sicheren entscheidung über den
vorrang von V oder P nachweist. Gute, wenn auch nicht neue
bemerkungen gibt Böse p. 28 über die Zeugnisse der gramma-
tiker, ferner p. 14 und 32 über die Vernachlässigung der con-
cinnität bei Sallust. Schliesslich kann nicht unerwähnt bleiben,
dass der Verfasser, der Weinhold's schutzschrift für V mit recht,
wenn auch nicht durchaus glücklich bekämpft, den hohen werth
dieser arbeit nicht in vollem maasse zu würdigen scheint. Wein-
hold's Quaestiones sind nach des ref. Überzeugung trotz des un-
richtigen gesammtresultates durch die fülle einzelner entdeckungen
die bedeutendste leistung der letzten jähre für die kritik des
Sallustiustextes.
51. Kritische beitrage zu Cicero's werk vom redner. Pro-
gramm (Hof 1874) von Heinrich Kubner. 15 s. 4.
In umständlicher breite behandeln Kubner's beitrage neun
100 51. Cicero. ftr. 2,
stellen aus dem I. und eine aus dein II. buche de oratore,
überall zeigt sich hierbei das bemühen um eindringendes ver-
ständniss, aber nur selten treffendes urtheil oder leichte divi-
nation, wenn es sich um die hebung wirklicher oder scheinbarer
Verderbnisse des textes handelt. Dies erweisen gleich die ersten
beispiele. Bei den worten 1 , 3 , 11 minimam copiam poetarum
egregiorum exstitisse atque in hoc ipso numero, in quo perraro exoritur
aliquis excellens, si diligenter et ex nostrorum et ex Graecorum copia com-
parare voles, multo tarnen pauciores oratores quam poetae boni repe-
rientur, wird egregiorum (mit Bake) gestrichen , in quo geändert
in cum (warum nicht wenigstens quom ?) , exoritur in exoriatur ;
und trotz dieser dreifachen änderung erklärt der Verfasser zuver-
sichtlich, ' dass die stelle kaum anders gelautet haben kann, wenn
nicht stärkere verderbniss zu gründe liegt' (also gar vier oder
fünf mal zu ändern ist). Uebrigens bedarf es keiner emendation
sondern nach Sorofs nachweis, den der Verfasser selbst kennt,
nur der annähme eines anakoluths in den letzten worten statt
multo tarnen plures poetae quam oratores boni reperientur. — 6, 20
eteni.m ex rerum cognitione efflorescat et redundet oportet oratio,
quae nisi sit ab oratore percepta et cognita, inanem quandam habet
elocutionem et paene puerilem. Während hier andere durch ein-
schiebung von res nach oratore geholfen haben, wird vom Ver-
fasser der satz etenim . . . oratio nach puerilem transponirt, die worte
ab oratore gestrichen , sit (oder sint) in sunt geändert , endlich
perceptae et cognitae geschrieben; und die richtigkeit dieser vier-
fachen Operation ist dem Verfasser 'mehr als wahrscheinlich.'
Noch gewaltsamer wird 31, 139 quid statt quidquid geschrieben,
quaeri solere eingesetzt und der ganze § 141 hierher vor die
worte in eo quaeri solere gestellt; aber hier sieht doch der Ver-
fasser selbst ein , dass ' sich von sicherer emendation nicht
sprechen lässt. ' Unnöthig erscheint es 31 , 141 quae statt qui
zu schreiben, da sich sowohl das vorhergehende als das folgende
in quibus auf locos beziehen kann , und unwahrscheinlich ist
jener Vorschlag, da unmittelbar nach deliberationibus die verr
derbniss von quae in qui ebenso unerklärlich als das gegentheil
leicht möglich wäre. Die rücksicht auf den zugemessenen räum
gestattet nicht, ausführlich die änderungen 31, 142 eum debere
statt ut deberet, 32, 146 et quae für sed quae., 46, 202 quem-
cunque . . . inotum cum res et causa postulet , tum dicendo statt
Nr. 2. 52. Miscellanea. 101
quemcunque notum res et causa postulet, eum dicendo als überflüssig
und die Interpretation von 42, 145 de memoria quaedam Irevia,
seil magna cum exercitatione praecepta gustaram, wo der Verfasser
magna als acc. pluralis fasst und praecepta als ablativ mit cum
exercitatione verbindet, als verkebrt zu erweisen. Es sei nur noch
bemerkt, dass 45, 198 richtig qui (oder cum) nach praeter ea
(aber unrichtig in vor respondendo) getilgt wird und II, 52, 209
durch Verwandlung von inflammanda sunt in ivflammandum est
«ine wirkliche emendation erzielt zu sein scheint
52. Volkmann, observationes miscellae. Programm von
Jauer 1873. 4. 21 s. XXXV— LX.
Die schrift ist eine fortsetzung des im Philol. Anzeiger von
1873 unter nr. 222 besprochenen programms. — In nr. 35
handelt Verfasser über die zeit der abfassung der schrift de orbe
in facie lunae und gelangt nach den berechnungen des professors
Ge. Hofrinaiin in Triest zu dem resultat, dass jene grosse sonnen-
finstemiss, deren Plutarch in cap. 19 der obigen schrift erwähnt,
nur am 2. sept. des Jahres 118 p. Chr. erfolgt sein könne,
kurz nach diesem ereigniss sei jenes buch erschienen. — 36.
Das zeugniss des Aur. Vict. 12, 12 über eine mit dem tode
Nerva's zusammenfallende finsterniss ist nach den beobachtungen
desselben gelehrten unrichtig. — 37. Bei Orig. c. Geis. V, p.
268 ed. Spenc. ist yeyerrjfAii'u statt — cur zu lesen. — 38,
handelt über Joann. Polier. VIII, 13. — 39. Als beispiele dafür
dass Olympios als name für menschen verwandt worden sei,
werden citirt: Socrat. bist, eccles. V, 17, Sozom. VII, 15. Synes.
ep. 98, 102. Zosim. V, 32. — 40 enthält einige emendationen
zum dialog de musica. — 41 berichtet nach Treu's angaben über
zwei codd. Veneti , in denen die schrift de musica zwischen
anderen ähnlichen inhalts verzeichnet ist und gibt einige les-
arten derselben an. — 42 liefert einige nachtrage zu Volkmanns
rhetorik. — 43 bespricht leben und Schriften des Porphyrius,
44 die compilationsmethode dieses autors. — 45. Die collation
des cod. Ambros. Q. 13 sup., welche Kinkel für den brief an
die Marcella im interesse Volkmann's veranstaltet hat , lehrt,
dass die ausgaben von 1816 und 1831 sehr zuverlässig sind-,
einzelne abweichungen werden p. 8 aufgezählt, — 46. Abwei-
chend von Bernays und Gildemeister heilt Volkmann eine
Philol. Anz. VII. 7
102 52." Miscellanea. Nr. 2.
corrupte stelle in cap. 32 jenes briefes so : ojGtkq ovv zb %6qiov
[ovx sGzt fiigog zov Gvyysvo^ivov ifißgvov] ov6' r]
xaXdfiT] zov Gvyysvofi/iiov Gdov , ztÄsico&iviu Sa 'olmtziu [roc
Gvyyiv 6 fxsv a ixdzsqajj ovtco xal zo Gvvugzojfisvov ifi ipvxfj
ivGTTugsCGtj Gw^a xtX. Er legt hierfür die lateinische fassung
des Pythagoras Syriacus zu gründe. — 47. Zwei stellen des
cap. 34 werden erweitert; auch ergänzt Volkniann den artikel
In cap. 1 init. im rjßuv irpOQfMdvzwv, cap. 2 zrjv drjfiiüdrj {iovGi-
xrjv und xal zw nl^d-si. — 48. Einige Kicken in 3, 4, 5, 12
25 werden ergänzt. — 49. Volkmann emendirt in cap. 1 zco
nqog vfiäc, (p9dvoi. — xoirtovov GS zov fjfitTsqov ßCov —
vnovqyovvzeg zolg daifioGi; cap. 10 h'n de Siaqd^qoCrjg av, sl [tvTj-
fiovfvotg d ys dxrjxoag. 14. sv vor zco rj&si wird gestrichen.
18. IxxaXovfitvov. 28. Xafjbßavovtug. 30. zu nsql z"r\g zv%rjg. —
50 — 52 handeln über die 15 bücher des Porphyrius gegen die
Christen-, den inhalt einzelner bücher sucht Volkmann aus den
erhaltenen bruchstücken darzustellen. — 53 zählt die Schimpf-
namen auf, mit denen den Porphyrius wegen jener schrift die
kirchenväter Hieronymos, Eusebios und Theodoretos belegten;
aus denselben geht hervor, dass jene in ihren ausdrücken eben-
sowenig wählerisch waren , wie unsere heutigen zeloten. —
54 — 55 handeln über die schrift Placita philosophorum ; gegen
Herrn. Diels, welcher in seiner abhandlung de Galeni historia
philosopTia. Bonnae 1871 behauptet, cap. 4 sei aus Sextus Em-
piricus abgeschrieben, stellt er die ansieht auf, dass beide aus
derselben quelle geschöpft haben. — 56. Die ephemeris belli
Troiani des Dictys Cretensis ist eine historia des krieges in der
weise des Euhemeros ; alle wunderbaren ereignisse sind weg-
gelassen, das göttliche ist vermenschlicht. — In 57 wird Bern-
hardy's angäbe dahin ergänzt, dass auch bei Dict. I, 16 vom
gebrauch der schrift durch die homerischen helden die rede sei.
— Wenn Donatus zu Ter. Hec. 206 behauptet, der dichter
habe hier den euphemismus unterlassen, so muss er gelesen
haben: non ita me di bene ament. — 59. Zu den schon be-
kannten versen, in denen jedes folgende wort das vorangehende
um eine silbe übertrifft, fügt Volkmann noch hinzu: Verg. Aen.
X, 413. Quint. Smyrn. XII, 220 Apoll. Rhod. HI, 398. — 60. Mit
hinweis auf Philol. 1859 p. 316 gibt Volkmann einige bemer-
kungen über eigenthümlichkeiten des Nonnus : Vermeidung der
Nr. 2. Neue auflagen 53—82. 103
elision , sowie der partikeln yt , fjrqv , toi 3 r^dl, üv , dijv } vv , dtj
anwendung von uv, uip, fjud , uqu, ug\ avruQ, rj, ydo, xi , nto.
Einzelne dieser beobachtungen sind schon früher gemacht, so die
über yi von Struve de ex. vers. in Nonn. carm. p. 19, die
über t t di von Lehrs Qu. ep. p. 268 Eigler melet. II. 1851 p.
16. Die note über i' ist zu berichtigen aus Ludwich, beitrage
zur kritik des Nonnos. Königsberg. 1873, p. 22 —24.
C. Härtung.
Nene auflagen.
53. Homer Odyssee, erklärt von J. V. Fast. 2 bd. 6. aufl. 8.
Besorgt von C. TV. Kayser. Berlin. Weidmann ; 1 mk. 50 pf. —
54. Freund's sckülerbibliotkek: Präparation zu Homers Odyssee. 3.
hft. 4. aufl. 16. Leipzig. Violet; 50 pf. — 55. Anthologie aus
den lyrikern der Griechen. 2. bd. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner;
2 mk. 80 pf. — 56. Aeschylus Perser. Erklärt von W. S. Teuffei. 2.
aufl. 8, Leipzig. Teubner; 1 mk. 20 pf. — 57 Sophokles erklärt
von F. W. Schneidewin. 3. bdch. Oedipus auf Kolonos. 6. aufl. Be-
sorgt von A. Nauck. 8. Berlin. Weidmann; 1 mk. 80 pf. — 58.
Sophokles erklärt von G. Wolf. 1. thl. Aias. 3. aufl. 8. Leipzig.
Teubner; 1 mk. 20 pf. — 59. Thucydidis de bello peloponnesiaco 1.
VIII. Explanavit C. F. Poppo. Vol. IL sect. 1. Ed. 2 cur. J. M.
Stahl. 8. Lips. Teubner; 2 mk. 40 pf. — 60. Thukydides erklärt
von G. Boehme. 2. bd. 1. hft. 3. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 1 mk.
50 pf. — 61. Piatons vertheidigungsrede des Sokrates und Kriton.
Erklärt von Ch. Cron. 6. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 1 mk. — 62.
Isokrates ausgewählte reden. Erklärt von O. Schneider. 2. bd. 2.
aufl. Leipzig. Teubner; 1 mk. 50 pt. — 63. Freund Präparation zu
Demosthenes philipp. reden. 2. hft. 2. aufl. 16. Leipzig. Violet;
50 pf. — 64. Dess. Präparation zu Herodot's geschichte. 1. hft. 2.
aufl. 16. — 65. P. Virgili Maronis opera. Ed. A. Forbiger, vol. '6.
ed. 4. 8. Lips. Hinrichs; 9 mk. — 66. Q. Horatius Flaccus Sermonen.
Erklärt von A. Th. H. Friizsche. 1. bd. 8. Leipzig. Teubner; 2 mk.
40 pf. — 67. Freund Präparation zu Cäsars gallischem krieg. 2. hft.
2. aufl. 16. ebendaselbst; 50 pf. — 68. Oslander und Schwab römi-
sche prosaiker in neuen Übersetzungen. Bd. 147. 3. aufl. C. Julius
Cäsar. 16. Metzler; 50 pf — 69. Titi Livi ab urbe condita libri.
Erklärt von Weissenborn. 1. bd. 1. hft. 6. aufl. 8. Berlin. Weidmann;
1 mk. 80 pf. — 70. Cornelius Tacitus, erklärt von K. Nipperdey. 1.
bd. 6. aufl. 8. Berlin. Weidmann; 3 mk. — 71. M. Tullii ausge-
wählte reden, erklärt von K. Halm. 6 bdch. 5. aufl. 8. Berlin.
Weidmann; 1 mk. 20 pf. — 72. M. Tullii Ciceronis Laelius s. de ami-
citia, erklärt von C. W. Nauck. 7. aufl. 8. Berlin. Weidmann ;
75 pf. — 73. Ciceronis Brutus de claris oratoribus. Erklärt von K.
W. Piderit. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner ;2 mk. 25 pf. — 74._ W.
Scherr, allgemeine geschichte der literatur aller völker des erdkreises.
5. aufl. 5. lfg. 8. Stuttgart. Conradi ; 1 mk. — 75. W. Kopp, ge-
schichte der römischen literatur. 3. aufl. gr. 16. Berlin. Springer;
1 mk. 6 pf. — 76. W. Teufel, geschichte der römischen literatur.
3. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 14 mk. — 77. P. W. Forchhammer,
über reinheit der baukunst auf grund des Ursprungs der vier haupt-
104 Neue Schulbücher. — Bibliographie. Nr. 2.
baustile. 2. aufl. 8. Kiel. Hoinann; 2 mk. 40 pf. — 78. M. Duncker,
geschickte des alterthums. 2 bd. 4. aufi. 8. Leipzig. Duncker u. H. ;
10 mk. — 79. Calvary's philologische und archäologische bibliothek.
25. bd. P. Dobree, Adversaria critica. 8. Berlin. Calvary; 2 mk.
— 80. A. Forcellini totius latinitatis lexicon. cur. Corradi. Ed. 4. T.
V. distrib. 52. gr. 4 ; 2 mk. 50 pf. (Brockhaus, sort.) — 81. Forcellini
Lexicon. Pars altera sive Onomasticon totius latinitatis opera V. de
Vit. T. 2. Distrib. 15. gr. 4; 2 mk. 50 pf. (Brockhaus, sort.) —
82. Lessing's werke, herausgegeben von R.Gosche. Illustr. und geb. 5.
lief. 8. Berlin. Grote ; 50 pf.
Neue Schulbücher.
83. C. A. Schmidt, grundriss der Weltgeschichte für gymnasien.
1. theil. 9. aufl. Besorgt von G. Diestel. Leipzig. Teubner; 1 mk.
20 pf. — 84. G. Freitag, bilder aus der deutschen Vergangenheit. 8.
aufl. 3. bd. Aus dem Jahrhundert des grossen kriegs [1600 — 1700].
Neuer abdruck. 8. Leipzig. Hirzel; 6 mk. — 85. K. Kunze, grie-
chische formenlehre in paradigmen. 8. Ragasen. Alexander; 1 mk.
— 86. C. Berger und H. Heidelberg, Übungsbücher zu der griechi-
schen grammatik von C. Berger. 1. cursus für quarta. 5. aufl. 8.
Celle. Schulze; 1 mk. 50 pf. — 87. F. Bleshe's elementarbuch der
lateinischen spräche. Bearbeitet von A. Müller, 4. auü. 8. Hannover,
Meyer; 1 mk. 50 pf. — 88. Gedicke's lateinisches lesebuch, heraus-
gegeben von Fr. Hof mann. 28. aufl. 8. Berlin. Diimmler ; 1 mk.
20 pf., mit anhang 1 mk. 40 pf. — 89. Beispielsammlung zum über-
setzen aus dem deutschen ins lateinische. Quinta. 2. aufl. 8. Mei-
ningen. Brückner u. Renner; 30 pf. — 90. Dasselbe für quarta. 2. aufl.
8. ibid; 50 pf. — 91. Dasselbe für tertia 2. aufl. 8. ebendas. 55 pf. —
92. C. Berger, lateinische Stilistik für obere gymnasialklassen. 5. aufl.
8. Coburg. Carlowa; 2 mk. 10 pf. — 93. K. A. J. Hoffmann, rhe-
torikfür höhere schulen. 2. abth. 4. aufl. Besorgt von A. Schuster.
8. Clausthal. Grosse; 1 rnk. 25 pf.
Bibliographie.
Nach dem bekannten Vorgang des general-postdirector Stephan
sollen jetzt auch die buchhändler nach Börsenblatt nr. 25 die in ihrem
geschalt üblichen fremdwörter aufgeben, als da sind factur, Sortiment,
remittenda u. s. w. Bei der post geschah das zumeist deshalb, damit
gleichheit entstände; hier ist das aber nicht der fall: man hüte sich
also worte die das deutsche bürgerrecht und eine deutsche form
haben, zu verbannen, da daraus nur Unklarheit und Ziererei entsteht:
die Griechen wie die Römer haben sich nie gescheut nöthige fremd-
wörter aufzunehmen und nach ihrer spräche zu modeln. Also worte
wie die oben angeführten ohne noth aufzugeben ist verkehrt.
Interessante notizen über Pflichtexemplare giebt Potthast im
Börsenblatt nr. 50 : darnach gab Heinrich IL könig von Frankreich zuerst
den befehl, dass jeder buchhändler ein exemplar seiner verlagswerke
der königl. bibliothek zu Paris gratis liefern solle. Dazu liefert nr.
58 einen nachtrag, in dem ein buchhändler in Preussen anzeigt, dass
er obwohl oft um Pflichtexemplare gemahnt, sie nie eingeliefert habe:
ein zwang sei gegen ihn nie angewendet worden. — (Es ist vielleicht
der verlag darnach gewesen.)
Zum Lexicon Sophocleum von W. Dindorf. — In dem nachdrucksprocess
der gebr. Bornträger in Berlin gegen prof. W. Dindorf und B. G. Teubner
in Leipzig ist nunmehr das letztinstanzliche urtheil desReichs-Oberhan-
delsgerichts ergangen. Dasselbe bestätigt das urtheil der vorhergehenden
Nr. 2. Bibliographie. 105
instanzeo, nach welchem das lexicon Sophocleum von Dindorf als partieller
nachdruck des bei gebr. Bornträger erschienenen Ellendt'schen lexicon
betrachtet und derugemäss die einziehung der vorhandenen exemplare
und der Stereotypplatten ausgesprochen wurde. Professor Dindorf ist
zwar nicht zu einer strafe , wohl aber zur Zahlung eines Schadener-
satzes von 1375 thlr. an gebr. Bornträger verurtheilt worden. Da-
gegen spricht auch das letztinstanzliche urtheil ausdrücklich aus:
'dass die inhaber der verlagshandlung B. GL Teubner bei der Veran-
staltung des nachdrucks weder wissentlich noch fahrlässig gehandelt
haben, steht zu deren gunsten rechtskräftig fest' — und ist daher
die firnia B. Gr. Teubner sowohl von strafe als auch von der Ver-
pflichtung zum Schadenersatz vollständig freigesprochen worden.
Die Verlagsbuchhandlung von Fercl. Dümmler in Berlin giebt
heraus ein ' Verzeichniss von älteren und neueren büchern und Zeit-
schriften zu bedeutend ermässigten preisen': es sind darunter bücher
von Bopp , Brugsck , Cicero's ausgaben von Zumpt, Livius von Al-
schefski, Plato von Heindorf, Schriften von Vater, Kämpf, Friebel,
Movers, Val. Rose, Schuck, Tittmann, A. W. Zumpt u. a.
Ein verzeichniss einer anzahl vorzüglicher lehr- und unterriehts-
bücher für gymnasien u. s. w. gab die Kesselring'sche hofbuchhand-
lung in Hildburghausen.
Im januar erschien von Bernhard Tauchnitz: 'Griechische und
römische classiker. Octav-(schul-)ausgaben , taschenausgaben und
Prachtausgaben. '
Mittheilungen der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner in Leipzig,
1875, nr. 1: notizen über künftig erscheinende bücher: Kleine philo-
logische Schriften von J. N. Madvig. Vom vf. deutsch bearbeitet:
so unbekannt wie hier gesagt wird, sind diese abhandlungen in Deutsch-
land nicht: Philol. XV, XVI hat schon darauf aufmerksam gemacht:
schon daraus wird jeder ersehen , dass die verlagshandlung nur dank
verdient, wenn sie diese arbeiten jedem zugänglich macht. Auch ist
ja schön, dass Madvig selbst deutsch schreibt: der besuch bei dem
Jubiläum in Leyden scheint also den Deutschenhass trotz Cobet nicht
vergrössevt zu haben , hoffentlich auch nicht das Rhein, mus. XXVI.
— Ueber die spräche der Etrusker von W. Corssen, zweiter band:
soll im juni a. c. erscheinen: hier die inhaltsangabe. — Virgil im
mittelalter von Domenico Compareüi aus dem italienischen übersetzt
von dr. H. DütscTike : auch dies unternehmen verdient dank : nur wäre
wünschenswerth, dass das nach Comparetti's buch über diesen gegenständ
erschienene auch in noten oder in sonstiger weise berücksichtigt würde :
z. b. Philol. anz. VI, nr. 9, p. 480. — Blind iunioris una cum Gargilii
3Iartialis medicina nunc primum edita a Val. Rose : dazu vgl. Hermes
VIII, -p. 18. — Parallelen zu den messianischen Weissagungen und
typen des alten testamentes aus dem hellenischen alterthum. Von
dr. Ed. Müller: (besonderer abdruck aus den Supplementen der
jahrb. f. class.-philol.) — Der zweite athenische bund und die auf
der autonomie beruhende hellenische politik von der schlacht bei
Knidos bis zum frieden des Eubulos. Mit einer einleitung zur be-
deutung der autonomie der hellenischen bundesverfassungen , von G.
Busolt. (Besonderer abdruck aus den supplem, der jahrb. f. class. philol).
Im märz erschien: 'verzeichniss empfehlenswerther kunstwerke
für lehranstalten aus dem verlag von Dietrich Reimer in Berlin ; ein
gleiches von den Wandkarten von E. Leeder im verlag von C. D.
Biideher in Essen.
Calalor/e von antiquaren : J. Bensheimer in Mannheim und Strass-
burg , antiquarischer catalog 10 , altclassische philologie , neuere lin-
guistik , orientalia; antiquarisches bücherlager nr. 435 von Kirchhoff
106 Kleine philologische zeitung. Nr. 2.
und Wiegand in Leipzig, auch enthaltend die bibliothek des dr. Julius
Rosenbaum in Halle Matthias Zampertz in Bonn 107 und 113 catalog
des antiquarischen bücherlagers ; XXIII antiquariatscatalog von
Simmel et Co. in Leipzig.
Sileiue philologische zeiiuug.
Die Preussischen Jahrbücher von H. v. Treitschke und W. Weh-
renpfennig bd. XXXIV, hft. 4, p. 398 — 403 enthalten unter der Über-
schrift: 'trojanische ausgrabungen ' eine anzeige von Schliemann^ s troja-
nischen alterthümern von C o n z e, in welcher zuerst von dem eindruck,
den Schliemann's fund gemacht, im allgemeinen gesprochen, dann p.
400 als eigne ansieht ausgesprochen wird , dass in den fundstücken
nichts aus Homer's zeit sei, dass diese vielmehr zum theil weit älter
oder doch alterthümlicher seien , als alles, was man aus den homeri-
schen gediehten etwa mit ihnen vergleichen kann. Ein metallschmuck, wie
ihn das epos beschreibt, ist von den goldgehängen, die Schliemann fand,
formell so verschieden, wie eben werke zwei ganz verschiedener
stilperioden sein müssen '. Dies wird p. 401 näher dahin bestimmt,
dass die fundstücke einer vorhomerischen periode angehören, der,
welche durch funde auf der insel Thera jetzt repräsentirt sind : eine
bestätigung dafür liefern die inschriften einzelner geräthe, in dem
kyprischen aiphabet geschrieben: denn wie sehrein ' vorkadnieisches '
aiphabet mit der 'vorhomerischen' formenweit der Schliemann'schen
funde harmoniren würde, liegt auf der hand, p. 401. Durch diese
ansichten wird aber nun die topographische frage ganz verändert:
man glaubte nach analogie von Mykene Troja oberhalb Bunarbaschi
am obersten ende des Scamanderthales suchen zu müssen, jetzt wird
man aber genöthigt sein zu fragen 'in was für lagen noch ältere
ansiedlungen sich befunden haben mögen'. Der aufsatz enthält mehr
fragen als resultate , schliesst übrigens mit der sehr richtigen bemer-
kung, dass es noch mannigfacher arbeit bedürfe, bis über diese funde
richtig geurtheilt werden könnte, dass namentlich auch die ausgra-
bungen selbst einer genauen revision unterworfen werden müssten:
Schliemann selbst habe zu viel verwirrt.
Frankfurt , 8. februar. Im Taunus-club wurde eine abhandlung
des obex-st von Cohausen über die ueuerdings in der sg. Wildscheuer-
höhle bei Steeden a. d. Lahn vorgenommenen ausgrabungen mitge-
theilt , nach denen feststehen soll , dass zur zeit des ausbruchs der
Eifel-vulkane der mensch hier gleichzeitig mit den vorweltlichen
riesenthieren gelebt habe.
Dresden, 9. februar. Im november 1874 ward bei Dresden ein
urnenfeld entdeckt: nach den mittheilungen des professor Seinitz in
dem verein Isis hiersei bst rühren die daselbst gefundenen geräthe
von einem volke slavischen Ursprungs her, und fallen ungefähr in das
5. Jahrhundert vor Chr.; Reichsanz. nr. 33.
Trier, 9. februar. Es sind hier fünf steinerne Römersärge aus der
heidnisch-römischen zeit gefunden : die leichen lagen von westen nach
osten. Weiteres im Reichsanzeiger nr. 34.
Berlin, 17. februar. Heute fand die erste der von der afrika-
nischen gesellschaft veranlassten Vorlesungen statt. Dr. Prutz sprach
über das alte und das neue Phönizien.
— — Nach dem Athenaeum hat George Smith in den assyrischen
schrifttafeln im British museum die legende von dem bau des thur-
mes von Babel entdeckt.
Am 17. Februar feierte prof. dr. Fritz sehe in Rostock sein 50-
jähriges doctorjubiläum. (S. vorläufig Reichsanz. nr. 52.)
London, 3. niärz. Die königin hat dem archäologen Word wegen
Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 107
seiner Verdienste z. b. bei den ausgrabungen in Epheeos — s. Philol.
Anz. V., nr. 5, p. 270 — eine Staatssubvention von jährlich 200 pf.
st. ausgesetzt.
Rom , 1. märz. Die ausgrabungen am Esquilin schreiten rüstig
vorwärts und sind neuerdings zwei marmorfiguren (denen die arme
fehlen : die eine , eine weibliche figur vor dem bade darstellend,
scheint der schule des Pasiteles zu entstammen, die andere mit
schwermüthig zur seite geneigtem haupte , wird für eine Muse ge-
halten) und eine silberne Statuette gefunden. — Vgl. Reichsanz.
nr. 51.
Leipzig , 2. märz. Heute feiert der honorarprofessor dr. Nobbe
sein sechzigjähriges dienstjubiläum unter allgemeiner theilnahme.
Vgl. Reichsanz. nr. 55.
Berlin, 4. märz. In Pompeji ist ein haus blossgelegt, das ausser
anderem schmuck eine frescomalerei von bemerkenswerther Schönheit
enthielt. Das gemälde mit laubgehängen von epheu eingefasst, zer-
fällt in drei felder, deren jedes von einem gemalten rahmen (blumen-
gehänge , an deren jedem ein mit einer menschlichen figur geziertes
medaillon hängt) eingefasst ist; das mittlere grösste zeigt Orpheus
mit der lyra wilde thiere bändigend : während köpf und büste der
figur mit wunderbarer krait ausgeführt sind, zeigt der untere theil
viel unvollkommenes ; ähnlich treten unter den thieren ein eber und
ein hirsch hervor: man meint, dass dies unvollkommene von einer
von ungeschickter band ausgeführten restaurirung herrührt. Die
beiden seitenfelder stellen reizende landschaften dar. Vgl. Reichsanz.
♦nr. 54 beil. 1.
Unter der aufschrift: 'zur erinnerung an die dritte säcularfeier
des Berlinischen gymnasiums zum grauen kloster am 2. juli 1874, ist
in der Weidmann'schen buchhandlung in Berlin in sauberster aus-
stattung eine Zusammenstellung der festreden, ansprachen, trinksprüche
u. s. w., in welchen das ereigniss gefeiert wurde , erschienen, darin
auch eine erzählung des ganzen hergangs der feier.
London, 4. märz. Gr. Smith hat auf einer assyrischen keilschrift-
tafel eine legende über die entstehung der weit entziffert: sie beginnt
mit Schilderung des zustandes vor erschaffung der weit, eines leeren,
wüsten raumes, in dem das chaos ungeheuer schafft: es wird das
chaos von einer weiblichen macht beherrscht, ähnlich wie bei Berosus.
Dann wird der fall eines himmlischen wesens (des satan) geschildert: er
wird besiegt und die bösen mächte : daran reiht sich die stufenweise er-
folgende Schaffung der götter , zuletzt entsteht der mensch , der auf-
recht geht, frei von sünde ist und von den göttern mit der spräche
beschenkt wird : er soll gut bleiben, aber er kann der Versuchung
nicht widerstehen und wird von der gottheit verflucht: daher alle
übel. Vgl. Augsb. AUg. Ztg. nr. 66. Reichsanz. nr. 62.
Berlin , 8. märz. In Brasilien ist ein dorf ausgegraben , das , wie
die gefundenen geräthe u. s. w. zeigen , einem stamme angehört hat,
dessen weiber das kriegerhandwerk trieben. Reichsanz. nr. 57.
Berlin, 9. märz. Bei Orvieto ist eine grossartige gräberanlage
entdeckt, die einen reichen ertrag von alterthümern verheisst. Es
ist schon jetzt dadurch die vermuthung von K. 0. Müller bestätigt,
dass hier das alte Volsinii gelegen. Vgl. Reichsanz. nr. 58.
Trier, 12. märz. Hier ist beim auswerfen von gruben ein römi-
scher mosaikboden mit figuralen darstellungen gefunden, der, weil er
so gut erhalten , in die sg. römischen bäder gebracht wird. Trier.
Ztg. vom 12. märz. Reichsanz. nr. 64.
Berlin , 13. märz. Bei Cortil-Noirmont in Belgien ist ein grab-
hügel geöffnet, in welchem bronzegeräthe, knochen u. s. w. und auch
108 Kleine philologische zeitung". Nr. 2.
je zwei goldene und silberne münzen von Nerva und Hadrian gefun-
den sind. Reich sanz. nr. 6-2.
Baden im Argau, 15. märz. Es sind einige Überreste der alten aquae
Helveticae entdeckt, Tier römische säulen u. s. w. Reichsanz. nr. 67.
Dresden, 19. märz. Heute starb hier prof. dr. Karl Gustav Helbü/ T
als historiker vorzugsweise bekannt; er hat unter Gr. Hermann philo-
logie studirt und eine schöne probe seiner studien in dem bekannten
aufsatz über Catull in den Deutschen Jahrbüchern gegeben. Obgleich
später der neuen geschichte zugewandt, blieb er doch immer mit der phi-
lologie in Verbindung und war sehr erfreut als sein söhn Wolfgang,, der
jetzige sekretär des archäologischen instituts, dieser Wissenschaft sich
zuwandte, verfolgte auch deshalb dessen laufbahn mit der grösstera
theilnahme. Er war ein trefflicher character und auch ein treuer
freund: ich sass neben ihm in quarta auf der kreuzschule in Dresden,
wo wir unsere ersten lateinischen versuche unter der leitung Philipp
Wagners, des liebevollsten lehrers, machten, den ich, so oft ich nach
Dresden gekommen , eben so wie den rector Gröbel , jedesmal mit
Heibig besuchte : wir wurden stets auf das freundlichste empfangen,
Friede sei mit allen diesen edlen männern 1 — [E. v. X.}
Berlin, 31. märz. Im Januar d. j. ist in der provinz Belluno ein
fund antiker silbergeräthschaften gemacht worden , der in vielfacher
beziehung an den Hildesheimer erinnert. Man meint, die geräth-
schaften für reste der grossen Vandalenbeute halten zu dürfen, welche
bei der eroberung und plünderung Roms im jähre 455 dem Geiserich
in die hände fiel, seinem nachfolger, dem letzten Vandalenkönig
Gelimer aber nach der einnähme Karthagos durch Belisar 534 wieder
abgenommen wurde. Der fund besteht nur aus drei silbernen ge-
räthen, nämlich zwei schusseln und einem kleinen napf, die am '20.
januar d. j. am abhänge eines kleinen berges bei dem orte Arten
nächst Fonzaso in der provinz Belluno ausgegraben wurden. Die
eine schüssel hat einen durchmesser von 20 1 /? zoll und wiegt 5 pfund
13 loth ; die zweite schüssel hat einen durchmesser von 10 zoll 10
linien und wiegt etwa 48 loth Wiener gewicht. Der napf ist nur
etwa 3 zoll hoch mit 4 zoll im durchmesser. In der mitte der erst-
erwähnten grossen schüssel ist ein rosettenartiger stern mit 28 spitzen,
dem anscheine nach ein byzantinisches Ornament, eingravirt, der von
zwei parallelkreisen eingeschlossen ist. In das band zwischen den
beiden kreisen ist folgende rundschrift in lateinischen uncialbueh-
staben eingravirt: f GEILAMIR REX VANDALORVM ET ALANORVM.
Sowohl die form der buchstaben als auch der Wortlaut des titeis ent-
sprechen vollständig den Urkunden und sonstigen denkmalen jener
zeit, z. b. münzen, deren eine das brustbild des Gelimer mit der
Unterschrift D. N. (Dominus noster) REX GAILAMIR zeigt. Es ist
anzunehmen, dass die schüssel ein erzeugniss des römischen kunst-
gewerbes ist, und dass, nachdem sie in vandalischen besitz gelangt
war, die inschrift zur bezeichnung des nunmehrigen eigenthümers
eingravirt wurde. Der boden der zweiten kleineren schüssel ist mit
einem relief ausgefüllt, welches offenbar Venus und Adonis mit Amor
darstellt. Die ausführung ist nur handwerklich , aber nach guten,
klassischen Vorbildern, und das werk kann auch älteren Ursprungs
als die erste schüssel , vielleicht aus dem fünften oder vierten Jahr-
hundert sein. Der napf zeigt keine schrift und kein bild, und hat
nur ein kleines randornament. Man erinnert sich gelegentlich dieser
drei objecte daran , dass Belisar nach der eroberung von Karthago
das siegesmahl mit den silbergefässen des vertriebenen vandalenkönigs
Gelimer hielt, und dass nach dessen vollständiger besiegung in der
schlacht bei Trikameron die gesaminte von Geiserich in Italien ge-
Nr. 2. Auszüge aus Zeitschriften. 109
machte beute in die bände der sieger fiel. Reichsanz. nr. 75. Augs-
burger Allg. Ztg.
Göttingen, 29. august. Wir beeilen uns, folgende auf die Char-
lottenstiftung (s. Phil. Anz. VI, 10, p. 517) bezügliche eben eintreffende
nachricht mitzuth eilen : Die beiden von der kgl. akademie der Wissen-
schaften zu Berlin ausgesetzten philologischen preise der von dieser ver-
walteten ' Charlottenstiftung' sind auf das philologische seminar unserer
jüngsten schwesteruniversität Strassburg gefallen. Nämlich 1) den
grossen einmaligen preis der Charlottenstiftung (6000 Reichmk.) für die
beste darstellung der handschriftlichen kritik der dritten dekade des
Livianischen geschichtswerks (mit berücksichtigung von Mommsen's
und Studemund's Analecta Liviana) hat erhalten der privatdocent und
assistent am philologischen seminar der Universität Strassburg dr. phil.
August Luchs; 2) den auf vier jähre vertheilten preis derselben Stiftung
für die beste darstellung der sprachlichen eigenthümlichkeiten der
Graubündtischen lex Romano, TJtinensis hat erhalten das ordentliche
mitglied desselben seminars dr. phil. Louis Stünkel, welcher sich 1875
durch eine sorgfältige darstellung der charakteristischen wortbildnerei
des 31. l'erentius Varro (Strassburg bei Trübner 1875) vortheilhaft
bekannt gemacht hat.
Auszüge aus Zeitschriften.
Archäologische Zeitung. Herausgegeben von Ernst Curtius
und Richard Schöne N. F. bd.VII, hft. 4: Adler, architektonische
mittheilungen aus Athen : 1) alte baureste unter der Attalos-stoa
(hierzu taf. 10); 2) dorische baureste bei der Attalos-stoa und dem
theater gefunden (hierzu taf. 11), p. 121. — R. Engelmann, das
mosaik von Palestrina (hierzu taf. 12), p. 127. — C. Robert, Medeia
und die Peliaden (hierzu taf. 13), p. 134, ein Wandgemälde inPompeii
betreffend. — H. Blümner, terracotten aus Tanagra (hierzu taf. 14)
Y>. 140), bäcker und haarschneider darstellend. — A. Holm, neue
entdeckungen aus Selinus, p. 143: sie sind durch Cavallari veranlasst,
ergänzen die Schriften von Schubring, Benndorf und Holm und sind
entnommen dem Bulletino della commissione di antichita e belle arti di
Sicilia nr. 7. Palermo, 1874: die entdeckungen betreffen 1) die
Strasse, welche von der stadt Selinus zur nekropolis führte und die
Überreste eines an dieser gelegenen gebäudes, das vielleicht als ein-
gangspforte zur nekropolis diente; 2) die bürg von Selinus, wobei
wichtige aus Afrika stammende münzen besprochen werden. — M.
Fränkel, ein attisches relief (dabei eine lithographie) , p. 148: be-
treffend grabsteine, die zugleich weihgeschenke waren. — Miscellen:
G. Hirschfeld, inschriften von Novum Ilium (Hissarlyk), p. 151; 1)
dekrete zu ehren des Malusios, Bakchios, s., aus Gargara ; 2) inschrift
vom j. 281 v. Chr. — E. Curtius undi*\ Adler, aus Kleinasien und Grie-
chenland (hierzu ein holzschnitt), p. 156; es wird kurz berichtet über
den von Henning gefundenen und im Hermes IX , p. 257 edirten
brief des kaiser Julian , dessen besuch in Neu-Ilion betreffend , dann
über das neu gegründete museum in Smyrna (s. unt. p. 111), über die
von O. Rayet auf kosten Rothschilds geleiteten ausgrabungen in
Milet, die von Lang auf Kypros, über die terracotten und mehr als
600 grabinschriften u. s. w. , die Demetriades in Tanagra gefunden,
endlich über die ausgrabungen in Athen , wo die ausgrabung der
alten befestigungswerke am westlichen stadtrande zur aufdeckung
zweier stadtthore geführt hat , über die Adler p. 158 ausführlich be-
richtet, auch in holzschnitt einen grundriss beigefügt hat. Auch
anderes ist noch gefunden, wovon wir den grenzstein hervorheben.
der an der Strasse nach Eleusis gefunden und p. 162 mitgetheilt ist:
110 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 2.
o
E20JO
TKSEAE YSINAJE
— A. D. Mordtmann, Apollon Krateanos, p. 162, inschriften, auf
denen dieser name , über den Mordtmann nichts hat finden können,
erscheint ; sie sollen aus Mysien stammen, und sini sich mit ausnähme
der namen alle gleich : beispielsweise geben wir eine :
rictvxias AnökXoivi,
KQanavtü sv^v.
Ueber die inschriften wird nichts mitgetheilt. — H. Dütschke , die
vermeintlichen statuen der tyrannenmörder im Boboli - garten in
Florenz, p. 163; die statuen werden als restaurirte und neue nach-
gewiesen. — A. Förster, zu Pausan. I, 24, 3, p. 165. — Berichte, p.
166: bericht von der archäologischen gesellschaft in Berlin, p. 166.
— Chronik der Winkelmannsfeste , p. 167. — Zusätze und
berichtigungen, p. 172. ■ — JE. Curtius, zum gedächtniss von Fr. Matz,
geb. zu Lübeck, 13. oct. 1843, gest. zu Berlin 30. december 1874, p.
173 : kurze darstellung des lebens und strebens dieses trefflichen
jungen philologen: über seinen aufenthalt in Göttingen, der von
Curtius so gut wie gar nicht berührt ist, s. ob. VI, hft. 12. — R.
Engelmann, Allgemeiner Jahresbericht, p. 177.
Augsburger Allgemeine Zeitung, 1874: nr. 334 : briefe aus dem Elsa ss
XVII : wird das Schulwesen im Elsass besprochen und gegen die regie-
rung polemisirt. — Nr. 336: entdeckung eines äusserst interessanten
pfahlbaus bei Biel in der Schweiz : ein ganzer kahn ward ausgegraben.
— Nr. 338: kämpf zwischen staat und kirche in Chile. — Beil. zu
nr. 338. 339: Sepp, reisebriefe aus der Levante. XX: die gräber der
Babylonier, Buddhismus im christenthum. — Auss. beil. zu nr. 340:
ausgrabungen am Pantheon in Rom : s. Phil. Anz. VI, 10, p. 497. — Nr.
341 : bayerische gymnasialexperimente, klagen über vom ministerium er-
lassene Verordnungen. — Beil. zunr. 342 : die Sprachwissenschaft, anzeige
der von J. Jolly herausgegebenen Vorlesungen von Whitney. — Nr. 343 :
die debatte über die freigebung des höhern Unterrichts in Versailles :
vgl. nr. 342. — Beil. zu nr. 343: die kleinasiatischen städteruinen :
der vrf. führt aus, dass um die gründe der Zerstörung dieser städte
klar darzulegen , ein geologe sich mit einem historiker vereinigen
müsse: naturereignisse hätten darauf eingewirkt. — Nr. 344: professor
C. Tischendorf f. — Beil. zu nr 344. 345: O. Keller , über die ent-
deckung Troja's durch Heinrich Schliemann: der in Freiburg i. B.
gehaltene Vortrag: zuerst wird Bunarbaschi als der ort, wo Troja
lag, abgewiesen, für Hissarlik dagegen gekämpft, dabei II. XX als
spät und von einem der gegend unkundigen dichter verfasst charac-
terisirt, endlich ausgesprochen, dass Schliemann wirklich Troja's statte
aufgefunden habe: s. Phil. Anz. VI, 10, p. 523. — Beil. zunr. 347: klerus
camorra und brigantaggio, italienische Schlagschatten von TV. Kaden I.
— Nr. 350: in dem abgeordnetenhaus in Wien wird der Vorschlag
gemacht, die Collegiengelder bei der Universität aufzuheben: hier wird
dagegen gesprochen. — Beil. zu nr. 351: Fr. Blume (früher schrieb er
sich Bluhme) über die spräche der Longobarden : kurze anzeige von :
'die gens Longobardorum, zweites heft. Ihre spräche', an die sich
schöne worte über den jüngst verstorbenen schliessen. — Beil. zu nr.
353 : zur griechischen kunstgeschichte. II, von Liibke : s. ob. nr. 329 :
bezieht sich auf aufsätze Brunn's über den Parthenon. — Neuere Über-
setzungen der Bibel: sehr zu beachten. — Nr. 357: die neue bayeri-
sche Schulordnung. — Beil. zu nr. 357: kurze anzeige von Vollmer's
Wörterbuch der mythologie aller Völker.
Augsburger Allgemeine Zeitung, 1875, nr. 1 : Bonghi und die semi-
Nr. 2. Auszüge aus Zeitschriften. 111
narien: der minister dringt darauf, dass die lehrer an den seminarien
sieb den gesetzmässigen prüfungen unterwerfen; also dasselbe was in
Deutscbland verlangt wird, sucht Bongbi in Italien zu erreichen. —
Beil. zu nr. 1: F. von Helhvald , die jüngsten ausgrabungen am Es-
quilin: sacht ein auditorium für privatvorlesungen naebzuweisen. —
Nr. 2: Deutsche professoren und erziehung in Japan. — Beil. zu nr. 3:
anzeige von F. v. Hellwald'sculturgeschichte. — Sicilianiscbe zustände. —
Beil. zu nr. 8: Schllemann, professor Stark und Troja: eine entgegnung
Scbliemann's auf eine recension Stark's in Jenaer Lit. Ztg., 1874
nr. 23: Scbliemann's angaben suchen die wabrbeitsliebe Stark's zu ver-
dächtigen : weiteres ist abzuwarten. — Beil. zu nr. 9 : professor
John Tyndall und die freiheit der Wissenschaft, von J. Frobscbammer.
— Nr. 13: die universitäts- und landesbibliotbek zu Strassburg bat
vom fürst Ludwig von Bentbeim gegen 1000 äusserst wertbvolle
bücher zum geschenk erbalten. — Beil. zu nr. 13: ein archäologischer
fund : namentlich beschreibung der auf dem Esquilin gefundenen
Venus: s. ob. p. 46. — Nr. 26: kurze anzeige von Overbeck's
Pompeii, dritte aufläge. — Beil. zu nr. 26: Allgemeine Deutsche bio-
graphie : anzeige der beiden ersten unter leitung von Lilienkron
und Wegele erschienenen hefte. — Beil. zu nr. 27. zu Fr. W. v.
Schellings hundertjährigem geburtstag. — Beil. zu nr. 29 : das neueste
aus Pompeji, von dr. R. Schöner: beschreibung einer ausgrabung in
Pompeji und eines dabei aufgedeckten gemäldes, Orpheus und Eurydike
darstellend: die letztere wird als der glanzpunkt des ganzen hinge-
stellt. — Wo und wann ist der heilige Hieronymus geboren ? Knüpft
an die schrift von Danko an: divum Hieronymum oppido Stridonis
Hungariae a. 331 natum esse propugnat Mainz 1874, die sehr em-
pfohlen wird. — Beil. zu nr. 30; Ferdinand Hitzig, nekrolog. — Hr.
Vivian de Saint-Martin und das homerische Ilion: anzeige von dr.
H. Schliemann, in der einer abbandlung des genannten französischen
gelehrten überTroja's läge irrthümer nachgewiesen werden. - Ausser-
ordentliche beilage zu nr. 30 : der streit zwischen professor Adler und
dr. Sepp über den baulichen Ursprung der Omar-moscbee zu Jerusalem.
— Nr. 32: zum gedächtniss Friedrich Creuzer's: anknüpfend an die
schrift von L. Stark. — Ausserordl. beil. zu nr. 33: mittheilungen
über das gebahren der Studenten in Rom und auf anderen italienischen
Universitäten. — Beil. zu nr. 34 : die arbeiterbewegung im alterthum:
anzeige der schrift von K. Bücher, die aufstände der unfreien arbeiter
143 — 129 v. Chr. — Die feier von Schelling's lOOjährigem geburtstag
auf Universitäten. — Beil. zu nr. 36: ein urnenfeld bei Strehlen (in
der nähe von Dresden) entdeckt. — Nr. 42: die russischen reformen.
I : betrifft die aufbebung der leibeigenschaft : sehr beachtenswerther
aufsatz. — Beil. zu nr. 42 und 43: zur geschichte der schifffahrt und
des handeis: knüpft an das werk von Lind say, history of merchand,
shipping and ancient commerce. Vol. I. Lond. 1875: handelt vom
Argonautenzug , Semiramis , Phönizien und Karthago. — Beil. zu nr.
44: Carriere, die thatsache der sittlichen weltordnung. — Beil. zu
nr. 45: die Schellingsfeier in Jena. — Beil. zu nr. 48: kurze notiz
über Gustav Eirschfeld's reisen in Kleinasien, auf denen er 380 un-
edirte inschriften gesammelt hat. — Archäologisches museum in
Smyrna. — Beil. zu nr. 49 : ein sprachgelehrter des sechzehnten Jahr-
hunderts : anzeige des buchs Lawensschete van Cornelis van Kiel
(Kilianus) door P. Genard. Antwerpen 1874: Kilianus, eigentlich
Abte, bekleidete sein leben hindurch die correctorstelle in der Plan-
tinischen druckerei in Antwerpen, für deren geschichte das buch auch
vdn Wichtigkeit. Kilian starb 16. april 1607. — Mark Pattison ver-
öffentlicht in Oxford eine ausgezeichnete biographie über Casuubonus.
112 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 2.
— Beil. zu nr. 50. 51: Stieler, erinnerungen an Strassburg. — Nr. 50:
Smith hat unter den assyrischen tafeln nach dem Athenäum die legende
des babylonischen thurmbaues gefunden. — Beil. zu nr. 51. 52. 54. 56. 58:
Julian Schmidt, Görres und sein kreis. I. II. III. IV. V. — Bei den aus-
grabungen am Esquilin sind zwei weibliche marmorstatuen von vor-
züglicher arbeit — die eine ein ziemlich entwickeltes weib vor
dem bade darstellend — und eine silberne Statuette gefunden. —
Beil. zu nr. 52. 57 : das Jubeljahr der hochschule zu Leyden. I. II :
erst allgemeines und den ersten tag schildernd: (merkwürdig, dass
Madvig nicht erwähnt wird), dann specielleres , namentlich toaste,
bringend. — Nr. 53 : Stimmungsbilder aus Berlin. XIX : fortsetzung
aus j. 1874, nr. 365: enthält zwar nichts eigentlich philologisches,
aber zu beachten. — Beil. zu nr. 54, 55: (L. St.) W. Corssen, über
die spräche der Etrusker, Leipzig 1874: sehr zu beachtende anzeige,
in der schliesslich der vf. von Corssen in zwei punkten abweicht,
erstens in dem urtheil über die spräche ; St. hält sie nicht für rauher
als das latein; zweitens in der art, wie die Ortsnamen, inschriften u.
s. w. in Tirol, Graubünden u. a. behandelt sind. — Beil. zu nr. 55:
der Onondaga-riese : nähere mittheilung über die in Amerika entdeckte
angeblich phönikische statue : über sie s. Phil. Anz. VI, nr. 9, p. 478 :
hier wird erzählt, wie der ganze Schwindel von zwei schlauen ameri-
kanern, A. JB. Morton und George Süll ausgegangen. — Nr. 57: die
gründung der Universität Czernowitz. — Beil. zu nr. 62: der dorn zu
Trier: ausführliche anzeige von Wilmowshy 's buch, die auch die
römische zeit berücksichtigt, von L. X. Kraus. — Beil. zu nr. 63,
65 : R. Schöner , römische imperatorenköpfe I , II , III : bespricht die
Julier und Claudier ; in II die kaiser von Galba bis Hadrian ; III die
kaiser von Antoninus bis Elagabal. — Beil. zu nr. 64. 66. 68: die
academischen zustände in Oesterreich: referirt aus dem für 1874
erschienenen Jahresbericht des ministeriums für cultus und Unterricht.
— Nr. 66: der culturkampf und die centrumspartei in den deutschen
Volksvertretungen. — Die von G. Smith entdeckte assyrische tafel
die entstehung der weit betreffend (s. ob. p. 107). — Beil. zu nr. 66:
TT. Hiiffer , die republik Florenz unter den Medici: bespricht das
buch von A. v. Keumont: Lorenzo di Medici, 2 bde. Leipzig. 1874.
— Beil. nr. 70. 71: Martin Haug , die Unsterblichkeit der seele bei
den Chaldäern. — Ausserordentliche beilage zu nr. 75 : ausgrabungen
in den katakomben. — Beil. zu nr. 85 : Stimmungsbilder aus
Berlin. XX. — Nr. 86: die ägyptische expedition nach Darfur. —
Nr. 91. 92. 93. 94. 95: das verhältniss von staat und kirche in seiner
geschichtlichen entwicklung: mit berücksichtigung der schritt von
Geffken, staat und kirche. — Beil. zu nr. 92: L. Geiger, Petrarca
und Dante: berücksichtigt neue werke von Italienern über diesen
gegenständ. — Beil. zu nr. 93 : Döllinger , die königlich bayerische
academie der Wissenschaften. — Die Reichsorthographie: warnt vor
Übertreibungen. — Beil. zu nr. 96: rasirrnesser in indogermanischer
zeit : Vortrag von Th. Benfeg, hervorgerufen durch einen aufsatz von
Wolfgang Heibig — s. Allg. Ztg. 1874, beil. zu nr. 352: — , welcher
sprachlich nachzuweisen sucht, dass die Indo-germanen von höher
entwickelten Völkern die sitte und die mittel kennen lernten , die
barthaare abzunehmen. (Aber es ist das vorläufig Alles conjectur.)
Auch vergl. unten nr. 117. — Nr. 97: der revivalismus in England. —
Nr. 98: Italien and das papstthum. — Anzeige eines Vortrags von
Sichel in der Wiener Academie, über Alcuin's briefe: sie sind auch
für die topographie Rom 's von Interesse. — Beil. zu nr. 99: Joh.
Jul. Christian Donner: nekrolog. — Bericht über die Versammlung
rheinischer schulmänncr in Köln am 30. märz: man erwähnte die
Nr. 2. Auszüge aus Zeitschriften. 113
äusserung von H. Sybel, die rheinischen gymnasien seien hinter
denen in andern provinzen zurück, ging aber zur tagesordnung über:
es ist das sehr zu bedauern: man hätte, dass an dem yvw&t, guvxov
den Schulmännern etwas läge , dadurch beweisen sollen , dass man
auf das genaueste die anklage erörtert hätte. Aber der hochmuth
unserer zeit zeigt sich überall. — ■ Beil. zu nr. 100. 101: Deutsch-
Lothringen: anzeige des buchs von Sühn; in demselben befindet sich
auch eine vollständige geschichte von Metz. — Nr. 102 und Beil. zu
nr. 103: die Strasse der gräber in Pompeii, von R. Schöner: be-
schreibuug nebst den ins deutsche übersetzten inschriften. — Nr. 104 :
die griechische grammatik für die Inder. — Nr. 113: der archäolo-
logische ausgrabungsvertrag mit Deutschland wird von der griechi-
schen kammer genehmigt. — Beil. zu nr. 113: Ursprünge und ziele
unsrer culturentwicklung: anzeige einer schrift gleichen inhalts von
Fr. Grau in Königsberg (Gütersloh). — Nr. 116: rundschreiben der
Universität Leyden an die Universitäten , welche deputirte zum Jubi-
läum geschickt hatten. — Beil. zu nr. 117: noch einmal die rasir-
messer in indogermanischer zeit : entgegnung von W. Heibig, auf die
bemerkurigen Benfey's, s. oben nr. 96: zugleich berichtend über
weitere ausführung und begründung seiner ansieht. — Nr. 129 : epi-
demien in Syrien, Mesopotamien, Cyrenaica. — Beil. zu nr. 129: die
ausgrabungen in Aquileja: nach einem hübsch geschriebenen blick
auf die geschichte der stadt und der provinz, geht der vf. auf die
Sammlungen von alterthümern jn Aquileja über, kommt dann auf die
neuesten ausgrabungen der Stadtmauern, von einzelnen strassentheilen
und einem interessanten öffentlichen gebäude, was wie die mauern genau
beschrieben wird : welche bestimmung es gehabt — die einen hal-
ten es für ein theater, andere für den circus, andere für ein bad:
nach dem vf. könnte alle dies in ihm vereinigt gewesen sein , auch
der kaiserliche pallast — lässt sich noch nicht bestimmen: die aus-
grabungen müssen erst weiter gediehen sein. — Nr. 130: die terzine
in Holland. — Nr. 131: H. Ewald: berichtigungen zu dem nekrolog
in nr. 127. — Beil. zu nr. 131 : deutsche kunstwerkstätten in Rom.
— Enthüllung der Gedenktafeln für die 1870 gefallenen Studenten. —
Auss. beil. zu nr. 132: Dr. de Bries über die deutschen hochschulen:
genauere mittheilung des bei dem Jubiläum zu Leyden auf die deut-
schen Universitäten ausgebrachten trinkspruchs. — Ausserord. beil. zu
nr. 135 : das römisch-germanische centralmuseum in Mainz : auszug
aus dem letzten bericht über dasselbe. — Beil. zu nr. 140 : bericht
über Pattison's in England erschienenes buch über Isadk Casaubonus,
der in selbigem weniger als philolog als vielmehr vorzugsweise als
treuer protestant geschildert wird. — Nr. 141 : knrze notiz über die
hundert und einige Universitäten in den US. in Nord-Amerika. —
Beil. zu nr. 191: G. Berkardy f — Beil. zu nr. 143: lobende anzeige
von Ziegler 's Illustrationen zur topographie des alten Roms. — Nr.
144 : der unterhalt und die ernährung an bord deutscher kriegs-
schiffe. — ■ Beil. zu nr. 145: Zeitschrift des historischen Vereins für
Schwaben und Neuburg. Bd. I, hft. 2. 3: enthält ein leben von
C. A. Hörmann aus Augsburg mit besonderer rücksicht auf die schu-
len im sechszehnten Jahrhundert. — Augsburger zustände. — Die
studentenunruhen in Neapel und die Universität d sein sollte, eine stelle also geeignet den Hermes kommen
und gehen zu lassen. Würde aber wohl, darf man fragen, der
epische dichter, wenn ihm der lauf eines flusses zwischen Stadt
und schiffen klar bewusst gewesen wäre , ein solches motiv wie
die Überschreitung desselben bei seinen Schilderungen sich haben
entgehen lassen ? Unzulässig ist es also die erwähnung der fürt
so stark auszubeuten , wie z. b. von Nikolaides geschieht , der
bei seiner rekonstruktion der homerischen schlachtpläne u. a.
Nr. 3. 94. Homeros. 119
kühn berichtet : 27s traversent le fleave , wovon überall nichts
gesagt ist. Aber so sehr das unberechtigte solcher Übertreibung
anzuerkennen ist, abgethan wird die sache damit doch nicht sein .
Woher denn überhaupt auch nur die erwähnung der fürt, wenn
diese nicht einigen grund in der sage hatte ? Betrachtet man
aber die einzige stelle näher , wo das verhältniss einigermassen
anschaulich ist, zu anfang, so scheint freilich zunächst die
auffassung möglich, Achilles habe an der fürt des Skamanders
angekommen die Troerschaar so getrennt , dass er die einen in
die ebene gegen die stadt hin , die andern in den fluss jagte
Dieser auffassung steht aber schon entgegen , dass dann die vor
Achill fliehenden Troer nicht in der richtung gegen die Stadt,
wie doch zu erwarten , sich zurückgezogen , dass Achill nicht
gegen die Stadt hin sie verfolgt haben würde. Und so unklar
auch das bild im folgenden wird durch das eingreifen der götter,
— dass Achill den fluss überschreiten will und muss, um nach
Troja zu kommen (v. 233: i'vdoQS fiiaea warum? da es ja hier
nicht mehr galt einzelne feinde zu verfolgen und niederzumachen;,
wird man nicht bezweifeln können. Es muss also unter mdtov
v. 3 das feld jenseits des flusses (von Achilles aus gesehen) zu
verstehen sein , und Achill trennte die Troer dadurch ? dass er,
sie verfolgend, die einen trieb sich durch die fürt in die ebene
gegen die Stadt hin zu flüchten , die andern , welche die (nicht
gleichzeitig von vielen zu benützende) fürt nicht schnell genug
erreichen konnten, zwang in den fluss zu springen. So räthsel-
haft es auch ist , dass von diesem umstand , der nothwendigkeit
einen fluss zu überschreiten , kein weiterer gebrauch gemacht
wird , — eine spur der sache , eben die erwähnung der fürt,
findet sich also doch in sehr verschiedenen theilen der Ilias (im
14., 21., 24. gesang). Und dazu kommt noch andres. Denn
wie in fl 394 — 98 (wo Patroklos die Troer gegen die schiffe
zurücktreibt und unter ihnen wüthet „zwischen schiffen , fluss
und mauer") die Vorstellung unklar sein soll, da die feinde der
stadt näher gekommen sich in diese retten konnten, hier aber
abgeschnitten ihm erliegen mussten, und da das Schlachtfeld ja
genau begrenzt ist, weil nur diese drei Seiten, schiffe, mauer der
stadt, fluss , zu nennen waren , die vierte , die meeresküste , sich
von selbst verstand, desgleichen warum 130 f. nicht auf einen
fluss zwischen schiffslager und stadt gedeutet sein soll (beides
8*
120 94. Homeros. Nr. 3.
bei W. Christ, d. topogr. der troj. ebene u. d. hom. Fr., Sitz.ber.
der Müncbn. akad. 1874. 204), da doch wohl 130 nicht
darum zu übersehen ist, weil dem die vorausgesetzte auffassung
von 3 — 4 widerspricht, sondern bei erklärung dieser stelle (0
anf.) auch jene (130) zu berücksichtigen ist, scheint (wenn nicht
beides doch auf einem vorurtheil beruht) nicht leicht zu ver-
stehen. Doch man sieht wie hier jeder schritt zu kontroversen,
ja in ein gewirr entgegenstehender meinungen führt, deren keine
einer gewissen berechtigung entbehrt. — Erwähnt sei nur noch
aus dem anhang , dem tagebuch einer reise von Perrot vom
jähre 1856 (mit 5 — 6tägigem aufenthalt in der Troade), die be-
merkung p. 72 , dass, das Idagebirge noch ganz bewaldet sei
(tout entier boise, encore couvert, comme dans V antiquite", de pins
et de chenes). Ich erinnere mich aber in andren neueren berich-
ten genau die gegentheilige Versicherung gefunden zu haben,
dass dasselbe gegenwärtig mehr oder weniger kahl sei. Wie
verhält sich denn wohl die sache? Möge es doch einem der
gelehrten, welche das glück haben aus eigner anschauung be-
richten zu können, gefallen, hierüber bestimmte auskunft zu
geben ! Bff.
95. De Duride Samio Diodori auctore. Dissertatio historica
quam . . . scripsit Aug. Haake. Bonnae formis C. Georgi 1874.
8. 53 s.
96. De Duride Samio Diodori Siculi et Plutarchi auctore.
Dissertatio inauguralis quam. .. scripsit Aug. Ferd. Koesiger.
Gottingae typ. expr. off. acad. Huthiana 1874. 8. 64 s.
Wer Diodors (21,17) abschätziges urtheil über die von
Kallias und Timaios gelieferten bearbeitungen der geschichte
des tyrannen Agathokles in betrachtung zieht, dem liegt die
vermuthung nahe , dass in Diodors eigner darstellung derselben
weder einer von diesen beiden noch der gleich Kallias für den
tyrannen parteiische Antandros, sondern der einzige ausser jenen
noch übrige zeitgenössische historiker, welcher die geschichte
desselben geschrieben hat, Duris von Samos, zum hauptgewährs-
mann genommen ist, von dem allein die von Diodor an den drei
andern vermisste Unparteilichkeit zu erhoffen war. Der in ele-
gantem latein abgefassten schrift Haake's gebührt das verdienst,
diese vermuthung zuerst ausgesprochen und begründet, aber auch
Nr. 3. 95. 96. Duris. 121
das weitere, den erweis ihrer richtigkeit an der erzählung Diodors
bis zu einem hohen grade von Wahrscheinlichkeit gebracht zu
haben. Er zeigt, dass diese in den wichtigsten punkten weder
einem der zwei höfischen geschichtschreiber noch Timaios dem
feinde des Agathokles folgt, weist auch positive entlehnungen
aus Duris in ihr nach und macht auf Übereinstimmungen der-
selben mit dem aufmerksam, was wir über des Samiers politische
und literarische richtung wissen. Treffend erkennt er bei Trogus-
Justinus einerseits sichere spuren von benützung des Timaios,
andrerseits den einfluss eines dem Agathokles geneigten gewährs-
manns; mehr behauptet als bewiesen hat er, dass die einschlä-
gigen strategeme des Polyainos aus Timaios entlehnt sind und
ebenso, dass Timaios secundäre quelle des Diodoros ist.
Diese von Haake mehr oder weniger unvollständig behan-
delten sätze führt Roesiger mit eindringender schärfe weiter
und bringt so die Unvereinbarkeit der diodorischen erzählung
mit den darstellungeu der drei Sikelioten, die abhängigkeit des
Polyainos von Timaios, die benützung dieses und neben ihm
eines berichterstatters aus dem entgegengesetzten lager bei Trogus
zum klaren erweise-, er gewinnt aber auch einen fruchtbaren
neuen gesichtspunkt durch die darlegung, dass die oben erwähnte
beurtheilung des Kallias und Timaios nicht Diodors eignes werk,
sondern entlehnung aus einem älteren Schriftsteller ist, natürlich
demselben welchem er in der geschichtserzählung selbst folgt.
Dies aber ist kein anderer als Duris : dessen sämmtliche aus
Zeugnissen bekannte eigenthümlichkeiten — der politische Stand-
punkt (eines aufgeklärten tyrannen), das historische stilprincip
(fiilJTjotg), die Vorliebe für Sprichwörter, citate und anekdoten,
für mythologie und geographie — vom vf. in Diodors geschichte
des Agathokles überzeugend nachgewiesen werden. Als neue
züge treten aus dem verloren geglaubten , durch die vereinten
bemühungen Haake's und Roesigers zu einem guten theil wieder-
gewonnenen werk über Agathokles eine eigenthümliche sittliche
Weltanschauung und massvolles historisches urtheil hinzu.
Das den bisherigen annahmen zuwiderlaufende ergebniss,
dass Duris bereits den Timaios benützt hat, wird von Roesiger
in schlagender weise- durch den nachweis erhärtet, dass jener
sich auch auf anderen gebieten sätze angeeignet hat, welche un-
bestreitbar von Timaios zuerst ausgesprochen worden sind; Roe-
122 95. 96. Duris. Nr. 3.
siger kann daher auch mit gutem rechte die stellen, an welchen
Diodor in der geschichte des Agathokles ausdrücklich oder still-
schweigend auf Timaios zurückgeht , aus nur indirecter , durch
Duris vermittelter benützung desselben erklären; nur scheint es
uns bei einem guten theil der vom vf. dahin gerechneten stellen
fraglich , ob Timaios ihnen wirklich zu gründe liegt. Wenn er
aber daneben doch auch unmittelbare entlehnungen aus diesem
historiker annimmt, so ist das für Diodor 20,101 ohne zureichende
begründung (pag. 29), für 19, 65. 70 — 72 aber geradezu unter
irrthümlichen Voraussetzungen geschehen. Denn der scheinbare,
pag. 18 auf Übergang zu einer von Duris verschiedenen und
dem Agathokles feindseligen quelle (d. i. zu Timaios) gedeutete
Widerspruch, dass 19,65 der tyrann von den Karthagern an ein-
haltung eines Vertrags gemahnt wird, von dem im vorausgehenden
(19, 2 — 9) nichts gemeldet wurde, erklärt sich einfach aus der
thatsache, dass hier die sicilische geschichte des jahres 317, da-
gegen in 19, 65 die des jahres 315 behandelt, bei dem in der
mitte liegenden jähre 316 aber mit gewohnter fahrlässigkeit
Agathokles ganz übergangen ist; woraus sich der schluss von
selbst ergibt, dass jener vertrag von Duris in der geschichte
des von Diodor übergangenen jahres erwähnt war. Dieselbe
bewandtniss hat es mit dem angeblichen Widerspruch zwischen
19, 71 Axqayavüvoi xal reXwoi xui Mt6Gr\vioi xarilvGuv xbv
nqbg *Ayadox\iu nofafiov fiEGtrevGaviog *A[i(lxov und 19, 102
7% siQt'vTjc uqzi yeytvtjfiivrjg "Aya&oxXel TtQog rovg ^ixekiwiug
jikrjv MsGGrjvfuv. In dem fehlen von Gela und Akragas und
der übergehung des bundesverhältnisses zu Hamilkar an der
zweiten stelle findet Haake p. 32 einfach eine fahrlässigkeit
Diodors, Roesiger dagegen p. 19 den beweis verschiedenen Ur-
sprungs beider stellen. Aber Diodor, der 19, 70 — 72 die ge-
schichte des Agathokles im jähre 314 und 19, 102 die sicilischen
ereignisse des jahres 312 behandelt, hat vielmehr abermals bei
dem zwischen beiden in der mitte liegenden jähre Sicilien ver-
gessen ; in diesem hatte sich demnach das verhältniss zu Hamilkar
so feindselig gestaltet, wie wir es 19, 102 im jähre 312 vor-
finden, und sowohl Gela als Akragas seinen frieden mit Aga-
thokles gemacht. Diodor selbst bezeugt uns das durch den Zu-
satz der Zeitbestimmung agn ytyivi]^i£vi]Q, welche beim jähre 312
angebracht offenbar auf das nächstvorhergegangene jähr, also
Nr. 3. 95. 96. Duris. 123
auf 313, als zeit des friedensschlusses hinweist. Wir stehen
daher nicht an, die ganze von Diodor gegebene darstellung der
geschichte des Agathokles aus Duris abzuleiten.
Die frage , ob auch andere stücke des diodorischen werkes
aus Duris geflossen sind, bejaht Haake zunächst für 15, 60,
dessen abweichungen von den anstossenden capiteln er in wenig
überzeugender weise aus vorübergehender benützung des Duris
erklärt; sodann für die stellen des 16. buchs, welche anklänge
an Demosthenes oder Theopompos, und für die, welche Überein-
stimmung mit Phylarchos aufweisen : Demosthenes sei von Theo-
pompos , dieser von Duris , Duris selbst von Phylarchos benutzt
worden. Die schwäche dieser argumentation hat Roesiger p. 52
zur genüge aufgezeigt. Dafür hat Haake wieder das richtige
in bezug auf Diodors Diadochen-geschichte erkannt, welche seit
Brückner allgemein für einen auszug aus Hieronymos von Kardia
angesehen worden ist : er widerlegt diese annähme durch hin-
weis auf Diodor 19, 44, wo offenbar Duris fr. 25 benützt ist.
Auf dem von Hieronymob gezeigten wege geht Roesiger weiter
und legt theils die schwäche der gründe dar, mit welchen die
ganze Diadochen-geschichte Diodors auf Hieronymos zurückgeführt
worden ist, bei welcher gelegeuheit er die gute bemerkung macht,
dass auch, wo Pausanias den Hieronymos citirt, ihm die kennt-
niss desselben nur auf indirectcm wege, durch Timaios , zuge-
kommen sein möge ; theils macht er auf stellen aufmerksam, wo
Diodor den Antigonos ungünstig beurtheilt, wo er mithin Hiero-
nymos , den Parteigänger dieses mannes , nicht benutzt haben
kann. Roesiger verspricht diesen gegenständ und die frage
nach den quellen des plutarchischen Demetrios bei einer andern
gelegeuheit eingehender zu behandeln : vielleicht kommt er dann
von dem in der vorliegenden schrift ausgesprochenen gedanken
zurück , dass Diodor und Plutarchs gewährsmann abwechselnd
drei quellen verschiedenen parteistandpunkts , eine dem Antigo-
nos freundliche (Hieronymos), einen anhänger des Seleukos (Duris,
wie er vermutket) und einen dem Ptolemaios günstigen geschicht-
schreiber ausgezogen habe.
Ganz seine eigenen wege geht Roesiger bei der forschung
nach den quellen des plutarchischen Demosthenes. Von dieser
biographie gehört nach ihm cap. 12 — 13; 18 — 21 und je die
zweite hälfte von 11 und 22 dem Duris, das übrige dem Mag-
124 95. 96. Duris. Nr. 3.
neten Demetrios, einem freunde des Atticus, an. Für letzteren
führt er ausser dem umstände, dass derselbe der jüngste von
den siebzehn in der biographie citirten autoren ist, als besondere be-
weise an: 1) die anachronistische anekdote von der anwesenheit
des knaben Demosthenes bei dem berühmten Vortrag des Kalli-
stratos in dem oropischen process (Plut. Demosth. 5). Diese notiz
stammt indess nach Ps.-Plutarch. Vitt. X orat. p.844, b von dem
Magneten Hegesias : Roesiger besteht zwar auf der richtigkeit
der Ruhnkenschen conjectur Jrnji,qTQiog statt 'Hyrjfffag , welche
Droysen und Schäfer willkürlich finden, bringt aber nichts posi-
tives zu ihrer erhärtung bei. 2) Nach Plutarch. Dem. 5 gaben
manche als grund, warum Demosthenes den Isaios gehört
habe , an , er sei nicht im stände gewesen die von Isokrates
verlangten zehn minen zu zahlen. Diese nachricht führt
Roesiger wegen Suidas s. v. ' laulog: Jrmr(TQiog de Xahtidiu
(pT\aiv uvtov eivai. ovrog 6' inutrtTTCu xai tog ^/rjfjioG&evrjv
ufiiO&i TtQouyayoüv auf Demetrios Magnes zurück, übersieht
aber, dass Suidas diesen für die abkunft des Isaios aus
Chalkis, nicht für dessen verhältniss zu Demosthenes citirt;
nicht zu erwähnen , dass es sehr fraglich ist , ob Suidas nicht
den Demetrios von Phaleron gemeint (vgl. not. 5) hat. An letz-
teren denkt Westermann Biogr. p. 471 ; der vf. lässt sich über
diese frage gar nicht aus. 3) Den gelehrten zweifei Plutarchs
im Dem. 15, ob die rede mgl TiaguiTQiGßeCag von Demosthenes gehal-
ten worden sei, lässt Roesiger in ansprechender weise aus einem
Schriftsteller entnommen sein, welcher vor Caecilius von Kaiakte
und Dionysios von Halikarnass schrieb, was auf Demetrios zu-
trifft , ebenso gut aber auf irgend einen alexandrinischen oder
pergamenischen gelehrten nach der zeit des Idomeneus (um 275).
4) Ob unter dem Demetrios, dessen urtheil über die bestechlich-
keit des Demosthenes von Plut. Demosth. 14 mitgetheilt wird, der
Phalereer oder der Magnete zu verstehen sei, ist nach Roesiger
p. 14 ungewiss-, dagegen p. 41 sq. und 44, setzt er ohne gründe an-
zügeben, voraus, dass es dem Magneten angehört. Wir sind der
entgegengesetzten ansieht. Plutarch sagt hier wg <pqo~iv 6
JrjfiqiQiog und erst im folgenden capitel betreffs der gattin des
Demosthenes gibt er die volle titulatur: üc ioiogei diiiiqxQkog
b Mdyvqg iv idig mql avriuvifKvv; dort also wird der Magnete
zum ersten mal von ihm citirt, dagegen in cap. 14 ein entweder
Nr. 3. 95. 96. Duris. 125
berühmterer oder vorher genannter Demetrios. Jede von diesen
zwei eigenschaften trifft auf den Phalereer zu, welcher bereits
zweimal , cap. 9 und 1 1 , mit voller bezeichnung citirt worden
war, und auch in sachlicher beziehung (s. u.) ist er weitaus ge-
eigneter, für den Urheber der bemerkung gehalten zu werden.
5) Den in cap. 28 angeführten Demetrios erklärt Roesiger dess-
wegen für den Magneten, weil Hermippos (der um 200 schrieb)
von ihm bekämpft werde. Die worte : "Eofunnog dt rbv *AoyJav
lv roig Auxqixov xov Qrjxogog (ia&r\ir]v avayqäcpu, 4r]fj,rjxQtoc Se
jqg *Ava%ifiivQvg SiuTovß^g (jtSTeGxrjxwcu <prjGlv «vroi-, besagen je-
doch nicht, dass Demetrios auf Hermippos bezug nimmt; die
stelle ist von C. Müller unter die fragmente des Phalereers auf-
genommen worden und in dem leben des Aischines wird eine
ähnliche, die lehrer dieses redners betreffende meinungsverschie-
denheit zwischen Demetrios und Hermippos angeführt. 6) Ausser
im cap. 15 und 27, wo Demetrios der Magnete citirt wird, steht auch
in cap. 30 eine nach Vit. X orat. 847,a von diesem herrührende
behauptung. Aber Plutarch hat sie nicht, wie man im sinne
des vf. erwarten müsste, sich angeeignet-, er nennt sie vielmehr
abgeschmackt (ol — Xeyovxtg xofiiSTj tpXvuoovav) und vf. sieht
sich hier (p. 37) veranlasst, eine von der sonst in seiner schrift
durchgeführten und p. 46 ausgesprochenen abweichende ansieht
über die quellen der biographie vorzutragen.
Die obenbezeichneten capitel aus einer andern quelle als
Demetrios abzuleiten wird vf. durch den Widerspruch über De-
mosthenes bewogen, in welchem sie nach seiner meinung mit
den andern abschnitten stehen. Bei cap. 12 Xaßuiv xr\g noXt-
nlag — a^ws' vgl. mit 16 rj de tov dt\^,oG^ivovg noXtxtfa — uv&qiüjiov
und bei cap. 12 wart — ßaGiXiajgvgl. mit 16 tu (f är(D&e v — xaxaxt-
xXvGfjtvog ist ein solcher von uns nicht entdeckt , auch vom vf.
nicht näher bezeichnet worden. Ausserdem findet er noch cap.
13 in widerstreit mit cap. 14: dort werde der tod des Demo-
sthenes als beweis edler Charakterfestigkeit gerühmt, hier von
Demetrios Magnes als ausfluss niedriger gesinnung behandelt;
denn Demosthenes werde ein guter lobredner aber schlechter
nachahmer der alten Athener genannt, was auch aus seinem
tode hervorgehen solle: tmi rovg ye xa9^ uviov Qtjioqug xui
Tw ßtw nuQJjX&e. Diesen sinn hat jedoch die stelle nicht. Dem
Demetrios gehören nur die worte an , bei welchen er citirt ist
126 95. 96. Duris. Nr. 3.
(ovx (ov — enouriöai fiev ixariüTuroc rjv tu riov ngoydrwv xuXu
(jifjLt]aaß&ai, 6' ovx bfioicog), und nicht der politisch wohl indif-
ferente literat der Römerzeit, sondern der Phalereer hat sie aus-
gesprochen (oben nr. 4): er, der Parteigänger Makedoniens,
würde sich selbst verurtheilt haben, wenn er das auftreten des
Demosthenes als Staatsbürger anerkannt hätte. Der auf das citat
folgende satz aber enthält nicht, wie Roesiger unter verkennung
der bedeutung von ind — ys glaubt, die begründung sondern
im gegentheil eine Widerlegung jenes tadeis und vom tode ist
darin gar keine spur. Plutarch sagt : während doch Demosthenes
die redner seiner zeit (nicht nur durch seine beredsamkeit son-
dern) auch durch sein leben überragt hat.
Duris wird in der biographie nur einmal (cap. 19) citirt-,
dass mehr als die dort gegebene erklärung des namens Thermo-
don von ihm herrührt, hat vf. nicht erwiesen. Als charakteri-
stische eigenthümlichkeiten des Duris erkennt er in den genann-
ten abschnitten der biographie hauptsächlich die bezeichnung
des Demetrios als eines aristokraten und dynasten und die fort-
gesetzte bekämpfung des Theopompos wieder. An diesem hat
aber Duris fr. 1 nicht wie Plutarch die sachliche behandlung,
sondern die form der darstellung (den mangel der /jJprjGic) ge-
tadelt, und nicht blos an ihm sondern auch an Ephoros. Die
bezeichnung des Demetrios als {udixwq xui nao' ä'gt'ar) dvvu-
ouvtov ist nicht von Duris sondern von Theopompos ausgegangen
und Plutarch setzt nur corrigirend äXXä xal ndrv dixaiwq hinzu.
Das allerseltsamste vollends ist, dass der ausdruck noXfrtvfia
uoißToxoanxbv , welchen Plutarch c. 15 von dem selbständigen
auftreten des Demosthenes dem volkswillen gegenüber in der sache
des Antiphon gebraucht, vom vf. dahin gedeutet wird, als werde
derselbe dort ein anhänger der nobilität genannt.
Die quellenforschung über die kleineren vitae des Demo-
sthenes hat Roesiger durch weitervcrfolgung der spuren des
Hermippos gefördert; in bezug auf die plutarchische biographie
lässt sich ähnliches ihm nicht nachrühmen. U.
97. De Plutarchi in vitis Bruti et Antonii fontibus. Dis-
sertatio historica quam . . . scripsit C a r o 1 u s Wichmann.
Bonnae formis C Georgi. 1874. 8. 62 s.
Der vf. dieser promotionsschrift hat die im titel genannten
Nr. 3. 97. Plutarchos. 127
biographieu und die stücke verwandten inhalts in Plutarchs
Caesar , Cicero u. a. einer gründlichen Untersuchung und ver-
gleichung mit den darstellungen der andern Schriftsteller unter-
zogen und durch eine von besonnenem urtheil zeugende behand-
lung derselben eine verdienstliche ergänzung zu Peters ergeb-
nissen geliefert. So zeigt er in der geschichte der ermordung
Caesars einerseits nahe beziehungen andrerseits starke abwei-
chungen zwischen Plutarch und Appian auf und erklärt , nach-
dem er die Unabhängigkeit beider von einander erwiesen , jene
aus gemeinsamer benutzung des Asinius Pollio , diese aus vor-
wiegender anlehnung Plutarchs an den schon von Heeren heran-
gezogenen rhetor Empylos, den freund des Brutus und Verfasser
einer Brutus betitelten geschichte der Verschwörung, welche, wie
er glaubt, auch dem Asinius bekannt war. Die darstellung der
nächsten zeiten nach Caesars tod geben, wie vf. darthut, Plutarch,
Appian und Dio Cassius von einander und von Nikolaos, dem
einzigen zeitgenössischen historiker, der uns hier zu geböte steht,
abweichend, daher "Wichmann drei verschiedene quellen annimmt :
für Dio Livius, für Appian Asinius, für Plutarch eine unbekannte,
jedenfalls nicht die denkwürdigkeiten des Augustus. Für den
krieg bei Philippi hat nach Peter sowohl Plutarch als Appian
zwei theilnehmer desselben, Messalla und Volumnius, zu gründe
gelegt; von Wichmann lernen wir, dass den letzteren Appian
gar nicht und Plutarch bloss von Brutus 51 — 52 und 48 med.
benützt hat, Messalla dagegen die hauptquelle Plutarchs und so
weit beide zusammenstimmen auch Appians gewesen ist, wogegen
die abweichungen des letzteren wieder auf Asinius zurückgeführt
werden. Besondere aussprüche des Brutus, mittheilungen, welche
nur ein vertrauter desselben wissen konnte, u. dgl. gehören, wie
Peter sah, den äjfofivtjfi-ovsv )xuTa Booviov seines Stiefsohns Bibu-
lus an ; einzelne stellen dem Livius und den reden des Cicero
und Antonius gegen einander. Die ansieht, dass nicht nur der
Parther-feldzug sondern die ganze geschichte des Antonius von
dem sieg bei Philippi an dem werke des Dellius entnommen
sei, hätte vf. sich nicht aneignen sollen: aus Strabon 11, 13, 3
wg fpijfftv o JilXioq b tov ^Avjwvtov y>(Xog Gvyygdxfiag irjv inl
TJao9vu(ovq uvtov GiauTtiuv geht, da Strabon nicht, wie wir im
sinne jener ansieht erwarten müssten, Gvyyqüspmv gesagt hat, nur
so viel hervor, dass Dellius ein werk über jenen feldzug verfasst
128 97. Plutarchos. Nr. 3.
hat ; und dies um so mehr als , unseres erachtens wenigstens,
das grammatisch ganz unerklärliche GvyyQaipag in 6 ßvyyQaipag
zu verwandeln ist.
Uebrigens haben Peter und Wichmann in diesen Schrift-
stellern zunächst nur inhaltliche, nicht wie sie glauben literari-
sche grundlagen der genannten biographien nachgewiesen : es
sind die ältesten zeugen und gewährsmänner, auf deren autorität
die einzelnen nachrichten zurückgeführt werden, ob aber auch
die Plutarch selbst bei der ausarbeitung vorgelegenen quellen?
Zu letzteren lässt sich mit einiger Sicherheit Bibulus rechnen,
wegen Vit. Brut. 13 ßißXtdtov fitxgor unofivrjiJiovsvfidTiav Bgov-
iov ytyQUjufiiiov in aviov Siaffw^sTat; von den meisten oben
genannten lässt sich nichts gewisses sagen •, die briefe des Brutus
und die denkwürdigkeiten des Augustus erklärt bereits Wichmann
für nur mittelbar benützt. In betreff der briefe würde seine
ansieht, dass die citate aus ihnen der schritt des Bibulus ent-
lehnt seien, unwahrscheinlich sein, wenn wir ihm zugeben müssten,
dass Plutarch sie, weil sie griechisch geschrieben und das Vor-
handensein unächter ihm bekannt gewesen sei, selbst gelesen
habe ; aber die stelle, an welcher von unächten die rede ist, ge-
hört ihrem ganzen inhalt nach einem anderen, von Plutarch aus-
geschriebenen autor an und dass die briefe durchweg in griechi-
scher spräche abgefasst gewesen seien, geht aus Vit. Brut. 2
nicht hervor; die auf uns gekommenen sind bloss lateinisch ge-
schrieben und die a. a. o. citirten an griechische gemeinden
gerichtet, im verkehr mit welchen sich für einen gebildeten
Römer die anwendung der andern spräche fast von selbst verstand.
Die citate könnten also immerhin aus Bibulus entnommen sein,
aber eine in vieler hinsieht wichtige stelle führt wenigstens für
einen theil derselben auf eine andere spur. Die nachricht näm-
lich, dass Porcia nach dem tode des Brutus sich das leben ge-
nommen habe, führt Plutarch V. Brut. 53 auf Nikolaos von Da-
maskus und Valerius Maximus zurück und widerlegt sie aus einem
briefe des Brutus , nach welchem dieser seine gemahlin überlebt
hat, vorausgesetzt, wie Plutarch hinzufügt, dass der brief zu
den ächten gehört. Nun zeigt Wichmann, dass Plutarch den
Valerius sicher und den Nikolaos wahrscheinlich nicht eingesehen,
mithin die ganze auseinandersetzung einem späteren entlehnt
hat. Hier haben wir also ein briefeitat, dessen herkunft etwas
Nr. 3. 97. Plutarchos. 129
näher bestimmt werden kann; es zeigt sich aber, dass es nicht
von Bibulus herrührt. Nun hätte aber Plutarch noch einen
andern beleg beibringen können, nämlich .das beileidschreiben
Ciceros au Brutus Ep. 1 , 9 wegen des todes der Porcia ; dass
er es nicht anfübrt, dient zur bestätigung der vermuthung Peters,
Plutarch habe die zwischen Cicero und Brutus gewechselten
briefe nicht gelesen. Ferner findet sich die falsche nachricht
von Porcia's ende unter andern auch bei Appian (4, 136) in der
vom vf. aus Messalla und Asinius abgeleiteten partie. Beide,
als bekannte des Brutus, mussten wissen, dass Porcia vor ihm
gestorben war-, ihnen hat also Appian die falsche angäbe nicht
entlehnt.
Was die denkwürdigkeiten des Augustus betrifft, so hält vf.
das zusammentreffen Plutarchs (V. Brut. 41. Anton. 22) mit
Appian (4, 110) in einem und demselben citat aus ihnen mit
recbt für ein anzeichen, dass beide dasselbe einem späteren
dritten verdanken. Dieser dritte aber ist schwerlich Asinius
gewesen, an welchen Wichmann — seltsamer weise, aber veran-
lasst durch seine aufiassung indirecter quellen als directer,
bloss in ansehung der quelle Appians, nicht auch der Plu-
tarchs — denkt: denn die denkwürdigkeiten reichten bis
zum schluss des cantabrischen krieges (735 d. st.) und waren
dem Maecenas (gest. 742) und Agrippa (gest. 746) gewidmet, s.
Sueton. Aug. 85. Plut. comp. Dem. et Cic. 3 ; sie sind dem-
nach zwischen 735 und 742 herausgegeben und von Asinius,
der nach Ho rat. carm. 2, 1 schon 724 oder 725 an seinen hi-
storien schrieb, kaum benützt worden.
Auch gegen directe benützung des Asinius durch Plutarch
und Appian spricht ein ähnliches argument wie das die denk-
würdigkeiten des Augustus betreffende : sowohl Appian. 2 , 82
als Plutarch. Caes. 46. Pomp. 27 citirt den Asinius als gewährs-
mann für die richtigste zahl der bei Pharsalos gefallenen Pom-
peianer. So sehen wir überall, wo ein einblick gestattet ist,
die ältesten , zeitgenössischen berichterstatter nur auf mittelbare
weise zu gründe gelegt und müssen an spätere geschichtschreiber
als directe quellen denken. An welche, ob an Strabon, der den
Asinius, Dellius und Nikolaos gelesen hatte und Vit. Caesar. 63
citirt wird , an Cremutius Cordus , den seine begeisterung für
Brutus das leben kostete und mit dessen fragmenten Vit. Brut.
130 98. 99. Aristoteles. Nr. 3.
44, 1 und Vit. Cicer. 49, 1 zusammenstimmt, an Aufidius Bassus
als den jüngsten, dessen fortsetzer Plinius von Plutarch im Otho
und Vitellius henützt ist: das wird sicli bei der dürftigkeit un-
serer literarischen mittel nur sehr schwer ausmitteln lassen.
U.
98. Forschungen über die nikomachische Ethik des Ari-
stoteles. Von Hermann Rassow. Weimar, 1874. Böhlau.
VIII und 145 s. gr. 8.
99. Die lehre von der praktischen Vernunft in der grie-
chischen philosophie. Von Dr. Julius Waller, privatdo-
centen der philosophie an der Universität Jena. Jena, 1874.
Mauke (Dufft). XVIII und 573 s. gr. 8.
Es ist sehr zu bedauern, dass wir laut Rassows vorrede von
ihm selbst eine neue kritische ausgäbe der aristotelischen ethik
nicht zu erwarten haben , um so mehr muss man anerkennen,
dass er dem künftigen bearbeiter einer solchen durch seine
werthvolle schrift dessen werk erheblich erleichtert und in bezug
auf die höhere kritik in gewissem sinne sogar etwas abschliessen-
des geleistet hat. Im ersten capitel theilt er die Hauptergebnisse
einer von R. Scholl vorgenommenen erneuten vergleichung der
wichtigsten handschrift K b mit, stellt genau fest, für welche
partien Bekker die beiden schlechteren handschriften H a und N b
nicht benutzt hat, und weist nach, dass die vier besseren in fünf
büchern in zwei, wechselsweise zur gestaltung des textes zu
verwendende familien zerfallen, K b O b und I> M b im 3. und
4., K b M b und L b O b im 6., 7. und 9. buch, während in den
übrigen fünf jede dieser handschriften in ihrer weise eine mischung
aus beiden recensionen darstellt. Der zweite abschnitt beschäf-
tigt sich mit den zahlreichen auffallenden Wiederholungen und
doppelten recensionen 1 ) , der dritte mit den Störungen des Zu-
sammenhanges in der nikomachischen Ethik, zunächst mit denen,
welche durch schuld der abschreiber entstanden und durch Um-
stellungen zu entfernen sind, dann mit denen, welche in der auf
!) Ist nicht eine solche auch II, 5. 1106 b, 16—24 und 24
(«JJd? yäg für rj d" ägirrj) — 27 ? In bezug auf I, 7 geht Rassow noch
lange nicht weit genug: das ganze capitel von 1098a, 22 ab ist
unaristotelisch, das uviTjg im anfang des 8. ist jetzt beziehungslos.
Entweder stand ursprünglich ccviov da oder etwa ir,v ev<fcn l uoviav oder
noch etwas mehr hinter 1098 a, 21.
Nr. 3. 98. 99. Aristoteles. 131
uns gekommenen redaction selber wurzeln. Die schaden dieser
letztern art finden sich im 5, 6. und 7. buche , wo auch die
Wiederholungen am gehäuftesten und auffälligsten sind. Eassow
zeigt einleuchtend, dass die V, 9. 10 gemachten Umstellungs-
versuche nicht zum ziele führen, vielmehr 1134a, 17 — 23 2 ) als
eine andere fassung von 1135b, 15 ff. auszuscheiden ist und
wir zu 1134 a, 24 Stl de x. r. X. wiederum zwei Übergänge
haben, einen längern, das cap. 9, und einen kürzern, 1134a,
23 Tcux; jxiv ovv — 24 hq^tuv (mit tilgung von ngorsgov). Ersteres
hat übrigens schon Eieckker (Zeitschr. f. d. alterth. 1856, nr.
15), welcher zuerst diesen gegenständ untersuchte, sogleich richtig
erkannt, und die nichtbeachtung seiner Untersuchung bei allen
spätem hat sich mithin empfindlich gerächt. Auch darin kann
ich Eassow nur beistimmen, dass V, 11 — 13. 15 schlechtes
flickwerk sind, von welchem vielleicht keine zeile dem Aristoteles
selbst angehört, jedenfalls das cap. 15 nicht. Dass indessen
nicht alle anstösse gehoben werden können, ist meines erachtens
kein genügender grund dagegen, in diesem capitel 1138a, 28
(pavsgov — b, 5 äno&uvtiv an den schluss vor die Übergangs-
formel mgl fiev ovv x. t. X. b, 13 und sodann alles mit aus-
nähme dieser formel mit Munro, Zeller u. a. dahin zu stellen
wohin es sachlich gehört, vor das 13. capitel, selbst auf die
gefahr hin damit den redactor zu verbessern und nicht die ab-
schriften. Mit vollem recht erklärt Eassow mit andern auch
den zweiten theil des 7. buches (die erste abhandlung über die
lust) für nicht aristotelisch. Wie es aber gekommen sein möge,
dass die fremde Überarbeitung gerade diese drei der nikomachi-
schen ethik mit der eudemischen gemeinsamen bücher am stärk-
sten betroffen hat , darüber äussert er nur frageweise die ver-
muthung einer ungeschickten ergänzung der ersteren aus der
letzteren. Im vierten abschnitt berichtigt er den text Bekkers
nach dessen handschriften, der fünfte handelt von lücken und
glossemen , der sechste bringt die sonstigen conjecturen Eassows,
der siebente beitrage zur erklärung. Es ist sehr dankenswerth,
dass der Verfasser mit dem vielen neuen, welches er bietet, auch
das wesentlichste seiner altern Veröffentlichungen verbunden und
2) Meines erachtens hat Münscher recht , wenn er als ahschluss
dieser partie noch iv ois d" (tfij Münscher) ädtzia — ■ adtxia z. 32 f. an-
reiht. — Ist nicht z. 31 vd/nov (M b ) für Xöyov aufzunehmen?
132 98. 99. Aristoteles. Nr. 3.
beides so wohlgeordnet und übersichtlich zusammengestellt hat.
Eine leistung von seltner gediegenheit, würdig der ausserordent-
lichen anerkennung, welche sie bereits in der schönen recension
von Eucken N. Jen. L. Zg. 1874, s. 339—341 gefunden hat,
liegt vor uns , und , wie auch Eucken bemerkt , nur in verhält-
nissmässig wenigen fällen wird man bedenken tragen sich dem
urtheil des trefflichen mannes anzuschliessen. 3 ).
Ueber die einleitung und die ersten 83 seiten von Walters
buch habe ich mich schon in Bursians Jahresberichten 1873,
p. 590 f. geäussert, denn sie geben in der hauptsache dasjenige
wieder, was auch den inhalt seiner diese grössere arbeit vorbe-
reitenden habilitationsschrift 'über eine falsche auffassung des
vovq nQuxTMoq, Jena 1873' bildete. Was jener Vorläufer ver-
sprach , das leistet jetzt das vollständige werk in erfreulichster
weise : es ist eine bedeutende wissenschaftliche erscheinung, dabei
klar und schön, nur etwas zu breit geschrieben. Mit recht geht
der vf. von dem abschluss der erörterungen über ethische und
dianoetische tugenden VI, 13 aus, in welchem Aristoteles 1144b,
17 ff. sich zugleich mit seinen Vorgängern auseinandersetzt.
Zwar ist die ächtheit der zweiten hälfte dieses capitels noch
neuestens wieder von Spengel und Rassow verdächtigt worden,
indem man namentlich meinte, das vvv ituvjfc, otup ogf^iorrut
rr t v ägfT^r, jtooGndtaGi tr\v ?2?»v, ilnovTtg xai ngog ä sgti, t^v
xcctu 7ov oq&6v Xoyov (b, 21 — 23) habe nicht Aristoteles, sondern
nur ein schüler desselben schreiben können. Aber Walter,
welcher zugleich diese gelegenheit zu einem gesammtrückblick
3) Auf xaiioi für xai III, 7. 1114a, 15 bin auch ich verfallen,
ebenso auf die Umstellung von q vatxojicln] o" tlvca III, 11. 1117a, 4 f.
hinter 9, ix: sie bedarf aber noch einer kleinen nachbesserung von
d" in yctQ. Dieselbe änderung scheint mir am orte I, 2. 1095b, 7, wo
ich Onckens Umstellung von aQX*i (agxn ?) — dion 6 f. vor 4. cJYo billi-
ge. III, 12, 1117b, 21. IV, 2. 1121a, 10. c. 7. 1123b, 17, vielleicht
auch I, 11. 1100a, 26 (oder »' ?), die in dj 1,6. 1098a, 7. II, 7. 1107a,
32. b, 20. III, 1. 1110a, 15. c. 13. 1118a, 2. IV, 3. 1122a, 13, in r«
III, 10. 1115b, 20. IV, 12. 1127a, 3, umgekehrt die von ef? in cTUII,
1. 1109b, 30. IV, 1. 1119b, 33. VI, 1. 1138b, 35 (M*), die von y« Q
in äga II, 2. 1104a, 25, von xai in we oder wgrs IV, 4. 1122a, 35.
Für nouZv, xai VI, 2. 1139 b, 2 möchte ich noiwv • all' wünschen, für
cTi IV, 14. 1128 a, 35 <ft (3 avr6 s ). IV, 13. 1127b, 25 ist wohl das
erste xai zu tilgen und ebendaselbst z. 12 ff. scheinen mir die worte
log 6 alä^oiv nnd ovx iv rfl dwäfia, — xtgtiovs (z 14 — 17) interpolirt
zu sein. Anstoss nehme ich auch an V, 1. 1129a, 10 — 26 und VI,
8. 1142 a, 20—23, vgl. anm. 7.
Nr. 3. 97. 9 8. Aristoteles. 133
auf die voraristotelischen lehren benutzt (s. 97 — 138), weist nicht
bloss die sonstigen gründe Spengels mit erfolg zurück (p. 88 —
97), sondern zeigt auch (p. 134 ff.i, dass vvv nuvxig auf die
ältesten Platoniker geht. Er hätte hierfür axxch die parallel-
stellen Met. I, 9, 992a, 32 f. XII, 1069 a, 26 f. geltend machen
sollen. Aristoteles knüpfte also in seiner definition der ethischen
tugend als £§*£ iv (j,£0~6it]ti woiafiivr] Xoyco bereits an einen ge-
wissen vorgang seiner mitschüler an, aber er macht gegen sie
geltend: ov /nurov xutu tov ood~bv z.oyov, uXX r\ /utru tov oQ&ovloyov
l'£tg aoetij lanv (p. 26 f.). Er behält zwar im voraufgehenden
selbst den ausdruck xaiu Xöyov noch bei , so lange der begriff
des oodog Xoyog noch in der entwicklung ist, aber gerade an
entscheidenden punkten und zum theil mit entscheidender aus-
drucksweise sagt er auch vor dem sechsten buche schon fxsru loyov,
I, 6. 1098a, 12 f. m, 4. 1112a, 15 f. Was heisst also letz-
teres? Die erklärung der grossen Ethik ist falsch (s. 87 f.), es
bedeutet vielmehr „mittels der richtigen Vernunft". Richtig fasst
ferner Walter (p. 141 ff.j I, 6. 1098 a, 7 -/.v.xu. Xoyov nicht im
sinne von ' gemäss ' , sondern als blosse Umschreibung für „ver-
nünftig'', so dass durch ipvfig iveoysia xuru Xoyov hier gerade
die dianoetische, durch rj [xi] uvsv Xoyov die ethische tugend zum
ersten male angedeutet ist. Der unterschied beider entwickelt
sich dann genauer von I, 13 ab, bis denn II, 2. 1103 b, 31 ff.
die erörterung der „richtigen Vernunft" und ihr verhältniss zu
den „übrigen" tugenden und damit die der dianoetischen fugen-
den überhaupt verschoben und vielmehr bis zum Schlüsse des fünften
buchs die der ethischen gegeben wird, indem sich zunächst der rest
des zweiten mit ihrem gesammtbegriff t£ig TTQoucoenxrj iv {jhg6ti]xi
cZgu rfj nobg tjfüxg ujoiofierfl (so Walter mit recht nach Spengelj
Xoyco xai wg uv b (ponvifiog cgfaenv (c. 6.1106b, 36 ff.) befasst.
Natürlich ist aber diese letztere erörterung vorbereitend für jene
erstere, spätere, denn alles, was von vernunftinhalt und mithin
überhaupt vernünftig erfassbarem in den ethischen tugenden sich
findet, stammt selbst aus jenem oo&bg Xoyog, aus der vernünfti-
gen praktischen einsieht ((pQo'vtjGig) her. Aber wie verhält sich
nun zu dieser leitenden einsieht die theorie der ethik ? Die letz-
tere ist nach den wiederholten erklärungen des Aristoteles (I, 1.
1094b, 10 ff. c. 2 z. e. DZ, 2. 1104a, 1 ff. 13 ff. c. 7. 1107a,
28 ff.) keine strenge Wissenschaft , sondern auf induetion und
Philol. Anz. VII. 9
134 97. 98. Aristoteles. Nr. 3.
analogie angewiesen, weil der gegenständ der Wissenschaft immer
das allgemeine ist, alles praktische handeln aber, mit dem es
diese theorie zu thun hat, den charakter des einzelnen an sich
trägt, und Walter hebt treffend hervor, wie völlig ins gebiet des
individuellen selbst jene allgemeine tugenddefinition durch den
zusatz ii] jtqoc fjpag führt (p. 157 ff.). Andererseits geht Ari-
stoteles so weit, dieser theorie sogar jedes rein theoretische in-
teresse abzusprechen und sie auf den praktischen nutzen zu be-
schränken (I, 1. 1095a, 5 f. II, 2. 1103b, 26 ff.). Völlig zu-
treffend folgert also Walter, dass auch dieser praktische nutzen
selbst seine ziemlich engen grenzen hat, eben weil diese theorie
als solche doch immer noch beim allgemeinen stehen bleibt, und,
wie sie dies aus der einsieht schöpft, so andrerseits die letztere,
nur so weit sie selber des allgemeinen bedarf, bei jener in die
lehre gehen kann (p. 138 — 162). Lediglich die allgemeine regel
des handelns kann der einsichtige aus der ethik entnehmen , die
nach jenem zusatz in der definition für ihn im besonderen gel-
tende dagegen nur aus erfahrener (vgl. p. 366 ff.) wahrnehmender
beobachtung des einzelnen erkennen. Die aristotelische ethik ist
acht griechisch : sie athmet die freude des Hellenen an der indi-
viduellen Virtuosität des klugen und einsichtigen mannes. Die
einsieht ist nicht mehr sache der theoretischen, sondern der prak-
tischen Vernunft. Die hauptsächlichste , wenn auch nicht , wie
Walter meint , die einzige 4 ) thätigkeit der letztern besteht im
rathschlagen (ßovXsvsad-ut) oder überlegen (koy&a&at,). Auch
dem rathschlagen ist die form des schliessens eigenthümlich, aber
der schlusssatz ist hier die vorsätzliche (jtQouiQtTixri) handlung
und die zweite prämisse (das t6%aTOv iv ävalvasi xal 7tqü)tov si>
ysvtßti III, 5. 1112b, 23 f.) ein blosses wahrnehmungsurtheil
(VI, 12. 1143b, 2 ff. Vn, 5. 1147 a, 25 f.), was im wissen-
schaftlichen beweise nie der fall ist (vgl. p. 313 fl.). Man geht
mit sich und andern zu rathe lediglich über das zweckdienliche,
das zwecksetzende sind streben und wille. Die erörterungen
über das verhältniss der praktischen Vernunft zum willen, diesem
dunkelsten punkte der aristotelischen psychologie und ethik,
übergehe ich hier aus mangel an räum. Mit diesem allen haben
4) Denn die klugheit {g6vs öig) , die vielmehr beurtheilend ist,
kann nur als eine fertigkeit der praktischen Vernunft angesehen
werden.
Nr. 3. 97. 98. Aristoteles. 135
es nun die ersten capitel des dritten buchs zu thun, alles folgende
bis zum scblusse des fünften zeigt die thätigkeit der j)raktischen Ver-
nunft in den besonderen ethischen tugenden (p. 163 — 232).
Schon im dritten spricht sich aber die ausdehnung dieser praktischen
Vernunft auch über das gebiet der künste aus (c. 5. 1112b, 2
ff). In der that gliedert sich dieselbe , wie gleich im anfang
des sechsten hervortritt, in eine im engern sinne praktische und eine
poietische. Die dianoetischen tugenden müssen daher in solche
zerfallen, welche einer von beiden und welche vielmehr der
theoretischen angehören: erstere sind selbst arten des uQ&bg
Xoyog, letztere haben keinen räum für ihn. Für die ansieht von
Prantl, dass nur die einsieht und die Weisheit von Aristoteles
als dianoetische tugenden aufgefasst seien , sprechen sehr erheb-
liche umstände, so dass noch Eassow (p. 124 f.) sie für unzwei-
felhaft erklärt, allein Prantl selbst hat in seiner recension von
Walters schritt (N. Jen. Litt. Z. 1875. s. 8 f.) sie den ausein-
andersetzungen "Walters gegenüber aufgegeben , nach denen ähnlich
wie nach Zeller, aber viel genauer und bestimmter, die Wissen-
schaft (im&ii] [ii]) , die es nach Aristoteles nicht mit der induc-
tion, sondern nur mit dem beweise zu thun hat, der verstand
(yovg), nicht zwar so fern er vermöge des wahrnehmungsurtheils
das einzelne erfasst, wohl aber so fern er mittels der induetion
die allgemeinen prineipien aus demselben ableitet, ohne die kein
beweisen möglich ist, und die Weisheit (ööyt«), d. h. die meta-
physische erkenntniss, die tugenden der theoretischen, die nicht
mit namen genannte fügend der kunst (c. 5. 1140 b, 21 f.) die
tugend der poietischen und die einsieht die hauptsächliche oder
gar einzige 5 ) der im engeren sinne praktischen Vernunft sind.
Schon der umstand aber, dass eine so wichtige entscheidung erst
errathen werden muss, hätte Walter bedenklich dagegen machen
sollen, ob die uns vom achten capitel an vorliegende ausfuhrung
wirklich dem für dies sechste buch entworfenen grundplane des Ari-
stoteles 6 ) entspricht. Die Untersuchung des verf. (p. 232 503)
gestaltet sich allmählich zu einem förmlichen fortlaufenden com-
mentare über dies buch, und man muss gestehen, dass durch
5) Die klugheit (coviaig) wird wenigstens I, 13. 1103 a, 5 aus-
drücklich mit zu den dianoetischen tugenden gezählt , vgl. Walter s.
356 f., dann aber ist die einsieht nicht die einzige der praktischen
Vernunft, s. anm. 4.
6) Wie er sich in den 7 ersten capiteln deutlich genug zu erkennen
9*
136 97. 98. Aristoteles. Nr. 3.
denselben über vieles ein ganz neues richtiges licht verbreitet
wird, allein der minder scharfsinnige, aber vielleicht bedächtigere
leser vernimmt doch auch andrerseits vielfach wohl die neue
botschaft, aber der rechte, volle glaube will sich nicht einstellen.
Man folgt den conservativen Operationen eindringenden tiefsinns,
mit welchen der vf. die vom capitel 8. bis 12. überall fehlenden
gelenke nach eigenem ermessen einsetzt, mit aufrichtiger bewun-
derung , aber es mischt sich auch einige Verwunderung und ein
erheblicher zweifei in dieselbe ein , ob ein solches verfahren im
scheinbaren gelingen die genügende probe hat und zu wirklich
sicheren ergebnissen führen kann, und ob Walter wirklich auch
nur in der mehrzahl der fälle die anstösse Rassows beseitigt
hat. 7 )
Der nächstfolgende abschnitt seines buchs (p. 504 — 537) er-
streckt sich über die kunst, namentlich um zu untersuchen, worein
Aristoteles jene ' tugend der kunst ' gesetzt hat , und wie es zu
verstehen ist, wenn derselbe Phys. II, 8. 199 b, 26 ff. scheinbar
im Widerspruch mit allem obigen sagt : ' die kunst berathschlagt
giebt. Dass zu ihrer anläge in manchen stücken die in c. 8 ff. ge-
gebene fortführung nicht stimmt, lässt sich, glaube ich beweisen.
Gleich der anfang dieses zweiten abschnitts rnuss bedenken erregen,
weil er der form nach, von der Wiederholung aus c. 5 noch ganz ab-
gesehen, sich vielmehr als blosses gegenbild zu c. 8 darstellt. Solches
ineinanderhinüberfliessen zweier abschnitte ist so sehr wie nichts an-
deres gegen die weise des Aristoteles.
7) Mit bestem erfolg widerlegt er (p. 327) R^ssows Umstellung
c. 12. 1143 b, 6 ff. Höchst ansprechend sind seine erörternngen über
c. 5. 1140 b, 25 ff, wo er % n — q.QovijGis z. 27 f. alsinterpolation tilgen
will (p. 438 ff.) , aber scheitert nicht zuletzt seine ganze erklärung
daran, dass *f*s fxijä köyou (z. 28) doch unmöglich wie !'£»? xarii löyov
'vernünftige fertigkeit (beschaffenheit) ' heissen kann? Vielmehr die
ethischen tugenden sind ja eben e&ig jusrä löyov. Ist es ferner
wohl des Aristoteles art bloss dt xal statt drjkov dt xal Ix tovtov x. t.
Ä. zu schreiben, wie Walter ihm c. 8. 1141 b, 23 zumuthet? Dann 1442 a,
20 steht im text sn, in der paraphrase Walters (p. 411) aber 'mithin!'
(vgl. anm. 3). Ferner verdient zwar der gedanke alle achtung das
10. cap. unmittelbar aus 9. anzuschliessen, aber wenigstens müsste es
dann statt di z. 31 yctQ und statt dt z. 32 d?i (' daher 1 steht auch bei
Walter s. 362) heissen und bedenken erweckt, dass dem fitv dij z. 25
kein dt entspricht: ich denke, vor c. 10 ist vielmehr eine lücke, da
allerdings auch ich im ergebniss mit Rassow hier nicht übereinstimmen
kann. In bezug auf 1142 b, 12 — 16 f., wo ich nur mit Rassow ungehö-
rige einschiebsei zu erblicken vermag, ist Walter in Wahrheit auf Ras-
eow's gründe gar nicht eingegangen; auch mit den worten tn—m/v
z. 26 f., weiss ich nichts anzufangen. Auch c. 11. 1142a, 23 f.,
halte ich Trendelenburgs von Walter verworfne conjecturen für richtig
und folglich Walter's darstellung der yviü^rj für zum theil falsch.
Nr. 3. 99. Lykurgos. 137
nicht. 1 Sodann aber wird (p. 537 — 553) nachgewiesen, dass die
von manchen Seiten dem Aristoteles zugeschriebene eintheilung
der philosophie in eine theoretische, praktische und poietische
falsch ist , und dass sich für die ethik , politik und poetik , wie
schon Zeller urtheilte , eine sichere stelle im aristotelischen Sy-
stem der Wissenschaften überhaupt nicht nachweisen lässt. Das
schlusscapitel (p. 554 — 573) endlich verfolgt die auffassung von
theorie und praxis bei den griechischen philosophen nach Ari-
stoteles.
Möchte der vf. uns bald auch eine darstellung der aristo-
telischen erkenntnisslehre geben , die auch nach den achtbaren
neuesten leistungen auf diesem gebiet noch keineswegs über-
flüssig ist ! — Schliesslich bemerken wir noch r dass die correctur
hätte sorgfältiger sein können.
Fr. Susemihl.
99. Lycurgos 1 rede gegen Leocrates erklärt von prof.
Adolph Nicolai. 8. Berlin. Weidmann, 1875. 10 gr.
Der vf. hat durch die herausgäbe der rede gegen Leocrates
zum schulgebrauch einen warmen wünsch vieler philologen , wie
Melanchthon's, Nägelsbach's und gewiss auch vieler Schulmänner
der neuzeit erfüllt. Denn wir können nicht blos begreifen, wes-
halb diese rede beim wiedererwachen der classischen Studien eine
lieblingslectüre der gelehrten geworden ist, sondern glauben auch,
dass dieselben gründe sie noch heute besonders für die schule
geeignet erscheinen lassen. Nicht die behandlung der Streitsache
von Seiten des Lycurgos verdient nach meiner meinung beson-
deres lob , noch wird die anklage selbst unseren schülern den
Lycurgos werth machen — wenigstens dann, wenn sie richtig
auf die sophismata des redners und seine arge Schwarzmalerei
hingewiesen werden — sondern die häufig eingelegten, mit der
haupthandlung nur in losem Zusammenhang stehenden episoden
über die hegemonie der Athener, die folgen der schlacht von
Chaeronea, über den bürgereid zu Athen, über einen vermeint-
lichen gesammteid der Griechen , über Vaterlandsliebe bei den
vorfahren , über eiternliebe , über die sitten der Spartaner, end-
lich die eingelegten verse und geschichtchen. So sehr diese
digressionen eine strenge disposition vermissen lassen und vom
rhetorischen standpuncte aus als fehler zu verzeichnen sind , so
138 99. Lykurgos. Nr. 3.
sehr tragen sie dazu bei, durch dies bunte allerlei der rede ein
regeres interesse zu erwecken, ähnlich wie dies bei der ebenfalls
in secunda gelesenen rede pro Roscio Amerino der fall ist. — >.
Trotzdem aber hätte ich erwartet, dass der vf. entweder in der
einleitung Qder bei den digressionen selbst auf das fehlerhafte
dieser einsätze aufmerksam gemacht hätte, zumal der redner sich
ausdrücklich an mehreren stellen gegen das Xiyuv e£w rov nod-
y^ujog verwahrt, und nicht vielmehr den glauben hätte erwecken
wollen, dass wir hier eine rede vor uns haben, „welche, da sie in
mannigfaltiger und an vielen stellen in gewaltiger weise den
verrath des Leokrates darlegt, zu den vorzüglichsten des Lycurgos
gehört, . da man im ganzen wohl annehmen könne, dass uns nur die
besseren erzeugnisse der alten Literatur erhalten sind". (Einl. p. 7).
Diese bemerkung, die schon Kiessling gemacht hatte, habe ich in
meiner dissertation mit gründen zurückgewiesen und mich dem ur-
theil der Turicenses angeschlossen : orationes periisse multo hac Leo-
oratea praestantiores. Denn das wenigstens steht fest, dass alle
reden des Lycurgos bekannter waren im alterthum wie diese
und dass Stobaeus lieber aus allen anderen reden seine gnomen
z. b. die über die heiligkeit des eides schöpft, als aus unserer.
— Auch darin muss ich dem herausgeber entgegentreten, dass
nach seiner ansieht (anmerk. zu p. 139) Leokrates seine frei-
sprechung besonders seinen mächtigen freunden zu danken gehabt
haben wird. Diese ansieht, die schon in etwas anderer weise Jenicke
geäussert hat , ist von v. den Es , Elias , Frohberger zurückge-
wiesen. Die klage war eben rechtlich so wenig haltbar und
die jtQoöoGia nur durch so geschraubte erklärungen und hin-
deutungen zu beweisen, dass man diese rede überhaupt besser
für einen loyog imduxzixog zu halten scheint, der weniger eine
person verfolgte, als Vaterlandsliebe von neuem erwecken sollte.
Deshalb kann ich auch einer anderen verrnuthung des heraus-
gebers (zu §. 119) nicht beitreten. Aus dem ufioitog vfiTv geht
nicht hervor, dass der redner diese stelle bei Veröffentlichung
der rede nach freisprechung des angeklagten eingeschoben habe.
Der redner ahnt, dass man den angeklagten nicht verurth eilen
werde. Durch die ganze rede geht diese befürchtung, s. §.
78: slia tovtov ovx unoxievain . . .; rivug ovv njuiwQrjGsGfri ; doch
halte ich aus anderen gründen allerdings die annähme nicht für
ausgeschlossen, dass wir verschiedene recensionen auch dieser
Nr. 3. 09. Lykurgos. 139
rede haben. — Den text der rede hat der herausgeber nach
Scheibe gegeben und ist nnr an sehr wenigen stellen davon ab-
gewichen. Dieses verfahren wäre, namentlich bei einer Schul-
ausgabe, dann zu billigen, wenn zu der Scheibe'schen ausgäbe
seit 1864 nichts wesentlich neues hinzugekommen wäre und
dieselbe noch heute den anforderungen der kritik genügte. Nun
haben wir aber seit den letzten zehn jähren für den Lykurgos
glänzende leistungen zu verzeichnen , und wenn auch nicht an
den 180 stellen, an die ungefähr das critische rnesser gelegt ist,
geändert werden muss, so sind doch gewiss 30 — 40 stellen jetzt
als endgültig gebessert zu betrachten. Dieser leistungen haben
wir uns besonders aus Holland zu erfreuen gehabt und unter
diesen ist es wiederum van den Es, der durch seine annotationen
und seine herrliche Schulausgabe unseres redners sich grosse Ver-
dienste um denselben erworben hat, wie dies von allen gelehr-
ten, die sich mit attischen rednern beschäftigen, namentlich aber
von Frohberger, zugestanden ist. Um so mehr muss es wunder
nehmen, in der vorrede p. V den namen von van den Es gar
nicht, geschweige denn den von v. Herwerden, Schöne u. a. zu
lesen, dagegen Pinzger, der gar nichts geleistet hat, und Rau-
chenstein, der zwar sonst für die attischen redner bedeutendes
geleistet, sich aber mit Lycurgos meines wissens nur sehr gele-
gentlich befasst hat. Es hat aber der herausgeber die Schriften
nicht blos nicht genannt, sondern auch nicht gekannt.
Denn §. 97 schrieb schon v. d. Es dal für 3hi> und §. 129
schrieb wiederum schon Es nach Sauppe tujv TtUTQttov vofiiftuiv.
Endlich musste auch in eine Schulausgabe übergehen die be-
merkung , dass die eidesformel im §. 80 erstens falsch und
zweitens der eid selbst eine historische Unwahrheit sei, nachdem
dies durch meine, Schöne's und v. d. Es selbstständigen Unter-
suchungen übereinstimmend bewiesen war. — Der herausgeber
hat an einigen stellen selbst den text verändert, und nicht mit
unglück. Nur ist mir sein prineip dabei auffallend gewesen.
Er sagt p. V: 'Ich habe mich aber in einer ausgäbe für schüler
für berechtigt gehalten, bei fehlerhaften stellen diejenigen con-
jeeturen aufzunehmen oder zu wagen, durch welche dieselben
mir verständlich zu werden schienen.' Ich glaube, wir sind
verpflichtet, in den text nur das durch die saure mühe der ge-
lehrten als das wahrscheinlichste gefundene zu setzen oder
140 99. Lykurgos. Nr. 3.
uns ein lm%u> zuzurufen, damit die differenz zwischen dem besten
text und einer Schulausgabe nicht zu gross werde. — Zunächst
ändert der herausgeber mit viel glück die worte ävsv rov Xoyov
im §. 13 in arsv rov toiovtov Xoyov. Unter all den vielen vorge-
brachten conjecturen möchte man auf der stelle für diese ent-
scheiden, wenn nicht das ' epexegem ' (xi] Stxaicog dsSiduyfisvovg
der einfachen stelle einen z u grossen wortreichthum gäbe. Uebri-
gens ist das letztere der bei den rednern gebräuchlichere ausdruck :
s. Antiph. Tete Fß § 8, 6 § 9. — Im §. 93 schreibt Nicolai
Gr\\ialvob für 6rjfA,s7a und streicht cputvovTat. Diese conjectur
ist nicht schlechter oder unwahrscheinlicher, wie die übrigen zu
dieser stelle vorgebrachten. Aber warum soll ravtä gerade
heissen: 'das zu demselben ausgange führende'? Es heisst
' eben dasselbe '. Nun aber prophezeit in der that der gott
bösen und guten dasselbe, nämlich das wahre. Dieser ausspruch
hat aber bei beiden verschiedene Wirkungen. Deshalb
habe ich an Gcoir^oia für GrjfxsTa gedacht. — §. 110 schreibt
Nicolai mit Taylor mit rücksicht auf §. 111 für noXsfiloig —
nuXaiolg. Vielleicht ist des Zusammenhanges wegen noch besser
nqoyövovg. — Die änderung im §. 123: statt ry\g naqä rov drifiov
Güürrjoiaq unoGtiQUv zu schreiben rr\g itaq aovov GcoTrjgtag rov
SlqiAOV änoßisosTv und nachher awiJjV für avrov, ist nicht unglück-
lich , doch scheint mir 7z«(>' aviov richtiger, s. Frohberg, zu
Lysias XXXI, 19. — Endlich schreibt Nicolai im §. 124 für
rj^tojGs — inl^ivrjg, ähnlich wie Scheibe's vnb tlov ^(vcov. Dem
gedanken nach ist Frohbergers vnb tujv jroXsfiCwv vorzuziehen.
Die anmerkungen sind meist musterhaft kurz und meist an
der rechten stelle •, doch hätte ich gern gesehen , wenn der vf.
sein versprechen, besonders die rede de imper. Cn. Pompei und
pro Roscio Amerino heranzuziehen, weil dieselben ebenfalls in secunda
gelesen zu werden pflegen, noch in grösserem masse gehalten
hätte. So hätten aus beiden reden analoge fälle citirt werden
können z. b. zu §. 8 , wo von einer angemessenen strafe ge-
sprochen wird, die noch über den tod hinausgeht, wo von dem
verlassen der gräber der ahnen die rede ist, im §. 18 und 19,
wo von der Schädigung der interessen Athens durch das alar-
mirende gerücht des Leocrates gehandelt wird. Statt dessen
wird auf Euripides, Sophocles und sogar auf Seneca zuweilen
verwiesen, und doch werden dieselben nicht in secunda s-elesen !
Nr. 3. 100. Claudianus. 141
Dagegen konnte Lysias und Isocrates mehr berücksichtigt werden,
namentlich wo es sich um gerichtliche ausdrücke handelt. So
wird der locus communis der redner, dass die richter sich als ge-
setzgeber zu betrachten hätten, an Seneca erläutert (§. 10).
So wird im §. 47 für rgicpttv vom vaterlande auf Plato ver-
wiesen, während Isoer. XII, 90 viel näher lag! Vollständig
verfehlt endlich ist das citat aus Xenophon's Hellenika über die
macht des beispiels im §. 83. — Von falschen Übersetzungen
will ich nur eine erwähnen. Im §. 5 wird angegeben für
uyioia TtgosXofisvog 'diesen process unternehme.' — Sehr
störend und auffallend ist die menge der druckfehler. Ich führe
an: §. 18: umxo t u£vog. §.20 anm. : rtov Isqüjv für xulsod. §.
78: negidctixs. §. 11 a. §. 12. §.14. §.16 a. (ah tag für
ah(ovg) 18. 112. 118. u. a.
Ratibor. Emil Rosenberg.
100. Cl. Claudiani Raptus Proserpinae. Recensuit Dr.
Ludovicus Jeep. Augustae Taurinorum, Arminius Loescher
1875. 60 s. 8.
Während bisher die freunde Claudians , des dichters , der
neben Rutilius Naniatianus zu den schönsten zierden einer schon
sehr der barbarei entgegeneilenden zeit gehört, in allen fällen,
wo die frage nach der handschriftlichen Überlieferung in betracht
kam, unsicher umhertastend sich in dem Burmannschen varian-
tenwuste so gut es eben ging zurecht finden mussten, liegt den-
selben nunmehr wenigstens für den Raptus Proserpinae eine aus-
gäbe vor , die den forderungen der heutigen Wissenschaft völlig
entspricht, indem sie sowohl auf sichere diplomatische grund-
lage als auf consequente handhabung methodischer kritik ba-
sirt ist.
Ueber die handschriften des Raptus Proserpinae hat Jeep
bereits im ersten bände der Acta soc. phil. Lips. p. 347 ff. ein-
gehend gehandelt-, die dort gewonnenen resultate finden sich
hier in der vorrede kurz zusammen gefasst. Als die allein
massgebenden quellen haben sich ein Laurentianus saec. XII —
XIII und ein Vossianus saec. XDII herausgestellt; als Vertreter
einer weniger reinen Überlieferung dient ein Gudianus saec.
XDII — XIV. Mit erkenntniss dieser Sachlage wird einer reihe
von traditionellen lesarten, die in den ausgaben sich behaupteten,
142 100. Claudianus; Nr. 3.
jeder boden entzogen. So wird , um nur einige hervorragende
beispiele anzuführen, gewiss niemand zweifeln, dass der etwas
gewagte aber gut bezeugte ausdruck irrumpit pelagus (praef.
v. 11) dem eleganten an Ovid erinnernden exsultat pelago vor-
zuziehen sei; eben so wenig wird jemand die kühne metapher
vom metalle , das unter der gewalt des feuers seinen nacken
beugt (I, 234 lassa c er vice) der verwässernden lesart der
vulgata gegenüber (lassa forma ce) verwerfen wollen. Wie
weit die Willkür ging, zeigt namentlich I, 115. Hier haben
die handschriften solem , die ausgaben aber seit alter zeit
lucem; dieser lesart zu liebe hat man weiter auch im folgenden
verse das überlieferte lucidus in fulgidus verändert, um die
lästige Wiederholung zu beseitigen. Von allen dergleichen ent-
stellungen hat Jeep den text gründlich gereinigt; allein im
ersten buche, das 279 verse umfasst, sind gegen 60 wenn auch
nicht überall gleich wichtige lesarten wieder in ihr recht ein-
gesetzt worden.
Der vorrang unter den handschriften gebührt unstreitig
dem Laurentianus, der an einer stattlichen reihe von stellen die
reinere Überlieferung bewahrt hat. Ich erinnere nur an dura-
quell, 171 oder an pallescere III, 72, namentlich aber an
nulli sie c onset a telae Fila II, 42 und videtur III, 137.
Dass es aber auch andrerseits nicht an stellen fehlt, wo der
Vossianus entschieden den vorzug beansprucht, hat Jeep selbst
in mehr als einem falle anerkannt. So schreibt er II, 132 mit
V metunt gegenüber dem legunt, das L bietet; so hat II,
183 V das richtige dissiluit, während L durch das glossema-
tische se solvit entstellt wird; so wird II, 249 aus V fundit
aufgenommen , wo L tendit hat. Demnach dürfte wohl auch
I, 194 das seltnere opacat in V das ursprüngliche sein, nicht
das häufigere obumbrat; ebenso wie ich auch II, 173 lieber
t
mit V tonuere (sonuere) schreiben würde als das weniger
gewichtige sonuere (cf. IV, 65). Nicht minder würde ich III,
9 1 ganz aus V geben , da vi x tan de m eine echt lateinische
Verbindung ist und vix deshalb nicht wie interpolation aussieht.
So wird sich noch über manchen fall streiten lassen, wenn auch
eine sichere entscheidung nur selten möglich ist.
Den conjeeturen anderer gelehrten hat der herausgeber
Nr. 3. 100. Claudiauus. 143
theils im texte theils im apparat rechnung getragen ; indess
scheint es mir, als ob derselbe bei der im ganzen berechtigten
Zurückhaltung auch hie und da einen guten Vorschlag abge-
wiesen habe. So würde ich I, 163 molibus unbedingt auf-
nehmen , das viel besser zur stelle stimmt als das handschrift-
liche inotibus. Selbst das kühnere Sabaeis II, 83 würde
ich nicht verwerfen: der dichter wird hier eben so gut wie in
den vorausgehenden versen (Pancliaia , Hydaspes) ein bestimmtes
land im äuge gehabt haben, was man sich aber unter extremis
— harenis (VJ denken soll, ist unklar. Dazu kommt, dass
die fragliche stelle eine nachahmung gefunden hat in v. 79 ff.
des fälschlich dem Lactantius beigelegten gedichtes de Pkoenice
(bei Eiese 731) und dass dort gleichfalls neben India und Pan-
chaia das land der Sabaeer sich genannt findet. Statt longae-
vus harenis hat L longaeva colonis', eine ähnliche corrup-
tel bietet der 119te vers desselben gedichtes de Pkoenice; dort
hat der Vossianus iure soluto, der von Jeep ans licht gezo-
gene Veronensis das richtige ture Sabaeo. — III, 39 hat Jeep
aus dem Gudianus nutrix aufgenommen; allein nutrix bildet
einen schlechten gegensatz zu noverca; den richtigen gegensatz
kann nur ein wort wie gen et rix ausdrücken, was man bisher
im texte las. Beatrix in V und L ist sicherlich nur der rest
dieses wortes, nutrix aber eine blosse conjectur wie du et rix,
was sich gleichfalls in schlechten handschriften findet. — I, 46
schreibt Jeep mit den ausgaben arto de corpore, was nach
den erklärern so viel bedeutet wie artato. Allein einerseits
lässt sich diese bedeutung schwerlich genügend belegen-, sodann
ist ein solcher begriff wegen des folgenden nodis ziemlich über-
flüssig-, drittens aber haben die handschriften aueto (L) oder
u
acto (V); ich vermuthe daher, dass vasto zu schreiben sei,
eine bezeichnung, die für riesen und ungeheuer üblich ist.
Eine anzahl zum theil überzeugender emendationen verdankt
der text dem herausgeber selber-, ich erwähne nur solum I,
6; foribus I, 21; natum II, 44; nonne est III, 100; I,
196 trifft Jeep mit Raphelengius zusammen. Hingegen möchte
ich II, 331 rarescere (s. praef. p. 22) in schütz nehmen
gegenüber der conjectur Jeep3 , der v an esc er e schreibt;
eben so gut wie man spissa nox sagen kann, wird doch wohl
144 100. Claudianus. Nr. 3.
auch r arescere von der nacht gesagt werden können. Die
dichte finsterniss wird weniger dicht; mehr scheint der dichter
nicht gemeint zuhaben. — IV, 28 schreibt Jeep: Jpsum etiam
fractura Jovem, vrgl. praef. p. 23. L und Fhaben feritura,
V mit correctur; peritura, wie man früher schrieb, ist unver-
ständlich; petitura aber verstösst nicht minder wie feritura
gegen das metrum. Derselbe fehler bei demselben worte feri-
tura findet sich aber auch bei dem dichter Maximianus (5,
97) L. vrgl Müller de r. metr. p. 365. Stammte der vers etwa
von dem weniger sorgfältigen Ausonius, so würde ich, da feri-
tura an sich vortrefflich passt, nicht sonderlichen anstoss daran
nehmen. Bei Claudian freilich bedarf es zunächst einer einge-
henden prüfung , wie weit auch er den mangeln seiner zeit un-
terworfen war; eine solche ist aber erst dann möglich, wenn
der ganze text in einer kritischen ausgäbe vorliegt. Dass hin-
gegen Jeep das handschriftliche flumen Acin IV, I ver-
schmäht hat, kann man schon aus rein sprachlichen gründen
nur billigen, trotzdem sich Anthol. Lat. 151, 2 (Riese) dieselbe
messung findet.
Eine reihe von vorschlagen an stellen, wo die Überlieferung
bedenklich schien, hat Jeep im apparat mitgetheilt. Als beher-
zigenswerth hebe ich namentlich hervor toti rivi III, 26 und
moriens pariterque superstes II, 23. An dem schwierigen
verse I, 100 nimmt er mit recht anstoss, tertia dispendia
sortis supremae ist höchst auffällig gesagt. Ob aber mit
stip endia viel geholfen wäre? Dispendia sortis supre-
mae wäre an sich verständlich; unverständlich ist nur tertia,
was doch im wesentlichen dasselbe besagen würde wie supre-
mae. Hat der dichter etwa tristia geschrieben? — 1,194 hat
Jeep signant beibehalten, woran er früher selbst gezweifelt
hatte. Allein die beiden belegstellen (signat humum) aus
Horaz und Properz sind anderer art. Dort ist das eine mal
vom kleide einer frau, das andere mal vom fusse die rede; in
beiden fällen werden sichtbare spuren auf dem boden zurück-
gelassen; davon kann aber bei einer fahrt durch die wölken
nicht die rede sein. Ich dachte an scindunt; näher noch liegt
sulcant. Dass vers 179 sulcatam wiederkehrt ist nicht an-
stössiger wie etwa das wiederholte cohors II, 118 und 124
oder conscia II, 7 und 11, oder flammis , was Jeep I, 164
Nr. 3. 100. Claudianus. 145
einsetzt trotzdem vs. 169 flamm a folgt; man vergleiche auch noch
in unda IV, 59 und undantes IV, 64; igne IV, 65 und
ignes IV, 69. — I, 279 nehme ich anstoss an dem ausdruck
spect antes. Man hat zwar stellen beigebracht, wo spe et an-
tes soviel wie ex spe et antes bedeuten soll; allein dieselben
beweisen wenig, da sie ganz andrer art sind. V hat exspec-
t antes, was aber wohl blosse conjectur ist, die demselben an-
stoss ihre entstehung verdankt. Mir scheint , der dichter
habe spir antes geschrieben, da ohnehin bei der anschaulichen
Schilderung des gespanns ein sinnlicherer ausdruck wohl am platze
ist : die pferde verrathen äusserlich v was in ihrem innern vorgeht.
Wie gilt dazu das bei Claudian ziemlich häufige spirare passt,
liegt auf der band. — Interessant ist, dass II, 103 die lesart
punice für pumice überliefert ist, die sich auch sonst nicht
selten findet; so Plaut. Pseud. 75; Catull. I, 2; Prop. IV, 2,
28 (M)\ Plin. NH. 28, 233 ; 30,108. Auf grund der angeführten
beispiele vermuthet Bergk Beitr. z. lat. gr. p. 157, dass eine
form pimice zu gründe liege, die sieb wirklich einmal (Plaut.
Pers. 41 in JE?) erhalten hat.
Unter den sonstigen vielfachen Verdiensten des herausgebers
um die kritik unseres gedicktes hebe ich noch namentlich her-
vor den evidenten nachweis einer grösseren lücke nach I, 266,
sowie der Interpolation nach I, 169. Die angebliche praefaiio
des zweiten buches hat, wie Jeep mit recht behauptet, mit dem
Raptus Proserpinae nichts zu schaffen, sondern bildet die einleitung
zu einem andern gedichte. Ob aber der vers 50 erwähnte Floren-
tinus identisch ist mit Stilicho , dem sieger von Florenz (daher
Florentinus) , wie Jeep praef. XIX mit Wedekind anzunehmen
geneigt ist , scheint mir sehr zweifelhaft. Ein Florentinus aus
der zeit Claudians, der praefectus urbis war, wird durch den Cod.
Theodosianus sowie die briefe des Symmachus hinlänglich bezeugt ;
in dem vergleich mit Hercules aber braucht das tertium compa-
rationis nicht nothwendig in den thaten beider zu beruhen; es
kann dies recht wohl einzig die anregung zum gesange sein.
Ich schliesse die besprechung der allen freunden des dichters
gewiss höchst willkommenen ausgäbe , die auch äusserlich recht
stattlich ist, und füge noch zur berichtigung des textes eine Zu-
sammenstellung der störenderen druckfehler hinzu. II , 6 bietet
der text volvere, was wohl bloss irrthümlich stehen geblieben
146 101. Sallustius. NV. 3.
ist anstatt des gut überlieferten jussere. I, 158 fehlt im ap-
parat die lesart der handschriften vellitur. II, 126 im app.
lies cavae für cavi. III, 40 gehört im apparat die zahl 40 vor
morem; III 83 gehört im apparat 83 vor vincta. IV, 62 will
Jeep wohl ad versa fronte schreiben, wie sich aus der adno-
tatio ergibt-, adversa passt auch viel besser als aversa.
III, 276 lies sopor f. sapor; II, 86 merear f. mereat.
Die weiteren druckfehler sind der art, dassder leser sie augen-
blicklich corrigiren wird. Georg Goetz.
101. De Sallustio imitatore Catonis Sisennae aliorumque
veterum historicorum Romanorum. Diss. inaug. quam . . .
scripsit Gustavus Bruennert. Jenae MDCCCLXXIII.
49 p. 8.
Auch nach Schultze's abhandlung de arcliaismis Sallustianis,
die zwar manches brauchbare bietet, aber wie im Piniol. Anz.
IV, p. 290 ff. nachgewiesen ist, doch nicht völlig genügt, darfeine
behandlung desselben themas willkommen sein, wenn sie mit
besonnenem fleisse durchgeführt wird. Dies kann von Brünnerts
arbeit mit recht gerühmt werden, die eines schülers E. Kluss-
mann's und eines Jüngers von C. Bursian nicht unwerth erscheint.
Zwar stimmt ref. in manchen einzelheiten dem vf. nicht bei, was
hier nicht ausgeführt werden kann; aber die hauptergebnisse
der Untersuchung verdienen zum grossen theile . billigung. In
dem allgemeinen (II.) cap. : quae in Universum in Sallustii dicendi
genere ad morem antiquorum rerum scriptorum conformata sint —
wird nicht nur über Orthographie, flexion und syntax gehandelt,
sondern auch die nachahmung des scribendi color veterum histori-
corum besprochen, wobei jedoch das über die brachylogie gesagte
zu dürftig ausgefallen ist, indem nicht einmal die wichtigsten
Zeugnisse der alten über abruptum sermonis genus, amputatae sen-
tentiae, immortalis velocitas angeführt und entsprechend gewürdigt
werden. Und doch würde die beachtung von Sen. contr. IX
p. 398 Kiessl. den vf. zu einer anderen, wohl der nemlichen
erklärung dieser stilistischen eigenthümlichkeit geführt haben,
die im Philol. Anz. IV, p. 293 vorgetragen ist. Auch die auf-
fassung der archaismen bei Sallust überhaupt, worin der vf. mit
Badstübner und Schultze zusammentrifft, bedarf, wie a. o. gegen
letzteren erörtert ist, einer niodincation. Der vf. hat sich eben
Nr. 3. 101. Sallustius. 147
mit den alten Zeugnissen zu leicht abgefunden; ein beispiel
kann dies zeigen. P. 2 lieisst es: Sallustius acriter vituperatur
. . . a Frontone (epist. ad Caes. IV, 3, p. 62 Nab.), qv.i eum
frequentem scctatorem Catonis appellat. Aber der Zusammenhang
bei Fronto lehrt deutlich, was sich übrigens bei der ganzen
richtung dieses rhetors von selbst versteht, dass frequens (Catonis)
sectator nicht als tadel sondern als hohes lob ausgesprochen ist,
wodurch Sallust unter die grössten meister der lateinischen spräche
eingereiht und sogar über Cicero erhoben wird. Das specielle
(I.) cap. erörtert die nachahmung des Cato nnd Sisenna. Aus-
führlich und gründlich wird hier gezeigt, wie Cato in gramma-
tischer und lexikalischer beziehung und in manchen Sentenzen
vorbild des Sallust gewesen ist, dass er diesem aber bei seinen
rückblicken auf die in den Origines behandelte zeit der römischen
geschichte nicht als quelle gedient hat. Die Vorstellung von
dem einflusse Cato's aiif die methode der geschichtschreibung
des Sallust wird vom vf. entgegen der Übertreibung Deltours auf
die richtigen grenzen eingeschränkt, da derselbe nur in der Vor-
liebe für geographische und ethnographische auslaufe nachweisbar
ist. Der erörterung des vfs. über die einwirkung des Sisenna
auf Sallust fehlt bei der geringen zahl und dem dürftigen gehalte
der erhaltenen bruchstücke ein fester boden, weshalb die resul-
tate des vfs. nicht nur unbedeutend, wofür nicht ihn die schuld
trifft , sondern auch unsicher sein müssen. So darf der p. 25
besprochene archaistische gebrauch von mortales statt homines bei
Sallust so wenig auf Sisenna als mit Deltour und Laws speciell
auf Cato zurückgeführt werden, sondern nur nach Gell. XIII
29 auf Claudius Quadrigarius , wenn es nicht vorzuziehen ist
bei einem wie es scheint sehr verbreiteten archaismus auf die
annähme eines bestimmten einzelnen Vorbildes zu verzichten.
102. Selecta capita de syntaxi Sallustiana. Diss. inaug.
philol. quam ... defendit Augus tus Anschuetz Salfeldanus.
Halis, typis orphanotrophei [1873]. 42 s. 8.
In ähnlicher anordnung , wie sie Dräger seiner schrift
' über syntax und stil des Tacitus ' und seinem werke über die
'historische syntax der lateinischen spräche' zu gründe gelegt
hat , behandelt Anschütz mit Sorgfalt und geschicklichkeit die
capitel de substantiro , de genere , de numero , de adiectiro, de ad-
148 102. Sallustius. Nr. 3.
verbio im sprachgebrauche des Sallustius. Die erschöpfende Zu-
sammenstellung des materials ermöglicht es dem vf. , einzelne
angaben in Drägers Hist. syntax z. b. p. 6 und 27, sowie in den
commentaren von Kritz und Dietsch genauer zu bestimmen oder
zu berichtigen. Dagegen hat das eigene raisonnement den vf.
bisweilen irre geleitet, z. b. p. 16 in bezug auf Catil. 1, 2 Sed
nostra omnis vis in animo et corpore sita est: animi imperio, cor-
poris servitio magis utimur ; alterum nobis cum dis , alterum cum
beluis commune est. Der vf. behauptet, unter alterum — alterum
sei zu verstehen animi imperio uti — corporis servitio uti. Aber
diese deutung zerstört den ganzen sinn der stelle : animi impe-
rium und corporis servitium sind nicht zwei getrennte zustände,
sondern nur zwei factoren eines einzigen zustandes , dessen be-
schaffenheit durch das grössenverhältniss dieser beiden factoren
bestimmt wird. Bei den göttern, denen die bange wähl zwischen
sinnenglück und Seelenfrieden erspart bleibt, und bei den thieren,
welche ja ventri oboedientia sind, kann weder von animi Imperium
über den körper noch von corporis servitium gegenüber dem
geiste die rede sein. Nur animus cum dis , corpus cum beluis
nobis commune est] Badstübner de Sallustii dicendi genere p. 7,
den der vf. zu widerlegen versucht, hat also mit recht diese
stelle als beleg dafür benützt , Sallustium ad duo substantiva di-
versi generis [animus, corpus] pronomen neutro genere, sed singulari
numero positum [alterum] referre. Auch sonst fehlt mancher ent-
scheidung des vfs. die volle Sicherheit, da er die discrepanzen
der handschriftlichen Überlieferung zwar meist beachtet, aber
nicht nach dem werthe der einzelnen handschrift gewürdigt hat;
so wird p. 19 zu Jug. 74, 3 neben der im lemma stehenden
lesart tutata die abweichung interpolierter Codices lutata be-
sprochen, aber tuta, was die zwei besten manuscripte bieten, gar
nicht erwähnt. Auch conjecturen verdienten zuweilen berück-
sichtigung z. b. p. 8 wo der Jug. [nicht Cat. wie der vf. schrieb]
41, 7 überlieferte plural gloriae von Bemays und Bergk über-
einstimmend wenn auch aus verschiedenen gründen angezweifelt
worden ist. Ferner war bei den einzelnen erscheinungen des
Sprachgebrauches besondere aufmerksamkeit auf die genetische
entwickelung zu richten. Eine umfassendere ausbeutung der
Specialliteratur würde gleichfalls manchen punkt schärfer be-
leuchtet haben; so musste bei vergleichung der Livianischen
Nr. 3. 104. Sallustius. 149
syntax statt oder neben Drakenborch die reichhaltige darstellung
von Kühnast zu rathe gezogen werden. Die anordnung, welche
im ganzen wohlgelungen ist, könnte für gewisse einzelheiten
noch genauer sein, wie z. b. p. 41 in dem artikel Juxta der
satz Jug. 85, 23 hiemem et aestatem iuxta pati unter die beispiele
für iuxta ac gerathen ist. Möge der vf. , dessen latinität auch
manchen anstoss (z. b. wiederholt auetor hoster = Sallustius)
bietet, die obigen einwendungen in betracht ziehen, wenn er
etwa, was sehr erwünscht wäre, dieser kleinen j)robe eine voll-
ständige ausführung über syntax und stil des Sallustius folgen
lassen will !
104. Vorm Walde, De Sallustii genere dicendi commen-
tatio. Pars prior. [Gymnasialprogramm]. Düsseldorf. 1873.
p. 3—9. 4.
Nicht was der titel zu verheissen scheint, die erste hälfte
einer abhandlung über den ganzen Sprachgebrauch des Sallust,
sondern zehn aus dem vollen umfange der aufgäbe herausge-
griffene fragen hat vorm Walde in seiner commentatio erörtert.
Der vf. sagt nach einleitenden worten, die den siebenten theil
des beanspruchten raumes fällen, p. 4: nonnulla , quae a viris
doctis obiter tanturn anirnadversa vel praetermissa sunt aut multis
locis dispersa inveniuntur, hoc loco aecuratius conscribenda et certa
quadam ratione in ordinem redigenda suseepi. Die ausführung
zeigt aber im Widerspruche mit dieser ankündigung, dass der
vf. vielmehr das von anderen aecuratius behandelte nur obiter
besprochen , manches in anderen arbeiten sorgfältig gesammelte
bei seiner darstellung übergangen, endlich den stoff nicht me-
thodisch geordnet, sondern wie es sich traf zusammengestellt
hat. Zum beweise werden die folgenden andeutungen genügen.
Im 1. abschnitt wird von eigenthümlichem gebrauche der adjee-
tiva gesprochen , aber nicht nur in den einzelnen punkten un-
vollständig sondern auch nicht frei von unrichtigem: saluber z.
b. fehlt gänzlich, unrichtig ist die auffassung von ex commodo als
adjeetiv mit präposition. Im 2. abschnitt über prädicativ ge-
brauchte adverbien heisst es am Schlüsse: praeterea frequenter
legitur ita, recte, male, bene est. Und doch sagt Sallust nur ita est,
während recte, male, bene est bei ihm gar nicht vorkommt. Der
3. abschnitt bespricht die anwendung von adverbien , wo man
Philol. Anz. VII. 10
150 104. Sallustius. Nr. 3.
ein Substantiv oder pronomen nebst einer präposition erwartet,
der 4. das fehlen des subjects- oder objectsaccusativ , der 5. in
drei zeilen die ersetzung eines sätzchens durch eine präposition
mit ihrem casus ; tiberall ist in diesen partieen weniger geboten,
als sich, abgesehen von eigener forschung, aus den commentaren
und einzelschriften entnehmen liess. Besonders dürftig ist der
6. abschnitt über den historischen infinitiv gegenüber der aus-
führlichen abhandlung von Koziol. Im 7. über frequentative
Zeitwörter fehlt bei der auf Zählung der bedeutungen von agitare
der gebrauch im sinne von vivere (esse) wie Jug. 18, 9. 19, 5-,
unrichtig ist die auffassung von Jug. 63 , 5 eo modo agitabat
gleich id agebat statt synonym mit se gerebat. Wie mangelhaft
der 8. abschnitt über Sallust als nachahmer griechischer Vorbilder
ist, ergibt ein blick in Dolega's schrift über diese frage. Der 9. han-
delt vom asyndeton, der parenthese, dem chiasmus und der construe-
tion ad sensum, über welche auch längst besseres von Badstübner
gesagt worden ist. Der 10. abschnitt gibt vage andeutungen
über einige partikeln. Nach keiner richtung hin ist der Schrift-
steller gründlich durchforscht, in keinem punkte die literatur
über Sallust ausgenützt. Wie flüchtig die schrift gefertigt ist,
verräth schon die ungenauigkeit und ungleichmässigkeit der ci-
tate, die vielfach fehlerhaft sind und bald nach dieser bald nach
jener ausgäbe gegeben werden , wie z. b. p. 4 von zwei nur
durch den räum einer zeile getrennten stellen aus den historien
die eine nach der fragmentenzahl bei Kritz, die andere nach
Dietsch angeführt ist. Der verf. bricht mit dem versprechen
ab : de particularum apud Sallustium usu alio tempore accuratius scri-
bam. Da bisher auch ein kenner wie Oestling {de elocutione Sali. p.
63) behaupten konnte, die partikeln gebrauche Sallust so ziemlich
wie die zeitgenössischen autoren, so wird eine solche schrift um
so willkommener sein. Nur bleibt zu wünschen , dass der vf.
das accuratius im zweiten theile nicht vergesse ; der vorliegende
erste theil , welchem sich aceuratio nicht nachrühmen lässt , ist
für die Sallustforschung ohne werth.
105. De fide et auctoritate codicis Sallustiani Vat. 3864.
Dissertatio inauguralis quam scripsit Gustavus B o e s e. Göttingae
1874. 8°. 38 s.*)
*) Vergl. ob. hft„ 2, p. 98.
Nr. 3. 105. Sallustius. 151
Bei dem widerstreit der au sichten über den werth der
besten Sallusthandschriften Vat. 3864 und Parisinus Sorb. 500
zwischen Jordan einerseits, Weinhold und Dieck andrerseits (s.
Piniol, ans. bd. IV, 349 ff. V, 361 ff. Suppl. p. 695 ff.) hat vf. es
unternommen die gründe für und wider nochmals zu prüfen,
und ist zu folgendem ergebniss gelangt : der Vat. , wenn auch
eine vorzügliche handschrift, ist von Weinhold und Dieck über-
schätzt worden, er leidet an vielen fehlem, die jedoch nicht mit
Jordan der planmässig ändernden band eines redactors, wie Wein-
hold bewiesen, beizumessen sind, sondern den gewöhnlichen ver-
sehen und nachlässigkeiten der abschreiber ; dagegen ist von
Jordan Paris. 500 überschätzt worden, der ihn zur alleinigen
richtschnur bei der textgestaltung nimmt; das richtige ver-
fahren hat Gerlach Heidelb. Jahrbb. 1868, 832 ff. angedeutet:
als grundlage habe PPl und Basil. zugleich mit V zu dienen.
— Man sieht, die kritik steuert mit vollen segeln einem unge-
regelten eclecticismus zu, den Jordan beseitigt zu haben meinte ;
freilich wenn des vfs. beweisführung imanfechtbar ist, wird man
das ergebniss hinnehmen müssen ; aber dieselbe zeigt, sowohl was
die methode als das urtheil betrifft , verschiedene blossen , die
hier so weit möglich aufgedeckt werden sollen.
Verfasser, obwohl von ihm der vergleichenden Zusammen-
stellung der Schreibfehler und nachlässigkeiten von P und V bei
Dieck gedacht und dieselbe sogar in etwas ergänzt wird, über-
sieht , dass aus der erheblich grössern correctheit von V die
bessere beschaffenheit dieser handschrift im allgemeinen ge-
genüber P abzuleiten ist, folgerichtig ein berechtigtes vor-
urtheil für bevorzugung des V erwächst an stellen, wo an sich
auch die La des P zulässig wäre. Hinwieder durfte vf. nicht
wohl als argument für die vorzüglichkeit des V die spuren alter-
thümlicher Orthographie an die spitze stellen , da gerade auch
darauf Jordans ansieht von der ableitung aus einem durchcorri-
girten grammatikerexemplar fusst. — Verf. lässt nun an 20
stellen die Laa des V zu, und zwar betreffen dieselben 15 Va-
rianten in Wörtern (worunter ab statt a, molliti am statt — em,
zweimal et statt atque), 3 glosseme , 2 abweichungen in der
Stellung; dagegen an 19 stellen diejenigen des P; sie betreffen
14 Varianten in Wörtern (worunter negleg eris statt n eglexeris),
3 abweichungen in der Stellung, die interpolation und die aus-
10*
152 105. Sallustius. Nr. 3.
lassung je eines wortes. Diese reihe reduzirt sich zunächst auf
zwölf: denn dass V Cat. 52, 7 conquestus habe, ist ein irrthum ; 2 )
ferner dürfen lug. 31,2 inviti statt inulti, 85,10 prosap ia e
multarum statt prosapi ae ac m, 46 sciens et statt sed
beinahe als Schreibfehler gelten, so gut er 102,3 bona acce-
pisses statt cepisses und Cat. 51,40 circumvenire statt -iri
in P als solche betrachtet wissen will-, sodann wird er mit der
empfehlung der La von P lug. 14,1 vos mihi cognat orum,
vos in affinium locum duccr em, was selbst Jordan auf-
giebt, mit Gerlach allein stehen (s. Weinhold p. 207)-, endlich igno-
rirt er dessen glückliche Verbesserung zu Cat. 33,1 p atria sede ;
desgleichen würdigt er desselben begründete empfehlung der La
des V Cat. 51,4 quae-consuluerunt keiner Widerlegung ; nur
daraus, dass jener des Arusianus zeugniss anzurufen versäumte,
schliesst er voreilig, dass er nichts darauf gebe; aber warum
setzt er selbst sich absichtlich so leichthin darüber weg, da doch
damit der gebrauch von consulere mit accusativ der sache durch
die stelle selbst belegt wird? und dass mit dem neutr. pl. des
pronomen der relativsatz mit dem indicativ gegeben ist, scheint
selbst Eussner (exercitt. Sali. p. 172) zuzugeben. Inbezugaber
auf die anderen stellen sind die Vertreter der autorität des V selbst
unter sich nicht einig, andere lesungen geben sie ebenfalls schon
preis; das räumt ref. ein, dass negleg eris aufzunehmen sein
wird und Cat. 35,6 die ausmerzung von tibi vielleicht dem
Sali, stil entsprechender«
An nicht weniger als 72 stellen aber findet verf. die
Laa von P oder V an sich gleich berechtigt, und zwar betreffen
dieselben 1 9 fälle von abweichung in der Wortstellung (irrtküm-
lich ist die angäbe lug. 85,46, dagegen fehlt 24,8 vestra vis),
37 Varianten in einzelnen Wörtern (in der aufzählung ist ver-
gessen lug. 10,2 on eravisti, versetzt Cat. 51,10 accendet
und — itj, 9 Kicken in V gegen vollem text in P, 7 lücken
in P gegen vollem text in V. Doch was soll bei dieser un-
ausgesprochenen liebe zu zwei schönen zugleich herauskommen?
Schliesslich sichert doch erst die bestimmte erklärung gegenüber
der einen oder andern die gründung des hausstandes : verf.
2) Ebenso ist der zweifei an den Laa des V Cat. 20,13 habe-
amus und lug. 14,10 misereaimi unberechtigt, indem Jordans
schweigen mit den angaben bei Linker und Dietsch stimmt.
Nr. 3. 105. Sallustius. 153
schielt haltlos von der einen zur andern , während ihren näch-
sten gewisse schwächen kein geheimniss sind! So will er sich
selbst gegen Weinhold oder Dieck von V gefallen lassen: Cat.
51,41 ego Tianc , 51,12 agunt, 34 fuit, 52,26 miseremini,
36 summa, lug. 24,10 crucia tu7n, 85,3 simul aerario, 35
n am, 102,8 principio ohne a; gegen Jordan von P: 14,25
misero mihi (so bei Linker und Dietsch bezeugt, Jordan
schweigt), Cat. 20,10 nobis, 15 hortentur, lug. 31,17 magis,
85,13 et, 34 er go\ zudem findet er sich nicht bemüssigt die eben-
bürtigkeit von Laa. wie Cat. 20,10. 15 oder 51,41 zu begrün-
den; ebensowenig wo Weinhold mit gründen für V einstand,
ihn zu widerlegen und so Laa. wie Cat. 51,9 sententias
(ähnlich das doch von ihm selber gebilligte praesidium agi-
tare lug. 85,33), 52,32 dis aut hom., lug. 14,3 posse me, 9
nunquamne, 85,2 quo-eo, 17 faciunt, 26 me ohne que }
34 ergo seinerseits mit gründen zu empfehlen. Für die übri-
gen stellen, welche eingehend besprochen sind, erklärt ref. die
Widerlegung Dieck's oder Weinhol d's nicht schlagend gefunden
zu haben, dass er zwischen P oder V schwanken müsste; hie
und da ist sie geradezu unzureichend, wie wenn er Cat. 51,35
die Stellung magnae initium cladis durch das beispiel 36,5
duobus senati decretis zu stützen meint, oder 58,12 den
conj. adhort. praes. aggre diamini durch blosse Verweisung
auf Kritz zu lug. 110,4, wobei zugleich der übermüthige ton
gegenüber Weinhold unangenehm auffällt, oder wenn er lug.
31,17 magis zu schützen sucht durch die behauptung, es sei
gerade so gut wie maius, und durch die summarische hinwei-
sung auf Sali. Vorliebe für adverbielle ausdrücke nach Dietschens
index und Badstübner de Sali. gen. die, oder wenn er zur em-
pfehlung von prospera Cat. 52,29, adver so pectore lug.
85,29 auf Wiederholung des bekannten sich beschränkt; für
erstere stelle dürfte auch Livius' Sprachgebrauch beigezogen
werden, s. Weissenborn und Wölfflin zu XXI, 21,9-, für letztere
giebt es noch belege ausser Antonius bei Qnintil. II, 15,7: bei
Liv. n, 23,4. Auct. bell. Afr. 82. Verg. Aen. IX, 347 —
dagegen adv er so c orp ore bei Cic. Verr. V, 3 und ore adverso
Eab. perd. 36. — Was endlich über die P und V gemeinsamen
Verderbnisse gesagt wird, ist nicht neu, ausser dass verf. Cat.
52,35 von der Linker'schen coujeetur in vor faueibus an-
154 106. Tacitus. Nr. 3.
nimmt, sonst V folgt; ebensowenig die ausführung über das
verhältniss von V zum Bernensis.
Ref. dankt dem vf. gern für die anregung , welche er ans
seiner abhandlung zur erneuten prüfung der streitigen punkte
empfangen bat, gestebt aber, dass ihm durcb dieselbe die con-
troverse selbst nicht gefördert worden zu sein scheint, und be-
kennt sich nach wie vor zu der ansieht, dass in der feststellung
des textes der reden und briefe, dem verhältnissmässig correcter
geschriebenen, altern, an einer mehrzahl bedeutsamer stellen die
passenden lesarten bietenden codex Vaticanus 3864 wo immer
möglich zu folgen sei.
H. Wz.
106. Cornelii Taciti de vita et moribus Julii Agricolae
liber. Nouvelle Edition . . . par J. Gantrelle. Paris.
Garnier freres 1875. 72 s. 8.
107. Contribution ä la critique et l'explication de Tacite
parJ. Gantrelle, professeur ä 1' Universite' de Gand. Fascicixle
I. Paris. Garnier freres 1875. 74 s. 8.
108. Ueber entstehung, charakter und tendenz von Ta-
citus Agricola . . . von J. Gantrelle, professor an der Univer-
sität Gent. Nach der zweiten ausgäbe des Originals mit ge-
nehmigung des Verfassers übersetzt. Berlin. E. H. Schroeder.
1875. 62 s. 8.
Nach der deutschen Übersetzung darf man Gantrelle's
schrift nicht beurtheilen ; denn in ihr fehlt es nicht an versehen,
irrthümern und Widersprüchen. So fällt z. b. der Widerspruch
zwischen p. 6 und 15 dem Übersetzer zur last, der an der er-
sten stelle eo laudis excedei-e, an der zweiten, wie Gantrelle an
beiden , mit Wex eorum laudes excedere liest. P. 6 hatte Gan-
trelle die bekannte stelle Hist. 4,5 ganz richtig übersetzt : die
stoiker appelaient uniquement bien ce qui est honnete, mal ee qui est
honteux, nach dem Übersetzer p. 8 nannten sie 'das gute gut,
das schlechte schändlich. ' P. 7 übersetzt Gantrelle Ann. 6,10
richtig Piso ne fut Jamals Vauteur volontaire d'un avis servile
der Übersetzer berichtet, 'dass er niemals freiwillig knechtische
ansichten hegte.' P. 13 endlich wird gar liorreur durch 'schäm'
übersetzt.
Gantrelle gehört zu denjenigen gelehrten, welche \n ver-
Nr. 3. 107. Tacitus. 155
schiedener weise im Agricola eine besondere tendenz suchen.
Er bezeichnet ihn der form und dem inhalt nach als ein eloge
historique, der tendenz nach als ein ecrit essentiellement politique,
als ein glaubensbekenntniss und programm des Verfassers. Letz-
tere ansieht stützt sich besonders auf die bekannte stelle c. 42
j
und mit recht wird die politische anschauung des Tacitus im
einklang mit der seines Schwiegervaters als ein juste milieu be-
zeichnet. Daraus folgt aber nicht, dass den Schriftsteller eine
bestimmte politisch-apologetische absieht geleitet hat; sondern
nur so viel als die worte besagen, dass Agricola's würdige, aber
besonnene haltung mit den extremen parteien verglichen wird.
Die bezeichnung eloge historique kann man sich gefallen lassen,
wenn man das attribut stark betont-, es bleibt aber am einfach-
sten den zweck der vita nach der einleitung in der pietäts-
vollen darstellung der facta moresque eines hervorragenden ver-
wandten zu suchen. Sehr möglich ist es übrigens, dass Tacitus
die biographie zuerst , wie Plinius die des Vestricius Cottius
(Epist. 3,10) recitiert hatte und die zuhörer wie bei der recita-
tion des Titinius Capito quasi funeb ribus laudationibus
(ebd. 8,12) beiwohnten, und dass er bei der herausgäbe, wie
Plinius sich erbot Zusätze aufzunehmen, den abschnitt über Bri-
tannien einfügte.
Die zweite abhandlung erörtert die einleitung verständig
und geschmackvoll; die geistreiche conjeetur ineusaturus. Tarn
saeva . . . tempora exegimus statt i. t. s. t empor a. Le-
gimus kann deswegen nicht gebilligt werden, weil im folgenden
fuisse in fuit verändert werden muss.
Auch die zweite conjeetur c. 22 hat nichts überzeugendes.
Der verf. liest: ceterum ex iraeundia nihil sup er er at s e-
cretum, et silentium eiu s non timer es , wo man doch
neque statt et non verlangen würde. Schreibt man mit Jacob
vel silentium, so erhält man einen befriedigenden sinn. Statt
offen zu tadeln , hätte Agricola entweder sich von dem schul-
digen entweder gleich zurückziehen oder, wenn er an demselben
orte blieb , schweigen können : beides würde hass verrathen
haben, dem er offenen tadel vorzog.
Sehr beachtenswerth ist die behandlung der schwer ver-
dorbenen stelle c. 36. Ganz überzeugend polemisirt Gantrelle
gegen diejenigen vermuthungen , welche eine den Römern un-
156 108. Tacitus. Nr. 3.
günstige Wendung der Schlacht voraussetzen (minimeque aequa
n o stris iam pugn ae fa cies er at , cum a egre clivo in-
stantes simul e quorum corp oribus impellerentur und
ähnliches) ; ihnen -widerspricht im folgenden deutlich das eine
wort vincentium. Seine eigene Verbesserung miraque eque-
stris pugnae facies er at, cum aegre iam diuadversarii
stantes simul equorum cett., ist an sich nicht zu kühn, steht
aber mit dem vorhergehenden nicht im einklang. Wenn die Caledo-
nier sich schon vorher mit mühe behaupteten, mussten sie durch den
angriff der reiterei nochmehr in Verwirrung gerathen. Nun sagt
aber Tacitus ausdrücklich, dass die reiter für sich keine fortschritte
machten. Auch konnte das reitertreffen nicht auffällig erschei-
nen, da es eben keins mehr war, vielmehr die römischen reiter
das fussvolk überhaupt belästigten. Der fehler liegt in eque-
stris, dessen erste silbe durch dittographie aus minimeque
entstanden ist. Tacitus malt den veränderten charakter des
kampfes zwischen dem beiderseitigen fussvolk rhetorisch aus:
sowohl die marschierenden als die widerstehenden wurden durch
die reiter gestört. Man hat zu schreiben: minimeque pede-
stris ei iam pugnae facies erat, cum e gradu aut stan-
tes . . . imp eil er entur.
Sehr ansprechend wird c. 28 behandelt. Der verf. meint,
dass die Sueven, welche neben den Priesen als diejenige Völ-
kerschaft genannt werden, an deren küsten die flüchtigen
Usiper landeten, an der mündung der Scheide wohnten, und
dass diese Sueven Germ. 9 als diener der Isis vorkommen.
Wenn sich nachweisen Hesse, dass schon im ersten Jahrhundert
dort Sueven wohnten , so würde man diese einfache lösung der
schwierigen frage nach dem ende jener abenteuerlichen seefahrt
unbedenklich annehmen dürfen; jetzt wird man erst das urtheil
der Germanisten abzuwarten haben.
Endlich bespricht GantrelleV College Wagner die stelle
c. 45, wo er Gronov's conjectur et iam tum statt iam tum
scharfsinnig vertheidigt. Schwierig bleibt die sache immer.
Denn dass Baebius Massa nach der ersten anklage verurtheilt
wurde, würde man nach dieser lesart nicht vermuthen, man
müsste ergänzen : aber später wurde er losgesprochen. Ein
trost für Agricola konnte es immerhin sein, dass er Baebius ver-
urtheilung voraussah. Wenn dieser freilich später als delator
Nr. 3. Theses. — Neue auflagen. 157
furchtbar wurde , muss man diesen umstand als gegensatz zu
reus erat fassen; ob man dann nicht besser thut , einfach mit
cod. J iam zu streichen? Denn wenn er auch nachsteht, ist er
doch keineswegs für die kritik werthlos.
Die ausgäbe verdient ungetheilte anerkennung. J.
Gantrelle ist mit der neueren, insbesondere der deutschen lite-
ratur vollkommen vertraut und beweist in der constituirung des
textes ein feines, vorsichtiges urtheil, wozu der kritische anhang
die nöthigen belege liefert*, die erklärung ist knapp und bündig,
zugleich sachlich und grammatisch bei aller kürze ausreichend.
Theses.
Ludovicus Schemann, de legionum per alterum bellum
Punicum historia quae investigari posse videantur. Dissertatio . . .
quam . . in universitate Fridericia Guilelmia Rhenana d. XX m.
April, a MDCCCLXXV defendet ... 1. Soph. Ant. vss. 679—80 spu-
rii esse videntur. — 2. Eur. Iph. Taur. vs. 116 — 7 cum Bergkio post
v. 103 locandi sunt. — 3. Tacit. Ann. 1,8 — quo loco agitur de
testamento Augusti — neque verba urhanis qumgenos inserenda sunt
ueque aut in ne mutandum est. Ibidem auctore Rittero sestertium
post quadringenties tricies quinquies inserendum est. — 4. Ibid. II c.
33 verba: Erat quippe adhuc frequens . . . promer e delenda sunt.
Neue auflagen.
109. Freund Präparationen u. s. w. Präparation zu Homers
Ilias. 3. hft. 4. aufl. 16. Leipzig, Violet ; 50 pf. — 110. Sophokles
Antigone bearbeitet von E. Eyth. 2. aufl. 16. Heidelberg, Winter;
80 pf. — 111. Sophokles könig Oedipus, bearbeitet von E. Eyth. 3.
aufl. 16. Heidelberg, Winter; 80 pf. — 112. Sophokles Oedipus auf
Kolones, bearbeitet von E. Eyth. 2. aufl. 16. Heidelberg, Winter.
80 pf. — 113. Freund Präparation zu Xenophons Hellenica. 1. hft.
2. aufl. 16. Leipzig, Violet; 50 pf. — 114. Q. Horatii Flacci opera
omnia. Recognovit G. Dittenburger. 8. Ed. 6. Bonn. Marcus; 5
mk. 60 pf. — 115. C. I. Caesaris commentarii de bello gallico, erklärt
von F. Krahner. 9. aufl. , besorgt von W. Diltenberger. 8. Berlin,
Weidmann; 2 mk. 25 pf. — 116. Freund Präparation zu Cornelius
Nepos. 2. hft. 4. aufl. 16. Leipzig, Violet; 50 pf. - 117. Corpus
iuris civilis ediderunt fratres Krigelii, A. Herrmann, Ed. Osen-
brüggen. 8. Ed. 15. Lips., Baumgärtner; 21 mk. — 118. J. G.
Dropsen grundriss der historik. 2. aufl. 8. Veit, Leipzig; 1 mk.
60 pf. — 119. F. C. Dahlmann , quellenkunde der deutschen ge-
schichte. 4. aufl. 8. Besorgt von G. Waitz. Göttingen, Dieterich;
5 mk.
Neue Schulbücher.
120. Fr. Jacobs, elementarbuch der griechischen spräche. 1. thl.
Neu bearbeitet von J. Classen. 8. Jena, Frommann; 2 mk. 25 pf.
— 121. G. Weller, lateinisches lesebuch aus Livius. 9. aufl. 8. Hil-
burghausen, Kesselring; 1 mk. 50 pf. — 122. G. Curlius griechische
schulgrammatik. 11. aufl. unter mitwirkung von B. Gerth. 8. Prag,
Tempski; 2 mk. 80 pf. — 123. M. Sibcrti lateinische schulgrammatik
für die unteren classen. 22. aufl. Neu bearbeitet von M. Meirinq.
158 Neue Schulbücher. — Bibliographie. Nr. 3.
8. Bonn, Cohen; 2 mk. 20 pf. — 124. M. Meiring, Übungsbuch zürn
übersetzen aus dem deutschen ins lateinische für die mittleren classen.
1. abth. 4. aufl. 8. Bonn, Cohen; 1 mk. 20 pf. — 125. Simon, auf-
gaben zum übersetzen ins lateinische für Sexta und Quinta. 5. aufl.
8. Berlin, Dümmler ; 80 pf. — 126. A. Haacke, aufgaben zum übersetzen
ins lateinische für Quarta. 8. aufl. 8. Berlin, Weidmann; 1 mk. 60
pf. — 127. Welle?^ lehrbuch der Weltgeschichte für gymnasien und hö-
here bürgerschulen. 3. thl. 24. aufl. 8. Koppenrath, Münster;
2 mk. 40 pf.
Leipziger bücher-auction, 22. november 1875, darin die bibliothek
von prof. Gustav Heibig , Staatsarchivar von Posern-klett u. a. bei
H. Härtung.
Bibliographie.
'Zum fünfzigjährigen buchhändler-Jubiläum von Friedrich Jo-
hannes Frommann ' ist ein artikel von B'öhlau im Börsenblatt nr.
78 überschrieben, welcher den bildungsgang und die Wirksamkeit des
Jubilars schildert: das Jubiläum selbst fiel auf den 8. april. Daran
reiht sich denn in einem zweiten abschnitt ebendas. nr. 84 eine be-
schreibung des Jubiläum selbst.
Mittheilungen über den nachdruck in den Niederlanden giebt
Börsenblatt nr. 91—100.
O. Bertram, manuscript und correctur, bemerkungen und erläu-
terungen zum deutschen buchdrucker-normativ für Schriftsteller und
Verlagsbuchhändler. 8. Halle, 1865: sehr zu empfehlende schrift,
welche ruhig, unpartheiisch und klar die entstehung des streits zwischen
den principalen und arbeitern erörtert, namentlich die schwierige läge
der ersteren hervorhebt, auch die sätze des normaltarifs prüft, alles
dies gegenstände , die Bertram auch auf der generalversammlung der
deutschen buchdruckervereine vom 24. april ausführlich besprochen
und damit grossen beifall geerntet hat, s. Börsenblatt nr. 100: das-
selbe theilt in nr. 116 Bertram's Vortrag ausführlich mit: die ge-
nannte schrift aber geht auch auf die Schriftsteller und deren verhalten
ein und weist nach, wie gut geschriebenes manuscript, ferner mass-
halten in der correctur nach den jetzigen Verhältnissen durchaus ge-
boten sei. Es kommt dabei der schon von Teubner. — s. Philol.
Anz. VI, nr. 4, p. 219 — hervorgehobene übelstand zur spräche,
dass gute handschrift jetzt so selten wird: es haben also die schulen
in der hinsieht besser ihre Schuldigkeit zu thun, namentlich auch die
gymnasien , auf denen der schreibunterricht viel zu wenig beachtet
wird, trotzdem dass dieser Unterricht für das ganze folgende leben
von grösster Wichtigkeit ist. Freilich müssten damit auch andere
übelstände beseitigt werden: so die schlechte, blasse tinte, vor allen
die Stahlfedern; wenn man z. b. sieht, wie jetzt die Studenten schreiben
[und auch andere leute: E. v. Z.], so kann es ja mit der zeit nur
studierte mit schwachen und schlechten äugen geben. Daran scheint
man aber gar nicht zu denken, wie durch die jetzige Schreibart oder
vielmehr schreibunart die äugen angegriffen werden müssen.
In der generalversammlung der deutschen buchdruckervereine vom
24. april ward von O. Bertram in Halle u. a. ein an trag gestellt, dass
eine einheitliche deutsche rechtschreibung in allen vereins-officinen
durchgeführt werden möge. Weiteres Börsenblatt nr. 93 vergl. nr.
100: — das ist nicht der rechte weg, um zum ziele zu gelangen:
dergleichen muss den Schriftstellern und gelehrten überlassen bleiben.
Ueber die am 24. april veranstaltete historische ausstellung zur
Jubelfeier des börsenvereins giebt einen interessanten bericht Wust-
mann im Börsenblatt nr. 105., 107. 112.
Nr. 3. Bibliographie. 159
Die frage über die sogn. Pflichtexemplare ist neuerdings öfter
besprochen, z. b. Börsenblatt 1874, nr. 153: am 19. april a. c. ist
sie gegenständ einer debatte in der bayrischen kammer geworden
und aus diesem referirt Börsenblatt a. c. nr. 118.
Mittheilungen der Verlagshandlung von B. G. Teubner in Leipzig
nr. 2: künftig erscheinende bücher: Sophoclis tragoediae. Recensuit
et explanavit Ed. Wundtrus. Sectio I continens Philoctetam. Edi-
tio quarta, quam curavit. N. Wecklein : es soll die ausgäbe durch
nachtrage und Streichungen dem jetzigen leser so bequem Avie mög-
lich gemacht werden : dabei erlauben wir uns den Verfasser auf die
recensionen die seiner zeit von G. Hermann u. a. über diese ausgaben
erschienen sind, aufmerksam zu machen: es ist in ihnen des trefflichen
und noch unbenutzten viel enthalten. — Bilder aus dem altgriechi-
schen leben von H. TV. Stoll, 2. aufl. : es sind abbildungen dazu ge-
kommen. — Lactantii Placidi grammatici glossae, rec. et. ill. A.
Dauerimg: nach vermehrtem handschriftlichen material und mit ein-
leitung: kann nur erwünscht sein wie auch das letzte hier angekün-
digte : de accentu linguae latinae veterum grammaticorum testimonia
collegit, disposuit illustravit Fridericus Schoell. — Am ende dieses
heftes p. 56 giebt B. G. Teubner eine erklärung über die ob. hft.
2, p. 114 mitgetheilte äusserung Kellers ab: die erste aufläge ist
noch gar nicht und noch lange nicht vergriffen,
Mittheilungen u. s. w. nr. 3: Euripidis fabulae. Edidit Rud. Prinz:
kritische ausgäbe nach neuen collationen, auch mit vollständiger
Sammlung der citate. — Index Vitruvianus. Confecit H. Nohl: soll
Rose's ausgäbe abschliessen. — Ueber die spräche der Etrusker. Von
W. Corssen, bd. IL — Die römische tragödie der republik, dargestellt
von Otto Ribbeck. — T. Ovidius Naso. Ex iterata Rud. Merkelii re-
cognitione. Vol. IL Metamorphoses cum emendationis summario.
[Bibliotheca Teubneriana] : die ausgäbe ist eine auf neue in Florenz
veranstaltete collationen, durch die viele schaden sich haben heben
lassen, basirte : zugleich hat der herausgeber auf Orthographie, Inter-
punktion und andere anagnostica sorgfältigst geachtet. — Titi Livi
ab urbe condita libri X. für den schulgebrauch erklärt von Moritz
Müller : die sachliche erklärung soll besonders berücksichtigt werden.
Uebrigens sollte doch erwogen werden, ob, wenn für die schule Li-
vius nutzbar gemacht werden soll, die dritte dekade nicht vor dieser
ersten den vorzug verdiente.
Miitheilungen u. s. w. nr. 4: Hesiodi carmina recensuit et com-
mentariis instruxit Car. Goettlingius. Editio tertia, curavit Joh. Flach :
nach dem hier über die neue aufläge gesagten muss man eine neue
ausgäbe erwarten: die aufgäbe ist eine sehr schwierige: meines er-
achtens ist bei den tgya wie bei der Theogonie das gerathenste sich
nur auf grammatische erklärung einzulassen. — Sophokles für den
schulgebrauch erklärt von Gustav Wolff. Nach dem tode des Ver-
fassers fortgesetzt von L. Bellermann : der hauptfehler in Wolff s
commentar war mangel an Selbständigkeit, Weitschweifigkeit; denn
der zu weit getriebene anschluss an Westphal , der zu ganz ver-
schwimmenden Charakteristiken der raetra führte : das ist zu ver-
meiden: sonst sind hier schön die Vorzüge der arbeit Wolff's hervor-
gehoben. — Kommentar zu Thucydides reden zum gebrauch 'der
schüler angefertigt von dr. L. Tillmanns: meines erachtens ist dies
ein sehr bedenkliches unternehmen: die Lektüre der reden des Thu-
cydides gehört nicht auf die schule. — Catulli Veronensis liber.
Recensuit Aemilius Baehrens: die recension soll auf dem Oxoniensis
und Sangermanensis, den einzigen zuverlässigen handschriften beruhen,
die deshalb der herausgeber neu verglichen hat. Wir wollen um
160 Bibliographie. Nr. 3.
Catull's willen wünschen, dass alles, was Bährens hier sagt, wirklich
eintrifft. — Titi Lucreti Cari de rerum natura libri sex. Erklärt
von dr. A. Brieger wird einen fortschritt machen. — Die altitalischen
sprachen. Paläographische und grammaticalische Studien von A. Fa-
bretti. Aus dem italienischen übersetzt. Thl. I. — Die Sprachwissen-
schaft nach ihrem zusammenhange mit logik, menschliche geistesbil-
dung uud philosophie von Conrad Herrnann.
Aus Teubner's mittheilungen u. s. w. nr. 5 ist eine entgegnung
auf einen angriff besonders abgedruckt , welche wir hier mittheilen :
' herr dr. Walther Gebhardi zu Meseritz sagt in seiner rezension der
Vergilausgabe von Kappes (Zeitschrift f. d. Gymnasial wesen XXIX,
p. 470): 'In der Teubner'schen Sammlung — — fehlte noch immer
derVergil; aus den Verlagsberichten erfahren wir, dass C. W. Nauck
für diese arbeit gewonnen war. Warum der herausgeber des Horaz
von diesem unternehmen zurückgetreten ist, haben wir unter der hand
erfahren, scheuen uns aber die gründe hier wieder zu geben. ' Da in
dieser geheimnissvollen andeutung leicht eine Verdächtigung nach der
einen oder der anderen seite hin gefunden werden kann, so ersuche
ich hierdurch herrn dr. Gebhardi, die ihm angeblich bekannten gründe
der öffentlichkeit nicht vorzuenthalten, da sie diese, wenn sie der
Wahrheit entsprechen, gewiss nicht zu scheuen brauchen. ' — Wenn
ferner herr dr. Gebhardi sagt : ' da musste denn nun in aller eile ein
anderer für ihn eintreten', so muss ich diese behauptung als voll-
ständig unwahr bezeichnen. Ich habe niemals einem autor einen
termin zur ablieferung des manuscripts gestellt und auf den Vergil
von Nauck habe ich volle 16 jähre gewartet. Da es übrigens nach
diesen ungehörigen äusserungen scheinen könnte , als ob herr dr.
Gebhardi mehr als gewöhnliche kenntniss von Vorgängen in meinem
geschäft hätte , die weder ihn selbst etwas angehen noch vor die öf-
fentlichkeit gehören, so sehe ich mich zu der erklärung veranlasst,
dass ich zu herrn dr. Gebhardi bis jetzt in keiner anderen beziehung
gestanden habe, als dass ich seine eignen verlagsanträge, durch welche
er selbst die von ihm gerügte grosse zahl meiner Unternehmungen
zu vermehren gedachte, abgelehnt habe. Im übrigen auf den in
der Zeitschrift für das Gymnasialwesen gegen meine verlagsthätigkeit
im allgemeinen gerichteten angrifl etwas zu erwidern, halte ich unter
meiner würde.'
Dümmler's Verlagsbuchhandlung in Berlin versandte ein ver-
zeichniss von altern und neueren büchern und Zeitschriften, welche
zu bedeutend ermässigten preisen gegen baare Zahlung zu beziehen
sind.
Cataloge von antiquaren: 6. verzeichniss des antiquarischen
bücherlagers von Ludwig Bamberg in Greifswald; nr. 121. antiqua-
rischer catalog der C. H. i?ec&'schen buchhandlung in Nördlingen
(philologie und alterthumskunde) ; nr. 123 derselben handlung schön-
wissenschaftliche werke in deutscher spräche enthaltend ; J. Bens-
heimer in Mannheim und Strassburg antiquarischer catalog 10, alt-
classische pbilologie, neuere linguistik, orientalia enthaltend; Max
Brissei in München, antiquarisches bücherlager; Matthias Lempertz
in Bonn 115. catalog des antiquarischen bücherlagers: griechische
classiker p. 1—91, lateinische classiker , p. 92—170; Moritz Haupt's
bibliothek, abschnitt II classische philologie : 1. griechische autoren,
sie wird verkauft bei Mayer 8j> Müller , Berlin W. , französische str.
38; Bücherverzeichniss X von Mayer fy Müller in Berlin; Bücherver-
zeichniss von Karl r f rübner in Strassburg im Elsass: XV, classische
philologie und archaeologie ; nr. 105. und 106. verzeichniss von anti-
quarischen büchern bei W. Weber in Berlin, griechische und lateini-
Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 161
sehe classiker, archaeologie, geographie u. s.w.; nr. 12 antiquarisches
bücherlager von Otto Wulkow in Magdeburg, classische philologie.
Kleine philologische zeitung.
Die philologen-versammlung in Rostock vom 28. sept. bis 1. october
war von 2—300 uiitgliedern besucht, gehört also nicht zu den der
zahl nach bedeutendsten : abgesehen von der läge Rostock's hat dazu
auch wohl das verfahren eines theils der eisenbahnen beigetragen.
Denn hat auch ein theil derselben die gültigkeit des freien retour-
billets entweder an gar keinen termin gebunden oder diesen bis auf
den 12., auch 15. october ausgedehnt, so ist doch von andern, na-
mentlich den norddeutschen — unter denen einzelne, wie die Hanno-
versche staatsbahn, unsere Versammlung gar nicht beachtet haben
— dieser termin schon auf den 2. october gesetzt, womit die gewährte
erleichterung geradezu wieder aufgehoben ward. Denn gesetzt es
reist ein mitglied aus Süddeutschland — was diesmal so gut wie
gar nicht vertreten war — nach Rostock, so will und muss dieses
auch Schwerin wenigstens und Lübeck und Hamburg sehen , also da
etwas verweilen können ; soll also die freie retourfahrt die frequenz
der Versammlung fördern, so muss sie wenigstens bis zum 10., oder
wie die edle Berlin-Görlitzer bahn gethan, bis zum 15. october aus-
gedehnt werden. Wir empfehlen diesen gedanken der geneigten be-
achtung des nächsten Präsidiums. Doeh zur sache. Schon am 27.
trafen mitglieder ein, so dass, nachdem mehrfache dadurch , dass die
ersten gasthöfe Rostock's hochzeiten halber andere fremde nicht aufneh-
men konnten , hervorgerufene wohnungs-differenzen vom wohnungs-
comite glücklich beseitigt waren, am abend dieses tages sich eine zahl-
reiche, fröhliche gesellschaft in der tonhalle zusammen fand; am 28.
kamen die der Versammlung gewidmeten Schriften zur vertheilung, H.
F 'ritz sehe de numeris orationis solutae dissertatio ; H. S c liliemann,
Troja und seine ruinen; vom director und lehrercollegium der grossen
Stadtschule Rostocks: Krause, zwei niederdeutsche gebete des 15.
jahrh., Lindner , lobgedicht auf die Zusammenkunft Franz I. und
Karl V. in Aiquesmortes; Fr. Lutendorf, zu Lauvemberg's Scherz-
gedichten. Dann eröffnete professor Frilzsc he mit begeisterter rede
die vei-sammlung: ausgehend von den so eben beendeten kaiser-manö-
vern, (an die auf der fahrt wie in Rostock überall ehrenpforten und
anderer sehmuck erinnerten) und von der mit ihnen natürlichst ver-
bundenen glorreichen Wiedererrichtung des deutschen reichs suchte
er die Stellung der classischen philologie im jetzigen Deutschland zu
bestimmen und etwaige gegner zu widerlegen. An diese mit grosser
kraft vorgetragene rede schloss sich die Verlesung der uns im jähr
1875 durch den tod entrissenen collegen, eine leider sehr lange reihe
und doch nicht vollständige, da in der letzten sitzung ein nachtrag
gegeben ward. Ich weiss nicht, seit welcher zeit der präsident solche
liste vorträgt ; früher that es ein anderer : meines erachtens
war das besser; doch würde mir noch besser gefallen , wenn gleich
am ersten tage der Versammlung eine tafel mit den namen der ver-
storbenen — schön gedruckt oder geschrieben — aufgehängt würde und
der präsident dann nur im allgemeinen worte der erinnerung und des
dankes ausspräche: auch diesen gedanken empfehle icb dem wohl-
wollen des nächsten präsidinm. An die rede des Präsidenten schloss
sich eine sehr beredte und wohlwollende begrüssung der Versammlung
namens der grossherzoglichen regierung durch den schulrath dr.
Harticig , dann eine gleiche namens der stadt Rostock durch den
bürgermeister dr. Cr umbieg el , worauf dann der Vortrag des vice-
162 Kleine philologische zeitung. Nr. 3.
Präsidenten director Krause, mit geschäftlichen bemerkungen folgte:
dieser gab dann das wort dem professor JE. v. Leutsch, der in
kurzem Vortrag das von vielen seiten übel vermerkte unregelmässige
erscheinendes Philologus und des Philologischen anzeigers
im letzten jähre aufklärte und zu entschuldigen suchte: es hat seinen
grund in den über die massen gehäuften amtsgeschäften, auch in
einem lediglich dieser Philologi wegen unternommenen bau: da
diese hindernisse beseitigt sind , wird und soll alles geschehen , um
das versäumte nachzuholen. Uebrigens komme ich, sobald es meine
zeit erlaubt, in einem der nächsten hefte auf diesen gegenständ zu-
rück , füge hier nur noch hinzu , dass von jetzt an die correspondenz
wie die Verschickung der separat-abzüge wieder regelmässig besorgt
wird und richte hier, wie ich auch brieflich so viel als möglich schon
gethan und thue, noch die bitte an alle die, welche mit mir in ver-
kehr stehen, die ihnen durch mich in letzter zeit verursachte Störung
und Verstimmung mir nachsichtigst zu verzeihen. Um nun zur
philologen-versammlung zurückzukehren — in folge der bemerkungen
des vice-präsidenten über die höhe der durch ankündigungen und
sonstige für die Versammlung nothwendigen drucksachen veranlassten
kosten machte Leutsch auf die oben p. 158 erwähnte schrift von
Bertrain aufmerksam, worauf denn nach einer pause Susemihl
über die composition der Politik des Aristoteles redete. Dies der erste
morgen : das am nachmittag stattfindende festmahl verlief in heiter-
ster Stimmung, die durch mancherlei poetische gaben gehoben wurde :
gesungen wurde ein Gaudeamus JRostochiense , dessen erster vers
lautet :
Gaudeamus igitur
Rostochi dum sumus!
Post peractos dies gratos
Huc et illuc dissipatos
Nos habebit domus.
Es folgte eine mit allgemeinem beifall aufgenommene feine und
witzige begrüssung der Versammlung durch den rector der Universi-
tät Rostock, professor der medicin von Zehender , in elegantem
latein; ferner ein deutsches lied, von dem wir den ersten und letz-
ten vers mittheilen:
Mel. Mein lebenslauf ist lieb' und lust etc.
Erschienen sind sie nun zumal,
Die wir ersehnten lang'!
Denn hört, durch den geschmückten saal
Erschallet ihr gesang.
Von ost und west nach Rostock hin,
Von süden zogen sie;
Und Eins erfüllet Aller sinn
Die deutsche philologie. *)
Lasst's Euch nunmehr im norden hier
Bei uns behaglich sein,
Und kneipt mit uns von unserm hier
Und trinkt von uuserm wein ! ,
Fürwahr, wir sah'n an unserm ort
Noch solche gaste nie !
Es lebe, wachs' und blühe fort
Die deutsche Philologie !
*) Zungenfertigkeit wird vorausgesetzt. W w— paeon quartns.
(Der dichter.)
Nr. 3 Kleine philologische zeitung. 163
Da durch diese poetischen leistungen, natürlich aber auch durch
andre genüsse die Stimmung der gesellschaft sich steigerte und dem
Präsidium die für die toaste nöthige andacht hervorzubringen anfing
schwer zu -werden, improvisirte Julius Richter, der bekannte Ver-
fasser der 1mg u. s. w., das distichon:
Sit bene praesidio — venter nunc regnat, amici,
Pocula iam resonant, sit bene praesidio !
Doch trotzdem blieb alles in schönster Ordnung, auch ein verdienst
der zahlreich anwesenden damen — junge fraaen, deren gestrenge
eheherren vor noch nicht gar langer zeit auf den bänken der Semi-
nare gesessen und nun offenbarten, wie sie das da interpretirte wohl
bewahrt und im leben zu verwirklichen mit glücklichstem erfolg erstrebt
haben: denn oiö'tv Kvqv c'cya&rjg y Xv y.v q üits qöv ian yvvaixög
sagt der weise Theognis. Dies der erste tag; der zweite brachte
die vortrage des prof. dr. H. Fritzsche aus Leipzig: der dy^g
tlyad-bg des Pindar und des prof. dr. II. Bartsch aus Heidelberg:
vom germanischen geist in den romanischen sprachen ; an keinen von
ihnen knüpfte sich eine debatte. Dagegen überraschte der vice-prä-
sident director G. Krause die Versammlung mit einer mittheilung
über die von G. Koenn ecke entdeckten, von dr. Nissen im index
lectt. un. Marburg, hiem. 1875 herausgegebenen vitae Catonis frag-
menta Marburgensia. Schon A. v. GL, sagte er, habe im Lit. Centralbl.
1875. '25. aug. pj. 1162 diese bruchstücke nicht für die lateinische
quelle des Plutarck im leben des Jüngern Cato, sondern für Über-
setzung des mittelalters gehalten , die wegen des guten latein merk-
würdig sei. Man möchte am ersten an Karolinger-zeit denken. Gut-
schmidt knüpft daran die frage, ob die handschrift zweifellos 'saec.
XIII. ineuniis' sei. Aber für die fragmenta Marburgensia, sagt Krause,
lässt sich der Ursprung genau nachweisen, sie gehören der Übersetzung
des Florentiners Lapus an ; zum beweise lege ich sofort den Venediger
druck von 1496 fol. vor, dessen Schlussworte lauten: Virorum illu-
strium uitae ex Plutarcho Graeco in latinum versae; solertique cura
emenäatae foeliciter expliciunt: Venetiis impressae per Rartolameum
de Zanis de Portesio Anno nostri saluatoris. 1496. die octo Mensis
Junius. (sie). Ich habe das buch, das einst der herzoglichen biblio-
thek zu Gotha als dublette angehörte, früher auf einer auetion erwor-
ben, jetzt die betreffenden stellen genau durchverglichen, lege auch
die vergleichung hier vor : die Übereinstimmung ist evident. Frag-
ment 1 : stehe theil II fol. 68 rückseite z. 7 — 41 , fragment 2 : fol.
71 Vorderseite z. 3 — 34. Daran knüpften sich einige kurze bemer-
kungen von Fritzsche, Eckstein, Leutsch über die häufigkeit und ent-
schuldbarkeit von solchen versehen ; auch wurde von einem mitgliede
bemerkt, dass auch in Berlin diese berichtigung gefunden sei [nähe-
res in heft 4]. — Am dritten tage füllten die hauptsitzungen abge-
sehen von geschäftlichen mittheilungen die vortrage des prof. dr.
Oppert aus Paris: 'über den heutigen stand der keilschriftforschung
und über die beziehung Assyriens zur biblischen geschichte und Chro-
nologie', und des prof. dr. Roh de aus Kiel: 'über griechische no-
vellendichtung und ihren Zusammenhang mit dem Orient', an wel-
chen Vortrag der unterzeichnete sich erlaubt hat ungefähr folgende
worte zu knüpfen : er glaube zunächst sich mit der Versammlung in
vollster Übereinstimmung, wenn er dem Vorredner dank für die eben
so gelehrt als schön vorgetragene darstellung ausspreche: er wisse
aus eigner erfahrung , wie viel zeit und ausdauer studien auf diesem
wegen der beschaffenheit und Zerstreutheit der quellen so schwierig zu
behandelnden gebiete erforderten. Die sache selbst betreffend, so zeige
sich auch hier die grossartige fruchtbarheit des hellenischen geistes:
164 Kleine philologische zeitung. Nr. 3.
denn auch das, was er nur nebenbei und im vorübergehen behandelt
habe, scheinbar ganz unscheinbares, sei für spätere Völker eine quelle
für eigne schöne productionen geworden, habe zu weiterer und ge-
deihlicher entwickelung der cultur beigetragen, eine bemerkung, wel-
che bei den mannigfachen angriffen , die jetzt gegen das classische
alterthum gerichtet würden, wohl nicht ganz überflüssig sei. Uebrigens
glaube ich in manchen punkten von dem redner abweichen zu müssen:
so zuerst in der benennung 'novellenliteratur' : ich weiss freilich,
wie man altes mit neumodischen ausdrücken zu bezeichnen, als da
sind die linke, tories , dunkelmänner, international u. s. w. , jetzt für
geistreich und freisinnig und was weiss ich alles hält: allein es ist das
verkehrt, weil es den wahren Standpunkt verrückt und zu schiefer auf-
fassung des alten verleitet. Da nun diese sogenannten novellen der
mit dem hellenischen alterthum auf das engste verwachsenen mythi-
schen anläge entstammen, so würde ich mythische erzählungen, grie-
chische fabeleien, milesische fahrten oder sagen und dergleichen vor-
ziehen ; gebrauchen doch die alten /uod-ot, fabulae, fabellae auch in
sehr verschiedenem sinne. Doch das ist eine nebensache : ein wich-
tigerer punkt als ein die methode betreffender ist folgender: fragen
wir nämlich, wie Rohde zu seinen auf den ersten blick so überraschen-
den resultaten gekommen, woher er die schöne Verbindung, den engern
Zusammenhang in die so zerrissene Überlieferung gebracht hat, so
liegt das wohl in dem kühnen vom parallelisiren gemachten gebrauch :
so geistreich nach neuerm Sprachgebrauch das aber auch scheint, so bleibt
es doch eine sehr gefährliche und trügerische sache: führt daher auf ab-
wege die Italiener, namentlich Boccaccio, auch erzeugnisse des niittel-
alters auf diese Spätlinge griechischen geistes anzuwenden. Demnach
muss ich das über Aristides gesagte für unerwiesen, noch sicherer das über
die avßaqmxoi koyot behauptete für unrichtig ansehen: diese köyoi stehen
der äsopischen fabel viel näher, wie ausser anderen auch die Aöyot
xvtiqiov beweisen dürften: auch manche andere so schön klingende
combinationen dürften vor einer nüchternen kritik nicht bestehen.
Dagegen trete ich dem redner darin mit freuden bei, dass diese er-
zählungen auf griechischem boden entstanden und von Hellas nach
dem Orient gewandert seien, nicht, wie man jetzt meist will , umge-
kehrt : für diesen den griechischen Ursprung lässt sich mein ich auch
Homer aufführen. Denn wenn Patroklos am lager des verwun-
deten Eurypylos (Hom. II. 0, 400) diesen mit köyoiq erfreut, so sind
das deutlich juv&oi, erzählungen und zwar, da als dichter Patroklos
nie erscheint, prosaische: wenn er ferner beim weggehen sagt, dass
in dieser Unterhaltung der dtganaiv des Eurypylos fortfahren könne,
so sind diese erzählungen allgemein bekannte, populaire, volksthüm-
liche , also novellen , zumal da in ihnen eben wegen des Tifjnny die
liebe eine rolle spielte: man denke an Ares und Aphrodite in Odyss.
&. Und weiter ziehe ich hieher das vielbesprochene oagi&iv (Hom.
IL X, 122) — von was anderm erzählen sich denn Jungfrauen und
Jünglinge als von der liebe? Der gedanke an die entstehung des
menschengeschlechts führte ja von selbst darauf. Sie , diese homeri-
sche jugend, kennt also liebes-novellen und zwar prosaische ; an poe-
tisch abgefasste erinnert bei Homer nichts und ausserdem sind nach
meiner ansieht, die ich hier nicht weiter entwickeln kann, die keime
der prosaischen kunstformen eben so alt, wie die poetischen, bestehen
lange neben ihnen in kunstloser form. Und dies also zum beweis
des alters der novelle, wie ihres griechischen Ursprungs ; es hat also
der Orient von Hellas gelernt, ein nachweis, der vielleicht auch unsere
Orientalisten geneigt macht, den philologen sich zu nähern und das
von uns zu lernen, was allen noth thut und von uns am besten ge-
Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 165
lernt werden kann, die methode. — Dies der dritte tag. dessen nach-
mittag der von der stadt freundlichst veranstalteten fahrt nach War-
nernünde gewidmet war: bei der zurückkunft am abend war das
rathhaus prachtvoll illuminirt. Der vierte brachte die vortrage des
dr. Heinrich Schmidt aus Wismar 'über den bildlichen ausdruck
der Griechen' und den des dr. P fitzner inParchim: 'Charakteristik
der beiden florentinischen handschriften des Tacitus ' , darauf die
referate der sectionen , deren aufgaben dem kreise dieses Anzeigers
ferner liegen und das schlusswort des Präsidenten F ritzsche: nach
der in unsern Versammlungen bestehenden sitte war nun namens
dieser der 30. Versammlung deutscher philologen denen dank aus-
zusprechen, welche der last der vorbereitenden geschäfte und der
gelungenen durchführung der Versammlung sich unterzogen hatten:
dies zu thun, war von mehreren seiten in letzter stunde dem unter-
zeichneten aufgetragen und sprach er deshalb ungefähr folgendes: 'es
ist mir der ehrenvolle auftrag geworden, den dank der Versammlung
denen auszusprechen, welche es uns durch ihre aufopfernde thätigkeit
ermöglicht haben, diese an anregung so reichen, fördernden, von jedem
misston freien, der Wissenschaft und dem heitern verkehr gewidmeten
tage hier verleben zu können. Und so danken wir zuerst dem Präsi-
dium, und vor allen dem Präsidenten, der, ein Jubilar, nicht allein
den mühsamen vorbereitenden geschäften sich unterzogen, sondern
auch zu unser aller freude die Versammlungen mit jugendlicher kraft
geleitet hat: — wir danken dem vice-präsidenten, der so eitrig und
unermüdlich überall auf Ordnung gehalten: findet er auch den lohn
für seine mühewaltung darin, dass er in mannigfach philologischer
arbeit dem philologen-präsidenten , der Gottfried Hermann so nahe
steht, hülfreiche band hat leisten können, so wird ihm unsre dank-
bare anerkennung auch erfreulich sein, — wir danken dem secretariat,
den verschiedenen comites , vor allem dem wohnungs-comite, dessen
vielfache noth uns doch schliesslich nur zur freude und beruhigung
gedient hat; zur freude, da uns reichliche gelegenheit geworden, Ro-
stocks gastfreundschaft kennen zulernen, zur beruhigung, weil, wenn
wie hier gehochzeitet wird, die Sicherheit vorhanden, dass, wird das
deutsche reich vom feinde bedroht, Meklenburgs zahlreiche schaaren
wieder da3 ihrige zum siege beitragen; — wir danken der ehrwürdigen
Universität für- die uns erwiesene aufmerksam keit, danken der stadt
und ihren Vertretern für die vielen thatsächlichen beweise des war-
men interesses an unsern bestrebungen: ganz natürlich, da Rostock
eine stadt des Apollo : diesem ist ja die zahl sieben heilig und in Rostock
sind sieben hauptstrassen, sieben strandstrassen, sieben thore, sieben
kirchen und ausser anderm sieben linden auf dem rosenberg: so
weilt denn in Rostock auch Dionysos, dem die rose heilig: und wie
einst Delphi durch pflege der ehrenämter dieser götter die cultur
von Hellas förderte und bestimmte, so wünschen wir, dass es auch
Rostock vergönnt sein möge, durch kräftiges fortschreiten auf seiner
bahn zum heile Meklenburgs und des deutschen reichs die edelsten
guter des lebens und wahre freiheit erfolgreich zu pflegen und für
sie wahre begeisterung dauernd hervorzurufen. Und in diesem sinne
rufen wir philologen: Rostock lebe hoch!' Und mit diesem hoch
schloss die versammlang. — E. v. L.
Göttingen. Zwei parteien bekämpfen sich nicht nur in unserm
engern Vaterland, sondern in allen erdtheilen in dieser zeit, der fest-
gegliederte ultramontanismus und der in mancherlei gruppen sich
spaltende liberalismus, der sich zumeist mit dem protestantismus iden-
tificirt; mit diesem kämpfe hängt die pflege und das gedeihen der
classischen philologie , ihre weitere entwickelung überhaupt auf das
Piniol. Anz. VII. H
166 Kleine philologische zeitung. Nr. 3.
engste zusammen, da er schliesslich die erziehung der nation und so-
mit die anstalten für die erziehung, also die schule, das gymnasium,
die Universität beeinflusst und bestimmt. Um nun die kämpfe gehörig
zu würdigen, bedarf es der rückblicke; sie lehren, wer von den beiden
streitenden die grössere thätigkeit entwickelt, die grösseren erfolge
erzielt. Und da giebt, wie es scheint, für den ultramontanismus ein
aufsatz aus dem august d. j. in der Schweizerischen Grenzpost (Basel)
einen sicheren anhält, aus dem wir deshalb hier einiges mit ein paar
Zusätzen mittheilen. In Spanien, heisst es da, verlangt der päpstliche
nuntius Simeoni vom ministerium, dass die schule der katholischen
geistlichkeit überlassen, dass die von der früheren regierung ein-
gezogenen guter wieder ausgeliefert werden, dass die civilehe aufge-
hoben und die katholische religion als die einzige in der armee ge-
stattete religion anerkannt werde. Spanien ist in der hand der Jesuiten
und eine ihrer provinzen. — Anders stehen die dinge in Frankreich:
hier thut die national-versammlung nichts für die bildung der massen,
bischof Dupanloup hintertreibt alles derartige; sie lieferte den höheren
Unterricht auf gnade und ungnade der clerisei aus. Das volkistdem
krassesten aberglauben verfallen , es schwört auf die mutter gottes
in Lourdes, auf die nonne Alacoque, von gott selbst wird nur in
zweiter linie gesprochen und gelehrt. Das budget für den römisch-
katholischen gottesdienst steigt gegenwärtig auf frcs. 51,695,945, wo-
zu noch die kosten für die feldpatres und den militärgottesdienst
kommen. Die clericalen haben sich der arbeiter, der presse, sämmt-
licher schulen, aller wohlthätigen und gemeinnützigen anstalten, sie
haben sich der armee bemächtigt. In jeder kaserne steht ein beicht-
stuhl , jeder soldat muss im jähre viermal beichten. Wer nicht
blinden gehorsam beweist und sich devot zeigt, wird beim avance-
ment übergangen. Soviel als möglich werden Jesuitenzöglinge der
armee zugeführt; im jähre 1874 kamen 773 in die militärschule
von Saint-Cyr, 245 in die polytechnische und 147 in die marineschule.
Kein wunder, da in Frankreich von kirchlichen beschäftigungen 79,584
priester und 124,893 nonnen leben. Alles in allem zählt Frankreich
309,383 geistliche personen. Von 1852 bis 1859 erhielten die weibli-
chen körperschaften an dotationen frcs. 5,789,755, durch testamente
frcs. 3,232,824, zusammen in sechs jähren 9,025,577 frcs. Im j. 1859
besassen sie grundeigenthum im werthe von frcs. 105,370,000, mit
einem ertrage von frcs. 3,641,000. Der grundbesitz hatte 1859 einen
flächeninhalt von 14,600 hectaren, anno 1850 von 9185, was in zehn
jahren einen Zuwachs um die hälfte ergiebt. Wenn es so fortgegan-
gen ist, besitzen sie gegenwärtig 30,000 hectaren, das departement
des Loir hatte 1874 98 manns- und 341 frauenklöster, 25 mehr als
1861. Die macht der geistlichkeit steigert sich jetzt durch die gründung
von katholischen Universitäten, d. h. von Universitäten, die ganz unter
der controle der bischöfe stehen , auf denen nur eine vorn Vatican
approbirte Wissenschaft, also Wissenschaft nach den grundsätzen des
Syllabus gelehrt werden darf: man sieht, die clericale partei sucht
die Organisation des gesammten Unterrichts in ihre hand zu bekommen
und sich dadurch dominirenden einfluss auf allen gebieten des lebens
zu sichern: sie glaubt dadurch sicherer zum ziele zu kommen als
durch blutende mädchen und ähnliche wunder: es offenbart sich also
hier in Frankreich der in seiner art grossartige versuch der hierarchie,
den im 19. Jahrhundert so mächtig emporgewachsenen geist der freien
forschung zu bannen und mit den ideen von 1789 gänzlich aufzu-
räumen. Soweit Frankreich: von Italien wird berechnet, dass sein
clerus ihm 440 millionen im jähre kostet, und darauf hingewiesen,
wie die ultramontanen in der national-versammlung allmählich wieder
Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 167
emporkommen. In Oesterreich bestehen 463 manns- und 290
frauenklöster. Im jähre 1851, also kurz vor der concordatlichen re-
action, gab es in Oesterreich bloss 417 manns- und 152 frauenklöster
mit 6379 mönchen und 4416 nonnen: nach der letzten Zählung von 1871
aber giebt es 7290 mönche und 6001 nonnen, zusammen 13,291. Auf-
fallend haben sich seit 1851 die Jesuiten vermehrt. Damals existirten
nur 3 Jesuitenklöster mit 16 mitgliedern , dagegen 1871 schon 37
klöster mit 527 mitgliedern, zu welchen jetzt noch die vielen aus
Deutschland und Italien ausgewiesenen kommen, die in Oesterreich
ein asyl und bei der aristokratie besondere protection finden. Auch
die den Jesuiten afnliirten Ligorianer haben sich stark vermehrt : 1851
besassen sie noch kein kloster, jetzt haben sie deren schon 11 mit
205 insassen. Die söhne des heil. Franziskus, also bettelmönche, be-
sitzen jetzt 110 klöster (10 mehr als im j. 1851), welche 1451 insassen
zählen. Auch die frere.s ignorantins und die schulschwestern, deren
es vor dem concordate keine gab, zeigen 1871 die ersteren bereits
einen stand von 93 mit 7 klöstern, die letzteren 567 mit 49 klöstern,
nebst vielen unterrichtsanstalten und pensionaten für töchter aus den
reichen und vornehmen ständen. Benedictiner giebt es 1003, welche
21 prachtvolle abteien bewohnen und zu den reichsten grundbesitzern
in Oesterreich gehören. In Tyrol kommt auf 367 einwohner ein
möuch oder eine nonne. — In hinsieht auf mönche und nonnen nahe
verwandt mit Oesterreich ist Bayern, wo im j. 1842 es 256 männ-
liche ordensglieder gab, im j. 1867 schon 941, ende 1872 gar 1233.
Die weiblichen genossen schaffen hatten im j. 1840 erst 716 mitglieder,
im j. 1847 noch nicht 1000, im j. 1856 schon 2124, ende 1863 bereits
3504, und am Schlüsse des Jahres 1873 nicht weniger als 5054. — In
den katholischen provinzen Preussens sieht es nicht besser aus.
Köln besitzt 10 arten männlicher und 31 arten weiblicher orden und
auf 213 katholiken kommt dort ein geistlicher, in Aachen einer auf
110, in Münster auf 61, in Paderborn auf 33. — Von Belgien sei
hier nur erwähnt, dass von 1816 bis 1856 die zahl der ordensgeist-
lichen sich um 1000 vermehrt hat, und dass es dort 96 männliche
und 109 weibliche orden giebt. Wie überall in den ultramontanen
strichen, geht die Volksbildung auch hier rückwärts. Von 753,200
kindern im schulpflichtigen alter besuchen nur 592,575 die schulen,
so dass 156,434 ohne allen Unterricht bleiben und 33 procent der re-
cruten nicht schreiben können. — In den benachbarten, vorherrschend
protestantischen Niederlanden brachten die ultramontanen es so
weit, dass die anticlericale partei gegenwärtig ein mehr von nur vier
stimmen in der kammer hat, und bekanntlich soll auch diese majo-
rität ihr jetzt entzogen werden. — Für die erfolge der ultramontanen
in England sprechen die wähl Mannings zum cardinal und die vielen
Übertritte in den hohen und höchsten kreisen, wie z. b. der Norfolk.
— Wie in Europa hat der ultramontanismus auch im Orient wurzeln
zu schlagen gesucht. Ueberall strebt er nach der herrschaft, in vielen
ländern ist er auf dem besten wege zu diesem ziele, und wo ihm
widerstand entgegentritt, unternimmt er es ohne weiteres, die existenz
des unbotmässigen volkes und Staates selbst zu bekriegen. Fasst man
dies zusammen, so sieht man deutlich eine einheit, eine leitende
macht: hat ihr der gegner ein gleiches entgegenzustellen? Er ist ja
deutlich auf einen viel kleinern räum beschränkt: fängt er auch an
in einzelnen ihm bisher verschlossenen landen sich zu rühren und
fester aufzutreten , es wird gegen ihn das terrain schritt vor schritt
hartnäckigst vertheidigt und nur der gewalt von oben gewichen: es
bedarf also sehr, sehr grosser anstrengung, um zu gleichen erfolgen
zu gelangen ; sie werden gewiss nicht fehlen, wenn nur die freie for-
11*
168 Kleine philologische zeitung. Nr. 3.
schling auf rechte weise gefördert, dieser ihr weg nicht verkümmert,
vielmehr grossartig geöfinet wird.
Göttingen. Der 3., 4., 5. october waren für Oest erreich hohe
festtage, indem an ihnen zum gedächtniss des vor hundert jähren
erfolgten anschlusses des herzogthums Bukowina an den kaiserstaat
die enthüllung des Austria-monuments in Czernowitz und eben-
daselbst laut entschliessung Sr. Majestät des Kaisers vom 7. december
1874 und des dadurch herbeigeführten reichsgesetzes vom 31. märz
1875 die eröffnung der deutschen Franz- Jose p h - Universität statt-
fand. Die Vorbereitungen zu dieser feier waren schon seit länger
begonnen, einladungen und anderes durch behörden beschafft : denn
erst am 22. September 1875 konnte sich zum ersten male der all-
mählig zusammengekommene senat der neuen Universität versammeln ;
da wählte er zum rector den prof. dr. iur. Tomaszcznk und traf für
die eröffnung die noch nöthigen anordnungen. Als nun der 3. octo-
ber herankam, fing Czernowitz an sich auf sehr merkbare weise zu
beleben : denn von allen Seiten strömten deputationen und einzelne
landesbewohner herbei, so dass diese einweihung sich zu einem wah-
ren nationalfeste gestaltete: überall trat die ansieht hervor, dass der
Kaiser der provinz kein fördernderes geschenk hätte machen können
als gerade die Stiftung einer Universität, eine ansieht, die gar man-
chen bürger — und auch magistrat — deutscher Universitätsstädte
befremden dürfte, da in denen man sich gewöhnt, die Universität eben
nicht hoch zu achten. In Czernowitz aber kündigten am 3. october schon
6 uhr morgens böllerschüsse den beginn des festes an; mittags gegen
2 uhr fuhr in den geschmackvoll dekorirten bahnhof der courierzug
mit Sr. excellenz dem minister Stremai/r begleitet von dem sections-
chef dr. Lehmayr und dem Statthalter Pino ein, gleichzeitig mit einer
reihe eingeladener und angemeldeter festgäste und deputirten der
österreichischen und deutschen Universitäten : von den letztern war
jedoch nur Göttingen und Strassburg, erstere durch professor dr. theol.
und phil. de Lagarde, die andere durch ihren rektor, den professor
dr. Schmotter vertreten. Eingeladen waren auch die übrigen deut-
schen Universitäten ; es ist zu bedauern , dass so wenige ihre theil-
nahme an der gründung einer deutschen Universität an der ostmark
Deutschlands genügend haben bezeugen mögen. Freilich den, der den
auf den deutsehen Universitäten jetzt herrschenden geist kennt, befrem-
det das nicht: wahres interesse an der Universität, erkenntniss der
gründe und des wesens ihrer einrichtungen , wahre collegialität ver-
schwinden mehr und mehr; jeder denkt zeitgemäss nur an sich: so-
nach bemerkt man auch nicht , wie man ein stück nach dem andern
von der noch in so geringem masse vorhandenen Selbständigkeit auf-
giebt und auf dem wege ist, die Universität zur schule herabsinken
zu lassen. Hier in Czernowitz aber ist es noch anders: sämmtliche
Würdenträger des herzogthums und die schon anwesenden deputationen
waren zum empfange der gaste auf dem bahnhof und geleiteten sie
dann in ihre Wohnungen. Am nachmittag dieses tags beging man
ein volkfest, um sechs uhr abends fand offizielle begrüssung der de-
putationen statt, dann illumination, fackelzug. Der haupttag war
aber der vierte october: morgens gottesdienst in den verschiedenen
kirchen, der evangelischen, den katholischen, den giechischen, arme-
nischen, der jüdischen, nach 10 uhr feierlicher zug nach dem Austria-
platze zur enthüllung des Austria-monuments, um 12 uhr zug
nach dem die stelle des universitäts-gebäudes vertretenden und im
Innern mit vielen lateinischen citaten als inschriften versehenen und
mit triumphbogen sinnvoll geschmückten pädagogiam : nachdem im
hauptsaale die gaste, dann unter vortritt der pedellen die professoren
Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 169
der Universität, an ihrer spitze den rector und die decane, ihre platze
eingenommen, erschien Se. excellenz der minister in begleitung
des landespräsidenten Alesani, des hofraths Lehmayr u. a. und er-
öffnete die neue Universität mit folgender rede :
„Se. majestät unser allergnädigster kaiser und herr hat mit aller-
höchster entschliessung vom 7. december 1874 den unterrichtsminister
zur vornähme der die sofortige errichtung einer Universität in Czer-
nowitz bezielenden schritte zu ermächtigen geruht."
„Beide häuser des hohen reichstages haben in rascher folge den
allerhöchsten intentionen entsprochen und so ist das reichsgesetz vom
31. märz 1875 zu stände gekommen, welches bestimmt, dass in Czer-
nowitz eine Universität mit deutscher Unterrichts- und geschäfts-
sprache errichtet und der regierung die dazu nöthigen mittel bewil-
ligt werden."
„In dankbarer freudiger erregung einen längst gehegten wünsch
erfüllt zu sehen hat die Bukowina und ihre hauptstadt diese beschlüsse
vernommen, und die Vertretungen von stadt und land haben
auch ihrerseits alles aufgeboten, um die regierung in der ausführung
dieser schwierigen aufgäbe kräftigst zu unterstützen. Und so ist es
denn gelungen, dass wir in diesem augenblicke, an dem tage, den
der name unseres geliebten kaiser s verherrlicht, an dem
tage, der das erhebende fest der hundertjährigen Vereinigung der Buko-
wina mit Oesterreich schaut, auch die er Öffnung der jüngsten hoch-
schule des reiches begehen. So ist diese hochschule ein schöner
abschluss hundertjährigen civilisatorischen wirkens und strebens, eine
edle morgengabe Oesterreichs und seines kaisers an das hoffnungs-
reich aufblühende land, und der jubel patriotischer begeisterung, der
an dem heutigen tage die stadt und das land durchbraust, wird dau-
ernd nachklingen in den hallen der alma mater Francisco- Josefina
und ihre jünger stählen in dem feuer der Vaterlandsliebe, für die
höchsten aufgaben des menschlichen geiste3. Forschung und lehre auf
den weiten gebieten der Wissenschaft hat die neue hochschule zur
pflicht und wie sich ihr hier zur forschung manch neues gebiet er-
öffnet, wird sie für die lehre neue kräfte in den söhnen reich begab-
ter nationen finden."
„Fürwahr eine hohe und echt österreichische aufgäbe!"
„Wie der Deutsche, so lebt und kräftigt sich ja auch der Romane
und der Slave gern am borne deutscher Wissenschaft; diese wird
ihm in noch reicherem maasse das mittel bieten , seine eigne art zu
hegen und zu pflegen , sie wird ihm aber auch mittel und antrieb
sein, gemeinsam zu wirken und zu streben zum heil und zum rühme
unseres geliebten Vaterlandes Oesterreich."
„Se. Majestät hat die gnade gehabt am 30. September dieses
jahrs die stiftungsurkunde der neuen Universität zu unterzeichnen und
ich bin in der glücklichen läge, dieselbe dem rector magnificus der
Universität zu übergeben."
„Es ist nicht bloss ein wünsch , es ist meine Überzeugung , dass
die ehre, würde und treue der Universität gewahrt bleiben wird in
den händen dieses und jedes nachfolgenden rectors."
,,In diesem sinne übergebe ich Ihnen die stiftungsurkunde der
Universität, und lade den herrn dr. Lehmayr ein, dieselbe vorzulesen."
Nachdem der k. k. ministerialrath dr. Lehmayr dieser auffor-
derung folge geleistet, ergriff der rector magnificus dr.iur. Tomaszczuk
das wort, und beleuchtete in längerer rede die erhabenen idee, an
der äussersten ostgränze des reichs eine neue pflegstätte deutscher
Wissenschaft und bildung zu errichten , dankte den männern , welche
thatkräftig den entschluss des kaisers ausgeführt, schilderte auf das
170 Kleine philologische zeitung. Nr. 3.
spannendste die durch das merkwürdige zusammentreffen verschie-
dener nationalitäten so eigentümliche läge der neuen Universität
und schloss mit den worten:
„Des hohen Stifters der Universität zierender name soll ihr neue
begeisterung und neue anhänglichkeit verleihen ; hat die k. k. Franz-
Joseph-universität irgendwo ehre geerntet in den kämpfen geistigen
ringens, sie wird den kränz mit Oesterreichs färben zieren und an
den herrscherthron niederlegen!"
Auf diese mit allgemeinem beifall aufgenommene rede , die wie-
derzugeben es uns leider an räum gebricht, — sie steht in der Czer-
nowitzer zeituug vom 5. october, nr. 227 — folgte die begrüssung
der Universität durch den k. k. sectionschef dr. Ficker im namen
der academie der Wissenschaften in Wien, dann die der delegirten
von den Universitäten in Graz, Innsbruck, Krakau, Prag, Wien, Klau-
senburg , des freien deutschen hochstifts in Frankfurt a. M. , von
Strassburg, dessen Vertreter hervorhob, dass er sich auch im auftrage
des deutschen Reichskanzlers hier befinde; den schluss machte Göt-
tingen mit folgender rede des professor de Lagarde :
„Der senat der Georgia Augusta zu Göttingen hat mich beauf-
tragt, der neu gegründeten Francisco-Josephina die herzlichen glüek-
wünsche , welche er in diesem schreiben niedergelegt hat , auch per-
sönlich und mündlich auszusprechen."
„Wenn eine deutsche Universität von glück spricht, so sprichv
sie von arbeit. Göttingen wünscht aus warmem herzen ihrer jungen
schwester das höchste glück, das sie selbst kennt, das vollkräftige
eintreten in die wissenschaftliche arbeit."
„Wir erinnern uns, dass der mensch für nichts so dankbar ist,
wie für die förderung seines geistigen lebens. Die zeit ist auch jetzt
noch nicht da , in der der mensch vom brodte allein lebte : er lebt
von dem worte gottes , wie es durch alle vier facultäten einer Uni-
versität verkündigt wird, und dankt für die mittheilung dieses brodtes
mit der vollen liebe, deren er fähig ist. Möge die junge Universität
für die Wahrheit, welche sie verkündigt, für die geistige zucht, wel-
che sie übt, für die befreiung, welche sie durch die arbeit und die
ergebnisse der arbeit gewährt, ein reiches maass an liebe ihrer schüler
eintauschen."
„Als drittes wünschen wir der jungen schwester, dass sie recht
augenfällig dem grossen staate dankbar sein könne, welcher sie in's
leben gerufen hat: dankbar sein zu können, ist ja für edle naturen
ein erstes bedürfnis. Wir wünschen , dass sie die schüler, welche sie
sich gewonnen, für Oesterreich gewinne: dass sie Oesterreichs ihr
anvertraute kinder von stufe zu stufe aufwärts und vorwärts führen
„Es ist hier so viel freundliches über die deutsche Wissenschaft
gesprochen worden, dass es mir wohl gestattet sein wird, noch einige
worte zu dem von mir gesagten mit bezug auf diese anerkennung
hinzuzufügen."
„Die Vorsehung — wer wollte es leugnen ? — hat dem Deutschen
den drang nach Wahrheit und Wissenschaft in die wiege gelegt.
Deutschland steht mit der Wissenschaft von hause aus, und indem es
von allen fremden lernt , in näherer beziehung , als andere länder.
Darum hat Deutschland überall da freunde , wo die Wissenschaft
freunde hat. Wir hoffen, dass es sie auch in Czemowitz haben und
behalten werde, und versprechen dafür von unserer seite für liebe
wieder liebe."
Darauf bringt der landeshauptmann Anton Kochanowski ritter von
Stawczan, die Universitäten , welche glückwunschsschreiben geschickt,
Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 171
und der rector - magnificus glückwünsch-telegramme zur kenntniss,
worauf letzterer mit einer kurzen anspräche über die geltung der
deutschen Wissenschaft die feier schliesst.
Abends 6 uhr bankett, das reich an toasten herrlich verlief: nach
dem toast auf den kaiser trank der minister auf das wohl der stadt
und Universität: erstere, führte er aus, verdanke ihr aufblühen vier
eigenschaften, humanität, toleranz, arbeit und loyalität: diese eigen-
schaften bürgten dafür , dass die neue Universität hier mit offenen
armeu aufgenommen , blühen und gedeihen werde. Es folgte glän-
zende erleuchtung der stadt, erleuchtung des Austria-monuments und
fackelzug der Studenten: vergl. Neue Presse nr. 3992. Am 5. october
war als nachfeier mittags 12 uhr auffahrt der Studenten, abends 8
uhr solenner festcommers.
Aus dieser skizze dürfte sich deutlich der deutsche character
der schönen feier ergeben, der für die festgenossen dadurch noch
deutlicher hervortrat, dass schon jetzt Czernowitz, eine verhältniss-
massig junge gründung, den eindruck einer durchaus deutschen stadt
macht: die Strassen sind rein und breit, die häuser nach deutscher
weise gebaut und an städte wie z. b. Gotha erinnernd; überall hört
man die deutsche spräche, sieht viele hübsche laden mit deutsch be-
schriebenen schildern, freilich oft darunter oder daneben auch das
rumänische und ruthenische, ja auch das polnische und russische —
aber die zeitungen und unterhaltungsblätter sind deutsch, der Deutsche
gern gesehen, so dass, tritt keine unerwartete Störung ein, die stadt
bald eine ganz deutsche und zu unsrer freude wegen ihrer vielen präch-
tigen baulichkeiten — wir nennen nur die kirchen, die lutherische, katho-
lische , griechisch-orientalische, russische, romanische, die synagoge,
ferner das rathhaus , das ständehaus , vor allen den leider noch un-
vollendeten pallast des griechisch-orientalischen erzbischofs — eine
sehr schöne deutsche stadt sein wird. Daher denn auch deutsche
sitten : die miethen sind sehr hoch , 25 gülden monatlich für zwei
zimmer rnuss der professor zahlen: auch das essen ist theuer, allein
es wird durch einen brauch , dem man wegen seiner gemüthlichkeit
deutschen Ursprung vindiciren möchte, obgleich ich den nicht zu be-
weisen vermag, in gewisser weise ausgeglichen, nämlich wo man den
mittagstisch nimmt, bekommt man das abendbrodt umsonst, ein brauch,
der bei weiterer gedeihlicher ausbildung gar manchen norddeutschen
Studenten nach Czernowitz ziehen könnte. Dazu nun das streben
nach weiterer ausbildung , das gefallen an deutscher literatur und
poesie: dafür lieferte auch diese gründun gsfeier den beweis, da sie
sich , wie obige skizze doch zeigen dürfte , zu einem wirklichen
Volksfeste gestaltet hat: das ganze herzogthum nahm daran theil :
daher denn auch die begeisterten dankgedichte zu ehren des Kaisers (s.
Bukowinaer rundschau nr. 4), der jubelnde empfang desministers — und
es ist ja auch in der that nichts geringes, in kaum eilf monaten eine
Universität gründen and mit männern zu besetzen (s. Augsb. AUgem.
Ztg. beil. zu nr. 204), denen man unbedingt zutrauen darf, dass sie
ihre ganze kraft an die hebung und den flor der jungen Universität
setzen werden — daher die von allen seiten so wohlwollende aufnähme
der gaste, daher auch die schmuckreiche ausstattung der programme,
der einlasskarten, der speise- und Weinkarten u. s. w., es dringt ja
die liebe bis ins kleinste. Dies alles berechtigt, ja mahnt die
deutschen Universitäten auf das dringendste, namentlich in hinblick
auf die neuen unfreien katholischen gründungen in Frankreich diese
der freien Wissenschaft huldigende Universität als ihre jüngste Schwester
freudig zu begrüssen und ihr für ihre liebe unsere liebe ent-
gegenzubringen. — Dies die eröffnung der deutschen Universität Czer-
172 Kleine philologische zeitung. Nr. 3.
nowitz. Für jeden , der es mit deutscher Wissenschaft und wahrer
bildung gut und ernst meint, muss diese gründung ein bedeutendes
und glückliches ereigniss sein, sie muss auch in jedem aufrichtigsten
dank für den erhabenen stifter hervorrufen und für die neue Stiftung
den wünsch, dass sie zum gedeihen der höchsten menschlichen guter
blühen und wirken möge ! — [JE. v. L.]
Lucretiana. Es ist in dem wissenschaftlichen leben immer eine
Schwierigkeit, dass so oft persönlich sich unbekannte in differenzen
mit einander kommen; aber immer sollte man doch das triviale qui-
libet praesumitur bonus donec probetur contrarium in solchen fällen sich
zum gesetz machen: es würden dann die nöthig werdenden Schrift-
stücke ruhiger werden. Zu dieser be trachtung bringt uns der uns
zugegangene hier folgende aufsatz, wo unser landsmann, dr. Brieger.
sich gegen Munro's angriffe vertheidigen muss. Brieger's entgegnung
lautet: ' The Academy vom 18. sept. d. j. enthält p. 307 einen artikel
von h. Munro ' Lucretius and his editors ' , welcher gegen den unter-
zeichneten gerichtet ist. Durch zwei publicationen , von denen eine
wahrlich die kleine Ursache so grosser wirkung ist, habe ich mir
den zorn des cambridger gelehrten zugezogen. Einmal ist er darüber
empört, dass ich in der ankündigung einer Lucrezausgabe in den Mit-
theilungen der Teubner'schen Verlagsbuchhandlung 1875, 4 p. 55 nach
den Worten ' sehr viel ist auch in der grossen ausgäbe des Engländers
Munro (dritte aufläge 1873) geleistet', mir erlaubt habe dieses nicht
geringe lob mit folgenden worten einzuschränken : ' wenn schon der
Herausgeber bald durch hartnäckiges festhalten bereits widerlegter
irrthümer bald (' und ' ist ein druckfehler) durch zu grosse nachsieht
gegen eigene einfalle vieles verdorben hat'. Es ist für Munro cha-
rakteristisch, dass er in diesem urtheil eine — reklame sieht, dass er
ferner, wenn ich ihn recht verstehe, den mangel einer begründung
dieses urtheils rügt, zu einer zeit rügt, wo ihm schon die eingehend-
ste begründung des hier gesagten im Jahresbericht über die litteratur zu
Lucrez vorlag, einer arbeit, von der er sich sagen musste, dass sie
vor jener notiz geschrieben und zum druck abgegangen war, und
drittens , dass er seine leser glauben machen will , solche beiläufige
urtheile blühten in den 'Mittheilungen 1 dem stillen veilchen gleich
und kämen dem beurtheilten nur durch zufall zu gesicht, während
es eine grössere publicität, als sie jenes fliegende blatt gewährt, in
der philologischen weit gar nicht giebt. — Hiernach gehe ich nun zu der
' aggravation ' meiner angeblichen Verschuldung über. Wenn Munro
findet, dass ich im 'Jahresbericht über die fortschritte der classischen
alterthumswissenschaft', heft 9, p. 1100—1129, zwar seine leistungen
vielfach anerkannt, aber dies nur widerwillig und oft in unfreundli-
cher form gethan hätte, so brauche ich darüber kein wort zu ver-
lieren, da der Jahresbericht, welcher jedem leser dieser zeilen zugäng-
lich ist, auf jeder der Munro gewidmeten 29 Seiten diese beschul-
digung widerlegt. — Den klagen über eine nicht genügend aner-
kennende beurtheilung hat Munro den versuch der abwehr eines
wirklichen Vorwurfes vorangeschickt. Doch nicht den Vorwurf der
fraus, gegen welchen er sich mit blinder entrüstung vertheidigt, habe
ich gegen ihn erhoben, sondern einfach den, 'dass seine anschauung
von geistigem eigenthum von der gewöhnlichen abweiche', p. 1118,
eine ausdrucksweise, welche den Vorwurf des dolus nicht ein- sondern
ausschliesst. Es handelt sich hier um II 473, wo Munro Göbels ent-
deckung, dass umor s . . . ut fluat ein von sorsumque videndi abhän-
giger fragesatz ist , benutzt — er selbst leugnet das nicht — , das,
wodurch Göbel selbst daneben den text verdorben hat, beseitigt und
Göbels namen verschweigt. Wenn er jetzt entdeckt, das schon Lambin
Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 173
in seiner ersten ausgäbe wesentlich dasselbe wie Göbel gewollt habe,
so ändert das an der Sachlage gar nichts, denn Göbel hat Lambin's ed.
1. schwerlich gekannt, wohl aber Munro sowohl jene ausgäbe als
auch Göbels Observv. Lucr. p. 39. Munro handelt also genau wie
jemand, der eine von einem andern erfundene maschine verbessert
und dieselbe dann als seine erfindung augesehen wissen will. — An
der zweiten stelle, p. 1128, wo ich denselben Vorwurf erhebe, liegt
die sache anders. Munro versichert die erklärung unmittelbar aus
dem texte geschöpft zu haben und es bleibt also nur das zu rügen,
dass er seine leser nicht davon benachrichtigt , wie vor ihm schon
ein anderer den überlieferten text nicht nur richtig verstanden, son-
dern auch die wesentlich richtige erklärung veröffentlicht habe.
Ein billig denkender würde das nicht verschwiegen haben. — Was
aber die verallgemeinerte beschuldigung betrifft, welche p. 1129 er-
hoben wird, so habe ich p. 1105 zu II 197 f., 517, 685, 743, wo Munro
allerdings schon früher gezweifelt hatte, III 689, V 409 gezeigt, dass
Munro die , deren richtigerer erklärung er die Wiederherstellung des
textes verdankt, besonders wenn es zeitgenössische Deutsche sind,
nicht zu neunen mit seinen rechtsbegriffen durchaus vereinbar findet.
Wie er dabei verfährt, um einer formalen Verpflichtung der nen-
nung anderer erklärer zu entgehen, zeigt am schlagendsten II 685,
wo ich Phil. XXV, p. 67 das primis figuris vor allem durch den hin-
weis auf die Wiederholung desselben ausdrucks VI, 776 gerechtfertigt
habe. Munro lässt die passendste und wichtigste belegstelle lieber
fort, als dass er den leser wissen Hesse, dass er das richtige verständ-
niss dieser stelle einem anderen verdankt. In ähnlicher weise verhehlt
er zu I, 1058 und II, 226, wer die änderung der indicative gefordert
hat, zu der er hinneigt, ohne sich doch entschliessen zu können. Ge-
radezu gegen allen wissenschaftlichen anstand und alles philologische
gewissen ist es endlich, wenn er bei einer so wichtigen frage, wie
die anordnung der partien des proömiums ist — s. Jahresbericht p.
1103 — , sowohl die änderungsvorschläge als auch ihre urheber ver-
schweigt und so seinen lesern , so viel au ihm liegt, die möglichkeit
selbst zu prüfen, nimmt. — Das motiv für all dieses ist Selbstüber-
hebung und eitelkeit. Wie gross diese bei Munro sind, davon eine
probe! In jener entgegnung findet er es nöthig zu den oben ange-
führten worten der 'Mittheilungen', die er deutsch giebt, die bemer-
kung zu machen, 'grossen' bezeichne hier 'materiell, not intellectual
size. ' Das ist nun freilich bloss lächerlich ; wenn sich aber derselbe
mann zu sagen erlaubt, ich wollte mich in der beurtheilung dafür
rächen, dass er in dem Vorworte zur 3. aufi. von mir sage, ich zeigte
einen starken hang den text durch conjekturen zu ändern, so ist das
nicht nur eine falsche Übertragung eigener denkweise auf einen an-
dern — denn dass ich für mein theil mich freue, wenn von mir em-
pfohlene textänderungen als unnöthig erwiesen werden, habe ich oft
genug gezeigt — , nein, es ist auch eine niedrige Verdächtigung, welche
mich rechtfertigt, wenn dieser herr künftig für mich nicht mehr
existirt. A. Brieger.
Göttingen. Die 'national-liberale correspondenz ' vom 9. Septem-
ber enthält über das höhere unterrichtswesen einen von verschiedenen
zeitungen nachgedruckten artikel, der die arbeitslast der gymnasiasten
beklagt und rügt: es heisst da: seit längerer zeit ist in unseren
höheren Unterrichtsanstalten, insbesondere in den gymna-
sien ein übelstand eingerissen, der die wachsende besorgniss und klage
aller beobachter und insbesondere der eitern erregt, deren söhne die
gymnasien besuchen. Wir meinen die Überlastung der schüler mit
häuslichen arbeiten. Es handelt sich hier keineswegs um einen
174 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 3.
missstand , der etwa nur an einzelnen anstalten eingerissen ist , son-
dern das übel ist allgemein. Wir könnten an einer reihe von bei-
spielen nachweisen, dass die schüler im alter von 13 — 18 jähren, also
in der periode des wachsthums und der körperlichen entwickehmg,
durchschnittlich bis 10, ja bis 11 uhr abends mit ihren Schularbeiten
beschäftigt sind. Die Ursachen der erscheinung werden in Überfüllung
der classen, in der allzugrossen zahl von Unterricht sobjecten [das ist
richtig: F. v. L.~], im mangel an Zusammenhang zwischen den einzel-
nen classenlehrern u. s. w. gesucht und dann geschlossen: 'die kör-
perlichen folgen dieses verkehrten Unterrichtssystems liegen auf der
hand, aber auch die geistigen liegen auf der hand ' u. s. w. Also
Diesterwegius redivivus! Dass hie und da so wie hier gesagt gefehlt
wird, mag sein: aber wenn primaner bis 10 uhr, ja auch bis 11 ar-
beiten, das schadet ihnen nichts: auch in andern branchen wird von
jungen leuten dieses alters so lange und noch länger gearbeitet und
sie befinden sich wohl. Auch wissen wir ja leider aus zeitungen, dass
die primaner zeit haben, zeitungen, romane und drgl. zu schreiben?
Die mängel des gymnasialwesens liegen anderswo: da von häuslichen
arbeiten hier geredet ist, so mag kurz ein übelstand hervorgehoben
werden , nämlich der , dass zu privatarbeiten , d. h. zu arbeiten aus
eigner wähl die schüler nicht angehalten werden : eben deshalb fehlt
ihnen jede eigentliche Vorbereitung für das academische studium, daher
die faulheit namentlich in den ersten Semestern!
Auszüge aus zeitschrifteil.
Augsburger Allgemeine Zeitung: nr. 165: Christian Palmer : nekro-
log: seine Verdienste als pädagog werden erwähnt. — Beil. zu nr.
166 167, 168: Fr. Stieler, erinnerungen an Metz: sehr zu beachten.
Nr. 167 : die expedition nach Olympia wird im august a. c. vor
sich o-ehen. — Beil. zu nr. 181: die Zeitschrift des historischen Vereins
für Schwaben und Neuburg: anzeige vom jahrg. II. heft 1 : darin
von Haus beitrage zur geschichte des Augsburger Schulwesens im
mittelalter: von Baumann eine notiz über allgäuische Ortsnamen:
Füssen käme nicht von fauces , sondern sei dat. pluralis von fuss. —
Zwischen Main und Fulda. III : schön geschrieben : darin ist gehan-
delt auch von Lotichius, den gebrüdern Grimm u. s. w. — Beil. zu
nr. 183: Bädeker und Socin in Palästina: anzeige von Bädeker Palä-
stina und Syrien, von Toller, der das buch sehr empfiehlt. — Hans
Makarts Kleopatra : kritik dieses gemäldes. —Beil. zu nr. 184: neue
schriften zur geschichte des reformationszeitalters : anzeige über
Schriften von Otto, Hehle, Schwarz, Wiskowatoff, Laas, Joachim, Schön-
herr u. s. w. von L. Geiger; sehr zu beachten: vergl. auch beil. zu
nr. 158. — Auss. beil. zu nr. 189: kleine aber sehr beachtenswerthe
bemerkung über solibus aptum (s. ob. beil. zu nr. 177) in Hör. Ep. I,
20 24, die nicht nur genaue kenntniss mit der neuern literatur, son-
dern auch mit Horaz selbst — dinge die der leichtfertigen schreiberei
von Düntzer ganz abgehen — zeigt: er empfiehlt Döderlein's er-
klärung 'bequem für die sonne'. — Nr. 185 :_ juristisches seminar in
Berlinerrichtet: es ist das sehr bedenklich: die schulmeisterei nimmt
auf der Universität sichtlich zu : und weis't das auf das ungenügende
des gegenwärtigen gymnasial-unterrichts nur zu deutlich hin. — Nr.
188: S°chaamund ehrgefühl: äusserst scharfer artikel gegen die katho-
lischen bischöfe. — Beil. zu nr. 188: zur frauenfrage, von Karl Grün:
handelt über die Stellung und berech tigung der frau im leben. —
L. Geiger, neue schriften zur geschichte des reformationszeitalters.
II: bespricht Köstlins Martin Luther. — Beil. zu nr. 189: S. Schöner
Nr. 3. Auszüge aus Zeitschriften. 175
Pompeji. I : nach vielem bekannten wird ein Wandgemälde Laokoon's
tod darstellend genauer besprochen, endlich mancherlei verfehltes in
der direction angegeben. — Geiger, neue Schriften u. s. w. : III:
bespricht Schriften über Luther von Lemme, Zimmer, Steinmetz, Küh-
ler, Horawitz; sehr zu beachten. — Nr. 190: Gladstone über Schlie-
mann's trojanische alterthümer: Gladstone sprach in London am 24.
juni 1875 in der londoner archäologischen gesellschaft über Schliemann :
er erkennt dessen grosse Verdienste an , hält Hissarlik für die wirkli-
che statte des ältesten Troja , ebenso die gefundener] gegenstände
für sehr alt und setzt Priamos, dessen name in ägyptischen Inschrif-
ten der 19. königsdynastie entziffert worden, darnach in das 15.jahrh.
a. Chr., das sei das sicherste und älteste datum für die existenz
Troja's. — Beil. zu nr. 190: Geiger, neue schritten u. s. w. IV:
betrifft schriften , welche die politische geschichte der zeit ins äuge
fassen. — Die heutige Verwaltung der Vaticana in Rom : klagt bitter
über die beschränkungen in benutzung der bibliothek. — Der von
Mehmed Ali den Engländern geschenkte obelisk soll nach England
geschafft werden. — In Pompeji sind holztäfelchen (pugillaria) mit
schriftzeichen entdeckt: man hofft sie zu entziffern. — Beil. zu nr.
191: Lauth, aus altägyptischer zeit. I. llion und Helena: spricht
zuerst für Schliemann und geht dann darauf aus das in egyptischen
quellen über Troja sich findende zu besprechen: theilt auch auszüge
aus brochüren Gladstone's über Homer und egyptische Chronologie
mit: und sucht von seinem Standpunkte aus Hom.il. Z, 229 f. und Herod.
14 116 zu erklären. — Beil. zu nr. 192: Gottfried Friedlein: nekro-
log. — Beil. zu nr. 196. 197: W. Christ, Troja und die Troade. I.
II : beschreibung der reise, kommt dann nach Troja, erkennt Schlie-
mann's Verdienste an, wünscht dringend weitere nachgrabungen und
ist überzeugt, dass hier sicherlich der ort, wo die alte Troja gelegen.
— Beil. zu nr. 198: W. Christ, Troja und die Troade. III: schildert
den Rückweg von Troja, verweilt auf Calvert's farm, wo bemerkt
wird , dass über die läge von Thymbra sicheres neue von diesem
nicht gefunden sei, kommt dabei auf die ansichten des Euripides über
die läge Troja's und schliesst mit einem sehr lesenswerthen rückblick
auf den stand der trojanischen frage : die topographischen fragen
werden dabei richtig in Verbindung gebracht mit der frage über die
beschaffenheit und entstehung der homerischen epen selbst. — Nr.
200: der Prager Professoren-confüct: ist beigelegt, wie es scheint. —
Beil. zu nr. 201: Amiet, Hans Wunster, beitrag zur ältesten geschichte
der buchdruckerkunst: speciell für Aristoteles und Vergil zu beach-
ten; auch wegen lateinischer disticha. — Neugriechische benennungen
alter städte : IgsLnia sage man nicht , sondern /akäfffiara für ruinen,
"Ekktjvts bezeichne das riesenhafte geschlecht der vorzeit u. s. w. —
Beil. zu nr. 202: palimpseste von bibeltexten in Grottaferrata bei
Frascati gefunden. — Ausserordentl. beil. zu nr. 202 : der angäbe,
dass auf dem meeresgrunde bei der insel Cerigo marmorsculpturen
vom Parthenon in Athen lägen, wird widersprochen. — Nr. 204: die
Czernowitzer Universität. — Beil. zu nr. 206: anzeige von Wiede-
meister , der Cäsaren-wahnsinn der iulisch-claudischen imperatoren-
familie. 8. Hannover. — Beil. zu nr. 206. und nr. 207 : Lauth, aus
alt-ägyptischer zeit. III: bespricht Pharao, Moses und den exodus.
— Nr. 207 : wie es Colmar in den ersten jähren unter französischer
herrschaft erging. — Nr. 214: Fr. v. Lüher, Kretafahrten. I. Vor
der süd- und nordküste: sehr zu beachten. — Lauth, aus altägypti-
scher zeit. IV : der zug des Chonsu gen Buchtan zugleich mit Über-
setzung der auf Chonsu bezüglichen officiellen Urkunde. — Beil. zu
nr. 215: 1F. OnJcen, die Staatslehre des Aristoteles in historisch-poli-
176 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 3.
tischen umrissen. Zweite hälfte: lobende anzeige. — Lauth , aus
altägyptischer zeit. IV (schluss aus nr. 214) : zugleich mit blick auf
Xenophon's Anabasis. — Nr. 216: süditalienische zustände. I: seit
bildung des königreichs Italien sei hier nirgends ein fortschritt wahr-
zunehmen. — Nr. 218: bei Laibach ist ein pfahlbau entdeckt. —
Beil. zu nr. 219: rede Mommsen's an der Berliner Universität am 3.
august. — Beil. zu nr. 223: beim bogen des Gallianus auf dem Es-
quilin ist unter andern eine inschrift aus Sulla's zeiten entdeckt, in
der das latein noch formen aus der ältesten zeit aufweis't, so nive
statt neve: die Verordnung darauf bezieht sich auf die reinhaltung
öffentlicher orte, und erscheinen daher neue worte in ihr, so pragone
— unrath, was also dem heutigen brago des italienischen entspricht.
— - Nr. 228 und beil. zu nr. 229 : Fr. v. Löher , Kretafahrten. II :
Canea und die umgegend wird geschildert. — Nr. 229 und 230:
Hermanns-denkmal-feier. — Nr. 230: dr. Hirschfeld ist zum archäo-
logischen leiter der ausgrabungen in Olympia ernannt und werden
die arbeiten daselbst nach der weinernte beginnen. — Beil. zu nr. 230 :
erklärung des Frh. von Medem gegen eine von Victor Hehn in Jen.
L.-Ztg. d. j. nr. 24 gelieferte recension des bucb.es 'der hopfen': s.
ob. nr. 2, p. 115. — Nr.231 : Verfügung der regierung in Münster die Über-
wachung des religionsunterrichts betreffend. — Die ein weihung des
Hermannsdenkmals. - Ein denkmal aus der Varusschlacht : notizen
über den grabstein des Manias Caelius, jetzt in Bonn. — Beil. zu nr.
231. 232: Lauth, aus altägyptischer zeit. V: handelt besonders
von den in neuerer zeit veranlassten Zerstörungen an den alten mo-
numenten. — Nr. 232: die Hermannsfeier am 16. august 1875. —
Katholische Universität in Angers. — Beil. zu nr. 232: das gymna-
sialwesen in Italien: es wird behauptet, dass die Unterrichtsanstalten
— und zwar alle, nicht allein die gymnasien — des Staats mehr und
mehr an zahl der schüler sinken, die geistlichen immer wachsen, dass
also die freiheit einer organisirten macht gegenüber wie die kirche
nicht ausreicht. (Es ist das für das protestantische Deutschland sehr
zu beachten.) — Der lectionscatalog der Universität Marburg von
Nissen wird kurz besprochen, enthaltend Vitae Catonis fragmenta
Marburgensia. (In einem der nächsten hefte erscheint eine genaue
anzeige.) — Beil. zu nr. 233: keltisches recht: bezieht sich auf das
buch von Maine lectures of the early history qf Institution«. — Nr.
234 : der Unterricht in Frankreich : man fängt an die folgen des neuen
Unterrichtsgesetzes zu spüren. — Der eindruck des Hermannfestes auf
Italien. — Beil. zu nr. 234: Lauth, Papyrus Ebers. — Nr. 235: PA.
Wolff, die Wiedergewinnung Jerusalem's : nämlich mit geistigen waffen.
— Fiedler, ein priesterliches festmahl im alten Rom: schluss in beil.
zu nr. 236: geht davon aus, dass die küche in der kulturgeschichte
eine grosse rolle spiele. — Beil. zu nr. 236: hebung des Schulwesens
im katholischen Jura: es soll das Schulwesen eine waffe gegen Rom
werden. —»Beil. zu nr. 238: die deutschen hochschulen, sonst jetzt
und künftig : schliesst an eine broschrüre von Bona Meyer an. — Beil.
zu nr. 241: Kretafahrten, von Fr. v. Löher. III. — Beil. zu nr.
248 : zur deutschen theatergeschichte des 19. Jahrhunderts : besprechung
des buches von Ivaroline Bauer , komödiantenfahrten. Erinnerungen
und studien von K. B. Herausgegeben von A. Wellmer. 8. Berlin.
1875: es ist eine art fortsetzung des im Phil. Anz. IV. nr. 8, p. 420
besprochenen buches. — Beil. zu nr. 251 : Bjoernstjerne Bjoerson, ein
scandinavischer dichter, dessen leben und leistungen, namentlich auch
im Volkslied, beschrieben werden, sonst werden noch seine erzählungen
und dramen besprochen und gelobt. — Es ist in Wien ein philolo-
gisches Seminar eingerichtet und zwar ganz nach der art des in
Nr. 3. Auszüge aus Zeitschriften. 177
Göttingen bestehenden; nur in der Stellung der ausserordentlichen
mitglieder ist eine abweichung. — Beil. zu nr. 253. 254 : Kretafahrten
von Fr. v. Löher. IV, vom westgebirge : schildert lebendig das
prachtvolle land und das jetzige elend in ihm. — Nr. 255 der verfall
der Universität in Eom nach dr. C. Carlucci: es wird besonders über
die Verschwendung in der Verwaltung geklagt: unter dem pabst
wäre es besser gewesen. — Beil. zu nr. 255: das Nilfest: es ist das
fest zu ehren des steigenden Nil: ähnliches geschah schon in den äl-
testen zeiten. — Nr. 257 : dem Athenaeum wird geschrieben, dass der
gut erhaltene alt -römische thurm zu Evora, der den schluss der
Wasserleitung des Sertorius bildete, auf befehl des stadtraths abgetragen
ist: um 75 a. Ch. musste er erbaut sein. Der ternpel der Diana
ebenfalls in Evora, bis dahin als Schlachthaus benutzt, ist jetzt ge-
säubert and unter gehörigen schütz gestellt. — Beil. zu nr. 257 : dr.
Hirschfeld, der archäologische leiter der ausgrabungen in Olympia ist
dorthin abgegangen und hofft man die ausgrabungen selbst bald be-
ginnen zu können. — Beil. zu nr. 258: zur theologen-frage : bespricht
zwei artikel aus 'dem neuen reich' über 'die zukunft der theologi-
schen facultäten ' und über ' die Vorbildung der theologen ', welche
die theologischen facultäten grade zu aufheben wollen und die theo-
logische Vorbildung der geistlichen verwerfen, weil eben die theolo-
gie keine Wissenschaft sei: der ref. bekämpft diese ansichten, weil
die Verfasser jener artikel es mit dem christenthum halten und dies
der menschheit erhalten wissen wollen und sucht die liberale theo-
logie von dem Vorwurf der unwissenschaftlichkeit , der halbheit und
Unklarheit zu rechtfertigen, bekämpft denn auch die praktischen
vorschlage jener aufsätze: aber alle diese männer sehen unklar, da
sie wie es scheint, die trostlose Vorbildung nicht kennen, mit der
die theologie studirenden auf die Universitäten kommen : da ist auch
nicht eine idee von wissenschaftlichem streben! Und das vermag der
aeademische lehrer auch bei dem besten willen und allem zeuge dazu
nur in sehr seltenen fällen zu erwecken, namentlich, wenn Staatsprü-
fungen an den Universitäten hinzukommen. — Beil. zu nr. 259: die
Engländer über französisches familienleben. I.
Neue. Jahrbücher für philologie und paedagogik bd. CIX und CX,
hft. 9: 93) Anz. v. A. Xauck: homerica carmina cum potiore
lectionis varietate. Vol. II, p. I. (Berlin 1874) , von A. Ludwich in
Königsberg , p. 577— 596. — 94) Homerisches , von F. Eyssenhardt in
Berlin, p. 597 — 600. — 95) Das Homerische haus, von H. Rumpf in
Frankfurt a. M., p. 601 — 609. — 96) Der Xüyog der Odyssee in Ari-
stoteles poetik c. 17, von W. Friedrich in Mühlhausen, p. 609 — 612.
— 97) Zu Piaton, von H. Kratz in Stuttgart, p. 612—613. — 98)
Ueber den begriff der ethischen tragödie und des ethischen epos bei
Aristoteles, von E. Gotschlich in Beuthen, p. 614 — 618. — 99) Zu Xe-
nophons anabasis IV 2, von F. Vollbrecht in Otterndorf, p. 619 — 627.
100) Zu Thukydides [I 35, 5. II 41, 4], von E. Hoffmann in Wien,
p. 627—628. — 101) Anz. v. H. Bedient: über das erste, zweite und
elfte buch der sibyllinischen Weissagungen. (Frankfurt a. M. 1873),
von B. Badt in Breslau, p. 629 — 636. — 102) Zu Fronto, von II.
Klussmann in Gera, p. 636 — 638. — 103) Zu Tacitus Agricola [c. 31],
von C. Meiser in München, p. 638. — 104) Anz. v. 31. -Ring: bericht
über die Curtiushandschriften des ungarischen nationalmuseums (Bu-
dapest 1873), von E. Hedicke in Bielefeld, p. 639—647. — 105) Zur
technik der römischen dichter im epischen und elegischen versmass,
von W. Gebhardi in Posen, p. 647-648. — 106) Zum dialogus des
Tacitus [c. 31], von H. Röhl in Berlin, p. 648. — — Zweite ab-
theil ung: Künstler, zum Jubiläum des prov.-schulraths dr. Dillen-
178 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 3.
burger in Breslau, p. 436. — Dr. Ad. Rothmahr, nekrolog von dr.
Schirlitz, p. 438.
Hft. 10 u. 11: 107) Kleine beitrage zur griechischen litteraturge-
schichte, von F. Susemihl in Greifswald, p. 646—676. — (85.) Homerische
abhandlungen II, von F. D. Oh. Hennings in Husum, p. 677 — 690. —
108) Coniectanea. XI— XIV, von F. Bücheier in Bonn, p. 691—696.
— 109) Kritische bemerkungen zu des Demosthenes rede von der ge-
sandtschaft, von H. Weil in Besancon, p. 697-705. — 110) Zu De-
mosthenes rede gegen Leptines [§ 15. 16], von E. Hoffmann in Wien,
p. 705—706. — 111) Zur ersten olynthischen rede des Demosthenes
[§ 20], von C. Meiser in München, p. 706. — (62.) Berichtigung, von
R. Förster in Breslau, p. 706. — 112) Eine griechisch-deutsche
zeitung, von J. Jolly in Würzburg, p. 707—711. — (53.) Zu den
scholien der Hesiodischen theogonie, von //. Flach in Tübingen, p.
711 — 714. — 113) Die staatsrechtlichen beziehungen Borns zu Capua,
von M. Zöller in Mühlhausen im Elsass, p. 715—740. — 114) Zu
Cicero, von F. W. Schmidt in Neustrelitz, p. 740—744. — 115) Zu
Q. Curtius Rufus, von J. Jeep in Wolfenbüttel, p 745 — 754. — 116)
Anz. v. Ch. Thurot: Cice'ron epistolae ad familiäres (Paris 1874), von
H. Weil in Besancon, p. 754 — 755. — 117) Zu den fragmenten Ciceros,
von F. Hoppe in Gumbinnen, p. 755 — 756. — (81.) Zu Horatius Epi-
steln [I 20, 24], von O. Richter in Guben, p. 756. — 118) Die neueren
forschungen im gebiete des bibellatein, von J. N. Ott in Rottweil, p.
757 — 792. Zweite abtheilung: dr. Schutt, Boccaccio's latei-
nische Schriften historischen stofl'es besonders in bezug auf die alte
geschichte, p. 467. — Vollbrecht, Elementargrammatik und lateinische
spräche von Vanicek, p. 498. — Programme aus Westphalen v. j.
1873, von Hölscher, p. 523. — Philologische progranime aus Schlesien,
Sachsen, Brandenburg v. j. 1873, von Benicken, p. 529: p. 588. —
Fröhle, zu der anzeige von Herbst's J. H. Voss, p. 542.
Hft. 12: 119) Anz. von W. Corssen: über die spräche der Etrus-
ker. 1. band (Leipzig 1874), von Moriz Schmidt in Jena, p. 793 — 813.
— (81.) Zu Horatius Episteln [I 10, 24], von A. Fleckeisen in Dresden,
p. 814. — (89.) Berichtigung von E. Schiveikert in Andernach, p.
814. — 120) Die alexandrinischen fragmente in den scholien zur
Hesiodischen theogonie, von H. Flach in Tübingen , p. 815 — 829. —
121) Anz. von R. Arnoldt: die chorpartien bei Aristophanes, scenisch
erläutert (Leipzig 1873) von F. Hoppe in Gumbinnen, p. 829 — 831.
— 122) In Sextum Empiricum, von R. Vulkmann in Jauer, p. 831 —
832. — (H8.) Die neueren forschungen im gebiete des bibellatein
(schluss) von J. N. Ott in Rottweil , p. 833—867. — 123) _ Zu den
vitae Juvenalis, von F. Rühl in Dorpat, p. 868—869. — Berichtigun-
gen im Jahrgang 1874, p. 869. — Register der im Jahrgang 1874 be-
urtheilten schritten und abhandlungen , p. 870. — Sachregister, p.
871. — — Zweite abtheilung: programme aus der provinz
Schleswig-Holstein, von C. M., p. 596.
Bd. CXI und CXII , hft. 1: 1) Anz. v. W. Hartel: Homerische
Studien. I. Zweite aufläge (Berlin 1873). II. (Wien 1874.) Von
Gustav Meyer in Prag. [S. Phil. Anz. VII, 2, p. 73], p. 1—6. — 2)
Zur Odyssee [« 292], von F. W. Forchhammer in Kiel, p. 6 — 7. — 3)
Ve und iL von O. Keller in Freiburg, p. 7 — 8. — 4) Die attische
naukrarienverfassung, von G, Gilbert in Gotha, p. 9 — 20. — 5) Zu
Piatons Laches [200e], von R. Bobrik in Beigard, p. 20. — 6) Anz.
von G. Körte: über personificationen psychologischer affecte in der
spätem Vasenmalerei. (Berlin 1874) von L. Julius in Dessau (jetzt
in Rom), p. 21 — 27. — 7) Zu Euripides Elektra, von R. Rauchenstein
in Aarau, p, 28—32. — 8) Zur geschichte des harpalischen procsses,
Nr. 3. Auszüge aus Zeitschriften. 179
von F. v. Duhn in Lübeck, p. 33 — 59. — 9) Zur handschriftenkunde
des Aeschines, von E. Rosenberg in Ratibor, p. 59 — 60. — 10) Zu
Horatius dritter satire des zweiten buchs, von E. Kammer in Königs-
berg, p. 61—80. — 11) Zu Livius, von H. Bohl in Berlin, p. 80.
Hft. 2 : 12) Der begriff der tragischen katharsis, von IL Baumgart in
Königsberg, p. 81 — 118. — 13)Horatiana, von W. Herbst in Pforta, p. 119
— 122. — 14) Zu Horatius Satiren [I 4, 52], von W. Teuffei in Tübingen,
p. 122. — 15) Zu Ovidius Aniores, von TV. Gebhardi in Posen und
TV. Gilbert in Dresden, p. 122-124. — 16) Coniectanea. XV-XIX,
von F. Bücheier in Bonn, p. 125 — 136. — 17) Zur überlieferungsge-
schichte und kritik der opuscula Vergiliana, von E. Bährens in Jena,
p. 137 — 151. — 18) Zu Quintilianus, von J. Claussen in Altona, p.
151 — 152. — Zweite abtheilung: Kirchner, grundriss der grie-
chischen mythologie und sagengeschichte der Griechen und Römer,
angezeigt von Vollbrecht, p. 98.
Hft. 3: 19) Eie epheten und der Areopag, von G. F. Schümann
iu Greifswald, p. 153 — 165. — 20) Zu Thukydides, von B. Lupus in
Waren, p. 165 — 170. — 21) Ad Piatonis de re publica libros , von
IL. Heller in Berlin, p. 170 — 174. — 22) Einige bemerkungen über
die athenischen epheten, von A. Philippi in Giessen, p. 175 — 184. —
23) Zur makedonischen sprachfrage von Gustav Meyer in Prag, p.
185—192. — 24) Zu Piatons Theätetos [148 ab], V on Hermann Schmidt
in Wittenberg, p. 192-193. — 25) Zu Strabon, von O. Meltzer in
Dresden, p. 193. — 26) Die Überarbeitung des Plautinischen Epidicus,
von L. Reinhardt in Hadersleben, p. 194 — 200. — 27) Zur kritik
einiger quelienschriftsteller der spätem römischen kaiserzeit. I— III,
von F. Görres in Düsseldorf, p. 201 — 221. — 28) Der codex Ambro-
sianus von Cicero de officiis, von F. Eyssenhardt in Berlin, p. 221 — 224.
— 29) Zu Aristophanes vögeln v. 553, von W. Gebhardi in Posen, p.
224. Zweite abtheilung: Haubach, über Soph. Antigone, p.
135. — Doberenz, programme des herzogthum S. Meiningen, p. 160.
Hft 4. und 5 : 30) die läge des Homerischen Troja, von A. Steilz
in Frankfurt a. M., p. 225-263. — 31) Zu Homers Ilias I 414, von
G. Lange in Berlin, p. 264 — 265. — (2.) Noch einmal Odyssee a 292
und ß 223, von E. Kammer in Königsberg, p. 265—268. — 32) Ho-
merische abhandlungen. III. IV, von P. D. Ch. Hennings in Husum,
p. 269-292. — 33) Zu Sophokles Aias [v. 853], von TV. H. Röscher
in Meissen, p. 292. — 34) Zur litteratur der vergleichenden mytho-
logie, von H. TV. Schweizer- Sidler in Zürich, p. 293—299: A. Kuhn:
über entwickelungsstufen der niythenbildung (Berlin 1873), p. 293 — 295.
— H. TV. Röscher: studien zur vergleichenden mythologie der Griechen
und Römer I (Leipzig 1873), p. 295—298. — H. Schwartz: der (rothe)
sonnenphallos der uvzeit aus der Zeitschrift für ethnologie (Berlin 1874),
p. 298. — 35) De Theocriti Adoniazusarum versu 77 , von F. Laten-
dorf in Schwerin, p. 299 — 301. — 36) Zu zwei milesischen Inschriften,
von E. Pleo in Danzig, p. 302. — 37) Zu Sophokles Oedipus auf Ko-
lonos, von B. Lupus in Waren, p. 303—304. — (16.) Coniectanea.
XX— XXIV, von F. Bücheier in Bonn, p. 305-340. — 38) Zu Ovidius
Metamorphosen [XI 754 755], von F. Polle in Dresden, p. 340. — 39)
Zu Petronius [c. 2], von H. Blümner in Breslau, p. 341 — 344. — 40)
Zu Tacitus Germania [c. 9], von K. H. Heck in Husum, p. 344 — 346.
41) Ueber Tacitus Agricola, von A. Eussner in Münnerstadt, p. 346 - 350.
— 42) Anz. v. A. Ebert: geschichte der christlich-lateinischen litteratur
bis zum Zeitalter Karls d. gr. (Leipzig 1874), von TV. Teuffei in Tü-
bingen, p. 351— 354. - (15.) Zu Ovidius Amores [III 1, 47, 48], p. 354.
43) Anz. v. TV. Herbst: JohannHeinrichVossI.il, (Leipzig 1872. 1874),
von G. Gerland in Halle (jetzt in Strassburg im Elsass, p. 355 — 367.
180 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 3.
44) Ueber den monatsnamen junius, von W. H. Röscher in Meissen,
p. 367—368- Zweite abtheilung: Melizer Johann Bohemus,
p. 190. — Seyffert, rec. von Ellendts lateinischer grainmatik, p. 226.
— Terathonen, philologen versammlang in Innsbruck , p. 238. — Pro-
gramme aus Schlesien, Sachsen und Brandenburg von Beniken, p. 250.
Rheinisches Museum für philoligie. Nene folge. Bd. 30 , hft. 2:
Ueber einige historische dramen der Griechen. Von 0. Ribbeck, p. 145.
— Die aufführungszeit des Plautinischen Persa. Von G. Goetz, p. 162. —
Eine quelle des Stobaeus. Von H. Diels, p. 172. — Italienische my-
then. Von H. Usener, p. 182. — Das Zeitalter des Gyges. Von H.
Geizer, p. 230. — Zu den Metamorphosen des Apuleius. Von E.
Rohde, p. 269. — Miscellen: historisches: Kodros bei Aristoteles.
Von C. Frick, p. 278. — Die Polybianische beschreibung der zweiten
schlacht bei Bäcula. Von H. Droysen, p. 281. — Antiquarisches:
KXrjgovv und nXrjoovp icc dixußr^QKt. Von R. Förster, p. 284. — Zu
dem spiel ößroctxivdcc oder ociqüxov nsQioroorfij. Von demselben, p.
287. — Epigraphisches: Inschrift aus Cirta. Von J. Klein, p. 288. —
Grammatisches: Esus und Esuf. Von L. Lange, p. 296. — Zu den
Tironischen noten. 22. Von W. Schmitz, p. 302. — Einige lateini-
sche wortformen in der Anthologie. Von O. Keller, p. 302. — Mu-
nichia ein phönikischer name. Von demselben, p. 304. — Hand-
schriftliches: zur lateinischen Anthologie. Von F. Baehrens, p. 306.
— Zum Anonymus Valesianus. Von K. Zangemeister , p. 309. —
Litter arhistorisches : Sophron und Piaton. Von R. Förster, p. 316. —
Kritisch-Exegetisches: zu Euripides. Von O. Ribbeck, p. 316. — Zu
Plautus. Von W. Teuffei, p. 317. — Zu Horatius. Von demselben,
p. 319. — Zur Achilleis des Statius. Von F. Kohlmann, p. 319. —
Zu Dracontius. Von TP". Teuffei, p. 320. — Nachträge, p. 320. —
Böckh's Encyklopädie der philologischen Wissenschaft, p. 320.
Hft. 3: Zu Livius. Von J. Krauss, p. 321. — 'EXiccrixog Ilakce-
fjrjfyg. Von R. Förster, p. 331. — Zu Seneca's dialogen. Von H.
A. Koch, p. 340. — Die Promulgatio trinum nundinum, die Lex Cae-
cilia Didia und nochmals die Lex Pupia. Von L. Lange, p. 350. —
Comicorum graecorum emendationes. Scripsit Theodorus Kock, p.
398. — Nochmals der römische senatsbeschluss bei Josephus Antiqu.
XIV, 8, 5. Von L. Mendelssohn und F. Ritschi, p. 419. — ES VF und
Oskisch mehr. Von F. Rücheier, p. 436. — Miscellen : historisches:
Schifffahrtsabgaben der Aegypter unter den Ptolemäern. Von C.
Wachsmuth, p. 448. — Grammatisches: die hebräischen Wörter in
den lateinischen Glossar. Parisin. 7651 und Monac. 6210. Von
H. Rönsch, p. 449. — Zu den Tironischen noten. 23. Von W.
Schmitz, p. 455. — Noch ein wort über den vnoxgn^s des griechischen
theaters. Von J. Sommerbrodt, p. 456. — Handschriftliches : über
die von Poggio zu den zeiten des Kostnitzer concils gefundenen hand-
schriften des Quintilian und von Statius Silven. Von H. Blass, p.
458. — Zur handschriftenkunde der lateinischen Panegyrici. Von E.
Baehrens, p. 463. — Eine verschollene handschrift der briefe des
Symmachus. Von R. Förster, p. 466. — Litter arhistorisches : zu Athe-
naeus. Von demselben, p. 468. — Zu Hygin's liber de munitionibus
castrorum. Von H. Droysen, p. 469. — Ein verlagscontract aus dem
16. jahrh. Von W. Crecelius, p. 470. — Kritisch-Exegetisches : zu
Aristophanes. Von H. Diels, p. 471. — Zu Plautus' Trinummus.
Von W. Teuffei, p. 472. - Zur Achilleis des Statius. Von P. Kohl-
mann, p. 475. — Zu Luxorius der Anthologie. Von E. Baehrens, p.
477. — Zu Cicero. Von G. Kiessling, p. 477. — Zu Cicero's briefen
ad familiäres. Von W. Teuffei, p. 477. — Zu Apuleius. Von H.
Rönsch, p. 478. — Chroma facere bei Porphyrion. Von H, A. Koch,
p. 479. — Nachträge und berichtigungen, p. 480.
Nr. 4. 5. April. Mai 1875.
Philologischer Anzeiger.
Herausgegeben als ergänzung des Philologus
von
Ernst von Leutseh.
128. Trojanische Alterthümer. Bericht über die aus-
grabungen in Troja. Von Dr. H. Schliemann. 8° (LVII
und 319 s.) Atlas trojanischer alterthümer. Photographische
abbildungen zu dem berichte über die ausgrabungen in Troja
von Dr. H. Schliemann. Quer fol. 208 photographirte tafeln
mit erklärendem texte. Fol. 57 s. In mappe. Leipzig in
commission bei F. A. Brockhaus 1874. — 54 mk.
Schliemann's ausgrabungen haben in weiten kreisen auch
ausserhalb der fachgenossen gerechtes aufsehen erregt ; sein buch
hat, man darf auch sagen mit recht, unter den gelehrten sehr
verschiedenartige, zum theil sehr harte beurtheilung gefunden.
Beides scheint der ruhigen erwägung eintrag zu thun und somit
der sache selbst zu schaden. Es ist jedenfalls zu bedauern,
dass ausgrabungen von solchem umfang und solcher Wichtigkeit
vorgenommen wurden ohne die nöthige wissenschaftliche methode.
Was man in jedem antiquarium in grosser menge findet und
als spindelsteine bezeichnet, nannte Schliemann vulcane und
caroussels ; erst aus den abbildungen erkannte man was er mit
dem sonderbaren ausdruck meinte. Warum hatte er nicht
Sammlungen, die jedermann zugänglich sind, studirt, ehe er
daran ging, eine ähnliche aufzustellen? Eine menge Wieder-
holungen, undeutlichkeiten, gewagter behauptungen , subjectiver
meinungen wäre damit vermieden worden. Er spricht oft von
dingen, die schon hinlänglich bekannt sind, als von etwas ganz
neuem und geht auch sofort einen schritt weiter, denn er er-
klärt oder will erklären, ehe noch der thatbestand klar gestellt
ist. Dabei ist er kühn und neuen vermuthungen leicht zugäng-
Philol. Anz. VII. 12
182 128. Homeros. ffr. 4.
lieh. Mitten in seinen ausgrabungen studirt er vergleichende
mythologie und wirft nun einen theil seiner früheren erklärun-
gen bei seite. In dem buche aber, das die form eines tagebuchs
trägt, stehen beide erklärungsweisen neben oder vielmehr nach
einander. Offenbar ist das nicht die richtige form für ein buch
und manch hartes urtheil, welches Schliemann hat hören müssen,
mag veranlasst sein durch die Unzufriedenheit des lesers über
solche mischung von xmgenügenden und widersprechenden er-
klärungsversuchen. An den gefässen glaubt er oft nachbildung
eines menschlichen gesichts zu erkennen und erklärt nun ohne
weiteres solche gefässe für idole der ybavxwmg, für eulengesich-
ter, mit denen sie in der that wenig ähnlichkeit haben. Ehe
eine solche weitgehende behauptung aufgestellt werden durfte,
musste doch eine vergleichung solcher bildungen mit andern
fundstücken stattfinden. Gewiss ist dass auch wir in unsern
nordischen gräbern gefässe finden , wo die henkel auf die ge-
fässfläche hin in Knien auslaufen, die an ein menschliches ge-
sicht erinnern. Wenn Schliemann solche vergleiche nicht an-
stellt, sondern unbestimmte ähnlichkeiten für ausgemachte Wahr-
heiten nimmt und zu weit gehenden Schlüssen benutzt, so darf
er sich nicht wundern über Widerspruch, wie er ihn erfahren
hat. So ist das buch zu benutzen nicht insofern es die alter-
thümer erklärt, sondern nur gleichsam als tagebuch insofern es
den thatbestand festzustellen dient. Dabei kommen natürlich
die abbildungen stark in betracht. Leider sind dieselben sehr
wenig zu solchem zwecke geeignet. In unzähligen Wiederholun-
gen kehrt oft mit keinen oder nicht nennenswerthen abwand-
lungen ein gegenständ, z. b. der oben erwähnte spindelstein,
wieder. Dass die abbildungen selbst in ungewöhnlichem grade
schwarz und undeutlich sind, ist aus den kulturzuständen der
orte wo sie entstanden, zwar erklärlich, aber doch sehr bedau-
erlich. Die ausgrabungen selbst sind nicht so gemacht worden,
dass sie ein sicheres wissenschaftliches ergebniss liefern. Schlie-
mann glaubt fünf lagen oder schichten von bevölkerungen über
einander zu erkennen. Dies festzustellen war von der höchsten
Wichtigkeit und nur möglich, wenn erst die oberste Schicht ganz
abgetragen wurde, dann die zweite und so fort. In jeder
Schicht musste der fundbestand festgestellt, und daraus die bevöl-
kerung nach zeit und bildungsgrad charakterisirt werden.
Nr. 4. 128. Homeros. 183
Schliemann ist ungeduldiger gewesen und hat diesen mühevollen
gang verschmäht. Er gräbt tiefe einschnitte und wenn er uns
von steinen erzählt die ihm beinah auf den köpf gefallen wären,
wer gibt uns gewähr dass er nicht auf diese weise verschiedene
schichten durch einander mengt ? Mir will es bedünken als habe
es nur drei schichten gegeben, aber es ist schwer ohne augenschein
eine solche behauptung aufzustellen , namentlich da der thatbe-
stand in dem buche nie recht klar gestellt wird, sondern vfr.
immer zu seinen erklärungen eilt.
Dennoch glaube ich dass Schliemann's grabungen von be-
deutendem erfolge auch für die Wissenschaft und speciel für
Homer sein werden. Er hat eine so erstaunliche menge von
fundstücken an den tag gebracht und so überaus werthvolle
Sachen, goldsachen in fast unglaublicher menge, gefässe von zum
theil ausserordentlicher Schönheit, jedenfalls von grosser mannich-
faltigkeit der formen, dass eine ruhige forschung beträchtlichen
nutzen daraus ziehen wird. Merkwürdiger fast noch ist der ort,
wo er das alles gefunden hat. Man kann jetzt noch nicht mit
bestimmtheit sagen , dass er die statte entdeckt hat wo Troja
gestanden hat. Aber höchst wahrscheinlich ist es doch, dass
ihm dies gelungen ist. Auf Bunarbaschi scheinen die ausgra-
bungen zu nichts zu führen und da ist es doch von sehr grossem
gewicht, dass auf der stelle von Neu-Ilion tief unter dem schütte
späterer geschlechter sich ein volk gefunden hat, das im bronze-
zeitalter, reich an gold und schmuck, im besitze einer nicht un-
bedeutenden kultur sich eine stadt gebaut hatte aus starker
mauer von stein und häuser von grossem umfang, und dass diese
Stadt in feuer unterging. Selbst die Strasse mit grossen Stein-
platten hat sich gefunden, die am palaste vorbei nach dem
westthore führte und dieses selbst so vollständig erhalten, dass
noch der kupferne riegel vorhanden war, der vorgeschoben die
flügel schloss. Schliemann erklärt das ohne weiteres für das
skaeische thor, und wenn auch mancher über seinen schnellen
schluss lächeln mag , welche andre Stadt , wenn es nicht Troja
war, ist auf Hissarlik zu vermuthen?
Gisehe.
129. '^yafiifivovog ugtCieCu. Das zehnte lied vom zorne des
Achilleus nach Karl Lachmann aus ABO der homerischen Ilias
12*
184 129. Homerös, Nr. 4.
herausgegeben von H. K. Benicken. Beigegeben sind home-
rische kleinigkeiten. Gütersloh 1875. 8°. 64 s.
Das lied ist nach Lachmann's annahmen im zusammenhange
abgedruckt und aus der reichen literatur, die sich um diese frage
der höheren kritik gesammelt, sind auszüge und Verweisungen
in grosser menge angeschlossen, leider theils unter theils hinter
dem texte, so dass man immer an zwei stellen suchen muss.
Wen Lachmann's gründe nicht überzeugt haben, den werden
wahrscheinlich auch diese Wiederholungen und erweiterungen,
verbunden mit häufiger bekämpfung entgegengesetzter ansichten,
nicht überzeugen. Zuletzt steht doch in diesen dingen sehr
häufig meinung gegen meinung, und was dem einen gründe heisst,
ist dem andern vermuthung oder willkürliche annähme. Unter
diese betrachtungen sind eingemischt Verweisungen und kurze
bezugnahmen auf fragen der niedern kritik, grammatik, metrik
und geschichte, sie sind ziemlich häufig aber vereinzelt, und
doch wird, so weit auch der Verfasser eine solche ansieht zu-
rückweisen mag, nur eine grundsätzliche und erschöpfende er-
ledigung dieser fragen unserm urtheile über Homer eine festere
grundlage geben. Eine merkwürdige vermuthung des Verfassers
auf diesem gebiete ist, dass das A 56 flgde. fehlende verbum
in dem äjjbv^ova von v. 57 liege, nur sei es ihm noch nicht
gelungen eine angemessene form zu finden. Das wird ihm auch
nicht gelingen, denn wenn es auch eine form dieser messung
gäbe, würde sie an dieser stelle nicht stehen dürfen. Da könnte
man noch eher schreiben av xoafirj&iv für av&' hsQw&iv. Die
durch den druck erleichterte zusammenhängende leetüre des
liedes lässt die übelstände, an denen es nach meiner ansieht leidet,
schärfer hervortreten. In zweihundert versen wird Hektor zwei-
mal durch einen wurf betäubt; das ist eine *) Wiederholung die
weder in der sage noch in einem kurzen liede stattfinden konnte.
So schlecht konnte auch Zeus sein eben gegebenes versprechen
1) Diesem schon von Hiecke erhobenen einwurf begegnet Be-
nicken in der gleich folgenden schrift p. 31 mit dem bemerken, die
sage sei eine griechenfreundliche und habe deshalb den Griechen vor
ihrem leid noch eine kurze freude gewährt, und warum solle nicht
dasselbe noch einmal, sogar in höherem maasse, bei Aias was bei
Diomed geschehen, eintreten können. Nach Benicken wird das eine
durch das andre gestützt. Aber die sage wiederholt sich so in ihren
motiven nicht.
Nr. 4. 129. Homeros. 186
nicht lösen. Mit der sparsamen und überlegten art, die Lach-
mann an dem liede hervorhebt (p. 39), stimmen übel die höh-
nischen reden, welche & 454, 470, 479, 501 den tod der kämpfer
begleiten. Diese Spöttereien finden sich sonst z. b. iV374, 414,
446, aber innerhalb des liedes nur in dem aus JE? entnommenen
mittelstücke-, dem von Lachmann angenommenen Charakter des
ganzen widersprechen sie. Lachmann selbst (p. 44) verzichtete
auf die erfüllung der worte des Zeus, er werde einen neuen
rath zur erholung der Achäer aussinnen. Mir scheint es, dass
er in diesem puncte etwas zu viel von der strenge seiner son-
stigen weise nachgelassen hat. 2 ) In einem einzelliede musste er
wohl die einmal angenommene Situation festhalten und den gott
beim worte halten. Aber das ende des liedes ist überhaupt
nicht glücklich angelegt. Lachmann fasste , wahrscheinlich in
folge eines augenblicklichen Versehens, 318 o(pqu (%£ und 320
inet Ghgs als eine Wiederholung, Apollo habe die aegis bald
still gehalten bald geschüttelt. Benicken vertheidigt durch ver-
gleiche aus dem hebräischen und deutschen, welche für home-
rische modi nichts entscheiden, und durch Hesiod. Sc. 255 'unter
berücksichtigung des ganzen Zusammenhangs' die Übersetzung
'so oft er schüttelte.' Der Zusammenhang mag bei Hesiod, wo
ein solcher opt. iterativus vorhergeht, die auffallende Übersetzung
nothwendig machen, bei Homer hätte vfr. aus dem ganzen Zu-
sammenhang diese nöthigung erst nachweisen müssen. Sie ist
grammatisch nicht vorhanden. Aus dem Lachmann'schen liede
kann sie nur durch petitio principii gewonnen werden. Gramma-
tisch heissen die worte: so lange er still hielt, und diesen zu-
stand schildert der dichter nicht weiter. Dann folgt: nachdem
er aber geschüttelt hatte , wurden die Achäer besiegt und es
folgen ganz richtig nur siege der Troer , mit diesen aber auch
die mauer (0361 rcryog, Koechly schreibt tgxog), welche in Lach-
mann s lied nicht passt. Deswegen musste bei Lachmann das fol-
gende stück fallen und insl ßeTßs anders erklärt werden. Aber
auch wenn man mit Lachmann erklärt, finde ich sein lied un-
2) Diesem schon von Hiecke erhobenen einwurf sucht Benicken
in der gleich folgenden schrift p. 23 durch die annähme zu begegnen,
das zehnte lied sei unvollständig auf uns gekommen. Wenn Lach-
mann das gemeint hat, so hätte er es geradezu aussprechen sollen.
Solche dinge liest man nicht zwischen den zeilen.
186 130. Homeros. Nr. 4.
befriedigend. Denn wenn der gott bald still hält, bald schüttelt,
erwartet man schwankendes kriegsglück (d^cpoiigtov ßill i\mtxo)
wiederholt abwechselnd mit entschiedenem siege der Troer. Aber
Lachmann führt uns nur einen einzigen zustand des Schwankens
vor, in welchem zwei Griechen und vier Troer fallen, also die
Griechen im vortheil sind. Der letzte todte ist Melanippos, ein
Troer, dessen rüstung zu nehmen allerdings Antilochos von
Hektor gehindert wird. Aber dazu brauchte doch Apollo seine
aegis nicht zu schütteln. Also hätte er sie gar nicht geschüttelt
und würden die worte inti asTas gegenstandslos sein.
Gisehe.
130. Karl Lachmann's Vorschlag im zehnten liede
vom zorne des Achilleus & 402 — 507 an A 557 zu schliessen,
unter benutzung der gesammten über diese frage vorhandenen
Literatur als richtig erwiesen von H. K. Benicke n. Gütersloh,
1875. 8°. 72 s.
Ein zweites buch, darf man fragen, über denselben gegen-
ständ? Konnten nicht beide Schriften in eine verarbeitet wer-
den oder musste ein zweiter beweis geliefert werden, weil der
erste nicht ausreichte? Und, nach dem titel zu urtheilen, über
den theil ein umfangreicheres buch als über das ganze ? Die
innsbrucker Philologenversammlung ist eine unschuldige veran-
lassung dieser Unklarheiten. Ihr hatte vrf. einen Vortrag über
die obige frage zugedacht, einen Vortrag über eine detailfrage
mit einer unzähligen menge kleiner erwägungen, die man nur
in dem Studierzimmer, nicht in dem raschen treiben solcher Ver-
sammlungen, wo obendrein der text fehlt, anstellen kann. Der
Vortrag ist nur zum, wie es scheint, kleinen theile gehalten
worden und hat, wie man ohne prophetengabe voraus hätte sa-
gen können, nicht dazu geführt, dass die Versammlung dem vfr.,
wie er es wünschte, ein urtheil über den werth seiner arbeiten
abgab. Wenn er über denselben damals noch in zweifei war,
so scheint die vorliegende gedoppelte auslassung über eine frage
zu zeigen, dass der zweifei gegenwärtig gehoben ist. Die schrift
ruht auf einer ausgedehnten kenntniss der betreffenden literatur
aus welcher sie sorgfältig reiche auszüge mittheilt. Im anschluss
an diese bekämpft sie die ansichten der gegner Lachmanns,
dessen Übergang von A 557 auf ;Ef402 sie zu begründen sucht.
Nr. 4. 130. Homeros. 187
Das hätte geschehen können durch den nach weis dass A 558
flgde. nicht zu dem vorhergehenden gehören, dass ebenso 3* 402
flgde. nicht zu dem vorhergehenden gehören und endlich dass
sie nacli A ob7 stehen müssen. Diesen oder einen ähnlichen syste-
matischen gang schlägt die schrift nicht ein, sondern sie sucht z. b.
gegen Hiecke (p. 28) zu beweisen, dass er kein recht habe bis
A 595 zu gehen, dann p. 38 fde. dasselbe gegen Friedländer,
dann p. 42 dasselbe gegen Eibbeck, dann p. 49 dasselbe gegen
Holm. Dasselbe war schon p. 17 fde. behauptet und bewiesen,
und so findet sich alles was Lachmarm gesagt gegen jeden
einzelnen gegner besonders bewiesen, und wird alles bis zum
überdruss wiederholt; die Verbindung von A 557 mit 3 402
wird p. 14 vorangestellt als von Lachmann aufgefunden, p. 20
gegen Düntzer, p. 22 gegen Cauer, p. 23 gegen Cauer und
Hiecke, p. 35 gegen Köchly, p. 38 gegen Friedländer, p. 48 gegen
L. Gerlach, p. 49 gegen Holm vertheidigt. Vfr. ist so eifrig
in seinen bemühungen, dass er selbst p. 52 glaubt • alle kritiker
gehört zu haben', und doch gleich wieder gegen den schon
widerlegten Ribbeck eine lanze einlegt, ebenso wie er p. 33
Düntzer, Cauer, Friedländer und Hiecke widerlegt zu haben
glaubt und doch gleich wieder fortfährt gegen Hiecke zu streiten.
So schüttet man adversarien aus, aber einen klar durchdachten
und beherschten stoff entwickelt man anders. Schwerfälligkeiten
des Stiles, der sich durch einschachtelung von Zwischensätzen
und langathmige perioden auszeichnet, sowie gelegentliche sub-
jectivitäten und Seitensprünge auf erziehung zur frömmigkeit
(p. 25), eisenbahnfahrten mit gelehrten (p. 34), verkehrte be-
handlung der theologie und Codices des N. T. (p. 37), bedauern
von gymnasien, deren lehrer schlechte programme über Homer
schreiben (p. 35) u. a. erschweren ohne dies die Übersicht über
den stoff. Unter den vielen Wiederholungen ist nicht die sel-
tenste die erklärung von JSf 403 iml xijoamo noog Id-ü ol, die
sich noch bis in den nachtrag hineinzieht. Die worte heissen
nach dem vfr. : nachdem sich Aias dem Hektor wieder gerade
zugewandt (p. 21). Das 'wieder' steht nicht im Homer, ist
aber für vfr. wichtig, da die worte für ihn eine vorangehende
flucht und nach der flucht ein umwenden des Aias bedeuten
und so die Verbindung von A 557 mit 3 402 rechtfertigen.
Da die flucht für ihn sehr wichtig ist, vermuthet er (p. 31, 43,
188 130. Homeros. Nr. 4.
50) eine lücke; die Verbindung habe vielleicht ursprünglich ge-
lautet :
nsgl yag dCs vrjvßlv *A%aiu>v }
rag Mxi%$v (ptvyiov (isyuXoto Jiog 6ioc ßovläg'
Crfi da fjb(ta6TQ£(pd'slg i inst Ixsto i'&vog haiQtov.
Der erste der beiden vollständigen verse ist, wie schon
die falsche caesur zeigt, nicht von Homer, sondern vom vfr.
Warum nicht wenigstens fisyuXov Zrjvog? Aber inet tsiganio
fiQog l&v ol heisst: da er brüst gegen brüst nach ihm zuge-
wandt, nicht seitwärts von ihm stand, traf ihn Hektor nicht an
den schild, sondern da wo vorn auf der brüst die beiden riemen
liefen, gerade von vorn. Sie deuten nicht nothwendig auf vor-
hergegangene flucht und finden ihre natürliche erklärung wenn
man £ 1 — 401 herausnimmt. Dann schliessen sie sich unmit-
telbar an das ende von JV, wo nach heftigen wechselreden zwi-
schen Aias und Hektor die Troer auf die stillstehenden Achäer
losgegangen sind und nun Hektor seinem worte die that folgen
lässt. Es ist bekannt, wie Koch schon auf die vielen ausdrücke
hingewiesen hat , die N mit & 402 flgde. gemein hat. Auch
die spottreden, von denen in der vorigen anzeige gesprochen
wurde, kommen so in ein lied zusammen und geben dem gan-
zen einen einheitlichen charakter.
In einem nachtrage kommt vfr. auf eine äusserung, die ich
in dem Bursianschen Jahresberichte gethan habe , einige seiner
früheren arbeiten schienen reproductionen von collegienheften zu
sein. Er beklagt sich als literarischer spitzbube hingestellt zu
sein. Dieser ausdruck ist nicht von mir. Die reproduction an-
langend giebt er (p. 13) selbst zu, dass ein nicht unbedeutender
unterschied zwischen seinen früheren und seinen neuesten arbei-
ten sei, und (p. 67) dass sich in jenen anklänge an Haupt' s
Vorlesungen fänden. Es würde sich also nur darum handeln,
wie stark diese anklänge sind. Sie erstrecken sich nicht allein
auf sprachliche bemerkungen wie er angibt, sondern auch z. b.
auf nichtbeachtung der einwände Hoffmanns und sogar auf die
faden collegienwitze und die nicht classischen titulaturen, durch die
Haupt freunde und gegner zu unterscheiden beliebte. Er sagt
weiter Haupt habe nicht genannt werden wollen und ein schar-
fes äuge habe die bemerkungen desselben erkennen können.
Was beklagt er sich also dass man sie erkannt hat? Er sagt
/
Nr. 4. 131. Homeros. 189
auch, ' ist es denn ein unrecht sich von einem geiste beherrschen
zu lassen wie Haupt "war?' Als unrecht habe ich es auch nicht
hingestellt, nur die thatsache habe ich behauptet und behaupte
sie noch,
GiseJce.
131. De Genetivi Graeci maxime Homerici usu scr. J. A.
Heilmann, Marburg 1873. Doctordiss.
Nachdem der vfr. sich im eingange gegen die localisten, die
den gesammten gebrauch des genetiv auf die frage noShv zurück-
führen, ausgesprochen und das heranziehen der Sprachvergleichung
für nothwendig erklärt hat, um das wesen des griechischen ge-
netiv zu verstehen, constatiert er, dass man auf diesem wege
den genetiv als syncretistischen casus erkannt hat und handelt
dann 1) über den eigentlichen genetiv 2) über den genetiv als
Vertreter des ablativs 3) und 4) über den genetiv in instrumen-
talem und localem sinne.
Er meint zunächst , die grundbedeutung der casus sei ur-
sprünglich eine sinnliche gewesen und zwar eine örtliche (p. 9),
theilt also die von Lange auf der meissener philologenversamm-
lung gegen Curtius geltend gemachte ansieht, und ist der meinung,
die casus bildenden suffixe hätten ursprünglich locale bedeutung.
Der beweis für letztere behauptung ist ihm aber, wie überhaupt
der Sprachvergleichung noch nicht gelungen , wenigstens kann
ref. das p. 10 sq. vorgebrachte nicht als solchen gelten lassen.
Während nun die spräche die übrigen casus geschaffen habe,
um in der Verbindung zwischen nomen und verbum die ver-
schiedenen beziehungen auszudrücken , habe sie sich mit dem
einzigen genetiv begnügt, um die verschiedenen beziehungen
zwischen nominibus zu bezeichnen. Somit stimmt der vfr. denen
bei, die den gebrauch des genetiv bei nominibus für den eigent-
lichen und ursprünglichen halten (p. 12). Der versuch, dies
auch aus den endungen des genetivs im skt. (as und asya) zu
erweisen scheint uns nicht gelungen.
Bei der frage nach der ursprünglichen bedeutung des ge-
netiv in Verbindung mit nominibus wendet sich der vfr. gegen
Curtius, der den genetiv als den casus betrachtet, der die Zu-
sammengehörigkeit bezeichne. Diese definition berücksichtige
bloss die formale seite und sage ebenso wenig wie die erklär-
190 131. Homeros. Nr. 4.
ungen andrer grammatiker, welche bedeutung dieser Verbindung
zu gründe liege (p. 13). Der vfr. nimmt seinerseits an, der
genetiv sei zuletzt von allen casus entstanden (vielleicht mit aus-
nähme des dativ), da seine endungen secundäre bildungen seien,
nicht primäre, wie die der anderen casus und da seine an-
wendung schon einen höheren grad geistiger entwicklung vor-
aussetze. Nun stehe aber der localis dem genetiv so nahe,
dass der genetiv nach des vfrs. Überzeugung eine bedeutung
gehabt haben müsse '•qua simile quoddam significaretur atque ca-
sus localis significatione (p. 17), denn erstens fielen im dual beider
formen zusammen und seien auch wohl im plural mit Bopp auf
denselben Ursprung zurückzuführen , zweitens spreche dafür das
zeugniss der ind. grammatiker : so sage Pänini, dass gewisse no-
mina, die den begriff des herrn oder erben haben, sowohl den
genetiv als den localis zu sich nähmen, (aber die Veden bieten
kein beispiel von diesem gebrauche des localis), auch umschrie-
ben die ind. scholiasten den s. g. genetiv partit. gewöhnlich
durch madhye = in medio (p. 18). Dass letztere thatsache nicht
beweiskräftig ist , liegt auf der hand , und für die gesammtauf-
fassung des genetiv von seiten der ind. grammatiker genügt es
auf ihre benennung dieses casus ' sambandhas ' (Verbindung) oder
' geshas ' (ergänzung) zu verweisen , die der Curtius'schen auffas-
sung entspricht. Auch fänden sich, fährt der vfr. fort, in den
Veden wie im Homer in der bedeutung des localis, in letzterem
1) E 523 vrjvffi.Crjg, 525 r^vg, A 691 twv tiqotiqwv hiuiv, X
27 oncüQrig (wozu r} 118 ^{ifjuarog ovde &iosvg und v 278 vvxiög
zu fügen waren), 2) Totyov wv htgov bei s^sio und i£s I 219
S2 598 t/> 30, 3) P 372—3 waffJfg yatr\g—boüov, y 251 "Aoysog
*Axa'ixov , £ 107 — 8 rjnsiQoio fisXaCvrjg — avTTJg *I&dxt]g 3 y 108
TIvlov , '' ' Aqytog , Mvx^vrjg. ebenso seien ndgog, swg, ziwg ur-
sprünglich genetive im sinne eines localis, endlich gehörten hieher
die advv. auf oov.
Von der localen grundbedeutung aus Hessen sich nun die
mannigfachen Verbindungen des genetiv fast alle erklären (p.
23), so der possessive, partitive, subjective, objective genetiv.
Eef. findet, dass dies ohne zwang oder künstelei gar nicht mög-
lich ist. Oder wäre es keine künstelei, mit dem vfr. to (iTßog
rvHv Jiofafjbliüv durch die erklärung : der hass, der im bereich der
feinde ist, den die feinde haben, oder der hass, der sich im
Nr. 4. 131. Homeros. 191
(?) bereich der feinde erstreckt, der hass gegen die feinde auf
eine locale grnndanscliauung zurückführen zu wollen? Gegen
Windmühlen ficht übrigens der vir. , wenn er 428 vsaiv ev
uyCui't nicht erklärt wissen will: der kämpf um die schiffe das
ist zur erhaltung derselben, sondern der kämpf bei den schiffen,
im bereich derselben. Die richtige erklärung dieses genetiv
konnte ihm schon die note des Aristonicus geben r\ S. o. uyojvi
tm u9Q0ia/jan tüjv vsimv cf. id. 77 500 seh. A T42. Lehrs Arist. 2
149. Später aber, heisst es weiter, habe sich der gebrauch des
genetiv so erweitert, dass seine ursprüngliche bedeutung ver-
dunkelt und er wirklick der casus geworden sei ' gut cohaerentiam
arctarnqtie duorvra nominum coniunetionem indlcat. ' Weshalb denn
aber der genetiv geschaffen sei , wenn er ursprünglich in der
bedeutung vom localis nicht abwich, beantwortet der vfr. mit
einem hinweis auf die fruchtbarkeit der alten spräche. Nachdem
er aber einmal entstanden, sei der localis auf den gebrauch bei
verben beschränkt, doch finden sich auch noch reste von seinem
gebrauche bei Substantiven fp. 24).
Ref. findet in dieser darlegung unlogisch, dass der vfr., der
doch selbst p. 12 den gebrauch des genetiv bei nominibus als
den ursprünglichen hinstellt, zur erklärung dieses gebrauchs
von dem gebrauch des genetiv beim prädicate ausgeht (p. 19
sq.), ferner unerklärt, was veranlasste, dass der localis bei Sub-
stantiven durch den genetiv ersetzt wurde, endlich unklar, wenn
es bald heisst, der genetiv habe eine bedeutung gehabt, qua
simile quoddam exprimeretur atque localis casus significatione p.
17, bald e an dem significationem hahebant p. 24 auch der schluss,
dass alle casus eine sinnliche , also örtliche bedeutung gehabt h getrennt erscheinen, während sie sich bei Boeckh
zusammengeschrieben finden. Die Boeckh'sche scholiensammlung
bedarf überhaupt vielfach der Verbesserung; seine trennungs-
zeichen sind sehr unzuverlässig. Häufig findet sich das zeichen
des Moschopulos (f) vor Triklinianischen scholien und das des
Triklinios (§) vor Moschopuleischen oder sie fehlen ganz. So
fehlt das kreuz in der zweiten olympischen ode nicht weniger
als 13 mal, und 3 (oder 4) mal steht es falsch; von Ol. VI an
fehlt es ganz, obgleich wir noch genug Moschopuleisches vor
uns haben. Auch Boeckhs uXXug, r} ovrtog und das in die
neueren scholien (aus Mosqu. B?) eingeführte avvxafyg sind
nicht consequent angewendet und leiten oft irre. Nun ergeht
sich der vfr. wieder des breiteren über die anwendung des
Gvviatyg in den Lykophronscholien des Tzetzes und kommt dann
plötzlich durch einen glücklicken salto mortale auf das alter der
scholia vetera, die Boeckh zu hoch hinaufgesetzt; sie sind jeden-
falls jünger als Plutarch. Dies wird in überzeugender weise
nachgewiesen. Indem wir über den schon oben besprochenen
excurs (p. 49 — 67 u. 67 — 72) wegsetzen, kommen wir in das
centrum der arbeit, wo der vfr. gelegenheit findet, seine gründ-
lichen Pindarstudien zu verwerthen. Im anschluss an das oben
Nr. 4. 134. Pindaros. 199
über die drei paraphrasen gesagte wendet sich der vfr. zu
einer eingehenden characterisirung des Moschopulos und Trikli-
nios. Mit glücklicher benützung von Moschopulos' scholien zu
Hesiods "Egya wird gezeigt , wie seine im ganzen sachgemässe
paraphrase meistens mit nur kurzen sachlichen und sprachlichen
bemerkungen durchsetzt und öfters an einschiebsein aus seiner
sylloge kenntlich ist; während das eigenthümliche der Trikliani-
schen scholien durch eine sehr sorgfältige beobachtung seines
Sprachgebrauchs festgestellt wird. Dabei ergiebt sich, dass sich
in den neueren scholien mit ziemlicher Sicherheit entscheiden
lässt, was dem einen und was dem andern gehört-, es bleibt
dann nur noch ein sehr kleiner rest , der andern Ursprungs ist.
Ein weiteres resultat dieser Untersuchung ist , dass die Schnei-
derschen scholien im Widerspruch mit dem , was ihr titel sagt,
dem Triklinios gehören. Leider hat es der vfr. hierbei 'als
sehr unnöthig' unterlassen nachzuweisen, wie der name des
Thomas auf den titel gekommen ist. Die Mommsen'schen scho-
lien endlich sind bis Nem. LTI nur ein auszug aus den schol.
vetera, von da an selbstständig, aber werthlos und selbst für Tho-
mas zu geringfügig. An diese wirklich werthvollen Untersuchun-
gen schliessen sich — zum theil nach des vfr. art dazwischen
hineingestreut — beobachtungen über die bedeutung und den
gebrauch einzelner in den scholien häufig wiederkehrender aus-
drücke wie ioTogtctj das stets erklärungen mythologischen, histo-
rischen und antiquarischen inhalts bringt, die immer dem Tri-
klinios gehören (p. 88 — 91); o7ito&tv } tfinQoa&ev, nQwrjv (p.
101 — 104); das crjfteiov tf als zeichen für alles bemerkenswerthe
(p. 104 — 111); endlich Xflttimi in den schol. vetera, das als zum
tenor des paraphrasten gehörig erkannt wird (p. 111 — 118).
Eine praktische verwerthung finden die resultate dieser
Untersuchungen in einer vollständigen mittheilung der älteren pa-
raphrase von Ol. LX (p. 25— 32), dann von P. IV (p. 120— 142)
und einer an P. LX (p. 142 — 158) gezeigten vollständigen probe
der behandlung, paraphrase nebst commentar, mit ausscheidung
alles dessen, was sich sonst in der Überlieferung angesetzt hat;
— unzweifelhaft eine verdienstvolle arbeit, bei der nur zu be-
klagen ist, dass sie der hiezu mehr als andere fähige und be-
rufene vfr. nicht auf den ganzen Pindar ausgedehnt hat. Wir
würden ihm dafür vieles von seinen gelehrten excursen geschenkt
13*
200 134. Pindarofl. ffr. 4,
haben. Die gegebenen proben verdienen alle anerkennung,
wenngleich sieb, wie es bei einem derartigen versuch selbst-
verständlich ist, gegen das einzelne mancherlei einwände werden
erheben lassen. Nicht als ob wir den vfr. meistern wollten,
sondern lediglich um ihm einen beweis unserer dankbarkeit und
der aufmerksamkelt, mit der wir seine arbeit gelesen haben, zu
geben, erlauben wir uns schliesslich auf ein paar punkte auf-
merksam zu machen , wo doch vielleicht eine abweichende an-
schauung möglich wäre. Wenn zu P. IV, 148 bemerkt wird:
' es fehlt iv ayoga TiX^&ovwg oftlov, und dass die ayoga nicht
ausgelassen war, zeigt die paraphrase vers 165' — so dürfte
zu bemerken sein, dass die paraphrase hier keine lücke hat, in-
dem es bei Boeckh p. 354, z. 15 ausdrücklich heisst: zb SB
l§5?£ ' I Cxä S"T] iv ayoga nXrj&ovrog o%Xov. Die worte des dich-
ters sind, weil sie nichts ungewöhnliches enthalten, eben einfach in
die paraphrase aufgenommen. Wir erinnern dabei an das, was
der vfr. p. 46 über ähnliches sagt. Eine Störung dürfte sich
ferner vs. 184 finden, wo wir zwar darüber mit dem vfr. uns
nicht zu rechten getrauen, ob er mit recht den ganzen zusatz
Von ixTQctm'kov de auaidivrav — Tiagä jtdvra tä öCxaia aufgenom-
men hat-, aber jedenfalls durfte er dann hier nicht abbrechen
um mit xaiaxovoj 6s xbv äStxov Uiktav fortzufahren. Die pa-
raphrase scheint vielmehr ohne Unterbrechung von ov xaträ no
Slxatov ovGav (vs. 184) fortzugehen vers 190: tfvxivd noit
ß aüvXilav 6 Ztvg l^aqidaxo tut ^ilolw, xal xoig avxov naiGiv,
xaxaxovw d£ xxL Ebenso gehört vs. 250 zur paraphrase noch.:
dixalwg $iaxgivuvzag xoiig xgoTiovg ixxskstv ztjv \onxrp> tvämpovittv,
denn im vorausgehenden ist nur ogyag, aber weder vcpalvtw
(ßxrtrtefo) noch ^sfhiGütxfjdvovg (ßtxaiwg diaxgCvwioie) erklärt —
Was endlich die vom vfr. am überlieferten text vorgenommenen
änderungen betrifft, so erklärt es seine durch langjähriges Stu-
dium erlangte Vertrautheit mit den scholien, dass er ziemlich
couragirt mit ihnen umgeht und mit umstellen , streichen und
ändern nicht besonders ängstlich ist. Man wird ihm in den
allermeisten fällen sich zu dank verpflichtet fühlen, wenn er uns
nur einen dem erwarteten sinn ungefähr entsprechenden lesbaren
text herstellt, auch auf die gefahr hin, dass er dazwischen ein-
mal etwas zu tief einschneidet. Vermuthungen wie svcpgovrjv .zu
P IX, 27 oder das aus hvxojitjxvg entnommene XtvxwXByog P.
Nr. 4. 135. Sophokles. 201
IX, 32 werden sich rasch beifall erringen; ebenso auch Gvvzioq
zu P. IX, 65 für das tiberlieferte atfivog. An anderen stellen
dagegen wird man sich ablehnend verhalten müssen, wie z. b.
zu P. IX, 179, wo das scholion bei richtiger construction ohne
jede änderung verständlich ist. — Das ganze schliesst ein an-
hang über den falschen Hesychius Milesius und den falschen
Philemon.
135. Sophoclis Electra. In usum scholarum edidit Otto
Jahn. Editio altera curata ab Adolfo Michaelis libri Lau-
rentiani specimine photolithographo aucta. 8. Bonnae, apud A.
Marcum. 1872. — Vm und 144 s. — 3 mk. 60 pf.
Dass diese ausgäbe erst nach eilf jähren eine zweite aufläge
erlebt, lässt die art, wie jetzt besonders von der Jüngern gene-
ration das Studium der philologie betrieben wird, nicht grade in
einem besonders günstigen lichte erscheinen; denn sie ist in
gar vieler beziehung eine musterausgabe , die also jeder phi-
lolog besitzen und studiren sollte. Zuerst gilt dies von der
äusseren ausstattung ; damit meine ich nicht allein den druck
und das papier, obgleich beides vortrefflich, sondern vorzugs-
weise» die schönen und so sinnig ausgewählten Vignetten und
verwandten bildlichen darstellungen. Schon Heyne hat um die
phantasie der neuern auf den rechten weg zu leiten und um für
die erklärung richtige anschauungen zu wecken, im Tibull und
Vergil mit Fiorillo's hülfe ähnliches versucht: bei Jahn zeigt
sich wie nicht anders zu erwarten war ein bedeutender fortschritt,
da die kenntniss alter monumente verschiedenster art in unserer
zeit sich bekanntlich ungemein vermehrt hat. So tritt auf dem
titelblatt uns der gelungene stich eines in Ostia gefundenen
und in London jetzt aufbewahrten marmornen kopfes entgegen
tragicam spirans gravitatem, wie es p. Vlll in dem index imaginum
heisst : an ihm kann man sich wirklich eine Elektra vergegen-
wärtigen oder auch ihre maske. Vor der vita Sophoclis, von
der noch unten die rede sein wird, steht der herrliche köpf der
Sophokles-statue aus dem lateranensischen museum , leider nicht
ganz getreu; denn vergleiche ich die sorgfältige nachbildung
derselben bei Benndorf und R. Schöne die antiken bildw. des
later. mus. taf. 24 vergl. p. 154 flg., so liegt in den äugen
ein dem original fremder ausdruck. Vor dem specialtitel der
202 135. Sophokles. Nr. 4.
Elektra p. 25 findet man unter den -Worten Soyoxfa'ovg 'HMxtqch
nach einer marmorgruppe in Neapel, in dessen museum sich
Orest und Elektra in vielfacher darstellung zeigen, s. Heydemann
die vasensammlungen im mus. National, zu Neapel p. 77. 84 u.
s. w., dies geschwisterpaar in schöner gruppe, über welche s.
Kekule die gruppe des künstlers Menelaos p. 25 ; dann auf der
ersten seite des textes über demselben p. 31 das löwenthor von
Mykene nach W. Gell Argol. pl. 10, am schluss, p. 142 die
tödtung des Aegisthos nach einer volcenter vase in Berlin, welche
Welker Alt. Denkm. V, p. 287 erläutert: gewiss alles sehr
passend, erwünscht wäre aber für manchen, wenn p. VIII im
index imaginum derartige nachweisungen über die monumente,
wie sie hier gegeben, beigebracht wären.
Auf den titel folgt Ad. Michaelis praefatio p. V, welche
nach der angäbe, dass ihm 0. Jahn auf dem todtenbette die
besorgung dieser zweiten (sehr vermehrten) aufläge aufgetragen,
zunächst von der musterhaften Sorgfalt zeugniss ablegt, mit der er
diesem auftrage sich unterzogen. Dann erfahren wir da, dass im
lauf seiner Studien 0. Jahn angefangen habe zu zweifeln ob alle
Sophokles-handschriften vom L (Laurentianus) abstammen und
dass er um darüber klar zu werden, sich einen sichern kriti-
schen apparat zu verschaffen bemüht gewesen, der jetzt dieser
zweiten aufläge einverleibt ist. Für Jahn verglich H. Hinck die
stellen im L, bei denen Jahn glaubte an Dübner's angaben
zweifeln zu müssen, ferner Laur. 1 und g — bei Dindorf Lb
und r — : dazu kamen von K. Prinz sorgfältige collationen
von p = cod. Paris, nr. 2712 und e = cod. Paris, nr. 2884,
endlich von E. Hiller die des von Heimsöth öfter erwähnten cod.
Vindobonensis = V, dessen lesarten aber nur zum theil mitgetheilt
worden: sie alle sind p. 27 genauer beschrieben. Nach diesen
mittein gelangte Jahn zu der ansieht, dass LI — obgleich nach
Hinck p. VII 1 aus L nicht abgeschrieben — die erste und
beste, pe B (B = diorihota bei W. Dindorf) eine zweite familie
bildeten, g in der mitte zwischen beiden stehe; also:
/ \
LI peB
Diese ansieht kann man, um den werth und unterschied dieser
Nr. 4. 135. Sophokles. 203
handschriften zu bezeichnen, immerhin gelten lassen: das aber
ist in der ausgäbe und durch diesen apparat meines erachtens
nicht bewiesen, dass den Jüngern handschriften andre originale
als L vorgelegen hätten. An Michaelis vorrede schliesst sich
p. VH H. Hinckii de libri L et l disputatiuncula an, p. Vil,
p. Vm index imaginum: dann folgt p. 1 — 19 2o(poxXfOvg yivoq
xai ß(oq, auch dieses mit einem die frühern ausgaben an ge-
nauigkeit und Vollständigkeit der lesarten weit übertreffenden
kritischen apparat , der auf jeder seite unmittelbar unter dem
text mit kleinerer schrift steht: für ihn sind von R. Prinz, R.
Scholl und E. Hiller fünf handschriften vollständig verglichen,
sechs an verschiedenen stellen eingesehen: zu ihnen gesellen
sich dann die conjecturen der neuern, ebenfalls mit anerkennens-
werther Vollständigkeit gesammelt, wenn auch hier und da etwas
fehlt: so fehlt p. 2, z. 13, dass ich Gx qaxriytaic, statt des
überlieferten rrgiaßffaig in Philol. Suppl. bd. I, p. 107 vermuthet
habe, was schon um deswillen erwähnt werden musste, weil
die worte Bergk's Soph. trag. p. XIV not. 47 gegen sie gerich-
tet sind ; wie Bergk urtheilt auch Schneidew. Sophokl. I, p. XDH
flg. : dann aber auch deshalb, weil diese vermuthung als wirk-
liche emendation in den text gesetzt zu werden verdient. Denn
erstens verlangt sie der Zusammenhang ; da nämlich der satz
iytvexo o v v . . . e%rjxu£txo recapitulirt und im vorigen von
axQaxrjyCa die rede war, so muss das auch hier der fall sein;
ferner wird fast alles im §. 1 gesagte im folgenden weiter aus-
geführt und bestätigt, von gesandtschaften aber nicht gesprochen ;
drittens ist anderweitig von ngsößeCcug des Sophokles nichts be-
kannt; denn wenn er in Chios verhandelt, thuteresals Gxqaxr\y6g\
endlich hat Plinius , wie sich unten p. 206 ergeben wird, hier
Cxourriytuiq gelesen; nach alle diesem darf man dann schliess-
lich noch betonen, dass Sophokles als ächter tpiXad-r\vavog Athen
nach §.10 höchst selten verlassen hat, wie denn von reisen
bei ihm überall nichts verlautet, auch ein immerhin für die
Charakteristik des mannes zu beachtender umstand, da auch dieser
ihn von den frühern dichtem, die so viel auf der heerstrasse sich
befanden, unterscheidet. Dergleichen ausstellungen werden sich
in dem apparat wohl noch mehrere nachweisen lassen : trotz-
dem erscheint aber der text in wesentlich verbesserter gestalt,
wozu namentlich die erkenn tniss der mancherlei lücken in ihm
204 135. Sophokles. Ni\ 4.
beigetragen hat. Aber grade hinsichtlich dieser bleibt noch
manches zu finden: so meine ich giebt §. 15, p. 14 z. 79 idv
avdqa keinen sinn: vergleicht man Plin. NH. VII, 29, 109,
von welcher stelle gleich die rede sein soll, so ergiebt sich dass
die den plinianischen delicias suas entsprechenden worte, also
tov Iqwiasvqv aviov oder dergl., ausgefallen sind und man tov
avdqa . . . e lg tov xxl. zu schreiben hat. Aber auch an sonstigen
Verderbnissen fehlt es immer noch nicht: §. 1, p. 1 z. 5 heisst
es von Sophokles . . . GjqaTiqytag ä^Kod-^vai Gvv IlsqtxXsi xul
Oovxvdidy, xolg nqwTOig i% nolscog xxX. : welcher Thukydides
soll denn das sein? es muss *Avdoxtdr] geändert werden, da
dieser nicht nur wirklich mit Perikles und Sophokles GTqaxriybg
war , sondern schon seiner vornehmen abstammung wegen zu
den vornehmsten Athens gehörte. Auf andere weise ist §. 15,
p. 14, z. 78 verdorben: da ist kc*t' *A&r\vat<av späteres ein-
schiebsei, wie ausser anderen Plinius (s. unten p. 205) beweist.
Das muss hier genügen.
Unter dem kritischen apparat stehen in grösserer schrift
die auf das vom anonymen Verfasser des ßlog beigebrachte be-
züglichen stellen der alten, passend geordnet, wo eine verdor-
bene oder bedenkliche lesart, die conjecturen der neuern oder
die lesarten der handschriften mit äusserster Sorgfalt und kürze
beigesetzt, so dass man sofort eine sichere Übersicht über die
quellen jedes factums leicht gewinnt und das ganze einen eigen-
thümlichen und höchst instructiven commentar bildet. Nach-
bessern wird sich auch hier lassen: so ist zu beklagen, dass p.
11 a. e. die die liebesangelegenheiten des Sophokles betreffenden
stellen nicht ausgedruckt sind-, von der sonstigen Sorgfalt aber
ganz abweichend ist p. 10 die von der Theoris handelnde stelle
des Hermesianax ohne alle bemerkung hingestellt, obgleich der
text unsichre lesarten und mehr als bedenkliche conjecturen auf-
weist: gleich vs. 57 ist noXvnqijuva bedenklich und war also
Bailey's Ttolvjtqiqqwva doch zu erwähnen, vs. 59 aber führt
alles auf iyequiqs ©ewqtdog ifdog und oicda, was Michaelis im
text hat, ist schon wegen der construction zu verwerfen; ein de
scheint dann noch nach iyiqaiqs eingeführt werden zu müssen.
Auch die anordnung der stellen verfehlt meiner meinung nach
das richtige •, man sieht aus ihr, dass die herausgeber Theoris
für eine hetaire halten: aber beachtet man die erzählung des
Nr. 4.
135. Sophokles.
205
ß(og, die scholien zu Aristophanes, vor allem die zeit, in welche
des Jüngern Sophokles wegen die geburt des Ariston fallen muss,
so ist diese Theoris, die Sikyonerin, die erste gattin des Sopho-
kles gewesen : dazu stimmt dann vortrefflich das ysoutouv des
Hermesionax , eben so vs. 60 trotz seiner Verstümmlung: es
muss doch in ihm von etwas gutem und glücklichen die rede
sein. Aus allem hier gesagten ergiebt sich aber von selbst der
grosse von Jahn auf dieses yivog verwandte fleiss und zugleich
das erkennen des werthes dieser schrift ; er ist nun, besitzen wir
auch nur ein excerpt, wirklich ein bedeutender, wofür wir hier
nur den alexandrinischen Ursprung derselben kurz und zwar
mit Plinius dem altern geltend machen wollen ; denn dass dieser
unsre vita, natürlich besser und vollständiger, vor sich gehabt
hat, dürfte folgende vergleichung ausser zweifei setzen:
Soph. vit. §. 15, p. 14: Plin. NH. VH, 109:
xal xovxöv röv iottov imi(- Sophoclem . . . defunctum
wt^txoTwv Aumdai(iov[(i)v [xui? sepelire Liber pater iussit ob-
*A§r\vaimv\ AiovvGog xaz ovug
imGiäg AvGuvdgoa IxilsvGsv
Inngityai rtd-tjvai rbv uvdga***
sidentibus moenia Lacedaemo-
niis , Lysandro eorum rege in
quiete saepius admonito ut
elg rbv Tutpov* uig <T wXiyogrjGsv pateretur humari delicias suas.
b AvGavSgog Stvngov avrco requisivit rex quis (Jahn qui)
iniGirj b JiovvGog rb avtb xs- supremum diem Athenis obiisset
Xtvcov ' o de AvGavdgog nvvS-a- nee difficulter ex his (?) quem
vöfitvog Ttaoa raiv (pvyudwv ttg deus significasset intellexit pa-
tirj b Tt\ivTT\<Sag xal fxa&mv ort, cemque funeri dedit.
2o<pox\r\g vTiagxtt xr\gvxa nffixpug
IStdov ddmuv ibv uvSgu.
Dabei beachte man den mit der nennung Lysanders began-
genen historischen fehler. Dieselbe Übereinstimmung zeigt sich
noch in folgenden stellen:
Soph. vit. §. 14, p. 13: Plin. NH. VDZ, §. 180:
ol 6i ofi iiitu. rfji' iov Sgu- gaudio obiere . . . Sopho-
fiurog avdyvwGtv (?) ort vixuv cles et Dionysius Siciliae tj-
ixrjovx&r], x a Q$ f'Htti&ttg i^ihns. rannus, uterqne aeeepto tragicae
victoriae nuntio.
Soph. vit. §. 1: Plin. NH. XXXVn, 40:
iyivtw ovv SoyoxXrjg xb super omnis est Sophocles
yivog a 'Ad"t\v aiog . . * xal tot ... cum tanta gravitas ei co-
206 135. Sophokles. Nr. 4.
ß[M xal TJj TtoiY[GM negtcpavrjg, thurni sit, praeterea vitae fa-
xaXwg t inmSiv&?] xal irgayr] ma, .alias principe loco natus
iv tvnogCa, xai iv noXmta, xal Athenis, et rebus gestis et
iv tTQMtßeCaig [lege GTQarqytoug] exercitu ducto.
l%qid£tro.
Auf dies yivog, das am ende völlig zusammenhangslos wird,
folgt p. 19 der artikel über Sophokles aus Suidas, dem das
excerpt aus Eudokia hätte beigegeben werden können; die
schwere stelle : xal ngwtog r\g%e rov dgäfia ngbg Sgafia aywvfe-
G&aij aXXä fir) rsrgaXoyeiß&ai. xal h'ygatytv iXsyt(av rs xal naiavag
xal Xoyov xaraXoyadrjv ntgl rov x°Q°v> ngbg OiGmv xal XovgtXov
äyiovt^ofitvog — so giebt sie Jahn — durfte nicht ohne kreuze
und zeichen der lücke durchgelassen werden: denn seit der
scharfsinnigen und erfolgreichen behandlung derselben durch W.
Dindorf Sophocl. trag. T. VIII, p. LX muss arge confusion in
ihr für zweifellos gelten; die worte jtgbg Qtßmv xrX. können
wegen äyiov^ofievog nur auf aytovBg fiovcixol gehen und da
solche Sophokles mit Thespis nicht bestanden, müssen diese und
die vorhergehenden auf Phrynichos bezogen werden, der also
wie Lasos prosaisch über seine kunst geschrieben, wie Aeschylos
eine elegie — dadurch fallen die Schwierigkeiten weg, welche
mir der singular iXtysCav im Philol. XXI, p. 77, vgl. p. 682 gemacht
— , wie Sophokles paeane gedichtet und dabei noch meister in
der tragödie gewesen. Deswegen bedarf es aber in den Worten
xal ng&xog — 7ttgaXoyei(S&cu keiner änderung : sie waren, wie mir
scheint, ursprünglich polemischer natur und steht zsigaXoyetc&at
in seiner ersten, von der bei uns jetzt gebräuchlichen etwas
abweichenden bedeutung , nämlich von vier in engstem innern
zusammenhange stehenden dramen. So verstand es Thespis, der
deshalb nur einen titel für die ganze tetralogie, d. h. für die
vier dramen gebraucht : der fortschritt des Phrynichos bestand,
abgesehen von änderungen im äywv povöixog, in der selbstän-
digeren haltung der vier dramen: daher brauchte er zwei titel,
ab und an noch mehr, da er wie Aeschylos allmählig zu seiner
vollen kunst gelangte. Dafür dürfte in den nachrichten über
die OoCvKSGat und Svvd-ioxoi vielleicht noch ein beweis gefunden
werden, dann aber besonders darin, dass durch diese auffassung,
also durch Dindorf's schönen fund , Zusammenhang und klarheit
in die entwicklung der tragödie kommt , dass ferner mm die
Nr. 4. 135. Sophokles. 207
worte des Aeschylos in Aristoph. Ean. 1297 . . . . tva fi^ zov
avrov &QwCxq) Ati^iwva Movffwv Uoov ocp&elrjv Soe niov, einen
wirklichen sinn erhalten: die chorgesänge machte Aeschylos
eigentümlich, die einrichtung der tragödie im ganzen war der
hei Phrynichos gleich. Dies nur begründung und nähere be-
stimmung des im Philol. Anz. I, 2, p. 84 gesagten; vrgl. auch
Philol. XrV, p. 188. Zugleich lässt sich von hier aus auch
der Zusammenhang zwischen den %6ooi jgaytxoi in Sikyon, die
denen in Ikaria doch wohl näher standen, und dem dithyramb
des Arion einerseits und der tragödie des Thespis andrerseits
ahnen, wie schon im Phil. Anz. 1. c. angedeutet.
Auf den artikel des Suidas folgen die den Sophokles be-
treffenden stellen des Marmor Parium p. 20, auch darunter die
stellen anderer die dort erwähnten facta berührender alten, dann
p. 21 — 23 Epigramme auf Sophokles mit kritischem apparat,
wo in einer note wohl die verse in Cramer. Anecdd. Gr. T.
rV, p. 309, 20 eine stelle hätten finden können, p. 25 sq. eine
annorum notatio d. h. die griechischen stellen chronologischen in-
halts, didaskalien u. s. w., darauf die Elektra selbst, aber p. 26
erst stellen späterer, wie des Tzetzes, urtheile und ähnliches
über die tragödie enthaltend, p. 2 7 verzeichniss und beschreibung
der handschriften , aus der wir vom L die bemerkung hervor-
heben, dass die verschiedenen späteren hände sich nicht sicher
unterscheiden Hessen; p. 28 beschreibung der die scholien ent-
haltenden handschriften, darunter die bekannte subscriptio des
L; p. 29 verschiedene vnod-sctig , p. 30 zu, zov nagoviog Sqd-
fiazog ngogcona und nun endlich p. 31 — 144 der mit umsichtigster
Sorgfalt behandelte text der Elektra, darunter in kleiner schrift der
kritische apparat, unter dem in grösserer schrift als commentar
die scholien und die auf die Elektra bezüglichen stellen aus
Eustathios und den griechischen lexikographen u. s. w. stehen,
Alles in eben so sauberer, sorgfältiger behandlung , wie wir sie
in dem yivog gefunden haben , aber eignes urtheil , begründung
irgend einer lesart u. s. w. ist ganz ausgeschlossen. Zu beidem,
dem kritischen wie zu dem erklärenden theile lassen sich nach-
trage und berichtigungen , wenn gleich nicht mit leichter mühe,
finden: so fehlt bei dem vielbesprochenen versl64 die conjectur
Mayhofs gr^Mtzi für ßq/nuri, was wohl mancher gedacht, aber
klug genug bei sich behalten hat, s. Mayhof comm. crit in
208 135. Sophokles. Nr. 4.
Demosth. Plat. Soph. p. 18 sq. (Lips. 1870), zu vers 1222 die
ansieht Meutzner's über die personenvertheilung , Meutzner de
interpolationis apud Demosth. vestigiis Plauen. 1871, p. 18, wo
auch noch ein paar andre stellen aus der Elektra besprochen
sind; zu vers 21 die conjeetur Eauchenstein's im Philol. Anz.
IDT, 7, p. 358 wg htav&a vw u. s. w. : im andern theile konnte
für iimG%oil(6&ri vs. 440 noch Miller Melang. de la Liter, gr. p.
109 benutzt werden, für alavijg vs. 499 Cramer. Anecd. gr. IV,
p. 97, 25. 99, 30: doch statt dergl. zu häufen, mache ich
schliesslich auf einen übelstand aufmerksam, den nämlich, dass
nach dem plane der ausgäbe die vertheidiger der Überlieferung
nicht aufgeführt worden ; ich meine dagegen, eine sorgsame aus-
wahl derselben sei geboten und glaube, dass jedem, der die con-
jeetur-sucht unserer zeit und auch die ziele unserer Wissenschaft
kennt, das conservative element in unserer Wissenschaft hervor-
gehoben und anerkannt zu sehen , nur erwünscht sein wird.
Diese und ähnliche bedenken schmälern indess das verdienst der
ausgäbe nicht im geringsten, das in dem mit eisernem fleiss so
vollständig und so gesichtet vorgelegtem material für philologi-
sche behandlung des drama besteht; denn durch dieses wird
das Studium meiner Überzeugung nach viel sicherer als durch
die jetzt beliebten sogenannten Schulausgaben mit deutschen
noten gefördert. Daher wäre denn auch nichts Wünschenswerther,
als dass auch die andern stücke des Sophokles in dieser weise
behandelt würden; um dazu anzuregen habe ich diese anzeige
geschrieben, nebenbei um für die dritte aufläge ein schärflein
beizutragen, vor allem aber, um an einen philologischen meister,
der trotz schwerer prüfungen des lebens die angeborne anläge
unausgesetzt für gedeihliche förderung seiner Wissenschaft ver-
wandte, das jüngere so leicht vergessende geschlecht zu er-
innern und dadurch der bei uns leider boden gewinnenden, dem
deutschen wesen wie der Wissenschaft bedenklich werdenden
trägheit nach kräften entgegen zu arbeiten.
Ernst von Leutsch.
136. Friederici Wieseleri commentatio de aliquot
locis Sophoclis nondum satis explicatis aut recte emendatis.
Gottingae. 1873. (Index schol. wintersem. 1875/6.) 4. 17 s.
Pag. 3 bis 8 beschäftigt sich der verf. mit der Electra und
Nr. 4. 136. Sophokles. 209
sucht zunächst nach den verschieden aufgefassten anfangsversen
die scenerie zu bestimmen. Unter den auslegern sind die einen
mit den scholien der ansieht, der dichter habe die städte My-
kenä und Argos confundiert und haben danach die decoration
reconstruirt. Diese meinung verwirft der verf. mit schlagenden
gründen, — denen er noch hätte hinzufügen können, dass aus
v. 8 ff. oi 6' txavofitv, cpußxHV Mvxrjvag zag 7ioXv%Qvaovg bqoiv
deutlich die trennung beider städte erhellt — und schliesst sich
mit recht denen an , welche unter ro itakaiov "Aqyog die land-
schaft Argolis verstehen. Hierauf sucht er folgende scenische
anordnung zu begründen. An der hinterwand setzt er richtig
die königsburg und die stadt Mykenä an; die periakten an-
langend, geht er davon aus, dass der pädagog sich vor beginn
seiner rede den Zuschauern zugewandt habe, und nimmt dem-
gemäss an, dass an der periakte zur linken des Schauspielers
das Heräum dargestellt war (vs. 7 ov% äqtaitQug d' o6e "Hqag
6 xXeivbg vaog). In der that lag dasselbe links vom wege nach
Argos, war nicht weit von Mykene entfernt und gehörte einst
zum territorium dieser stadt — gründe, welche für die periakte
der heimath zu sprechen scheinen. Auf der entgegengesetzten
periakte soll dann zov Xvxoxiövov dsov äyoqä Avxuog eventuell
mit einigen andeutungen der stadt Argos selbst sichtbar gewesen
sein. Dieser anordnung könnte man seine Zustimmung nicht
versagen, zumal so (s. pag. 6) auf den beiden periakten sym-
metrisch die beiden hauptheiligthümer der landschaft Argolis
dargestellt gewesen wären, wenn derselben nicht folgende princi-
pielle bedenken entgegenständen. Einmal wäre es doch auf-
fallend, wenn die argivische uyoqd dicht neben dem von Korinth
nach Mykene führenden wege läge, während doch unter allen
umständen die stadt Argos mit zur heimath des Orestes gerechnet
werden muss. Die aufstellung des verf. erinnert an den fehler
derjenigen, welche eine confundierung beider städte annehmen.
Sodann ist es nicht über allen zweifei erhaben, dass der pä-
dagog vor beginn seiner rede sich den Zuschauern zuwendet.
Es scheint im gegentheil der Situation einzig zu entsprechen,
wenn er nach seinem auftreten durch den hinter der linken (vom Zu-
schauer) periakte belegenen eingang, den Zuschauern die rechte
seite zuwendend, stehen bleibt und dem Orest die wichtigsten
punkte seiner heimath zeigt. Dass weder das Heräum , noch
no 136. Sophokles. N*. 4.
die ayoqd in Wirklichkeit von Mykene aus sichtbar waren, thut
dabei nichts zur sache ; beide konnten darum doch auf der bühne
dargestellt sein ; nur mussten sie beide auf der seite der heimath
liegen. Somit nehmen wir an, dass an der hinterwand, deren
mitte von der königsburg und gebäuden der Stadt Mykene ein-
genommen wurde, rechts (vom Zuschauer) von dieser auf einer
anhöhe — jedoch nicht der Akraea (vgl. Burs. G-r. Geogr. II, 1
taf. I) — das Heräum sichtbar war, das also, nach vs. 7 ol>£
äqiGTiqug, dem pädagogen zur linken lag, und dass an der
rechten (vom zuschauer) periakte das ulcog, die äyoqä Xvxnog und
vielleicht einiges von der stadt Argos gesehen wurde. Dann
erklärt sich auch leicht die reihenfolge, in der der pädagog
die einzelnen gegenstände aufzählt. Was an der periakte zu
sehen war, fällt ihm zunächst ins äuge, dann wendet er den
blick auf die hinterwand und zeigt das Heraion und zuletzt die
nächstgelegene königsburg. Natürlich waren der tempel sowie
die ayoqd in fernsieht dargestellt, was nach den nachrichten
über Agatharchos und der muthmasslichen aufführungszeit der
Electra sehr wohl geschehen konnte. Was auf der periakte der
fremde und links neben der bürg am hintergrunde dargestellt
war, darüber enthalten wir uns weiterer vermuthungen. Die
sonst sehr schwierige aufgäbe, die scenerie der alten dramen
herzustellen, ist besonders misslich, wenn so wenige anhaltspunkte
vom dichter gegeben werden, wie in der Electra. Wir bemer-
ken noch, dass der verf. seine frühere conjeetur zu Poll. On.
IV, 126 iwv fit i>T oi naqöötav f} (i£Ta ds%id jetzt ersetzt durch
v[ filv elg oder ini defyd. Wir fassen die stelle überhaupt
anders und halten eine änderung des textes % [ih öe'^td für
unnöthig.
Hierauf wird Electr. vs. 1458 ff. Giyüv avojya xavadeix-
vvvou nvXag \ naGip MvxrjvaioiGiv y Aqytioig & oquv behandelt
und vorgeschlagen xävadtixvvvai 'v rrvXaig | nuGiv MvxijvaCoig
viv *Aqyttoig & bquv; glaubwürdig, wenngleich die aphäresis
von iv eine sehr seltene ist. Wenn aber dann auch für Giyäv
oXytiv empfohlen wird, weil Elektra den befehl des Aegisth
nicht schweigend ausführen könne und in der that v. 1464
antworte, so sind diese gründe nicht zwingend, da das Giydv
nur auf die letzte antwort der Elektra geht: %aiQOtg uv 3 tX coi
Xaqia ivyxdvei Tudej durch welche sich Aegisth verletzt fühlt.
Nr. 4. 136. Sophokles. 211
Den ausführungen über das ekkyklem, dessen anwendung hier
geleugnet und das bei Sophokles überhaupt nur Aj. 344 aner-
kannt wird, wird man beistimmen; dahingegen können wir die
conjectur p. 8 zu Antig. 1280 lotxod-'' rjxeig für eoixug i]xeiv,
wo toixag durch das wg iftOüv je xal xixir\fiivog (1278) gestützt
wird , obwohl sie an und für sich einen guten sinn giebt, nicht
für nothwendig erachten.
Es folgen p. 8 bis 13 zwei weitere stellen der Antigone,
zunächst v. 441 ff., wo der responsion mit v. 443 wegen v.
442 vorgeschlagen wird: <pr\g flV anaqvti firj dedqaxivau tuÖb;
ohne zweifei eine sehr feine änderung, deren nothwendigkeit jedoch
fraglich sein dürfte, da das unu% Xeyoy,£vov xaxaqvil keinen an-
stoss geben kann, und wenigstens in der Elektra v. 1108 ff.
ein sicheres beispiel vom Wechsel der ausdrücke in frage und
antwort existirt: HA. oXfiot Ta"kaw\ ov 6iq jio&\ qg rjxovaafisv
| (fr^fjby\g cpigovitg ificpavrj zexfiqQiw, J OP. ovx oWa it]v Ctjv
xlrjdov. Sodann werden sehr eingehend die an mehreren
stellen verderbten verse 966 ff. behandelt, um die sich der verf.
bereits durch die anerkannte conjectur Kvavtuv Cmluduiv (Gott.
Ind. Schol. sommer 1857) verdient gemacht hat, und zwar wird
zuerst statt didvfiag öiövfiäv geschrieben und auf ontXudwv
bezogen (cfr. Pind. Pyth. IV, 209 und Eur. Jph. Taur. 124);
ferner wird Bogjioqiui in B oßnogCug (auf äXög zu beziehen)
verbessert und damit auch der hiatus vor ld' beseitigt; ausser-
dem wird statt der Böckh'schen ergänzung einwog, dessen aus-
fallen man nicht recht begreift, aXfivqog vorgeschlagen, welches
allerdings vor HalfJkvdqCGog — worunter die bei Scymn. Ch.
bei Müller Geogr. Gr. min. II, p. 224, vers 717: «fr' aiytuXog
xig ^alfiodrjGog Xeyöfitvog | Icp imaxoßia Groidia tevctycodrig äyav
und sonst erwähnte gefährliche küstengegend zu verstehen ist
— leicht ausfallen konnte. Endlich wird noch für ay%f,nofag
eyxon'kog = lyxto (hnlißfiivog vorgeschlagen, eine nicht unbe-
denkliche neubildung, für welche das von Wieseler selbst ver-
muthete i'yx wqog oder das Dindorfsche äy%ov qog einst-
weilen vorzuziehen sein dürfte. Die stelle würde somit lauten:
naqa di Kvavsäv Girikudiov 6i6v[xäv aXog
axial BoGnoqiug ZcT o OqtjxüIv äXfivqug
2aljxv6rjG6Ög, iV äyxovgog (?) * ' Aqr\g xiX.
Pag. 13 geht der verf. auf den Oed. Coloneus über und schlägt
212 186. Sophokles. Nr, 4.
zunächst vor, vs. 17 statt tzvxvotitsqoi, da dieses weder in der
bedeutung ' dichtbefiedert ' noch in der 'zahlreich 1 zu halten,
ein epitheton ornans überhaupt hier durchaus unmöglich sei, zu
lesen nvxv ottzsqov = locum in quo multae sunt aves; gewiss
eine scharfsinnige bemerkung; indessen ist die apodiktische ver»,
werfung des epitheton ornans doch wohl nicht über jeden zweifei
erhaben. Sodann wird zu vs. 113 f. aiyijaofiat xe xal Cv fi
c| bdov noöa \ xovipov xar äXöog die unStatthaftigkeit von bdov
gezeigt, denn '•quis tulerit dictionem c§ bdov, quum Oedipus intra
aßaiov, quod graece appellatur, consederitt' und anerkannt, dass
auch das unbequeme noda zu beseitigen sei, jedoch Volkmar's
i'£xa rovdi' bdov verworfen, da auch der theil des haines, in den
sich Oedipus vs. 113 zurückzieht, zum %akxönovq bdog gehört.
Dagegen vermuthet der verf. «§w zov xonov, wo b lonog = locus
quem jam tenes. Sollte man dafür aber nicht lieber lesen xal
üv fju ix tovtov nidov, was sich der handschriftlichen lesart
enger anschliesst? Cfr. vers 466 f. ip äg | to nqwxov Ixov xal
xctTioieiipug nidov. Hierauf folgt die erklärung von vers 192 f.:
aviov ' (ir}xht tou<T äriijvhoov \ ßrj^arog e%ai 7166a xXCvtjg. Dieses
ßr,fia ist verschieden von dem ä^earog nirgog 119 und dem
aefjbvbv ßd&qov äßxinaqvov vers 100. Es heisst ävitnsiqov, weil
es entweder jenem a^saiog nfroog gegenüberliegt, oder — was
der verf. vorzieht — ebenfalls ein unbehauener stein ist. End-
lich werden die worte vers 195 f.: Xi^oiog y' in ccxqov | Xäov
ßoax&g bxXdaag besprochen und schliesslich zusammenfassend
folgendermassen erklärt : ' Sedet igitur Oedipus in extrema lapidis
parte ita, ut corpus obliquum sive transversum (h. e. faciem neque
ad fanum Eumenidum, quod repraesentatum est in Scaena, neque
ad orchestram, in qua chorus versatur , directum) et crura non in
longitudinem extenta , sed inflexa habeat (ut pedes ex neutra parte
dependeant). Verbo ßqa%vg non ad sedem humilem, sed ad corpus
cruribus inflexis breve factum respicitur. ' Mit der bemerkung, dass
gelegentlich noch die fragen, ob der gesang der nachtigallen
im haine der Eumeniden durch musik nachgeahmt worden und
wie die scenerie anzuordnen sei, um vers 162 die worte nolXd
xiXiv&og ioazvH zu rechtfertigen, aufgeworfen werden, schliessen
wir unseren bericht über die so anregende abhandlung.
137. Studia Plautina. Von dr. 0. Seyffert. Vor
Nr. 4. 137. Planttus. 213
dem neunten Jahresberichte des Sophien-gymnasiums in Berlin.
Ostern 1874. — 31 s. 4°. (Berlin, Calvary & Co., 10 ngr.).
Dieselben Vorzüge, die Oscar Seyffert's frühere beitrage zur
texteskritik des Plautus im Philologus (XXV, p. 439 ff.,
XXVI, p. 722 f., XXVII, p. 432 ff., XXIX, p. 385 ff, XXX,
p. 433 f.) zu so bemerkenswertken leistungen machten: sorg-
fältigster fleiss beim aufsuchen des zur feststellung eines Sprach-
gebrauchs nöthigen materials, feine beobachtungsgabe über die
anwendung desselben und seinen werth für die herstellung ver-
wandter stellen , überhaupt entschiedene befähigung zur auffin-
dung von schaden und oft glücklichen hei hing derselben, —
zeichnen auch diese jüngsten Studia Plautina in noch höherem
grade aus. Sie sind die am meisten durchdachte und reife
arbeit Seyffert's : schon der Zeitaufwand und die mühe, die zur
durcharbeitung erforderlich sind , zumal bei der äusserst ge-
drängten, zuweilen schwerfälligen und verwickelten darstellung,
zeigen, welch 1 reichhaltiger und gediegener inhalt hier zu be-
wältigen ist. Wie in jenen früheren beitragen werden auch
hier, der alphabetischen reihenfolge der komödien nach, ent-
weder einzelne stellen für sich behandelt oder an die besprechung
einer noch andere, nicht selten in grösserer zahl, gereiht, die
an demselben oder ähnlichem Verderbnisse kranken. Von ein-
zelnen gut hergestellten versen heben wir hervor: Asin. 67
eo für ego, Aul. III 6, 34 zu ergänzen: Non quod potem ego
quidem hercle habeo, IV 7, 18 cum für nunc (wie Amph. 638
für dum), IV, 10 1 : lmmo ego sum et miser et perditus, IV 9,
10: heu me misere miserum, perii; Bacch. 552 Et ego, ebenfalls
Truc. II 7, 23 Et nos [so auch Bugge in den N. jahrb. f.
Phil. CVn p. 413, mit dem, ebends. p. 418, Seyffert auch Truc.
V 37: deterrere potes hunc ne amem im wesentlichen zusammen-
getroffen ist]; Bacch. 1099 Hoc hoc est quod cor pwacescit (&na,y.
Oct.) ; 1196 mitte für fiunt; Truc. II 6, 28 Loquere. — Nudius
quintus natus ille quidemst. — Quid postea? Cist. IV 1, 8 Nam
hercle ego quam illam anum — sinam, satiust mihi e. q. s., ibd.
extr. v.nde haec gentium st? An quis deus obiecit hanc e. q_. s.
Epid. I 2, 45 Quid tu? nunc patierin e. q. s. (woran sich eine
ganze reihe verbesserter interpunctionen schliesst), Mil. glor. 88
ille st miles mens erus, 1207 vielleicht Equidem ego te liberabo,
1134 Commoditas, 977 extrudam mit Lambin, 1296 haben BC
Philol. Auz. VII. 14
214 181 Plautus. Nx. 4.
das richtige, wie viele beispiele, besonders mit Nam ego, zeigen,
1301 i für heus, 1405 ad eam ut irem. — Quor ire ausu's? —
Von weiterer tragweite sind 1) die beobachtungen über ama-
bo und ita di faxint p. 1 sq., durch welche mehrfach eine rich-
tigere personenvertheilung ermöglicht wird-, unter den sonstigen
Vorschlägen zu einer solchen heben wir als besonders gut her-
vor den zu Poen. III 2, 29 — 30: Adu. Hie. . . . iubet. Ag.
Abeamus; et uos: satis dictumst] 2) über die vertauschung sel-
tener archaischer Wörter und formen mit gewöhnlichen p. 4 sqq. :
man lese daher Asin. 940 abitis für abis, Aul. II 2, 34 und IV
8, 10 hau für non, Cure. 724 hauscias für nescias, Aul. II 2, 84
hercle für edepol, Men. 872 umgekehrt, Stich. 474 pol für hercle,
Pers. 39 fiducia für confidentia (und med für me), Men. 307
habes für habitas , Merc. 436, vielleicht auch Most. 222, diui
für di, Stich. 255 dates für dares; fast überall treten in Wahr-
nehmungen des sonst üblichen Sprachgebrauches, bestimmter for-
mein, ähnlicher vertauschungen u. drgl. bestätigende gründe
hinzu. Die Untersuchungen 3) über retraetatio verschiedener
komödien p. 10 — 12 ergeben, dass u. a. Bacch. 166 sq., Poen.
ni 6, 13; V 3, 41 sq.; V 2, 82 sq. 90—92 (= 84—89),
Poen. prol. 124 sq. 127, 126 (= 121—123 -f 128), vielleicht
auch Mil. glor. 987 K. einer solchen ihren Ursprung verdanken.
Die 4) nach Bothe und Fleckeisen wieder aufgenommene form
tarn = tarnen wird empfohlen für Merc. 734, prol. 35, Stich.
44, arg. acr. 2, Epid. IV 2, 18, Poen. I 2, 70, Truc. IV 3,
59. (5) Lücken werden mit gutem gründe angenommen Cure.
337 (nach militemj, Epid. III 2, zwischen 12 und 13, und be-
sonders zwischen 14 und 15, Kud. nach 1021 und vor 1394,
vor Stich. 608. (6) Da ein Substantiv oder pronomen nach
eingeschobenem relativsatze durch is, seltener durch ille, wieder-
holt wird, sind formen jenes fürworts statt der überlieferten von
hie einzusetzen Capt. prol. 2, 112, Poen. III 5, 26, Most. 859,
863 ; lehrreiche graphische bemerkungen unterstützen hier wie
anderswo die Verbesserungsvorschläge.
Mit dieser auswahl des nach unserem ermessen besonders
gelungenen in zwei dritteln der Studien (bis p. 21) müssen wir
uns hier begnügen, vollständige mittheilungen einem anderen
orte vorbehaltend. Kann man sich auch zuweilen des eindrucks
nicht erwehren, dass der verf. in seinem bestreben, häufig wieder-
Nr. 4. 137. Plautüs; 215
kehrende ausdrücke nur in ganz bestimmter (formelhafter) fassung
zuzulassen, etwas weit geht (das adjectiv miser bei verben
des affects z. b. ist doch eigentlich nur bei perii constant, wie
schon Fuhrmann in den N. Jahrb. f. Philol. IC p. 482 be-
merkt hat-, zu Seyffert's beispielen für misere p. 9 kommen noch
Pseud. 4 und Mil. glor. 616 R), und mögen auch bei der
durch ellipse erklärten , weitausgedehnten Zulassung eines oft
schwer verständlichen nam (p. 19 sq.), bei dem aus argentum
corrumpirten hercle Rud. 1413 (p. 15, not. 12, man beachte das
im folgenden drei mal wiederkehrende hercle), und sonst zu-
weilen, bedenken aufsteigen — : beachtenswerth und ansprechend
ist doch fast alles, was Seyffert vorbringt, vieles unbedingt
richtig und mit dank in den text aufzunehmen. Wir dürfen
daher in diesen Studien die neben den schönen leistungen von
A. Luchs unstreitig hervorragendste arbeit des letzten trien-
niums (in dem Studemund und Spengel geschwiegen) erblicken,
und schliessen mit dem wünsche, dass der hochverdiente verf,
uns bald wieder mit einer ähnlichen reichen gäbe erfreuen möge.
— Von druckfehlern der zahlen haben wir bemerkt p. 5 : Capt.
V 4, 3 für IV 4, 5 (913 PI.), not. 4 1.3: 1003 für 1015 Brix.,
p. 6: Cure. V 4, 24 für IV 4, 24 (580 FL), p. 18: Pers. 234
für 534, p. 26 : Mil. glor. 153 für 1153; durch irgend einen
druckfehler ist auch die emendation zur Cist. IV 2, 23 (p. 18
oben) unklar geworden. Aug. 0. Fr. Lorenz.
138. Plautus's Mostellaria, udgivet af Sophus Bugge,
oversat af Fr. Gjertsen. Kristiania. P. T. Mallings bog-
handel. 1873. 8°, 116 s. (Berlin, Calvary & Cie, 20 ngr.)
Es ist das erste mal, dass der herausgeber, dessen vorzüg-
liche, in verschiedenen Zeitschriften zerstreute, emendationen ein-
zelner stellen ihn den besten deutschen Plautuskritikern würdig
an die seite stellen, mit einer ganzen komödie hervortritt. Mit
gespanntem interesse werden deshalb die auf diesem gebiete be-
schäftigten das buch in die hand nehmen, um in bezug auf
manche wichtige punkte, über die sich auszusprechen ein so be-
deutender kenner des dichters bisher nicht gelegenheit gefunden
hatte, seine ansieht kennen zu lernen, vielleicht auch in der
hoffnung einige verzweifelte stellen geheilt zu finden durch emen-
dationes palmares, die man bei der beschaffenheit der Überlieferung,
14*
IIB 138. Plautus. Nr. 4.
besonders bevor der neue abdruck des Ambrosianus vorliegt,
wohl nur von einem Bugge, Bergk, Studemund und wenigen
anderen erwarten darf. Diese hoffnung geht nun freilich nieht
in erfüllung, ja an mehreren stellen möchte ich sogar andere
frühere vorschlage den Bugge'schen vorziehen. So ist doch 213
das von A. Spengel leicht und glücklich gefundene, acht plau-
tinische malesuada uiti pleno, ganz anders ansprechend als das
matte malesuada multum lena\ so hätte 419 f. die ingeniöse
herstellung 0. Seyffert's Philol. XXIX p. 393 ff. Sphaeriot
— - Em clauim. — Optume u. s. w. eher aufnähme verdient, als
das eigene pueret — Fero clauim. — Optume u. s. w., das schon
deshalb bedenken erregt, weil die sklaven (wie ref. bemerkt zu
haben glaubt) sich unter einander nie mit puere anreden , son-
dern nur mit namen: schimpf- und schmeichelwörter wie seelus
pueri, deliciae pueri, sind natürlich was anderes. Auch 72 f.
kann ich nur mit dem ersten theile der herstellung einver-
standen sein: unum hoc scito: (vgl. über diese interpunction
Becker in Studemund's ' Studien' I, p. 254) nimio celerius Venu
(so schon 0. Seyffert Philol. XXX, p. 392) — nicht aber mit
dem zweiten: quod nolis, für das handschriftliche quod m öle-
st e, was verschrieben ist aus molestum est (weil man molestest
aussprach) und in dieser form gehalten werden muss der höhni-
schen antwort Tranio's wegen: Molestus ne sis. Auch die 137
angenommene auslassung des ad vor imbrices nach (tempestas
grandinem mi) attulit ist doch wohl zu kühn und nicht durch
das (eher denkbare, aber doch unsichere) animum adicere aliquem
gerechtfertigt: N. Jahrb. f. Philol. CVII (1873) p. 413. Und
so hegt man auch stärkere oder schwächere zweifei an der rich-
tigkeit des parant eis firmitatem 122 für p. in f., des quom
fundamenta perierint 148 (denn von dem untergange der fundamenta
war im vorhergehenden noch gar nicht die rede), des qua mihi
amor et cupido- — perpluit 163, des eam (die tempestas oder die
uerecundiat) optigere 164, des inscita für scita 261, Mihi Her-
culem inuoco 528, Qui placeo, exemplum expetis 1116; während
Verbesserungen wie die auffassung des vs. 14 als selbstständige
frage, qui hosticas trium nummum causa subeunt sub falas, Vel
alii, qui denis hastis corpus [vgl. Kud. 1295, Poen. IV 2 , 6]
transfigi solent 357 sq., esse te uis 392, istimodi 746 (im wesent-
lichen = istiusmodi, istismodi, wie Langen vorschlug, s. Philol.
Nr. 4. 138. Plautus. 217
Anz. VI p. 45 f.), Tarn placidast ea, quam est aqua, quoiuis
ire — licet 852, te, qui's capite candido 1148, Post istam ueni-
am quid e. q. s. 1166 mit dank und anerkennung aufgenommen
werden müssen. Beachtenswerth sind u. a. (denn Vollständigkeit
muss für die kritische anmerkung einer neuen aufläge der eigenen
ausgäbe vorbehalten bleiben): 243 Edepöl si summo Ioui bouem
illo argento sacruficäxscm, 287 Purpura aetati öccultandae et aürum
turpi mülierist, 757 Quid somni somniauit? 763 Na/re quor ille\
765 Sub diu coli uitam; 784 Hern, nam quis; 827 Atqui;
1089 cita in ius. sine, inueniam; 1108 Quoi tandemt Vielleicht
richtig ist auch die lücke im verse ausgefüllt 222: Qui di me
faciant (qui = utinam Plautus 6 mal, Phorm. 123, Cic. Att. IV
7, 1), während ergänzungen wie 260, 549, 552, 804 u. a. nicht
so gut wie Ritschl's u. a. scheinen. — Dass übrigens die ar-
beiten früherer kritiker, älterer wie jüngerer, mit umsichtigem
fleisse benutzt sind, zeigen die zahlreichen von ihnen aufgenom-
menen Verbesserungen: Acidal 153, 1169, 1179, G-uyet 389,
432, Pylades 423, Gruter 223, Camerarius 1144, Bothe 393,
540, 1040, G. Hermann 363, 720 f., Usener 40, Bergk 171,
Brix und Fleckeisen 174, um von Studemund, Spengel, Seyffert,
Müller nicht zu sprechen.
Der herausgeber bezeichnet in einem 'nachworte' p. 115
die ausgäbe als eine durch eine scenische darstellung der Mo-
stellaria veranlasste g elegenh ei ts arbeit, die auch vielleicht
sonst nutzen und interesse darbieten werde. Dass sie dies thut,
geht schon aus dem oben referirten hervor, noch mehr aber aus
der aufklärung, die man aus derselben über Bugge's ansichten
in mehreren brennenden fragen der Plautuskritik und über die
ganze handhabung derselben erhält. So werden die mit Bergk
übereinstimmenden mit genugthuung wahrnehmen, dass Bugge
das ablativische d (von med und ted abgesehen) überall ver-
schmäht und z. b. 259 Una opera ebur atramento candefacere po-
stules stehen lässt. Wenn man diesen freilich unleidlichen hiatus
nicht aus einer nachwirkung des d erklären will , könnte denn
nicht am einfachsten ein te vor ebur eingeschoben werden? Vgl.
249 L. , Trin. 237 Brix. Gegen den hiat ist Bugge sehr
strenge : er tilgt ihn in der hauptcäsur des iambischen senars mit
Ritschi arg. 5, 675, 685 f., 781, 1037, 1039; mit C. F. W. Müller
1032, 484 trotz des vorhergehenden punctums, 567 trotz des
21% 138. Plaut™. Nr. 4.
Personenwechsels; durch eigene mittel 84, 428, 432, 557, 549,
609, 760. Desgleichen in der hauptcäsur des trochäischen
septenars 389, 850, mit Müller 1047, 1089, 1156, nur 380
püteum übi und 394 tantülo hoc bleiben erhalten, vielleicht mit
hinblick auf ein nachwirkendes cubi und tantillod (?), durch
welch' letzteres d denn auch die sonderbaren hiate in den kreti-
schen versen 151 f. disco hastis pila cürsu armt's equo entschul-
digt werden müssten. Selbst beim Personenwechsel wird der
hiat nur 586, 718, 821, 975, 977, 1175 geduldet, dagegen
gehoben durch leichte Versetzung eines est 952, durch kaum
nöthige flickwörter 392, 742, 798, 948, durch eine schwerlich
richtige accent Versetzung 398: Ita ille faxit Mpiter für Ita ille
f. I. Im gegensatze zu dieser strenge ist die sonstige haltung
der kritik ziemlich conservativ, in den canticis sowohl wie im
dialoge. In den ersteren, deren gestaltung übrigens (wie in
dem ' nachworte ' hervorgehoben wird) ' erst annäherungsweise ins
reine gebracht worden ist ' , wird die Überlieferung durch an-
schluss an die von Studemund und Spengel entdeckten neuen
versarten möglichst geschont, zuweilen sogar durch annähme
sehr bestrittener messungen, wie ruont 117, institüi 86, potui792,
und durch nichtannahme kaum wegzuläugnender lücken wie
151 — 153. In bezug auf solche geht Bugge ohne zweifei auch im
dialoge nicht weit genug: wie kann z. b. nach 1042 ein ausfall ge-
leugnet werden? Und die herstellungsversuche , die an einigen
lacunosen stellen mit den spärlichen Überresten gemacht werden
(so 43 — 46, 407 — 410: hier sogar mit einem uil, öptumö nach
Müller's PI. Pr. p. 370), sowie die vorschlage zur anordnung
des anfanges von III 1 im ' nachworte ' , die rückführung von
741 nach 721 und die damit zusammenhängende änderung von
722 f. werden kaum einen bleibenden platz im texte behaupten.
Ich behalte mir, wie oben angedeutet, für einen anderen ort
genaue mittheilung vor und scheide jetzt trotz mancher unÜber-
einstimmung im einzelnen doch mit freuden über einverständ-
niss in mehreren wesentlichen fragen und mit dank für das ge-
botene gute von der für eine ' gelegenheitsarbeit ' sehr gediege-
nen und tüchtigen leistung. — Der Übersetzer hat in der sprö-
digkeit der norwegischen spräche einen zu harten widerstand
gefunden, als dass seine arbeit hätte gelingen können. Dass
sie unter der hand eines wirklichen dichters auch sehr gut zu
Kr. 4. 139. Vergilius. SW
wohlklingenden versen im feineren lustspiel und im ernsten
drama sich formen lässt , hat Henrik Ibsen bewiesen , aber für
die springende lebendigkeit, die ungezügelte ausgelassenheit des
dialoges einer posse ist sie zu ernst und schwerfällig, zu steif
und unelegant. Ein nordischer Übersetzer des Plautus thäte
wohl am besten auf die eigenthümlich launige prosa des alten
Holberg zurückzugehen , in deren gewandung ja diese ganze
gattung von stücken dem gebildeteren lesepublicum wie dem
schlichten manne aus dem volke am besten bekannt und lieb ist.
Aug. O. Fr. Lorenz.
139. Vergiliana von Hermann Steudener. Programm
der klosterschule Rossleben. Halle 1873. 16 s. 4.
Aus der ersten hälfte des ersten buches der Aeneide sind
die stellen entnommen, welche Steudener in seinen Vergiliana
behandelt hat. Vs. 4 vi superum saevae memorem Junonis ob iram
streicht Steudener, weil durch nennung der göttin der mehr
andeutende als bestimmt ausführende charakter des epischen
prooemium alteriert werde. Aber Odyss. a 8 wird 'Yntgtwv
'HtXiog genannt wie hier Juno. Vs. 9 quidve dolens regina
deum tot volvere casus tilgt Steudener und schreibt 8 — 11: quo
(gleich quibus causis!) numina laesa (statt des schwierigen numine
laeso) insignem pietate virum tot adire labores inpulerint. Diese
vierfache änderung ist doch zu gewaltsam-, wenn übrigens vs.
8 (virum) tot volvere casus befremdet, so sollte nicht verschwiegen
werden, dass man die umgekehrte wendung erwartet hätte, wie
vs. 240 viros tot casibus actos. Vs. 11 ist die vom Verfasser
versuchte deutung des plurals irae im sinne von 'unverdienter
zorn' unmöglich-, richtig erinnert "Weidner an die 'heftigkeit'
der leidenschaf x . Vs. 5 unde bezieht Steudener nicht auf das
unmittelbar verausgehende sätzchen inferretque deos Latio, sondern
richtiger wie Henry nach vs. 19 auf virum (Aeneam) vs. 1.
In der auffassung von super vs. 29 gleich insuper schliesst sich
Steudener wie neuerdings Kappes mit unrecht an Münscher an.
Vs. 49 verlangt Steudener statt imponet neben vs. 48 adorat
praeterea das präsens imponit, da er nicht anerkennen will, dass
adorat durch praeterea in die Sphäre der zukunft gezogen wird.
Vs. 81 f. schützt Steudener gegen Ladewigs künstliche erklär-
ung die seit Heyne geläufige auffassung: 'er stiesa den berg in
220 140. Vergiüus. Nr. i.
die seite.' Vs. 53 fasst Steudener gegen Weidner richtig luc-
tantis als stehendes beiwort zu ventos parallel mit tempestatesque
sonoras. Vs. 126 f. et alto prospiciens summa placidum caj>ut
extulit unda , wo Servius zu den ersten Worten bemerkt : aui e
mari erigens caput aut mari providens und wo Wagner nach
Heyne für jene, Münscher für diese deutung sich entscheidet,
während Weidner alto durch iv all äv zu erklären wagt, nimmt
Steudener mit Ladewig , Kappes und Schröter (programm von
Sagan 1873 p. 6) alto für den dativ der richtung. Aber in
vs. 181 prospectum lote pelago petit, welcher als beleg dienen
soll, hat jetzt Beatfeld z. f. d. G.-W. XXVIII 811 f. pelago
als ablativ ' der die bewegung über und durch einen räum be-
zeichnet' erwiesen. Die schwierige stelle vs. 393 ff. ist von
Steudener so wenig als seither von Brandt oder Plüss erledigt
worden-, aber zwei fragen hat Steudener dabei richtig entschie-
den, indem er erstens vs. 397 ludunt stridentibus alis von dem spie-
lenden flügelschlagen der am boden weilenden schwane versteht
und demnach zweitens vs. 398 coetu cinxere polum nicht gleich 'sie
umzogen den himmel im kreise' versteht sondern lieber Bur-
manns conjectur solum empfiehlt. Die auch von anderen ge-
theilte meinung, dass vs. 396 captas iam despectare Steigerung von
capere terras sei, will sich mit 400 doch nicht reimen. Der von
Steudener subsidiär gemachte Vorschlag, 398 M (statt et) coetu
cinxere zu lesen im gegensatz zu 397 Uli ludunt, wird anderen
ebenso unsicher erscheinen als seinem urheber. Die von Steu-
dener verheissene fortsetzung der Vergiliana lässt immerhin für
die erklärung weiteren gewinn erwarten.
140. Beiträge zur kritik und erklärung von Vergils Aeneis.
I, theil. Von Gustav Schröter. Programm des gymnasi-
ums zu Gr.-Strehlitz O./S. 1875. 17 s. 4.
Von den eilf besprochenen stellen wird eine V, 262 richtig
interpungiert : donat habere, viro decus et tutamen in armis; eine
I, 608 unglücklich verändert : dum stabunt convexa statt lustra-
bunt, wogegen schon die harte, dadurch nothwendig gewordene
ellipse von erunt in vs. 607 und das auch vom Verfasser nicht
übersehene citat von lustrabunt bei Servius und Isidor spricht.
Die übrigen stellen und einige gelegentlich berührte verse wer-
den nur exegetisch behandelt: II, 349 entscheidet sich Schröter
Nr. 4. 140. Vergilius. 221
mit Servius für das in unseren besten ausgaben stehende auden-
tem gegen Kappes und Ladewig-, ebenso III, 410 gegen Kappes
für die bei Servius gegebene erklärung von rareseent gleicb aper-
ientur-, ferner IV, 244 gegen Kappes für Henry 's auffassung von
lumina morte resignat als synonym mit somnos adimit. Diesen
richtigen entscheidungen steht II, 738 f. eine irrige deutung
gegenüber, indem Schröter die worte fatone erepta Creusa sub-
stitit erravitne via seu lassa resedit nach dem Schema ordnet a)
fato substitit b) u erravit ß resedit , während Servius mit recht
erravit und substitit gegenüber stellt und dem fato erepta unter-
ordnet. II 586 f. animumque explesse iuvabit ultricis flammae bezieht
Schröter flammae mit Weidner auf animum, erklärt es aber als
qualitätsgenetiv ; noch gewagter erscheint es, wenn Schröter III,
47 bei iaculis increvit acatis nicht einen dativ , sondern einen
bestimmenden ablativ annimmt. III, 110 und 403 werden gegen
Wagner und Ladewig die formen steterant und steterint nicht
auf sistere sondern richtig auf stare zurückgeführt. IDT, 19 f.
Sacra Dionaeae matri divisque ferebam auspicibus eoeptorum operum
fasst Schröter in der hgdeutung von ' denjenigen göttern, welche
die förderer begonnener werke sind' und denkt speciell an
Janus und Apollo. Vergleicht man aber IV, 45 dis auspicibus
et Junone secunda, so muss man auch hier divis mit Wagner all-
gemein wie ceteris divis verstehen und auspicibus eoeptorum operum
als apposition, die für alle gilt. Für die deutung von III, 12
Penatibus et magnis dis, wonach et in freierer weise seinem be-
griffe Penatibus nachgestellt und dann die apposition magnis dis
hinzugefügt wäre, vermisst man belege. Die von Schröter ge-
sammelten, ungeordneten beispiele beweisen nichts. Aber auch
in der reichen und wohlgeordneten Zusammenstellung bei Haupt
Opuscul. I, p. 121 findet sich nur ein entsprechendes beispiel für
einschiebung von et zwischen ein Substantiv und seine apposition,
und dieses eine ist zweifelhaft, denn das citat stimmt nicht. Es
mag übrigens hier bemerkt werden , dass Schröter , während er
sich sonst fleissig in den neueren ausgaben umgesehen hat,
Haupts recognition nirgends erwähnt.
141. Q. Horatii Flacci Opera Omnia. Recognovit et
commentariis in usuni scholarum instruxit G u i 1. D i 1 1 e n b u r g e r,
222 141. Horatius. Nr. 4.
Ed. VT. Addita est tabula villae Horatianae. Bonnae, sump-
tibus Ad. Marci. 1875. XX und 644 s. 8.
Die jetzt in sechster aufläge vorliegende Dillenburger'sche
Horazausgabe hat sich seit ihrem erscheinen 1843 durch ihre
ursprüngliche gediegenheit , taktvolles maasshalten in der Inter-
pretation, vorsichtige kritik und klare darstellung in schönem
latein nicht weniger als durch die stete Vervollkommnung von
aufläge zu aufläge so vollauf empfohlen und in den weitesten
kreisen bekannt gemacht, dass es eines hinweises auf das schätz-
bare und unentbehrliche buch nicht mehr bedarf, und nur auf
ausdrücklichen wünsch der redaction unterzieht sich ref. einer
kurzen besprechung des von der kritik längst völlig gewürdigten
und durch ausgaben mit deutscher erklärung keineswegs über-
troffenen werkes. Auf wenig grösseren räum als die fünfte
aufläge zusammengedrängt begnügt sich die neue nicht bei den
in der vorrede angegebenen textesänderungen und der conse-
quenten durchführung der Brambachschen Orthographie — einer
neuerung, die bei einem auf schulen vielfach gebrauchten buche
nur als äusserst zweckmässig bezeichnet »werden kann — sondern
zeigt in den anmerkungen überall das sorgfältigste nachfeilen
und ein gründliches Studium der bedeutenden neueren literatur
(Keller-Holder, Lehrs, L. Müller u. a.) , von welcher auch die
namhaftere ausserdeutsche (Madvig, Willems u. a.) berücksichtigt
ist, so dass die interpretation überall auf der höhe der zeit steht
und auch in der angäbe der erforderlichen wissenschaftlichen
nachweisungen die hand des meisters sich zeigt. Dabei ist die
alte bewährte einrichtung beibehalten, welche vorn den in aller
seiner einfachheit doch nicht überflüssigen situationsplan des
unicum Sabinum, sodann die treffliche Vita Horatii mit der tabula
chronologica, den Index metrorum und am Schlüsse den namen —
und realindex bietet. Die vorgenommenen textesänderungen (II.
3. 206 in der praef. ist ein druckfehler) kann referent mit aus-
nähme von HI, 14, 11 nur als f ortschritte begrüssen; an den
in der vorrede genannten stellen ist überall der weg betreten,
den Meinecke, Haupt und L. Müller eingeschlagen haben. Es
ist dies bei der bedächtigen conservativen kritik des heraus-
gebers, der nicht leicht etwas wohlerwogenes aufgiebt, wie er
denn auch in dieser ausgäbe alle interpolationen (mit ausnähme
von Sat. I, 10, init.) verwirft, einer besonderen erwähnung
Nr. 4. 142. Horatms. 22S
werth. Die ausstattung des buches , das seinen weg zu seinen
zahlreichen alten freunden finden und sich unter der jüngeren
generation hoffentlich recht viel neue erwecken wird, ist in ge-
wohnter weise vortrefflich.
142. Q. Horatii Flacci Carmina Lyrica. Ex intimae artis
criticae praeceptis emendata edidit et commentariis criticis exe-
geticisque instruxit Nicol. Guil. Ljungberg doct. pb.il.,
apud regium gymnasium Gotoburgense constitutus eloquentiae et
poesis romanae lector. Vol. I , versus Horatianos continens cum
praefatione editoris cet. Carolstadii 1872, ex offic. C. Kjellin
1 Edr. 50 Öre.
Der Verfasser dieser abenteuerlichen Horazrecension ist
nach langem siechthum im juli 1872 gestorben; aber bei aller
dem todten geziemenden Schonung kann auch die mildeste kritik
das buch nur als eine seltsame wissenschaftliche verirrung be-
zeichnen. Den inhalt bilden eine in lesbarem latein geschrie-
bene praefatio (XV seiten), die Sueton'sche vita Horatii, metri-
sche Schemata und der text von fünf büchern Oden, indem die
Epodi als lib. V figuriren. Die Praefatio ist wesentlich gegen
den wailand Lunder professor J. G. Ek gerichtet , welcher eine
im jähre 1858 in den Jahrbb. der Kgl. Ges. d. Wissensch. zu
Gotenburg und demnächst deutsch in Jahns Jahrbb. 1859 er-
schienene erstlingsarbeit Ljungsbergs über die im Horaz zu übende
kritik scharf recensirt und ganz mit recht bemerkt hatte , dass
durch solche leistungen die schwedische philologie nur in miss-
credit kommen müsste ; es bewegt sich diese antikritik wesent-
lich in gemeinplätzen und Sophismen und liest sich um so un-
angenehmer, als sie einem zur zeit ihrer abfassung oder wenig-
stens Veröffentlichung bereits verstorbenen gilt. (Nach Ecksteins
Nomencl. ist Ek bereits 1863 gestorben.) Vorrede sowohl wie
vextbearbeitung darf nur als eine völlig krankhafte kundgebung
bezeichnet werden. Nach der vorrede nämlich haben Bentley
und — Peerlkamp nur irrita incepta in der emendation des
dichters aufzuweisen, Ljungberg sucht deshalb einen andern
weg. Worin das besteht, sagt er nicht: die begründung sollte
im zweiten bände nachkommen — doch genügt ein kurzer blick
auf seinen text, dass sein verfahren nichts ist, als das willkür-
lichste schalten mit der Überlieferung. Lehrs und Gruppe sind
224 142. Horatius. Nr. 4.
ihm gegenüber noch conservativ zu nennen, denn sie merzen
doch nur aus, ohne sich an dem Wortlaut ihres acht horazischen
residuums wesentlich zu vergreifen; hier wird mit dem texte
umgesprungen, als ob die Codices ein ebenso überwundener Stand-
punkt wären, wie grammatik und metrik, Sprachgebrauch und
gesunder menschenverstand. Es wird genügen, den umfang
und die manier der Ljungbergschen kritik gleich an der ersten
Ode darzuthun. Sie lautet bei ihm folgendermassen :
Maecenas, video, tarn edita regia
Quod det praesidium et quäle decus. Tarnen
Sunt quos curriculo in pulverem Olympicum
Colla egisse jugi metaque tervidis 4
Intentata rotis palmaque ovata fert,
Quo dulcedo animos evehit ad deos
Huic, si — nobile par! — aula Quiritium
Certantem geminans tollit honoribus: 8
Uli, si proprium condit, ut haud reus,
Quidquid de Libycis versum ierat reis.
Gaudentem patrii scandere surculos
Agri tu Attalicis conditionibus 12
Mulcens ne moveas, ut trabe Cypria
Mergendi se avidum nauta secet mare.
Luctanti Icariis fluctibus hospiti
Mittamus monitus: 'ostium ubi artius 16
Claudunt rura, subi; mox religa ratem
Quassam, difficilem pauperie magis. '
u. s. w., u. s. w.
Dies genügt wohl um zu zeigen, wie sich Ljungberg zu
der meines wissens zuerst von M. Haupt aufgestellten und seit-
dem von der besonnenen kritik allgemein anerkannten regel
verhält , dass jede conjectur im Horaz , die mehr als ein oder
zwei buchstaben ändere, schon eo ipso verfehlt sei.
Ob der zufall in diesen deliramentis Ljungbergianis irgend-
wo ein gutes körnchen verborgen hat, das ausfindig zu machen
wird man nach dieser probe wohl keinem recensenten ansinnen
wollen.
143. De Horatio Graecorum Imitatore specimen prius. Diss.
Nr. 4. 143. Horatius. 225
inaug. Lips. scr. Eugenius Thallwitz Doebelnensis. Doe-
belni, J. W. Thallwitz, 1874, 51 s. 8.
So oft der gegenständ dieser gut geschriebenen dissertation
auch behandelt ist, fehlt es doch immer noch an einer einiger-
massen abschliessenden Zusammenfassung , eine aufgäbe, die der
Verfasser im äuge behalten möge , da er die sache mit aner-
kennenswerter gründlichkeit und in übersichtlicher weise zu er-
ledigen angefangen hat. Die ersten sechszehn Seiten enthalten
wesentlich eine besprechung der vorarbeiten und hätten für
diesen theil kürzer gefasst werden können, damit für das sta-
tistische material mehr platz geblieben wäre. Der Verfasser
theilt seinen stoff ein I. Epitheta, Figurae, Locutiones-, II. ent-
lehnung in Schilderungen der götter, homerischer personen u. s.
w. , griechischer mythen , beschreibung der gestirne und winde
— hier wundert man sich über die enge fassung; warum nicht
naturschilderung überhaupt ? — ; III. certa quaedam dicta, sen-
tentiae , argumenta etc., kommt aber leider nur zur mittheilung
seiner Sammlungen ad I. , während das wichtigste immer der
dritte abschnitt ist. Wie weit der gegenständ erschöpft ist,
lässt sich noch nicht bestimmen ; für die eigentliche imitation
bleibt immer die hauptschwierigkeit , die grenze zwischen be-
wusster resp. unwillkürlicher nachahmung und rein zufälliger
analogie innezuhalten , eine Scheidung , die , wie der Verfasser
richtig bemerkt, namentlich bei dem sonst so verdienten Arnold
vielfach vermisst wird. Aber auch der Verfasser wird diese
gränze in abschnitt II. und III. schärfer ziehen müssen , als er
das bisher gethan hat; denn wenn er z. b. p. 10 behauptet,
dass C. III, 4, 65 sq. vis consül expers cet. ' manifesto consilio
expressi sunt ex Eur. Tem. fr, l /32 Dind. et Hei. 903 (bwfit] di y*
äfia&ijS noXkuxtg rCxrti ßXußrjv und fjiGi7 yog 6 9sog iqv ßfuv) y
so ist die erste stelle offenbar nur eine analogie, die Helenastelle
hingegen entspricht zwar genau dem idem ödere vires, aber ein-
mal fehlt der wichtige zusatz omne nefas animo moventes im
griechischen, und dann ist die ganze stelle in der Helena u n -
acht, was wohl zu erwähnen war. Daher beschränkt sich
Orelli wie gewöhnlich so auch hier mit recht auf einfaches ci-
tiren der beiden stellen aus Euripides. Ueberhaupt bedarf es
grade bei der vergleichung zweier so gnomenreicher dichter wie
Euripides und Horaz besonderer vorsieht ; unzählige male finden
220 143. Horatlus. Nr. 4;
sich anklänge , ohne dass .etwas anderes als der zufall sie her-
beiführt. So z. b. wird beim lesen der fragmente aus den Te-
meniden bei nr. 734 Dind. uqtiri de xuv 9-dvfi rtg ovx änoXXviut
das Horazische non omnis moriar, bei nr. 739 cptv tptv w qivvcu naioog
fiyevovg uno offrjv i'%H (poovrjGtv ä^(a)fid je das forte» ereantur
fortibus jedem einfallen , ohne dass eine spur von nachahmung
vorhanden ist. — :' Im übrigen beweisen die obigen Euripides-
stellen, selbst angenommen, sie seien die quellen für C. HI, 4,
65, nicht das, was sie beweisen sollen. Thesis ist p. 10, das
Vorhandensein eines griechischen musters sei beweis für die
ächtheit der betreffenden Horazstelle. Darum sei C. III, 4, 65
echt horazisch, obwohl es für unächt erklärt werde. (NB. hat
dies nur Peerlkamp gethan.) Da fehlt offenbar der nachweis,
dass die von Peerlkamp , Lehrs und Gruppe statuirten interpo-
lationen — deren der letztere ja ganze schulen annimmt — nicht
griechisch verstanden resp. nicht auch griechische dichter hätten
nachahmen können. Vielmehr wird eine griechische quelle nur
dann beweiskräftig sein, wenn eine horazische imitation etwa in
ihrem ersten theile für acht erklärt, in der fortsetzung aber dem
Horaz abgesprochen wäre. Zum glück ist die sache nicht von
belang, da jene interpolationsjägerei nachgerade überwundener
Standpunkt wird oder doch auf dem abzuge, resp. abwege in
die Satiren und Episteln begriffen ist. Dagegen kann die imita-
tion für die kritik allerdings äusserst nutzbar werden, nur muss
man es umgekehrt anfangen als der Verfasser, wenn er p. 33
C, I, 32 die vulgata mihi cumque salve durch den verweis
'cf. interpr.', die doch absolut nichts haltbares bringen, z. th.,
wie Keller-Holder mit dem Lucrezcitat V, 312 nur einen cir-
kelschluss machen, für richtig erklärt, trotzdem aber für Lach-
manns medicumque aus Pind. Pyth. 4, 187 (puofiaxov xdXXiOiov
eäg uQixag, Nem. 3, 17 Ttkuyuv äxog, 4,2 novwv largo g bei-
bringt. — Den auspruch L. Müllers De Ke M. p. 92 Sane nullo
modo potest probari, aut Catullum praeter Sapphonem, aut Hora-
tium praeter Alcaeum alios imitari poetas Aeolis scheint der verf.
nicht gekannt zu haben; gut ist es jedenfalls, dass er ihn in
seiner allgemeinheit nicht zur richtschnur genommen hat.
144. De fontibus librorum XXI et XXII Titi Livii. Scr. Franc.
Luterbacher. Argentorati, 1875, 60 s. 8. (C. Trübner).
Nr. 4. 144. Livius. 22?
Die vorliegende Strassburger doctordissertation , welche eiu
schon oft behandeltes thema in einer vielfach neuen und selbst-
ständigen weise behandelt, gelangt zu dem resultate, dass Livius
in dem buche 21. 22 denPolybius direct, neben ihm namentlich
den Coelius Antipater, und in geringerem masse den Valerius
Antias benutzt habe. Wenn die bisherigen Untersuchungen zu
stark von den quellenforschungen der historiker influenciert
waren, so ist hier der philologische Standpunkt hervorgekehrt,
der freilich zu entgegengesetzten resultaten geführt hat.
Durch bestimmung des durchschnittsumfanges der antiken
Volumina (p. 6, note 4) wird nachgewiesen, wie ausführlich man
sich die behandlung des zweiten punischen krieges durch ein-
zelne Vorgänger des Livius zu denken habe, und aus der dis-
position der Annalen Piso's (p. 7, note 2) abgeleitet, dass Livius
nicht aus dem fünften buche Piso's die bücher 21 — 30 könne
herausgeschlagen haben, wie Keller annimmt. Aus der be-
stimmung der abfassungszeit jenes werkes ergiebt sich ferner
(p. 26, note 3), dassPolyb dasselbe nicht konnte benutzt haben,
wie von historischer seite angenommen worden ist, zumal jene
hochgestellten Römer die schriftstellerei für ihren lebensabend
aufsparten ; aus der ganzen art des gewissenlosen Valerius folgt,
dass derselbe nicht konnte seinen gegenfüssler Polyb abgeschrie-
ben haben, was Nitzsch vermuthet. Wie aus dem gebrauche
von ergo mit genetiv und der alten allitterirenden Verbindung
von fuga und formido (p. 50, note 1) erhellt, konnte Livius an
der betreffenden stelle nur einen lateinischen autor, nicht den
Fabius Pictor oder einen Griechen vor sich gehabt haben, und
wie ein überblick über die entwicklung der römischen historio-
graphie lehrt , p. 57 f., darf man sich die Annalen Piso's nicht
als eine abschliessende darstellung des hannibalischen krieges
denken, die Livius so treu wiederholt hätte, dass er nicht viel
mehr als neues pergament und eine neue feder nahm. Endlich
wird aus der rhetorischen haltung der römischen historiker klar
gemacht, dass man nicht wegen unbedeutender differenzen und
gelegentlicher amplifikationen sofort zur annähme neuer quellen
zu greifen brauche, und an einem kleinen Strafgericht über die
anhänger der historischen schule p. 14 — 16 gezeigt, wie diese
selbst sich nachlässigkeit in der benutzung des Livius zu schul-
den kommen lassen, welche den abweichungen des Livius von
228 145. Livitis. Nr. 4.
Polybius wenig nachgeben, ohne dass man darum angenommen
hat, sie hätten entweder einen andern Livius oder den Livius
überhaupt gar nicht zu rathe gezogen. Sehr gut wird p. 48,
49 darauf aufmerksam gemacht , wie ein den Scipionen nicht
günstiger autor (Valerius) die thaten des Sempronius über alle
Wahrscheinlichkeit vergrössert habe; schartsinnig wird p. 55 ent-
wickelt , wie Livius zwei relationen kannte , nach denen die
consuln des j. 216 bald tag um tag im Oberbefehle wechselten
(Polyb.), bald wieder gemeinschaftlich commandirten, wobei dann
Varro die worte seines collegen nicht achtete (römische quelle);
sehr ansprechend ist der nachweis einer aus Coelius und Vale-
rius stammenden double tte p. 39 ff. Dies einige proben von
der art und den resultaten der Untersuchung.
Dass es an einzelnen versehen nicht fehlt, braucht nicht
verschwiegen zu werden. So ist die zurückführung der specu-
lae auf Valerius p. 49 durchaus unsicher, ebenso die zurück-
führung der zweiten relation über die cannensischen gefangenen
auf Coelius p. 38 , und über die familienchroniken ist p. 37
Lübberts programm nicht benutzt. Aber so viel ist nach unse-
rem ermessen klar geworden, dast Livius nicht eine ältere
quelle ausgeschrieben, sondern zwei bis drei zu einem ganzen
verbunden hat, ohne dass es ihm freilich gelungen wäre, alle
disharmonien auszugleichen; überhaupt, dass Livius eine viel
grössere Selbstständigkeit zukommt, als ihm gewöhnlich zuerkannt
wird. E. W.
145. Analecta Liviana ediderunt Th. Mommsen et G.
Studemund. Accedunt tabulae sex. Lipsiae apud S. Hirzel.
MDCCCLXXni. 74 s. 4
Man hat von Gronov bis auf Madvig ziemlich allgemein
angenommen, dass in der kritik der b. 21 — 30 des Livius alles
einzig und allein auf den cod. Puteanus hinauslaufe; und für
den ersten theil der dekade ist auch dieser satz unerschüttert
geblieben. Heerwagen dagegen zeigte 1869 in einer gründli-
chen abhandlung, dass 26, 41, 18—44, 1, welche, nur in jun-
gem handschriften erhalten, im Puteanus fehlen, nicht von einem
gelehrten Italus ergänzt, sondern offenbar von Livius selbst ge-
schrieben seien, indem er zugleich auf die bedeutung des ver-
lorenen cod. Spirensis hinwies, aus welchem Beatus Rhenanus so
Nr. 5. 145. Livius. 229
manche Verbesserung der b. 26 — 30 geschöpft hatte. Bald dar-
auf publicierte C. Halm in den Münchner Sitzungsberichten die
Varianten eines pergamentblattes des Livius, saec. XI enthaltend
28, 39, 16 — 41, 12, welches einzelne stellen besser und vollstän-
diger bietet als cod. Puteanus und daher nicht mit unwahrschein-
lichkeit als ein fragment jener Speierer handschriften betrachtet
werden kann.
In diesen Zusammenhang greift die zweite, von Studemund
geschriebene abhandlung der Analecta ein, betitelt: de Livii
palimpsesto Taurinensi. Der graf Baudi a Vesme sah zuerst,
dass die untere , halb ausgelöschte schrift von acht blättern des
cod. A. II. 2 (gegenwärtig sind nur noch sieben vorhanden) dem
Livius gehöre, und kurz nach dieser entdeckung noch im herbste
des jahres 1869 machte Studemund in Turin seine collation,
schrieb auch die vorliegende abhandlung noch in frischer er-
innerung an die gemachten notizen im februar 1870 in Würz-
burg nieder. Die blätter enthalten Liv. 27, 11, 9 — 13, 11 5
27, 31, 9—34, 14; 29, 12, 5—13, 7; ib. 21, 5—23, 3. Die
schrift vergleicht Studemund mit der des veroneser Gaius; we-
gen der dünnen züge ist nicht alles leserlich und die vom
Schreiber des Taurinensis (T) gebrauchte tinte ist auch gegen che-
miche reagentien ziemlich unempfindlich , leichter ist die schrift
des correctors (c) zu lesen, der nicht nur den text vielfach ab-
geändert, sondern auch an den rändern zahlreiche Inhaltsan-
gaben zugesetzt hat. Die Untersuchung der abweichungen von
T gegenüber P (=Puteanus) stellt als unzweifelhaft heraus, dass die
lesarten des von P unabhängigen T oft gleich gut oder besser
sind. Liv. 27, 13, 7 kann signa cohorti ademisset (statt abstulisset)
auch mit 26, 6, 8 signa Carthaginiensibus quindecim adempta und
41, 26, 5 empfohlen werden. 27, 13, 10 ist armati ornatique
besser als die lesart von P ornati armatique, nach 7, 10, 5 iu-
venem armatum adornatumque, wie auch in Verbindung mit instrue-
tus omatus fast ausnahmslos die zweite stelle behauptet, Cic.
Philipp. 10, 4 Graecia copiis non solum instructa, sed ornata. Mehr
beispiele über vorzuziehende lesarten von T lese man bei Stu-
demund nach ; über das endresultat wird man nicht schwankend
bleiben können.
Nachdem nun aber einmal die alleinherrschaft von P ge-
brochen ist, wird es nothwendig die jüngeren handschriften,
Philol. Anz. VII. 15
nO 145. Livius. ffr. 5.
welche zu T oder zum Spirensis in einer Verwandtschaft stehen,
wieder genauer einzusehen, und Mommsen hat nun in der dritten
abhandlung proben aus 82 handschriften der dritten dekade
vorgelegt; zu 27, 33. 34 und zu 28, 39. 40. 41 werden voll-
ständige collationen mitgetheilt, ausserdem einige besonders wich-
tige stellen besprochen, und namentlich bestimmt, wie sich die
handschriften zu der oben erwähnten lücke 26, 41, 18 — 44, 1
verhalten. Es ergiebt sich aus der eingehenden prüfung, dass
mit dem verlorenen Spirensis sechs handschriften in nächster
beziehung stehen, Londin. Burn. 198 und Harl. 2781-, Marcia-
nus 364-, Laurentianus LXIII und XIX, sin. 8, sowie ein dritter
Laur. n. 263.
An der kritik selbst hat sich Mommsen nicht betheiligen
wollen •, er hat nur (was aber gewiss ebenso wichtig ist) die ganze
arbeit vorgezeichnet und damit andern leicht gemacht mit dem
nöthigen fleisse die lohnende aufgäbe zu lösen.
In der vierten abhandlung endlich giebt Mommsen den er-
klärenden text zu den sechs photographischen tafeln, welche
drei columnen des cod. Veronensis (Liv. 3, 64), eine seite aus
cod. Puteanus (21,21, 6 — 13), zwei Seiten aus cod. Vindobonensis (auf.
und ende des b. 45) und das fragment des 91. buchesaus cod.
Vatic. Palat. 24 enthalten. Welches hilfsmittel nicht nur für
die kritik, sondern überhaupt für die paläographie damit ge-
boten sei, bedarf keiner auseinandersetzung : besondere erwähnung
verdient, dass aus Puteanus und Vindobonensis noch neues gezogen
worden ist. Am Schlüsse von Liv. 21 die subscriptio in cursivschrift :
recognobi abellini; am ende von b. 45 hat Mommsen noch fol-
genden satz gewonnen : actumgue in Asia bellum \in]ter \Eumene\n
et Gallos ind[e coepii\. iste codex est theutberti episcopi de dorostat.
P.S. Mittlerweile hat die berliner akademie einen preis
ausgesetzt für die beantwortung der frage, welcher werth dem
codex Spirensis gegenüber dem Puteanus zukomme, und der vfr. der
gekrönten arbeit, privatdocent dr. Luchs aus Strassburg hat
sich nach Italien begeben, um dort die zu der familie des Spi-
rensis gehörigen handschriften zu collationieren , da das bisher
vorliegende material zu einer definitiven lösung kaum ausreicht.
An den stellen, an denen die lesarten beider handschriften be-
deutend auseinandergehen, so dass die annähme blosser Schreib-
fehler ausgeschlossen ist, wird wohl dem Puteanus der Vorzug
Nr. 5. 146. Ampelius. 231
grösserer treue bleiben, und vom Spirensis anerkannt werden müssen
dass schadhafte stellen in sehr willkürlicher weise überarbeitet sind.
So 27, 25, 7 hat Spirensis : negabant unam cellam amplius quam
uni deo rede dedicari, gegen Puteanus: unam cellam duobus
[diis] rede dedicari, dessen lesart Valerius Max. 1, 1, 8 (duobus
diisj und Plut. Marc. 28 (ovo d-eovg) als acht erweisen. Während
Sp. solche correcturen öfters bietet, z. b. 29, 6, 2. 29, 32, 8,
sind sie in P seltener und bewegen sich innerhalb viel engerer
grenzen, z. b. 22, 14, 2, wo das unzweifelhaft richtige quieverant
in folge Verwechselung von E und Fzu quidam fuerant, — 23, 16,
16 (non vinci ab Hannibale tunc di/ßcüius fuit quam postea vin-
cere, nach der emendation des ref.) wo ein aus tunc verdorbenes
uinc zu uincentibus erweitert ist. Aber da Sp. andrerseits auf
den gleichen archetypus zurückgeht, aus dem auch P. geflossen
ist, so verbessert er nicht nur manche leichtere Schreibfehler
des P, sondern füllt auch sehr oft die kleinen lücken aus, an
denen P so reich ist; und wo nicht die ergänzung des Sp.
sich als sachlich ungeschickt oder als dem livianischen Sprach-
gebrauch widerstreitend verräth, dürfen wir annehmen, dass die-
selbe nicht auf blosser conjectur, sondern auf reinerer Überlie-
ferung beruhe. E. W.
146. De mundi miraculis quaestiones selectae. Doctor-
dissertation von Hermann von Roh den. Bonnae 1875.
48 s. 8°.
Der mit umfassenden Studien über die ganze litteratur der
miracula mundi beschäftigte verf. giebt hier als Vorläufer eine Unter-
suchung über Ampelius Lib. memor. cp. 8 und über Philo's schrift
negl imu &tufjiuzu)v.
Was den Ampelius anbetrifft, so war das genannte capitel
(miracula mundi) so sehr corrupt, dass neben dem sinnlosen und
verdorbenen das gute und neue nur wenig beachtung fand.
Nachdem ref. den einzig erhaltenen codex Monacensis collationiert,
und cap. 8 als aus zwei theilen (§ 1 — 17. 24 und § 18 — 23,
den bekannten sieben weitwundern) zusammengesetzt erklärt,
nachdem dann auch Urlichs , Zink und Eussner beitrage zur
conjectur alkritik geliefert hatten, weist verf. zunächst den ver-
schiedenen Ursprung jener zwei theile nach , und zwar so , dass
er die einlage § 18 — 23, deren Übereinstimmung mit (Pseudo-)
15*
Ut 146. Ampelius. Kr. 5.
Hygin fab. 223 und Vibius Seq. append. längst erkannt war,
nunmehr mit Moritz Schmidt auf Varro zurückführt und richtig
als randbemerkung eines gelehrten lesers bezeichnet. Die auf-
zählung der ächten miracula des Ampelius begann somit § I
mit Apöllonia in Illyrien, gelangte über Athen nach Ilion, in
§ 17 bis Magnesia, und schloss § 24 mit Aegypten. Leider
hat das in den text gerathene einschiebsei einige ächte miracula
zwischen Magnesia und Aegypten wenigstens theilweise verdrängt ;
doch sind, wie verf. scharfsinnig nachweist, in der corrupten
Überlieferung noch notizen über die quadriga des Sonnengottes
auf Khodos, und über ein Jupiterbild auf Cypern noch erkennt-
lich, wenn sie auch mit dem varronianischen cataloge zusammen-
geflossen sind. Die unverständlichen und von Zink unrichtig
behandelten worte § 18 sepulcrum leari werden als in Caria
gedeutet und auf das mausoleum bezogen x ). Schlagend ist
auch der nachweis, dass Ampelius von der quadriga des Lysipp
auf Khodus sprach, und diese erwähnung die randbemerkung
über den berühmteren coloss des Chares von Lindos nebst den
übrigen sechs Wunderwerken der alten weit nach sich zog. Als
originalquelle der dem Ampelius angehörenden partie macht verf.
eine schrift eines Alexandriners aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.
wahrscheinlich, nimmt jedoch nicht directe benutzung an, sondern
dass Ampelius dem Nigidius gefolgt sei, auf grund der von dem
ref. ausgesprochenen vermuthung, dass cap. 2 des Ampelius de XÜ
signis aus Nigidius geflossen sei. Er konnte beifügen, dass auch
"Eeifferscheid Suet. fragm. p. 229 und p. 428 das fünfte capitel
"über die Winde, und das dritte über die gestirne (ibid. p.
445) aus Nigidius hergeleitet hatte, aber freilich in der vorrede
p. XVDII sogar über cap. 2 wieder zweifelhaft geworden war.
Die schon oft angezweifelte schrift des Philo prüft verf.
namentlich in hinsieht auf den hiatus und den Sprachgebrauch
des autors , wodurch er zu dem Schlüsse gelangt , dass dieselbe
zu ende des 5. oder zu anfang des 6. Jahrhunderts nach Chr.
verfasst sei. E. W.
1) Diese vermuthung und die aus der geographischen disposition
folgende annähme eines grösseren glossems hatte ref. schon vor zehn
jahren brieflich Zink und Eussner mitgetheilt, auch einmal in den
kritischen Übungen an der Universität Zürich nebst anderem, was vf.
jetzt gefunden, ausführlich begründet.
Nr. 5. 147. Ammianus Marcellinus. 233
147. Martini Hertz de Ammiani Marcellini studiis
Sallustianis dissertatio. (Vor dem index scholarum in univer-
sitate litterarum Vratislaviensi per aestatem anni MDCCCLXXIV
habendarum.) — 4°. 16 s.
Seit sich die historische und philologische forschung mit
erneutem und gesteigertem interesse den späteren lateinischen
historikern zuwendet, reflectirt sie ihr licht auch auf die schrift-
steiler früherer zeiten, deren werke in beziehung auf stoff oder
form oder alles beides ihnen anregung gegeben oder geradezu
vorbild gewesen. Begreiflich , dass diejenigen, welche diese un-
bekannten oder doch vernachlässigten gebiete erschliessen , auch
etwa in die irre gehen, dankenswerth, wenn andere, wenn auch
' subsitivo studio ', wie der verf. genannter gelegenheitsschrift, den
weg zeigen, wo richtig eingelenkt wird. — So hatte in Ammian
V. Gardthausen zuerst in den Coniectanea (Kiel 1869) auf die
beziehungen zu Sallust's Historien hingewiesen, sodann in der ab-
handlung ' die geographischen quellen Ammians ' (Fleckeisens
jahrbb. VI suppl. bd.) das verhältniss zwischen beiden dahin präci-
sirt, dass Ammian die auf Sallust zurückgehenden notizen, die sich
ausschliesslich auf die geographischen partien beschränken, nicht
direct den geschichten desselben verdanke, sondern vielmehr in^
direct durch vermittelung eines geographen, und zwar des Verfassers
eines nach einem gewissen Schema gearbeiteten geographischen
handbuchs-, die berührung aber vieler sallustianis eher notizen
mit anderen, griechischen periegetischen quellen Ammians hatte
er dahin erklärt, dass beiden eine gemeinschaftliche quelle zu
gründe liege , nämlich Eratosthenes. (Darnach hat Hertz p. 7
den Standpunkt Gardthausens nicht ganz vollständig und genau
wie der gegeb en) .
Hatte dagegen schon A. v. G(utschmid) Litterar. Centralbl. 1873,
p. 739 directe benutzung der sallustischen Historien vermuthet,
von denen vielleicht ein auszug der geographischen partien exi-^
stirt habe, ähnlich der Sammlung der reden und briefe, so be-
weist nun verf. , dass nicht alle von Gardthausen angezogenen
stellen Ammians auf geographische excurse Sallusts zurückzu-
führen seien, sondern mit mehr recht und Wahrscheinlichkeit zum
theil der fortlaufenden geschichtserzählung angehören, und vom
schriftsteiler sogar nicht im interesse der sache, sondern des
ausdrucks mit kleiner Veränderung herübergenommen seien. Eine
234 147. Ammianus Marcellinus. Nr. 5,
anzabl anderer stellen stellt verf. weiter zusammen, woraus unab-
weislich die directe benutzung Sallusts durch Ammianus er-
härtet wird: XV, 4, 11 — hist. fr. ine. 59 D; XVI, 2, 10 (XXVII,
10, 9 = XXX, 1, 12) — HI, 68; XVI, 11, 9 (= XXVII,
10, 2) — II, 23 (aber auch Tacitus); XVII, 9, 4 (XXV, 7, 4)
— II, 96, 1; XVII, 13, 28 (= XIX, 11, 2), XIX, 9, 1 (=
XXX, 5, 14) — ine. 112 (aber auch Tac); XXIII, 6, 65 —
HE, 18 (auch Tac); XXIII, 6, 79 — ine. 54; XXIX, 2, 21
— II, 96, 4; XXX, 4, 4 (XVII, 7, 1. XXIII, 6, 10) — I, 2
(lug. 17, 2. Cat. 4, 3. 38, 3; besonders aber XXIV, 2, 10. 4,
14. 6, 8— IV, 57 und XXVI, 6, 16—1,41,21. Die benutzung
erstreckt sich aber auch auf den Iugurthinischen krieg, wie
verf. durch gegenüberstellung folgender stellen, abgesehen von
andern anklängen, zeigt: Ammianus XVI, 6,3 — lug. 29,
5; XX, 11, 12—23, 2; XXIV, 2, 22—21, 2 (109, 4. 51,2);
XXIV, 4, 10—75, 2 u. b\; XXIV, 4, 24—8, 2; XXVI, 2, 8
—10, 2; XXVni, 6, 24—35,1.
Catilinam vero Sallustii, so schliesst der verf. , non legisse
vel certe non excerpsisse videtur Ammianus. Die wenigen anklänge,
auf welche er aufmerksam geworden, beweisen in der that nicht
viel. Aber ist es schon an sich auffallend und kaum glaublich,
dass Ammian Sallusts erstlingswerk allein ignorirt haben sollte,
so lässt sich denn doch seine bekanntschaft auch mit dem Ca-
tilina, welche sich in nachahmung oder geradezu entlehnung
von Wörtern und Wendungen verräth, mit beispielen belegen,
wie ref. anderswo mitzutheilen gedenkt. — Indess ist zu wün-
schen, dass, da verf. es ablehnt, andere die sache erschöpfend
behandeln und der Vorgang eines schülers desselben H. Mi-
chael de Ammiani Marcellini studiis Ciceronianis (Vratisl. 1874)
in bezug auf Sallust und derjenige von H. Pratje (quaestiones
Sallustianae ad Lucium Septimium et Sulpicium Severum Cai Sallusti
Crispi imitatores speetantes, Gottingae 1874) in rücksicht auf
Ammian weitere nachahmung finde. H. Wz.
148. M. Tullii Ciceronis Orationes selectae XVIII in usum scho-
larum ediderunt, Indices et Memorabilia vitae Ciceronis adiecerunt
A. Eberhard etW. Hirschfelder. 8. Lips. Teubner. 1874.
Der ' Orationes selectae'' giebt es genug; wünschenswerth
wäre endlich die ausgäbe eines schul-Livius. Da indessen die
Nr. 5. 148. Cicero. 235
schule viel bücher verbraucht, so sind neue ausgaben der
Schulschriftsteller immer möglich und auch erwünscht, "wenn sie
die aufgaben der schule ,pder der Wissenschaft fördern. Die
neue ausgäbe der orationes selectae unterscheidet sich äusserlich
wenig von den bisher üblichen Sammlungen. Die auswahl ist
dieselbe wie bei Halm, nur statt der Divinatio ist die Planeiana
gegeben. Dies ist kein vorzug. Nützlich aber ist die beigäbe der
Memorabilia und der sachlichen Indices. Statt der nutzlosen proö-
mien und inhaltsangaben waren rhetorische analysen nach art der
desjesuiten.Mari?rras du Cygne, wenn auch kürzer, endlich an der zeit.
Ein fehler ist es, dass die herausgeber nur eine discrepan-
tia scripturae Kaiserianae vorausschicken. Was kümmert uns das
verfahren des trefflichen Kayser! Was handschriftlich verbürgt,
was conjektur ist, das allein zu wissen ist des lehrers, mitunter
auch des schülers pflicht. Natürlich mussten die herausgeber
bei diesem verfahren auch darauf verzichten, dem schüler einen
nach pädagogischen grundsätzen zusammengestellten apparat
vorzulegen. Dies ist zu bedauern. Denn z. b. an der Sestiana
kann ein reiferer schüler allerdings die grundsätze methodischer
kritik kennen lernen, während er durch planloses besprechen
horazischer lesarten in der regel zur geringschätzung aller phi-
lologischen thätigkeit angeleitet wird. Die ausgäbe von 0.
Heine verdient deshalb noch immer den vorzug, besonders auch,
weil sie den apparat sofort unter dem text mittheilt.
Die neue ausgäbe muss also ihre berech tigung durch innere
Vorzüge, d. h. durch bessere gestaltung des textes suchen und
finden. Dem theil nun, welchen Eberhard (Eb.) bearbeitet hat,
— p. S. Eoscio, Verr. IV. V, Cat. I — IV, Pomp., p. Sulla, p.
Arch. — müssen wir nachrühmen, dass er sich durch viele und
wesentliche emenclationen vor den bisherigen ausgaben auszeich-
net, und dass die vorrede reich ist an neuen vorschlagen, wel-
che immer zum denken anregen, auch wenn man ihnen nicht
beistimmen kann. Interessant sind auch vielfach die mitthei-
lungen, welche Eberhard aus dem nachlasse seines vaters giebt. Zu
den Catilinarien hat Eberhard neue handschriften verglichen, und
eine selbständige Stellung gegen Halm gewonnen. Die bedeut-
samkeit der Studien Eberhard's erhellt zur genüge aus dem in-
haltsreichen programm , welches 1872 (Lips. Teub.) unter dem
titel : Lectionum Tullianarum libellus I, erschienen ist. Er hat
236 148. Cicero. Nr. 5.
hier den grössten theil seiner änderungen und vermuthungen
(zur Eosciana, p. Archia) besprochen und dabei auch sehr schöne
beitrage zur erklärung der reden gegeben.
Ganz verschieden ist die arbeit Hirschfelders. Die ausgäbe
der reden, welche er übernommen hat, ist eher ein rückschritt
als ein fortschritt. Die praefatio ist planlos und allzu dürftig,
ja zu zwei reden fehlt sie ganz. Die observations- und divina-
tionsgabe, welche Eberhard auszeichnet, scheint Hirschfelder fast
ganz zu fehlen. Neues und nennenswerthes bringt er selten,
in der auswahl des vorhandenen ist er nicht immer glücklich.
Ohne tact und geschicklichkeit ist eben eine kritische leistung
unmöglich.
Zur begründung meines urtheils will ich die bearbeitung
der Sestiana einer prüfung unterziehen, freilich in aller kürze,
wie es der zugemessene räum erheischt.
Eine der schönsten emendationen (§ 22) hat Jeep bereits
in Jahns jahrb. 1856 veröffentlicht: denique etiam sermonis ansas
ddbat, d. i. SERMOHIS = sermo hominis! Ich habe zum über-
fluss dieselbe emendation 1864 noch einmal bekannt gemacht,
Halm hat sie natürlich sofort mit freuden aufgenommen, —
Koch, Heine und Hirschfelder aber scheinen sie noch immer
nicht zu kennen! Letzterer hat sie nicht im text und erwähnt
sie nicht in der praefatio. Für unrichtig kann er diese lesung
der handschriften nicht halten, das ist unmöglich — nein,
Hirschfelder hat nur versäumt die dritte aufläge der Sestiana von
Halm einzusehen. Dass er die vierte aufläge (1873) noch nicht
kannte, daran ist vielleicht die dauer des drucks schuld.
Ich hatte 1864 vorgeschlagen § 12 die Überlieferung:
quibus hie rebus consulemq. zu lesen : consulem quaestor. Halm
hatte diese emendation bereits in die dritte aufläge aufgenommen,
Hirschfelder kennt sie noch nicht. Ebenso hatte ich §.12 die
lesart des Par. : maiestatem suam dignitatem erklärt durch die
auflösung: maiestate sua dignitatem. Halm hat diesen Vorschlag
in der vierten aufläge reeipirt, Hirschfelder dagegen ist mein
allerdings hässliches programm von 1864 unbekannt geblieben.
Das kritische verfahren Hirschfelders tritt klar in der behand-
lung von §. 44 hervor. Hier stehen in ein und derselben pe-
riode von ein und derselben Situation vocassent und vocarent
neben einander. Das unmögliche dieser Verbindung bat Koch
Nr. 5. 148. Cicero. 237
gesehen. Was thut Hirschfelder? Er lässt die vulgate im text,
citirt primo loco die leichte conjectur Ernesti's (vocassent für
vocarent), und fügt dann hinzu: non male H. A. Koch vocari
passi essent. So sehr aher diese änderung gegen alle gesetze
des stils und der rhetorik verstösst, so leicht ist die richtige
emendation zu finden. Die form vocassent ist als erklärende
glosse zu vocarent auszuscheiden , und dann zu lesen : senatum
consules credo, quem totum de civitate delerant , ad arma vocarent,
qui ne vestitu quidem defendi remp. sissent. Die richtigkeit des
imperfects zeigt § 81. Vielleicht ist auch consules vor ad arma um-
zusetzen. Ueberhaupt findet Hirschfelder mitunter die unwahr-
scheinlichsten einfalle probabel, z. b. § 110 den Vorschlag
von W. Paul : nihil sanitatem iuvabant anagnostae, libelli pro vino
etiam saepe oppignerabantur. Wer indessen eine solche conjektur
erwähnt, hat auch die pflicht das vorbild zu nennen. Dies war
hier mit dem Vorschlag iuvabant anagnostae M. Hertz im Rhein.
Mus. 1861. Damit nimmt es der vfr. leider nicht genau. So
klammert er die worte (§. 2): eis potissimum vox haec serviat
ein und zwar , wie mir scheint , mit recht , schreibt aber sich
selbst diese entdeckung zu , während sie Bake (Schob Hyp.
I, p. 52) gehört. Ferner § 47 giebt er als eigne emendation: at
cives, at armis abeo pi-ivato, erwähnt aber nicht, dass Heraeus längst
at armis und Wesenberg at ab eo privato vorgeschlagen hatten.
Die Verbindung beider giebt das richtige, Hirschfelders änderung
verstösst gegen den rhetorischen stil. Merkwürdig findet § 58
Hirschfelder den Vorschlag von W. Paul, animo tarnen hostili zu
streichen und pulsum in impulsus zu ändern, sehr probabel! Er
selbst schreibt profligatus für pidsuml Die worte cum reliquis suis
copiis deuten aber darauf hin, dass starke Verluste des Tigranes,
d. h. schwere kämpfe vorher erwähnt worden sind. Es ist also
eine lücke vorhanden, welche etwa so zu ergänzen ist pluribus
proeliis devictus (nicht repulsus!) Diese erweiterung fordert auch
das mass der xwlul In § 59 ftulit gessit) ergänzt Hirschfelder:
hie igitur, qui iniuriis lacessivit ; aber schon Köchly hatte vorge-
schlagen: hie qui iniurias intulit , qui lacessivit. Warum wird
dieser auetor et signifer nicht erwähnt? Ebenso § 91 efferitate
Hirschfelder cum cod. Par. Aber diese entdeckung hat längst
vor ihm Wesenberg gemacht!
Falsch scheint mir die änderung von et in eerf, welche
238 148. Cicero, Nr. 5.
Hirschfelder § 104 macht: nee flagitat rem ullam neque novarum
verum est cupidus et otio suo et dignitate optimi cuiusque . . .
delectatur. Denn nicht ein gegensatz ist hier vorhanden , sonst
müsste es sed otio et tranquillitate reip. heissen, sondern nur eine
positive Fortsetzung des negativen anfangs ein und derselben
begriffssphäre. Unnöthig ist § 105 et valebant für valebant, doch
wird der gegensatz der urtheile von Hirschfelder im texte gut
zum ausdruck gebracht. Ganz willkürlich ist § 137 die än-
derung von voluerunt in iusserunt; sie ist auch falsch, denn von
verfassungsmässigen forderungen ist velle in der römischen gesetzes-
sprache fast stereotyp.
Noch viel schlechter als malus ;ist § 141 praestabilius für
naliud. Der fehler liegt hier tiefer. Denn ist es nicht über-
haupt in jedem fall sittlicher und erstrebenswerther, im kämpfe
fürs Vaterland den heldentod zu finden als durch gewaltsame
Usurpation sich zum tyrannen aufzuwerfen? Wenn Cicero nichts
anderes zu sagen wusste, dann hat er ein ineptum ausgesprochen !
In der wähl der vorhandenen lesarten war Hirschfelder
nicht immer glücklich, z. b. 360, 29-, 380, 7; 376,33; 382,11
{eins viri für talis virit)\ 382, 26, wo dissipari gegenüber dem
conservari als vox proprio, absolut nothwendig ist; 394, 33, wo ut
nicht entbehrt werden kann, wenn die stelle nicht einen un-
sinn geben soll ; 401, 15. 392, 10. 387, 23. Der arbeit
giebt es in der Sesliana noch immer genug. In § 37 finde ich
in sumpserat des Par. nichts anders als adsumpserat, und erkläre
es nach p. Süll. § 85. In § 6 ist his gravissimae antiquitatis
viris ebenso unmöglich als his gravissimis summae antiquitatis viris.
Den spuren der Überlieferung und dem Sprachgebrauch ent-
spricht, wie ich glaube, am meisten : his gravissimis antiquae se-
veritatis viris. In § 7 : fluetibus reip. \expulsum\ in alienis terris
iacentem ist expulsum ein glossem zu iacentem. § 14 ist insec-
tantur sicher glossem zu si qui se oferunt. Wie könnte sonst der
redner die paronomasie quoad ferri poterunt, perferemus folgen
lassen , wie könnte er endlich den gegensatz bilden : nisi qui
se ita obtiderit, ut etc. ? Wir haben hier dieselbe interpolation wie
p. Sulla 47: tulisse ut potius iniuriam quam rettulisse [gratiam]
videar. § 45 biet Par. unum e und P* unum enim. Das natür-
lichste ist hier unum uidelicet mihi restabat illud. Wer wäre im
stände § 9 7 sunt maximorum ordinum homines , quibus patet curia
Nr. 5. 148. Cicero. 239
zu erklären? Cicero will ja keinem der drei ordines die mög-
lichkeit absprechen und lässt deshalb sofort die municipales fol-
gen. Aehnlich p. Sulla 64 :'animos eorum ordinum, qui praesunt
iudiciis, alienare. Es wird also maxime eorum ordinum zu schrei-
ben sein. § 111: cum Mo ore inimicos est meos saviatus , ist
unter Mo ore nichts zu denken , da im vorausgehenden davon
nicht die rede ist. Also cum impudico Mo ore, cf. § 117. §
131 muss in cumque ein satz gesucht werden, etwa: eam cum
denique relinquerem, itinere toto urbes Italiae etc. Oder Brun-
disiumque cum denique relinquerem f § 134 facit apertissime
contra legem: facit is. Muss nach Cat. I 6 heissen et facit is
etc. § 138 erfordert der gegensatz: non qui sibi se solis, qui
somno et conviviis et delectationi natos arbitrantur.
Die übrigen reden , besonders die Miloniana , sind von
Hirschfelder noch viel spärlicher ausgestattet. Anregung ist
hier nicht zu finden. Die recognition der reden , welche
Eberhard übernommen hat, kann theilweise eine recension
genannt werden: so eingreifend und zahlreich sind die än-
derungen und vorschlage. So die Catilinarien , die Rosciana
und p. Archia. In der Rosciana weicht Eberhard etwa an
dreissig stellen von Kayser ab, iudem er aus den hand-
schriften andere lesarten auswählt; an 37 stellen nimmt er
emendationen von anderen gelehrten auf, etwa 28 fremde con-
jekturen werden ausserdem zur erwägung mitgetheilt; er selbst
ändert die Überlieferung durch eigene emendation an 28 stellen,
und theilt dabei noch 31 conjekturen in der vorrede mit; an
2 conjekturen endlich ist auch Hirschfelder betheiligt. Durch
solche arbeiten wird die kritik wirksam gefördert. Es ist nicht
nöthig, dass der herausgeber mit seinen vorschlagen überall das
richtige trifft , es genügt , dass er durch seine gedanken wieder
andere zum denken anregt. So wünschte ich § 2 sum für sim,
weil eine genügende beschränkung des urtheils bereits in ita —
ut enthalten ist. § 7 ist mit einsetzuug von ea noch nicht ge-
holfen ; will man nicht mit G nisi wählen, so muss man ista
si vobis parum aequa — postulatio videtur schreiben. Doch liegt
der fehler vielleicht tiefer, wie das unverständliche brevem zeigt.
In § 12 : eo prorumpere Tiominum cupiditatem ist mit einsetzung
von tarn nicht geholfen. Was soll hominum bedeuten? Soll es
etwa wie p. Sest. 62 (vgl. Halm) gedeutet werden? Oder soll
240 148. Cicero. Nr. 5.
es demonstrative kraft haben ? Ich finde illorum in hominum =
0£?VM. Es fehlt aber noch ein futurbegriff! Also eo prorum-
pere paratam esse illorum cupiditatem. Die banditen sind schon
auf dem anstand ! Im folgenden : ut non modo dam, verum etiam
hie in foro ante tribunal tuum . . caedes futurae sint ist das eben-
mass der membra gewaltsam zerschnitten. Kann clam gegensätz
sein zu in foro, so kann es nicht dem erweiterten begriff hie
in foro, am allerwenigsten dem doppelbegriff hie in foro | ante
tribunal tuum entgegengesetzt werden. Es muss also dam
ex insidiis corrigirt werden. Störend ist tarnen § 33, vielleicht
ist a me dafür herzustellen-, unfassbar omnia §38, vielleicht
denique omnem ad perniciem proßigatam, wo denique dann wie
Verr. act. I § 4 : ordini, nomini denique senatorio gebraucht sein
würde. In § 55 glaube ich, dass verum tarnen aus der vorher-
gehenden zeile wiederholt und deshalb zu ändern ist: innocens
est quispiam, at, quamquam abest culpa, suspicione tarnen non caret.
Ganz unmöglich, dem sinn und der absieht Cicero's wider-
sprechend, ist § 57 sine suspicione. Hier hätte die atethese Be-
necke's erwähnt werden müssen. Die anklage auf vatermord
stellt Cicero den geschäftigen klagen auf grund einer suspicio
scharf gegenüber. Auch die rhetorik erfordert die tilgung von
sine suspicione, vgl. zu Aesch. Ctes. 78. 91. Die bedenken Eber-
hard's zu § 74 heben sich, wenn man schreibt : ubi eos eonvenit?
ubi conlocutus est f In § 76 scheint mir Eberhard's änderung noch
nicht ausreichend; ich schlage vor: accersivit aliquem! quem
aut quando nuntium misitf unde aut ad quem? In §96 ist primo
nicht stark genug, daher primonum, d. i. primo omnium. In §
99 möchte ich nicht so einfach quid erat in quid est umändern;
sollte nicht das ursprüngliche quid e cae, d. i. quid est causae
sein? § 113 deutet Wortstellung und Überlieferung auf: in
crimen iudiciumque et in famae periculum vocatur. In § 126 ist
nicht allein quo more , sondern auch qua lege interpolation. Mit
unrecht nimmt Eberhard § 151 anstoss an ut nach di prohibeant.
Es steht hier ut nicht anders wie sonst nach verisimile non est,
wie Hör. Sat. I. 3, 120: nam ut ferula caedas . . non vereor.
Verr. IV, 23 lässt sich leicht so emendiren: haec tivitas
isti praedoni ac piratae Siciliensi sua Phaseiis fuit.
Sehr schöne änderungen sind in der Archiana und Sullana.
Die behandlung der letzteren rede durch Eberhard zeigt, dass
Nr. 5. 149. Metrik. 241
hier noch viele verdeckte schaden vorhanden sind. Ich hoffe,
darauf hei anderer gelegenheit zurückkommen zu können.
Zum schluss den wünsch-, dass hei einer neuen aufläge die
bearbeitung der orationes Selectae gleichmässiger und die ein-
richtung des apparats praktischer werden möge.
A. Weidner.
149. Friderici Heimsoethi de duplici quod fertur
dactylorum et anapaestorum genere in rhythmis Graecorum
commentatio (Bonner programm 1875. 4°. XIV s.)
Der verf. zeigt, auf wie schwachen füssen die lehre von
den sogenannten ' kyklischen ' dreimorigen dactylen und ana-
pästen steht, wie dieselbe seit Boeckh, namentlich aber seit
Westphal zum schaden der sache in die moderne rhythmisch-
metrische disciplin aufgenommen worden sei. Gehen doch alle
die zahlreichen folgerungen, namentlich für die messung logaö-
discher rhythmen, wie sie seit Westphal beliebt geworden sind,
im wesentlichen auf das zeugniss des Dionysios von Halikar-
nassos zurück, nach dessen bericht die alten griechischen rhyth-
miker einen kyklischen dactylos und kyklischen anapäst ge-
kannt haben sollen, welcher nur denselben umfang gehabt habe
wie der trochäos und der iambos. Heimsoeth zeigt nun, dass,
ganz abgesehen von der mikrologisch düftelnden manier des
rhetors Dionysios, aus dessen bericht über die auffassung 'ky-
klischer' dactylen und anapäste durch die griechischen rhyth-
miker nichts weiter folgt, als dass griechische rhythmiker (offen-
bar keine sonderlich alten) gelegentlich bei Homer vorkommende
dactylen oder bei Euripides vorkommende anapästen (in anapä-
stischen dimetern) so gemessen haben :
1) statt des dactylos — w w d. h. statt 2. 1. 1 setzten sie
an: x. 1. 1.,
2) statt des ana^ästs v_. w — d. h. statt 1. 1. 2 setzten
sie an: 1. 1. x.,
wobei x einen nicht genau in zahlen ausdrückbaren xQovog
akoyoq bezeichnet, welcher kleiner ist als 2. Schon daraus
folgt, dass alle die versuche eines Boeckh, eines Cäsar und eines
Westphal, mit zuhülfenahme von brächen den umfang jedes der
drei bestandtheile des 'kyklischen' dactylus oder anapästus
auszudrücken, der Überlieferung bei Dionysios widerstreiten. —
242 150. Griechische geschiente. Nr. 5.
Durch geschickte vergleickung anderer mikrologisch ausgeklü-
gelter metrischer regeln, welche sich bei demselben Dionysios
von Halikarnassos vorfinden , will Heimsoeth zeigen , dass über-
haupt die ganze lehre von den ' kyklischen ' dactylen und ana-
pästen, wie so manche ähnliche afterweisheit , für die erklärung
der antiken metra werthlos sei. In scharfer weise wird die
willkürliche interpretationsmanier gerügt, durch welche Westphal
versucht hat, alter autoren fragmentarische oder doch gedrängte
angaben künstlich seiner theorie anzupassen.
150. Der Abfall Mitylene's von Athen. Symbolae criticae.
Gratulationsschrift zur Jubelfeier des gymnasiums zu Elberfeld
von Gustaf Leithäuser. Elberfeld, 1874. 8. 24 s.
Der deutsch geschriebene theil dieses programms befasst
sich hauptsächlich mit den zur zeit des abfalls im jähre 428
bestehenden Verhältnissen Mitylenes und zeigt zuerst, dass W.
Herbst (der abfall Mitylene's von Athen. Cöln 1861) mit un-
recht zu den Ursachen des abfalls allzugrosse belastung mit
leistungen rechnet; verf. hätte auch das fehlen einer dahin zie-
lenden beschwerde in der rede der gesandten Thukyd. 3, 9 — 14
als ein wichtiges argument anbringen können. Dann wird an
der hand von Thuk. 3, 10, 5 und 3, 11, 3 die Sonderstellung
von Lesbos und Samos den andern bundesgenossen gegenüber
besprochen, die zweite, wichtigere stelle jedoch sprachlich und
sachlich unrichtig behandelt. Die worte (xuqtvqCoo ixgüivio [iq
av rovg ye Icoipricpovg üxovzag, el fitf xv rjdixovv oig inyscuv,
CvGTgaievHv bedeuten, wie diepartikel av lehrt, nicht: sie gaben
die feste Zusicherung, es sollten wenigstens die gleiches Stimm-
recht übenden bundesglieder nicht gegen ihren willen heeres-
folge leisten. Ebenso wenig geht aus ihnen hervor, dass die
andern mitglieder theilstimmen gehabt hätten: diese hatten als
vnrjxooi gar nichts zu sagen und mussten, wie auch axovxag
anzeigt, unter allen umständen mit Athen gehen. Zu der gegen
Köhler gerichteten annähme des verf. , dass auch nach 454 all-
jährliche bundesversammlungen mit abstimmung stattgefunden
hätten, ist also in der stelle kein anlass gegeben: es genügte
vor eröfihung eines krieges mit den i6otf)rj(poi rath zu halten
und diese um ihre (jederzeit erfolgte) Zustimmung zu befragen.
Nachdem verf. sodann gegen Herbst aus Thuk. 3, 13, 1
Nr. 5. 150. Griechische geschiente. 243
gezeigt hat, dass bei dem früheren abfallsversuch Mitylene's die
Boioter nicht die hand im spiele gehabt hatten ; geht er auf
die Verfassungsverhältnisse über. Treffend wird Thuk. 3, 27, 1
(ovif r t xoowvio in) zojv uq/ovzojv auf die truppenführer, nicht
auf die regierungsmitglieder , bezogen und in den noötdgoi 3,
25, 1 ein aus der mitte der aristokratie gewähltes regierungs-
collegium, ein geschäftsleitender und ausführender ausschuss der
oUyoi oder (wie sie als die machthaber, nicht wie verf. meint
wegen ihres reichthums, auch heissen^ dvvuzoi erkannt. Herbsts
deutung der proedren auf die gesammtheit der oh'yot widerlegt
Leithäuser besonders durch hervorhebung der grossen zahl von
mehr als tausend, welche er für sie aus Thuc. 3, 50, 1 nachweist,
geht aber zu weit, wenn er unter den von Paches nach Tenedos
geschafften Mitylenaiern, von welchen Thukydides zuerst 3, 28,
2 in den Worten ol ngu^uvzeg izgbg zovg AuxuiSaifiovtovg fid'
XiGzu zwv MizvXrjvufun' ntgidtelg bvieg spricht, ausser den in der
Peloponnesos gewesenen gesandten bloss noch die proedren
versteht: denn die gesandten und proedren zusammen haben
sicher die zahl von hundert nicht erreicht, die nach Tenedos
verbrachten dagegen bildeten, wie man aus 3, 35, 1 unonejxaet,
ig zag *Adi\vag xui zovg ix zrjg Ttvidov MnvXrjvuiwv uvögug
üfxa ovg xuzi&ero xui ti zig u),Xog uvzoj ul'ziog iöoxei tivui zrjg
unoazuGfwg wegen der worte h zig uV.og schliessen muss, weit-
aus die mehrzahl der in Athen hingerichteten Mitylenaier, deren
mehr als tausend waren. Gerade wegen der Wortstellung, welche
Leithäuser sonderbarer weise für seine Verbindung fxuXißza ns-
QidaiTg geltend macht, muss 3, 28, 2 fiälioza mit Herbst auf
ol ngu^uvzeg noog zovg Auxeöuifioviovg zwv MizvXrjvaiwv bezogen
werden und da unter diesen anerkannter massen nicht bloss die
gesandten als die eigentlichen Unterhändler, sondern auch deren
auftraggeber zu verstehen sind, so bleibt nichts übrig als an die
athenfeindliche maiorität der oUyoi zu denken. Dies sind dieselben,
welche Thuc. 3, 50, 1 ol SXkot uvögeg ovg 6 Hü/rjg äninifixpiv
cug alziujzuzovg bvzug zr t g dnoffzüoeuig duy&uguv ol ' ddjjialoi,
r t ßuv de oÄiyco jiXsiovg %i)uu)v mit einem dem ol nqul-uvzEg nqbg
zoi/g Auxiduifxovtovg [lüliozu zwv MizvXrjvaCwv parallelen super-
lativausdruck bezeichnet. Ganz unnöthiger weise zerbricht sich
verf. über die frage den köpf, woher nach der hinrichtung der
oligarchisch gesinnten Mitylenaier die Urheber der späteren
2Ü 150. Griechische geschleifte. Nr. 5.
' oligarchischen bestrebungen ' gekommen seien, und vermuthet,
es möchten dem spürauge des Paches manche entgangen sein
und durch die massenexecution erbittert die söhne der hinge-
richteten eine oligarchische partei organisirt haben. Jenen feind-
seligkeiten der Lesbier gegen Athen wird nirgends ein oligar-
chischer charakter beigelegt und ihr vorkommen erklärt sich
einfach aus dem harten Schicksal, welches nach Thuk. 3, 50,
2 — 3 und Diodor 12, 55 extr. die Athener auch über die un-
schuldige mehrheit der bevölkerung verhängt hatten.
Die symbolae criticae geben ausser der verschlimmbesserung
nsgtßoXoig für ngooßoXug Diodor a. a. o. noch folgende, meist
ansprechende änderungsvorschläge : zu Plinius Epist. 3, 7, 11
quod tot milibus tarn brevi (statt brevis) irnmineret occasus; 6,
8, 6 non posse perinde carptim conieeta {conieeta zusatz des vrfs.)
ut contexta, perinde inchoata placere ut effeeta; zu Statius Silv.
1, 6, 46 quis hoc rogari (statt huc vocare) quis promittere possit
hoc deorum; v. 64 pugiles (statt pumilos). Bei Plinius Ep. 9, 33,
6 wird praebentem gegen die conjeetur praebentem se, bei Statius
Silv. 1, 6, 43 die lesart veseimur gegen vescitur, v. 44 die Inter-
punktion parvi, femina gegen parvi femina mit recht vertheidigt.
TL
151. De iniuriarum actione ex iure Attico gravissima.
Dissertatio inauguralis, quam . . . scripsit Augustus Eudol-
phus Mücke Gorlicensis. Gottingae 1872. 8. 34 s.
Die vorliegende inauguralschrift bringt eine revision der
namentlich für das verständniss der Midiana wichtigen frage
über die yoacpri vßgswg, die zuletzt von C. F. Hermann in seinen
symbolae ad doctrinam iuris Attici de iniuriarum actionibus
1847 eingehend behandelt worden war. Mücke verwirft mit
Westermann die von Hermann verfochtene authenticität der in
der genannten rede § 47 eingelegten gesetzesfbrmel , hält aber
gleichwohl die von Hermann aus letzterer abgeleitete Scheidung
einer ygaepr} vßgewg iSia und drjfioato fest und sucht den
unterschied beider näher dahin zu bestimmen, dass die erstere,
die von dem beschädigten selbst angestellte ygacprj, uTifirjtog ge-
wesen und die busse bei ihr ganz oder theilweise dem kläger
zugefallen sei. Im zusammenhange damit giebt er eine neue
deutung der vielbesprochenen Schlussworte von § 25 der Midiana
Nr. 5. 151. Griechische alterthümer. 245
xal rtfxrifjbtt litnyuv ort %gr} tkx&üv r[ änoiTaat, die er nach
dem vorgange von Hermann in Beziehung nickt zu den näch-
sten Worten ov fiu dC ov%i drjfiocia xgivuv aviov , sondern zu
dem vorausgehenden setzt, im ührigen aber dahin versteht, dass
itprjfia die vom gesetzgeber für die yguyri vßqswg IdCa festge-
setzte strafe bezeichnen soll.
Dr. Mücke hat seine sache mit vielem Scharfsinn geführt
und man folgt darum mit interesse seinen erörterungen. Aber
seine beweisführung erscheint gerade in wesentlichen punkten
nicht stringent. So gleich für den satz , dass das gesetz die
vßgig in vßgig did TtXrjyuiv und vßgig Ji' aiaxgovgyiag zerlegt
und eine klage wegen vßgig an sclaven verübt nur im letztern
falle zugelassen habe. Von dem hierfür beigebrachten hat nur
die bekannte stelle der rede gegen Nikostratos wirkliche beweis-
kraft ; aber selbst aus ihr ist nicht zu schliessen , dass imf alle
der prügelung eines sclaven die klage auf vßgig gesetzlich aus-
geschlossen, sondern nur dass sie nicht üblich gewesen sei, und
dies kann um so weniger befremden, als wir durch Demosthenes
und Isokrates wissen, wie schwer selbst ein geschlagener bürger
sich zur anstrengung jener klage entschloss. Ebensowenig kann
ref. sich in den übrigen hauptpunkten für überzeugt bekennen.
Zwar geht Mücke in der Unterscheidung der ygu<prj vßgswg löia
und drjfioola jedenfalls consequenter als Hermann zu werke.
Aber um den aufgestellten unterschied durchzuführen, muss er
jener problematischen deutung der worte des Demosthenes zu liebe
das zeugniss des Aristoteles, nach welchem man bisher die
YQOKpi] vßgtutg als eine durchaus schätzbare angesehen hat, ohne
zureichenden grund auf seine ygacprj druxocta beschränken und
in der gleichen beschränkung auch die worte der Midiana §
45 fassen: Siontg xul xr\g vßgewg uvxtjg xug fiev ygutpug k'dutxev
änavTi zw ßovXofitvm, xo <?£ xifirjfiu inotriffsv olov ditfioGiov, wie-
wohl die sogleich folgende motivirung xgrjfiuxa ol ngocqxsiv
(riytlro) xuiv loioviiuv itp' iuvHp Xafißuvtiv unzweifelhaft macht,
dass Demosthenes im gegentheil zunächst den fall im äuge hat,
dass der verletzte selbst klagbar wird. Damit steht auch § 40
keineswegs in Widerspruch; denn das dort gesagte: aviog /uv
ovxt Xußuiv ovöiv ovx lniyugr\<sag Xußiiv (pavrjootiai ist ledig-
lich im gegensatz zu den vorher gebrachten beispielen von sol-
chen zu verstehn, die sich durch geld bestimmen Hessen von
Philol. Anz. VII. 16
246 151. Griechische alteirthümer; Nr. 5.
jedem processe abzustehn, und es ist willkürlich, wenn Mücke
p. 19 darin auch die beziehung auf einen vortheil finden will,
der dem redner aus einer klage auf vßqtg erwachsen wäre. Die
ganze annähme einer kategorie von yqayul Xdiou aber (Mücke sollte
nicht überall Iditu und drjfjioGiat drucken lassen), zu der Her-
mann durch sein festhalten an der ächtheit der in der Midiana
eingelegten Urkunden genöthigt war, muss sobald man diese
fallen lässt, schon principiell um so bedenklicher erscheinen, je
schwerer es halt sich den unterschied einer ygucßrj Idta und einer
dCxr} praktisch klar zu machen. Sie wird aber auch durch die
stelle der rede selbst, welche für Mücke die hauptstütze seiner
ansieht bildet, durchaus nicht geboten. Wenn dort (§ 25) die
yga(prj vßqtojq in allerdings auffallender weise unter die dixai,
Xdiu.i rubricirt wird, so soll dabei das wort dlxut in weiterem
sinne stehn , wonach es auch die yQacpuf, der ausdruck dCxai,
Xdnn.1/ also auch die yquepal Xötai mit einschliessen kann. In
gleicher weise werden die St'xut Xdiou in § 28 verstanden, und
doch geht es gerade an dieser stelle am wenigsten an, jenen
begriff in anderm sinne zu nehmen, als in demselben, in welchem
er kurz vorher in einen gegensatz zur ygayr} vßqiwg gesetzt
ist. Das dabei von Mücke p. 19 dem Demosthenes zur last
gelegte sophisma kann man schon mit in den kauf nehmen. In
§ 25 aber will es ref. doch gerathen scheinen, bei der längst
gefundenen deutung der dUai Xöiui stehn zu bleiben, wonach
sie hier nicht sowohl privatklagen, als vielmehr persönliche klagen
bezeichnen mit einrechnung derjenigen öffentlichen klagen, welche
sich auf verbrechen beziehen, in denen der staat nur mittel-
bar verletzt ist. Die Rechtfertigung dieser deutung liegt in dem
gegensatze der worte drifioöiu xqlvsiy, die, wie das unmittelbar
folgende unzweifelhaft lehrt, nur auf die ngoßoXq bezogen werden
können. Nach dem bemerkten können wir auch Mücke's er-
klärung der Schlussworte xul zCfiijpa Indytiv xxk. natürlich nicht
zustimmen, so sehr wir ihm in der bekämpfung der frühern
deutungs- und änderungsversuche recht geben müssen. Das
räthsel der stelle ist eben noch nicht gelöst. Jedenfalls haben
aber Hermann und Mücke darin unrecht, wenn sie die Verbin-
dung jener worte mit den nächstvorausgehenden ov druioßCa
xqtvBiv darum für unzulässig erklären , weil dann xat sprach-
widrig und durch ovdi zu ersetzen gewesen wäre. Aber man
Nr. 5. Theses. — Nene auflagen. 247
vergleiche doch z. b. Dem. XIX, 49 iuv fir] nodVJßv &(oxt7g a
dsl xul nr/gaSiöioGi ToTg ^4fj,(pcxTv6ct, to Isqov. Hiernach ist
auch die bemerkung der scholien sicher anders zu beurtheilen
als Mücke p. 27 gethan hat.
J. H. L.
Theses.
De rnundi niiraculis quaestiones selectae. Diss. philologica quam . . .
in im. Fridericia Guilelniia Rhenana . . . d. XXII rn. Nov. MDCCCLXXV
. . defendet Hermanns de Rohden: Theses: I. Callimachi epigramma-
tis 47 (46 Mein. — cf. Fleckeis. ann. CHI 1871 p. 192) extremi uersus
recepta uerissima Bentlei coniectura ita legendi sunt:
SG&' ä/ulv /ft' naaictg dqeidia ngbg tov tgoiia'
TOVTtl VCcl y.tl(llV TR 71KQÜ, naidägiov.
ovd' ogov dixagay t>v tv didoixa{j.tg' ai yclg Irwdal
oixoi reo yaktnöj Tgav/ucaog djur/OTsgotg. —
II. Isigonum Nicaeusern , cuius ntgl äniarmv libros apud omnes
qui secuti sunt mirabilium scriptores maximi momenti fuisse Val.
Rose recte perspexit, auctore inpriniis Antigono Carystio usum esse
neque euicit Erwinus Rohde (in Act. soc. phil. Lips. I p. 29 sq.) neque
omnino demonstrari potest. — III. De ipsa quae Antigoni Car. nomine
inscripta extat iGiogiwv naoado^wy farragine recte adhuc a nemine
iudicatum est. — IV. Quae inter Themistii orationes fertur tricesima
'&mtg tl ytiüQyrjisov ' spuria est. — V. Aristotelis qui dicitur negi*
xog/liov libellus si non ab ipso Apuleio (Adami quidem argumenta ne-
modum euertit) , certe non multum ante illius aetatem scriptus est.
quicumque autem libri illius uersionem ab Apuleio neglegenter fac-
tam opinantur , et Hildebrandi et priorum editiones ex pessime cor-
ruptis codicibus fluxisse non animaduerterunt. — VI. Non priore (cf.
Roberti diss. p. 41), sed posteriore alterius p. Chr. n. saeculi parte
bibliothecam Apollodorus conscripsit. — VII. Eidem saeculo exeunti
et Callistratum ixgigäctiap scriptorem et Xenophontem Epbesium ad-
scribendos esse certissimis demonstratur argumentis. — VIII. Philon.
Byz. n. r. tma 9ia/uch(Dv 1. cap. I 3 scribendum ttj x*Q ac P Tiagankijcliag'
wen Trju ugÖGi/jov vnig xtriakrjg ilvui (cod. Palat. naganktjoiwg' Jt]v re
ccqvgi/uov. — t corr. Herch.). — IX. Aristaeneti locus (I, 3 Epistologr.
gr. p. 135. 24 sqq. Herch.) male corruptus nee satis intellectus ita
lere emendandus est inl rolvvv rovg ninav&EVTug o [xiu aviggi^äw, o
dt «7io irjg ylfjg c'gd-f lg ixavwg äxgtt fxiv Trj kaiix Gffodgwg h/sto tov (fvrov,
ßtßkqxdig (rt]V yngee? avTtjV ?) &nl rwu xkddcov, rrj dz'l-ä d'i nagsTgvycc , S
dt vno tov devdgov ytlgag dlgiyi Tip yscogyw (aut Tolg ytwgyolg) , äßnsg
ysyt]Qax(üg. — X. Caput ntgl /uvij/uqg (Rh. Gr. I p. 312 sqq. Sp.) etsi
ipsius artis pars certo non fuit, tarnen cur a Cassio Longino abiudi-
cetur causa nulla est. contra negl vipovg libellus post Vespasiani tem-
pora compositus esse nequit. — XL Dialogus "Egwng inscriptus nee
Luciani est neque quidquam quo uel rectius de Praxitelia Veneris
statua uel aecuratius existimetur impertit.
Fr. Heidenhain, de doctrinae artium Aristotelicae prineipiis scr.
(Zeitz): Theses: I. Ingeniorum illa quae in imaginibus cernitur varietas
non tarn ex earum rerum, quae ad phrenologiam pertineant, aut ex
vultuum pendet varietate quam ex lineamentorum varia conformatione.
— II. Arist. Poet. cap. 18 p. 1455 b 32 scriptum fuit: rgaytodiae di
tidrj tiGiv l'f. (libr. tiggccq«) ioguvxu yag xai tu f*eg>] Iktylhi. ut enim
'riGGaga' 1 scriberetur, inde factum est, quod in sequentibus librariorum
16*
248 'Neu© auflägest. Nr. 5.
incuria genera duo, unum quod nimio dictionia alterum quod nimio
niusicae studio procreatum erat, exciderant. — III. 1. 1. cap. 24 p.
1459 b 7 ita scribendum est: In eJ* rd tldq ravia dtl !/»>' r>]v knonoüav
rr, TQctyadia. \r t yäg anktjv tj Titnkiyfiiftjy tj yfrixqv % na&tjnxqv] xal (yäg)
t« fiigt] l£w /utlonoüag xal otptcog tavtä. xal ydg neotntTinJJv dtl xal
dvaytxoQicBbiv xal na§r\naT{av [ßn rag diavoiag xal rijv Ae£iv %%tiv x«Acof]
ois anaßiv "Ofxrjgog xi%QtjTai xal nowiog xal IxaviSg. xal ydg (excidit sen-
tentia ea quae ad utrumque Carmen simul pertineret) xal rdSu noitjfid-
tcov ixdrigov ovyieiijxtv rj fiiv 'Ifoag änXovv xal na&qnxov, tj di'Odvaatia
TunXiyfiSfoP, dvayvügiaig ydg di.6i.ov, xal tjd-Mij. ngbg ydg rovroig AeJf**
xal foavoia ndvm vntgßißXrixiv. — IV. Ar. Pol. VIII, 5 p. 1339 a 26
verba 'xal ngog tpgovtjaw' glossema fuerunt ad verba v. 22 'ngbg
aotrtjv « fsivetv. 1 — V. 1. 1. p. 1340 a 30 praeter Spengelii verborum
' dXV $nl [xwgöv' trajectionern ad locuni plane emendanduni pro 'in
de ovx Man, ravTa SfioKo/xara ' scribendum est: intl ovx xri.
Neue auflagen.
152. Homers Ilias. Erklärt von K. F. Ameis. 1. bd. 3. heft,
bearbeitet von C. Hentze. 8. Leipzig, Teubner; 1 mk. 20 pf. — 153.
H. Bonitz, über den Ursprung der homerischen gedichte. 4. aufl. 8.
Wien, Gerold; 2 mk. — 154. Sophoclis tragoediae. Rec. E. Wun-
derus. Vol. I, sect. I contin. Philoctetam. Ed. 4 cur. N. Wecklein.
Lips. , Teubner; 1 mk. 40 pf. — 155. Freunds Schülerbibliothek.
Präparationen u. s. w. Präparation zu Sophokles werken. 9.
hft. 2. aufl. 16. Leipzig, Violet; 50 pf. —156. Thucydidis de bello
peloponnesiaco 11. VIII. Explanavit E. T. Foppo. Vol. II. Sect. 2.
Ed. 2. auxit et emendavit J. M. Stahl. 8. Lips., Teubner; 2 mk.
70 pf. — 157. Thucydidis de bello peloponnesiaco l. VIII. Iterum
edidit G. Boehme. 2 voll. 8. Lips., Teubner; ä 1 mk. 50 pf. —
158. Freund Präparationen u. s. w. Präparation zu Xenophon's Ana-
basis. 4. hft. 5. aufl. 16. Leipzig, Violet; 50 pf. — 159. Piatonis
Phaedo. Rec. M. Wohlrab. Ed. 5. Lips., Teubner; 2 mk. 70 pf. —
160. Freund Präparationen u. s. w. Präparation zu Xenophons
Memorabilien. 1. hft. 2. aufl. 16. Leipzig, Violet; 50 pf. —
161. P. Ovidius Naso. Ex iterata B. Merkelii recognitione. vol. 2.
Metamorphoses. 8. Lips., Teubner; 90 pf. — 162. P. Ovidii Nasonis
Metamorphoses. Herausgegeben von J. Siebeiis. 2. hft. 8. aufl. besorgt
von F. Folie. Leipzig, Teubner; 1 mk. 50 pf. — 163. C. J. Caesaris
commentarii de bello civili. Erklärt von F. Kraner. 6. aufl. von F.
Hofmann. 8. Berlin, Weidmann ; 2 mk. 25 pf. — 164. Freund Prä-
parationen. Präparationen zu Cäsars gallischem kriege. 6. hft. 2.
aufl. Leipzig, Violet; 50 pf. — 165. T. Livi ab urbe condita libri.
Erklärt von W. YVeissenborn. l.bd. 2. hft. buch 2. 6. aufl. 8. Berlin,
Weidmann; 1 mk. 20 pf. — 166. C. Taciti Historiarum libri qui su-
persunt. Schulausgabe von C. Heraeus. 2. bd. 2. aufl. 8. Leipzig,
Teubner; 1 mk. 80 pf. — 167. Cicero's ausgewählte reden. Erklärt von C.
Halm. 3. bd. 9. aufl. 8. Berlin, Weidmann; 1 mk. 50 pf. — 168.
M. Tullii Ciceronis Laelius de amicitia. Erklärt von G. Lahmeyer.
3. aufl. Lips., Teubner; 60 pf. — 169. E. Guhl und Xoner das leben
der Griechen und Römer cett. 4. aufl. 1. 2. 3. 4. lief. gr. 8. Berlin,
Weidmann; ä 1 mk. — 170. IT. W. Stoll, handbuch der religion und
mythologie der Griechen und Römer. 6. aufl. 8. Leipzig, Teubner;
2 mk. 25 pf. — 171. J. Facciolati, Aeg. Forcellini et J. Furlanetti
Lexicon totius latinitatis curante F. Conradini. T. III. fasc. 5. gr.
4. Münster, Venedig; 2 mk. 50 pf. — 172. Forcellini totius latini-
iatjs lexicon. Dict. 53. gr. 4. Prati (Brockhaus in Leipzig); 2 mk.
Nr. 5. Neue Schulbücher. 249
50 pf. — 173. E. F. Puchta , Institutionen. 8. aufl. Besorgt von
P. Krüger. 2. bd. 8. Leipzig, Breitkopf u. Härtel; 8 mk. — 174.
Vering, geschiente und pandekten des römischen und heutigen ge-
meinen privatrechts. 4. aufl. 3. Ifrg. 8. Mainz, Kirchheim; 2 mk.
50 pf. — 175. II. Wuttke, die deutschen Zeitschriften und die ent-
stehung der öffentlichen meinung. 3. aufl. 8. Leipzig, Krüger;
4 mk.
Neue Schulbücher.
176. Homers Odyssee. Erklärende Schulausgabe von H. Düntzer.
2. aufl. 1. lfg. Paderborn, Schöning; 1 mk. 50 pf. — 177. J. V.
Hutter , lateinische anthologie für die fünfte classe der lateinschule.
3. aufl. 8. München, Lindauer; 1 mk. — 178. Cornelius Nepos. Mit
anmerkungen von F. W. Hinzpeter. 8. Bielefeld, Velhagen u. Klasing ;
1 mk. 25 pf. — 179. G. Hertzberg, die asiatischen feldzüge Alexander
des grossen. 2. aufl. 8. Halle, Waisenhaus; 6 mk. — 180. Desselben
geschichte der messenischen kriege nach Pausanias. 3. aufl., ebendas. ;
1 mk. 80 pf. — 181. C. Frank'» griechische formenlehre. Bearbeitet
von A. v. Bamberg. 5. aufl. Berlin, Springer ; 1 mk. 60 pf. — 182.
G. und H. Stier griechisches elementarbuch. 3. aufl. 8. Wittenberg,
Kölling; 2 mk. 40 pf. — 183. K. Ditfurt, griechisches vocabularium
zum auswendiglernen. 5. aufl. 8. Magdeburg, Heinrich sh ofen ; 2
mk. — 184. P. Wesener , griechisches elementarbuch zunächst nach
den grammatiken von Curtius und Koch. 3. aufl. 8. Leipzig, Teub-
ner; 1 mk. 20 pf. — 185. E. Berger und H. Heidelberg , Übungs-
bücher zu der griechischen grammatik von E. Berger. 2. cursus, für
tertia. 4. aufl. 8. Celle, Schultze; 2 mk. — 186. Quellenbuch für
alte geschichte. Für obere gymnasialclassen. 2 abth. 2. heft
Römische geschichte bearbeitet von A. Weidner. 2. aufl. 8. Leipzig,
Teubner; 2 mk. 40 pf. — 187. K. W. Meyer, grammatische regeln
und beispiele als anhang zum lateinischen elementarbuch von Hennings.
2. aufl. 8. Halle, Waisenhaus; 25 pf. — 188. Grundregeln der latei-
nischen spräche. 2. aufl. 16. Nürnberg, Löhr; 15 pf. — 189. Oster-
mann, lateinisches Übungsbuch. 1. abthl. für sexta. 13. aufl. 8.
Leipzig, Teubner; 75 pf. — 190. Desselben 4. abthlg. für tertia. 6.
aufl. 8. ebendas.; 1 mk. 25 pf. — 191. Desselben lateinisches voca-
bularium. 2. abthlg. für quinta. 9. aufl. 8. ebendas.; 30 pf.
Bibliographie.
Notizen über die universitäts-bibliothek in Strassburg giebt aus
der Augsb. Allg. Ztg. das Börsenbl. nr. 122.
Unter der aufschrift 'der buchhandel und die presse' bespricht
5 . . r eine reihe bei den recensionen in zeitungen und Zeitschriften
vorkommender übelstände und "wünscht dafür bestimmte normen. Es
scheint dabei nur eins ausser acht gelassen , nämlich wie schwer es
oft hält grade für recht bedeutende werke die passenden recensenten
zu finden — und ferner, wie gering jetzt im vergleich zu der dafür
aufzuwendenden zeit die recensionen honorirt werden.
Einen bericht über G. Schioetschke's 50jährige Jubelfeier giebt
Börsenbl. nr. 134.
Im Börsenbl. nr. 134 wird gemeint, das mit dem Börsenblatt ver-
bundene recensionenverzeichniss sei aufzugeben oder umzugestalten.
Letzteres ist gewiss nöthig; aber wer das wünscht, sollte zugleich vor-
schlage für bessere einrichtung machen. Hier einen. Man theile das ver-
zeichniss doch in fächer, sodass jeder das was ihn angeht, leicht und schnell
250 Bibliographie, Nr. 5,
finden könne. Vrgl. dazu die weiteren Verhandlungen über diesen
gegenständ im Börsenbl. nr. 146.
Einen bericht über die ostermesse der buchhändler giebt Börsenbl.
nr. 140. 142.
Es unternimmt Alfred Lorentz einen katalog sämmtlicher bücher
herauszugeben, welche 1) in einen andern verlag übergingen, 2) die
vergriffen sind, 3) in Selbstverlag erschienen ohne nennung der detail-
verlaghandlung. Im Börsenbl. nr. 148 wird dies unternehmen zu
unterstützen aufgefordert: mit recht und zwar auch um deswillen,
weil buchhändler, in deren verlag anderer verlag übergegangen, diesen
oft nicht kennen, sodass, wenn man bücher aus diesem verlangt, sie be-
haupten, sie hätten die bücher nicht, und erst, wenn sie zum nach-
sehen wiederholt aufgefordert sind, das verlangte schicken.
Bücher-biographien , d. h. mittheilungen über den verkauf von
Verlagsartikeln, von A. Enslin im Börsenbl. nr. 178.
Von einem wichtigen, aber in den buchhandel nicht gekommenen
werke berichtet Börsenbl. nr. 184, nämlich von der Chronica de rebus
Malcastaniensibus, welches durch Ed. Schulte in Düsseldorf zu beziehen.
Da wie die hier mitgetheilten Verzeichnisse lehren, die concurrenz in
betreff der Übungsbücher zum übersetzen aus dem lateinischen in
das deutsche und umgekehrt sehr gross ist, und die Verfasser um pas-
senden stoff allmählig anfangen dürften in Verlegenheit zu gerathen,
so machen wir die Verfasser von dergleichen auf diese chronica auf-
merksam, zumal in dieser nach dem titel zu schliessen, die latinität
neu und höchst originell behandelt sein wird.
J. J. Amiet, Hans Wurster, beitrag zur ältesten geschichte der
buchdruckerkunst, Börsenbl. nr. 188: "Wurster, aus Kempten, war bei
der ersten 1472 zu Mantua eingerichteten buchdruckerei schon thätig;
er lebte noch 1490 in Basel: s. Augsb. Allg. Ztg. nr. 201: s. ob.
hft. 3, p. 175.
Es waren im Börsenbl. vom 25. aug. und auch anderwärts
die bei Tauchnitz in Leipzig erscheinenden ausgaben englischer werke
als nachdruck bezeichnet, eine leicht sich erklärende ansieht; dagegen
verwahrt sich aber B. Tauchnitz in der Augsb. Allg. Ztg. nr. 245
und führt aus , wie die von ihm gedruckten englischen bücher stets
von den Verfassern ihm gegen honorar überlassen seien , seinen aus-
gaben also ganz gleiche rechtmässigkeit zukomme als den englischen.
Auch anderes interessante kommt dabei zur spräche, was da zeigt,
wie verwickelt und eigenthümlich oft die Verhältnisse des deutschen
buchhandels sind.
Die erste abtheilung des heft V der Mittheilungen der verlagshand-
lung von B. G. Teu b ner berichtet über folgende künftig erscheinende
werke : Aeschyli Septem adversus Thebas ex rec. G. Hermanni cum
scripturae discrepantia scholiisque codicis Medicei aecuratius collati
in usum scholarum suarum iterum edidit Fr, Ritschelius. Praecedunt
de Aeschyli vita et poesi testimonia veterum composita a Fr. Schoell.
— Geschichte der griechischen literatur bearbeitet von Fr. Blass, P.
Schuster, W. S. Teuffei, R. Volkmann, J. Wagemann u. a. Heraus-
gegeben von W. S. Teuffei; es soll das ganze in neun abtheilungen
zerfallen, die auch angegeben sind. Uns gefällt auf diesem felde solche
theilung der arbeit nicht. — Quaestionum de glossariorum latinorum
fontibus et usu : Prodromus corporis glossariorum latinorum. Scr.
Gustavus Loewe: ein äusserst erwünschtes unternehmen. — Bei-
träge zur italischen sprachkunde von W. Corssen: die herausgäbe
des fertig vorgefundenen manuscripts besorgt H. Weber in Weimar.
— L. Apuleii Madaurensis opera edidit Ch. Lütjohann: nach neuen
collationen. — Velleii Paterculi historiae Romanae 11. II. Apparatu
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Nr. 5. , Kleine philologische zeitung. 251
critico adjecto edidit Carolus Halm. — Ueber alle diese werke wird
genaue auskunft gegeben.
Von buchhandlungen sind uns zugegangen : verlag von H. -Dufft
in Jena, daneben neue juristische Unternehmungen von H. Dufft, dabei
Jenaer Literaturzeitung ; Elwert in Marburg, einpfehleuswerthe Schriften
aus den gebieten der theologie, philologie, pädagogik , geschichte u.
s. w. ; neuer verlag von Hey der fy Zimmer in Frankfurt a. M. ; Bi-
bliotheca philologica Teubtieriana, bis September 1875 ; ausgewählte
werke aus dem verlag der Weid mann 'sehen buchhandlung in Berlin;
verlag der IVinter'scnen buchhandlung in Leipzig.
Es ist erschienen : Bibliotheca philologica oder geordnete Übersicht
aller auf dem gebiete der classischen alterthumswissenschaft wie der
altern und neuern Sprachwissenschaft in Deutschland und dem ausländ
neu erschienenen bücher. Herausgegeben von dr. TV. Müldener. 28.
Jahrgang. 1. heft. Januar— Juni 1875. Verlag von Vandenhoeck u.
Ruprecht in Göttingen. 1875.
Cataloge der antiquare : J. Bensheimer antiquariat und buchhand-
lung in Mannheim und Strassburg, catalog nr. 14, kunstgeschichte,
philologie u. s. w. ; Ed. Besohl in Erlangen, antiquarischer catalog
nr. 31, altclassische philologie und pädagogik; Antiquarischer anzeiger
nr. V der .ßewfe'schen buchhandlung (A. Breithaupt) in Göttingen,
1876; Verzeichniss ausgewählter werke aus dem verlag von F. A.
Brockhaus in Leipzig, Weihnachten 1875 ; Otto Harrassowitz, antiqua-
rischer catalog 22, Numismatik, Epigraphik. Erste abtheilung, ent-
haltend die münzsammlung des verstorbenen Geh. Archivrath C. T.
Grotefend in Hannover; dess. catalog 23, zweite abtheilung der Gro-
tefend' sehen bibliothek, geschichte und ihre hülfswissenschaften ; 3.
verzeichniss des antiquarischen bücherlagers von C. Lucius in Leipzig
(philosophie , erziehungs- und Unterrichtswissenschaft) ; Catalog (nr.
23) einer ausgewählten Sammlung von werken der classischen und
modernen philologie und liuguistik, literaturgeschichte u. s. w. zu
beziehen von B. L. Prager in Berlin; verzeichniss (nr. X) antiquari-
scher bücher aus dem gebiete der philosophie und pädagogik bei
Oscar Richter in Leipzig; Simmel $■ Comp, antiquariats - catalog nr.
26, griechische und lateinische autoren.
Mess. Longmans, Green Reader and Dyers monthly list (nr. 392)
of new books cett. ( Weigel in Leipzig).
Kleine philologische zeituug.
An E. v. Leutsch. Sie wollten einen brief aus Athen von mir haben,
lieber freund, und ich versprach ihn, wenn sich mir irgend etwas bieten
würde, daseiner für die Veröffentlichung bestimmten mittheilung werth
schiene. Da ich Athen zum erstenmal sehe, ßo konnte meine absieht nur
sein eine lebendige anschauung des von dem alten Athen gebliebenen,
der durch die natur gegebenen Verhältnisse und der trümmer der stadt
zu gewinnen, in welcher meine gedanken ein leben lang aus weiter
ferne heimisch zu werden gestrebt hatten. Zu eigenen Untersuchungen
reichen die wenigen wochen nicht. Nur zu sagen, dass eine bedeu-
tende zahl der wichtigsten fragen trotz allem , was darüber mit
scharfsinu und gelehrsamkeit geschrieben ist, noch offen scheint, wo-
zu nützt das? Wo die Pnyx zu suchen sei, ob der wunderbar erhaltene
tempel der Unterstadt Theseus oder Herakles oder wem sonst ge-
hört habe, wo Pythion und Enneakrunos gelegen, und so vieles andere,
erscheint mir ungewiss. Was gegen die vermuthungen, die aufgestellt
worden sind, spricht, lässt sich bald sagen, aber etwas besseres und
252 Kleine philologische zeitüng. Nr. 5,
sichereres zu geben ist entweder überhaupt nicht möglich oder kann
nur bei längerem, ruhigerem Studium an ort und stelle gelingen.
Die neueren ausgrabungen , bei denen man das Dipylon gefunden zu
haben glaubt, versprechen licht über eine der wichtigsten örtlich-
keiten zu geben, aber das jetzt blosgelegte ist in seinen sich kreu-
zenden und wohl sehr verschiedener zeit angehörenden zügen von
grundmauern und anlagen so wirr und dunkel, dass das ganze sich
einer befriedigenden deutung noch nicht fügen will.
Gerade diese Unsicherheit regt zu um so grösserer Sorgfalt der be-
trachtung und wiederholtem besuch vieler örtlichkeiten an und die
fülle des zu sehenden ist so bedeutend, dass mein theurer reise-
gefährte, professor Schall aus Jena, und ich ungeachtet alles fleisses
und der beschränkung fast nur auf Athen, die wir uns für die sechs
Wochen unseres aufenthaltes auferlegt haben, so manches mit schmerz-
lichem bedauern bei seite lassen müssen.
Zwei umstände erschwerten ausserdem unsere bemühungen. Attika
wollte sich uns, wie es scheint, mit all seinen eigenheiten zeigen.
Neben wundervollen frühlingstagen, einigen mit voller sommerwärme,
erlebten wir im märz eine reihe empfindlich kalter tage, ja am
morgen des 26. n. st. war ganz Athen , ebene und berge , mit schnee
bedeckt, ganz wie unter Archon Lakratidas und im j. 306 v. Chr.
(Wachsmuth, Athen I, p. 103), und gegen die Schmidt'sche tabelle
(Wachsmuth, a. o. p. 108), waren drei tage im märz ganz bedeckt.
Dagegen erlebten wir am 16. april abends ein starkes gewitter mit
gewaltigem regen, schlössen und hagel, ein paar tage darauf sogar
ein leichtes erdbeben. Die kälte machte das arbeiten im freien oder
in den museen fast unmöglich und auch den aufenthalt zu hause sehr
unbehaglich.
Und die museen befanden sich fast alle in bewegung. Auf der
Strasse nach Patissia hat der staat ein grosses gebäude errichtet, das
alle bedeutenden marmorwerke der stadt, nur mit ausschluss der von
der Akropolis, aufnehmen soll. Eben war professor Kumanudes mit
dem einräumen beschäftigt und vieles aus den Sammlungen des The-
seums, der Hadriansstoa, des Windethurms, des Barbakeions schon
ausgeräumt oder doch zum überführen umgestellt. Die Verzeichnisse
also von Kekule und Heydemann sind nicht mehr brauchbar. Auch
auf der bürg ist für die dort gefundenen werke der plastischen kunst
in der südöstlichen ecke ein neues museum gebaut und noch in der
einrichtung begriffen. Leider haben gerade die reste vom Parthenon
in ihrem saale ein sehr ungünstiges licht.
Wir haben schon den 17. april und es ist also hohe zeit, wenn
ich Ihnen schreiben will. Um nach allem , was ich soeben gesagt
habe , Ihnen wenigstens meinen guten willen zu zeigen , schicke ich
Ihnen einige Epigraphica , die so viel ich weiss neu sind. Freilich
sind es meistens kleine, an und für sich unbedeutende bruchstücke,
aber sehr alter zeit angehörig , und so manches in dem trefflichen
Corpus inscriptionum atticarum vol. I von Kirchhoff ist nicht bedeu-
tender. Gerade von alten inschriften haben wir so wenig, dass auch
das kleinste bruchstück beachtung verdient: weiss man doch nie, in
welchem Zusammenhang es sich einmal als wichtig erweisen kann.
Im Wächterhäuschen auf der Akropolis findet sich zur zeit ein
stück pentelischen marmors , das auf allen seiten abgebrochen ist.
Es muss wohl früher zum theil verdeckt gewesen sein, denn die in-
schrift zeigt sich jetzt etwas vollständiger, als sie Kirchhoff nach U.
Köhlers abschrift Corp. Inscr. att. I, 18 giebt. Deutlich liest man
jetzt, was auf beiblatt nr. 2 steht.
Irgend eine ergänzung oder deutung des erhaltenen ist auch jetzt
Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 253
nicht möglich. Zwar verlockt z. 4. 5 an etwas zu denken wie /ulj cf*-
[dov«* rb ticTwp] uj/J 1 * to nvo, also an bestimmungen über den flüchti-
gen mörder, wie sie Sophokles Oed. T. 238 ff, Demosth. Lept. § 158
sich finden, und [xp^r^a z. 3, xvigcty z. 4, Qüvav 9\vhv z. 6
Hessen sich wohl damit in Zusammenhang bringen. Aber t] a/uiaoi,
wie schon Kirchhoff Z. 7 ergänzte, steht dagegen und führt eher dar-
auf, dass es sich von bestimmungen über das verfahren bei irgend
einem öffentlichen opfer handle. Leider also wiederholt sich auch
hier die alte geschichte: es ist so viel erhalten, um schmerzlich be-
dauern zu lassen, dass so wenig erhalten ist.
An demselben ort finden sich die trümmer einer basis von pen-
telischem marmor: auf der oberen fläche ist eine Vertiefung erhalten
für die einlassung des weihgeschenks, das an der einen langseite von
der weihinschrift gebliebene s. beibl. nr. 5, das auf der einen Schmal-
seite linksläufige s. bleibl. nr. 6, also: . . . .] (jhov ln[oiriß(.
An demselben orte liest man auf einem ähnlichen kleinen bruch-
stück noch buchstaben , s. beibl. nr. 4, wohl reste eines eigen-
namens.
Endlich schreibe ich von der einen Schmalseite eines ähnlichen
pentelischen marmorstücks die ärmlichen trümmer einer ßovargo-
(ftjdov geschriebenen inschrift ab (s. beibl. nr. 3) und von der daran-
stossenden unteren seite die linksläufigen buchstaben: AMO~
Die paar buchstaben haben deshalb einiges interesse, weil das
koppa zeigt, dass wir eine inschrift dorischen Ursprungs vor uns haben,
wie die grabschrift der Kleonäer C. Inscr. A. 441.
In dem ersten zimmer des neuen museums auf der Akropolis sind
die bruchstücke von dem vorpersischen Hekatompedon zusammen-
gestellt, die zum theil schöne Zeichnungen von akanthosblättern, pal-
metten, maeandern, und lebendige farbenspuren , himmelblau , schar-
lachroth, braunroth, zeigen. Auf einem dieser bruchstücke sind die
buchstaben erhalten, die beibl. nr. 7 stehen.
Diesen paar inschriftresten füge ich eine bemerkung über eine
wichtige , vor kurzem aufgefundene archaische inschrift aus Korinth
bei, die nächstens im ersten heft der mittheil ungen des deutschen
archaeologischen instituts zu Athen erscheinen wird. Es ist die grab-
inschrift eines auf dem meere umgekommenen Deinias. Merkwürdig
ist sie vorzüglich deshalb, weil deutlich geschrieben ist: Jpuvia (s.
beibl. nr. 1), der genetiv von Jitvias. Also ist das digamma in diesem
stamme, wie I. Bekker Hom. blätt. I, p. 278 voraussetzte, gegen G.
Curtius, der vielmehr cfj annimmt (Griech. Etym. p. 585 2 ), erwiesen.
Einen ganz besonderen genuss gewähren die tanagräischen thon-
figuren, die sich theils in der Sammlung der archaeologischen gesellschaft
im Barbakeion , bei weitem schöner aber und zahlreicher in privat-
eammlungen und im kunsthandel finden. Es ist wie eine ganz neue
weit, die uns hier entgegentritt, das leben, unmittelbar wie es in
Tanagra, etwa im dritten Jahrhundert vor Christus gewesen sein mag.
Namentlich sind die schlanken frauengestalten in den anmuthigsten,
der Wirklichkeit abgelauschten, mannichfaltigsten Situationen äusserst
reizend. Jüngst sind auch mehrere mythologische gruppen zum Vor-
schein gekommen, lichtgrau gefärbt mit ziemlich reichem goldschmuck,
die für die Vollendung des kunsthandwerks in der böotischen land-
stadt mit der feinheit ihrer Zeichnung und durchbildung glänzendes
zeugniss ablegen. Da das berliner museum eine bedeutende anzahl
der tanagräischen terrakotten erworben hat, so dürfen wir wohl von
da einer zusammenfassenden arbeit über diese werke entgegensehen.
Bei einem kunsthändler sah ich auch die merkwürdige thonplatte
mit der darstellung einer todtenklage, deren Sie sich aus Benndorfa
254 Kleine philologische zeitung. Nr. 5.
vasenbildern (heft I, 1) erinnern. Wunderbarer weise hat sich das
stück in der rechten obern ecke auch noch aufgefunden. Es bietet
den obern theil der weiblichen figur, auf deren kleide in dem unteren
schon früher bekannten theile die buchstaben (s. beibl. nr. 8) ge-
schrieben sind. Links vom köpfe steht jetzt &E&IS, wie schon bei
zwei der andern frauen, aber vor den buchstaben E^s02A, kommt
noch ein O, und zwar so hinzu, dass zwischen ihm und E ein buch-
stabe fehlt. Sollte also nicht \ für N verschrieben und ©PEN02A
(&yt]vovGa) beabsichtigt gewesen sein? Irgend ein versehen des va-
senmalers müssen wir doch einmal in diesen buchstaben annehmen,
gerade wie auch das andere bestrittene wort der platte mit annähme
fehlerhafter schritt y.ioy.vrög gelesen werden zu müssen scheint. Durch
diese beischrift &Qrjvov<ru sollte wohl diese muhme als die den threnos
anstimmende bezeichnet werden.
Zum schluss setze ich Ihnen zwei hübsche noch wenig bekannte
grabinschriften her, die ich in den letzten tagen gesehen habe. Die
eine, in dem kleinen museum, das sich in dem schulhaus im Peiräeus
findet, hat Stephanos Kumanudes, dem ich auch hier mich für ausser-
ordentliche freundlichkeit und gute zu aufrichtigem dank verpflichtet
bekenne, in seinen imyQccycü innv[ißioi p. 176, nr. 1412, fein und
richtig ergänzt:
"Ovo] [iu /Abu t6[a6v y.al iuö naigog Tjdt- ayoQtv[fii
Girf\lrj y.cd tiutqkv ' -niGiSiv M tgywv tvty.v. tG%o\v
rha\iog inwvvjuiav, ov <snavi>Q ävdol tv%tv
HP AZINÖS
TEPEIA
AiriNHTllZ
Das epigramm archaisiert im gebrauch des o für ov und b für s».
Praxin os hatte sich den ehrenden beinamen Pistos erworben.
Die zweite habe ich von einer kleinen stele abgeschrieben, die
vor der Südseite der Korenballe des Erechtheums aufgestellt ist. Ob
sie schon irgendwo veröffentlicht sei, weiss ich nicht; in der Samm-
lung von Kumanudes habe ich sie vergeblich gesucht. Sie ist ziem-
lich iung :
M\v7j(xu radt tl'QovTiavog ' £g "A'idog sv&i) vioi[ttjv,
tiqiv xQvauy df%&cu nQ^y/Amog ois% oßiov.
Nehmen Sie mit dem wenigen fürlieb und lassen sich es im alten
Göttingen gut gehen.
Athen, den 17. april 1875. Ihr
H. Sauppe.
Bitte, betreffend den s chlussband von G o dofre di
Herrn anni Opuscula: Der schlussband von Gottfried Hermanns
Opuscula, die Jahrgänge 1839 — 48 umfassend, fehlt noch immer. Nach
Hermanns tode war seinem Schwiegersöhne Moriz Haupt neben der her-
ausgäbe des im manuscript fertigen Aeschylus auch die Vollendung der
Opuscula zugefallen; aber während der Aeschylus, ein bleibendes denk-
mal von Haupts selbstverläugnendstem fleiss, längst in zweiter aufläge
vorliegt, harren die Opuscula noch immer des abschlusses. So hält
sich denn der unterzeichnete enkel Gottfried Hermanns zur lösung der
von Haupt hinterlassenen aufgäbe für berufen, und die auf der jüngsten
philologenversammlung von seiten des herrn prof. Eckstein in seinem
und des herrn geh. rath Ritschi namen ergangene mahnung, das
werk zu beschleunigen, ist nicht auf unfruchtbaren boden gefallen,
da ich mit den vorarbeiten bereits seit längerem beschäftigt war.
Zuvörderst handelte es sich , weil die betreffenden Hermanniana
aus der mittlerweile in andere bände übergegangenen Haupt'schen
bibliothek ohne schuld des unterzeichneten nicht rechtzeitig ausge-
Nr. 5. Kleine philologische zeituug. 255
schieden waren, um die beschaffung des materials. Es lag
am nächsten , die erforderlichen nachforschungen auf den Leipziger
bibliotbeken vorzunehmen, und in der that haben mir dieselben we-
sentliche dienste geleistet. Aber bei allem entgegenkommen der
herren bibliothekare, unter denen ich namentlich dem dr. Förstemann
meinen verbindlichsten dank hier ausspreche , ist es mir auch mit
hülfe des auf der Universitätsbibliothek befindlichen, nach stichworten
geordneten catalogs Hermann , Job. Gfr. Jac. , der mit sichtlicher
liebe gearbeitet ist, doch nicht gelungen eine vollständige Sammlung
nur der akademischen Schriften G.Hermanns aus den jähren 1839 — 48
zu erzielen. Für den, der ähnliche Zusammenstellungen unternommen
und sich mit dem Organismus einer grossen bibliothek vertraut ge-
macht hat, wird das bei der mannigfaltigkeit des inhalts der oft
ohne autornamen erschienenen kleinen Schriften nichts befremdliches
haben.
Es bleibt mir hiernach nur der weg offen , mich um die Unter-
stützung des grossen kreises der fachgelehrten zu bemühen, damit
viribus unitis das erreicht werde , was ich allein , zumal ohne das
hülfsmittel einer namhaften bibliothek am orte zu haben , ohne den
grössten Zeitverlust zu stände zu bringen nicht vermag. Nahe genug
lag es, diese bitte zunächst privatim an eine reihe von gelehrten zu
richten, bei denen ich eines freundlichen entgegenkommens sicher zu
sein hoffen durfte, vor allen an den geist- und gemüthvollen bio-
graphen G. Hermanns; allein der wünsch der verlagshandlung, das
manuscript bis zum 1. mai 1876 druckfertig zu besitzen, liess es räth-
licher erscheinen, meinem ansuchen sofort eine grössere Verbreitung
zu geben.
So bitte ich denn die geehrten leser, insbesondere die ehe-
maligen schüler Gottfried Hermanns sowie die herren
bibliothekare um ihre geneigte beihülfe zur Vervollständigung
des nachstehenden Verzeichnisses, sei es durch einsendung von
Schriften oder ausschnitten, welche im Verzeichnisse ent-
weder ganz fehlen oder durch ein * als noch nicht in meinem besitz
befindlich bezeichnet sind, sei es durch nach Weisung von sol-
chen. Ich werde jede desfallsige mittheilung clankbarlichst aner-
kennen und gewissenhaft verwerthen. Es handelt sich nur um die
Hermanniana aus den jähren 1839 — 48, und zwar das jähr 1839 in-
clusive, da der 1839 erschienene VII. band derOpuscula von Schriften
des jahres 1839 nur De hippodromo Olympiaco und die Oratio in
tertiis sacris secularibus receptae a civibus Lips'ensibus reformatae
per 31. Lvtherum religionis enthält. Unter den Zeitschriften
werden auch die des jahres 1849 einer prüfung zu unterwerfen sein.
Von Gottfried Hermanns Opusculis aus den jähren 1839 — 48 sind
bis jetzt in meinen besitz , resp. nur zu meiner kenntniss gelangt
(letztere sind mit einem * versehen) folgende:
I. Akademische Schriften.
a. Zur Verkündigung der Preisfragen. Am schluss der
abhandlung befindet sich stets das datum , an dem das manuscript
vollendet ist. Auf dem titel stets in annum: z. b. De L. Attii libr.
didasc. am schluss 19. decb. 1841, titel in annum 1842.
19. decb. 41. Praemissa est dissertatio de L. Attii libris Didascalicon.
31. oct. 42. Praem. est diss. de hymnis Dionysii et Mesomedis.
31. oct. 43. Praem. est diss. de J. N. Madvigii Interpret, quarund.
verbi lat. formarum.
31. oct. 44. Praemissum est Pindari Nemeorum Carmen sextum.
31. oct. 45. Praem. est diss. de Pronietheo Aesehyleo.
256 Kleine philologische zeitung. Nr. 5.
31. oct. 46. Praem. est diss. de loco Callimachei hymn. in Delum et
quibusd. epigr.
31. oct. 47. Praemissae sunt emendationes quinque carminum Olym-
piorum Pindari.
31. oct. 48. De arte poesis Graecorum bucolicae.
b. Zur Verkündigung der promotionen. Je zwei Pro-
gramme ans den jähren 1841 und 47; in beiden war G. Hermann procan-
cellarius; es scheint also, dass der procancellarius noch besondere
offizielle einladung zur bewerbung (1841) oder einen nachträglichen
bericht (1847) auszugeben hatte. Wenigstens ist gleichzeitig mit G.
Hermann De Hör. Carm. L, 10. febr. 1842, vom decan Westermann ein
Programm erschienen De Callisthene Olynthio et Pseudo-Callisthene,
s. Zeitschr. f. A W. 1843 p. 304. Das datum steht vorn auf dem
titel.
5. märz 40. De iteratis apud Homerum dissertatio.
25. febr. 41. Retractationes adnotatorum ad Soph. Philoctetam.
ohne dat. 41. Petitionem Magisterii indicit G. H. h. J. Procanc.
Nbn videri Aeschylum 'Iliov nigaiv scripsisse.
10. febr. 42. Dissertatio de primo carmine Horatii.
1. mai 43. De choro Vesparum Aristophanis diss.
1. mai 44. De Hesiodi Theogoniae forma antiquissima.
1. mai 45. De Pindari ad solem deficientem vereibus.
1. mai 46. De re scenica in Aeschyli Orestea.
ohne dat. 47. Dissert. praemissa vitis Magistrr et Doctt. a. 1846— 47
procancellario G. Hermann creatorum. De Interpolat. Euripid.
Jphig. in Aulide diss. pars prior.
1 mai 47. De quibusdam locis Euripidis Troadum.
*48. De Interpol. Eurip. Jphig. in Aul. diss. p. II.
II. Abhandlungen in Zeitschriften und Verhand-
lungen.
Evam ante Adamum natam esse. Jllgen Zeitschrift f. bist. Theol.
bd. X. 5, p.61 sq.
* Ueber Herrn Welckers neueste Ausfälle. Zeitschr. f. AW. 1839,
p. 729 sq.
Scholae Theocriteae IL Ztschr. f. AW. 1840, p. 969 sq.
Zum Isis-Hymnus. Ztschr. f. AW. 1843, p. 377 sq.
Ueber einige Trilogien des Aechylus. Ber. d. K. S. Ges. d. W. 1846,
p. 117 sq.
Ueber die Aegiden, von denen Pindar abstammte. Ebendas. 1847,
p. 221 sq.
Ueber die Horazode an Censorinus. Ebendas. 1847, p. 274 sq.
Ueber Pindars 5te Olymp. Ode. Ebendas. 1847, p. 322 sq.
* Ueber Bruchstücke zweier Hymnen auf den Attis. Im januar 1849
von Haupt vorgelegt. Ebendas.
III. Recensionen und Anzeigen.
*Kunhardt, Comm. de Soph. O. C. \
•Soph. Ajax ed. Joann. Apitzius. I Ztschr. f. AW. 1839
*Acta Sem. ph. Heidelb. S. Aiax, Electra, Oed.f p. 1094 sq.
R. em. ed. L. Kayser. J
* Franc. Spitzner, Obss. crit. in Quint. Smyrn.j
Posthorn. I
Armin. Köchly Emend. et adn. in Quint. I Ztschr. f. AW. 1840
Smyrn. j nr. 31 sq.
Armin. Köchly Emend. Nonni j
Armin. Köchly Conj. in Apoll, et Oppian. J
Eurip. Hecuba ed. Pflugk ed. II. Ztschr. f. AW. 1841. p. 884 sq.
Rost, Wörterb. d. class. Gräcit. Ztschr. f. AW. 1841 p. 537 sq.
Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 257
Kunhardt, Comm. de S. 0. C. p. II. Ztschr. f. AW. 1841, p. 885 sq.
•Thomas, G. M., Cornm. de Arist. Avibus. Ztschr. f. AW. 1842. p.
1219 sq.
Bartsch, Henr. , De Chaereruone poeta tragico. Ztschr. f. AW. 1843,
p. 635 sq.
Ar. Lysistrate ex rec. Rob. Engeri. Ztschr. f. AW. 1845, p. 617 sq.
Ar. Thesmophoriaz. ex rec. Rob. Engeri. Ztschr. f. AW. 1845,
p. 905 sq.
IV. Reden, Oden, Votivt afein, Varia.
25. juni 1840. Oratio in IV. festis saecul. artis typograph. habita.
Auch in Kade , vierte saecularfeier der buchdruckerkunst zu
Leipzig, p. 65. vrgl. Köchly Gottfried Hermann, Heidelb. 1874.
p. 209.
17. oct. 1841. Votivtafel der univ. Leipzig zu Krugs 50j. doctor-
jubiläum.
17. oct. 1841. Carmen zu Krugs 50j. doctorjubiläum.
(184"^?) Nob. Virg. Joann. Eleon. Bosiae pars testam. quae
ad Acad. Lips. spectat. Praef. est G. Hermann.
1843. Portae in tertiis sacris saecul. G.Hermann. Abgedr.
auch in Jahns Jahrbb. XXXVIII p. 80 und in Kirchners Sae-
cularbericht p. 51. cf. Köchly p. 114.
* 1843. Jllustri scholae Afranae tertia sacra saecularia cele-
branti. G. H. Abgedr. in Jahns Jahrbb. bd. XXXIX p. 119.
1844. Votivtafel d. univ. Leipzig zum 300j. jubelf. d.
Königsberger Albertina.
29. aug. 1844. Votivtafel d. univ. Leipzig zu v. Falkensteins Mini-
stercreation.
1. oct. 1844. Gedächtnissrede auf Reiz. In den Verh. der dresdner
Phil. Vers. p. 1 sq. cf. Köchly p. 98. 206.
21. juni 1846. Rede bei der eröffnung der K. S. Ges. d. W. Ver-
handig. ders. I. p. 25 sq.
1847. Rede über das antike und moderne ib. p. 238 sq.
Ausserdem wird Jahns Jahrbb. XLVII p. 206 eine lateinische
festrede G. Hermanns über Leibniz leben und wirken erwähnt; ob dieselbe
mit der sub IV angeführten rede bei der eröffnung der K. S. Ges. d.
W. identisch ist, muss ich einstweilen dahin gestellt sein lassen.
Das vorstehende verzeichniss ergiebt folgendes :
1. Von akademischen Schriften fehlen mir je eine aus den
jahren 1839 und 40.
Der feststellung bedarf es noch, ob dergleichen praefationes , wie
sie Köchly p. 132 zu Clarus' rectoratsrede 1839 erwähnt, etwa
regelmässig oder doch mehrfach erschienen sind. Ingleichen
ist die möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass noch andere aka-
demische veranlassungen die oder jene gelegenheitsschrift hervor-
gerufen haben.
2. Unter den Zeitschriften, Verhandlungen u. s. w., die einzusehen
mir bisher nicht gelungen ist, dürften nach den sieben ersten bänden
der Opuscula zu schliessen namentlich das Classical Journal, und die
Literaturzeitungen noch ausbeute versprechen. Die Wiener Jahrbücher
habe ich während des druckes dieses Verzeichnisses bereits erhalten.
3. Bei dem Verzeichnisse sub IV haben mir ausser familientra-
ditionen nur der leipziger catalog und die gelegentlichen mitthei-
lungen in Jahns Jahrbb. und bei Köchly zur seite gestanden; Voll-
ständigkeit möchte ich hier am wenigsten voraussetzen.
4. Nachweisung von bemerkenswerthen praefationes, wie zu den
Acta soc. Graecae, s. Köchly p. 114 sq., sowie etwaiger von mir noch
nicht beachteten gesichtspunkte sind mir besonders erwünscht.
258 Kleine philologische zeitung. ftr. 5.
Ist das niaterial gesammelt, so wird eine sichtung desselben
nothwendig werden, wie auch die früheren bände der Opuscula keines-
wegs absolute Vollständigkeit aufzeigen. Aber der herausgeber frem-
der Opuscula steht zu solchen in anderem verhältniss wie deren Ver-
fasser und ich werde nicht ohne die gründlichste prüfung und raths-
erholung hierbei zu werke gehen. Bin vollständiges verzeichniss der
Opuscula von 1839 — 48, auch der nicht wieder abzudruckenden, wird
jedenfalls beizugeben sein. Dass unter dem auszuscheidenden nicht
grade immer die Schriften ohne spezifisch wissenschaftlichen gebalt
sich befinden werden, versteht sich bei einem manne wie Gottfried
Hermann, dessen ganze kraftvolle persönlichkeit sich oft in einem
gelegenheitswort am schönsten wiederspiegelte, von selbst. Niemand
würde seinen festgruss an die canora Porta in den Opuscula entbehren
mögen, niemand auch die weniger bekannte votivtafel an die Al-
bertiua, die er kurz und schwungvoll so bezeichnet: in qua facem
sine fumo lucentern extulit Jmmatiuel Kantius descriptisque mentis hu-
manae ßnibus firma fecit omnis scientiae fundamenta , in qua quum
ceterae artes ac doctrinae praecipueque nnmerorum et mensurarum re-
conditae rationes caelestiumque siynorum per immensa spatia motus et
naturae summorum virorum ingemis aperiuntur, tum Ulis literis, a quibus
omnis überaus eruditio profecta est infesti ignaviae animi impigra virlus
munitam inexhausüs armamentariis arcem exstruxit. — Güstrow, den 28.
november 1875. Oberlehrer dr. Th. Fritzsche.
Unter der bezeichnung : Ernst Schulze— Stiftung hat G. E. Schulze
Jin Leipzig zum andenken an seinen im letzten kriege gefallenen söhn
Ernst dem unterstützungsverein ein capital von Eintausend Thalern
am 11. april 1871 übergeben, dessen zinsen an eine durch den
krieg 1870/71 hülfsbedürftig gewordene rnutter oder waise ausgezahlt
werden sollen. Näheres im Börsenbl. nr. 85.
Strabo-handschrift entdeckt. Es sind in der Basilianer-abtei Grotta
Ferrata bei Frascati, welche aus Sicilien flüchtige mönche 1002 ge-
gründet haben, vom mönch Giuseppe Cozza vor einiger zeit rescribirte
blätter einer excerpte aus Strabo enthaltenden handschrift gefunden, die
dem saec. V oder VI anzugehören scheint: die sicilischen mönche nämlich
haben, wie erzählt wird, aus Sicilien viele werthvolle handschriften
mitgebracht, auf die in neuerer zeit erst Angelo Mai wieder auf-
merksam gemacht hat. Der an sich schon werthvolle fund wird noch
dadurch erhöht, dass die blätter den so mangelhaft erhaltenen büchern
VII und VIII angehören. Es hat Cozza bei Späthöver in Rom eine
broschüre erscheinen lassen, die uns aber noch nicht zugänglich ist.
Diese notiz ist der Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 303 entlehnt und
aus Börsenbl. nr. 182; in Cozza's brochüre ist auch ein photographi-
sches facsimile beigefügt, aus dem sich ergiebt, dass über dem Strabo in
uncialen zwei andre texte stehen, der jüngste, dem XI. Jahrhundert
angehörig, ist dem alten testament entlehnt, der andre, dem VII.
Jahrhundert, ist auch christlichen inhalts. Nach Reichsanz. nr. 177,
vrgl. 170, sind unedirte verse des Tyrtaeus auf den blättern gefunden.
Zur neugriechischen literatur. Von dem griechischen gelehrten
Alexandras Risos Rangawic erscheinen in Oxford cmarra 7« (filoloyixä
in zwölf bänden, von denen vier gedruckt vorliegen, in denen der
vrf. als dichter sich zeigt und zwar als epiker, lyriker und dramatiker.
Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 306.
Das grub von J. H. Voss. Da der bisherige friedhof in Heidelberg
aufgehoben worden, sind auf antrag der familie Voss die gebeiue von J.
H. Voss, seiner gattin und seines ältesten sohnes, Heinrich Voss nebst
dem auf dem grabe befindlichen denkmale am 1. november auf den
neuen friedhof übergeführt worden, zugleich mit denen von Fr. J.
Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 269
Thibaut, dein Juristen: von selten der familie Voss war zugegen der
hauptmann Ücheible , Schwiegersohn des hofrath Egyer in Freiburg,
der eine tochter von Hans Voss (verstorben als lehrer in Kreuznach)
zur frau hat. Da über dem grabe von J. H. Voss zwei mächtige
pappein standen , so musste der zugang zum grabe durch einen seit-
wärts kommenden Schacht geöffnet werden : man fand hier neben
einander die sarge von H. Voss, J. H. Voss und des letzteren gattin:
die gebeine von J. H. Voss wurden in einem besondern, die der beiden
andern in einem zweiten sarge beigesetzt. Der wohlerhaltene denkstein
aus röthlichem Sandstein, 1826 gesetzt, trägt die inschrift: 'Hier
ruht seit dem 1. april 182 6, nächst dem am 2 0. october
18 22 vorangegangenen geliebten söhne Heinrich Voss
das was der erde angehört von Johann Heinrich Voss,
gebohrenaen 20. januar 1751. Diesen stein setzte Er-
nestine Voss, 49 jähre seine treue lebensgefährtin.
Hier wird auch ihr staub ruhen. Sie ruht nun hi er, g e b.
31. jan. 1756, gest. 10. Juni 183 4'. So ist also, was Piniol.
Anz. V, 5, p. 270 gewünscht wurde , in erfüllung gegangen. Friede
sei nun mit dieser asche !
Die akademische buchhandlung von Gustav Küster in Heidelberg
versendet einen prospectus über folgendes in Vorbereitung sich befin-
dende werk: Exempla codicum La tinorum litteris maius-
calis scriptorum. E diderunt Carolas Zangemeister et
Guilehn us Watten back. Heidelbergae -, MDCCCLXXVI apud
Gustavum Köster; in diesem prospect wird bemerkt, dass da aus den
ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung sich eine beträchtliche an-
zahl von handschriften in majuskelschrift erhalten habe, in welchen
entweder die betreffenden texte allein aulbewahrt, oder die, wo
auch andere manuscripte vorhanden, jedenfalls für die kritische re-
construetion dieser schritten von der höchsten bedeutung sind, das
bedürfniss vorhanden sei, von diesen zuverlässige facsimiles und diese
in einer systematischen Zusammenstellung zu besitzen. Deshalb haben
die herausgeber eine Sammlung von repräsentanten dieser schrift-
gattung zusammen gebracht, welche vor allem sämmtliche bestimmt
oder wenigstens annähernd datirbare handschriften, ferner von den
übrigen, besonders den capitalhandschrifteu, die ohne zweilel ältesten
und ausserdem für die philologische kritik interessantesten Codices
umfasst. Es wird im prospect das unternehmen, welches jeder philolog
mit dankbarer freude begrüssen wird, noch des weiteren beschrieben :
wir begnügen uns zu dem gesagten noch den index tabularum der
ersten abtheilung ganz und von der zweiten das den philologen am
nächsten stehende herzusetzen : Index tabularum : I. Codices litteris
capitalibus scripti. 1. — 3. Papyrorum Herculanensium quattuor frag-
menta; eorum duo litteris cursivis scripti sunt. — 4. Ciceronis Verrinae.
Codex palimpsestus Vaticanus. — 5. luvenalis. Codex Vaticanus. —
6. Plautus. Codex palimpsestus Ambrosianus. — 7. Sallustius. Codex
Vaticanus. — 8. — 9. Terentius. Codex Bembinus bibliothecae Vati-
canae. Paginae duae. — 10. Vergilius. Codex Mediceus. — 11. Ver-
gilius. Codex ßomanus bibliothecae Vaticanae. — 12. Vergilius.
Codex Palatinus bibliothecae Vaticanae. — 13. Vergilius. Schedae
Vaticanae no. 3225. — 14. Vergilius. Schedae Berolinenses et Vati-
canae no. 3256. — 14a. Vergilius. Schedae Sancti Galli. — 15. Pru-
dentius. Codex Parisinus. — 16. Sedulius. Codex Taurinensis.
II. Codices litteris uncialibus scripti. 17. Cicero, de republica. Codex
palimpsestus Vaticanus. — 18. Livius. Codex Vindobonensis. — 19*
Livius. Codex Parisinus. — 20. Bibliorum versio q. d. Itala. Codex
Vercellensis. — 21. Bibliorum versio q. d. Itala. Schedae Fuldenses.
26Ö Auszüge atis Zeitschriften. Nr. 5.
— 24. Gaius. Codex palimpsestus Veronensis. — 25. Codex Theodo-
sianus. Codex palimpsestus Taurinensis. — 26. Codex Theodosianus.
Codex Parisinus. — 29.— 30. Fasti consulares. Codex palimpsestus
Veronensis. Paginae duae. — 31. Frontonis codicis palimpsesti Va-
ticani pagina ultima. — 32. Sulpicius Severus. Codex Veronensis.
— 33. Augustini sermones. Codex Vaticanus. — 34. Codex Fuldensis,
olim Victoris Capuani. — Paginae duae. — 35. Biblia lectionis
vulgatae. Codex Amiatinus. — 36. Biblia lectionis vulgatae.
Codex Pragensis. — 39. Digestörurn codex Laurentianus. — Schliess-
lich bitten wir aber im interesse der äugen der philologen und
anderer menschen dafür zu sorgen, dass fettere lettern und nicht so
blendendes papier wie im prospect für das buch gewählt werde : dieser
prospect ist wahres gift für die äugen.
Berlin, 27. dec. Ein telegramm bringt von dem ersten wichtigen
funde in Olympia nachricht. Man fand das marmorne Standbild der
Nike, das weihgeschenk der Messanier von Neupaktos, das werk des
Paionios (Paus. V, 29,2: Brune gesch. d. gr. künstl. I, p. 244): die in-
schrift ist erhalten. Ferner sind sowohl an der östlichen als an der
westlichen seite des Zeus-tempels mehre torso aus den durch Pause-
nias bekannten giebelfeldern aufgefunden: Reichsanz. nr. 304.
Auszüge aus Zeitschriften.
Augsburger Allgemeine Zeitung, 1875, nr. 260 u. 265: professoren
in Czernowitz. — Die thätigkeit für das museum nordischer alter-
thümer in Kopenhagen. — Beil. zu nr. 261: ein engländer über fran-
zösisches familienleben. II. Der engländer ist Fred. Marshall: geht
auf die küche und damentoilette ein : erstere ist hier sehr kurz be-
handelt. — Die frequenz an den preussischen Universitäten. — Beil.
zu nr. 262: Häckelogonie : knüpft an die schrift dieses titeis von
Michelis, und bekämpft die von Häckel angeblich wissenschaftlich
durchgeführte lehre von der abstammung des menschen vom äffen,
indem die grundsätze beider kurz entwickelt werden. — Das neueste
heft des generalstabes über den deutsch-französischen krieg. — Nr.
263. Beil. zu nr. 265. 267: ein engländer über französisches familien-
leben. III., IV., V.: bespricht das französische ehesystem: über
die mädchenerziehung : über letztere wird vielerlei falsches berichtet ;
auf die protestantischen familien passt das nicht. — Nr. 266:
die erben des jüngst verstorbenen W. Vischer in Basel haben der Uni-
versitätsbibliothek dessen philologische büchersammlung zum geschenk
gemacht: ein äusserst werthvolles geschenk. — Beil. zu nr. 266; die
deutsche schule in Kairo. — Ausserord. beil. zu nr. 266 : notizen über
dr. Connop Thirl v/all. — Beil. zu nr. 267 : die Übersetzung des Rig-
veda. — Erwerbungen der archäologischen Sammlungen in Berlin:
die Sammlungen von Leitner, von Prokesch-Osten sind angekauft. — Nr.
272 : theilt das prograrnm der philologen-versammlung in Rostock mit.
— Ausserord. beil. zu nr. 273: Vorbereitungen zu der gründung der Uni-
versität Czernowitz. — G. Smith wird wieder nach Ninive gehen. —
Beil. zu nr. 275: die campagna Roms und die Garibaldi'schen pro-
jecte. — Beil. zu nr. 281: die doppelfeier in Czernowitz. I: schildert
den ersten tag, die feier des vor 100 jähren erfolgten anschlusses an
Oesterreich. — Ausserord. beil. zu nr. 281 : die africanische gesell-
schaft in Berlin. — Beil. zu nr. 282 : anthropologisches aus der Ober-
pfalz. — Beil. zu nr. 283 : die doppelfeier in Czernowitz. II : schildert
die enthüllung des Austria-denkmals und die eröffnung der Universität.
Nr. 6. 7. Juni. Juli 1875.
Philologischer Anzeiger.
Herausgegeben als ergänzung des Philologus
Ernst von Leutsch.
192. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik
herausgegeben vou Georg Curtius. Siebenter band. Mit
den indices zu allen sieben bänden. Leipzig, Hirzel. 1875.
518 s. 8. mk.
Als der bei weitem werthvollste beitrag in diesem bände
muss die von den zwei strassburger gelehrten Wilhelm Deecke
und Justus Siegismund gemeinsam unternommene ent-
zifferung der im enchorischen alphabete geschriebenen kyprischen
inschriften gelten (p. 217 — 264). Nachdem der erste von Jo-
hannes Brandis unternommene versuch zur entzifferung dieser
merkwürdigen Sprachdenkmale zwar den Charakter der schrift
als einer auf einen griechischen dialekt angewendeten Silbenschrift
richtig erkannt hatte , aber doch in der deutung der einzelnen
zeichen die ärgsten missgriffe nicht vermieden hatte, versuchte
zuerst Moriz Schmidt in der Jenaer literaturzeitung 1874 sp.
238 eine allerdings noch lückenhafte Umschreibung der haupt-
sächlichsten inschriften , die er in seiner bald darauf bei Dufft
in Jena erschienenen schrift ' die inschrift von Idalion und das
kypriscke syilabar' berichtigte und ergänzte. Gleichzeitig mit
diesen Schmidt'schen arbeiten nun erschien die von Deecke-
Siegismund, und es darf wohl als ein erfreuliches kriterium für
die Sicherheit der gefundenen resultate gelten, dass diese beiden
ganz unabhängig von einander unternommenen Untersuchungen
in allen wesentlichen punkten mit einander in Übereinstimmung
sind. Was seitdem für lesung und erklärung der inschriften
geschehen ist, beschränkt sich — abgesehen von einigen ziem-
lich werthlosen bemerkungen von Th. Bergk in der Jenaer lite-
Philol. Anz. VII. 17
262 192. Grammatik. Nr. 6.
raturzeitung 1875 nr. 26 — auf die umfangreiche abhandlung
von Ähren s im Philologus XXXV (1875), p. 1 ff. , welche
auch die bisherigen resultate klar zusammenfasst und die in-
schriften in transscription mittheilt, so dass ich die leser dieser
Zeitschrift einfach darauf verweisen kann.
An zweiter stelle sei die umfassende Untersuchung von Karl
Brugman über die sogenannte gebrochene reduplication in
den indogermanischen sprachen genannt (p. 185 — 216, 273 368).
Mit 'gebrochener reduplication' bezeichnet der verf. solche for-
men, in welchen die ursprünglich doppelt gesetzte wurzel an
erster stelle vollständig erhalten , an zweiter dagegen bis auf
den anfangsconsonanten geschwunden ist, z. b. dad aus dada,
IcarTc aus Jcarkar. Die abhandlung ist mit umfassender gelehr-
samkeit und grossem Scharfsinne geschrieben und das aus den
verschiedenen indogermanischen sprachen zusammen gebrachte
material ein äusserst reichhaltiges. Wenn man trotzdem den
aufstellungen des verfs. nicht durchweg beizustimmen vermag,
wenn man besonders anzunehmen geneigt sein möchte, dass er
in der menge der unter eine wurzelform zu bringenden bildun-
gen nicht selten zu weit geht, so liegt das in der natur des
von ihm behandelten Stoffes. Ueberall, wo man den als indo-
germanisch erschliessbaren sprachstoff noch weiter zu zergliedern
unternimmt, begiebt man sich an ein werk, das periculosae ple-
num aleae ist, auf ein gebiet, wo der sichere boden mehr oder
weniger unter den fassen schwindet. Ich bin am wenigsten ge-
neigt die berechtigung dieses gebiet überhaupt zu betreten zu
bestreiten, da ich ja selbst mich kürzlich an der lösung ähnli-
cher glottogonischer probleme versucht habe; aber ich möchte
das, auch zur richtigen auffassung meiner eben erwähnten arbeit,
gerade hier bemerken, dass die Verfasser derartiger Untersuchun-
gen sich wohl selbst am meisten klar darüber sind, dass sie im
besten falle wahrscheinliche hypothesen geben, die eine weiter
vordringende forschung entweder bestätigen oder verwerfen wird,
über die aber ein vorlautes absprechen gegenwärtig kaum an
der zeit ist.
Ein thema, das dem ref. früher besonders nahe lag, behan-
delt die arbeit von Wilhelm Clemm: die neusten forschungen
auf dem gebiet der griechischen composita (p. 1 — 99). Sie
führt die hauptfragen auf diesem in so vielfacher beziehung in-
Nr. 6. 192. Grammatik. 263
teressanten felde, an deren discussion auch ich mich mehrfach
betheiligt habe , noch einmal in zusammenhängender darstellung
vor und hat theils den zweck die erreichten resultate übersicht-
lich zusammen zu fassen, theils einige ansichten des verfs. gegen
erhobene einwendungen in schütz zu nehmen. Ich fühle mich
besonders durch das, was Clemm zur stütze seiner ansieht über
composita mit verbalem erstem gliede sagt, nicht überzeugt und
halte im wesentlichen an meiner früher über solche bildungen
ausgesprochenen ansieht fest; ich halte auch jetzt noch den beweis
nicht für erbracht, dass verbalstämme in irgend einer weise mit
nominalstämmen eine Verbindung eingehen können, und vermisse
bei Clemm hauptsächlich die berücksichtigung von bildungen
wie ßtoriavsiga neben dwotdixoq. Auf eine nähere erörterung
kann ich hier selbstverständlich nicht eingehen , und glaube
überhaupt, dass man den gegenständ ohne schaden jetzt einige
zeit ruhen lassen kann.
Eine fleissige Zusammenstellung giebt C a u e r in den Quae-
stiones de pronominum personalium formis et usu homerico (p.
101 — 160). "Windisch bringt berichtigungen zu seinen kelti-
schen vergleichungen in der vierten aufläge von Curtius' grund-
zügen im anschluss an die Some Remarhs von S t o k e s (Calcutta
1874). Ueber italische partikeln vom stamme ino handelt Zeysa
(p. 161 — 172). Ausserdem enthält das heft kleinere beitrage
von G. Curtius und vom ref., dessen etymologie von vuvxQagog
als ' schiffsbauer ' seitdem mehrfache Zustimmung von historischer
seite erfahren hat. Eine sehr dankenswerthe zugäbe bilden die
sorgfältigen indices zu den ersten sieben bänden der Studien,
die gymnasialdirector V a n i c e k mit der schon aus den ähnli-
chen arbeiten für Kuhn's Zeitschrift bekannten genauigkeit an-
gefertigt hat.
Gustav Meyer.
193. Raphaeli Kuehnero Semisaecularia summorum in phi-
losophia honorum rite obtentorum a. d. III. id. Decembr.
MDCCCLXXIV rite celebranda gralutantur lycei I. Hanno-
verani praeeeptores. Inest disquisitio etymologica l AvAi] und
Villa' auetore H. L. Ahrens. Hannoverae, 1874. 39 s. 8.
Die kleine, mit dem denvrf auszeichnenden Scharfsinn ge-
schriebene etymologische Untersuchung sucht zunächst an der
17*
264 193. Grammatik. Nr. 6.
hand des Sprachgebrauches und der Zeugnisse der alten die be-
deutung von alliq als umfriedigung, Umzäunung festzustellen
und führt dann das so gedeutete wort auf die in u zusammen-
gezogene wurzel va flechten, binden zurück, die auch in vpqi
gewebe, vftvog (Pott "Wurzel wrtb. I. 1, 612) vorzuliegen scheint,
so dass av steigerungslaut des ursprünglichen u wäre. Als
analogie in der bedeutungsentwickelung dient cors zu sk. hrt
flechten got. haurds hürde. Auf dieselbe wurzel will Ahrens auch
villa zurückführen, für welches er die Schreibung vila (vergl.
vilicus) als die ursprüngliche annimmt. Mir scheint der beweis,
dass vila die berechtigte Schreibung sei, nicht erbracht zu sein,
und darum möchte ich — unter der Voraussetzung, dass auch
villa ursprünglich eine umfriedigung bezeichnet habe, was noch
nicht sicher gestellt scheint — eher an wz. var umgeben, um-
hüllen (schon im sk. mit l : valate bedecken , umhüllen , iXvw,
lit. velti wickeln u. s. w.) denken, so dass dann allerdings iden-
tität mit iXr\ (aus pCXXu, vgl. aqftiXkai'. äQXtnoifitva. Kg^rec),
wie sie Ahrens p. 34 behauptet, ebenfalls vorläge.
Gustav Meyer.
194. De Homericae elocutionis vestigiis Aeolicis scr. Gr.
Hinrichs. Jena, Frommann. 1875. 176 s.
Wie unsere kenntniss vom aeolischen dialect in den letzten
Jahrzehnten durch Zuwachs an inschriftlichem material nicht
wenig bereichert, und vieles auf denselben bezügliche von neuem
untersucht und geprüft worden ist, so von Hirzel, zur beur-
theilung des aeolischen dialects, Leipzig, 1862, von Gelbke in G.
Curtius Stud. bd. II, u. a., so hat man auch die vielfach so schwie-
rige frage nach den spuren dieses dialects in den homerischen
gedichten genauer erörtert, so schon 1865 Ameis, de aeolismo
Homerico , Halle, jetzt vollständiger, gründlicher und kritischer
der vrf. der vorliegenden schrift, die wir von vornherein als
eine das einschlägige material in vollem umfange benutzende
und besonnene arbeit bezeichnen müssen.
Indem der verf. von der annähme ausgeht, dass schon vor
der homerischen zeit die einzelnen dialecte sich selbständig aus-
gebildet hatten, beschränkt er nach einer kurzen Übersicht über
die ansichten der alten und neueren von diesem dialecte seiner-
seits den ausdruck ' aeolismus ' auf die spräche der asiatischen
Nr. 6. 194. Homeros. 265
Aeoler, die ja auch für Homer allein in betracht kommen kann,
und bezeichnet als methode der folgenden Untersuchung, dass
die betreffenden homerischen formen nach den aus Alcaeus,
Sappho u. s. w , den inschriiten und den Zeugnissen der gram-
matiker sich ergebenden gesetzen des aeolischen dialects , an-
drerseits nach unserer kenntniss der Jüngern ias zu beurtheilen
seien (p. 11). Mit recht betont er dabei, dass man zwischen ar-
chaismen und eigentlichen aeolismen bei Homer auf das sorgfältig-
ste zu scheiden habe , auch verkennt er nicht , dass eine be-
stimmte entscheidung oft schwer, nicht selten unmöglich ist, be-
sonders da die meisten der auf dialectisches bezüglichen angaben
der alten scholiasten, grammatiker, lexicographen für sich allein
sehr unzuverlässig sind. Dorismen erkennt er, wie ich glaube,
mit recht, überall im Homer nicht an.
Der erste theil der arbeit (p. 1 — 152), in welchem zunächst
vom accente und Spiritus, dann von den verschiedenen affectionen
der consonanten und vocale und weiter von der declination und
conjugation gehandelt wird , enthält eine gesichtete Sammlung
der spuren des aeolischen dialects , die der *vrf. im Homer an-
nehmen zu müssen glaubt, der zweite theil (p. 153 — 175) sucht
den grund dieser erscheinung zu erklären.
Indem ich mich mit den negativen resultaten des ersten
theils in allem wesentlichen einverstanden erkläre und ein beson-
deres verdienst des verf. darin finde, dass er in der anerkennung
von aeolismen vorsichtiger ist , als manche seiner Vorgänger,
wende ich mich gleich zur betrachtung und prüfung der positiven
ergebnisse, um einige bedenken und zweifei geltend zu machen.
Schwerlich ist mit dem vrf. p. 24 für wahrscheinlich zu
halten, dass nur im dialect der asiatischen Aeoler und der Ky-
prier der Übergang von p zu v , das dann mit dem vorherge-
henden vocale sich zu einem diphthongen verband, stattgefunden
hat •, wenigstens findet sich auch in einer lakonischen inschrift
yluvdyr\iu, vrgl. Aupoxupwv bei Priscian. Es könnte also im
Homer diese eigenthümlichkeit ein archaismus sein. Dazu
kommen bedenken bei den einzelnen Wörtern. So erregt bei
tvuSt 3, 340 P, 647 TT, 28, das der vrf. bestimmt als aeolismus
annimmt, Apollon. de adv. 559, 30 zweifei, aus dessen worten:
tudiv tvudii', axrjXog tvxrjXog, xal nagu AloXzvGi vuog vuvog, her-
vorgeht, dass dieser die ersten Wörter nicht als speciell aeolisch
266 194. Homeros. Nr. 6.
ansah. Auch äyuvog lässt sich durch den vom vrf. geltend ge-
machten allgemeinen grund kaum als speciell aeolisch erweisen
(p. 28), da wir doch wohl mit ehen so viel recht ynv als wurzel
ansetzen wie yap , s. Curtius Etym. 4 172, wonach das v ur-
sprünglich wäre ; auch existirt nicht etwa ein äyaog daneben,
s. auch Ahrens Dial. aeol. p. 36 n. 11. — Bei Jsw'w, das dem vrf.
ebenfalls als aeolismus gilt (p. 29), muss er die formen idsvrjGev,
dsvrjöscu; dtvTqatGd-av als ionische Weiterbildungen betrachten und
den dual devic&tjv, da die Aeoler den dual nicht kennen, der
nachlässigkeit eines nachahmers zuschreiben; aber auch im do-
rischen findet sich dtvofxiva bei Sophr. 92 , also ist wohl die
annähme eines archaismus richtiger und xevto als praesens lassen
wir überhaupt für Homer nicht gelten, denn ntq^viTav £ 232
tp 159, das der verf. für ein praesens hält, ist uns unzweifelhaft
ein aorist, jedenfalls als praesens höchst unwahrscheinlich bei der
masse von aoristformen mit sv, dem fehlen aller weiterer bei-
spiele von praesensformen mit tv (dagegen iy/jir; t 10) und bei
der Verbindung mit wg özs, die an der stelle einen aorist weit
passender erscheinen lässt. Auch xaXavgotp (p. 33), das sich
doch auch noch in der späteren prosa findet, möchten wir nicht
als aeolismus gelten lassen, s. Ahrens Dial. dor. p. 23, Dind. in
Steph. thesaur. s. v.
Bei den mit £a- zusammengesetzten homerischen adiectiven,
wo die erste silbe jetzt gewöhnlich und so auch vom vrf. p. 44
sq. mit berufung auf das aeolische aus dul erklärt wird, kann
ich die bemerkung nicht zurückhalten, dass doch möglicher-
weise in dem homerischen £«- (c$a-) noch etwas anderes steckt,
indem dasselbe in allen betreffenden adjeetiven immer die be-
deutung sehr hat, während in den aeolischen beispielen £ußaiog,
^ädrjlog, ^aile^u^av, ^aßdlXstv deutlich die bedeutung durch
oder zer- hervortritt (wo Homer öta hat), und sich in keinem
die allgemein verstärkende bedeutung findet-, und auch hiervon
abgesehen erregt die auffassung der homerischen adjeetive £a&tog
als aeolismen bei dem vorkommen von ^ujieöov bei dem Kolophonier
Xenophanes und ^dnlovrog bei Herodot bedenken. Hält man
in £a5ji' /x 313 mit dem vrf. p. 106 sq. das v für richtig
überliefert, so wird man sich freilich der annähme aeolischer
declination kaum entziehen können und dies als anderweitigen
Nr. 6. 194. Homeros. 267
Stützpunkt für die auffassung des £«- als aeolismus geltend
machen dürfen.
Dass die jetzt übliche lesart noXvnd^ovog 4 433 ein doris-
mus sein müsse, wie vrf. p. 53 sq. meint, und deshalb durch
die alte Variante TzoXvnufifiovog zu ersetzen sei , deren etymolo-
gische erklärung doch sehr wenig reale grundlage hat, kann ich
nicht zugeben, denn ndo^iai im sinne von xtdofiav war auch
boeotisch vrgl. boeot. k'jiTtaßig = iyxrtJGic, s. Ahrens D. aeol. 213,
und iöiioTtufAwv = oXxov SsGnovrig war nach Poll. On. I 75. X, 20
dorisch und aeolisch ; endlich gebraucht auch Xenophon ndofiui.
Wenn der vrf. p. 76 sq. uXao, uXto wegen der art des
augments für aeolismen hält (Curtius Verb. p. 131 für archais-
men) , so scheint mir die consequenz zu verlangen , wenigstens
auch die participialform uX^svog , vor der in compositis keine
aspiration eintritt , dazu zu stellen , denn die annähme falscher
analogie-bildung (Curtius p. 132) empfiehlt sich doch wohl
weniger.
Ob endlich aijvficüv wegen der Veränderung von w in u,
wie der vrf. p. 79 sq. mit den alten grammatikern annimmt,
aeolisch zu heissen verdient, ist mir deshalb zweifelhaft, weil in
dem zu gründe liegenden stamme das v ursprünglich zu sein
und cü erst durch die mittelstufe op sich daraus entwickelt zu
haben scheint s. Curtius Et. 4 338, man wird sich also bei der
annähme eines archaismus beruhigen können.
Andre bedenken halten wir zurück ; übrigens stimme ich
dem vrf. bei, wenn er p. 50 SXCipsiat, q 221 durch die Vari-
ante (plJifiiTM, ersetzt wissen will, wie auch Kayser bereits ge-
than hat, sowie wenn er p. 57 die fünfmal bei Homer nur
vor vocalen vorkommende form if/./j,iv > so und nicht ohne apo-
stroph geschrieben wissen will. Auch halten wir mit ihm p.
135 sq. dCdoiada oder didoTG&a für eine form, die sich weder
aus dem aeolischen noch aus einem andern dialecte erklären
lässt, sondern, wenn richtig überliefert, nach falscher analogie
gebildet ist.
Gut ist die p. 139 im anschluss an Ahrens entwickelte ge-
nesis von u7rovgag, u.nr\vqa u. s. w. (obgleich ich auch hier lieber
einen archaismus als einen speciellen aeolismus erkennen möchte
— streng aeolisch wäre änoiiquiq), gut auch die nach dem vor-
gange von Allen und Curtius gegebene Übersicht und erklärung
268 194. Homeros. Nr. 6.
der formen wie dognfixriv. Aus der Stellung der Wörter im verse
werden mehrfach zu weitgehende und gewagte Schlüsse gezogen.
Im zweiten theile will der vrf. die im Homer vorkommen-
den aeolismen nicht daraus erklären , dass eine einzige dichter-
persönlichkeit die dialecte gemischt habe , also etwa aeolischen
Ursprungs gewesen sei und später ionisch gedichtet habe , oder
dass Homer nur aus metrischer noth zu dialectformen seine Zu-
flucht genommen habe , oder dass die buntscheckigkeit seiner
spräche aus der Vermischung von colonisten verschiedener stamme
in Asien und aus der nachbarschaft von Aeolern und Ioniern
herzuleiten sei, sondern er findet in den aeolismen ein denkmal
der entwickelungsgeschichte des epos vor Homer, indem die äl-
testen epischen lieder und gedichte, wenigstens die auf die troi-
sche sage bezüglichen, bei den Aeolern entstanden und von
ihnen dann zu den höher und reicher begabten Ioniern fortge-
pflanzt und von diesen zu der jetzt in den homerischen gedieh ten
vorliegenden gestalt entwickelt seien.
Indem ich mich dieser meinung im allgemeinen anschliesse,
bedauere ich, dass vrf. es unterlassen hat, uns in übersichtlicher
Zusammenstellung zu zeigen, wie sich die von ihm mit Sicherheit
oder Wahrscheinlichkeit angenommenen aeolismen zwischen Ilias
und Odyssee vertheilen. Ich gebe daher zum schluss eine solche
mit Zugrundelegung des von ihm gegebenen materials. Es
finden sich
A) nur in der Ilias: 1) aviqvov , avigvGav , avsgvovra, 4.
2) avfa%oi 1. 3) igtßevvog 8. 4) von compp. mit igt egtavxrjv 5,
igtßgi^itrig 1, igt&rjkijg- §, igtovvtog 5, igtnfiog 4. 5-) von compp.
mit £«- ^a&tog 7, £dxorog \, ^cccplsyrjg 1, &XQWQ 4. 6) xaXavgoxf)
1. 7) noXvnä[iovog 1. 8) ito gdakvg 3. 9) vnou9a 5. 10) <pr\g 2.
B) erheblich überwiegend in der Ilias : 1) uXßo, uXto und
compp. 27: 2. 2) a/nvöig 10: 5. 3) änovgag, uTrrjvga etc. 29:
5. 4) agyivvog 5: 1. 5) Sstco etc. 29: 12. 6) InuGavrsgot 6: 1.
7) compp. von Igt,- igißwla^ 15: 1, tgCßwXog 6: 1, iqtydovnog
8: 3. 8) l« 9: 1.
C) nur in der Odyssee : 1) innSfxvysgcSg 1. 2) tqi6T(xy.vlog 2.
3) (pXltysiai 1.
D) erheblich überwiegend in der Odyssee: 1) yilog 1: 7.
2) iglöovnog 2: 8. 3) lgl n gog 7: 17.
E) ausserdem vertheilen sich : 1) äyavog 20: 27. 2) üllvdig
Nr. 6. 195. Homeros. 269
6: 7. 3) ä/jfxeg etc. 24: 14, vfifitg etc. 15: 13. 4) äfivfiiov 53 :
47. 5) ßiotSoov 1 : 1. 6j e/i/tsvat 43 : 41, tfifitv 1 : 4. 7) compp.
von tot iqixvd>]g 5: 6, ioitjivxog 2: 1, ioiotvrjg 1: 1, aQia&evrjg
3: 1. 8) fßog 13: 15. 9) £tJß<fc 2: 1. 10) £«W oder £«fc 1:
2, £aigs(f,rjg 1: 3. 11) stamm 9eo6- in eigennamen 5: 5. 12)
xtxXrjyoi 'ng 4: 2. 13) rv/jcpa 1: 1. 14) dtpiXliitv 1: 1. 15)
n(cvqzg 3:3. — Die formen mit praefix Igt- 67: 41, die mit
uoi- 16: 22.
Wenn auch in diesem verzeiclmiss manches nicht als spe-
cieller aeolismus, sondern nur als archaismus anzuerkennen ist,
so zeigt es doch klar , dass die Ilias zahlreichere und stärkere
spuren des aeolismus enthält als die Odyssee.
C. Capelle.
195. Die homerischen fragen von Dr. Heinrich Düntzer.
Leipzig. Hahn'sche verlagsbuchh. 1874. 4 m.
Vrf. will in dem angeführten buche den ganzen weiten
kreis der homerischen kritik umspannen : klarheit in der form
der darstellung und sachkenntniss ist ihm nicht abzusprechen.
Die beiden ersten abschnitte handeln von Homers namen, per-
sönlichkeit und heimath. Es gelingt vrf. vollkommen den leser
zu überzeugen, wie unsicher die etymologie des namens "Ofxrioog
ist. Um so auffallender muss es erscheinen, wenn er p. 17
meint , die bedeutung zusammenfüger , verbinder als die echte
erkannt zu haben. Die möglichkeit dieser deutung wird man
schwerlich leugnen können , zur gewissheit fehlt uns aber der
nachweis, dass das wort jene bedeutung wirklich einmal gehabt
hat. Dieser beweis war um so nothwendiger, da Düntzer meint,
der name sei nach ' den mehr ersonnenen als sagenhaften an-
gaben der alten ein ihm anhaftender beiname ', also von appel-
lativer geltung (p. 23). Die historische spräche kennt nur die
bedeutung geissei, daher die verschiedenen etymologischen sagen.
Jenen 'mehr ersonnenen als sagenhaften angaben' über den ur-
sprünglichen namen des dichters ist jedenfalls sehr wenig zu
trauen, denn wurde er MeXqOiysryg genannt , so hiess dies eben
nur Melesgeborener , wie er poetisch als Smyrnaeer bezeichnet
werden konnte. Das deutete eine unverständige klügelei dahin,
sein vater und er wahrscheinlich selbst habe eigentlich Meles
geheissen. Noch abgeschmackter ist der grund für den namen
270 195. Homeros. Nr. 6.
"AXTqq 3 schol. V zuX 51: yiquiv ovofjdxXviog: 'Ad-qvoxQiTog <pi]Gt
tov "Ofiiigov TiQOjrjv * jikir[v xaXelG&ui dtu ro ETvatveXv avrov.
Wir werden es aufgeben müssen, etwas sicheres über den Ur-
sprung des namens wissen zu wollen. Die frage bat um so
weniger bedeutung für die historische kritik, da Homeros der
eponyme heros der Homeriden war. Auf p. 45 scheint vrf. die
bedeutung dieser tbatsache zu erkennen , wenn er sagt , solche
heroen seien mythische, d. h. doch wohl nicht historische per-
sonen, und so könne es auch nicht anders mit Homer sein, den
eine familie auf Chios, die sich dem epischen gesange widmete,
zum heros wählte. Gleich darauf wird die auffassung dieser
thatsacbe wieder unklar : ' doch dürfen wir, heisst es, nicbt be-
zweifeln , dass der epische sang ihres gewählten ahnherren von
ihnen besonders gepflegt wurde'. Auf p. 78 'der echten alten
sage nach war Homer entschieden ein Joner und zwar ein
dichter auf Chios. ' Düntzer denkt sich also das verhältniss etwa
folgendermassen, denn bestimmten aufschluss giebt er leider nir-
gends. Auf Chios lebte ein dichter Homeros, berühmt durch
seine dichtungen, ein sangeskundiges geschlecht derselben insel
wählte ihn nach seinem tode zum Stammvater, nannte sich nach
ihm und pflegte seine poesie. Wie ist Homer dann aber eine
mythische person ? Vrf. müsste sich also ebenso denken, Achaeos
oder Doros waren männer von gewisser bedeutsamkeit und eini-
ger berühmtheit, nach ihnen nannten sich gewisse stamme und
wählten sie zu Stammvätern. Sollte ich vrf. falsch verstanden
haben , so glaube nicht ich die schuld zu tragen. Jenes ver-
hältniss Homers zu Homeriden lässt die thatsacbe zweifellos gewiss
erscheinen, dass seine individuelle thätigkeit in der sage eine thätig-
keit des ganzen Stammes der Homeriden bezeichnet, sie sind ihm als
dem mythischen Vertreter des geschlechtes beigelegt. Ebenso ent-
halten die echtsagenhaften angaben von Homers leben nichts als
nachrichten über die geschichte der Homeriden. In der feststellung
und aussonderung der echt sagenhaften angaben stimme ich dem
vrf. vollkommen bei, wenn er los, Smyrna, Chios als die punkte
nennt, welche auf Homer d. h. auf die Homeriden einen berech-
tigten ansprach machten. Entschieden muss ich aber dem vrf. wider-
sprechen, wenn er p. 56 annimmt, Smyrna habe nur das sagen-
hafte rohmaterial für die homerische dichtung geliefert, an einen
aufenthalt der sängerfamilie in jener stadt sei nicht zu denken.
Nr. 6. 195. Homeros. 271
Denn ist die geburt Homers in los und sein anfenthalt auf
Chios richtig auf die Wanderung der Homeriden gedeutet, so muss
folgerichtig auch auf einen aufenthalt in Smyrna geschlossen
werden, für letzteren enthält die sage sogar noch mehr anknüpf-
ungspunkte als für den auf Chios. Vermuthlich meint vrf, der
dialekt widerspreche dieser thatsache, das würde heissen, wären
die Ionischen sänger nach dem aeolischen Smyrna gekommen, hätten
sie den dialekt dieser stadt annehmen müssen : dies zugestanden,
so würden sie ihn auf Chios eben wieder mit dem ionischen
vertauscht haben. Doch waren die Homeriden ein sängerge-
schlecht auf los, so brachten sie auch eine anzahl von dichtun-
gen im ionischen dialekt mit nach Smyrna und werden die
spräche in diesen wie in späteren dichtungen eben festge-
halten haben. Hierfür spricht die poetische dialektologie der
ganzen griechischen litteratur. Für eine blüthe des homerischen
gesanges in Smyrna spricht auch die frühe Verbreitung desselben
im grenzgebiete der aeolischen und ionischen städte Klein-Asiens.
So muss Kyme sehr früh mit dieser poesie bekannt geworden
sein, von hier hat sie sicher die familie des Hesiod mit nach
Böotien genommen ; denn so gross der unterschied zwischen
beiden arten der epik sein mag, so scheint doch unzweifelhaft
Hesiod die form den Homeriden entlehnt zu haben , wie sollte
er sonst aus dem äolischen Kyme stammend in Böotien lebend
im ionischen dialekte dichten? Sehr wahrscheinlich wurde die
dichtung der Homeriden von Smyrna aus an den gemeinsamen
festagonen, wie sie für Lebedos an den Dionysien bezeugt sind,
auch den übrigen städten früh bekannt. Die homerische poesie
hatte damals noch nicht ihren höhepunkt erreicht, es fehlte ihr
noch die sinnliche klarheit und Schönheit ; an diese frühere stufe
lehnt sich Hesiod an.
Man wird bei der frage nach der heimath des ' dichters '
offenbar eine besprechung seiner spräche erwarten-, leider fehlt
die im vorliegenden buche ganz. Verf. hält gelegentlich mit
Aristarch die altattische spräche für die grundlage derselben,
ich will dabei nur bemerken, dass in einer solchen frage dem
Aristarch unmöglich eine massgebende stimme zuzusprechen ist ;
er wusste von jener altattischen spräche eben so wenig als wir.
Der dritte theil des buches beschäftigt sich mit der kritik
der homerischen sage. Dieser abschnitt ist unstreitig der
272 195. Homeros. Nr. 6.
schwächste des ganzen buches, er ist ein methodeloses hin- und
herreden, das im urtheil über die troische sage wesentlich zu
den von Welcker im zweiten theil des epischen kyklus geistvoller
und eingehender entwickelten resultaten führt. Düntzer sucht be-
sonders gegen Müllenhoff Welckers ansieht zu vertreten, dass die
sage vom kämpfe vor Ilios schon in Griechenland in manchen
einzelnen liedern vor der äolischen Wanderung unter Gras u. s. w.
besungen sei (p. 91). Der kern der sage soll die Zerstörung
der stadt durch vereinte achaeische kraft sein. — Mit Welcker
und Düntzer gegen Völker u. a. angenommen, dass das alte Troja
auf dem Balidagh und bei Burnabaschi lag, also mit dem aeoli-
schen Ilion nicht identisch sein kann, so würde dies an sich
nicht beweisen, dass die Aeoler das alte Troja nicht hätten zer-
stören können. Der einzige grund , der dafür geltend gemacht
wird, ist der, dass die Aeoler dann sicher die alte Stadt bezogen
hätten. Es war aber ja möglich, dass die Aeoler erst Neu-Ilion
gründeten, die macht des alten Troja allmählich beschränkten,
dann vielleicht durch neue zuzüge aus der heimath verstärkt,
die alte feste einnahmen und dann eben keine veranlassung
mehr hatten , sich auf dem terrain der alten stadt anzusiedeln.
Kurz gründe müssen ja doch gewesen sein, dass die Aeoler sich
in einer anderen gegend anbauten. Die Verschiedenheit der
läge von Alt- und Neu-Ilion kann keine entscheidende bedeu-
tung in dieser frage haben. Darum sind er wägungen wie p. 90
ohne gewicht. Ferner ist es nicht berechtigt, wenn Düntzer mit
Welcker meint, dass die führer der aeolischen colonisten Gras u.
a. hätten eine hauptrolle in der sage spielen müssen , wenn ihr
stamm die betreffende Stadt eingenommen hätte. War in der
sage, die anspräche der colonisten zu begründen, eine frühere
einnähme durch die vorfahren jener anführer angenommen , so
gewann die dichtung vor allem an diesen früheren helden inte-
resse , nicht an den näher stehenden nachkommen. Diese that-
sache wird einleuchtend durch die analogie der Heraklessage,
die dichtung beschäftigt sich nur mit den zügen dieses helden,
nicht mit der allein thatsächlichen Wanderung der Herakliden,
deren anspräche der heros vorbereiten muss. — Doch wird
eine betrachtung solch einzelner punkte nie zu einem wirklichen
verständniss der sage führen , es sei mir daher gestattet , in
knappen zügen die ganze sage zu betrachten. Dardanos soll
Nr. 6. 195. Homeros. 273
der Stammvater der bewoliner Trojas gewesen sein. Nach Dionys
von Halikarnass soll er durch die fluth von Arcadien nach Samo-
thrake kommen, der name dieser insel war früher Dardania (Paus.
7,4,3. Steph. Byz. s. v). Dardanos ist eponymus derDardaner,
ihre niederlassung in Samothrake also sicher bezeugt. In Arcadien,
richtiger nach der einwanderung in Troas, heirathet er die Chryse,
tochter des Palas , die ihm die palladien und heiligthümer
der grossen götter giebt. Chryse ist die eponyme heroine der
von Achill zerstörten Stadt , ebenso die spätere gemahlin Bateia
Eustath. p. 351, 30) und Arisbe (Apollod. 3, 12, 1) der ent-
sprechenden städte in Troas. Die niederlassung der Dardaner
in Troas ist sicher (vrgl. Prell. Myth. II 373, 2). Das palladion
weist deutlich auf den kult der Pallas Athene , der in Troas
wie in Arcadien sicher bezeugt ist. Die grossen götter weisen
auf orientalische beimischung. Es ist kein grund zu zweifeln,
dass die Dardaner ein griechischer stamm sind. Des Dardanos
söhn ist Erichthonios, bekannt und eng verknüpft mit der athe-
nischen sage und dem kulte der göttin, ein autochthone. Der
Athenekult muss besonders im stamme der Danaer gepflegt sein,
dessen eponyme heroen Danaos und Danae (Perseus) sind. Der
name Dardaner ist daher nur als reduplicirte nebenform des
namens Danaer aus Dan-daaer anzusehn. Danaer nannte sich
vor allem der nach Argos gewanderte zweig des Stammes. Die
Dardaner erobern die ebene und das gebirge von Troas , die
Stadt fällt in ihre hände, deren bürg nun hauptsitz des Pallas-
kultes wird. Dardanos heirathet die tochter des Teukros , die
Teukrer , deren eponymus Teukros ist, vielleicht ein semitischer
stamm, müssen vor den Dardanern in diesen gegenden gewohnt
haben , sind von jenen unterworfen , und von dem mächtigeren
stamme ist Dardanos an die spitze der genealogischen reihe ge-
stellt. — Dardanos söhn ist Tros, der eponymus der Troer, der
Stadt Troja und der landschaft*, anspruch auf erbauung der Stadt
muss also dieser wahrscheinlich vordardanische stamm gemacht
haben, sicher kein griechischer stamm ; seine söhne Ilos, der epo-
nymus von Ilios , Assarakos , ein heros der Assyrier ; der herr-
schaft der Dardaner werden auch die weiter im gebirge woh-
nenden Assyrier unterworfen sein. Ilos ist wahrscheinlich ohne
ethnische beziehung , ebensowenig der dritte söhn Ganymedes,
der offenbar eine alt-mythische bedeutung hat. Ilos gründet die
274 195. Homeros. Nr. 6.
stadt, die gründungssage mit der kuli ist sicher der kadmeischen
sage von der grün düng Thebens nachgebildet. Dtr. Müller hat
diese sage mit recht dem argivischen stamme und dem religions-
system der Demeter-Hermes zugewiesen. Sicher muss also ein
zweig des argivischen Stammes aus Böotien entweder mit oder
neben den Dardanern ansprach gemacht haben auf die gründung
der stadt ; wie die betheiligung des Iasos am zuge des Dardanos
zeigt, waren Argiver mit den Dardanern verbunden.
Von Ilos gehen zwei Knien aus: 1) Laomedon, Priamos; 2)
Assarakos, Kapys, Anchises, Aeneias, die erstere linie herrscht in
Troja, die andere im gebirgslande. Sicher griechischen Ursprungs
ist der name Laomedon = Völkerfürst, vielleicht auch Priamos,
Anchises und Aineias. Erweislich hat die zweite linie nicht
ursprünglich mit dem kriege vor Troja zu thun gehabt. —
Unter Laomedon fällt die erste einnähme Ilions durch Herakles,
Peleus, Telamon und O'ikleus. Die helden sind alle Griechen,
es liegt daher kein grund vor mit Müllenhoff den Herakles als
Vertreter der Phöniker zu nehmen , der Ursprung der sage ist
griechisch. Wir sehen in derselben einfach den versuch ge-
wisser stamme, der Achäer von Salamis, der böotischen Aeoler
(? Herakles), des phthiotischen Stammes unter Achilleus, der
Argiver (O'ikles), ihre berechtigung auf diese gegenden durch
eine vorangegangene occupation ihrer vorfahren zu begründen.
Die sage mit Hesione weist auf Argos und den Perseus, sie ist
für uns unwichtig. Eine hervorragende rolle bei dem zuge spielt
Telamon: 1) er nimmt die stadt wirklich ein; 2) ihm fällt die
von Herakles begehrte Hesione zu ; 3) er wird zum vater des
Teukros. Besonders der letztere zug der sage zeigt deutlich,
dass die Salaminier ähnliche anspräche auf das land der Teukrer
erhoben wie die Dardaner, sie behaupteten schon vor den Teukrern
das land besessen zu haben. Dieser widersprach mit der Dar-
daner-überlieferung wird dadurch beseitigt, dass des Telamon
söhn ein jüngerer Teukros sein sollte. Wenn dieser später
Kypros besetzt, mit seiner stadt Salamis, so weist das wohl dar-
auf hin , dass die Teukrer ein phoenikischer stamm waren und
mit den gründern der beiden Salamis identisch. Der nachkomme
des Telamon Aias kehrt nicht zurück nach der einnähme Ilions,
eben so wenig Achilleus, der söhn des Peleus. Mit diesen beiden
jüngeren helden ist also offenbar die sage der Salaminier und
Nr. 6. 195. Homeros. 275
Phtliier von ihrer occupation des landes um Ilion abgeschlossen ;
wenn mit diesen nun die achaeischen helden Menelaus und
Agamemnon nach späterer sage zusammenkämpfen und diese in
ihre heimath zurückkehren, ihre eroberung aber ihre enkel unter
Gras u. a. in besitz nehmen, so ist deutlich, dass die Atriden auf
ganz anderer stufe stehen als Aias und Achilleus. Die sage
von den beiden letzteren ist ohne zweifei die sage von der
wirklichen occupation des lau des durch die beiden von ihnen
vertretenen stamme. Wenn Düntzer gegen das alter der sage
vom zuge des Herakles einspruch thut, so ist zu antworten,
selbst zugegeben, dass die betreffenden stellen späterer zusatz in
der Ilias sind, so beweist dies nichts für das alter der sage.
Die vielbesungene einnähme Troja's fällt unter Priamos-Podarkes,
der doppelname beweist nur für eine doppelte Überlieferung
zweier stamme , wahrscheinlich der Dardaner und Salaminier.
Priamos als vater von fünfzig söhnen und fünfzig töchtern scheint
auf den Danaos hinzuweisen (ähnlich bei Hos). Der eigentliche
Urheber des falles ist aber Paris-Alexandros, wie bei Priamos
ein doppelname. Die Vorgeschichte des helden zeigt uns ihn als
echtmythische person , seine aussetzung , ernährung durch
eine bärin , entdeckung durch Verfolgung eines stieres , zugleich
stellt ihn aber die besiegung seiner brüdcr in ein viel helleres
licht als die Ilias. Seine Vorgeschichte erinnert an Oedipus,
Perseus (aussetzung) und Kadmus (Verfolgung des stieres),
wieder die elemente der Danaer- und Argiversage. Doch liegt
in seiner aussetzung und der besiegung der brüder auch wohl
eine historische bedeutung , ihm dem echten Dardaner , ist die
herrschaft in seiner Stadt streitig gemacht, er gewinnt sie wieder.
Sein name in diesem Zusammenhang ist Paris, der desselben
Stammes sein kann wie Perseus. Heisst er Alexandros, so tritt
er offenbar als vertheidiger der stadt auf; als solcher wird er
von den Salamiern gefasst sein. Nach der Ilias ist der eigent-
liche hört der stadt Hektor, der natürliche gegensatz gegen
Achilleus. Je höher das ansehn des Achilleus stieg , um so
mehr musste auch der rühm des Hektor wachsen. Die person
des Telamon ist viel inniger in die erste einnähme der stadt
verwebt als Peleus , Achilleus nimmt trotz seiner heldenmacht
die stadt nicht ein, es ist daher zu schliessen, dass Achill und
sein stamm erst später ansprüche auf die betheiligung am kämpfe
276 195. Homeros. Nr. 6.
gegen das alte Troja machte : dieser stamm drang zwar auch
nach Troas ein , eroberte zwölf städte unter anderen Chryse,
nahm aber nicht theil an der einnähme der alten feste. Der
erzieher des Achill ist Phönix , offenbar weist das auf nahe
Verbindung dieses Stammes mit den Phönikern. Wirklich kommt
Achill von Skyros , hier lebt er in frauengewändern bei den
töchtern des Lykomedes unter dem namen Pyrrha. Dieser zug
der sage weist auf orientalischen Ursprung, ebenso wie beim
Herakles auf Kos und in seinem Verhältnisse zur Omphale.
Wahrscheinlich bot jedoch die griechische sage einen anhält
dafür. Es scheint ein gleicher entführungsmythus des beiden
wie bei Kephalos, Phaethon, Odysseus, Orion zu gründe zu liegen
und auf den aeolischen stamm zu weisen. Sicher bezeugt für
die einnähme Troja's ist also Aias und Oükleus, keinem fällt je-
doch der rühm der wirklichen eroberung der Stadt zu , der
eigentliche rühm gebürt dem Epeios , dem Eponymus des epeii-
schen Stammes. Man darf daher sicher annehmen, dass dieser
volksstamm bei der wirklichen einnähme eine hervorragende
rolle spielte. Er soll mit zwanzig schiffen von den kykladischen
inseln aus an dem kriege theil genommen haben. Hierher zu
ziehn ist nun auch die sage, dass Troja nur durch den bogen
des Herakles zu nehmen war, dass Paris wirklich durch den-
selben getötet sein soll. — Ich glaube erwiesen zu haben, dass
eine griechische einwanderang nach Troas von Salamis aus, von
Argos, von den Kykladen (von Herakles vertreten vielleicht aus
Boeotien) stattgefunden, die einwanderer eroberten die dardani-
sche Stadt. Im nördlichen und westlichen theile drang ein ver-
muthlich aeolischer stamm von Phthia her über Skyros ein, er-
oberte mehrere städte, trat in nähere Verbindung mit den Phoe-
nikern und beanspruchte später gleichfalls einen antheil am
kämpfe gegen die feste.
Später setzt sich an die sagenhafte und poetische erzählung
dieses kampfes eine reihe neuer sagen, vor allem der der Atriden.
Diese waren die vorfahren der späteren sogenannten äolischen
kolonisten, sollten also den ansprach derselben auf Troas be-
gründen : wurden sie nun an den kämpf gegen Troja ange-
schlossen, so mussten die oben festgestellten sagenelemente schon
zu einer festen epischen einheit verknüpft sein, auch Achilleus
musste schon als hervorragender theilnehmer am zuge gelten.
Nr. 6. 195. Homeros. 277
Offenbar konnte die ganze Atridensage aber erst auf asiatischem
boden im gegensatz gegen die dort schon ansässigen griechischen
volksstämme in der bekannten weise ausgebildet und angeknüpft
werden. Hinfällig ist daber Welckers und Düntzers annähme,
dass die sage schon auf griechischem boden besungen war. —
Es erscheint jedoch höchst wahrscheinlich , dass jene äolischen
kolonisten schon vor dieser erst allmählich sich bildenden ver-
quickung der sage anspräche auf jenes land machten. In diesem
zusammenhange hat man die ausbildung der sage von Pelops
zu fassen, der von Ilos aus Asien vertrieben sein sollte. Später
übertrug man nun den raub der Helena durch die Apharetiden
oder den Tbeseus auf Ilios , man gewann damit einen grund
für die betheiligung des Menelaos und Agamemnon, vielleicht
wurde diese Übertragung durch den namen Idas, den man
leicht auf das gebirge übertragen konnte , oder durch alte er-
innerungen vom gegensatze der Achaeer gegen die arcadischen
Dardaner erleichtert. Ich glaube mich hiermit begnügen zu dür-
fen, da so die eroberung der stadt und die betheiligung der
hervorragendsten personen an derselben aus der sage selbst ge-
nügend erklärt scheint. Spätere zusätze zur sage erklären sich
einfach und leicht.
Zur erklärung so verwickelter sagen wie die von Troja ist
also mit einigen von der Oberfläche geschöpften einfallen nichts
gemacht, da gilt es vor allem genau die Völkerschichtung zu
untersuchen und die einzelnen sagenelemente in ihrer Zugehörig-
keit zu bestimmen. Noch greller treten die schwächen von
Düntzers mythenforschung in der behandlung der Odysseussage
hervor, da ihm hier die stütze der Welcker'schen ausführung fehlt.
Er verwirft mit recht billige einfalle wie, dass Odysseus eine
agrarische bedeutung habe, kommt aber doch nirgends zu einer
geordneten Untersuchung der sache selbst. Es ist auch wieder
zu viel gesagt mit der frage : ' Ist in der Odyssee irgend eine
spur einer anderen bedeutung des helden als des viel umgetrie-
benen irrfahrers?' Er hält doch selbst den Odysseus für eine
dämonische person, muss doch also die spuren dieser bedeutung
in der Odyssee gefunden haben. Es heisst doch auch bei einer
mythologischen Untersuchung dem vogel salz auf den schwänz
streuen, wenn man die frage nach der mythischen bedeutung an
die spitze stellt. Ebenso wenig kann eine mögliche, nicht noth-
Philol. Anz. VII. 18
278 1Ö5. Homeros. ffr. 6:.
wendige und sichere etymologie des namens die Untersuchung
in die rechte bahn führen, und einen höheren anspruch wird
doch selbst Düntzer seiner deutung Odysseus = der zürnende
unmöglich beilegen. Er nimmt jedoch die ableitung für sicher,
kombinirt weiter, dieser zürner hat vorwiegend auf dem meere
zu schaffen, auf der see ist die zürnende gewalt aber der stürm,
also muss Odysseus der dämon des seesturms sein, der sich ver-
muthlich selbst vom erstrebten ziele stets zurückschleudert.
Dabei will unser vf. jedoch die möglichkeit nicht in abrede stellen,
Odysseus könne auch als gott der unterweit gedacht sein. Und
dies ganze haltlose gebäude erbaut sich auf der schwankenden
deutung des namens ! Stände es so um die methode der mytho-
logischen forschung, dann thäte man wohl, zeit und papier zu
sparen, statt sich mit so haltlosen hirngespinsten zu quälen.
Von gleichem werthe ist der p. 111 ausgesprochene gedanke:
'Wer die weise des dichters erwägt, der manche gestalten im
sinne der sage zu seinem zwecke erfinden muss, wird in der
Kalypso, der bergenden, eben eine erfindung des dichters sehn,
woher es sich wohl erklärt, dass in späterer sage Kalypso viel
weniger hervortritt als die auf alter volkssage beruhende Kirke. '
Dass ' der dichter ' Statistenrollen ohne positiven anhält in der
sage hinzufügt, wie Mentes Iros, drgl., wird niemand leugnen wollen.
Einen etwas eingehenderen beweis möchte doch aber die be-
hauptung erfordern, dass hauptträger der handlung, um die
sich die grundzüge der sage gesponnen haben, wie Kalypso,
ein reines gebilde der dichterischen phantasie seien. Ich dächte
der in einer echt mythischen, nämlich chthonischen, thätigkeit
begründete name der göttin, wie die mythische siebenzahl der jähre
des aufenthalts bei ihr und vor allem, dass sie eine göttin ist,
hätte doch den vf. stutzig machen sollen. Er würde vermuth-
lich vergebens nach analogien suchen, die bewiesen, Homer
hätte je nach bedürfniss so einige gottheiten erfunden und als
hauptpersonen in seine dichtung verwebt. — Man würde sich
vergeblich bei Düntzer nach anderen als den angeführten grün-
den für seine behauptung umsehen, es möchten daher die von
ihm gegen Müllenhoff p. 116 gebrauchten worte: 'wo nichts be-
wiesen ist, da ist eben auch nichts zu widerlegen' nicht mit
unrecht auf ihn selbst zurückfallen.
Der grund, dass die über den Odysseusmythus aufgestellten
Nr. 6. 195. Homeros. 279
ansichten so ausserordentlich schwankend und hinfällig sind,
scheint mir ein doppelter zu sein: 1) hat man die bestandtheile
der Odyssee nicht genau nach ihren motiven gesondert und
zusammengefasst ; 2) hat sich niemand die mühe gegeben, die
Stammesverhältnisse auf Ithaka und dem kephallenischen insel-
reiche zu untersuchen und danach zu bestimmen, welche mythen
hier in hervorragender weise vertreten waren und zur sagen-
bildung über Odysseus beigetragen haben. So wenig hat auch
Müllenhoff sich diese frage klar gemacht, dass er die ausbildung
der sage an die achäische küste verlegt, doch vermuthlich nur
von dem verbreiteten vorurtheile beherrscht, Odysseeus sei ein
heros der Ionier: diese haben besonders im norden des Pelo-
ponnes vor ihrer Wanderung gewohnt, also muss hier die sage
ausgebildet sein. Und welchen grund hat man, den Odysseus
für einen Ionier zu halten? Er ist ein Seefahrer und ein ver-
schlagener charakter , ist denn auch Sisyphus oder Iason ein
Ionier? Eine natürliche folge von dieser akrisie ist eine
zweite , dass man den kern der sage , oder der poetischen er-
zählung unter dem vieldeutigen ausdrucke ' frei schwebende sage '
mit den einzelnen irrfahrten ganz über einen kämm geschoren
hat. — Auch hier möchte ich mir erlauben anzudeuten,
welcher weg mir bei erklärung der Odysseussage der richtige
erscheint.
Odysseus ist der söhn des Laertes und der Antikleia,
tochter des Autolykos , der am Parnass wohnt. Nach Odyss.
19, 394 flg. ist Autolykos schlau und verschlagen, er ist ferner
ein bekannter rinderdieb, der dem Sisyphos die rinder fortge-
trieben hat ; da dieser aber zeichen an die hufe machte, fand er
sie wieder. Bei dieser gelegenheit soll er des Autolykos tochter
Antikleia geschändet haben (Hyg. f. 201) und vielfach in der
späteren Überlieferung ist Sisyphos vater des Odysseus. Im
wesen stimmt Odysseus offenbar ganz mit Autolykos überein (auch
mit Sisyphos) , nur veredelt. Autolykos kommt selbst nach
Ithaka und giebt dem enkel den namen , denn vielen sei er
ein zürnender gekommen. Auf Ithaka gab es eine allerdings
bei Homer nicht genannte Stadt Alalkomenae übereinstimmend
mit der im norden Böotiens gelegenen stadt. Eine einwanderung
von dem grenzgebiete Böotiens und Phokis würde schon aus
diesen gründen wahrscheinlich sein. Wird nun Odysseus so
18*
280 195. Homeros, ft». &
direkt an Autolykos angeknüpft, hat er ganz den charakter des
grossvaters, so kann es nicht zweifelhaft sein, dass dieser Cha-
rakter des helden aus jenem von Autolykos vertretenen stamme
hergenommen und Odysseus selbst eine Wiederholung des Auto-
lykos ist. Wird Odysseus nun ausserdem an den Laertes ge-
knüpft, so kann diese Verbindung keine echte sein; Laertes ist
vielleicht der Vertreter des Stammes, den jene kolonisation in
Ithaka vorfand. Autolykos als heerdenräuber ist sicher eine echt
mythische person, als solcher ist er dem Hermes der späteren
sage, dem Cacus-Hercules u. s. w. verwandt und sein enkel Odysseus
thut nichts anderes , wenn seine gefährten an den sonnenheerden
des Helios freveln , ein frevel , für den doch Odysseus büssen
muss. Der besitz der sonnenheerden haftet im mythus allein am
Helios fest, Hermes und Apollo sind erst spätere Variation der
sage (vergl. D. Müller Mythl. d. gr. st. bd. 2, p. 367). Dieser spä-
teren Variation und seiner Verschlagenheit verdankt Autolykos
vermuthlich seine abkunft vom Hermes , wenn nicht vielleicht
alt-argivische Stammes- und sagen-elemente eingewirkt haben.
Mit dem Helios muss also Autolykos und Odysseus im engsten
zusammenhange gedacht werden. Autolykos ist viel wahrschein-
licher 'der selbstleuchtende ' als der ' selbstwolf ' , auch bei
Odysseus , dessen nebenform Ulixes doch immerhin hätte auf-
fallen müssen , wird richtig gewiss nur vom st. Z«c-leuchten
abgeleitet. Es kann nicht auffallend sein, dass die rinderräuber
selbst die leuchtenden, also heroen des Helios sind. Dtr. Müller
hat die doppelnatur der gottheiten, wie mir scheint, endgültig
für immer nachgewiesen, ich meine die oberweltliche und chtho-
nische phase. Somit möchte nachgewiesen sein, dass der rinder-
frevel ein echtes altes stück der volkssage von Odysseus bil-
dete. Es ist unschwer erweislich, dass Helios eine Stammgottheit
der Aeoler war, man wird also auch den stamm des Autolykos-
Odysseus zu den Aeolern zu rechnen haben.
Das inselreich, zu dem Ithaka zählt, ist das kephallenische,
der eponyme heros der Kephallenier ist Kephalos, von dem
Odysseus in direkter linie abstammen soll. Kephalos ist ent-
weder ein söhn des Deion, des königs von Phokis und heirathet die
tochter des Erechtheus Prokris, zieht später vom Amphitruo ver-
anlasst mit diesem, dem Heleios aus Helos und Panopeus aus
Phokis gegen die Teleboer, diese werden besiegt, Kephalos und
Nr. 6. 195. Homeros. 281
Heleios gründen gleichnamige städte , Amphitruo kehrt nach
Böotien heim. Vor der Wanderung wohnt Kephalos im attischen
Thorikos. Lassen wir dahin gestellt, wie die doppelwanderung
des Kephalos aus Phokis nach Attica und wieder zurück zu
verstehen ist, sicher ist, dass im inselreiche ein stamm einwan-
derte, die Kephallenen, die an ihren eponymos wieder bestimmt
ausgeprägte sagen knüpften. Kephalos wird von der Eos oder
Hemera entführt, die im ostlande Syrien mit ihm den Tithonos
oder nach Hes. Theog. 986 den Phaethon zeugt. Offenbar sind
Tithonos wie Phaethon beinamen wie heroen des Helios, von
ihnen wird derselbe entführungsmythus berichtet wie von Ke-
phalos, man hat diesen also für ein echt und altreligiöses stück
des Helioskultus zu halten. Durch den Helios sind also die Ke-
phallenen auch wieder mit dem Autolykos verwandt, fraglich
jedoch ob beide Wanderungen identisch sind. Auch der all-
sehende Panopeus gehört vermuthlich in denselben Sagenkreis
und in die grosse aeolische Stammesgemeinschaft. Die von
Kephalos berichtete sage, dass er von einer göttin entführt sei
findet sich offenbar wieder in des Odysseus gefangenschaft bei
der Kalypso wie bei der Kirke. Das charakteristische in diesem
mythus ist eben, dass der geliebte mit gewalt von der göttin
genommen und gehalten wird. Mit der anknüpfung an den
troischen krieg musste Odysseus zufällig, nicht mehr gezwungen,
zu jenen göttinnen kommen. Kirke wie Kalypso stehen nach
dem vorliegenden Zusammenhang der Odyssee in naher be-
ziehung zum frevel an den sonnenheerden , doch zeigt eine be-
trachtung von Odyss. 5, 110 — 111, dass Odysseus unmittelbar
nach dem von Athene gegen die Griechen erregten stürm zur
insel der Kalypso getrieben wird. Es ist thöricht, diese verse
als unechtes einschiebsei beseitigen zu wollen, eben der vergleich
mit 133 — 134 zeigt, dass sie an ersterer stelle sicher und erst
künstlich an die zweite stelle versetzt sind, Kalypso hat also
mit dem frevel an des Helios heerden ursprünglich nichts zu
thun. Kirke und Helios dagegen stehen auch sonst in naher
beziehung, sie ist tochter des Helios und Schwester des Aeetes.
Wir werden also auch die Kirke zu den sagenelementen zu
rechnen haben, die mit des Autolykos stamm nach Ithaka kamen.
Erst ein genaues eingehen auf den Heliosmythus kann zeigen,
in welchem zusammenhange Kirke, Helios, die rinder, Odysseus
282 195. Homeros. Nr. 6.
zu denken sind. — An den Kephalos schloss sich ausser der
einfachen entführungssage von Eos , die sage von Prokris ; die
ethnischen heziehungen abgerechnet, so schwankt Odysseus wie
Kephalos zwischen der liebe zu den zwei frauen Kalypso-Eos,
Prokris-Penelope. Die verfährung der Prokris ist bei der Pe-
nelope veredelt in ein umwerben von zudringlichen freiem, denen
Penelope nach langen kämpfen endlich am tage von Odysseus
rückkehr nachzugeben gedenkt. Dieser letztere zug der Odysseus-
sage, die besiegung des feindlichen freiers, scheint ein ursprüng-
licher zug des mythus zu sein, auch sonst ist die Odysseussage
natürlicher und einfacher in ihren motiven-, die eigenthümliche
ausbildung der sage von Prokris scheint daher erst in die zeit
nach der Wanderung des Stammes zu fallen. Penelope als tochter
des Ikarios vertritt neben der mythischen bedeutung noch das
verhältniss des kephallenischen Stammes zu den nachbaren auf
dem festland in Acarnanien x ). — Ich glaube somit nachge-
wiesen zu haben, dass die durch innere motivierung verbundenen
personen: 1) Helios -Kirke- Odysseus, 2) Kalypso - Penelope-
Odysseus durch die nachlthaka gewanderten Volkselemente zum
Odysseusmythus gebracht sind. Eine dritte gruppe sind Phaeaken-
Kyklopen, deren Zusammenhang auch Müllenhoff erkannt hat.
Die Phaeaken sind durch die Kyklopen von der oberweit ver-
trieben, beide Völkerschaften bilden offenbar einen mythischen
gegensatz. Der Phaeaken aufenthalt ist die unterweit, wenn
sie nun den Odysseus heimführen, so bringen sie auch ihn aus
der unterweit an die weit des lichtes: sind sie von hier durch
die Kyklopen vertrieben, besiegt Odysseus den hauptvertreter
der Kyklopen in einer sicher echt mythischen weise durch die
blendung, so muss dies in der echten sage nach der rück-
führung des Odysseus geschehen sein. Odysseus erringt den
Phaeaken durch die blendung ihre oberweltliche existenz wieder.
Zweifellos gehört dieser mythus in den Poseidonkultus: wo sich
derselbe an den Odysseus angesetzt, muss vorläufig dahingestellt
bleiben. —
Hiermit genug, nun noch einige worte über die zweite
hälfte des buches. Die folgenden drei abschnitte handeln: IV.
*) Ist es zufällig, dass Prokris als Prokne und Penelope vogel-
namen tragen?
Nr. 6. 195. Homeros. 283
von Homers Zeitalter, V. Vortrag und fortpflanzung der homerischen
gedichte, VI. einschiebung, eindichtung, fortsetzung , zusammen-
fügung, verschränkung. Düntzers anschauungen über die art der
entstellungen in den homerischen gedichten sind bekannt, er
statuiert überall interpolationen, wo ihm der Zusammenhang ge-
litten zu haben scheint. Im einzelnen zeigt Düntzer ein sehr
feines und natürliches gefühl für die anforderungen an den Zu-
sammenhang. Wenn er die anstösse sämmtlich durch entfernung
einzelner verse oder ganzer versgruppen zu entfernen sucht, so
ist das eben einer von den erklärungs vers uchen für die
geschichte der textverderbniss. Ausscheidungen macht auch
Kirchhoff, nimmt also gleichfalls interpolationen an, nur glaubt
er nachweisen zu können , dass die einschiebungen von einem
gemeinsamen plane bestimmt sind. Ich glaube eben so wenig
wie Düntzer, dass Kirchhoff wirklich den plan der interpolieren-
den thätigkeit richtig erkannt hat: ist damit denn nun aber
überhaupt die berechtigung von Kirchhoffs kritischer grundan-
schauung über den häufen geworfen? Wenn nicht mit Düntzer
selbst , so wird mit seinen homerischen kritisch-exegetischen ar-
beiten ein abkommen möglich sein, man wird sie als brauchbares,
ja hie und da schätzenswerthes material für die beurtheilung einzel-
ner schwieriger stellen gern und mit erfolg benutzen, für die frage
nach der entstehung der beiden grossen epen selbst sind sie
ohne werth. Ich hoffe diesen gedanken in kurzer zeit genauer
erweisen zu können. Zum schluss sei nur noch gesagt, dass
der so oft gereizte ton in dem vorliegenden buche die Unbe-
fangenheit der auffassung Düntzers wie seiner leser nicht gerade
fördern wird , zuweilen geht der ton über die grenzen des an-
standes hinaus, entspricht wenigstens nicht der ruhigen Objek-
tivität, die man von wissenschaftlichen Untersuchungen verlangen
darf.
Ph. Wegener.
196. 1) H. Flach, die hesiodische Theogonie mit Prole-
gomena. Berlin, Weidmann. 1873.
197. 2) H. Flach, die hesiodischen gedichte. Berlin,
Weidmann. 1874.
In bezug auf spräche und grammatik nehmen die Flach'-
schen arbeiten über Hesiod unser interesse besonders durch die
284 196. 197. Hesiodos. Nr. 6.
einführung des digamma' s in den text in ansprach, die er,
nachdem Bentley zuerst diesem laute auch hier nachgespürt und
Paley, the epics of Hesiod London 1861, ihn in grossem umfange
eingeführt hat, seinerseits zuerst von deutschen herausgebern,
und zwar massvoller und besonnener als der Engländer unter-
nommen hat.
Auf diese einführung des digamma wird sich meine fol-
gende besprechung im wesentlichen beschränken, wobei ich be-
merke, dass ich von den Hesiod zugeschriebenen werken nur
die Theogonie und Opera berücksichtige, Scutum und fragmente
dagegen aus triftigen gründen bei seite lasse.
Zuerst unternimmt es der vfr. proll. 9 sq. den nachweis
für die consonantische kraft des digamma zur zeit der hesiodi-
schen gedichte zu führen. Dieser beruht nach ihm zunächst
auf den gesetzen der composition. Da in den homerischen com-
positis der hiat mit grosser consequenz vermieden sei, soll sich
aus bildungen wie äuxtfg u. drgl. ergeben, dass hier nach dem a
privativum in homerischer zeit wirklich ein consonant, nämlich p vor-
handen gewesen : es sei nicht anzunehmen, dass die homerischen
dichter nur nach vorgefundenen analogieen solche Wörter ge-
bildet hätten, sonst würden hier mehr Verstösse vorkommen, wie
bei den späteren und die consequenz und ausnahmslosigkeit der
bildung unerklärlich sein. Aber beweisen nicht dvoviarog,
ävovTTjTC neben älterem tioviog, uviSqwtC von w. Gpid , uvicuog
I 63 , dvsCfjuüv neben den anderen p verrathenden ableitungen
von ptß — , diyuvdüvu) neben den sonstigen ableitungen von
<Spad, axuv neben dem häufigeren uexcov und dem digammierten
ix(6v und dutzende anderer beispiele, dass die homerischen
dichter die in der composition p verrathenden Wörter schon als
apparat vorfanden und die composita ihrerseits zwar vielfach
nach der alten analogie, zum theil aber auch nach ihrer spräche
bildeten , in der die lebendige kraft des p bereits geschwunden
war?
Doch kommen wir zu Hesiod. Auch hier soll sich nach
Flach die kraft des p ausnahmslos in der composition zeigen.
Dem widersprechen nsgtaxs Th. 678, htSg 0. 610 (Th. 82 ist
lötdujGi, unsicher), stellen, die nach Flach verderbt sind (aber s.
unten!), ferner das von ihm übersehene ovvtj&eag Th. 230
vielleicht auch tnalia 0. 493, dazu udlog Th. 800, a&X' 0.
Nr. 6. 196. 197. Hesiodos. 285
656 neben den sonst gewöhnlichen formen ued-Xov (für (ipe&Xov,
mit prothetischem « gebildet ; vrgl. anch av%w Th. 493 neben
gewöhnlichem uQw). Wir schliessen: entweder sind alle diese
stellen verderbt, was wir nicht glauben, oder das c ist bei He-
siod in den compositis nicht ausnahmslos gewahrt, und behaupten :
aus den gesetzen der composition lässt sich, da die composita
überkommen oder vom dichter nach alter analogie gebildet sein
können, der beweis für lebendiges p nicht erbringen. Oder
könnte man durch iniooxoc, 0. 283. 804, Th. 232. 793 erweisen,
dass Hesiod das p in oQxog (das bisher vermuthet, jetzt durch
die kyprischen inschriften erwiesen ist) gesprochen habe? Das
widerlegen 0. 134, 219, Th. 400, 784, 805.
Der zweite grund für das wirkliche Vorhandensein des p
bei Hesiod sind nach Flach proll. 17 metrische eigen thümlich-
keiten, die wie bei Homer nur aus dem Vorhandensein desselben
erklärt werden können. (Wir möchten einschalten : resp. für
das vorhandengewesensein.) Hierher gehört nach dem vfr. zu-
nächst die Verlängerung einer kurzen consonantisch oder voca-
lisch auslautenden silbe und das langbleiben der vocale wie in
xal ri&su.. Wir hätten hier gern eine vollständige Zusammen-
stellung der fälle gesehen.
Der dritte grund ist das verhältniss der stellen, in denen
das p wiederhergestellt werden kann, zu denen, wo dies nicht
möglich ist (nach dem überlieferten texte 3 bis 4: 1). Danach
muss nach Flach ein consonantischer gebrauch des p im Hesiod
vorhanden gewesen sein.
Der vierte grund ist der gebrauch des p in den inschrif-
ten. Nach meiner meinung beweisen diese zunächst nur ein
noch lebendiges p in der Volkssprache, aber nicht einen regel-
mässigen consonantischen gebrauch in der epischen zum guten
theil von Homer abhängigen spräche der hesiodischen gedichte.
Fünftens bespricht vfr. eingehender die erschein ungen
des hiat bei Hesiod, zunächst in der arsis und zwar mit abzug
der digammastellen. Ohne mich auf seine allgemeinen bemer-
kungen über hiat genauer einzulassen , bemerke ich nur , dass
er in dem falle , wo langer vocal oder diphthong im aus-
laute bei folgendem vocale lang bleibt, in der Theogonie nur an
6 resp. 4 stellen: 161 [532], 604, 686, 900 [1009], in den
Opera nur an dreien wirkliche hiate anerkennt und ausserdem p.
286 196. 197. Hesiodos. Nr. 6.
20 n. 10 als die übrigen fälle, die aber nach seiner ansieht keine
eigentlichen hiate sind, aus der Theogonie noch sechsundzwanzig,
aus den Opera noch acht stellen anführt. Nach meiner Zählung
kommen dazu aus der Theogonie noch elf stellen, nämlich 125,
155,174,200, 232,277, 291, 301, 315, 825, 980, aus den Opera
gar einundzwanzig: 97, 131, 189,246,265,356,363,410,469,
494, 524, 539, 575, 599, 627, 639, 732, 735, 778, 806, 810.
Dagegen bieten nach Flach die Hesiodischen gedichte eine
selbst im vergleich zu Homer grosse zahl von hiaten beim zu-
sammenstoss kurzer vocale, wovon vfr. jedoch einen theil nicht
als solche anerkennt, während andre nach ihm nur auf verderbten
lesarten beruhen. Es sind nach ihm in der Theogonie sechzehn
stellen (dazu kömmt noch 605 yriqoxofioio, o) und in den
Opera vier (dazu kommen noch 562 rjfictTa, elooxtv und 516
alya uijGt,).
Der hiat im unverkürzten diphthong oder langen vocal der
thesis kömmt nach Flach proll. p. 25 für Hesiod so gut wie gar
nicht in betracht, indem Th. 148, 250 vor dem xaC von ihm
wohl mit recht ein ts eingeschaltet wird, wie es 734 auch die
meisten codd. haben, 373 statt &so7g rot ovquvov mit Wolf &to7üt
rot ov. zu lesen ist, 6 rj °OX[iitov einer jüngeren stelle angehört
und 609 xaxbv la&Xoi uvTHpsQt&t, verdorben sei. (Stand hier
vielleicht ursprünglich iGoyaQt&i?). Endlich O. 705 liest Flach
gewiss richtig xal Iv w/nw yr^qui &rjxtv statt xal w. y. dwxtv
(s. Schoem. z. st.)
Da somit nach Flach der hiat im unverkürzten vocal der
thesis wegfällt und der beispiele des hiats nach einem kurzen
vocal in der thesis wie des hiats in der langen arsis so wenige
sind, so lassen sich die daneben vorkommenden zahlreichen
hiate vor digammierten Wörtern nicht anders erklären, als aus
consequentem gebrauch des p in bestimmten Wörtern, wenn da-
neben auch einzelne Wörter im gebrauche schwanken. So
kommen wir zur hauptfrage (p. 27): in welcher ausdehnung
zeigt sich die kraft des p bei Hesiod?
Indem der vfr. hier von der Theogonie etwas über ein
drittel ausscheidet, (380 verse von 1022, in den Opera 198
von 828) stellt er als Wörter, die in der hesiodischen spräche
einen entschieden constanten gebrauch des p aufweisen, zunächst
auf: puva% puvußöü), piqyov peqyd&ß&atj piöog, pndog, pixaGTog,
Nr. 6. 196. 197. Hesiodos. 287
ptdiog (?) pnöwg, pinoq ptintiv. (Ich setze im folgenden die
nach Flach interpolierten verse in eckige klammern).
Wir gestatten uns dazu einige hemerkungen, indem wir,
wie gesagt, nur die Theogonie und die Opera in betracht ziehn.
1) Um das p hei uvu'§ durchzuführen, muss Flach Th. 543
ugidtCxei" 1 uvaxicov ändern in ugiStUm Xuwv, s. proll. p. 28.
59 n.: aber das p des worts wird schon bei Homer bisweilen,
häufig in den hymnen nicht beachtet, dabei erkennt man auch
nicht, weshalb ugiSsCxsxt lawv, wenn ursprünglich vorhanden,
in ugidelxti ävdxxuv verändert wurde vrgl. auch Schoem. Op. II,
p. 436. — Th. 486 ^iy dvuxzi steht nach Flach an einer interpo-
lierten stelle. Th. 859 ändert er aus anderen gründen wlo
uvuxTOg in xdlo neXwgov, ohne Wahrscheinlichkeit. In der auf-
zählung proll. 28 fehlt Th. 932 nurgl avaxu und in n. 11 0.
[69] Kgoviwvt avaxxi. pavußGeiv lässt sich in der Theog.
(es kommt in den Op. nicht vor) überall lesen, wenn man ein
paar v i(psXx. streicht.
2) egyov, i'gyfiu, igyn^ofiat. Es fehlen in der aufzählung
proll. p. 28 0. 334 [521], 549, 554, 641. Verboten ist das
p Th. [146] Irf e'gyoig (nach Flach rhapsodische erweiterung),
Th. 595. 601 %vvijovag tqywv wo Flach den singular herstellt,
903 oXt tgy^ (Flach ul ptoy'), [440] övönifjixpsXov toyd£,ovT<xi, (im
Hekatehymnus). In den Opera ist es nach Flach an zehn stellen
verboten, dazu kommen noch fünf: 0. 409 10I s'gyov (Flach mit
Bentley xe pigyov), [438] tqyd&cdui, [443] oq x' k'gyov (Flach mit
Bentley oq pigyov), [579] h'gyov, [801] k'Qypan. Lässt sich an diesen
stellen auch meist mit leichtigkeit das p herstellen, aber nicht
an allen, und ist die änderung Th. 595. 601 schon an sich
nicht ohne bedenken, so erweckt die behandlung von egdsiv
und tg%(u weitere zweifei an der berechtigung consequenter her-
stellung des p. Denn das p ist verletzt in h'gdetv 0. 35, 116,
336, [382], 760, in k'göoiQ 0. 362, egfyg 0. 708, k'g^rj 0. 327,
eg%ag 0. 710, und nur Th. [417] ist pfgdwv möglich. Zwar
macht Flach vorbemerk, p. XVI sq. den verzweifelten versuch,
zwei stamme derselben bedeutung , igd oder igy und Fi gy,
oder gar drei, igd, igy, Ftgy zu unterscheiden, so dass nur dem
letzten das F gebührte , diese vermuthung macht aber der um-
stand zu nichte, dass das F von t'gdw (egöw) nicht bloss durch
homerische stellen wie £ 261, o 360, sondern auch durch sonst
288 196. 197. Hesiodos. Nr. 6.
unerklärliche hiate bei den elegikern mit Sicherheit indiciert ist :
s. Sol. 13, 67 Bergk., Theogn. 105, 573, 955, 1263, 1317 und
im pentameter ib. 368, 1266, und für £Q%cu E 650 Simon.
Amorg. 7, 80. Wo bleibt also der consequente gebrauch bei
Hesiod ?
3) loog. Es fehlt bei Flach proll. 30 0. [562] Ißova&at,, wo
F zulässig ist, und [752] dvwdexcifjirjvov' Xßov, wo F verboten
und das t nach späterem brauche verkürzt ist , auch 0. 490
JtQOirriQoir} laotpagt^ot, , wo er im texte das zeichen der verderb-
niss setzt. (Er konnte ja uvucpsgC^oi schreiben).
4) Die von wurzel Fi6 stammenden Wörter. Bei tidog
sprechen zwei stellen Th. 153. 259 für p, Tb. 619 [908], O.
[63] 714 dagegen. Diese vier sind nach Flach verdorben oder
interpoliert, die erste wird durch eine erhebliche änderung di-
gammafähig gemacht. — Bei eldolg, IdvTa (was Flach's form
pidojg p. 32 soll, verstehe ich nicht), ISfxoßvvi], Xdqig 3 olSa fehlen
die stellen 0. 40, 54. [187]. [456]. 814. 824. [827], Th. 370.
Man kann hier das p überall lesen, wenn man mit Flach die
falsche form slSvta durch lövla ersetzt, zweimal ein v icptlx., einmal
r und einmal y' streicht, nur 0. [187] entzieht sich einer än-
derung und Th. 370 exuffwt tßaGw ist Lenneps coniectur exaGja
wohl nicht ohne bedenken. — Bei Wsiv (proll. p. 37) kommen zu
den sechs von Flach angeführten stellen noch zwei (Th. 569,
589), wo das p zulässig oder indiciert ist, nur durch v l<p. wird
es verboten Th. [451] 701, durch äficpCg 0. 701 (Flach afMpt).
Erheblicher sind 0. 738 tii^y löwv (Flach lalvj nicht sehr wahr-
scheinlich) und 0. 610 6'iaCdTj (Flach mit Paley te 'piäfli s.
proll. p. 12. 57). Aber wenn auch Th. [82] mit Stobaeus rl
Yduxrt statt iötdwGi, zu lesen ist, so scheint mir 0. 610 iatSt]
dem sinne nach passender als das simplex. Auch Homer hat
ja oft egiÖhv mit Verletzung des p. Dabei ist noch Th. 700
XÜog' iicaxo nachzutragen, eine stelle, die Flach in den pro-
legomena nicht erwähnt, während er im texte der zweiten aus-
gäbe das zeichen der verderbniss setzt.
5) sxuaiog. Zu vorbemerk, p. XIV setze ich hinzu, dass
das p von s/.aawg durch viermaliges vorkommen auf der in-
schrift der hypoknemidischen Lokrer bezeugt ist. Den fünf
stellen der Theogonie, wo es zulässig oder indiciert ist, wider-
Nr. 6. 196. 197. Hesiodos. 289
sprechen Th. 459 o<sng ex. (Flach oßie Fex.) und 0. [393] rot
ex. (Flach je pix.)
6) snog und elne'iv. Es fehlt bei Flach proll.p. 33 [403]
eßrai enewv. Das F ist verboten 0. 186 ßä^ovreg eneGGt, andre
codd. ßätjovr eniiGGt, (Flach nicht unwahrscheinlich ßu^ovte
peneGGi), [453] yäg enog, Th. [84] rov d'ene' und Th. 645
oyg' iXnio (Flach wg pelnw). Ich glaube wenigstens an letzterer
stelle entschieden an eine Verletzung des F durch den dichter,
weil kein grund vorlag , ein ursprüngliches wg eXnw in cxpo? eXnw
zu ändern und weil bcpq einw bei Homer sehr oft vorkommt.
7) rjfrog proll. p. 33. 38 : indiciert oder zulässig ist das p an
fünf stellen, wenn wir mit Aristoteles 0. 699 Iva r t &ea statt wg
x rfteu lesen, verboten 0. [67], 78 enixloitov rjS-og (Flach schreibt
an letzterer stelle sehr kühn nach 789 xovcpfovg x dagiGpovg,
Bentley wollte InUlona pq&rj) und in der von Flach nicht er-
wähnten stelle 0. 137 av&ownoiGt xax r\&eu (Flach im texte
nach Bentley uvSgwnoig xuza ptjd-eu.). Nicht beachtet hat
Flach die Verletzung des p in Gvvtf&eag Th. 230.
Mit der reihe dieser Wörter soll dargethan sein , dass eine
anzahl von Wörtern bei Hesiod constant das r hat und aus-
nahmestellen den character einer durch Veränderung der alten
worte oder durch jüngere interpolation entstandenen verderbung
tragen, und soll sich weiter auch für die bisher noch nicht be-
sprochenen ergeben, dass jede abweichung vom digammatischen
gebrauch mit äusserster vorsieht zu behandeln sei.
Es folgen die truppen des zweiten treffens d. h. einige
Wörter, bei denen ein spärlicherer oder auch ein inconsequenter
gebrauch die kraft des F in frage zu stellen scheint. Und zwar
1) lüyw und ia%rj. Das p ist an allen drei stellen der
Theogonie [69] neol ö'Xaxe, [708] ö'lu^v, 678 neqtaxe verboten.
Flach scheidet die beiden ersten als interpoliert aus und be-
zeichnet proll. p. 34. 58 die dritte als verderbt, indem er auf
grund zweier stellen des Scutum für die Theogonie p in dem
worte verlangt. Aber die stellen des Scutum beruhen auf ho-
merischem apparat, dasselbe ist auch nach Flach nicht von He-
siod, sondern erheblich später verfasst, wie dies also ein beweis
sein soll, ist nicht einzusehn. Dazu kommt, dass auch bei
Homer das F in diesem stamme oft verletzt ist, s. Hoffmann
Qu. Hom. II p. 63, und dass negia^e eine der formen ist, die der
290 196. 197. Hesiodos. Nr. 6.
Theogonie eine leichte farbung dorischen dialectes geben. So findet
sich mg für mgi zweimal in der inschrift der hypoknemidischen
Lokrer, nigoSog in der delphischen CI. vol. I, n. 1688, ausserdem
ähnliches bei Pindar, s. Ahrens D. dor. 357 und in der Theogonie
selbst spricht für nagia%e, das Flach corrigieren will, nsgof^erai,
733. Unter diesen umständen bin ich von der richtigkeit der
form und somit auch von der von Hesiod selbst begangenen
Verletzung des p überzeugt.
2) r Igig. Das p, das dem worte wohl ursprünglich gebührt,
ist zulässig oder indiciert Th. 780. [784] und 266 nur durch
v £<p. verboten. Dass es deshalb der dichter in dem worte noch
gesprochen, halte ich damit nicht für erwiesen.
3) olxog u. s. w. Das c ist zulässig an zwei stellen der Theo-
gonie (744. 758), an zweien verboten, davon ist nach Flach
[64] interpoliert und 390 schreibt er statt ¥v& 3 lig' o/ ohettov
l'vd-' oye FomsCwv. In den Opera stehn 27 stellen, wo es zulässig
oder indiciert ist (ausser den von Flach angeführten stellen noch
23 [365] 405 zu anfang des verses), nur zwei gegenüber, wo
es verboten ist, 376 iiutqwiov olxov, wo mir nach Schoem.
comment. crit. 39 wahrscheinlich ist, dass Flach dem F zu liebe
der interpolierten lesart folgt, und 632 Ivxvvaö&uii, 2V oXxade
(Flach mit Paley irivvsiv, hu oXxaöt, immerhin gewagt).
4) Xg. Das p ist indiciert Th. 332, zulässig Th. [951], 0.
[518]. Dazu kömmt die von Flach nicht erwähnte stelle 0.
541 ßobg l<pi. Aber in tffp'g, das denselben stamm hat, schreibt
Flach das p nicht, s. Vorbemerkungen XIX. Zulässig wäre
es Th. [146]. 153, verboten in dem nach Flach verderbten
Th. 823.
5) ptov und ableitungen. Die vier stellen gestatten oder
indicieren das F.
In einer dritten gruppe fasst Flach proll. p. 38 sq. die
Wörter zusammen, die sich in den hesiodischen dichtungen ganz
vereinzelt finden.
1) uvöuvio und rjSvg. Das anlautende F ist an den drei
stellen der Theogonie indiciert oder zulässig.
2) aGxv: nur Th. [91] uvu ußw, wo wir mit Schoemann
das besser bezeugte ai>' uyvUva vorziehen. Dagegen Flach
proll. p. 58.
3) itüiötog. Das p ist an einer stelle zulässig , an drei
Nr. 6. 196. 197. Hesiodos. 291
verboten, so dass auch Flach an seiner Wiederherstellung
verzweifelt.
4) rj/tüi. Auch hier giebt Flach proll. p. 38 zu, dass das F
seine consonantische kraft bereits verloren hat. Und doch zeigt
sich wenigstens seine nachwirkung O. 582 xul qyiia. Zulässig
wäre es Th. 42, verboten ist es Th. 767, 835.
5) ' EXixuüv. Das p ist an zwei stellen zulässig, verboten
an vier (zu den zwei von Flach angeführten kommen Th. 2 uld^
'Efoxwroi;, Flach ul ^e)uxwi'og,un([ 0. [658] Movßijff' " EXixojvidöeGa ).
Flach zweifelt proll. 39 an der herstellung, schreibt es aber
Th. 1 2, dazu in ifoxwmg Th. 298, 307 (iihyfiivog Th. [791]
steht nach ihm in einer interpolierten stelle) und in eltxug 0.
452, 795, obgleich er proll. zur Theog. sagt, dass das F in
dieser wurzel höchstens in der Theogonie herzustellen sei. —
Auch in dem einmal Th. 692 vorkommenden elivcpoiovTag stellt
er das p her, ohne über seine Verletzung in dem doch wohl zu
demselben stamme gehörigen hlvfiu 0. 430. 436 etwas zu
sagen.
6) hog. Das F ist zulässig 0. [130] 696, wohl indiciert
0. 173 tqIq h'isog. Ob Flach danach berechtigt war, Th. 803
ndvta piisa statt ndvr k'rsa zu schreiben , steht dahin. Dass
er aber proll. p. 40. 53. 62 meint, 0. 696 sei toiqxoviwv iiiwp
nur von thörichten abschreibern , denen die elementaren kennt-
nisse fehlten, in den text gebracht und dafür der kraft des p
zu liebe tqitjxovtu peitcov schreibt, vermag ich nicht zu billigen.
Vielmehr ist hier ein aeolismus der Opera anzuerkennen (vrgl:
m\irnx)v und dvoxuidsxcuvhei Alcaeus, Ahrens D. aeol. p. 128), wie
sich in denselben noch manche finden.
7) ixojv, exrjn. Das p ist zulässig 0. [4], durch v ly.
verboten 0. 282 , statt xiv xig exwv Th. 232 schreibt Flach
rfg xs F. Jedenfalls ist der lebendige gebrauch des FexcJv trotz
uixrjri in diesem stamme bei Hesiod nicht erweislich.
Doch wir müssen uns kurz fassen. So bemerken wir nur
noch im einzelnen, dass Flach in itcxw , l'oixa u. a. gewiss
mit recht ursprüngliches F annimmt, wie ja auch Curtius Et. 4
648 jetzt dazu neigt. Dagegen bestreiten wir ihm die berech-
tigung, neben F6g und iFog für das pronom. possessivnm der
dritten person noch eine dritte form Fsog für Hesiod in ansprach
zu nehmen, die weder aus Homer (s. Hofimann Quaest.II, p. 45) noch
292 196. 197. Hesiodos. ttr. G.
anderswoher zu erweisen ist und auch von den sprachvergleichern
verworfen wird. Die stellen, worauf er sie hegründet, sind Th.
401, 464, 489, 0. 328, denn die fünf stellen Th. 487, 687,
853, 890, 899, wo dem iog ein v ly. vorausgeht und Flach
mit Streichung desselben piog schreibt, beweisen nichts für ihn.
Aber auch von den ersteren sind sogleich Th. 401, 464, 0.
328 auszuscheiden, da hier iog nach der caesur xaru tqItov
TQo%uiov steht, der hiat hier aber auch bei Hesiod ganz unbe-
denklich und nicht selten ist, und nicht einmal die letzte
übrigbleibende stelle Th. 489, wo ov in zweiter arsis vor iog
lang bleibt , zwingt zur annähme eines psog , wie durch andre
beispiele aus der Theogonie und den Opera leicht zu zeigen ist.
Endlich wäre bei ££, sxrog etc. , für welche Wörter Flach vor-
bem. XVII fg. mit recht ursprüngliches p in anspruch nimmt,
zu hemerken, dass er es 0. 564 in i£rjxovTu nicht herzustellen
gewagt hat, wie ich glaube mit recht.
Wir haben das wichtigste vom anlautenden p besprochen
und bemerken, dass es Flach im inlaute nur in den entsprechen-
den compositis, in der augmentation u. s. w. schreibt, sonst nicht,
letzteres gewiss mit recht. Fassen wir nun unsere ansieht zu-
sammen, so urtheilen wir: 1) Flach hat in manchen Wörtern
und stammen das p gesetzt, wo es zulässig, aber für Hesiod's
gedichte nicht indiciert ist; 2) er ist bei der correctur der
widerstrebenden stellen in Wörtern, die überwiegend digamma-
tischen gebrauch zeigen, zu weit gegangen. Zwar wäre gegen
dje Wiederherstellung des p bei hindernissen wie v i<p., y% x\
6' etc. nicht viel einzuwenden, aber Verderbnisse anzunehmen
wie bei nsqlu^ und an stellen, die sonst keinen grund bieten,
auch nur bei erheblichen und gewagten änderungen die her-
stellung des c zulassen, scheint uns sehr bedenklich. Auch im
Homer können wir das p nicht mit Wahrscheinlichkeit consequent
herstellen, vielmehr schwankt hier der gebrauch vielfach, warum
ist also nicht anzunehmen , dass Hesiod , der ja auch sonst von
Homer abhängig ist, sich auch hierin nach ihm gerichtet und
sich wirklich selbst gelegentliche Verletzungen des p erlaubt
habe? Flach erkennt doch selbst in manchen Wörtern bei He-
siod ein schwanken und schwinden des p an, warum nicht auch
in einzelnen fällen bei Wörtern , die es sonst im allgemeinen
fester bewahrt haben? und will Flach das p herstellen, wo es
Nr. 6. 196. 197. Hesiodos. 293
nur immer möglich, warum nicht auch in aQvug Th. [23], oder
wenn dieser vers in einer interpolation steht , in Evdgvr] Th.
259, in oip Th. 41, 830, vrgl. [68] [79], in 7<7r<> Th. 454
(schreibt er doch 0. 734 FeGiCr;)? und in wie vielen Wörtern,
die ursprünglich f im anlaut hatten, ist seine herstellung für
Hesiod durchaus verboten, z. b. in %\xw, lladöv 0. 287, Xqt^,
Ecmoidsc, Iduhfiog (cFid^) 0. 415 etc.
Also einige Wörter haben erweislich das F ganz eingebüsst,
bei anderen kann man es setzen , ohne seinen gebrauch aus
Hesiodstellen für den dichter erweisen zu können, bei anderen
scheint ein schwanken im gebrauche zu sein , bei anderen end-
lich ist das F noch ziemlich constant , aber nicht bloss leichte
und bisweilen schwerere Verderbnisse widerstreben mehrfach
seiner herstellung , sondern auch stellen , die sonst nicht anzu-
fechten sind und nicht mit Wahrscheinlichkeit geändert werden
können, darunter einige, die durch dialectische formen, die dem
sonstigen gebrauche des dichters entsprechen, die gewähr rich-
tiger erhaltung geben. Wie kann man da auch nur für eine
kleine anzahl von Wörtern stricte consequenz des gebrauches
verlangen ? ■ Auch ist es mir sehr wahrscheinlich , dass Hesiod
in betreff des F nicht sowohl von seinem heimischen dialecte ab-
hängig, als von der behandlung des f, die er in Homer vor-
fand, vielfach beeinflusst ist.
Der räum verbietet auf weiteres einzugehn. Nur das be-
merke ich zum schluss, dass ich nicht mit Flach Theogonie
und Opera als werke desselben dichters ansehen kann, schon
nicht wegen der verschiedenen dialectfärbung (s. darüber die
trefflichen bemerkungen von Ahrens bei d. Gott, philologenvers.
1852, p. 73), wegen metrischer Verschiedenheiten, auch be-
handlung der synizese, aus mehrfachen gründen des inhalts und
anderes mehr; auch die beste Überlieferung des alterthums
schreibt ja dem Hesiod nur die Opera zu.
C. Capelle.
198. De fontibus Dionysii periegetae. Dissert. inaug.
Gotting. scrips. Alfredus Goethe. 8. Gottingae 1875.
Der verf. vorgenannten schriftchens hat sich eine einiger-
massen undankbare aufgäbe gestellt. Die durch den zweck be-
dingte kürze jenes gedichts und die von seinem Verfasser in der
Philol. Anz. VII. 19
294 198. Dionysios, Nr. Ö.
behandlung des ihm vorliegenden materials geübte Willkür
machen eine auch nur annähernd sichere bestimmung der be-
nutzten quellen in hohem grade schwierig, und zwingen noch
häufiger, als dies bei andern quellenuntersuchungen der fall zu
sein pflegt, zu blossen vermuthungen seine Zuflucht zu nehmen.
So hat es denn auch dem verf. obiger schrift nicht überall ge-
lingen können, die benutzung der von ihm angenommenen quelle
recht wahrscheinlich zu machen. — Vollständig beistimmen
müssen wir ihm , wenn er die ältere ansieht , nach der Erato-
sthenes die hauptquelle des Dionysios war, bekämpft, und nach
C. Müller's und Müllenhoff's Vorgang die in dem werke vorhan-
dene anschauung von der erdoberfläche im allgemeinen auf
Poseidonios zurückführt. Der verf. musste jedoch noch einen
schritt weiter thun, und die directe benutzung des Eratosthenes
überhaupt in abrede stellen. Denn wenn er v. 219 — 224 (über
den Nil) dem Eratosthenes zuweist, so ist zu bemerken, dass
abgesehen von dem namen Siris (v. 223) der dichter ganz das-
selbe bei Strabon fand. Nun betrachtet aber der verf. selbst
v. 225 — 268, wie wir meinen, mit vollem recht als wesentlich
auf autopsie oder mündlicher erkundigung beruhend: es braucht
daher auch wohl jener name nicht nothwendig aus Eratosthenes
herzurühren. Wenn ferner der verf. v. 330 — 338 als erato-
sthenischen Ursprungs betrachtet, so hat er die bedenken Müllen-
hoffs in der Alterthumskunde p. 83 gegen die annähme einer
direkten benutzung des Eratosthenes nicht genügend beachtet.
Die verse 450 — 55 gehören nicht mit der beschreibung Iberiens,
sondern mit den folgenden versen, in welchen die inseln des
mittelmeers genannt werden, zusammen, zu denen auch z. b.
Agathemeros 5, 20 nach Artemidoros Gades rechnet, wenn er
die aufzählung twv xud-' rj^iuq vrjßcov mit dieser beginnt. Der
verf. hat daher auf die worte : xaia [liasov vcptartsQCcüv airjXuaJv
zu viel gewicht gelegt, wenn er hieraus die autorschaft des Era-
tosthenes folgerte. Endlich müssten v. 976 — 1000 allerdings
dem Eratosthenes zugeschrieben werden, wenn nicht das dort
erzählte ihm auch bei Strabon geboten gewesen wäre. Sollte
aber der zusatz über die Matiener v. 1001 etwas mehr sein als
eine dichterische floskel, so ist hierfür wie für die beschreibung
Babylons ganz gewiss eine andere quelle als Eratosthenes an-
zusetzen ; denn, soweit die nicht unerhebliche anzahl von bruch-
ffr. 6. 198. Dionysioa 295
stücken des Eratosthenes eiu urtheil darüber gestattet, schloss
die anläge seines werkes Städtebeschreibungen gänzlich aus.
Wir führen daher die beschreibung des Euphrat und Tigris so-
wohl wie die der Stadt Babylon auf Strabon zurück. Ueber-
haupt begegnen die spuren des letzteren häufiger als der verf.
anzunehmen scheint. So der von ihm übergangene abschnitt v.
281 — 287. Wenn es dort v. 285 heisst: Xsvxd xe yvXa vspov-
Tttt ägitfiuviwv Fiqfiavwv , so erinnert dies an Strabo p. 290
TtQfiavol vifioviui, [imqov i^uXXuTxovrfg tov KsXzixov (pvXov — irjg
l^avfroTrjiog (vgl. Avien. v. 419 flava Germania); Eqxvviog dqvfxog
v. 286 ist die feststehende bezeichnung bei Strabo p. 290, 292,
294, 295 (andere benennungen s. bei Forbiger HI p. 318)-, die
vergleichung Iberiens mit einer rindshaut v. 287 endlich kehrt
bei Strabo nicht weniger als dreimal wieder: p. 83, 127 und
137. — Auch die vom verf. ebenfalls unberührt gelassene be-
schreibung Persiens v. 1052 — 79 verräth durch die dreitheilung
Persiens eine gewisse Verwandtschaft mit Strabon. Als beson-
ders bedenklich möchten wir schliesslich noch die vermuthung
bezeichnen, wonach die beschreibung Indiens ganz und gar auf
Apollodoros Artemitenus zurückgeführt wird. Einzelne stücke
wie z. b. v. 1115 — 27 gehören sicher nicht dahin.
A. V.
199. Guil. Vonhoff, de lacunis quae exstant in Euri-
pidis Heraclidis. 4. Cottbus. 1872. 31 s.
Die abhandlung beschäftigt sich mit den schon von anderen
nachgewiesenen oder angenommenen lücken nach v. 77, 110,
311, 629, 805, 838. Der haupttheil verbreitet sich über die
nothwendigkeit der erzählung von dem Opfertode der Makaria,
für welche Hermann eine lücke am ende des Stücks, Kirchhoff
richtiger nach v. 629 angesetzt hat. Für diese annähme von
Kirchhoff bringt Vonhoff keine besonderen neuen gründe bei,
legt aber die vorgebrachten beweise in lichtvoller und gründ-
licher erörterung dar. Das bemerkenswertheste ist, dass er den
einzigen anstoss, welcher in den nach einer ausführlichen er-
zählung des opfertodes unmöglichen versen 821 f. (xuvieig <T...
iCtpu'^fxVj ovx IfiiXXoVj uXX' äcpCtöav latfiwv ßgoztiwr tv9vg ovqiov
ipövov vorliegt, dadurch beseitigt, dass er ßgotetiov in ßosiwv
ändert. Was übrigens die äusseren gründe für die ansetzung
19*
296 199. Euripides*. Nr. tf.
dieser lücke betrifft, so haben nur die worte der hypothesis
tuvjtjv fxtv ovv tvysvwg äno&avovGav htfirjGav und die scholien
zu Aristoph. Equit. 214 und 1151 einige beweiskraft. Das von
Hermann, Kirchhoff, Dindorf (poet. scen. 1869 vol. III p. 167)
und Vonhoff für jene lücke in anspruch genommene fragment
aus Flor. Stob. 79, 2 (nr. 848 beiNauck) ociiq Je rovg Tsxöviag iv
ßtq> Ghßu, od' IgtI xal ^wv xal &avwv SsoTg yilog, welches die
Überschrift EvgmfSov 'HoaxXeidwv hat, kann unmöglich in die
erzählung vom opfertode der Makaria, welcher nicht die geringste
beziehung zur elternliebe hat, gehören. Weil eine wiener hand-
schrift yog für ^Hoaxludüjv bietet, will Nauck 'Hoaxlsiduiv in
Kqr\GGÖJV ändern. Die verse sind auch schon anderen stücken
zugewiesen worden, an das zunächst liegende scheint noch nie-
mand gedacht zu haben. Sie gehören offenbar in dasselbe stück
wie das fragment von Stob. Ecl. 1 , 8 xgsTg rißiv ugemC, xug
XQewv g' aGxuVj xixvov } &tovg it xi^av rovg rt & g iipavxag
yovijg vöfxovg xe xotvovg 'EXkddog, womit eine paränetische rede
eingeleitet wird, in deren verlauf jene verse ihre beste stelle
finden konnten. Auch bei diesem fragment geben nämlich die
handschriften A M EvginCdrjg 'HgaxXtldaig und nur die ed.
Trincav. bietet das lemma Eiginidrjg *AvTi6nr\. Der Antiope
wird darum auch der Stob. Flor. 79, 3 mit den versen Euripides
Heracl. 297 f. unrichtig verbundene vers xal tolq rtxovGtv atyav
ttfirjv vtfiHv zuzuweisen sein. Die vermuthung von Nauck, dass
die Stob. Flor. 7 , 9 mit dem lemma Evginidijg l Hgaxlsi gege-
benen verse: to fiiv Gcpayrjvat deivov, evxXeiav <J' e^sr to fir\
&aveTv de dtilövj rjdovri <T k'vi, den Herakliden angehören, ist
ganz unsicher, da mit diesen versen auch das gegentheil vom
opfertode gerechtfertigt werden kann, sei es in einer tragödie,
sei es in einem satyrdrama. —
Die von Vonhoff nebenbei vorgebrachte conjectur zuv. 103
xal (i^ ßiaCco x H Q l datfxovwv äneXeCnsiv (Seidler änoXtnHv) g'
(Musgr. 6<p') sSrj, wofür er anodixtiv g' idüiv schreiben will, muss
wohl der emcndation, die ref. gemacht hat und die er auch
schon anderswo gelesen zu haben glaubt, unuliTtTv g' sdq
weichen.
Wechlein.
200. Ueber Xenophanes von Kolophon. Von Franz
Nr. 6. 200. Xenophanes. 297
Kern. Programmabhandlung des Stettiner Stadtgymnasiums.
Stettin, 1874. 28 s. 4.
Kerns darstellung der philosophie des Xenophanes hat in der
recension von M. H(einze) Litt. Centralbl. 1874, sp. 1566 und jetzt
auch in dessen neuer bearbeitung des 1. bandes von Ueberwegs
geschichte der philosophie (18 76) unbedingte anerkennung gefunden.
Mich dagegen haben seine früheren arbeiten, auf denen er fusst, so
viel verdienstliches dieselben auch im übrigen enthalten, doch nicht
davon überzeugt, dass die kleine unter dem namen des Aristoteles
auf uns gekommene schrift über Xenophanes ein werk, wenn auch
nicht des Aristoteles, so doch des Theophrastos, und eine glaubwür-
dige quelle sei. In derselben wird behauptet (977b, 3 ff.), Xe-
nophanes habe zu zeigen gesucht , gott könne weder begrenzt
noch unbegrenzt sein, und bewege sich weder noch sei er un-
bewegt. Aristoteles selbst (Met. I, 5. 986 b, 21 ff.) dagegen
sagt, Xenophanes habe sich nicht klar geäussert und auch wohl
sich nicht klar gedacht x ) , ob dem göttlichen All-einen begren-
zung oder unbegrenztheit beizulegen sei 2 ) , und Xenophanes
selber sagt ausdrücklich, dass es sich nicht bewege, sondern un-
bewegt sei (Fr. 4. altl d' iv xaviöS re fiiveiv xtvovfievov ovdiv,
ovös [itTtQXiödaC fxiv ImitQtnu 3 ) aXXon aXkrj), und Pseudo-
Aristoteles deutet nicht im mindesten an, dass die Verneinung
der beiden entgegengesetzten prädicate nur bedingt zu nehmen
sei, so dass also das weder-noch nach anderer richtung hin ein
sowohl-als auch in sich schlösse, vielmehr ist dies eine willkür-
liche umdeutung von Kern und Teichmüller, und es lohnt nicht
zu fragen, ob die art, wie letzterer, oder, was die ansieht von
M. H(einze) Litt. Centralbl. 1875, sp. 862 ist 4 ), die, wie ersterer sich
1) Denn dass auch dies letztere in ov9sp dneacptvustv, ovds rfc
(pvatttis tov'tüjv ovdtTigas totxf &iytlv liegt, erhellt aus dem gegensatz
all' *t? tov olov ovQavov x. T. I.
2) Teichmüller studien zur geschichte der begriffe, Berlin 1874,
p. 607 missbraucht dies oiSiv disaaq^yiaev , als ob Aristoteles sagte,
Xenophanes habe überhaupt noch gar nichts mit wissenschaftlicher
deutlichkeit bestimmt , und eben so steht Poet. 25. 1460 b. 35 ff.
nichts von dem, was Teichmüller hineinliest, s. Zeller Phil, der
Griechen I, p. 452, anm. 1.
3) Die zweit'el Kerns (beitrag zur darstelluug der philosophie
des Xenophaues, Danzig 1871, p. 5) gegen die richtigkeit dieser text-
herstellung können hier auf sich beruhen bleiben, da sie den grund-
gedanken des bruchstücks selber nicht treffen.
4) Der einwurf von M. Heinze gegen Teichmüller, gerade was
man reale bewegung nennt, werde von den Eleaten entschieden in
298 200. Xenophanes. Nr. 6.
genauer die sache denkt, den vorzug verdienen möchte. Dass
nach Xenophanes gott trotz seiner unbewegtheit ganz äuge, ohr
und gedanke ist und mit geistes denken mühelos alles lenkt
(Fr. 2. 3 Mull.), ist ja richtig, aber dass der philosoph dies als
seine bewegung, wie Kern will, ja auch nur als seine thätigkeit
bezeichnet habe, davon ist nirgends eine spur. Fragt man aber,
wie jene geschichts widrige darstellung des pseudo-aristotelischen
büchleins entstehen konnte, so liegt die antwort nahe. Schon
Theophrastos hat nach Simpl. Phys. f . 5 b allerdings berichtet :
xo ov . . . ovts ■n£Tt(Qu6}Jb€vov ovts amiQov, ovts xivovfisvov ovts
rjospovv Bevo(pdvr]v . . . vjtori&söd-ai, , und trotz Kerns Wider-
spruch wird mit Zeller (Phil. d. Gr. I., p. 441) anzunehmen
sein, dass dies nur heissen sollte, Xenophanes habe keine dieser
eigenschaften dem einen ausdrücklich beigelegt, obschon dadurch
allerdings nur der Widerspruch mit Aristoteles , nicht aber der
mit Xenophanes selber ausgeglichen, und mithin schon Theo-
phrastos nicht von allem irrthum freizusprechen ist. Indem
man nun aber seine äusserung unrichtig dahin auffasste, Xeno-
phanes habe diese sämmtlichen prädicate der gottheit geradezu
abgesprochen, war eben damit jene völlige verkehrung der ge-
schichtlichen Wahrheit gegeben, welche ein Aristoteliker des
dritten Jahrhunderts v. Chr. 5 ) in jenem von ihm verfassten
schriftchen zum ausdrucke brachte. Und hat es denn wohl ir-
gend welche historische Wahrscheinlichkeit für sich, wenn Kern
zu dem ergebniss gelangt, dass Xenophanes ein von Piaton und
Aristoteles 6 ) und in folge dessen auch von allen späteren arg
verkannter und zuerst von Kern richtig gewürdigter, im gründe
abrede gestellt, trifft nicht zu. Denn Teichmüller a. a. o. p. 619
stützt sich ja gerade auf das, worein Aristoteles Met. I, 5 a. a. o.
den unterschied des Xenophanes von den späteren Eleaten setzt, und
folgert mit recht eben hieraus, dass Xenophanes auch in bezug auf
die bewegung noch nicht so habe denken können wie die letzteren.
Aber Teichmüller übersieht, was er in bezug auf das werden selber
sehr richtig hervorhebt, dass Xenophanes füglich die bewegung über-
haupt auf die theile des weltganzen beschränken konnte, und sie eben
damit diesem weltganzen selber und also auch der gottheit schlecht-
hin absprach.
5) Diese Zeitbestimmung ergiebt sich daraus , dass das schrift-
chen sich schon in dem auf Hermippos von Smyrna zurückgehenden
katalog bei Diog. Laert. V, 25 findet.
6) Met. I, 5. 986a, 25 f. (uxqov ayooixönooi Sivocfdvqs xai
Mifoööog.
Nr. 6. 200. Xenophanes. 299
über Parmenides stehender denker gewesen sei 7 ) ! Wie Piaton
und Aristoteles zu solcherlei missgriff gekommen sein könnten,
hat Kern zu erklären nicht einmal versucht, und möchte sich in
der that schwerlich auch nur versuchen lassen.
In bezug auf die physikalischen sätze des Xenophanes be-
ruhigt sich Kern (p. 27, anm. 81a) leichthin mit der behaup-
tung, dass dieselben mit dessen philosophischen gedanken in
keinem Zusammenhang ständen. Hätte aber wirklich schon
Xenophanes, wie Kern will, gelehrt, dass es eine Vielheit dem
werden und der Veränderung unterworfener dinge nicht gebe,
so würden jene sätze hiemit nicht bloss nicht im zusammen-
hange , sondern im entschiedensten Widerspruche stehen, ja er
wäre dann nicht einmal berechtigt gewesen zu sagen, dass gott
alle dinge lenkt (ndvxa xqudaCvH Fr. 4). Alles steht dagegen
im besten einklange, so bald man nur mit jener von Kern (p.
10) selbst herangezogenen perspective von Xenophanes auf Spi-
noza wirklich ernst macht, und sich das verhältniss der dinge
zu gott bei ersterem ähnlich wie bei letzterem denkt, so dass
zu jener lenkung gottes auch dies gehört, dass er die veränder-
lichen dinge aus sich entstehen lässt und wieder in sich auflöst.
Die Weltanschauung des Xenophanes enthält mithin eben so gut
den keim zu der des Herakleitos wie zu der des Parmenides,
und sie ist nicht so original, wie Kern (p. 8) behauptet, sondern
hat die des Anaximandros zum rückhalt. Aber Xenophanes
konnte sich offenbar mit der art, wie Anaximandros die dinge
aus dem urwesen herleitete , nicht befreunden, und sich daher
auch die bezeichnung des unbegrenzten für das letztere nicht
aneignen, ohne dass er doch eine andere herleitung an die stelle
zu setzen wusste. Irre ich nicht, so erklären sich hieraus die
skeptischen äusserungen (Fr. 14. 15), vermöge deren er sich
selbst und allen anderen menschen, der erste philosoph, welcher
zwischen wissen und meinen ausdrücklich unterschied, das er-
7) Nächst Xenophanes wird von Kern (p. 12) Zenon für den
productivsten denker unter den Eleaten erklärt, auch Melissos (p. 15
vgl. p. 11, p. 23, anm. 66) möglichst gehoben, dagegen Parmenides
(p. 14 f., vgl. p. 11, p. 23, anm. 66) möglichst herabgesetzt. Ob Me-
lissos, indem er das sein als unbegrenzt bezeichnete, damit die kugel-
gestalt desselben leugnen wollte, steht nicht so fest, wie Kern (p. 15,
vgl. p. 24, anm. 70) glaubt. Allerdings hätte er sonst sich einen
Widerspruch zu schulden kommen lassen, allein genau den nämlichen
hat auch Anaximandros begangen.
300 200. Xenophanes. Nr. 6.
stere ab- und nur das letztere zusprach. Dies schliesst nicht
aus, dass er nach dem Zeugnisse von Timon fr. XL VI Wachsm.
(bei Sex. Emp. Pyrr. I, 223), wie Kern (p. 13) gut nachweist,
erst im alter zur festen dogmatischen durchbildnng seiner all-
einslehre gelangte. Kern nimmt hiefür scharfsinnig auch den
eignen aussprach des Xenophanes (Fr. 1 6) zum zeugniss , dass
die götter nicht alles von vorn herein den sterblichen enthüllten,
sondern letztere mit der zeit suchend das bessere finden. In-
dessen steht es schwerlich so fest, wie der verf. meint, dass
dieser ausspruch in seinem philosophischen lehrgedicht, und seine
sonstigen skeptischen äusserungen sämmtlich in früheren dich-
tungen standen , vielmehr spricht gerade für die Zugehörigkeit
des 14. fragments zu jenem lehrgedicht entschieden der zusatz
xt xal . . . Tisql Ttdviwv in den Worten äftyl &£wv re xal aßüu
Xiyo) Ttsgl Tidviwv.
Das verdienstlichste an Kerns arbeit ist im übrigen das
sorgfältig gezeichnete bild von der person und dem charakter,
dem leben und wirken des Xenophanes 8 ) und die eingewobene
geschmackvolle Übersetzung seiner meisten und bedeutendsten
bruchstücke. Die wirklich sicher jenen gegen Homeros und
Hesiodos gerichteten rügegedichten des Xenophanes, welche von
späteren sillen, iamben, Satiren, parodien genannt wurden, zuzu-
rechnenden fragmente führt der verf. (p. 19, anm. 32) gegen
Wachsmuth (De Timone Phliasio) auf ihr richtiges mass (näm-
lich Fr. I, II, IV, VII, Vin Wachsm. = 27. 7. *. 5. 6 Mull.)
zurück und weist (p. 18, anm. 25) mit recht die von diesem
vertheidigte deutung von iv e'ntßt ' in versen ' bei Diog. Laert.
IX, 19 yiygctys de xal iv hmai xal ileytCag xal Idfjßovg xad-'
% Hüb6dov xal l Ofjw]QOv ab 9 ).
Fr. Susemihl.
8) Richtig urtheilt Kern (p. 17, anm. 13), dass das ksyerai, in
den worten des Aristoteles Met. I, 5. 986 b, 22 f. 6 yag naQ/uividris
Tovrav kiyszcu fia&rjrrjg nur ein beispiel von der eigentümlich vor-
sichtigen und limitirenden ausdrucksweise dieses denkers in dingen
sei, über welche er nicht im mindesten im zweifei ist, und nicht
minder richtig erkennt er jetzt (anm. 21) an, dass die nachricht, nach
welcher Empedokles noch mit Xenophanes verkehrt haben soll (Diog.
Laert. VIII, 56), chronologisch nicht unmöglich ist. Richtig ist ferner
auch was (p. 27 , anm. 81 a) zur vertheidigung der ächtheit von Fr.
8 bemerkt wird.
9) Allein ein vernünftiger sinn entsteht doch erst, wenn man
Nr. 6. 201. Piaton. 301
201. Iwani Muelleri Quaestionum criticarum de Chal-
cidii in Timaeum Piatonis commentario specimen primum. Er-
langae 1875. 4°. 28 s. (Universitäts-programm.)
Für die sprachlich in lexilogischer wie syntaktischer be-
ziehung interessante Übersetzung des platonischen Timaeus
nebst einem Theons Astronomie stark plündernden commentar,
welche im 4. Jahrhundert n. Chr. Chalcidius anfertigte, fehlt
es noch an einer eingehenden Untersuchung über die zahlreichen
handschriften, in welchen dies werk in verschiedenen bibliotheken
anzutreffen ist. Neuerdings haben De-Vit, Paucker und J.
Wrobel (zeitschr. f. d. Österreich, gymn. 1875, bd. XXVI) die
aufmerksamkeit auf die lexilogische bedeutung des Chalcidius
gelenkt, und letzterer hat dabei (p. 179) bemerkt, dass er zwei
cracauer (darunter eine aus dem 11. Jahrhundert) und vier wiener
handschriften des werks collationirt habe. Für eine neue aus-
gäbe des Chalcidius aber, welche recht erwünscht wäre, wird es
nöthig sein, zuvor die gedruckten wie ungedruckten cataloge
der grösseren bibliotheken des continents sorgfältig zu durch-
mustern. Handschriften, die älter wären als das 11. Jahrhundert,
sind meines wissens nicht bekannt. Ich will nicht unerwähnt lassen,
dass die ambrosianische bibliothek in Mailand nach dem aus-
weise ihres nicht vollständigen, aber leidlich zuverlässigen hand-
schriftlichen catalogs zwei Codices des Chalcidius besitzt, welche
im catalog selbst folgendermassen charakterisirt sind:
1) Translatio Timaei Piatonis et in eum commentarii. Cod.
m. saec. Xu (er trägt die Signatur E 5 ordin. superior.)
2) In Timaeum Piatonis. Cod. m. (editus) (signatur J 195
ordin. inferior.).
In dem zur anzeige vorliegenden programm theilt Iwan
Müller mit bekannter akribie collationsproben einer bamberger
handschrift aus dem 11. Jahrhundert einschliesslich der ortho-
graphischen minutien mit. Diese mit im ganzen guter Ortho-
graphie aber nicht fehlerfrei geschriebene handschrift ver-
bessert eine erhebliche anzahl von fehlem , welche sich im text
wagen dürfte <jh?2> IXiytiaig oder wenigstens IXtyfiais (lUyiioisl) her-
zustellen: 'er schrieb sowohl in hexametern als in elegischen versen
auch rügegedichte u. s. w. ' Denn so gut wie er den Pythagoras in
elegischen versen angriff (Fr. 18), können füglich auch seine streit-
gedichte gegen Homeros und Hesiodos zum theil dieselbe form gehabt
haben.
302 202. Aristoteles. Nr. 6.
des von Müller zur collation benützten abdrucks Mullachs (in
den fragm. philos. Grraec.) vorfinden; die wichtigeren Varianten
begleitet Müller mit sachkundigen erläuterungen über den Sprach-
gebrauch des Chalcidius , dessen kenntniss namentlich für das
Studium desjenigen lateins von interesse ist, welches in weiter-
vorschreitender degeneration grundlage der romanischen sprach-
entwicklung geworden ist; ich verweise z. b. auf Müllers an-
merkungen p. 7 und IG.
Dass von den mannigfachen abweichungen des codex Bam-
lergensis vom Mullachschen text in der Wortstellung ein ansehn-
licher bruchtheil berechtigt ist, beweist verf. durch vergleichung
des platonischen textes; wie weit die übrigen discrepanzen in
der Wortstellung berechtigt sind, wird sich erst dann mit Sicher-
heit beurfheilen lassen, wenn collationen mehrerer älterer hand-
schriften des Chalcidius vorliegen. W. Studemund.
202. Das verhältniss der aussenwelt zu unseren Vorstellun-
gen in der vorsokratischen philosophie. Von dr. Aug. Fischer.
Programm des Kealgymnasiums in Smichow. Prag, 1875. 46
s. gr. 8.
Der verf. hat sich die aufgäbe gestellt zu zeigen, wie sich
schon in der ältesten periode der griechischen philosophie all-
mählich und schritt für schritt der zweifei zu regen beginnt, ob
und wie weit das menschliche denken wirklich die aussenwelt
rein objectiv zu erfassen vermag , und im allgemeinen ist ihm
die lösung dieser aufgäbe gelungen, wenn man auch im beson-
deren ihm nicht überall beistimmen kann. Der skepticismus des
Xenophanes ist unrichtig von ihm als ein schwanken desselben
aufgefasst, ob eine Vielheit der dinge anzuerkennen sei oder
nicht : der bericht Timons hat nicht diesen sinn , wie Fischer
(p. 22 f. 42 f.), durch Ritters verkehrte Übersetzung und durch
seine unbekanntschaft mit den neuesten textverbessungen verleitet,
glaubt, sondern einen ganz anderen , s. Kern über Xenophanes
von Kolophon p. 13. Verkehrt ist der erklärungs versuch der
angäbe des Theophrastos (de sens. 4), Parmenides habe wahr-
nehmen und denken für dasselbe augesehen: der fehler des
Theophrastos ist in Wahrheit nur, dass er das im zweiten theil
vom lehrgedicht des Parmenides vorgetragne ohne weiteres als
dessen eigne meinung behandelt: dürfte man das, so wäre seine
Nr. 6. 202. Aristoteles. 303
angäbe der sache nach ganz richtig. Wäre es ferner auch
wirklich über jeden zweifei erhaben, dass Melissos bei der un-
begrenztheit des seins, welche er im gegensatz zu der begrenztheit
desselben bei Parmenides behauptete, die volle räumliche Un-
endlichkeit desselben im äuge hatte, und sonach der erste denker,
welcher den begriff der letztern genau erfasste, gewesen wäre,
so hat der verf. (p. 26 f.) selbst damit, wie aus dem von
Zeller, Phil, der Griechen I, p. 512 f. bemerkten hervorgeht,
noch immer kein recht, diese abweichung von Parmenides als
einen unbedingten fortschritt zu bezeichnen. Ferner ist es eine
schiefe behauptung, dass Herakleitos den Eleaten gegenüber
wieder zu einem ungleich grösseren vertrauen auf die sinnliche
Vorstellung zurückgekehrt sei: statt von den Eleaten war hier
nur von Xenophanes zu reden , den allein Herakleitos bereits
kannte, und dessen unentwickeltem Standpunkt gegenüber er
auch in dieser hinsieht ganz im recht war. Sein auftreten fällt
zwischen das des Xenophanes, gegen den er, und des Parme-
nides, welcher schon wieder (v. 46 ff. Mull.) gegen ihn pole-
misirte. Eben so durfte Fischer die begründung, durch welche
Zeller a. a. o. I, p. 836 ff. wahrscheinlich gemacht hat, dass
Anaxagoras bereits die lehren des Leukippos und Empedokles *)
gekannt und berücksichtigt hat, nicht einfach ausser acht lassen 2 ).
Schon hieran scheitert sein versuch (p. 15 ff.) die empedokleische
philosophie als eine höhere entwicklungsstufe denn die anaxa-
goreische geltend zu machen und wieder als eine noch höhere
die atomistische, während bekanntlich Zeller und andere dieselbe
zwar über die empedokleische, aber unter die anaxagoreische
stellen. Diesem versuch liegt aber auch das auffallende miss-
verständniss zu gründe, als ob die beiden bewegenden kräfte
bei Empedokles den Stoffen immanent wären (p. 17. 33). End-
lich mag bloss natur wissenschaftlich betrachtet die lehre des
Leukippos und Demokritos vielleicht höher stehen als die des
Anaxagoras, vom allgemein wissenschaftlichen Standpunkte
aus bezeichnet die von letzterem zuerst gemachte entgegensetzung
1) Empedokles war ja nur wenig jünger als Anaxagoras.
2) Mit der Chronologie geht überhaupt der verf. zu leichtsinnig
um. Demohritos wird von ihm ohne weiteres , als wäre dies nicht
mindestens höchst streitig, zum Vorläufer des Protagoras gemacht,
und Baco von Verulams System soll (p. 9) auf das von Cartesius ge-
folgt sein!
304 203. Plautus. Nr. 6.
des geistes gegen die materie, so unvollkommen auch die gestalt
ist, in welcher sie selbst hier noch auftritt, doch den" höhenpunkt
der ganzen vorsophistischen entwicklungsreihe. Völlig verfehlt
ist endlich auch die meinung (p. 44 f.), als wäre Demokritos
zu seinen erkenntnisstheoretischen sätzen irgendwie anders als
seine Vorgänger zu den ihren , anders also als lediglich von
seinen ontologischen principien aus gelangt. Gut ist dagegen
die bemerkung (p. 7) über die Sophisten, dass sie im gefühl
der vergeblichkeit aller bisherigen versuche die aussenwelt aus
dieser selbst zu erklären, sich zum subject wandten, aber nicht,
um dieses genauer zu untersuchen, sondern um mit dem object
fertig zu werden. Setzt man jedoch, wie Fischer sofort auch
thut, an die stelle des ' fertigwerdens ' mit dem object das 'er-
klären ' desselben , so passt die sache nur halb auf den Prota-
goras, und gar nicht mehr auf den Gorgias. Fischer hat daher
unrecht (p. 11 f.) mit den Sophisten eben desshalb bereits eine
neue periode in der griechischen philosophie beginnen zulassen.
Nicht mit Hume, sondern mit Kant hebt in der neueren eine
solche an, und doch hätte Hume gegenüber Kant wahrlich
grössere anspräche als Protagoras, um auch nur von diesem zu
reden, so hoch man das positive verdienst seiner leistung immer-
hin anschlagen mag, gegenüber dem Sokrates.
Fr. Susemihl.
203. Ausgewählte komödien des T. M. Plautus. Für den
schulgebrauch erklärt von Julius Brix. Erstes bändchen:
Trinummus. Zweite aufläge. Leipzig, Teubner. Vlll und
132 s. 12 sgr.
204. Desselben werkes drittes bändchen: Menaechmi.
Zweite aufläge. II und 96 s. 7 x /2 sgr.
205. Index lectionum in academ. theolog. et philosoph.
Monasteriensi per menses aestivos anni MDCCCLXXIII
habendarum. Praemissa est P. Langeni commentatio de Me-
naechmorum fabulae Plautinae prologo. 9 s. 4°. 7*/2 sgr.
Der hauptfortschritt, den die neuen auflagen des Trinummus
und der Menaechmi aufweisen, besteht in der hinzufügung eines
kritischen anhanges der art , wie er bei der besprechung der
ersten aufläge in den Gott. gel. Anz. 1868, st. 30 — 31, p.
1174 — 1179 vom unterzeichneten vorgeschlagen, in der zweiten
tfr. £. 203. Plautus« 305
aufläge der Captivi, besprochen im Anzeiger II., p. 246 — 250,
jedoch noch vermisst wurde. Aber freilich, soll er seinen zweck
erfüllen und den commentar möglichst von allem zum sofortigen
Verständnisse unnöthigen entlasten, dann muss der commentar
mit einer ganz anderen Sorgfalt und gründlichkeit revidirt wer-
den, als es hier geschehen ist. Der herausgeber ist, wie von
vorne herein mit grosser anerkennung hervorgehoben werden
soll, der noch immer wachsenden Plautuslitteratur unermüdlich
gefolgt und hat auch in seiner eigenen hauptsächlich kritischen
thätigkeit nicht gerastet. Aber all' das neue, was sich ihm
hierdurch darbot, ist ohne jede sonderung und besonnene ver-
theilung bald im commentare bald im anhange untergebracht,
mit einer solchen eile und fluch tigkeit, dass sogar ein im com-
mentare doch ganz unstatthaftes 'ich' ein paar mal mitunter-
läuft: zu Men. 469 und 1089. Eef. will, wie Gott. gel. Anz.
a. o. p. 1184 f. dargelegt wurde, keineswegs alles kritische
aus dem commentare verbannen und weiss ja sehr gut, wie
dieses grade im Plautus schwer, oft fast unmöglich ist; dass es
aber doch bis zu einem gewissen grade geschehen kann (und
in einer ' für den schulgebrauch ' bestimmten ausgäbe ohne
zweifei geschehen muss), glaubt er sowohl a. a. o. p. 1183 —
1188 durch eine menge von beispielen aus der ersten aufläge
nachgewiesen, als auch in seiner eigenen bearbeitung des Miles
gloriosus annähernd durchgeführt zu haben. In dieser zweiten
aufläge nun braucht man nur die ersten blätter des Trinummus
mit ihren wenigen zeilen text auf jeder columne anzusehen, um
alsbald zu der Überzeugung zu gelangen, dass in den anmer-
kungen eine stoffmasse (sowohl von kritischem material wie von
grammatischen, prosodischen , metrischen subtilitäten) aufgehäuft
ist, die das mass des nöthigen vielleicht um das dreifache über-
steigt. Tritt hierzu die aus der ersten aufläge so gut wie un-
verändert beibehaltene dürftigkeit und trockenheit in den ein-
leitungen und in allem dramaturgischen, namentlich aber die
höchst mangelhafte auffassung und darlegung der reichen und
schönen spräche des dichters (über dies alles wird nochmals
verwiesen auf Gott. gel. anz. a. o. p. 1227 — 1237), so muss auch
jetzt noch das gesammturtheil dahin lauten: für die schule und
für gebildete freunde des dramas überhaupt ist vorliegende be-
arbeitung nicht geeignet-, für philologen hingegen, die dem
306 204. Plautus. Nr. 6.
Plautus ein tieferes Studium widmen wollen und nach einer von
einem tüchtigen kritiker gearbeiteten ausgäbe suchen, ist sie
empfehlenswerth , nicht so sehr das dritte bändchen (wie gleich
gezeigt werden soll), wie vielmehr das erste, das sich an Kitschl's
Trin. 2 anschliesst, in den anmerkungen gar manches gute enthält
und die wenigsten spuren von eilfertigkeit zeigt. Von den im an-
hange gegebenen bemerkungen schliesst sich ref. bereitwillig
denen zu 29, 60 ff. 80, 126, 147, 250, 256 ff. 351 und zu
den meisten folgenden versen (auch dem nachtrage) an, nicht
aber denen zu 88, 155, 166, 276, 491, 974 (und der anm. zu
10); im übrigen enthält er sich hier einer genaueren besprechung
dieses vielbearbeiteten Stückes, wozu nicht nur A. Spengel's
eben erschienene, sondern auch eine andere von bewährter
hand bald zu erwartende ausgäbe reichliche gelegenheit bieten
werden.
DieMenaechmi hingegen zeigen alle schwächen der Brix'-
schen bearbeitung. Nach der mageren inhaltsangabe in der
einleitung (die mit einer hier durchaus unpassenden bemerkung
über die acteintheilung p. 4 schliesst) werden auf mehreren
Seiten alle die völlig in der luft schwebenden hypothesen neuerer
über aufführungszeit und original breitgetreten, ohne die mindeste
positive ausbeute: es hätte also eine zeile genügt um offen zu
gestehen, dass wir von beidem nichts wissen. Wie unhaltbar
Ladewig's auf den 'nur hier vorkommenden' dovXog fidyuqog
gestützter rückschluss auf Poseidippos als Verfasser des Originals
[Jidvfxoi?) ist, geht schon aus dem von Brix ganz übersehenen
umstände hervor, dass auch im Truculentus der 'in der küche
berühmte' Cyamus (II 7, 53, vgl. 66 — 69) haussklave bei Dini-
archus ist (1. 1. 21, 25, 50), ebenso wahrscheinlich der koch
Cure. II 2 und Cario in der letzten scene des Mil. gloriosus. — Für
ebenso überflüssig hält ref. die auf Fr. Schmidt's versuch (s. den Anz.
V, p. 459 ff.) gestützte ' rollenvertheilung unter fünf schauspielern '.
■ — Entlastung des commentars hätte in bedeutendem masse er-
langt werden können durch Streichung der rein kritischen an-
merkungen zu 134, 186, 270, 281, 338 (von 'und hiermit' an),
358 und 1062 (metrische gestaltung verderbter verse), 468 f.,
494, 496, 505, 516, 586, 593, 596, 601, 717, 721, 854, 975,
979, 1072, 1109 und, wenigstens theilweise, zu noch
manchen versen; ferner durch weglassen von unwichtigen
Nr. 6. 204. Plaufus. 307
bemerkungen über betonung und Wortstellung (483, 486, 498,
509, 523 extr. 681 extr. 683 extr. 1089), von überflüssigen
erklärungen (72, 77, 184 candor, 261, 353, 354 munditia, 489,
604, 606 aufer, 633, 653, 658, 670, 683, 700 'übrigens' u. s.
w., 704, 706 f., 728, 810, 838, 858, 1020, 1038) und parallel-
stellen (185, 215, 260, 305 'Ter. Andr. ', 321, 351, 382, 652,
668, 691, 713, 727, 731, 761, 783 f. 813, 856, 905), zu lang
sind z. b. die Anm. zu 849 und 901. — Aber an fast ebenso
vielen stellen fehlen anmerkungen ; namentlich wird, durch
den cornmentar, auch nicht eine ahnung beim leser davon wach-
gerufen, dass er einen in sprachlicher beziehung ungemein be-
fähigten dichter vor sich habe. Und doch hätten verse wie 339
und 361 (seruoli ancillulae animule), 442 (lembus), 1054 (ui pug-
nando), 780 (uelitari), 781 (logi), Sil (elecebrae argentariae), 437
(ante solem occasum) den bearbeiter auffordern müssen zu an-
deutungen über die tragweite der deminutiva bei Plautus , über
seine metaphoren aus dem see- und kriegswesen, über seine
graeca, seine bildlichen ausdrücke besonders durch abstracta,
seinen einfluss auf die archaisten. Grammatische erläuterungen
fehlen zu arg. 1 sq. Mercator . . . Ei, 326 raordbitur , 378 sine
— dum, 447 quicquam facinus , 381 tetulit, 1008 derupier, 1027
quid erro , 686 sq_. de f rüdes, 89 fehlt Apollo — onis. Als zur
phraseologie der Umgangssprache gehörig hätten hervorgehoben
und mit beispielen versehen werden sollen mea quidem hercle
causa = per me licet 121 und 1031, s. Rost Opusc. plaut. I, p.
233 sq., habet 69, aio 166 (wo Ter. Eun. 252 nicht hätte fehlen
dürfen), multus 316, uide fiat 352, monstraui 789, iterum für
deinde 409, ignorabitur £21 und 468, die Synkope in Voluptarii
260, dicam 887, sane 1157 (sehr unklar), facinus 136, vgl.
145, Mil. glor. 376 L.; bei delicias facis 381 hätte delicatus
miterwähnt werden sollen, Most. 935 L. Mil. glor. 976 L. , zu
395 auch Amph. 697, zu 862 jedenfalls 938, zu nouom 526 die
erklärung 682 u. s. w. — Incorrect ist die anm. 764, sie hätte
etwa lauten müssen: 'dieselbe, der täglichen Umgangssprache an-
gehörige, Variation der redensart facere alqm certiorem steht auch
Ps. 965 ; andere sind facere alqd certum alci 243, Ps. 598 sp., facere
alqm certum Ps. 18, 1097, Verg. Aen. III 179-, vereinzelt fac
me consciam Cist. II 3, 46, facere alqm scientem Asin. 48, Ter.
Haut. 873 '. Schwerlich richtig ist 773 die beziehung der filia
204. Plautus. ffr. 6.
auf 'seine' tochter, und die erklärung von guaere 731, sicher
falsch die von hinc 173, accubui 47 6 und von malo als dativ
1015: es ist sicher ablat. modi und nicht auffallender als das
von Brix richtig gefasste salute 138, welches wiederum auf einer
linie steht mit commodo oder incommodo alicuius: Caes. b. Gr.
I 35, 4 mit der anm. Hofman's. Zu 137 muss es in bezug
auf hoc heissen : ' wobei er die unter dem pallium angezogene
palla zeigt', um mit der richtigen bemerkung zu 150 in Über-
einstimmung zu kommen. Die anm. zu 418 widerspricht voll-
ständig der annähme einer lücke nach 415 und wäre besser
in der fassung der ersten ausgäbe geblieben. Solche detailbe-
merkungen Hessen sich noch zahlreich genug aufhäufen; wir
müssen uns jetzt jedoch zum kritischen anhange wenden, um
über den unterschied des gegebenen textes von dem der ersten
ausgäbe urtheilen zu können. Derselbe giebt nebst dem theile
des commentars, der hierher hätte versetzt werden sollen, ein
treues bild des gegenwärtigen zustandes der plautinischen kritik
in bezug auf archaische formen und hiatus. Während im Tri-
nummus sofort zu v. 10 die resultate der 'neuen plautinischen ex-
curse I.' übersichtlich mitgetheilt (doch fehlen saluetod, praed,
prod und ähnl.) und der hiat mit hülfe derselben grösstentheils
beseitigt wurde, sogar durch einen nom. pluralis auf as : 539, —
und während dennoch schon hier einzelne bedenken nicht unter-
drückt werden konnten (s. über verschreibungen der Codices zu
35 und zu 924, p. 127, über erlaubten hiat einl. p. 19 f. zu
185 extr.), so ist in den Menaechmi das schwanken fast überall
zu merken. Bald werden die hiatustilger in den text gesetzt
(d 91, 190 und noch zehn mal), bald nur in den anmer-
kungen erwähnt (d 549, 626, 870, nom. pluralis auf is 780,
923, 1158), in beiden fällen fehlen meistens auch andere vor-
schlage nicht. So erscheint denn der hiat in der hauptcäsur
des iambischen senars vor einer in terpunction bald ge-
duldet: 549, bald durch ein d gehoben: 882, desgleichen in
der diärese des trochäischen septenars : 626 und 870 gegen 797,
und letzteres neben einer anmerkung wie der zu 681, wo dieser hiat
an 24 stellen (dazu kommt noch 870) für erlaubt erklärt wird!
Bald ist der hiat in der sinnespause und beim Personenwechsel
erlaubt, zu 543, bald 'lässt es sich nicht ausmachen, ob Plautus
einen solchen durch uerod oder cubi oder ein flickwort vermied,
Nr. 6. 205. Plautus. 309
oder für erlaubt hielt', zu 281 , vgl. zu 277! Aehnliche Un-
sicherheit zeigt sich in der beurtheilung der ' archaistischen '
(siel) form homo — om's, zu 89, vgl. aber damit die krit. anm.,
desgl. die zu 98, 309, 903, comm. zu 488. — Zu bemerken ist
noch, dass im kritischen anhange nicht immer die Urheber der
gegebenen anm. genannt sind: so gehört z. b. die zu 160 A.
Spengel Piniol. XXVII p. 340 f., die zu 479 , nebst mehreren
anderen, Luchs in Studemund's ' Studien' I 1, p. 61; dass bes-
sere lesarten als in der ersten ausgäbe gegeben sind an nicht
wenigen stellen nach C. F. W. Müller und anderen neueren,
von Brix selbst 228, 368, 553, 639, 1030, wogegen die vor-
schlage zu 268, 293—303, 309, 461, 630, 758, 903 wenig
überzeugendes, jedenfalls nichts zwingendes haben.
Die sub 3 angeführte commentatio Langen's * de prologo '
giebt schliesslich veranlassung sie mit der (davon unabhängigen)
behandlung des prologs in der Brix'schen ausgäbe zu vergleichen.
Langen ist der von fast allen früheren befolgten grundansicht
treu geblieben, dass die weitläufige erzählung 17 — 76 aus ver-
schiedenen bestandtheilen zusammengesetzt sei, und sieht die
aufgäbe der kritik darin, diejenige fassung, welche der heu-
tigen stark erweiterten zu gründe liege, wiederherzustellen : diese
würde sich dann anschliessen an v. 1 — 6, die, wie seit Osann
(anal. p. 178 sq.) von allen zugegeben wird, den eingang eines
kurzen prologs gebildet haben und von ganz anderer hand
herrühren als die eine lang ausgesponnene geschichte verkün-
denden v. 7 — 16. Aus beiden fassungen (1 — 6 nebst dem
kurzen prolog, 7 — 16 nebst dem weitschweifigen) wäre denn die
heutige redaction entstanden. — Brix dagegen hat sich der ansieht
Vahlens angeschlossen, der im Rhein. Mus. XXVII (1872) p.
175, die ganze erzählung 17 — 76 einem verf. zuschreibt, dem-
selben, der 7 — 16 fabricirte. Ref. ist geneigt auf Langen's
seite zu treten : denn auch in anderen prologen , am meisten
wohl in denen zum Amph., Mil. glor. und Poen., sind verschie-
dene fassungen erkennbar, und stellen im Prol. Men. wie 22 f.
41 — 48, 51 — 56, 72 — 76 sind so unerträglich breit und fade,
dass man von verschiedenen Seiten ihre gänzliche oder theilweise
beseitigung verlangt hat. In den einzelheiten werden die an-
sichten immer etwas auseinandergehen (Langen scheidet aus
nach Teuffel's vorgange: 22 f. 51—56, 72 — 76, ausserdem
Piniol. Anz. VII. 20
310 206. Vergilius. Nr. 6.
noch 43 — 48, Teuffei dagegen 41 — 44 ed. uulg.), aber die auf-
gäbe des princips dürfte ein rückschritt in der kritischen behand-
lung der prologe sein. Mit recht dagegen hat Brix, nach Vahlen's
Vorgang, die überlieferte versfolge 41 — 48 gegen Ritschl's Um-
stellungen beibehalten, auch Schwabe (N. Jahrbb. f. Piniol. CV
[1872] p. 404) und Langen sind dafür. Von den kritischen
bemerkungen , die letzterer seiner commentatio beifügt, ist die
zu 46 (über flagitare, z. th. gegen Schwabe) beachtenswerth,
die conjectur zu 57 aber, quemadmodum für quem dudum, kaum
mit dem folgenden relativsatze vereinbar.
Die typographische ausstattung der Menaechmi ist weit
schöner als die des Trinummus, bei aller compression des druckes
sind doch grosse und deutlichkeit der lettern im texte wie in
den anmerkungen lobenswerth. Nur schade, dass viele druck-
fehler sie entstellen, so gleich in der einleitung p. 2 z. 22 v.
o. 460 für 463, p. 3 z. 7 v. o. 6 für 666.
Aug. O. Fr. Lorenz.
206. Vergils Aeneide. Für den schulgebrauch erläutert
von Karl Kappes. 4 hefte. Leipzig, B. Gr. Teubner.
1873—75. 8.
Der verf. der neuesten erklärenden Vergil-ausgabe, von wel-
cher die Bukolika und Georgika bis jetzt noch nicht erschienen
sind, ist an seine aufgäbe nicht unvorbereitet herangetreten.
Seit siebzehn jähren hat K. Kappes in programmen und Zeit-
schriften zahlreiche stellen der Aeneide ausführlicher besprechung
unterzogen; und die Vorzüge und fehler jener vorarbeiten zeigen
sich auch in dem vorliegenden commentar, besonders ein natür-
liches gefühl für das einfach richtige, wodurch manches von
Ladewig künstlich gedeutete seine treffende erläuterung gefunden
hat, aber auch ein gewisser mangel an schärfe in auffassung
und ausdruck, weshalb der erklärung jene schlagende kürze,
wie wir sie in Wagners kleiner ausgäbe finden, durchaus ab-
geht. Das vorwort des herausgebers verbreitet sich über die
gesichtspunkte, welche die bearbeitung geleitet haben; es lässt
jedoch manchen bedenken räum. Zwar muss die angegebene be-
stimmung der ausgäbe beifall finden, dass sie nämlich 'eine
umfänglichere lectüre erleichtern soll, ohne der bequemlichkeit
und Oberflächlichkeit Vorschub zu leisten'. Aber es scheint, dass
Nr. 6. 206. Vergilius. 311
in manchen anmerkungen, namentlich in begriffserklärungen
sogar ein gefahrliches beispiel der Oberflächlichkeit gegeben,
dass aber vielfach im commentar eine erleichterung des Verständ-
nisses vermisst werde, wo dieselbe, ohne ' dem lebendigen Unter-
richt vorzugreifen', oft nur durch andeutung der construction
gegeben werden konnte und , wie die meinungsverschiedenheit
der erklärer selbst beweist , sogar musste. Unbegreiflich ist es,
dass ' vergleichende Verweisungen, welche wesentlich zur erkennt-
niss der eigenthümlichkeit des autors beitragen', anfangs fast
gar nicht, in den späteren büchern höchst selten gegeben werden ;
ebenso unbegreiflich die motivirung dieses Verfahrens mit der
' erfahrung, dass dieselben von wenigen Schülern benutzt werden ';
denn es lässt sich doch nicht erwarten, dass die häufig vorkom-
mende, ganz allgemeine hinweisung 'vergl. gramm.' von meh-
reren beachtet wird. Wenn aber der lehrer den nachweis fordert,
so schlagen die schüler jene citate so gut nach, als die abschnitte
ihrer schulgrammatik. ' Verweisungen auf andre, als dem schüler
geläufige classiker' hat der herausgeber mit recht verschmäht;
dagegen konnten nachahmungen bei Ovidius namentlich in den
bekanntesten Metamorphosen, welche die schüler früher als ihren
Vergil zu lesen pflegen, und mussten die musterstellen der Iliae
und Odyssee , ohne deren kenntniss die rechte Würdigung der
nachbildungen in der Aeneide nicht möglich ist, im ausgedehn-
testen maasse bezeichnet werden. Die allgemeinen redensarten
des Vorwortes über die textesgestaltung der vorliegenden aus-
gäbe geben von dem verfahren des hgs. keine Vorstellung. Es
muss daher bemerkt werden, dass von dem Ribbeck'schen texte,
wie es scheint , nur aus conservativen rücksichten abgewichen
worden ist. So ist im ersten und zweiten buche, worauf sieb
die folgenden einzelbemerkungen beschränken sollen, die Ribbeck'-
sche Umstellung von I 474 — 478 nach 479 — 482 unterblieben ;
das zeichen der lücke nach I 550 fehlt; I 188, 367 f., 426,
711—714, 755 f., II 45, 76, 749, 775 sind nicht eingeklammert,
was man höchstens I 426, II 76. 775 misbilligen dürfte. Auch
die sonstigen discrepanzen zeigen meist eine tactvolle entschei-
dung; so steht mit recht I 224 despiciens ; 237 pollicitus; 317
Hebrum; 365 cernis; 396 captas despeetare; 427 alta theatri locant;
455 inter se; 505 media; 550 arvaque; 668 iniquae; II 75 quid-
ve /erat; 105 causas; 546 et ; 552 comam laeva; 699 tollit; 738
20*
312 206. Vergilius, Nr. 6.
fatone. Dagegen verdient Ribbecks lesart den Vorzug I 211
deripiunt statt diripiunt \ 343 auri statt agri\ 441 umbrae statt
umbra; 518 cunctis statt cuncti; 670 nunc statt Tiunc; II 349
audentem statt audendi; 616 Zm5o statt nimbo] 691 augurium
statt auxilium. Von den abweichungen in der interpunction sind
die II 2 — 6 und vielleicht auch I 126 zu billigen, während II
350 und 554 Ribbeck das richtige getroffen hat. Dass Kappes
an Ribbecks text mit unrecht sich angeschlossen, lässt sich nur
von einer stelle behaupten, 1116 wo aliam statt illam im texte
steht. Diese andeutungen, bei welchen die rücksicht auf kürze
beweis und Widerlegung nicht gestattete , mögen zur kennzeich-
nung der kritischen methode des hgs. genügen. In der Ortho-
graphie zieht Kappes die geläufige Schreibweise vor-, er schreibt
daher u nach v, während Ribbeck vo durchgeführt hat, ebenso
quu statt cu; er setzt s nach ex, während Ribbeck ecsuperante
oder exertae schreibt, und meidet die alterthümlichen formen;
inconsequent erscheint die assimilation , die gewöhnlich auch
gegen Ribbecks Vorgang in anwendung kommt, bisweilen ver-
nachlässigt, z. b. I 301, II 303, 328; auffallend steht I 112
und 172 arena, während 540 harena geschrieben ist. Die inter-
punction ist im ganzen spärlicher, nur ausnahmsweise reichlicher
als bei Ribbeck. Für das richtige ' verständniss der composi-
tion' sucht der hg. besonders zu wirken; um so auffallender er-
seheint es, dass derselbe eine einleitung zur Orientierung über
das leben des dichters und seine werke dem commentar voraus-
zuschicken unterlassen hat. Hier konnte z. b. über die abge-
brochenen verse der Aeneide eine erläuterung dargeboten werden,
die dem mündlichen Unterricht nicht vorgegriffen haben würde.
So aber begegnet der schüler im ersten hefte bei Kappes etwa
20 abgebrochenen versen, ohne über dieselben irgendwie vom
herausgeber belehrt zu werden. Auch manches andere charak-
teristische konnte in der einleitung angedeutet werden, was sich
dann in den noten weiter ausführen liess, z. b. über versus hy-
permetri, wie sie I 332, II 745 erscheinen, ohne dass auch nur
da& ominöse ' vergl. gramm. ' dem schüler einen wink gäbe. Zu
I 453 f. lustrat dum singula templo reginam opperiens, was mit
389 nicht stimmt, wo Venus dem Aeneas geboten hatte: te re-
ginae ad limina per/er (also nicht ad templurn), giebt Kappes die
anmerkung : ' derartige poetische licenzen dürfen beim dichter
Nr. 6. 206. Vergilius. 31 3
nicht scharf genommen werden '. Andere werden solche wider-
sprüche nicht licenzen nennen, sondern dieselben als unstatthaft
erklären, und werden sie um so schärfer beachten und zusam-
menstellen, da sie etwas charakteristisches in der Aeneide sind,
man mag hierin , wie es nach den jüngsten erörterungen von
Schenkl und Wendtland unzweifelhaft in betreff der abgebro-
chenen verse anzunehmen ist, spuren des mangels an Vollendung
der Aeneide oder, was hier das richtige sein dürfte, eine schwäche
des dichters erkennen. Denn so gelungen der entwurf der com-
positum im grossen ist, so hat doch die peinliche Sorgfalt in der
ausmalung des details den dichter nicht selten vergessen lassen,
welche beleuchtung über sein tableau im ganzen ausgebreitet
ist, so dass er im einzelnen lichter aufgesetzt hat, wo es der
Schattierung bedurfte. War es eine helle mondnacht, in welcher
Troia eingenommen wurde, oder nicht? Die neueren erklärer
beantworten die frage verschieden- Ladewig hebt hervor, dass
Vergil dem nachhomerischen epos (genauer der *Ihug (itxgu des
Lesches) folge, nach welchem vollmond gewesen sei ; doch werde
dieser zeitweise durch wölken verhüllt. Nauck erinnert daran,
dass nach II 360 nur noch die dunkelheit der nacht hervorge-
hoben werde. Wagner sagt: Nisi Virgilium partim sibi in ea
re constitisse putaveris , dicendum erit lunam subinde nubibus obduc*
tarn fuisse. Kappes stimmt in der auffassung mit Weidner über-
ein, wenn er zu 360 bemerkt, die dunkeln schatten seien das
bild der schwarzen nacht inmitten des leuchtenden mondscheins.
Aber zu 420 gesteht er zu, dass der dichter den mondschein
vergessen habe. Man vergleiche nur unbefangen DI 250 ruit
Oceano nox, 360 nox atra, 397 per caecam noctem, 420 obscura
nocte, 621 spissis noctis umbris, 725 per opaca locorum: so wird
man nicht zweifeln, dass dem dichter eine finstere nacht vor-
geschwebt habe; damit stimmt es auch, wenn es 590 von der
erscheinung der Venus heisst : pura per noctem in luce refulsit, und
wenn 569 steht dant dar am incendia lucem; am deutlichsten aber
zeigt 312 Sigea igni freta lata relucent, dass tiefes dunkel ge-
dacht ist-, denn wäre das meer draussen vom monde beleuchtet,
so könnte es nicht den glänz des fernen brandes spiegeln. Be-
trachtet man nun neben diesen stellen 255 tacitae per amica si-
lentia lunae und 340 oblati per lunam y so bleibt, wenn man aus-
legen , nicht unterlegen will , nichts übrig als das geständniss
314 206. Vergilius. Nr. 6.
Wagners : Virgilium partim sibi in ea re constitisse. Wir verlan-
gen nicht von Vergil, dass er, wie ein moderner dichter gethan
haben würde , den gegensatz zwischen dem bleichen , stillen
mondlicht und dem rothen, flackernden feuerschein effectvoll aus-
beute ; aber wir setzen voraus , dass er bestimmt angedeutet
hätte, wenn vor seiner phantasie der freundliche mond durch
jagende wölken verdunkelt worden wäre. Eine andere incon-
sequenz des dichters , die sich jedoch nur auf zwei stellen be-
zieht, sucht Kappes wegzudeuteln. Sinon hat II 134 erzählt:
vincula rupi, und 146 f. iubet Priamus manicas atque arta levari
vincla. Zu letzterer stelle sagt Kappes, hier seien es die fesseln,
mit denen an den händen Sinon entronnen sei , dort sei es die
gefangenschaft, aus der er sich am altar davon losmache. Diese
deutung ist ebenso willkürlich, wie wenn jemand 134 vincula,
weil 146 manicae genannt sind, als pedicae verstehen wollte;
richtig ist es, den Widerspruch einfach zu constatiren. Das
gleiche gilt vielleicht von II 87 und 138 , jedenfalls aber von
den widersprechenden angaben des dichters über das material
des hölzernen rosses, worüber Kappes sich ausschweigt, während
Nauck glaublich zu machen sucht, die einzelnen theile seien
aus verschiedenem holze gezimmert gewesen. Aber damit lässt
sich zwar 258 pinea claustra erklären; dagegen bleibt 16 intexunt
abiete costas mit 112 trabibus contextus acernis und 186 roboribus
textis unvereinbar, und als der dichter 231 sacrum röbur und
260 cavo robore schrieb, dachte er gewiss nur an 186 und hatte
das 16 und 112 gesagte vergessen. — Ein anderes wichtiges
moment für die erklärung des Vergil ist die beobachtung der
alliteration , die zwar der lateinischen spräche überhaupt und
den römischen dichtem besonders der älteren zeit sehr geläufig,
unter den dichtem der augusteischen periode aber namentlich
von Vergil mit Vorliebe und in weitestem maasse angewendet
ist. Schenkl bezieht I 55 f. Uli indignantes magno cum murmure
montis circum claustra fremunt im hinblick auf Lucret. VI 197
und Val. Fl. I 596 montis zu claustra; aber die alliteration
zeigt, dass die worte magno cum murmure montis zusammenge-
hören wie im folgenden vers circum claustra, vgl. 124 magno
misceri murmure. Auch 117 spricht schon die alliteration für
die Kibbeck'scke Schreibung vorat aeguore vortex, die auch Lade-
wig vorgezogen hat, während Kappes mit Haupt und Wagner
Nr. 6. 206. Vergilius. 315
vertex schreibt. Obschon aber in den ersten 200 versen des
ersten buchs der Aeneide etwa dreissig beispiele der alliteration
begegnen, empfängt der schüler aus der Schulausgabe von Kappes
keine andeutung darüber-, und doch Hessen sich einige ergeb-
nisse der noch heute lehrreichen Untersuchung von Näke in ein-
fachster weise mittheilen. Von den controversen stellen der
beiden ersten bücher hat Kappes in einem anhang etwa 40 be-
sprochen , die meisten treffend , manche , wie schon oben zu I
211, 518, 670; II 616, 691 bemerkt ist, nicht überzeugend,
andere wenigstens nicht genügend. So lässt das zur erklärung
der schwierigen stelle I 393 — 401 im anhang wie in den noten
beigebrachte die eigentlichen aporien ganz unberührt; über die
frage, ob zwischen 396 und 400 eine chiastische oder anaphori-
sche responsion stattfindet, wie sich die mit ut und haud aliter
eingeleiteten verse 397 und 399 verhalten, findet der leser beim
hg. keine antwort, sondern die wohlfeile frage: 'welches ist das
tertium comparationis , welches sind die verglichenen theile?'
Aber die frage ist nicht treffend , denn es handelt sich hier
nicht um eine metapher oder vergleichung , sondern um Vorbe-
deutung und erfüllung. Noch einer stelle soll hier gedacht
werden , in welcher hg. die deutung verfehlt zu haben scheint.
I 8 ist das neuerdings von Bährens und Schenkl übereinstimmend
verworfene numine laeso von Kappes mit recht beibehalten wor-
den; aber die zu numen gegebene erklärung enthält irriges.
Mit unrecht wird eine disjunction angenommen, als ob die Muse
in der beantwortung der frage quo numine laeso quidve dolens
regina deum virum impulerit das numen laesum verneine, das dolere
bejahe. Auf eine solche antwort war die frage gar nicht an-
gelegt, sonst müsste sie lauten: utrum numine laeso an dolens
(nescio quid) impulerit ; denn ve streift an die bedeutung von que,
wie auch aus der note von Kappes zu II 37 ersichtlich ist.
Ueberhaupt wird das numen laesum und dolere nicht in frage
gestellt, sondern, indem dies vorausgesetzt ist, nur die veran-
lassung des ersten und das object des letzten. Numen aber be-
zeichnet allerdings den ' wink als ausdruck des willens ' , dies
muss jedoch nicht ' befehl ' heissen , sondern kann auch den
willen, wie er sich in stillem walten (tenditque fovetque 18) aus-
prägt, bedeuten. Die frage des dichters nun quod Iunonis numen
laesum sit, beantwortet die Muse (17 — 22) so: der wille , dass
316 206. Vergilius. Nr. 6.
Karthago regnum gentibus sei, ist verletzt durch die befürchtung
(metuens 23) dessen, was die Parcen, wie Iuno gehört hat (20),
gegen Karthago spinnen (22). Die frage quidve dolens löst die
Muse (24 — 28) durch die hinweisung auf schmerzlich empfun-
dene (25 dolores) begebenheiten, deren Juno gedenkt (memor 23).
Hiemit dürfte auch das vom hg. zu 12 — 33 bemerkte erledigt
sein. Der dieser besprechung bemessene räum gestattet nicht,
weitere punkte in ähnlicher weise zu erörtern. Es reicht hin
kurz anzudeuten, dass zu den stellen, an denen eine erläuterung
vermisst wird, I 6 unde (vgl. 19, 235), 7 patres, 9 volvere (vgl.
240), 36 sub (vgl. 56 circum), 123 wo die zufällige oder beab-
sichtigte häufung desselben vocals auffällt, 133 caelum terramgue,
266 Rutulis subactis (casus), 292 cana Vesta (vgl. V 744), 370
talibus (vgl. 559) u. s. w. gehören; dass unrichtige noten z. b.
zu I 164 f., 195 cadis (dativ), 237 pollicitus (vgl. 202, 367),
246 proruptum (particip), 323 tegmine (vgl. Madvig, Kleine philol.
Schriften p. 414 ff.) gegeben werden, endlich dass manche an-
merkungen zweifelhaft, manche unnöthig erscheinen. Setzen wir
hinzu, dass vielfach die fassung der erläuterungen salopp ge-
nannt werden muss ; dass dasjenige, was der meister K W. Krüger
Ökonomie eines commentars genannt hat, sehr oft (z. b. I 16
und 617, II 4 und 88) vernachlässigt ist, dass auch der druck
weniger correct ist, als es in Teubner'schen verlagswerken der
fall zu sein pflegt (vgl. z. b. DI 136, 422, wo text und noten
einander widersprechen) : so ergiebt sich, dass die Schulausgabe
von Kappes durchgreifender correctur bedarf. Dass sie solcher
erneuerung auch würdig sei, wird hiemit ausdrücklich an-
erkannt.
207. Dr. Härtung. Eömische Auxiliartruppen am Rhein.
Zweiter theil. Hammelburg 1875. Hiller'sche buchdruckerei.
4. 27 s.
Der verf. sucht in vorliegender abhandlung, welche den
zweiten theil und damit den schluss der oben V, 8, p. 411 f.
angezeigten schrift bildet, nachzuweisen, welche römische auxili-
artruppen in der zeit von Trajan bis zu den dreissig tyrannen
am Rhein gestanden haben. Er zerlegt diesen Zeitraum in die
beiden abschnitte von Hadrian's thronbesteigung bis zur been-
digung des Markomannenkrieges (p. 1 — 14) und von da bis zu
Nr. 6. 208. Römische altertMmer. 317
den dreissig tyrannen (p. 14 — 21). Jedem abschnitte schickt
er eine kurze übersieht über diejenigen Verhältnisse des römi-
schen reiches voraus, welche militärische dislocationen veranlassen
konnten, bestimmt darauf den bestand des römischen heeres so-
wohl in Ober- als Niedergermanien an legionen, und geht dann
an der hand der inschriften und militärdiplome an die lösung
seiner aufgäbe, die ihm wohl gelungen ist. Am ende jedes ab-
schnittes giebt er eine Übersicht seiner resultate und am Schlüsse
des ganzen ein alphabetisches verzeichniss sämmtlicher während
der in beiden abhandlungen besprochenen perioden in Germanien
nachweisbaren Alen, Cohorten und Numeri.
208. Anton Linsmayer. Der triumphzug des Germa-
nicus. München. Lindauer 1875. 8. 89 s.
In dieser schrift hat der verf. die beiden ausführlicheren
berichte, welche wir über den triumphzug des Germanicus im
j. 17 n. Chr. haben, einer eingehenden und gründlichen Unter-
suchung unterzogen, um darzuthun, dass die gemahlin und der
söhn des deutschen freiheitshelden Arminius jenen triumphzug
des römischen feldhern nicht geziert haben. "Während nämlich
Tacitus Ann. LT, 41 einfach überliefert: vecta spolia, captivi,
simulacra montium, fluminum, proeliorum, und nur anzugeben
weiss, dass die äugen der Zuschauer sich vornehmlich auf die
herrliche gestalt des triumphierenden und seine fünf kinder
richteten, von merkwürdigen gefangenen aber (vgl. Ann. I, 57)
nichts erwähnt, erzählt uns Strabo VIT, p. 292 f. von dem über-
aus glänzenden triumphzug des Germanicus , bei welchem Segi-
mund des Segestes söhn, Thusnelda die tochter des Segestes
und gemahlin des Arminius mit ihrem dreijährigen söhne Thu-
melikus und andere vornehme Germanen im triumph aufgeführt
worden seien. Der verf. weist auf die verschiedenen irrthümer
hin, welche sich bei Strabo finden, fragt wie dem um dieselbe
zeit in Kleinasien schreibenden geographen seine nachrichten
zugekommen seien, und schliesst, dass er nur unzuverlässige münd-
liche nachrichten erhalten habe. Gegen die annähme, Tacitus
habe bei seiner kürze die angäbe der im triumph aufgeführten
gefangenen als minder erheblich bei seite gelassen, bemerkt der
verf. , dass es ein schreiendes unrecht gewesen wäre , wenn die-
jenigen, denen man vorher incolumitas zugesichert (Tac. Ann.
318 209. Paedagogik. Nr. 6.
I, 58), aufgeführt worden wären, und dass eine solche treulosigkeit
Tacitus, der am triumphe selber mäkelt, kaum ungerügt gelassen
hätte. Ferner wird darauf hingewiesen , dass die läge jener
verwandten des Segestes, nachdem ihnen schütz und volle Scho-
nung gewährt worden, nicht der art gewesen sei, dass sie im
triumphe aufgeführt oder von Tacitus zu den gefangenen ge-
rechnet werden konnten. Wer die weitere ausführung dieser
und anderer begründungen liest , wird den beweis ex silentio
bei Tacitus nicht als so unbegründet finden, wie er beim ersten
anblick scheinen mag und jedenfalls die Überzeugung gewinnen,
dass der bericht des Strabo an und für sich nicht als eine ge-
hörig beglaubigte thatsache gelten könne.
Die schrift ist ebenso von patriotischem wie von wissen-
schaftlichem geiste getragen und wie sich's gebührt, zur ent-
hüllungsfeier des Hermann-denkmals im Teutoburger wald ge-
widmet. W.
209. Higher schools and universities in Germany, by
Matthew Arnold. London, Macmillan and Co. 1874. 8°.
(LXXXVIII und 270 s.).
Wir Deutschen haben uns mit recht gewöhnt, auf das
urtheil der Engländer über Zweckmässigkeit und unzweckmä-
ßsigkeit öffentlicher Institutionen Deutschlands ein ganz beson-
deres gewicht zu legen, und so wird auch der leser mit in-
teresse den sachkundigen ausführungen von M. Arnold über
das höhere schul- und Universitätswesen Deutschlands folgen,
wie dieselben in dem oben genannten , elegant ausgestatteten
und sachgemäss stylisirten werk vorliegen. Dieses ist im we-
sentlichen eine auszugartige zweite aufläge von des verfs. werk:
Schools and Universities on the Continent, das im jähre 1868 ver-
öffentlicht war. Indem der vfr. in dieser zweiten aufläge alles
dasjenige fortliess, was nicht auf das deutsche Unterrichtswesen
bezug hat, hat er noch schroffer als in der ersten aufläge die
Vorzüge des deutschen Unterrichtswesens anerkannt, welches er
mit winzigen ausnahmen als erstrebenswerthes Vorbild für die
der reform bedürftigen Unterrichtsverhältnisse Englands hinstellt.
Leider hat der verf. , welcher im jähre 1885 im auftrage der
Schools Enguiry Commissioners ungefähr sieben monate lang den
continent bereiste , für diese zweite aufläge seines werks keine
Nr. 6. 209. Paedagogik. 319
neue Studienreise nach Deutschland unternommen, und so kommt
es, dass einzelne irrthümer aus der ersten aufläge stehen geblie-
ben sind, welche bei erneutem besuch der deutschen höheren
lehranstalten vom verf. von selbst würden verbessert worden
sein. Auf der andern seite ist in Deutschlands Schulwesen selbst
während des letzten decenniums bekanntlich durch unbesonnene
nährung des materialistischen hanges einer durch glückliche kriege
verwöhnten masse gar manche bedenkliche neuerung versucht
worden, so dass wir zuweilen über das unbedingte lob erröthen
müssen, welches der verf., von seiner anschauung von 1865 her,
unseren höheren schulen zollt.
Nach einer, für den deutschen leser weniger fesselnden,
etwas langathmigen vorrede, in welcher der verf. für errichtung
einer katholischen Universität in dem von den Engländern stief-
mütterlich behandelten Irland plaidirt, geht er an seine eigent-
liche aufgäbe: die Schilderung der deutschen Schulverhältnisse,
indem er fast ausschliesslich Norddeutschland, spezieller die alt-
preussischen provinzen berücksichtigt. Bedauerlich ist es , dass
der verf. (vgl. besonders p. 72) noch das inzwischen veraltete
prüfungsreglement für die candidaten des höheren schulamts
seiner Schilderung zu gründe legt, statt von dem am 12. dezem-
ber 1866 erlassenen, viel besprochenen und viel befeindeten,
jetzt in Preussen und Elsass-Lothringen gültigen reglement aus-
zugehen und über dessen einzelbestimmungen ein begründetes
urtheil abzugeben. — Was der verf. p. 116 von dem verhält-
nissmässig geringen talent deutscher schüler im lateinschreiben
gegenüber der grösseren gewandtheit von Franzosen und selbst
von Engländern bemerkt, ist leider durchaus richtig ; er würde
dieselbe bemerkung auch im modernen Italien haben machen
können. Bei den modernen romanischen Völkern erklärt sich
die grössere gewandtheit im lateinschreiben durch die nähere
Verwandtschaft der muttersprache der schreibenden mit dem
lateinischen idiom. Dazu kommt aber noch, dass in Deutschland
der sinn für formale gewandtheit im mündlichen und schriftli-
chen gebrauch der lateinischen spräche in bedauerlicher weise
grade in jüngster zeit abgenommen hat; soll es doch selbst mit-
glieder philosophischer facultäten geben, die es bequem finden,
den schriftlichen gebrauch der lateinischen spräche überhaupt
als einen veralteten Standpunkt zu bezeichnen! Ein bruchtheil
320 209. Paedagogik. Nr. 6.
der promotionsschriften einiger deutscher Universitäten zeigt die
erbärmlichkeit bis zu dem grade von Schamlosigkeit herabge-
sunken, dass man sogar in themen, die die klassische philologie
nahe streifen, wie in auf die alte griechische und römische ge-
schichte bezüglichen themen, die deutsche spräche angewandt
findet. — Am schluss von cap. VI hält der verf. mit recht die
realschule erster Ordnung für im wesentlichen verfehlt; seine
darauf bezüglichen bemerkungen sind durchaus beachtenswerth ;
die vom vfr. im cap. VII empfohlene Verbindung von gymnasial-
und real-studien bietet praktisch zum theil Schwierigkeiten für die
ausführung ; das eine aber ist allerdings festzuhalten, dass nichts
verderblicheres gedacht werden kann, als wenn man die männ-
liche jugend der besten gesellschaftsklassen schon in den frühen
Stadien ihrer entwicklung in zwei einander nicht mehr verste-
hende massen theilen wollte, wovon die eine nur humanistische,
die andere nur realistische bildungselemente in sich aufnähme.
Eine solche tollheit würde schliesslich zu einer vollkommenen
auflösung der besseren gesellschaft hinführen müssen, da die zwei
massen gegenseitig der anderen wünsche und streben nicht fassen,
ihnen also auch nicht gerecht werden könnten.
Bedenklich ist es, dass der verf. (nach p. 227) für die Ju-
risten kenntniss des griechischen nicht zu fordern scheint. Un-
sere deutsche juristische jugend folgt leider dem satze Graeca
non leguntur bis zu dem grade, dass gar viele nicht im stände
sind , neben Justinians lateinischem Corpus iuris die Basiliken
einzusehen und zur vergleichung heranzuziehen; aber solche
jämmerliche wirthschaft soll man eben beseitigen, nicht vollends
reglementsmässig sanctioniren. — Einspruch müssen wir endlich
auch gegen den (p. 241) vom verf. ausgesprochenen wünsch
erheben, es möchten in England, wo nicht eine volle Universität
erreichbar sei, ein paar facultäten eingerichtet werden. Der
Student soll sich eben nicht als angehöriger einer fachschule
fühlen, er soll die gelegenheit haben, während seiner speci-
ellen fachstudien auch in anderen facultäten gepflegte Wissen-
schaften wenigstens in ihren allgemeinen umrissen zu studiren.
210. TQayovdiu Qitffxa'ixu. Neugriechische Volkslieder mit
einleitung, commentar und glossar. Von dr. Alois Luber. Im
Nr. 6. 210. Neugriechische poesie. 321
programm des k. k. Staatsgymnasiums in Salzburg 1874.
25—85 s.
Eine arbeit, bei der mehr der wille, als die kräfte zu loben
sind. Sie mag ihren zweck, gebildeten laien und Schülern der
obern gymnasialklassen eine ungefähre Vorstellung vom neugrie-
chischen zu geben, wohl erfüllen-, aber die auswahl ist doch
allzu dürftig , nur zwölf Volkslieder (text nach Passow). Das
glossar ist recht fleissig gearbeitet, doch waren die hilfsmittel
des verfs. allzu beschränkt. Ueber das 'treffliche werk' von
Mullach, das den grammatischen auseinandersetzungen zu gründe
gelegt ist, denken andere anders. Die auseinandersetzung auf
p. 70 über hfitgi gegen Passow ist wohl billigenswerth, dagegen
was die Verbindung von 7cr\yulvw nayuivu) mit itr\yr\ Tl^yaaog
nrjyvvfit p. 78 betrifft, geben wir dem verf. zu bedenken, erstens
dass vnayirto oder vnuyutvu) im mittelgriechischen wirklich nach-
weisbar ist (z. b. Flor, und Platziafl. 38 vnayutvovGiv Imber.
nnd Margar. 506 vrcuyaivH, Apollon. 235 vttü, Imb. 418 vä
vnufisr, Kovyx. 34 vTtaysvav, 98 vnayevovv, 267 ü.q vTtuysviofjiev,
783 vnayuiru, 1151 vnaysvav), und dass zweitens der nachweis,
dass jnjyvvfii Il^yuaog n^yiq (was zu diesen gar nicht gehört)
'ebenfalls den begriff der bewegung in sich enthalten ', doch wohl
einigermassen schwierig sein dürfte.
Gustav Meyer.
211. Komödianten-Fahrten. Erinnerungen und Studien
von Karoline Bauer. Herausgegeben von Arnold Wellmer.
Mit einem portrait der Verfasserin. 8. Berlin. 1875. Verlag
der königl. geheimen ober -hof- buchdruckerei. (ß. v. Decker).
XLIII und 421 s. — 7 mk. 50 pf.
Dies buch schliesst sich als eine fortsetzung an das von
uns im Phil. Anz. IV, 8, p .420 angezeigte an, und halten wir
uns dieser anzeige wegen für verpflichtet auch über dies neue
in der kürze zu bei-ichten , obgleich sein inhalt von dem des
ersteren sich sehr unterscheidet , und deshalb uns ferner liegt.
Denn dies neue handelt theils von bedeutenden, mit der deut-
schen bühne seit dem vorigen Jahrhundert in Verbindung ste-
henden persönlichkeiten , theils von meist den höchsten und hö-
heren ständen angehörenden männern und frauen , welche der
vrfin. auf ihren reisen bekannt geworden , wie die gräfin Lux-
322 211. Biographie. Nr. 6.
bürg , eine der geliebten Napoleons I. , die lady Ellenborough,
die gräfin Narischkin und ihr verhältniss zu kaiser Alexander
von Russland, Friedrich Wilhelm III. und dessen geheimsekretair
Timm, die königin Caroline von England, gemahlin Georgs IV.,
u. s. w. Daher wüsste ich denn aus dem bereiche des in der
ersten anzeige besprochenen Stoffes auch nur sehr wenig zu ver-
zeichnen: so den Schauspieler Jerrmann (p. 198) "wegen der art
und weise, wie er sich der feinen ausspräche des französischen
zu bemächtigen wusste: ähnlich dem Demosthenes nahm er beim
sprechen 12 — 14 knochen von kalbsfüssen in den mund, eine
äusserst schmerzhafte Operation: ferner wie derselbe (p. 192)
mimik studiert hat; auch sind die bemerkungen p. 182 über
die grosse der bühne, die an Tieck erinnern, für das athenische
theater zu beachten; endlich p. 100 nach Schilderung des Ver-
kehrs mit Friedrich "Wilhelm III. die worte: 'klingt das nicht
ein wenig anders als in den scandalsüchtigen tagebüchern des
herrn von Varnhagen?'.
Studien hat die vrfin. das buch genannt, weil über die
geschichte des theaters in Hamburg und den kreis Schröders,
über Leipzig und die Neuberin so wie über Göthe's aufenthalt
daselbst, über die Weimar'sche truppe zu Göthe's zeit, über den
sg. theatergrafen von Hahn und anderes vor der zeit der vrfin.
liegende sie sich ausführlich auslässt. Ueberall aber sowohl in
den eigenen erlebnissen wie in denen anderer, in der gegenwart
wie in der Vergangenheit verräth sich in der darstellung eine
äusserst lebendige phantasie , welche die vrfin. befähigt , sich
völlig in die denkweise und läge der zn schildernden zeiten
und personen zu versetzen und somit das was sie schreibt selbst
beim schreiben wieder zu durchleben: dadurch und wegen des
überall als grundlage erscheinenden edlen sittlichen gefühls ver-
bunden mit beherrschung der spräche werden die Schilderungen
der vrfin. wirklich vortrefflich. Und somit empfehle ich nament-
lich denen , die , mit mir gleichaltrig , in ihren jungen jähren
aus liebe zur kunst das theater fleissig besucht, später aber aus
irgend gründen diesen genuss entbehrt haben, die lectüre dieses
buchs : sie werden dabei oft auf eine anmuthige weise in die schöne
zeit der nach idealen strebenden jugend zurückversetzt werden.
E. v. L.
Nr. 6. Theses. 323
Theses.
G. Laufenberg quaestiones chronologicae de rebus Parthicis Ar-
meniisque a Tacito in 11. XI — XVI ab exe. d. A. enarratis. Diss. hi-
storica quam ... in universitate Fridericia Guilelmia Rhenana . . .
d. XIV m. Aug. a. MDCCCLXXV defendet: II. de rebus parthicis quae
tradidit Josephus minoris facienda sunt quam quae Tacitus: III. Dio
quin in particula historiae Parthicae LXII, 19 — 23non ex Tacito ipso
hauserit, verum ex aliis bistoricis, quibus et Tacitus usus est, non
dubito: V. Tac. Germ. 35 verba: plurimum virorum equorumque spuria
habenda sunt: VI. Tac. Agric. 13 pro velox ingenii, mobilis poeniten~
tiae legendum est: velox . . . po enitentia.
G. Loeschke, de titulis aliquot Atticis quaestiones bistoricae. Diss.
inaug. quam ... in universitäre Fridericia Guilelmia Rhenana . . .
d. XXII m. Januar a. MDCCCLXXVI . . . defendet: I. Aristophanis
et Nubes et Acharnenses alterius nee tarnen absolutae retraetationis
indicia prae se feruut. Iterum autem doeta est neutra. — II. Clitar-
chus de Alexandro historias post a. 304 a. Ch. n. condidit. Cf. Arrian.
Anab. VI, 11, 8. - III. Scripsit Pomp. Mela III, 5,8 p. 72 ed. Par-
they : ultra Caspium sinum quidnam esset ambiguum aliquamdiu fuit,
Indiaene (idemne codd.) Oceanus an tellus infeeta frigoribus sine am-
bitu ac sine fine proieeta. Sed praeter physicos Homerumque [qui]
Universum orbem mari circumfusum esse dixit (codd. dixerunt) Corne-
lius Nepos et ctr. — IV. Collegis a prytania recedentibus Miltiadem
in pugna Marathonia prineipatum tenuisse Philaidarum inventum est.
— V. Aeschyli frg. 395 Nauck. ita fere legendum est: AXavrog üßiv
nQog vötov y.tiTai nvoäg. — VI. Supplendum est C. I. A. 227 frg. 5 v.
8 naglnaoHÖmi], 238,11 v. 12 \4\_CTKxrjvoi], 239, II v. 12 [7V«ftot], v.
13 [Kiavoi], v. 15 ^Ahtmt«ovv^moi\, 257, I v. 39 n[Uvprj\. — VII.
Herodotus VIII, 85 2ahtfut>og , non 'Eltvdlvog , scripsit. Nam hoc si
scripsisset et secum ipse et cum Aeschylo atque Ephoro pugnaret.
Cf. Herod. VIII, 76. Aeschyl. Pers. v. 450 sqq. Diod XI, 18 v. 23 ed.
Bekk. — VIII. Superest decreti honorarii pro Archeiao Macedonum
rege ab Atheniensibus facti fragmentum C. I. A. 82. Cf. Andoc. de
red. § 11. — IX. Largitionem in Minervae Victoriae et Dianae qpwtfyo-
qov honorem VI. Boedromionis die Athenienses instituebant. Cf. C.
I. A. 189a v. 17 — 19. Benndorf. Beiträge zur Kenntniss des att. The-
aters p. 68. Tab. nr. 46. — X. Aristophanis Acharnensium interci-
derunt versus complures inter 8 et 9. Cf. v. 2. — XL Anaximander
iv ty&vGw lyyfviGftici io tiqwtov avftgujnovg unoqetivtrai xcel TQnqsvTCts
wentg cd qcikcavcti, xtL Insuke enim traditur wamo oi nctkaioi Plut.
Quaest. symp. VIII, 8, 4. — XII. In Marathoniae pugnae pictura Cy-
negirum canis imagine insignem reddidit Mico. Cf. Overbeck , S. Q.
1083.
Neue auflagen.
212. Freunds schülerbibliothek. Präparation zu Homers Ilias. 8.
hft. 3. aufl. 16. Leipzig. Violet-, 50 pf. — 213. Aeschyli Septem
adversus Thebas. Ex rec. G. Hermanni iterum edidit Fr. Ritsch/. 8.
Lips., Teubner ; 3 mk. — 214. Freunds schülerbibliothek. Präparation
zu Sophokles werken. 12. hft. 2. aufl. 16. Leipzig. Violet; 50 pt.
— 215. Herodot erklärt von H. Stein. 5. bdeh. 3. aufl. 8. Berlin.
Weidmann; 2 mk. 25 pf. — 216. Freunds schülerbibliothek. Präpa-
ration zu Herodots werken. 2. hft. 2. aufl. 16. Leipzig. Violet;
50 pf. — 217. Thucydides erklärt von J. Classen. 3. bd. 2. aufl.
Berlin. Weidmann; 2 mk. 25 pf. — 218. Freunds schülerbibliothek.
324 Neue auflagen. Nr. 6.
Präparation cett. zu Xenophons Cyropädie. 2. hft. 3. aufl. 16. Leip-
zig. Violet; 50 pf. — 219. Piatonis Symposium. In usum scholarum
ed. O. Jahn. Ed. 2 ab H. Usenero recognita. 8. Bonn. Marcus; 3
mk. — 220. Freund cett. Präparation zu Piatos Apologie des Sokrates.
1. hft. 2. aufl. 16. Leipzig. Violet.; 50 pf. — 221. H. Ritter et
L. Preller historia philosophiae Graecae et romanae ex fontium locis
contexta. Ed. 5. curavit Teichmüller. Gothae. Perthes; 8 mk. —
222. H. Bonitz, platonische studien. 2. aufl. 8. Berlin. Vahlen ;
7 mk. — 223. T. M. Plautus ausgewählte komödien. Erklärt von
J. Brix. 4. bdch. Miles gloriosus. 8. Leipzig. Teubner ; 1 mk. 50
pf. — 224. P. Vergili Maronis Aeneis. Illustravit G. G. Gossrau.
8. Ed. 2. Quedlinburg. Basse; 15 mk. — 225. Freunds schülerbiblio-
thek. Präparation zu Vergils Aeneis. 5. hft. 4. aufl. 16. Leipzig.
Violet ; 50 pf. — 226. Desselb. Präparation zu Horaz werken. 2.
hft. 3. aufl. Leipzig. Violet; 50 pf. — 227. Desselb. Präparation
zu Cäsars gallischem kriege. 2. hft. 4. aufl. 16. Leipzig. Violet;
50 pf. — 228. T. Livi ab urbe condita libri. Erklärt von W. Weissen-
born. 9. bd. 1. hft. 2. aufl. 8. Berlin. Weidmann ; 2 mk. 25 pf.
— 229. Freunds schülerbibliothek. Präparation zu Tacitus werken.
4. hft. 2. aufl. 16. Leipzig. Violet ; 50 pf. — 230. Ciceros ausge-
wählte reden. Erklärt von C. Hahn. 3. bdch. 9. aufl. 8. Berlin.
Weidmann; 1 mk. 50 pf. — 231. A. Fick, vergleichendes Wörterbuch
der indo - germanischen sprachen. 2. bd. 3. aufl. 8. Göttingen.
Vandenhöck u. Ruprecht; 14 mk. — 232. W. Pape, deutsch-griechi-
sches handwörterbuch. 3. aufl. bearbeitet von M. Sengebusch 2. abd. 8.
Braunschweig. Vieweg; 6 mk. — 233. W. Pape, handwörterbuch der
griechischen spräche. 2. bd. 2. aufl. 7. abdruck. 8. Braunschweig.
Vieweg ; 18 mk. — 234. W, Pape, Wörterbuch der griechischen eigen-
namen. 3. aufl. neu bearbeitet von G. F. Benseier. 2. abdruck. 8.
Brauschweig. Vieweg; 18 mk. — 235. M. Duncker, geschichte des
alterthums. 4. aufl. bd. 3 complet. 8. Leipzig. Duncker u. Hum-
blot; 8 mk. — 236. F. Gahl und W. Koner, das leben der Griechen
und Römer. 4. aufl. 3. lief. Berlin. Weidmann; 1 mk. — 237.
F. Geibel, classisches liederbuch. Griechen und Römer in deutscher
nachbildung. 8. Besser. Berlin; 3 mk. 50 pf. — 238. K. Lehrs, po-
pulaire aufsätze aus dem alterthum, vorzugsweise zur ethik und reli-
gion der Griechen. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 11 mk. — 239.
H. W. Stoll, bilder aus dem altgriechischen leben. 2. aufl. 8. Leipzig.
Teubner ; 4 mk. 50 pf. — 240. H. W. Stoll, die götter und heroen des
classischen alterthums. 2.bde. 5. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 4 mk. 40 pf.
— 241. L. Preller, griechische mythologie. 2. bd. die heroen. 3. aufl. be-
sorgt von F. Plew. 8. Berlin. Weidmann ; 5 mk. — 242. K. O. Müller,
geschichte der griechischen literatur bis auf das Zeitalter Alexanders. 3.
aufl. 1. bd. 8. Stuttgart, Heitz ; 6 mk. — 243. G. Bernhardt/, grundriss
der griechischen literatur. 4. bearb. 1. thl. 8. Halle. Anton; 18
mk. 50 pf. — 244. F. F. Richter, lehrbuch der harmonik. 11. aufl.
8. Leipzig. Breitkopf u. Härtel; 5 mk. — 245. F. Hiller, Übungen
zum studium der harmonik und des contrapunktes. 6. aufl. 8. Köln.
Mont-Schauberg; 4 mk. — 246. Th. Mommsen, römische geschichte.
6. aufl. inhaltsverzeichniss. Berlin. Weidmann; 80 pf. — 247. F.
Munk, geschichte der römischen literatur. 2. aufl. besorgt von O.
Seyffert. 1. bd. 8. Dümmler. Berlin; 5 mk. — 248. W. Wattenbach,
das schriftwesen im mittelalter. 2. aufl. 8. Leipzig. Hirzel; 11 mk.
— 249. A. Stockt, lehrbuch der geschichte der philosophie. 2. aufl.
8. Mainz. Kirchheim ; 10 mk. — 250. Lessings werke herausgegeben
von R. Gosche. Illustr. ausg. 8. lief. 51. 52. Berlin. Grote ; ä 50 pf.
Nr. 7. Neue Schulbücher. 325
Neue schulbucher.
251. Homers Ilias erklärt von V. JB.. Koch. 6. hft, 2. aufl. 8.
Hannover. Hahn; 1 mk. — 252. Homers Odyesee. Erklärende Schulaus-
gabe von H. Düntzer. 1. hft. 2. Ifg. 2. aufl. 8. Paderborn. Schö-
ningh ; 1 mk. 50 pf. — 253 Arrians Anabasis. Erklärt von K. Abicht.
2. hft. 8. Leipzig. Teubner; 2 mk. 25 pf. — 254. K. Schenkt, grie-
chisch-deutsches Schulwörterbuch. 5. abdr. 8. Wien. Gerold; 5 mk.
— 255. Desselben Vocabulario greco-italiano. 3. ed. 8. ebendas. ; 10
mk. — 256. G. E. Benseier, griechisch-deutsches Schulwörterbuch. 5.
aufl. besorgt von J. Rieckher. 8. Leipzig. Teubner; 6 mk. 75 pf. —
257. Griechische schulvorschriften. 4. aufl. gr. 4. Halle. Waisenhaus;
25 pf. — 258. K. W. Krüger, griechische Sprachlehre für schulen. 1.
thl. 1. hft. 5. aufl. besorgt von W. Sockel. 8. Krüger. Leipzig; 2 mk.
— 259. F. Bellermann, griechische schulgrammatik nebst lesebuch. 2.
thl. lesebuch. 4. aufl. 8. Leipzig. Felix; 1 mk. 20 pf. — 260. W.
Gaupp , lateinische anthologie für anfänger. 4. aufl. 8. Stuttgart.
Kitzinger ; 1 mk. 80 pf. — 261. K. E. Georges lateinisch-deutsches
Schulwörterbuch zu Terenz, Cicero, Cäsar. 8. Leipzig. Hahn ; 3 mk.
75 pf. — 262. Th. Opitz, lateinische Vorschule. 1. kursus. 3. aufl. 8.
Leipzig. Brandstetter; 1 mk. 80 pf. — 263. G. A. Koch, erklärendes
Wörterbuch zu den lebensbeschreibungen des Cornelius Nepos. 5. aufl.
8. Hannover. Hahn; 1 mk. — 264. G. A. Koch, vollständiges Wörter-
buch zu den gedichten des P. Vergilius Maro. 5. aufl. 8. Hannover.
Hahn; 4 mk. 50 pf. — 265. Wellers lateinisches lesebuch aus Livius.
Wörterbuch. 4. aufl. 8. Leipzig. Hirzel ; 50 pf. — 266 Fr. Ellendts latei-
nisches lesebuch für die unteren classen höherer lehranstalten. 18.
aufl. bearbeitet von M. A. Seyffert. 8. Berlin. Bornträger; 1 mk. 60
pf. — 267. J. Lattmann, lateinisches Übungsbuch. 4. aufl. 8. Göttingen.
Vandenhöck u. Ruprecht; 1 mk. 40 pf. — 268. W. Baur und L.
Enghnann, aufgaben zu lateinischen stilübungen. 2. thl. (prim.) 3.
aufl. 8. Bamberg. Buchner; 2 mk. 60 pf. — 269. L. Vielhaber, auf-
gaben zum übersetzen ins lateinische zur einübung der syntaxe. 1.
hft., die casuslehre. Für die 3. classe. 5. aufl. 8. besorgt von Fr.
Schmidt. Wien. Halder; 1 mk. 44 pf. — 270. H. Wentzel und G.
Franke übungsbueh zum übersetzen aus dem deutschen ins französi-
sische für die oberen classen höherer lehranstalten. 8. Leipzig. Teubner ;
2 mk. 40 pf. — 271. H. Schmidt, elementarbuch der lateinischen
spräche. 2. thl. 3. aufl. 8. Neustrelitz. Barnewitz; 2 mk. — 272. C.
Bulle und C. Wagener, lateinisches Übungsbuch für anfänger. 2. aufl.
8. Heinsius. Bremen ; 2 mk. 50 pf. — 273. M. Meiring, Übungsbuch
zur lateinischen grammatik u. s. w. 2. abth. 2. aufl. 8. Bonn. Cohen
u. söhn ; 1 mk. 40 pf. — 274. H. Warschauer , Übungsbuch zum
übersetzen aus dem deutschen ins lateinische für tertia. 8. Jena.
Frommann; 1 mk. 60 pf. — 275. L. Englmann, lateinisches lesebuch
für die 2. u. 3. classe der lateinschule. 6. aufl. 8. Bamberg. Buch-
ner ; 1 mk. 50 pf. — 276. E. Berger, lateinische grammatik. 9 aufl.
8. Coburg. Kariowa ; 3 mk. — 277. R. Kühner, elementargrammatik
der lateinischen spräche. 38. aufl. 8. Hannover. Hahn; 3 mk. —
278. 31. Meiring, kleine lateinische grammatik für die unteren classen
der gymnasien , real- und höheren bürgerschulen. 2. abth. 2. aufl.
8. Bonn. Cohen u. söhn; 2 mk. 20 pf. — 279. A. Kuhr, schulgram-
matik der lateinischen spräche nebst Übungsstudien zum übersetzen
in das lateinische. 5. aufl. 8. Berlin. G. Reimer; 1 mk. 75 pf. —
280. A. Haacke, lateinische stylistik für die oberen gymnasialklassen.
2. aufl. Berlin. Weidmann ; 4 mk. — 281. G. Schöne, griechische,
römische , deutsche sagen für den Unterricht in den unteren classen.
Philol. Anz. Vü. 21
MB Bibliographie. Vt. 7.
3. aufl. 8. Iserlohn. Bädeker; 50 pf. — 282. E. Cauer, geschichts-
tabellen zum gebrauch für gymnasien und realschulen. 21. aufl. 8.
Breslau. Trewendt; 60 pf.
Bibliographie.
Ueber die New- Yorker buchhändlermesse giebt einige kurze notizen
Börsenbl. nr. 194.
Im Börsenbl. nr. 194 werden missbräuche in betreff der recen-
sions-exemplare besprochen: es ist vom Standpunkt des Verlegers aus
wohl fast alles richtig: es wird aber die Stellung der redacteure gar
nicht beachtet. Der Verleger wünscht schleunig eine recension: soll
diese aber gut sein , so muss ein guter d. h. ein im betreffenden fach
'bewanderter recensent bereit sein, der oft sehr schwer zu finden ist;
hat man ihn, so verlangt er, soll die recension wissenschaftlich werth-
voll sein, zeit zu ihrer abfassung: ist nun die recension da, so fehlt
oft dem redakteur räum für sie — der stoff ist ja übergross. Um
anderer dinge zu geschweigen, es wird auch verlangt, dass, erscheinen
keine recensionen , die recensions-exemplare zurückgeschickt werden
sollen: aber dabei ist zu beachten, dass die Verleger gar oft den Zeit-
schriften bücher zuschicken, die in deren kreis gar nicht gehören ; dann
dass solches schicken sehr viel zeit kostet und an dieser leidet kein mensch
mehr rnangel, als ein gewissenhafter redakteur, der ja nach unseren
armseligen zuständen die redaktion neben einem mühevollen amte be-
treiben muss, will er leben. Es wird übrigens manchen von diesen
klagen abgeholfen werden, wenn die eingeschickten Schriften, wie die
augsburger Allgemeine zeitung angefangen, am ende der hefte ver-
zeichnet werden: sobald die redaktion dieses Anzeigers wieder etwas
freiere hand hat, wird das hier geschehen. — Eine entgegnung auf den
artikel in nr. 197 bringt Börsenbl. nr. 207 von Paul Keil in Breslau
vom Standpunkt der Zeitungen aus : er mag wohl auch in den meisten
punkten nicht unrecht haben, wie auch aufsätze von buchhändlern
im Börsenbl. nr. 219, 243 zugestehen. Auch s. nr. 231, wo aufschlüsse
darüber gegeben werden, weshalb bei den anzeigen der einer zeitung
zugeschickten bücher die preise nicht angegeben würden; dann
würden die buchhändler die sonstige und zwar die zu bezahlende Inser-
tion unterlassen. Was bewirkt nicht alles das geld!
Humor im buchhandel : Börsenbl. nr. 196: daraus hier die adresse:
'an herrn buchhändler Apud Weidmann in Berlin.'
Börsenbl. nr. 200 bringt auch die mähr von der lateinischen bio-
graphie Cato's, die quelle des Plutarch: s. ob. nr. 3, p. 163. Es
ist doch erfreulich zu sehen, in wie weiten kreisen auf die philologie
noch geachtet wird, freilich besonders dann, wenn etwas wie spott
oder höhn dabei sein kann!
Nekrolog von dr. iur. Hermann Härtel im Börsenbl. nr. 207.
Aus dem werke von A. Czerny : ' die bibliothek des Chorherrn-
stiftes St. Florian' theilt einen abschnitt Börsenbl. nr. 211 mit: zur
kenntniss der handschriftenpreise und des einbandwesens im mittel-
alter. Es werden dabei fast ausschliesslich theologische werke be-
rücksichtigt: wir führen hier an, dass Vincenz von Beauvais speculum
historiale 1320 für 170 gülden gekauft ward. "Wie das abschreiben
so besorgten die mönche auch das einbinden, coniungere, setzten auch
den namen des einbinders in die subscription , so in einem codex im
kloster Zwerl : Ulricus scripsit, Hermanus quoque pinxit, Griffe conjun-
xit, libris aliis sociavit a. 1321.
Per artikel im Börsenbl. nr. 231 ' das haus Gerold ' enthält eine
Nr, 7. Bibliographie. ,327
mittheilung über das nun 100jährige bestehen dieser firma, nr. 241
die festfeier am 9. october.
Grosses aufsehen erregt das fallissement der finna Veit u. Co. in
Leipzig, dasselbe aber auch ein artikel von O. Bm. in den Halle'schen
tageblättern , den mit einer entgegnung von G. Knapp in Halle das
Börsenbl. nr. 243 wiedergiebt: Bm. sucht die gründe des fallissements
nicht in der glänzenden ausstattung der verlagswerke, sondern vor allem
in dem überwiegen des wissenschaftlichen verlags dieser firma; denn
solche werke hätten geringen absatz, da auch bei den gelehrten der
besitz von privat-bibliotheken immer seltener werde u. drgl. Es ist dies
letztere trotz Knapp'sgegenrede eine leider sehr wahre bemerkung, wie
jeder an Universitäten lebende wird bestätigen können ; aber um so mehr
muss auch bedacht genommen werden auf grössere biliigkeit der werke:
dies kann schon durch die ausstattung erreicht werden: sie soll an-
ständig, braucht aber nicht prächtig zu sein. Dann muss der druck
billiger werden: ist doch z. b. der druck vom Sanscrit in Holland
und England um wenigstens ein drittel billiger als in Deutschland;
man suche also rechtzeitig hier zu helfen, damit ohne grosse calami-
tät wir wieder zu gesunden zuständen kommen: so wie jetzt geht es
nicht mehr lange.
Ueber die Versteigerung oder Verschleuderung der v. JErlach'schen
bibliothek auf schloss Spietz am Thunersee, in der auch seltne aus-
gaben von griechischen und lateinischen classikern vorkamen, wird
im Börsenbl. nr. 243 nach Journal de Geneve und der Augsburger
allgemeinen zeitung berichtet: dagegen aber wird Börsenbl. nr. 255
ausgeführt, dass von Verschleuderung keine rede sein könne.
Der Bibliotheca Paulina in Leipzig ist von dem verstorbenen dr.
jur. Hermann Härtel ein werthvolles doppelvermächtniss zu theil ge-
worden. Das eine geschenk ist ein treffliches Ölgemälde von Anton
Graff (geb. 1730 in Winterthur , gest. 1813 in Dresden), Lessing in
voller jugend- und geistesfrische darstellend. Es wurde bereits der
gemäldesammlung der Universitätsbibliothek einverleibt. Das zweite
ist ein literarisches: die ersten von Göthe ende 1767 und frühjahr
1768 gedichteten und veröffentlichten , und zwar in Leipzig gedruckt
erschienenen , von seinem Studienfreund Bernhard Theodor Breitkopf
in musik gesetzten lieder, zwanzig an der zahl, nach dem manuscript
Göthe's für Friederike Oeser. Das sehr seltene hel't erschien 1769 im
Verlage von B. Chph. Breitkopf und söhn in Leipzig. Das titelblatt
zeigt die Jahreszahl 1770. Der componist war, wie dr. Whistling im
L. Tagbl. mittheilt, im gleichen alter wie Göthe, ein gewandter pia-
nist, geiger, viola- und lautespieler. Er ging später nach Russland,
ward kaiserlicher hofbuchdrucker und starb als staatsrath.
Ve rlags-catalog von B. O. Teubner in Leipzig. 1824 — 1875.
Druck der B. G. Teubner'schen officin in Leipzig. VIII und 321 s.
8. — Der äusserst glänzend ausgestattete und mit ausgezeichneter
Sorgfalt gedruckte catalog legt ein grossartiges zeugniss von der blüthe
des deutschen buchhandels ab, macht auch wohl in dessen geschichte
epoche, da ein gleiches werk, so weit meine geringe kenntniss reicht,
in Deutschland noch nicht erschienen. Der vf. bestimmt nun den ca-
talog zwar zunächst für den buchhandel und wird er diesem auch
sehr förderlich sein , aber auch jeder gewissenhafte schulmann und
jeder philolog wird sich seiner erfreuen, da durch ihn jeder leicht
genaue notiz über eine grosse reihe dem Unterricht und der gelehr-
samkeit jetzt unentbehrlichen bücher und werke sich verschaffen
kann. Die erste abtheilung, p. 1 — 240 enthält in alphabetischer folge
den eigenen verlag Teubners, aber darunter auch die wenigen aus
seinem verlag in den anderer übergegangenen bücher, ferner die
21*
$28 Bibliographie. -Nr. 7.
commissions-artikel, dabei denn auch notizen, ob sie vergriffen, wo es
nothwendig, auch inhaltsangaben. Darauf folgt p. 241—288 die wissen-
schaftliche abtheilung, wo die titel kurz — in der ersten abtheilung
sind sie genau mit bibliographischer gewissenhaftigkeit verzeichnet —
angegeben, so dass kaum hie und da einer mehr als eine zeile füllt, man
sieht also aus der Seitenzahl den grossartigen umfang des verlagsge-
schäfts. Dazu endlich p. 288 bis z. e. namenverzeichniss, eine beigäbe,
welche das auffinden der einzelnen artikel ungemein erleichtert. Gele-
gentlich erfährt man auch manches wichtige neue : so dass für die Jahr-
bücher für Philologie von 1824 — 1875 ein umfassender registerband (vorr.
p. IV) in arbeit ist, eben so auch die jetzigen inhaber der firma, vorr.
p. VII: aus allem aber leuchtet das gedeihen und das Wohlbefinden des
geschäfts hervor. Daher schliessen wir mit zwei mahnungen: erstens
in betreff des papiers und des drucks stets der äugen der leser zu
gedenken , also so glänzendes papier , wie zum catalog verwandt , für
wissenschaftliche bücher nicht zu verwenden, ferner solche petit, wie p.
4 und sonst im catalog, ganz aus den philologischen büchern zu ver-
bannen; und zweitens mit dem wachsthum des geschäfts auch die ho-
norare der Verfasser wachsen zu lassen, da sonst das geschäft. sich die
lebenswurzeln selbst abschneidet : denn was Wieland (Oberon VII , 85)
von der liebe singt:
Arm kann die liebe sich bei wenig glücklich schätzen,
Bedarf nichts ausser sich, als was natur bedarf
Den lebensfaden fortzuspinnen ;
Doch fehlt auch dies, dann nagt der mangel doppelt scharf
■ Und die allmächtigste bezauberung muss zerrinnen,
das gilt in vollem maasse von der philologie und den guten philolo-
gen, für die von den regierungen lange nicht genug gesorgt wird,
wie unter anderm der neueste erlass in Preussen in betreff der Stunden-
zahl der gymnasiallehrer zeigt: man thäte doch wohl besser, alles auf-
zubieten, um zeit dem lehrer für wissenschaftliche studien zu schaffen,
auch das im Phil. Anz. III, 4, p. 211 gewünschte zu verwirklichen! Doch
davon später. Möge denn die so strebsame firma , welche der Wissen-
schaft schon so grosse dienste geleistet hat, neben dem materiellen, ohne
das es nun einmal hienieden nicht geht, den grade jetzt vielfach be-
lächelten, ja verachteten idealen charakter der Wissenschaft immer im
äuge behalten: es ist das früher erreicht worden und wird sich doch
auch jetzt, wenn gleich unter viel schwierigeren Verhältnissen erreichen
lassen : in diesem sinne also wünschen wir der firma fröhliches gedeihen
und weiterstreben: vivat, floreat, crescat! — \E. v. L.~\
Ueber betriebsmittel und absatzwege des buchhandels. I, aufsatz
im Börsenbl. nr. 276: ist zum theil gegen die klagen der sortimenter
gerichtet, macht auf die Wichtigkeit des zur ansieht zusendens, aufmerk-
sam u. s.w. Aber dabei werden Schwierigkeiten übersehen, z. b. die, dass
der sortimenter doch zur ansieht nur wenige exemplare vom Verleger
zugesandt erhält. Verwandten inhalts ist nr. 278 der 'die Verbesserung
des buchhändlerischen geschäftsverkehrs' überschriebene aufsatz.
Mit recht hat der JBrockhaus'sche verlagscatalog von 1805 — 72 die
aufmerksamkeit auf sich gezogen und ist daher im Börsenbl. nr. 272
von Petzholdt besprochen , woran sich denn eine interessante be-
sprechung von Ad. Enslin in demselben Börsenbl. nr. 282. 284 anreiht,
die die bei Brockhaus erschienenen Zeitschriften besonders ins äuge
fasst und details über sie mittheilt: so über die 1813—16 in Altenburg
und Leipzig erschienenen ' Deutschen blätter ' , zu deren herausgäbe
Brockhaus nach audienzen beim kaiser von Russland und fürsten
Schwarzenberg 'den befehl' erhielt.
Nr. 7. Bibliographie. 329
Zu den ob. nr. 5, p. 249 erwähnten Verhandlungen über recensions-
exemplare liefert einen beitrag Börsenbl. nr. 296.
Die Verlagshandlung von Chr. Winter in Frankfurt a. M. kündigt
die Vollendung der fünften durch T. X. Allgayer vermehrten und um-
gearbeiteten aufläge von J. Ph. Krebs Antibarbarus der lateinischen
spräche an; preis 19 mk. 20 pf.
Angekündigt wird von der Verlagshandlung Chr. Winter in Frank-
furt a. M. die vierte lieferung von Diefenbach und Wülcker hoch- und
niederdeutsches Wörterbuch, ä 2 mk. 40 pf. , was namentlich als ergän-
zung zu Grimm's Wörterbuch dienen soll.
Versandt von 1 Lehrmittelanstalt J. E hrhar d u. Comp.'' in Bens-
heim ein prospect über: Illustrirtes hand- und nachschlagebuch der vor-
züglichsten lehr- und veranschaulichungsmittel aus dem gesammtgebiete
der erziehung und des Unterrichts für fachleute an lehranstalten und
instituten jeder art insbesondere für Volksschulen, fortbildungsschulen,
höheren bürgerschulen, lehrerseminarien, realschulen, gymnasien u. s. w.
von G. Klipp in ca. 6 lieferungen 8 ä 80 pf. Das classische alterthum
ist nicht vertreten.
Die erste abtheilung des heft VI der mittheilungen der Verlagsbuch-
handlung von B. G. Teubner in Leipzig führt unter den künftig er-
scheinenden büchern auf: Griechische schulgrammatik . . . von dr. JE.
Koch. 4. aufl. 8: der vfr. spricht sich über urtheile über sein buch aus
und giebt an, wie die neue aufläge verbessert werden soll. — Histori-
sche syntax der lateinischen spräche. Von dr. A. Drag er. Dritter
theil. die coordination. (Zweites bds. erste abtheilung) — P. 100 anzeige
des am 29. dec. 1875 erfolgten todes des prof. dr. Heinrich Rudolph
Dietsch.
Verzeichnisse ihres einiges philologische enthaltenden verlags haben
versandt : Kesselrwg'sche buchhandlung in Hildburghausen ; Hinr ich s' 'sehe
buchhandlung in Leipzig.
Das deutsche zeitungswesen ist im verflossenen jähre nur unbe-
deutend in die höhe gegangen, obgleich es im anfang einen grossartigen
anlauf nahm, denn es sind von 457 neugegründeten Zeitungen nur 125
über die ersten wochen hinausgekommen. Berlin an und für sich zählt
nur 22 Zeitschriften mehr als im Vorjahre. Von den 4174 deutschen
Zeitschriften , die der post-zeitungs-preiscourant für 1876 aufführt , er-
scheinen nicht weniger als 298 in Berlin, dann kommt Leipzig mit 174,
Wien mit 154, München mit 60, Stuttgart mit 54, Hamburg mit 47, Bres-
lau mit 41, Frankfurt mit 33, Hannover mit 25, Cöln mit 22, Carls-
ruhe mit 19, Magdeburg mit 14 Zeitungen u. s. w. Aus der Schweiz
kommen 147, aus Amerika 39, aus London 2 deutsche zeitungen. Von
den 4174 deutschen zeitungen erscheinen 2 achtzehnmal, 15 dreizehn-
mal, 6 zwölfmal, 1 elfmal, 1 zehnmal, 81 siebenmal, 576 sechsmal, 1
fünfmal, 19 viermal, 474 dreimal, 1107 einmal wöchentlich, die übrigen
seltener oder unbestimmt. Die jährliche preisliste der zeitungen und
anderer periodischer blätter der Schweiz und des ausländes für 1876
ergiebt in der Schweiz 234 politische blätter , 35 amtsblätter oder son-
stige offizielle publicationsmittel , 29 coursblätter und 171 fachwissen-
schaftliche unterhaltungs- und sonstige periodische blätter. Schweden's
periodische presse zählt zur zeit 271 erscheinungen , d. h. 16 mehr als
im Vorjahre. Davon gelangen wöchentlich einmal 72, zweimal 63, drei-
mal 18 und täglich 12 zur ausgäbe. Dabei wollen wir aufmerksam
machen wegen der abbildungen, die manche parallele für die kunst des
alterthums gewähren, auf die Zeitschrift: das kunsthandwerk. Samm-
lung mustergültiger kunstgewerblicher gegenstände. Herausgegeben von
Br. Bucher und A. Gnauth. Verlag von W. Sparmann in Stuttgart.
Erschienen ist: Verzeichniss werth voller werke aus dem gebiete
330 Kleine philologische zeitung. Nr. 7.
der classischen philologie und alterthumskunde , welche bis ende des
jahrs 1876 von Joseph Baer u. co. in Frankfurt a. M. zu den beige-
setzten bedeutend ermässigten preisen in neuen exemplaren zu beziehen
sind.
Versandt ist: verzeichniss von Schulbüchern aus dem verlage der
Weidmann" 1 sehen buchhandlung in Berlin. September 1875.
Cataloge von antiquaren: 13. verzeichniss des antiquarischen
bücherlagers von Ludwig Bamberg in Greifswald (classische philologie) ;
CXIV. catalog des antiquarischen bücherlagers von Fidelis Butsch söhn
in Augsburg (reiche auswahl literarischer Seltenheiten); nr. 56 antiqua-
risches verzeichniss von Ernst Carlebach in Heidelberg (classische phi-
lologie und linguistik); Otto Harrassowitz antiquarischer catalog nr. 26
classische philologie und archäologie; nr. 17 catalog des antiquarischen
bücherlagers von A. Stulpnagel in Berlin SW. (philologie und archäo-
logie); nr. 58 antiquarischer anzeiger der Weller'schen buchhandlung
in Bautzen.
Kleine philologische zeitung.
Stuttgart, 29. märz 1875. Heute starb D. F. J. Donner, als Über-
setzer bekannt.
München, 2. april. Der könig von Bayern hat aus Staatsbeiträgen
ein Stipendium von 1200 gülden für einen philologen zum besuche des
archäologischen instituts in Rom und dessen filial in Athen gegründet.
Wien, 31. märz. Heute hielt prof. Sichel einen Vortrag über die
handschriften der briefe Alcuins und zwar über drei Originalsammlungen.
Einiges daraus theilt mit Reichsanz. nr. 83.
Berlin, 6. april. Das fünfzigjährige lehrerjubiläum des directors
Fr. Ranke vom Friedrich-Wilhelm -gymnasium wird am 10. und 12. d.
m. begangen werden; es fällt eigentlich auf den 11.; man will aber dem
Jubilar und seiner familie den sonntag frei lassen.
Berlin, 13. april. Ueber R. v. Plä'nchner's arbeiten den Confucius
betreffend giebt einiges Reichsanz. nr. 86.
Ueber den aschenregen in Schweden und Norwegen im märz, den
man mit vulkanischen bewegungen in Island In Verbindung bringt, giebt
Reichsanz. nr. 94 einige notizen.
Von J. Becher 's buch; die römischen inschriften und steinsculpturen
des museums der stadt Mainz, giebt kurze notiz Reichsanz. nr. 97.
Um die mitte des april fand man in Pompeji in dem, nach einem
Siegel zu schliessen, von einem M. Memmius Acutus bewohnten hause
im atrium eine kiste, in der sich zwei Laren und zwei Penaten in
bronze, ein anderer hausgott in silber, einzelne geräthschaften, vor
allem aber eine Venus in Marmor befand: vgl. Reichsanz. nr. 116.
Ebendaselbst ist am 23. april nach dem Pungolo ein gemälde, den Lao-
koon nach Vergil darstellend, entdeckt, welches man für das bedeutend-
ste unter den bis jetzt entdeckten hält : die färben sind trefflich er-
halten.
Der Reichsanz. nr. 103 berichtet, dass in Aquileja ein grossartiges
bauwerk aus der Römerzeit, vielleicht eine rennbahn, in Athen beim
Dipylon ein haus aus der zeit des Mithridates blossgelegt sei.
Der englische lieutenant Conder hat die Stadt Adullan und in ihrer
nähe die höhlen , in denen David mit seinen getreuen weilte , als er
bei Saul in ungnade. gefallen, entdeckt: einiges darüber Reichsanz.
nr. 108.
Der process, welchen die türkische regierung gegen dr. Schliemann
Nr. 7. Kleine philologische zeitung. 331
angestrengt hatte, s. Phil. Anz. VI, nr. 7, p. 381, ist gütlich beigelegt:
Schliemann zahlt dem Türken 60,000 fr. und behält seine Sachen.
Nach dem Genfer Journal vom 13. mai hat man in der nähe von
Martigny eine vollständige römische küche aufgefunden und sie in das
museum zu Genf gebracht. Die einrichtung besteht aus etwa dreissig
stücken, die meisten aus bronze und mit grosser Sorgfalt gearbeitet,
ihre schönen formen erinnern an fundstücke in Pompeji. Es finden sich
feuerzangen und schaufeln, ähnlich den jetzigen, pastetenformen, plat-
ten verschiedener grosse, trichter in eigenthümlicher form, bratroste,
kessel, zwei sehr fein gearbeitete Schaumlöffel, eine kasserolle, wasser-
kannen von verschiedener grosse, die eine mit schöner Ornamentik.
Dabei münzen des Augustus und der Antonine : man vermuthet, dass die
bergung dieser gegenstände etwa im 2. oder 3. jahrh. n. Chr. stattge-
funden habe.
Im jähre 1803 scheiterte in der nähe von Cythera ein schiff, das
mit 17 kisten alterthümern beladen war, welche lord Elgin von der
akropolis Athens genommen hatte; 12 von diesen wurden damals ge-
rettet, jetzt glaubt man auf dem meeresgrunde spuren vom inhalt der
übrigen fünf gefunden zu haben und hofft dieselben dem meere zu ent-
reissen. Nach griechischen blättern ist aber, wie der Reichsanz. nr.
170. 287 mittheilt, im meere bei Cythera nichts dergleichen zu sehen.
Berlin, 18. juni. Eine Zusammenstellung der gedichte, gemälde,
historischen Schriften und anderer literatur über die schlacht bei Fehr-
bellin giebt Reichsanz. nr. 140: vrgl. nr. 142. 155. 159.
Ueber die am 15. juni bei einer in Pompeji der königin von
Schweden zu ehren unternommenen ausgrabung gewonnenen resultate
— goldenes armband, zwei bronzevasen, ein schönes bett u. s. w. —
berichtet kurz Reichsanz. nr. 144.
Frankfurt a. M., 24. juni. Bericht des prof. J. Becker über die
am 17. juni auf dem römerkastell Saalburg bei Homburg veranstaltete
ausgrabung: münzen aus Trajans und der Antonine zeiten, inschriften,
emailsachen, thonwaaren und metallgeräthe u. s. w. wurden gefunden:
s. Reichsanz. nr. 153.
Ueber den verkauf der berühmten Sammlung antiker und Cinque-
centegemmen der herzöge von Marlborough giebt Reichsanz. nr. 154
auskunft.
Am 24. juni hat dr. Schliemann in der archäologischen gesellschaft
zu London einen Vortrag über seine entdeckungen in Troja gehalten
und darüber dann Gladstone seine ansieht ausgesprochen , die mit der
Schliemanns in den meisten punkten zusammentrifft: näheres giebt
Reichsanz. nr. 160.
Ueber pfahlbauten im Steinhäuser Ried s. Reichsanz. nr. 162.
Man beabsichtigt den Obelisken in Alexandria, welchen Mehmed
Ali vor ungefähr 40 jähren den Engländern geschenkt hat, jetzt nach
England zu bringen: s. Reichsanz. nr. 163.
Ueber pfahlbauten im Laibacher moore berichtet Reichsanz.
nr. 183.
Mainz, 4. aug. Wie die Mainzer ztg. mittheilt, sind in Mainz wieder
mehrere römische grabstätten entdeckt. Einiges theilt von diesem funde
mit Reichsanz. nr. 185.
In Florenz hat man bei der strassenregulirung im juli alterthümer
entdeckt , welche darauf hinzuweisen scheinen , dass an der stelle des
jetzigen Florenz schon in alter zeit ein ort gelegen habe: vrgl. Reichs-
anz. nr. 186. Einige zeit später sind reste eines römischen wachtthurms
bei ausgrabungen auf der Piazza della Signoria gefunden , auch reste
anderer grosser gebäude: s. Reichsanz. nr. 199.
Das sogenannte lager Cäsar t bei Wimbledon wird nach Reichsanz.
332 Kleine philologische zeitung, Nr. 7.
nr. 194 von der erde verschwinden , da man damit beschäftigt ist den
wall abzutragen und das ganze zu ebnen.
In Athen macht nach Reichsanz. nr. 200 grosses aufsehen, dass der
nationalbibliothek gegen 14000 bände abhanden gekommen sind.
Eine lobende besprechung von A. Holländer's kulturhistorischen
Wandtafeln findet sich Reichsanz. nr. 205.
Dr. Hirschfeld ist um die ausgrabungen in Olympia zu leiten, ab-
gereist: Reichsanz. nr. 216: vrgl. Phil. Anz. VI, 5, p. 265.
Am 17. sept. feierte das domgymnasium in Magdeburg sein 200-
jähriges Jubiläum: Reichsanz. nr. 218.
Nach Reichsanz. nr. 219 ist in Kertsch in der Krimm eine gruft
biosgelegt, darin ein ciselirter kopfschmuck aus gediegenem golde, der
einem heim, zum theil einer kröne gleicht, dann zwei goldene becher,
ein goldener ring mit einem edelstein, eine zerbrochene goldene kröne,
mehre goldne agraffen, eine goldmünze mit dem bilde Alexanders des
grossen und eine grosse leider zerbrochene , aber hoffentlich noch zu-
sammenzukittende vase gefunden worden.
Am 7. october sind in der sitzung der generalversammlung der
deutschen geschichts- und alterthumsforscher zu Detmold 'resolutionen'
in betreff der niederlage des Varus angenommen, welche der Reichsanz.
nr. 238 mittheilt.
Auf Kypros ist nicht weit von Episcopo, an der stelle, wo das alte
Kytaion lag, ein grab von ungewöhnlicher grosse entdeckt, in dem sich
ein goldnes an 12 pfund schweres szepter, goldene armbänder und ein
mit edelsteinen geschmücktes goldenes halsband vorfanden. Reichsanz.
nr. 245.
Das neue unterrichtsgesetz in Frankreich wird von dem ultramon-
tanismus mit recht als ein grosser sieg betrachtet und um diesen aus-
zunützen werden gewaltige anstrengungen gemacht, zumal da man ein-
sah, dass die wunder doch nicht recht wirken und den gewünschten
erfolg herbeiführen wollten. Treffend bemerkt über den nun (1875) einge-
tretenen umschwung die Re'publique francaise, das hauptorgan der repu-
blikaner: 'man erinnert sich, dass zur zeit, als die grossen wallfahrten
im schwunge waren, welche dieses jähr durch das gesetz über den hö-
heren Unterricht in den hintergrund gedrängt sind , jeder bischof, ja so
zu sagen jeder pfarrer sein dichten und trachten nur darauf richtete,
seinen sprengel um irgend einen wunderthätigen apparat, einen heiligen
born, sprechende oder weinende gnadenbilder , kurz um irgend einen
fetisch zu bereichern, welcher für die einsetzung eines einnahmebureaus,
welches dann in gewählter spräche ein 'heiligthum' hiess, als vorwand
dienen konnte. Heute ist offenbar eine abspannung eingetreten , das
wunder feiert; die blinden, die mit scropheln oder diabetes behafteten
schmachten, die göttliche therapeutik liegt darnieder, die blödsinnigen,
Schäferinnen und die kleinen bergkretinen harren vergeblich der er-
scheinung der heiligen Jungfrau. Genese , wer da kann ; vorläufig ist
der hahn am wunderquell so gut als geschlossen, es finden keine Vor-
stellungen statt, die geschäfte sind eingestellt. Man hat für wichtigeres
zu sorgen. Trotz aller bemühungen ist es nicht gelungen, so viele fa-
natiker als man hoffte durch den heilschwindel anzuziehen und man
wird nun die nöthigen anstalten treffen , um in den geplanten oder im
werden begriffenen Universitäten diese art von vögelchen gross zu
füttern. Daher denkt man nur noch an die Universitäten und berauscht
sich mit ^ründungsprojecten.' Der kämpf gilt der ausrottung aller
modernen ideen, der modernen Wissenschaft und civilisation , der Unter-
werfung der ganzen weit unter syllabus und Unfehlbarkeitsdogma; die
einheit des glaubens , welche bisher die katholiken verband , soll nun
durch eine einheit der action ergänzt werden. Dem congress in Poi-
Nr. 7. Kleine philologische zeitung. 333
tiers wird ein katholischer arbeitercongress in Paris auf dem fasse fol-
gen, der dann darauf abzielt, die arbeiter so zu organisiren, dass sie
den zwecken des clerus vollständig dienstbar gemacht werden.
Dr. Schliemann beabsichtigt die ausgrabungen in Tvoja fortzusetzen
und wo möglich zu ende zu führen. Er hat sich zu dem zwecke nach
Konstantinopel begeben, um von den türkischen behörden den nöthigen
fermanzu erwirken.
Göttingen, 28. sept. Das neue unterrichtsgesetz in Frankreich
wird von den anhängern des papismus, die jetzt mit Jesuiten und ultra-
montanen eng verbunden, eifrigst dazu benutzt, die freiheit unsrer Wis-
senschaft zu verbannen. Denn kaum ist es der gewandtheit Dupanloup's
(des bischofs von Orleans) dank der kurzsichtigkeit der national-ver-
sammlung gelungen, das gesetz über den freien Unterricht, d. h. ein
gesetz, welches die controle des Staates über den Unterricht auf ein
minimum reducirt und ihn factisch in die hände des clerus legt, durch-
zubringen, so beeilt man sich auch schon, diesen Ungeheuern erfolg
kräftiglich auszubeuten. Freie Universitäten, d. h. wissenschaftliche in-
stitute , die ganz unter der controle der bischöfe stehen und auf denen
nur eine vom Vatican approbirte Wissenschaft, also Wissenschaft nach
den grundsätzen des syllabus, gelehrt werden darf, werden in allen diö-
cesen Frankreichs gegründet ; den anfang macht man, wie billig, mit
der hauptstadt des landes, mit Paris. Soeben ist ein collectiv-hirtenbrief,
den der cardinal-erzbischof von Paris, drei andere erzbischöfe und acht-
zehn bischöfe unterschrieben haben , erlassen , in dem die Franzosen zu
geldbeiträgen zur gründung einer clericalen hochschule in Paris aufge-
fordert werden. Es ist freilich unzweifelhaft , dass der versuch der rö-
mischen hierarchie, den geist der freien forschung zu bannen und die
Wissenschaft zu einer magd priesterlicher herrschsucht zu erniedrigen, auch
in Frankreich misslingen wird; Vernunft und Wissenschaft sind und
bleiben einmal des menschen allerhöchste gaben und beide lassen sich
bei der heutigen bildungsstufe unseres geschlechts nicht mehr knebeln
und von den mächten der finsterniss nicht mehr unterjochen. Wie
gesagt, es ist das unzweifelhaft, dass dieser plan misslingt: aber wann
und wie wird er vernichtet werden? und wer wird ihn vernichten?
eine revolution? die setzt eine lange ultramontane herrschaft voraus,
während der viel zu gründe gehen kann! Wenn jetzt nicht sofort in
Frankreich — und dazu scheint aussieht vorhanden, wenn die gegen-
wärtige, sich überlebt habende national-versammlung aufgelöst und
durch eine solche ersetzt wird, welche das jetzige Frankreich wirklich
repräsentirt — von den gegnern die plane der Jesuiten im anfang durch-
kreuzt und vernichtet werden, so kommen sie zur herrschaft. Und darin
liegt eine grosse gefahr für Deutschland: denn wie viel französisches ist
nicht im laufe der zeit von diesem angenommen und zum verderbniss
deutscher zucht und deutschen wesens gebraucht? Man unterschätze
also die gefahr nicht und öffne vor allem wirklich die äugen in betreff
der schaden unseres eigenen unterrichtswesens: das gehörig thun hilft
uns mehr als alles reden in den kammern und als selbstgefällige artikel
über die höhe unserer bildungsanstalten in zeitungen.
Trier, 5. oct. Bei dem bau der Moselbahn ist man bei den erd-
arbeiten* namentlich auf baureste aus dem alterthum gestossen , frag-
mente von mauern und kanälen. Näheres giebt Reichsanz. nr. 237.
George Smith hat sich nach Klein-Asien begeben , um seine for-
schungen in Ninivek fortzusetzen. Reichsanz. nr. 261.
In der nähe von Jerusalem sind eine reihe in felsen gehauene grab-
kammern entdeckt, in deren einer man einen ganz eigenthümlich con-
struirten steinernen sarg fand: die gebeine in ihm hält man für die
der Eudocia: s. Reichsanz. nr. 270.
334 Kleine philologische Leitung. Nr. 7.
Von Ribbeck' s buch: die römische tragödie zur zeit der republik
bringt der Reichsanz. nr. 275 eine kurze lobende anzeige.
Von dem werke G. Kramer 's: 'Carl Ritter, ein lebensbild', über
welches s. Philol. Anz. III, 7 p. 374, ist eine zweite aufläge erschienen,
gewiss ein seltner fall bei einem solchen buche in unserer zeit. Eine
weitere besprechung erscheint im Ph. Anz. nr. 9.
Der Reichsanz. nr. 282 empfiehlt in kurzer anzeige: C. Peter' 8
'römische geschichte in kürzerer fassung' als ein für die schule äusserst
brauchbares buch.
Bei Corneto werden jetzt wieder in den ruinen des alten Tarquinii
ausgrabungen vorgenommen, in folge deren man nach Reichsanz. nr.
284 ausser anderem einen herrlichen Sarkophag gefunden, der darstellungen
aus den kämpfen mit Amazonen enthält.
Bei Aiseau in der nähe von Charleroi ist eine römische villa ge-
funden: die ausgrabungen daselbst haben bis jetzt nach Reichsanz. nr.
285 beil. 1 nichts besonderes ergeben.
Bei ausgrabungen, die am 20. nov. in Pompeji vorgenommen, ist
eine ungewöhnlich grosse menge von goldenen und silbernen gegen-
ständen ans tageslicht gekommen: becher, teller, tassen, badestriegel,
Spiegel, vasen, Ohrgehänge, eine gold gestickte börse mit geld. Reichs-
anz. nr. 288. Augsb. Allg. ztg. nr. 339. Doch wird in derselben Augsb.
ztg. nr. 357 versichert, dass diese nachricht übertrieben sei und grund-
los: nur wenig silbersachen sind gefunden. — Einen weiteren fund da-
selbst, bestehend in einem silbernen altar und silbernen geräthschaften
wie kelchen und löffeln, auch goldenen Ohrringen, ferner von fresken
ist Reichsanz. nr. 296 verzeichnet, auch in Augsb. Allg. ztg. nr. 349.
Metz, 28. nov. Dem beschluss der directoren-conferenz , wonach
körperliche Züchtigung aus den unteren classen nicht ganz ausge-
schlossen sein sollte , hat der oberpräsident die bestätigung versagt.
So geht es ; in manchen ländern hört man die fachleute überhaupt gar
nicht ; in andern hört man sie an , nachdem sie aber gesprochen , thut
der Jurist einen federstrich und annullirt den beschluss der sachver-
ständigen. — An den höheren lehranstalten des Reichslands ist bisher
mit jedem semester die schülerzahl um 500 gestiegen, ende 1875 stellt
sich dieselbe auf 5400. An 3 lyceen, 8 gymnasien, 1 progymnasium,
11 realgymnasien und einer anzahl realschulen unterrichten 310 lehrer,
darunter 232 mit academischer bildung.
Einen kurzen bericht über die Winkelmannsfeier in Bonn am 9.
december giebt Reichsanz. nr. 296.
Rom, 10. decbr. Heute fand die erste sitzung der mitglieder des
archäologischen instituts statt.
In der nähe von Bregenz, an der stelle, wo das römische Brigan-
tium gestanden, sind ausgrabungen veranstaltet, welche aber laut Reichs-
anz. nr. 298 zu keinem nennenswerthen resultate geführt haben.
Die stadt Antwerpen steht wegen ankaufs des fast vollständig er-
haltenen archivs der Pkmtin'schen druckerei mit der familie Moretus,
directen nachkommen der Plantins, in Unterhandlung: in demselben
sollen an 10000 briefe u. s. w. von gelehrten u. a. enthalten sein.
Speier, 2. dec. Durch die eisenbahnbauten ist die antiquitäten-
sammlung unsrer stadt durch funde bei Dürkheim und an anderen orten
von neuem bereichert: näheres giebt Augsb. Allg. ztg. beil. zu nr. 358.
Inder beil. der Augsb. Allg. ztg. 1876 nr. 7 berichtet Schöner von im
december 1875 in Pompeji gemachten ausgrabungen an der via Sta-
biana oder wie sie jetzt genannt ist, cardo maior: er beschreibt ein
haus auf der linken seite der Strasse genauer, welches das etablissement
einer tuchwalkerei und einer Wäscherei gewesen zu sein scheint; auf der
einen wand des als waschbassin dienenden raumes findet sich eine reihe
Nr, 7. Kleine philologische zeitung. 335
gemalter aber offenbar carrikirter personcn; und ein anderes, etwas
vornehmer eingerichtetes, in dem ein noch nicht ganz fertiges gemälde
von Laokoon sich befindet und ein vortreffliches die abfahrt des Odysseus
von der insel des Polyphemos darstellend. Viel eleganter sind aber die
häuser auf der rechten seite, von denen eins auch genauer beschrieben
wird: im atrium desselben fand man eine marmor-herme mit portrait-
kopf in bronze, der in das museum zu Neapel gebracht worden ist:
auf ihm die inschrift : 'dem genius unseres Lucius der freigelassene
Felix.' In den zimmern finden sich mosaikböden, dann gemälde : Mars
der Venus das gewand abnehmend — ein Paris-urtheil, wovon jedoch
nur die sich entschleiernde Venus und theile des hirten und der Miner-
va, alles vortrefflich, erhalten — ganz erhalten istTheseus die schlafende
Ariadne verlassend, die Jungfrau ruht, den Oberkörper entblösst, auf
einem blumenlager am felsrande, darüber ein zelttuch ; Theseus eilt nach
seinem schiffe, in der höhe schwebt Athene.
Die beil. der Augsb. Allg. ztg. 1876 zu nr. 5 berichtet aus dem
Granicar über einen münzenfund bei Semlin: 230 goldmünzen, die von
Caesar an bis Valerian gehen.
Bericht von 0. JBenndorf über die unter Conze's leitung 1873 und
1875 auf Samothrake gemachten ausgrabungen in Augsb. Allg. ztg.
beil. nr. 13, 14, 24, 25, (s. unten): als resultat wird angegeben,_ dass
jetzt Samothrake als eine der wissenschaftlich bestbekannten inseln
des Archipels gelten darf: mehrere cultusgebäude sind aufgedeckt, vier
statuen einer giebelgruppe , inschriften, wichtig für die kenntniss des
griechischen götterdienstes, viel anderes ist gefunden, so dass es gelingen
konnte, von der ganzen einst hochberühmten örtlichkeit ein geschicht-
liches gesammtbild aufzustellen. In der beil. zu nr. 25 wird auf die
mysterien eingegangen , die läge des tempels sowie die spärlichen reste
des ältesten auf einer cyclopischen terrasse gelegenen mehrfach umge-
bauten tempels nachgewiesen und beschrieben und auf den cult und
seine gebrauche ein blick geworfen, dann folgen noch beschreibungen
eines zweiten tempels und angaben über die jetzigen zustände.
Berlin, 7 Januar. Die direction für die ausgrabungen in Olympia
lässt berichte über diese im Reichsanzeiger erscheinen : aus diesem —
Reichsanz. nr. 3, 26, 36, 62, 85 — theilen wir die folgenden mit. I. Die
für die ausgrabungen in Olympia ernannten beamten, dr. Gustav Hirsch-
feld und der königl. bauführer Ad. Bötticher, sind am 12. September in
Druva, dem der ausgrabungsstätte nächstgelegenen dorfe angekommen,
wo für sie unter fürsorge des deutschen consuls in Patras, hm. Ham-
burger ein haus gebaut und eingerichtet war. Nach absteckung eines
areals von 115 stremmata (ä 1000 qu.-mtr.) begannen die wirklichen
arbeiten montag den 4. october, mit eröffnung von zwei entwässerungs-
gräben östlich und westlich von den t^mpelfronten nach dem Alpheios-
bette hin, um das centrum der ausgrabung, das tempelterrain , auch
während der regenzeit trocken halten zu können. Abgesehen von
einigen nebengrabungen am Kladeosufer, die zur auffindung von gräbern
und einer den tempelbezirk an der Westseite begrenzenden mauer führ-
ten , ging man darauf aus , durch Vertiefung und Verbreiterung der
graben dem Zeustempel schrittweise immer näher zu kommen. Bei
diesem vorgehen fand man das dorische gebälk eines noch unbekannten
gebäudes und säulentrommeln, sowie capitäle des tempels selbst. Dem-
nächst erfolgte die Verbindung der beiden hauptgräben durch einen
quergraben längs der nordseite um sodann mit rasch vermehrter arbei-
terzahl von ca. 125 mann das ganze terrain vor beiden fronten bloss
zu legen. In der mitte des december begannen nun die wichtigen
funde, welche, in einzelnen telegrammen bekannt geworden, jezt erst
durch den bericht vom 23. december in ihrem zusammenhange deutlich
836 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 7.
geworden sind. Am 15. deeember wurde an der südostecke des tem-
pels, drei meter tief, ein überlebensgrosser männlicher torso aus mar-
mor gefunden, der in eine spätere trocken zusammengebaute mauer
eingefügt war; ein werk von bedeutendem kunstwerthe und aller Wahr-
scheinlichkeit nach ein bruchstück des Zeus , der als kampfrichter in
der mitte des ostgiebels sitzend dargestellt war. Fünf tage später
stiess man in derselben gegend auf ein dreiseitiges marmorpostament
mit der vollkommen erhaltenen widmungs-inschrift der Messenier und
Naupaktier an den olympischen Zeus, welchem sie den zehnten ihrer
kriegsbeute darbringen. In der dritten zeile der inschrift nennt sich
Paionios aus Mende — s. oben nr. 5, p. 260 — in Thracien als den
künstler und fügt in der vierten zeile zu seinem rühme hinzu, dass er
in einer concurrenz um den plastischen schmuck der tempelgiebel Sie-
ger geblieben sei. Am nächsten morgen zeigte sich in zwei theile ge-
trennt eine überlebensgrosse weibliche figur aus pentelischem marmor,
welche sich durch den ansatz der flügel sofort als die Siegesgöttin
(Nike) zu erkennen gab, welche auf dem postament gestanden hatte.
Die figur misst vom hals bis zur fussspitze 1,74. Das gewand, welches
die linke brüst frei lässt, fällt über den gurt in kurzen falten nieder.
Dem Unterkörper schmiegt sich der stoff so eng an, dass die schönen
formen in voller klarheit hervortreten. Nach hinten bauscht sich das
gewand in weitem bogen. Obgleich köpf und arme noch nicht gefun-
den sind, erregt die lebensvolle anmuth und das bewegte gewand der
zur erde herabschwebenden göttin grosse bewunderung. Es wurde so-
gleich als dasselbe werk erkannt, welches Pausanias in seiner beschrei-
bung der denkmäler von Olympia (V, 26) bespricht ; es ist das erste
urkundlich bezeugte bildwerk eines griechischen meisters des fünften
Jahrhunderts vor Christus. — An dem fundorte der Nike kamen ferner
mehrere dreiseitige marmorblöcke zum Vorschein, die offenbar zu dem-
selben postamente gehört haben. Sie trugen inschriften, die sich eben-
falls auf die geschichte der Messenier beziehen; namentlich eine, in der
es sich um die zusprechung eines streitigen grenzbezirks durch die Mi-
lesier an die Messenier handelt. Es ist derselbe rechtsstreit , welchen
wir aus Tacitus Annal. IV, 43, kennen. — Von jetzt an wurde ohne
aufhören gefunden, und es galt nicht mehr, kunstwerke zu suchen, son-
dern nur zu heben und zu bergen. Ein kolossaler männlicher torso
lag unter der Nike an der rückseite fast unbearbeitet, also wahrschein-
lich auch vom giebel; der ellenbogen des linken armes ist in das ge-
wand gewickelt, das den Unterkörper umgab. Unter ihm ruhte wieder
ein koloss, der noch der erlösung harrt. — Am 22. fand sich vor der
Ostfront der untere theil einer liegenden figur, welche ihren platz in
der linken giebelecke gehabt haben muss, also einer der beiden fluss-
götter, welche Pausanias nennt. Er ist kaum über lebensgrösse und
von vorzüglicher arbeit. Neben ihm kam an demselben abend ein
männlicher torso und demnächst an der südwestecke ein weiblicher,
das erste zeugniss von den noch erhaltenen Standbildern des westgiebels,
zum Vorschein. Soweit der wesentliche inhalt des letzten berichts, wel-
cher auch noch von glücklichen funden (namentlich einem schönen
lebensgrossen satyrkopfe aus terracotta) am fusse des Kronoshügels
spricht. Durch ein telegramm vom 1. Januar wird die auffindung des
einen wagenlenkers und eines männlichen torso gemeldet; endlich auch
die glückliche Vervollständigung des flussgottes, indem der oberleib und
der ganz unversehrte köpf zu tage gekommen sind. Bei der alle er-
wartungen übersteigenden ergiebigkeit der funde ist die zeit und arbeits-
kraft der beiden in Olympia angestellten beamten natürlich so in an-
spruch genommen , dass sie ausser stände waren , jeden einzelnen fund
genau zu beschreiben und zu würdigen. Photographien und abgüsse
Nr. 7. Auszüge aus Zeitschriften. 337
werden möglichst bald an die direction eingesandt werden. Dies der
erste bericht : der folgende zweite ergänzt den ersteren.
II. Bei der fortsetzung der arbeiten an der ost- und Westseite stellt sich
die thatsache heraus, dass die funde da beginnen, wo die schwarze erde unter
der gleichmässigen sandschicht zum Vorschein kommt. Die stärke derselben
ist ungleich. Während sie an der fundstätte des flussgotts und des
wagenlenkers zwei meter beträgt , erreicht sie an der fundstelle der
Nike schon drei meter. Ein ähnliches verhältniss ist im westgraben
beobachtet, indem sie hier 80 — 90 schritt vom südrande des tempela
2, 70 und einige 40 schritt südlicher schon 4, 60 beträgt. Das alte terrain
scheint demnach vom tempel nach dem Alpheios sich massig gesenkt
zu haben. Wie stark die von ziegeltrümmern durchsetzte schwarze
erdschicht sei , ist noch nicht ermittelt worden. — Zu den schon be-
kannten funden fügen wir nachträglich hinzu, dass das ganze aus fünf
blocken bestehende dreiseitige postament der Nike zum Vorschein ge-
kommen ist. Eine eingesandte skizze der figur zeigt , dass der gürte!
aus bronze eingelegt war ; es sind in ihrer nähe auch einzelne bronze-
stücke zum Vorschein gekommen, darunter ein fragment mit blatt-
schmuck. Der liegende körper des flussgottes ist unterwärts mit einem
dicken stoff umhüllt; der emporgerichtete Oberkörper stützt sich auf
den linken arm , während die wange des seitwärts geneigten hauptes
sich in die rechte hand schmiegt. Die arme sind gebrochen, der bär-
tige köpf, der einen sinnenden milden ausdruck zeigt, ist bis in das
kleinste so frisch und unversehrt, wie eben aus des künstlers hand her-
vorgegangen. Unter der figur fanden sich zahlreiche bronzestücke ;
darunter sind ansehnliche vergoldete fragmente von einem runden gegen-
stände, vielleicht einem Schilde, gefunden worden. — Die dritte figur,
der sog. wagenlenker überlebensgross , von trefflicher ausführung , ist
vollständig bis auf den köpf; in kauernder Stellung, das linke knie in
die höhe gezogen und auf den rechten arm sich aufstützend. Der von
der linken schulter fallende mantel dient als unterläge. Die Vernach-
lässigung der abgewendeten seite lässt erkennen, dass die figur zur
rechten des Zeus links vom beschauer, also dicht vor den pferden auf-
gestellt war. Die Oberfläche ist wie an den übrigen resten des ostgiebels
überhaupt , fast tadellos erhalten , die haltung ist ungezwungen und
lebendig. Das bisher einzige fundstück von dem westgiebel hat sich
nach der reinigung als das bruchstück eines heftig bewegten mannes
mit chlamys — also eines Lapithen — zu erkennen gegeben, wonach
die frühere angäbe zu berichtigen ist. Das werk zeigt eine starke ein-
Wirkung des wetters. — Neu gefunden ist an der ostseite den 29. dec.
ein männlicher torso, nach rechts gewendet, beide arme mit anstrengung
vorstreckend, also wahrscheinlich der wagenlenker auf der linken seite
des Zeus (rechts vom beschauer) ; die bildung des nackten ist auch hier
von gleicher Wahrheit und treiflichkeit , wie bei den anderen werken
und tritt bei der kräftigen bewegung besonders wirksam hervor. — Ein
zweites stück, anfang januar gefunden, ist der untere theil einer gela-
gerten männlichen figur in lebensgrösse, von rechts nach links gestreckt,
mit einem gewande bedeckt, auch auf Vorderansicht und hohe aufstellung
berechnet. — Endlich ist auch die statue hervorgezogen worden, welche
im ersten bericht als unter dem männlichen torso liegend erwähnt
wurde. Es ist eine kolossale weibliche figur, in zwei stücke gebrochen,
lang gewandet in altertümlichem stil der berühmten Vesta Giustiniani
im ganzen entsprechend , nur ungleich lebensvoller und feiner gear-
beitet. Auch die wohl dazu gehörige, vorn halbrunde, hinten viereckige
basis ist gefunden worden ; das Standbild war mit der rückseite an eine
wand gelehnt und ist ein ausgezeichnetes werk von alterthümlicher
strenge. Kopf und arme fehlen noch. Weitere vermuthungen über dies
838 Kleine philologische zeitung. JSr, 7.
unzweifelhaft als weihgeschenk aufzufassende werk müssen vorläufig
noch dahin gestellt bleiben. — Bei der Vertiefung des westgrabens
haben sich weitere Überreste des schon erwähnten Dorischen gebäudes
gefunden , sowie neun stück quadratischer bronzeplatten von verschie-
dener dicke mit blitzsymbol und dem namen des Zeus , stücke , die
wahrscheinlich als gewichte (von 15, 30, 60 drachmen attischen ge-
wichts) zu betrachten sind. In derselben gegend ist man wieder auf
gräber gestossen , aus denen bronzewaffen , geräthe , kleine glöckchen,
sowie römische und griechische münzen und thonscherben mit schwar-
zem firniss hervorgezogen sind Dies sind im wesentlichen die fund-
resultate der letzten drei wochen , von denen ausser den Sonntagen drei
griechische festtage und ein regen tag in abrechnung kommen.
III. Der dritte bericht theiltmit, dass an der ostfronte des tempels
man begonnen hat die zweite tempelstufe freizulegen. Von westen her
wird der graben in der richtung auf den tempel mehr und mehr vertieft,
um auch hier den ursprünglichen boden zu erreichen. Die fundstücke,
welche in der letzten woche zu tage kamen, sind dreierlei art: inschrift-
liche denkmäler, kleine im boden zerstreute alterthümer, bildwerke und
statuenpostamente. — Unter den denkmälern erster gattung ist eine
fast unversehrte broncetafel 0,55 hoch, 0,24 breit, am 21. Januar süd-
lich von der südwestecke des tempels gefunden. Sie ist mit einem
giebelfeld gekrönt und von zwei korinthischen pilastern eingefasst.
Innerhalb derselben befindet sich eine inschrift von vierzig zeilen , an
denen kein buchstabe fehlt: unten an der tafel sind drei zapfen, mit
denen sie in einen steinsockel eingelassen war. Die inschrift ist in eli-
schem dialekt abgefasst und enthält eine von den hellanodiken ausge-
fertigte Urkunde, in welcher dem Damokrates aus Tenedos, einem be-
rühmten ringer und Olympioniken, den wir aus Pausanias und Aelian
schon kennen, das gastrecht und die ehren eines wohlthäters von Elis
zuerkannt werden. Die wappen von Tenedos, traube und doppelte axt
sind im giebelfelde angebracht. — Eine zweite merkwürdige inschrift
fand sich am 26., 10 meter östlich von der südostecke des tempels,
auf einem marmorblock, der in eine spätere mauer eingefügt ist. Auf
der sichtbaren kante liest man in alterthümlicher schrift den namen
eines argivischen künstlers, welcher, da nur der erste buchstabe fehlt,
kein anderer sein kann als der name des Ageladas , des meisters , bei
dem Pheidias, Polyklet und Myron gelernt haben. — Eine dritte in-
schrift steht auf einer 0,30 langen ehernen lanzenspitze. Es war eine
votivlanze und der inschrift nach von den einwohnern von Methana
aus einem kämpfe mit den Lakedämoniern geweiht. Dieses stück ge-
hört schon zu den im boden zerstreuten kleinen alterthümern, welche
bei dem aufräumen vor der Westseite gefunden worden sind, namentlich
waffen (lanzen und schienen) , nägel , vergoldete broncestücke , bruch-
stücke von erzgefässen, feine verzierte bänder aus bronce, mannigfaltige
kleine thierfiguren und endlich eherne gewichtstücke, von denen schon
das zwölfte zum Vorschein gekommen ist , und zwar ein stück von 220
gramm, welches durch einen durchgeschlagenen nagel als ungültig be-
zeichnet worden ist. — Endlich noch einige worte über die sculpturen,
die in der letzten woche gefunden sind. Vor der westfronte sind bis
jetzt nur kleine sculpturfragmente zu tage gekommen ; zu den bester-
haltenen sind einige marmorne löwenköpfe zu rechnen, welche der
traufrinne des tempels angehören. Von broncestatuen fanden sich nur
einzelne glieder. An der ostseite gefunden sind die drei sculpturen,
deren im vorigen berichte erwähnung geschah; von ihnen ist die eine
eine stehende ältliche männliche figur, die andere eine gelagerte, deren
knie mit gewand bedeckt war. Es ist deutlich , dass diese marmor-
werke zu einer gruppe verbunden , hoch aufgestellt und von der rück-
Nr. 7. .Kleine philologische zeitung. 339
seite nicht sichtbar waren. Sie sind bei der Nike gefunden, an dersel-
ben stelle, wo jetzt in geringer entfernung von einander im ganzen
schon sechs statuenreste gefunden worden sind. — Unmittelbar süd-
lich ist das bruchstück eines colosses zu tage gekommen, welches von
der mitte des Oberschenkels bis unter die wade 0,62 misst. — Vor der
zweiten säule der ostseite (von N. gerechnet) zeigen sich zwei grössere
postamente, das eine aus kalkstein mit feiner profilirung, das andere
aus backstein, deren Verkleidung fehlt. — Am 25. fand man auf der
höhe der zweiten tempelstufe an der südostecke ein kleines aber lehr-
reiches fragment der metopentafel , welche Herakles darstellt, der den
erymanthischen eber lebend heim bringt und damit den Eurystheus er-
schreckt. Es ist dieselbe metope, die Pausanias an erster stelle erwähnt,
er hat also von der Südseite angefangen.
IV. Es hat arges regenwetter die arbeiten aufgehalten , eben so
das durch das clima veranlasste Unwohlsein des dr. Hirschfeld und
Böttichers: doch hat man sie unter leitung des dr. Weil, Stipendiaten
des archäologischen instituts, so gut es ging fortgesetzt und die oberen
schichten des bodens abgetragen. Am 15. hat man die weitere frei-
legung der Ostfront in angriff genommen. Man stiess, der südostecke
des tempels gegenüber , auf ein gemäuer , wo sich der rechte Schenkel
einer sitzenden gewandfigur eingemauert fand, und darunter ein männ-
licher torso, dessen linker arm erhoben gewesen sein muss, beide figuren
über lebensgrösse. — Man war wieder an einen punkt gekommen, wo
eine ganze reihe von marmorskulpturen zusammengetragen war, die
sämmtlich, wie es scheint, dem tempelgiebel angehört haben. — Am
18. zeigte sich ganz in der nähe der untere theil einer gewandfigur
0,62 hoch. Die beine sind bis über die knie erhalten, die mittelfalten
reichen noch höher hinauf. Am morgen des 19. kam in der richtung
auf die südostecke der untere theil einer zweiten gewandfigur zu tage.
Sie kniet auf dem rechten bein, das mit einem gewande von vorzüg-
lichem faltenwurfe bedeckt ist. Die basis und der rechte fuss, der
gegen die giebelwand gerichtet war, sind erhalten, hoch 0,64. Der
mit gewand bedeckte Oberschenkel misst 0,58, der Unterschenkel 0,67.
— Nordöstlich von dem erstgenannten torso fand sich, ebenfalls am
19., das erste ansehnliche fragment eines pferdeleibes mit den ansätzen
der beine (gesammtlänge 0,52), nachdem sich kleinere Überreste von
pferden kurz vorher weiter nördlich gefunden hatten. — So sind in
wenig tagen von fünf verschiedenen figuren des ostgiebels mehr oder
minder ansehnliche bruchstücke gefunden , die sich allmählich vervoll-
ständigen und mit hülfe der beschreibung des Pausanias sowie des die
giebelcomposition beherrschenden parallelismus ordnen lassen werden.
Man erkennt schon, dass der torso des 17. dem früher gefundenen ent-
spricht, welcher der anderen , d. h. rechten giebelhälfte angehörte.
Beide wird man zu der gruppe der mit den pferden beschäftigten
Wärter rechnen. Es beginnt auch über die zeit, in welcher man die
trümmer des giebelfeldes so rücksichtslos durcheinander geworfen hat,
sowie über die katastrophen, welche den boden von Olympia heimge-
sucht haben, mehr licht zu werden. Denn es hat sich in einer spalte
des gemäuers ein schätz von ca. 800 durch eine feuersbrunst zum theil
zusammengeschmolzener byzantinischer kupfermünzen gefunden, deren
Untersuchung weitere belehrung verspricht. — Unter den einzeln gefun-
denen alterthümern wird das erste ansehnliche bruchstück eines (mit
gewand bekleideten) erzbildes angeführt, eine terrakottenplatte mit zier-
lichen arabesken u. a. — Man fand ferner eine basis mit den wohlge-
arbeiteten füssen einer gruppe von zwei figuren, eine zweite marmor-
basis mit der wohlerhaltenen inschrift zu ehren des Telemachos , des
sohnes des Leon, aus Elis, dem von den hellanodiken unter Vorsitz des
340 Kleine philologische zeitung. Nr. 7.
Antiphanes und dem olympischen rathe eine hildsäule errichtet worden
ist; endlich ein drittes postament aus weissem marmor mit einer durch
alterthümliche schrift- und sprachformen ausgezeichneten weihinschrift
in zwei distichen, gesetzt von einem Praxiteles, der sich Syrakusaner und
Kamarinäer nennt. — Soweit die nachrichten bis zum 24. februar.
Man sieht jetzt, dass der tempel auf drei seiten von mauerzügen spä-
terer zeit umgeben war, die an der südostecke bis an die tempelstufe
reichen, aus epistylbalken und anderen trümmern der alten kunst roh
aufgeschichtet. An der nordseite allein hat man bis jetzt noch kein
mauerwerk dieser art gefunden. Die abformung der ans licht gezogenen
marmorwerke hat begonnen. Die inschriften werden nach den einge-
sandten papierabdrücken in der archäologischen zeitung veröffentlicht.
Sie sind auch in der archäologischen zeitung (s. unten p. 345 flg.) er-
schienen: aber da sie durch spätere funde noch vervollständigt worden,
theilen wir davon hier nichts mit.
Nr. V nach Reichsanz. nr. 85 : Briefe des dr. Weil vom 1., 15. und
22. märz melden den ungestörten und ergiebigen fortgang der arbeiten,
die den zweck haben , den tempel des Zeus von allen seiten immer
vollständiger frei zu legen. Dies ist an der ostseite in der hauptsache
bereits geschehen. Man hat hier das alte pflaster gefunden, das über
einer schicht von ziegeln und anderem material aus 0,23 dicken Stein-
blöcken bestand. Der zugang zum tempel war nicht, wie beim Par-
thenon , durch Zwischenstufen vor dem mittleren intercolumnium gebil-
det, sondern eine freitreppe führte bis zu der zweiten tempelstufe hin-
an; diese treppe bildete vor der mitte der tempelstufe eine terrasse,
auf welcher die grundlage eines altars sichtbar geworden ist. — Die
freilegung der Südseite ist von osten und westen her kräftig in angriff
genommen. Zu den vielen für die geschichte der architektur wichtigen
fundstücken gehören auch die wasserspeienden löwenköpfe von der
traufrinne. Sie finden sich in drei stylarten gearbeitet , in altertüm-
licher strenge (besonders an der südwest-ecke), ganz naturalistisch, und
endlich in einem übergangsstyl ; eine mannigfaltigkeit, welche deutlich
zeigt, dass der tempel nicht auf einmal gebaut und fertig geworden
ist , wie der Parthenon , sondern ein werk sehr verschiedener epochen
ist. — Was die Umgebung des tempels betrifft, so fand sich an der
nordseite ein postament von porossteinen, 4 meter lang mit reliefstücken
von gewandfiguren ; an der Südseite die basis mit einer ehreninschrift,
die, wie es scheint, der kaiserin Faustina gilt. — Besonders erfreulich
war die glückliche ergänzung verschiedener merkwürdiger Schriftdenk-
mäler ; so fand sich am 2. märz das zweite stück zu der früher bespro-
chenen (in der Arch. ztg. herausgegebenen) ageladasinschrift , welches
zeigt, dass Ageladas hier der name des vaters ist und dass sein söhn
Argeiadas der urheber des kunstwerks war. Auch die früher erwähnte
Inschrift des Praxiteles ist jetzt in zwei distichen vollständig da und
zeigt uns den ganzen lebenslauf eines Arkadiers, welcher sich am abend
eines abenteuerlichen Wanderlebens in sein heimathliches bergland zu-
rückgezogen hatte. — Am meisten einzelfunde sind vor der Westseite
gemacht. Hier kam eine mauer zum Vorschein , die sich von der süd-
westecke nach süden zieht, aus postamenten, säulentrommeln, triglyphen,
ionischen und dorischen kapitellen , marmorblöcken und ziegeln bunt
zusammengeschichtet. Hier fand sich eine basis mit der künstlerinschrift
eines Sophokles (aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr.), die ehrenin-
schrift auf den Olympioniken Lykomedes und eine reihe vorzüglich er-
haltener löwenköpfe aus terrakotta mit reichem farbenschmuck in voller
frische, endlich eine inschrift, wahrscheinlich des L. Mummius an dem
von Pausanias erwähnten Zeusbilde. — Von der südostecke des tempels
3ind 10 schritt gegen SO die grundmauern eines rundbaues aus marmor
Nr. 7. Kleine philologische zeitung. 341
zum Vorschein gekommen. In derselben gegend (8 schritt gegen SSO.)
zeigte sich am 15. märz eine runde marmorbasis, inwendig ausgehöhlt
wie eine brunnenmündung, mit einer oben am rande angebrachten sehr
altertümlichen Inschrift. Es ist dieselbe, welche Pausanias (kap. 24, 3)
am fusse der Zeusstatue las, dem weihgeschenk der Lacedämonier , das
dieselben nach der zweiten besiegung Messeniens errichtet haben sollen.
— Auf die statue und das postament der Siegesgöttin , mit welcher die
olympischen funde anfingen , haben die weiteren ausgrabungen immer
wieder zurückgeführt. Man hat die gewaltigen blocke der basis, die
sich 4 bis 5 meter hoch aufbaute, immer vollständiger gefunden; von
der statue selbst einen marmorflügel und eine reihe von bruchstücken ,
welche dem abgusse sehr zu statten kommen. — Die ganze Umgebung
der Nike wird jetzt klar. Man erkennt die alten, von weihgeschenken
eingehegten wege, welche durch den hain des Zeus führten ; man erhält
zum ersten male eine anschauung von der ursprünglichen anordnung
und reihenfolge der denkmäler, welche sämmtlich an alter stelle stehen.
— Von zerstreuten alterthümern sind zu erwähnen verschiedene Über-
reste gerundeter marmorplatten mit spuren buntfarbiger maierei , das
vordertheil eines pferdeleibes , ziegel vom tempeldache mit inschriften
in elischer mundart u. a. — An mannigfaltigen und höchst lehrreichen
ergebnissen für architektur , topographie und denkmälerkunde ist also
der letzte monat sehr ergiebig gewesen. Die arbeiten haben ohne
Störung fortgesetzt werden können unter der leitung von dr. Weil, wel-
cher sich der Stellvertretung mit grosser treue angenommen hat. In-
zwischen haben sich auch unsere beiden landsleute, welche das ganze
werk mit aufopfernder thätigkeit so glücklich in gang gebracht haben,
durch einen aufenthalt in Corfu wieder vollständig hergestellt. Bötti-
cher ist schon ende märz auf seinen posten zurückgekehrt. Dr. Hirsch-
feld geht am 4. april zusammen mit baurath Adler von Corfu nach
Olympia, wo dann festgestellt werden soll, was noch in diesem frühjahr
erreicht werden kann, ehe die Sommerhitze im Alpheiosthale eine not-
wendige pause von mehreren monaten herbeiführt.
VI aus Reichs. -Anz. nr. 101. Man hat in verschiedenen strecken an
der südostseite des tempels die alte mauer gefunden, welche den tempel-
hain einfasste, die Altismauer, deren aufdeckung für die topographie des
ganzen locals wichtig ist. Vier bis fünf meter vor der mauer fand man
eine reihe von postamenten ; 18 noch an ort und stelle stehend, andere um-
gestürzt, die meisten sind oblong oder quadratisch, rund nur zwei. Näher
der mauer fanden sich die bruchstücke älterer grösserer postamente, die
wohl zur aufstellung eherner Viergespanne gedient haben. Nach frei-
legung aller postamente steht eine reichliche inschriftenernte in aussieht.
Von sculpturen fand man die fragmente einer kaiserstatue, neue pferde-
fragmente vom ostgiebel und unter der masse vergoldeter bronze, die
den boden bedeckt, einige grössere werthvollere stücke, die kriegern,
rossen und dreifüssen angehören. — Der alte boden wird jetzt auch an
der südseite des tempels freigelegt , wo die mächtigen säulentrommeln,
wie sie vom erdstosse hingeworfen wurden, neben einander liegen. An
der s.-w. ecke des tempels beginnt vom unterbau desselben eine ca. 4
meter breite mauer, die sich bis jetzt 16 meter weit nach süden ver-
folgen lässt ; eine mauer , welche , wie die fränkische mauer in Athen,
aus einer unglaublichen menge von architecturstücken aufgebaut ist,
glücklicher weise ohne mörtel, so dass die allmähliche auflösung dieser
mauer für die baugeschichte von Olympia reiche ergebnisse verspricht.
— Seit der ankunft von baurath Adler und dr. Hirschfeld in Olympia
(sonnabend , 8. april) wurde den arbeitern eine neue aufgäbe gestellt,
nämlich die Säuberung des fussbodens des tempels, um auf demselben
die spuren der alten baulichen einrichtung zu erforschen. Eine völlige
Philol. Anz. VII. 22
342 Kleine philologische zeitüng. Ur. 7,
ausräumung ist in diesem frühjahr nicht mehr möglich, doch hat man
schon die Überreste der Cellamauer gefunden, sowie die unteren theile
der säulen, welche in der Cella aufgestellt waren ; hier ist auch das alte
marmorpflaster erhalten, dessen beschaffenheit über die ursprüngliche
eintheilung und benutzung des raums die lehrreichsten ergebnisse in
aussieht stellt. Man ist gegenwärtig beschäftigt, die vorzelle (pronaos)
des tempels vollständig auszuräumen und die schuttmassen zu entfernen,
welche die südhälfte der Cella noch bedecken. — Diese arbeiten wurden
täglich von 80 mann ausgeführt , lediglich zur wissenschaftlichen erfor-
schung des tempelbaues und ohne hoffnung auf besondere funde. Um
so erfreulicher war es, dass mittwoch, den 19. april, bei aufräumung
des pronaos dicht unter der Oberfläche (0,60 tief) eine metopentafel zum
Vorschein kam, nach oben gekehrt, so dass der köpf einer Jungfrau zu-
erst sichtbar wurde. Donnerstag mittag wurde die freilegung vollendet
und man hatte nun ein prachtstück der ersten Campagne vor äugen.
Es ist eine marmortafel, 1,60 hoch, 1,51 breit, ohne oberen rand, mit
niedrigem unterrand. Links eine feierlich stehende, lang bekleidete
Jungfrau, deren rechter arm herabhängt mit geöffneten fingern; der
köpf ist nach rechts gewendet, das wellige haar mit einer haube be-
deckt; der linke arm ist nach oben gerichtet. Daneben, ihr den rücken
wendend, ganz im profil, ein unbekleideter mann, eine last tragend;
der bärtige köpf ist nach vorne gerichtet, so dass er in geschickter
weise zwischen den Oberarmen sichtbar wird. Ihm gegenüber Herakles,
den rechten arm nach vorne streckend , mit drei Aepfeln in der hand :
der linke arm ist gebrochen. Alles andere ist vortrefflich erhalten , na-
mentlich der köpf mit spitzbart, locken und Stirnband. Die an der
unteren ecke rechts fehlenden stücke sind grösstentheils noch gefunden.
Das werk ist nach styl und inhalt unschätzbar. Die figur in der mitte
kann nur Atlas sein , von dem man glaubte , dass sein köpf unter den
aus Olympia nach Paris gebrachten bruchstücken sei. — Wegen der
auiräumung des inneren tempels ist die ausgrabung innerhalb desselben
langsamer vorgeschritten. Dazu kommt, dass zum Osterfeste die Tza-
konen in ihre heimath abzogen und die arbeitskräfte um ein drittel
verringert wurden. Auch die herstellung der Photographien, die durch
Romaides aus Patras gemacht sind und sehr gelungen sein sollen (sie
werden jetzt in Patras vervielfältigt), verlangte viel arbeitskräfte, um
die sculpturwerke aus den magazinen und zurück zu bringen. Ebenso
war die herstellung der gypsformen durch Martinelli und Borghini eine
schwierige und mühevolle aufgäbe. Es sind jetzt alle wichtigeren
stücke geformt und zur Verpackung bereit; der transport soll auf dem
Alpheios bewerkstelligt werden, denn leider ist die fahrstrasse noch
nicht fertig, auch nicht die Kladeosbrücke, welche den Schlusspunkt der
Strasse von Pyrgos nach Olympia bilden soll. Dr. Hirschfeld wird Ver-
packung und transport überwachen. Bei dem zusammensuchen der zu-
sammengehörigen sculpturen ist es gelungen, den Unterkörper des knie-
enden mannes mit dem am 15. december gefundenen Oberkörper
als vollkommen zusammenpassend zu erkennen; dadurch ist eine
beinahe vollständige figur des ostgiebels gewonnen, die figur eines
wagenlenkers , welche der linken giebelseite angehört. Als zur
Nike gehörig hat sich das bruchstück eines vogels gefunden, das
genau an die linke seite der statue passt. Von inschriften sind
in den letzten wochen besonders solche zu tage gekommen, die sich
auf römische zeiten beziehen, drei Mummiusinschriften , eine inschriffc
auf Claudius Lyson u. a. — Man denkt vorläufig die arbeiten bis
gegen ende mai fortzusetzen. Die Jahrhunderte lang so verödete
tempelstätte von Olympia ist seit diesem frühjahr wieder ein wallfahrts-
Nr. 7. Kleine philologische zeitung. 343
ort geworden ; in den ostertagen hat man täglich 4- bis 500 fremde
gerechnet.
Ueber das zeitungswesen in China giebt der Reichsanz. nr. 15 ei-
nige notizen.
Einige nachrichten über die reise des oberst Gordon in Africa den
Nil betreffend giebt Reichsanz. nr. 26 , die in nr. 47 aber dahin
vervollständigt werden, dass der oberst seine reise hat aufgeben
müssen.
Zwischen Colombier und Auvernier in der Schweiz sind gräber
entdeckt, welche in die zeit der pfahlbauten gesetzt werden. Näheres
giebt aus dem Feuille d'avis des montagnes der Reichsanz. nr. 29.
Eine zusammenfassende darstellung der bisherigen ausgrabungen in
Augsburg und somit eine grundlage für die erörterungen über die ge-
schichte dieser stadt in römischer zeit wird prof. Schreiber nach Reichs-
anz. nr. 37 in der Augsb. Allg. ztg. erscheinen lassen.
Berlin, 12. febr. Gladstone soll ein werk betitelt Thesauros Ho-
merihos erscheinen lassen wollen. — Es ist das wohl dasselbe, welches
ende februar unter dem titel : die zeit und der ort Homers erschienen
ist. Nach einer mittheilung im Reichsanz. nr. 65 nimmt Gladstone an,
dass in den berichten über den trojanischen krieg ein solider thatsäch-
licher kern liege , dass Homer innerhalb des ersten Jahrhunderts nach
jenem kriege gelebt und noch vor der dorischen Wanderung geblüht
habe : ein asiatischer grieche sei Homer nicht gewesen , aber über ori-
entalische und ägyptische dinge gut unterrichtet.
Saarbrücken, 16. febr. Bei dem dorfe Wellen stiess man bei den
erdarbeiten der bahn Trier-Diedenhofen auf Überreste eines römischen
badehauses, welches zu einer sehr reich eingerichteten villa gehört haben
muss. Die grosse da gefundene anzahl von münzen, ringen, spangen,
theile einer kolossalen urne aus marmor u. s. w. sind nach Bonn ge-
schafft, um im dortigen museum aufgestellt zu werden.
Nach der Academy giebt Reichsanz. nr. 57 kurze nachricht von
einem funde im tempel zu Karnak ; die inschriften enthalten den namen
Psammetich I.
Heidelberg , 11. märz. Gestern wurden hier im museumssaale
Aeschylos Perser nach einer Übersetzung des prof. Köchly von mitgliedern
des mannheimer theaters aufgeführt ; die durchweg im 'sprachgesang'
gehaltenen chöre waren vom erbprinzen von Sachsen-Meiningen in musik
gesetzt.
Berlin, 24. märz. Dr. Siegmund, am gymnasium zu Strassburg
angestellt, ist auf der insel Kypros, wohin er sich seiner antiquarischen
und geographischen arbeiten wegen begeben hatte, durch einen unglück-
lichen zufall am 3 h. ums leben gekommen. Mit ausgrabungen bei Palaio
Limassoi, dem alten Amathus, beschäftigt, verlor er beim herausklettern
aus den ruinen den halt und fiel so unglücklich zurück, dass er sofort
starb. Seine Verdienste um die entzifferung der kyprischen inschriften
sind jüngst im Philol. XXXV, 1 gebührend hervorgehoben.
In der Gazetta Ufßciale vom 22. märz erlässt die Societa Reale
zu Neapel ein Preisausschreiben für gelehrte aller nationalitäten: eine
arbeit in italienischer, lateinischer oder französischer spräche wird ver-
langt über die alexandrinische philosophie nach den Schriften des
Prokies: preis 600 lire, ablieferungszeit 3. juni 1877: adresse : das
Becretariat der königl. academie der moralischen und politischen Wis-
senschaften zu Neapel.
In einem kürzlich bei Rom ausgegrabenen Columbarium haben die
auf den vier wandflächen vertheilten frescobilder besondere aufmerk-
Bamkeit erregt, weil gegen den bis jetzt bekannten brauch italische
Bagen den stoff zu ihnen geliefert : man findet nämlich in diesen fresken
22*
344 Kleine philologische zeittmg. Nr. 7.
die entstehung Albaiongas, Laviniunis und Roms dargestellt: so die
aussetzung von Romulus und Remus, den bau der mauern Roms, wobei
die quaderzusammenstellung des mauerwerks genau in der weise er-
scheint, wie sie sich noch jetzt in den erhaltenen fragmenten zeigt.
Vrgl. Reichsanz. nr. 80.
Die Moabitica. Das preussische cultus-ministerium hat sich im vo-
rigen jähre bewegen lassen , eine reihe sg. moabitischer vasen und
sonstiger antiquitäten , von denen in der Zeitschrift der morgenländi-
schen gesellschaft seit 1872 trotz des kopfschüttelns wahrer kenner
(s. unter andern Socin in Augsb. Allg. ztg. 1872 beil. zu nr. 80) viel-
fach die rede gewesen, um 17000 thlr. anzukaufen. Die tagespresse
nahm unseres wissens von dem ankauf wenig notiz: kenner äusserten
wiederholt, dass das ministerium auf das gröblichste betrogen sei : klar
ist dann der betrug nachgewiesen in der schrift : die ächtheit der moa-
bitischen alterthümer geprüft von prof. E. Kauizsch und prof. A. Socin
in Basel. 8. Strassburg-London. 1876. Welche aufnähme dies buch
und der ankauf selbst in gelehrten kreisen gefunden, lässt deutlich fol-
gender artikel der Berliner nationalzeitung in nummer 85 (vom 20. febr.
1876) im ersten beiblatte erkennen:
Hinsichtlich der moabitischen alterthümer des berliner museums
geht uns aus Göttingen unter dem 17. februar 1876 folgender brief zu,
den wir wegen des interesses, das die angelegenheit in gelehrten kreisen
erregt hat, wörtlich mittheilen: Sie gestatten mir wohl, geehrter herr,
unter bezugnahme auf die in nr. 79 Ihres blattes an einen in der ber-
liner börsenzeitung abgedruckten brief der herren professoren Kautzsch
und Socin angeknüpften bemerkungen Ihnen eine stelle aus dem Vor-
worte mitzutheilen , welches jene beiden gelehrten ihrem schätzbaren
buche vorgesetzt haben. Es heisst dort:
Wir halten es für unsere erste pflicht, auf grund einer umfassen-
den korrespondenz und mündlichen besprechung mit zahlreichen fach-
genossen ausdrücklich zu konstatiren, dass uns wenigstens nur eine
verschwindend kleine zahl von vertheidigern der ächtheit bekannt
geworden ist gegenüber der grossen zahl derer, welche die thonwaaren
entweder ausdrücklich oder doch mit sehr schwacher reserve für eine
grossartige fälschung erklären.
Mir selbst sind in ganz Deutschland nur vier gelehrte bekannt,
welche den jerusalemer lohndiener Selim für einen alten Moabiter ge-
halten haben: die zwei, welche allen Warnungen zum trotz den ankauf
des plunders — denn gekauft ist er — veranlassten : ein ziemlich seitab
stehender enthusiast, und ein seitdem verstorbener, an dessen einsieht
zu zweifeln man übrigens längst allen grund hatte. Jene beiden haben
für allen spott aufzukommen , welcher aus der angelegenheit erwachsen
ist und noch erwachsen wird : die deutsche Wissenschaft braucht gar
keine vertheidigung, und gerade in Berlin haben Rödiger und Wetzstein
deutlich genug ihre meinung gesagt. — Wenn hochgestellte leute sach-
verständige befragen wollen , müssen sie zu beurtheilen verstehn , wer
sachverständig ist, und wer nur zur zeit in gewissen kreisen für sach-
verständig gilt. Hochachtungsvoll professor Paul de JLagarde, doctor
der theologie.
Es wäre die angelegenheit wohl nur in gelehrten kreisen verhan-
delt, wäre sie nicht gegenständ einer Interpellation im Preussischen
abgeordnetenhause geworden und hätte nicht Th. Mommsen bei dieser
gelegenheit das ministerium zu vertheidigen gesucht. Denn Mommsens
rede (s Stenogr. ber. p. 698) Hess die Stellung des prof. Fleischer,
einer der ersten autoritäten in diesem fache, zu den moabitica in
einem eignen lichte erscheinen ; man musste glauben , dass dieser
gelehrte sie für echt gehalten und ihren ankauf gutgeheissen. Des-
Nr. 7. Kleine philologische zeitung 345
halb erklärte prof. Fleischer im Leipz. Tagebl. vom 21. märz, er
habe den prof. Th. Mommsen zur berichtigung jener rede aufgefordert
und bald darauf versicherte der friedfertige gelehrte ebendas. vom 24.
märz, dass ein brief Th. Mommsen's ihm die gewünschte genugthuung
gebracht und weitere Verfolgung der sache unnöthig erscheine. Da-
gegen verwahrte sich jedoch Th. Mommsen in einem dunkeln artikel
in der Nation, ztg. nr. 144, und behauptete keine genugthuung gegeben
zu haben. Mittlerweile hatten die Grenzboten nr. 16 die sache be-
sprochen: aber ein artikel Fleischers in der Deutsch, allgem. ztg. vom
12. april bewog den vrf. des aufsatzes in Grenzb. nr. 16 zu einem
nachtrag in nr. 17 p. 154, nach welchem Fleischer nie an der un-
echtheit der moabitica gezweifelt hat und in dem, um die sache ins
klare zu bringen, drei fragen an Th. Mommsen gestellt werden: dabei
spricht vrf. offen aus — p. 156 — dass 'sie (die durch den ankauf
erzeugte blamage) auf einer oder einigen vorläufig noch unbekannten
aber vielleicht zu errathenden grossen in Berlin sitzen bleibt. Wir
haben Ursache uns aufrichtig darüber zu freuen'. Doch schon in Grenzb.
nr. 18 spricht derselbe vrf. ohne antwort auf seine fragen abzuwarten,
auf grund des ihm mitgetheilten oben erwähnten privatbriefes Th.
Mommsens an Fleischer rückhaltslos aus, Mommsen habe 'mit seiner
beschuldigung Fleischers im Preussischen abgeordnetenhause wissent-
lich und absichtlich vor Deutschland, vor ganz Europa die Unwahrheit
gesagt, auf deutsch — gelogen': eine anklage, auf die Th. Mommsen
nicht schweigen konnte. Und so vertheidigt er sich in einem 'zur ab-
wehr' üb erschriebenen artikel aus Rom, s. Im neuen reich nr. 22, p. 899:
mit diesem fast gleichzeitig erschien in Grenzb. nr. 23, p.399 'in Sachen
Mommsens contra Fleischer', wo das 'gelogen' zwar zurückgenommen, aber
dafür p. 400 gesagt wird: 'er (Mommsen) hat nicht bewusst die Un-
wahrheit gesagt, aber nicht die volle Wahrheit': dabei nennt der vrf.
als den, welcher die meiste Verantwortung des ankaufs trage, den
GORR. Olshausen. Dies das bis jetzt veröffentlichte und unsere
quellen. Aus allen diesen Schriften und gegenscbriften geht meine ich
der wahre Sachverhalt nicht deutlich hervor: daher folgendes. Der
vorstand der deutschen morgenländischen gesellschaft hat 1872 dem preussi-
schen cultus-ministerium den ankauf einiger wenigen moabitischen inschrif-
ten (vasen) empfohlen : diesen antrag hat Fleischer als mitglied jenes
Vorstandes unterschrieben, daneben aber in einer besondern für das
preussische cultus-ministerium bestimmten eingäbe (abgedruckt Nat.-ztg.
nr. 179) auf die mit diesen alterthümern notorisch betriebenen fäl-
schungen nachdrücklichst hingewiesen und zu grösster vorsieht gemahnt,
ein verfahren, woraus niemand vernünftiger weise Fleischern einen Vor-
wurf machen kann: diese eingäbe ist mit jenem antrag dem prof.
Schlottmann, einem mitgliede jenes Vorstandes, zur einsendung an das
ministerium übergeben, nie aber an dasselbe gelangt: wie ist das mög-
lich gewesen? wo ist das aktenstück geblieben? Die vasen sind dann
gekauft. Mit diesem geschäfte steht der ankauf der sg. moabitica um 17000
thlr. = 51000 rmk. in keiner Verbindung: bei ihm ist Fleischer gar nicht
betheiligt: es durfte daher jener antrag mit Fleischers Unterschrift auch
ohne jene eingäbe zu des zweiten ankaufs rechtfertigung von Mommsen
gar nicht herangezogen werden ; es wäre ja doch von jenen paar
(unechten) inschriften und vasen auf die echtheit dieser masse plunders
zu schliessen gegen alle regeln der kritik und eine ausser aller berech-
nung liegende Übereilung. So hat denn der anonymus in Grenzb. nr. 18
in betreff Mommsens leider so unrecht nicht: es mag immerhin ein
unterschied zwischen lügen und wissentlich zu des einen nachtheil und
dem vortheil anderer nicht die volle Wahrheit sagen bestehen — hier
ist er gleichgültig, "da ausgemacht bleibt, dass Th. Mommsen bei seiner
346 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 7.
vertheidigung des ministeriums sich eben nicht sittlicher mittel bedient
hat. Und darin liegen die gründe, weshalb hier der sache gedacht
worden: bei den jetzigen kämpfen würde sie sofort zum nachtheil der
deutschen gelehrtenweit ausgebeutet, verhindert diese dies nicht selbst
durch unnachsichtige verurtheilung des verwerflichen. Dann aber hat
Th. Mommsen in der neuerdings so viel besprochenen promotionsfrage
(s. unten hft. 9) ganzen facultäten und Universitäten mangel an Sittlich-
keit vorzuwerfen sich nicht entblödet, es scheint deshalb nicht ganz
werthlos, die sittlichen grundsätze des angreifers festzustellen. Uebrigens
sieht aucb, wenn nicht alles trügt, das cultus-ministerium ein, wie miss-
lich es sei, von Th. Mommsen vertheidigt zu werden: ein erlass desselben
das promotionswesen betreffend (s. Reichsanz. nr. 122 und unt. hft. 9)
führt darauf. Th. Mommsen selbst aber ist allen diesen wirren glücklich
entrückt: durch sein amt gezwungen weilt er jetzt in demland, wo die
citronen blühen; aber das was aus Italien von den von ihm daselbst gege-
benen gastrollen verlautet, zeigt auch wie er nichts besser versteht als der
eignen partei Verlegenheiten bereiten ; das nächste heft bringt das nähere.
Was jedoch schliesslich das für die Wissenschaft wichtige bei diesen
moabitica betrifft, so hat Hoffmann in Gott. gel. anz. 1876 nr. 16 in
der anzeige des oben erwähnten buchs Socin's und Kautzsch's die un-
echtheit von neuem constatirt und dabei auch die schrift 'Moabi-
tisch oder selimisch? die frage der moabitischen alterthümer neu unter-
sucht von dd. Koch, prof. in Schaffhausen. 8. Stuttgart 1876' be-
sprochen, wo der vergebliche versuch gemacht wird, für theilweise echt-
heit einzutreten. — E. v. L.
Auszüge aus Zeitschriften.
Archäologische zeitung von E. Curtius und R. Schöne bd.
VIII hft. 1. 2 (der ganzen folge bd. XXXIII): E. Curtius, die darstel-
lungen des Kairos, p. 1 (hierzu taf. 1, 2, 1—4). — E. Schuhe, mar-
morbüste eines römischen feldherrn, p. 9 (hierzu taf. 3). — F. Matz,
über ein relief in palazzo Colonna, p. 18 (hierzu taf. 4). — H. Engel-
mann, Herakles mit Erginos, p. 20. — G. Hirschfeld, Teos, p. 23
(hierzu taf. 5 und eine hülfstafel): äusserst interessante geschichte der
stadt mit besonderer rücksicht auf inschriften und ruinen: dabei auch
eine situationskarte in holzschnitt. — A. Michaelis, bemerkungen zur
sicyonischen malerschule, p. 30. — G. Treu, Aphrodite Anadyomene, p.
39: ein terracottengrefäss des museums in Berlin (hierzu taf. 6.7).
Miscellen: F. Weizsäcker, zur periegese des Pausanias, p. 45: be-
zieht sich auf Paus. 1, 22 und schützt gegen C. Wachsmuth die über-
lieferte La in Herod. V, 77 idvövn. — G. Hirschfeld, ein smyrnäischer
grabstein, p. 47 (hierzu taf. 2, 5) : es wird auf ihm der Demos als den
todten kränzend genannt: Cic. p. Flacc. 31 : und Corp. Jnscr. Grr. T.
n. 3216 flg. — W. Forchhammer, zu den terracotten aus Tanagra, p.
47: den mann auf ihnen, den man für einen kuchenbäcker gehalten,
fasst Forchhammer als ke vxavt^g , d. h. als verfertiger von ksvxmjuara.
— A. Michaelis, sepulcrales weihrelief in Mannheim, p. 48: die ir schrift
darauf soll lauten: . . ygiog avi&tjytv Evktp. — E. Curtius, die ent-
deckung des zweiten Sesostrisbildes bei Smyrna durch C. Humann, p.
50: nebst holzschnitten. — A. Trendelenburg, zwei zusammengehörige
fragmente des capitolinischen Stadtplans, p. 52. — E. Curtius, zur to-
pographie der propyläen: bespricht mit bezug auf ob. p. 46 und erklärt
Herod. V, 77 itfiövn — — Berichte: Aus Triest und Athen, p. 54. —
Rom : festsitzung des archäologischen instituts, p. 55. — Berlin : ar-
chäologische gesellschaft, p. 57. — Berichtigung von iü. E. zu Arch.
ztg. 1874, p. 150.
Nr. 7. Auszüge aus Zeitschriften. 347
Hffc. 3 : K. Dilthey , über die darstellungen der kindermordenden
Medea, p. 63 (hierzu taf. 8). — H. Dütschke, Admetos und Alkestis,
relief im palazzo Ribaccini in Florenz, p. 72 (hierzu taf. 9). — R. Für-
ster, über den Sarkophag zu Wiltonhouse , p. 79. — A. von Sallet,
Zeus, Poseidon und Nike, vasenbild aus Cervetri, p. 87 (hierzu taf.
10): die götter sind durch beischriften bezeichnet: sehr schön. — G.
Treu, die teller des Duris im Berliner museum, p. 88, mit holzschnitt.
JE. Curtius , die griechische kunst in Indien (hierzu taf. 11). — C.
Robert, neue fragmente der parthenonsculpturen , p. 95. — — Mis-
c eilen: A. Michaelis, fragment eines attischen Sokrates, p. 104. —
Derselbe, Cesarini — Ludovisi, p. 106 : betrifft Sammlungen von antiken.
— p. 111: (die Verkehrtheiten in diesem aufsatz werden hft. 4, p. 168
dargethan). — Derselbe, zu den Orestes-sarkophagen , p. 107. — Th.
Schreiber, die Anadyomene und der Monoglenos des Apelles, p. 108:
erklärt Petron. Satyr. 877. — E. Plew , Apollon Krateanos, p. 113:
erklärt Kgcmavös als Apollo von Krateia in Bithynien: s. ob. nr. 2, p.
110. — — Berichte: Berlin: archäologische gesellschaft.
Hft. 4 : E. Petersen, die neueste erklärung der westgiebelgruppe
des parthenon, p. 115: gegen Stephani gerichtet. — W. Gebhard, das
braunschweigische onyxgefäss, p. 128. — F. Pervanoglu, diptychon des
städtischen museum zu Triest, p. 131 (hierzu taf. 12). — C. Robert,
Iphigenie in Tauris (hierzu taf. 13). — Derselbe, die ausgrabungen in
Tanagra, p. 148 : durch die terracottafunde 1873 aufmerksam gemacht,
hat die archäologische gesellschaft in Athen ausgrabungen veranlasst,
von denen hier gehandelt wird , zugleich werden eine reihe inschriften
— einige facsimilirt — mitgetheilt, durch welche die kenntniss des böo-
tischen alphabets wesentlich bereichert wird. — C. D. Mylonas, drei
griechische Spiegel, p. 161 (hierzu taf. 14). — R. Weil, münzfund vom
Dipylon, p. 163. — E. Curtius, zwei terracotten des antiquariums in
Berlin, p. 166 (hierzu taf. 15): betreffen Eos und Kephalos, Dionysos
und Silen. — — Mise eilen: C. v. Wilamowitz, die eidechse des
Diokles und die einäugige des Apelles: behandelt Straton in Anth. Pal.
XII, 207 und Petron. Sat. 83 mit bezug auf ob. hft. 3, p. 111.
Ber ichte .- Chronik der Winkelmannfeste, p. 170. — Archäologische
gesellschaft in Berlin, p. 173. — Die ausgrabungen von Olympia, p.
175: zuerst werden die drei ersten berichte (s. ob. p. 335) mitgetheilt,
dann p. 178 inschriften aus Olympia, mit bemerkungen von A. Kirch-
koff, von welchen wir aus dem ob. p. 340 angegebenen gründe noch
nichts mittheilen. — A. Engelmann, allgemeiner Jahresbericht, p. 187.
Augsburger Allgemeine zeitung , 1875, beil. zu nr. 292: bei dem
rectoratswechsel an der Universität Wien vorgefallene ungezogene de-
monstrationen der Studenten: sehr zu beklagen. — Beil. zu nr. 293:
der griechische wissenschaftliche verein in Konstantinopel: inhaltsanzeige
von Mordtmann über bd. VII und VIII der abhandlungen dieses Ver-
eins: in diesen bänden stehen auch inschriften aus Sebastopolis im
Pontus, jetzt Su!u-Salai genannt, abhandlung über Chalcedon, über Ky-
zikos mit münzen, auch über leukadischen dialekt der neuzeit; der
druck der anzeige ist aber durch druckfehler sehr entstellt. — Beil. zu
nr. 296 : stimmen aus der Schweiz über religion und Wissenschaft. —
Beil. zu nr. 303: die neuentdeckte handschrift des Strabo: s. ob. p.
258. — Beil zu nr. 304. 305. 358. 359 : Fr. von Zäher, Kretafahrten.
VI. VII: betrifft die hochebene von Homato , und deren geschichte in
neuerer zeit, namentlich nr. VII, womit diese Kretafahrten geschlossen
sind, verweilt bei Schilderung der kriege mit den Türken. — Beil. zu
nr. 306: enthält ein decret vom 3. october, das reglement der italieni-
schen Universitäten betreffend : wir heben daraus hervor, dass ungefähr
fünf monate ferien, die Studenten prüfungen unterworfen sind, frauen*
348 Auszüge aus Zeitschriften. Sfr. 7.
zimmer auch hören, ja auch promovirt werden dürfen; zu wissenschaft-
lichen zwecken sind Studentenverbindungen erlaubt: auch für die Pro-
fessoren fehlt es nicht an bestimmten Vorschriften, z. b. : 'der professor
trägt nach jeder Vorlesung in ein dazu bestimmtes buch den 'titel' ein,
den er in seiner Vorlesung behandelt hat u. s. w.' — Zur neugriechi-
schen literatur: die ausgäbe der änccvra <pt\okoyi>xd von Rangawis wird
angezeigt: (s. ob. hft. 5, p. 258). — Beil. zu nr. 307: Max Müller, über
Volksunterricht in England: Übersetzung einer rede, die dieser gelehrte
in Manchester gehalten. — Nr. 309: das grab von J. H. Voss: s. oben
hft. 5, p. 258. — Beil. zu nr. 314: Eduard Zeller, vortrage und ab-
handlungen: sehr beachtenBwerthe anzeige der zweiten aufläge dieses
buchs: ausführlich wird der erste aufsatz: 'die entwicklung des mono-
theismus bei den Griechen' und 'der platonische staat in seiner bedeu-
tung für die folgezeit' besprochen. — Nr. 321: Stipendien für die Uni-
versität Czernowitz. — Beil. zu nr. 322 : der Ursprung der spräche :
anzeige der schrift von Marti/ über den Ursprung der spräche. — Beil.
zu nr. 324: die römische nekropole am Esquilin: berichtet über die
columbarien: sehr zu beachten. — Beil. zu nr. 334: die oben nr. 306
erwähnte reorganisation an italienischen Universitäten wird in Italien
im parlament wie an den Universitäten scharf und zwar mit recht an-
gegriffen : denn es fehlt ihr ein sicheres prineip und daher organische
einheit. In Turin ist professor Pacchiotti in öffentlicher rede gegen sie
aufgetreten und wie sehr Bonghi sich davon getroffen fühlt, zeigt, dass
er unklug genug Pacchiotti einen verweis hat zukommen lassen : in Rom
hat professor Guido Bochelli den kämpf eröffnet. Die Universitäten
fühlen sich in ihren rechten verletzt und jedenfalls hätten sie gehört
werden müssen: sie sehen weiter die Verkehrtheit der Organisation ein;
auf der einen seite wird professoren wie Studenten freiheit gegeben,
auf der anderen beide schülermässig beschränkt. Auch im Parlament
fühlt man sich verletzt, da man meint, so tief eingreifende änderungen
in öffentlichen instituten dürften ohne seine stimme zu hören nicht ge-
macht werden: mit mühe hat Minghetti aufschiebung der sache bis zu
Bonghi's Wiederherstellung erlangt. — Es sind dies zustände und fragen,
welche uns Deutsche sehr nahe angehen : die scheinbare freiheit, welche
jetzt die preussischen resp. deutschen Universitäten noch besitzen, wird
bei neuen unterrichtsgeselzen , auch wenn sie vor die kammern und
landtage kommen , trotz einzelner protestationen und gegenstimmen
immer mehr beschränkt werden, einerseits weil in der regierung die
bureaukratie das übergewicht hat und dieser jede abweichung von
ihrem zopfe und vor allem jede auch noch so geringe Selbstständigkeit
von wegen ihrer inneren nichtigkeit und schwäche zuwider ist , andrer-
seits weil das publikum und somit auch die kammern auf den miss-
brauch, welchen übermüthige und gewissenlose professoren von der
freiheit — z. b« im schliessen und anfangen der Vorlesungen — machen,
zu viel gewicht legen und statt auf die rechte weise die schwächen
der Universitäten deren wesen gemäss zu verbessern, gleich zu scheinbar
energischen heilmitteln greifen und so das kind mit dem bade aus-
schütten. — Beil. zu nr. 336 : kurze notiz über die die regulirung der
Tiber betreffenden vorschlage der dazu ernannten commission. — Beil.
zu nr. 337 : Aegyptisches : Vortrag von Brugsch auf dem orientalisten-
congresse zu London, den durchgang der Israeliten durch das rothe
meer betreffend: er verlegt ihn nach Unter-Aegypten. —
Nr. 8. 9. August. September 1875«
Philologischer Anzeiger.
Herausgegeben als ergänzung des Pnilologus
von
Ernst von Leutsch.
283. Lexicon etymologicum latino etc. — sanscritum com-
parativum quo eodem sententia verbi analogice explicatur. Con-
struxit Seb. Zehetmayr gymn. prof. 8. Vindobonae 1873.
prostat apud Alfredum Hoelder. VII, 37 9 s.
Keferent ist diesem buche des professor Seb. Zehetmayr
in Freising, der bereits mehrfach gezeigt hat, dass er der ent-
wicklung der modernen Sprachforschung mit interesse und ver-
ständniss gefolgt ist, in einer eigentümlichen läge. Er möchte
es gern loben, denn es verdient in mancher beziehung lob, aber
dieser edlen absieht steht doch wieder mancherlei recht störend
im wege. Man kann zu keiner rechten freude über das buch
kommen und muss sich schliesslich eingestehen, dass keine fühlbare
lücke in der Wissenschaft wäre, wenn es nicht existierte. Dies
Schicksal theilt es freilich mit so vielen andern büchern, dass
ihm daraus noch kein besonderer Vorwurf gemacht werden kann.
Wir Deutschen haben aus früheren zeiten philosophischer Schu-
lung noch immer die unangenehme eigenschaft beibehalten, nach
dem zwecke eines jeden dinges zu fragen; und wenn man dem
vorliegenden buche in dieser neugierigen weise näher rückt und
fragt, warum und besonders für wen es geschrieben ist, so weiss
wenigstens referent hierauf keine befriedigende antwort zu geben.
Für den Sprachforscher von fach sicherlich nicht; dazu ist die
ganze anläge des buches zu unwissenschaftlich und unmethodisch,
eine anordnung nach der alphabetischen reihenfolge des latei-
nischen Wörterbuches genügt nicht, man verlangt wenigstens die
deutlich sich zu einer gruppe zusammen schliessenden Wörter
beisammen vereinigt, wenn man auch nicht so weit zu gehen
Pbilol. Anz. VU. 23
350 283. Grammatik. Nr. €
braucht wie Vanicek in seinem etymologischen Wörterbuch. Für
den philologen ist es aber auch nicht; denn dieser braucht ein
bequemes nachschlagebuch, meinetwegen in alphabetischer reihen-
folge, wobei auf das grundwort verwiesen werden mag, unter
dem das übrige abgehandelt wird. Hier aber muss ihm, falls er
ein wort wirklich aufgefunden hat, angst und bange werden
vor der fülle von fremden vocabeln aus alten und neuen spra-
chen, die zum grossen theil nur des luxus wegen vorhanden
sind. Zugaben aus neuern romanischen sprachen mögen ja
manchem erwünscht sein, wenn sie nur mit consequenz gegeben
wären; wie sie hier stehen, sehen sie mehr als geschenk der
laune oder besser als ergebniss eines principlosen Sammeleifers
aus. Weniger sieht man schon ein, wozu die so häufige her-
anziehung grade des bairischen idiotikons dient ; man sollte pro-
vinciellen interessen nicht so ausgedehnte rechnung tragen, wenn
man ein buch für weitere kreise schreibt. Auch sonst hat ref.
noch manche allgemeinere ausstellung zu machen. Leider gleich
beim titel. Was ist ein lexicon latino etc. — sanscritumt wenn
man die angewohnheit hat zu glauben, wenn man worte sieht,
'so müsse sich dabei doch auch was denken lassen', so überträgt
man sie leicht auch auf eine solch eigenthümliche abkürzung wie
hier das etc. Sind damit die anderen italischen sprachen ge-
meint? Aber von ihnen findet sich, ausser gelegentliehen ver-
gleichenden hinweisen, nichts in dem buche. Oder die andern
indogermanischen? wahrscheinlich, aber dann gehörte das etc.
hinter das sanscritum, oder der titel würde einfacher und besser
gelautet haben lexicon latinum comparativum. Dann wozu über-
haupt die lateinische fassung? wenn man elegant lateinisch zu
schreiben versteht — eine kunst, die leider immer mehr in verfall
geräth — so mag man das meinetwegen auch in linguistischen
arbeiten thun, wenn man es nicht lassen kann. Aber ein lexi-
kon giebt dazu wenig veranlassung, und selbst diese spärliche
veranlassung hat der verf. wenig ausgenützt, es genügt auf den
ersten satz {Delbrüchius quidem ait sie) zu verweisen. Engländer,
Italiener und Franzosen, ja leider sogar Ungarn und Finnen
schreiben ihre linguistischen arbeiten in ihrer muttersprache ;
wir haben alle berechtigung für die unsrige dieselbe achtung
draussen zu verlangen; und überdies sind im auslande bereits
mehrfach urtheile laut geworden, dass man deutsche bücher
Nr. 8. 283. Grammatik. 351
lieber liest als so schlechtes latein. Endlich noch ein drittes.
Es ist durchweg in sprachwissenschaftlichen arbeiten brauch die
citirten vocabeln und formen durch cursiven oder fetten satz
hervorzuheben ; der verf. des vorliegenden buches ist zum grossen
schaden der Übersichtlichkeit und brauchbarkeit davon ab-
gewichen.
Was den factischen inhalt des buches betrifft, so kann man
im allgemeinen den fleiss, mit dem der verf. den ergebnissen
der Sprachwissenschaft nachgegangen ist, wohl loben. Mehr
kritik hätte nicht geschadet, eben so wenig mehr quellencitate :
diese würden das buch auch für fachmänner zum nachschlagen
geeigneter gemacht haben. Grade hier ist eine auffallende un-
gleichmässigkeit bemerkbar. So kann ich nicht entfernt ab-
sehen, wozu auf p. 50 unter centrum die lange, ohne trage ganz
verfehlte auseinandersetzung von Huschke über centum gr.
— ttxovra got. — tigjus abgedruckt ist, wozu das gleich dahinter
unter centum ausgeführte gar nicht stimmt. Freilich hat der
verf. in bezug auf Zahlwörter selbst aus früherer zeit einige
Sünden auf dem gewissen. Ebenso wenig klar ist dem ref. die
häufige und doch auch so ungleichmässige berücksichtigung
griechischer fremdwörter ; diese gehören in kein lateinisches ety-
mologisches Wörterbuch. So auf p. 49 f. cedrus centaurus centrum
cera Cerberus cestus cetus chalybs chamaemelon (warum nicht auch
chamaeleonf) u. s. w. Unter Centaurus werden überdies noch
zwei, ganz unvermittelt neben einander stehende erklärungen
mitgetheilt : = xfvrwv avqaq. confer etiam (! !) sk. gandharwa.
Auf derselben p. 49 wird cedo einem griech. x^Jm gleich ge-
setzt, einer form, die dem ref. absolut unbekannt ist und die
er auch bei eifrigem nachforschen nirgends hat entdecken können.
P. 51 befremdet das mitten in der alphabetischen reihenfolge
stehende cepi ex cecepi jeden, der gewohnt ist so etwas ent-
weder in der grammatik oder im wörterbuche unter dem prae-
sens capto zu suchen. Ebenso auffällig ist gleich darauf das
suffix — cer, worüber auf ludicrus verwiesen wird; warum ist
darüber nicht z. b. schon unter alacer gehandelt? Bei cerda
hätte man eine andeutung darüber erwartet, dass dies wort nur in
Zusammensetzungen im latein existiert. Sehr eigenthümlich nimmt
sich unmittelbar hinter cervus das finnische hirwi aus, worauf
erst xioapog u. s. w. folgt. Oder was soll auf p. 55 das lemma
23*
852 283. Grammatik. Nr. 8.
' clamor pugnantium , f warum nicht einfach clamort Aber je
weiter man umblättert, desto mehr bietet sich gelegenheit zu
solchen einzelnen ausstellungen ; und ich möchte wirklich zum
Schlüsse noch etwas loben, nämlich das geschick, mit dem häufig
auf analoge bedeutungsentwicklungen bei sinnverwandten wort-
gruppen hingewiesen wird. In dieser beziehung verdient das
buch ohne zweifei berücksichtigung, um so mehr, als die Sema-
siologie ja noch ein vollständig jungfräulicher boden ist. Wer sich
nicht scheut darauf hin das buch durchzuarbeiten — mit nach-
schlagen ist hier nichts gethan — , der wird manche treffende
bemerkung notiren können. Sollen wir aber unser gesammt-
urtheil über das buch zusammen fassen, so muss es leider dahin
lauten, dass es der verf. nicht verstanden hat seine mannich-
fache belesenheit und seine brauchbaren Sammlungen durch me-
thodische beschränkung auf das wesentliche und durch wissen-
schaftliche anordnung des Stoffes zu einer leistung zu gestalten,
wie man sie für ein buch mit ähnlichem zwecke zu erwarten
berechtigt ist und trotz der fast gleichzeitigen arbeiten von
Hintner und Vanicek noch immer erwartet. g>.
284. Ueber die spräche der Etrusker von "Wilhelm
Corssen. 8. Erster band. Leipzig 1874. Zweiter band.
Leipzig 1875.
285. Corssen und die spräche der Etrusker. Eine kritik
von W. Deecke dr. , conrector am kaiserl. Lyceum zu Strass-
burg. 8. Stuttgart, Heitz. 1875. 39 s.
286. Etruskische forschungen von W. Deecke dr. Er-
stes heft. 8. Stuttgart, Heitz 1875. 83 s.
Es war seit langer zeit kein geheimniss, dass der scharf-
sinnige erforscher des lateinischen und der verwandten italischen
sprachen ein umfassendes werk über die etruskische spräche
vorbereite, und man war berechtigt demselben mit der höchsten
erwartung entgegen zu sehen. Nachdem eine anzahl kleinerer
arbeiten von ihm vorausgegangen waren, die über seinen Stand-
punkt zur etruskischen frage keinen zweifei liessen, und nach-
dem er schliesslich noch durch einen längeren aufenthalt in
Italien sich einen überblick über das gesammte, an den ver-
schiedenen fundstätten und in Sammlungen zerstreute material
Nr. 8. 284. Grammatik. 353
verschafft hatte, erschien im jähre 1874 der erste umfangreiche
band des werkes über die spräche der Etrusker, der nach einer
einleitung über aiphabet und Sprachdenkmäler eine methodische
Zergliederung und erklärung der inschriften enthält, aufsteigend
von den kürzesten grabinschriften bis zur deutung des umfang-
reichen cippus von Perugia. Das resultat, das sich für Corssen
herausstellte, war, dass das Etruskische auf das engste verwandt
sei mit den übrigen italischen sprachen , durch sehr weit ge-
hende ausstossung von vocalen in tief betonten silben etwas
fremdartig gestaltet, aber in dem allgemeinen typus durch und
durch indogermanisch , speciell italisch. Dies wurde aufgezeigt
an einer anzahl von wortbildenden suffixen, an declinations-
und conjugationsformen , an den Zahlwörtern und pronominibus ;
eine grosse anzahl etruskischer götternamen und appellativa
wurde von Corssen mit den mittein der indogermanischen Sprach-
forschung gedeutet. Corssen erkannte in besonders reicher an-
zahl nominative und accusative des Singulars von männlichen
und weiblichen a- und o-stämmen, nur selten fand er accusativ
plural, genitiv singular und plural, ablatfv dativ und locativ
singular belegt. Von verbalformen wies Corssen praesentia und
perfecta nach , unter ersteren als besonders beweisend für den
indogermanischen Charakter der spräche sum sim = lat. swm,
unter den perfecten eigenthümliche bildungen auf — ce, die er
als durch suffix ha gebildet erklärte und den griechischen per-
fecten auf — xu an die seite stellte, z. b. turuce TtioQtvxe aperuce
(operatus est). Die gebräuchlichsten indogermanischen pronomi-
nalstämme wurden ebenfalls im etruskischen nachgewiesen; von
nominalsuffixen besonders io ia, auch enthalten in den zahlreichen
ehefraunamen auf sa , das C. aus tia erklärte (z. b. Velsisa vom
stamm Velsio-), ferner das weibliche und männliche ti, tur und
ter = lt. tor, unt an un, lo und lä , endlich eine grosse anzahl
von mutterstammnamen auf — al.
Es ist dem grossen forscher nicht vergönnt gewesen den
druck seines grossen werkes , das er als die krönung seiner
ganzen wissenschaftlichen thätigkeit betrachten mochte , selbst
zur Vollendung zu führen: ein jäher tod hat ihn im vergangenen
sommer allzu früh der Wissenschaft entrissen. Prof. Ernst Kuhn
leitete den druck des Schlusses. Der zweite band enthält eine
systematische darstellung der etruskischen laut- und formenlehre
354 285. Grammatik. Nr. 8.
auf grund der Untersuchungen des ersten bandes, dessen resul-
taten nichts wesentlich neues hinzufügt wird. Der tod hat
Corssen eine bittere enttäuschung erspart; wenn er auch selbst
davon nicht überzeugt worden wäre, die frage nach der ethno-
logischen und linguistischen Stellung der Etrusker nicht gelöst
zu haben, so würde er sich doch der einsieht nicht haben ver-
schliessen können, dass diese Überzeugung jetzt von den meisten
der mitforscher getheilt wird. Anfangs war Corssens erster
band mit weitgehender Zustimmung aufgenommen worden , so
von Sophus Bugge in der Jenaer literaturzeitung , von Moriz
Schmidt in Fleckeisens Jahrbüchern , von Gustav Meyer in der
Zeitschrift für österreichische gymnasien. Es waren das alles
gelehrte , die , ohne selbst speciellere etruskische Studien ange-
stellt zu haben, von der umfassenden beherrschung des materials
und der sicheren methode Corssens geblendet sein mochten.
Da erschien die kritik von Deecke in Strassburg, der sich
in der im verein mit Siegismund unternommenen entzifferung
der kyprischen inschriften dem sprachwissenschaftlichen publicum
als scharfsinniger gelehrter gezeigt hatte. Mit der neuheraus-
gabe von Otfried Müllers Etruskern beschäftigt war er der
frage nach dem wesen der etruskischen spräche seit einiger zeit
näher getreten und er sprach auf p. 4 seiner brochure das
harte wort aus, dass Corssen ' durch incorreetheit im material,
willkürliche hypothesen und abenteuerliche etymologien auf den
schlimmsten ab weg gerathen zu sein scheine.'
Deecke geht bei seiner beurtheilung zunächst aus von den
beiden im jähre 1848 gefundenen etruskischen würfeln, die auf
ihren sechs seiten einsilbige Wörter enthalten («iß^, &u. zal. hud-,
ci. so). Man hatte diese für die entweder vollständigen oder
abgekürzten sechs ersten Zahlwörter des Etruskischen gehalten,
bis Corssen darin eine weihinschrift zu erkennen glaubte und
seinerseits ganz andre etruskische Zahlwörter nachwies, die zu
den italischen im engsten Verwandtschaftsverhältnisse stehen.
Deecke sucht nun jene Wörter als wirkliche Zahlwörter zu er-
weisen, während er andrerseits zu zeigen sucht, dass die Corssen'-
schen Zahlwörter theils in ihrer deutung sehr zweifelhaft sind,
theils in römischen lehnwörtern vorkommen. Ebenso wird die
unhaltbarkeit von Corssens deutung der häufig vorkommenden
Wörter clan und etera als maior und minor natu , sec als ehelich
Nr. 8. 286. Grammatik. 355
geboren xm&puia als = junge frau dargethan und für clan die be-
daitung söhn, für iec die von tochter, für puia gattin vermutbet.
Kuz werden dann noch einige von Corssens deutungen von
fleiionsformen einer kritik unterzogen und schliesslich die zum
thell sehr phantastischen etymologien etruskischer götternamen
gevürdigt. Als resultat spricht Deecke aus, dass Corssens buch
besonders durch die willkür des wortableitens , das vernach-
lässigen vorhandener trennungspunkte und ungenauigkeit im
citieren nicht geeignet sei die grundlage der forschung abzu-
geben und dass die etruskische frage durch dasselbe nicht ge-
löst sei.
Der ersten, wesentlich negativen arbeit Deecke's folgte bald
das erste heft Etruskischer forschungen. Es enthält zwei ab-
handlungen. Die erste geht aus von der bereits von Elias
Lattes nachgewiesenen angehängten conjunetion — c und gewinnt
auf dieser grundlage das resultat, dass die namengebung der
Etrusker durchaus auf männlicher grundlage beruhe und dass
von dem sogenannten mutterrechte der Etrusker sich keine spur
zeige; es stellt sich ferner die bedeutung von clan sec puia als
söhn, tochter, gattin definitiv fest, es ergiebt sich ein genitiv.
singularis auf — al, wahrscheinlich ein dativ. singularis auf — s'i,
vielleicht ein nominat. oder aecusativ. pluralis auf — ar, ein dativ.
plur. auf — arasi. Von andern einzelheiten sei die vermuthung
hervorgehoben , dass in dem adiecto Laertae patris nomine auf
dem altar bei Tac. Germ. c. 3 der etruskische vorname lard-
lart zu suchen sei. Die zweite abhandlung beschäftigt sich ein-
gehend mit dem in der ersten gewonnenen suffix — al, von dem
wahrscheinlich gemacht wird, dass es im Etruskischen sowohl
casus- als wortbildend ist, mit zwischen beiden noch schwanken-
der bedeutung, auch durch andere suffixe mehrfach weitergebildet.
Weder ein eingehen auf die einzelheiten der anregenden
und scharfsinnigen Untersuchungen noch ein urtheil über die
grössere oder geringere Sicherheit der gewonnenen resultate er-
scheint angezeigt. Soviel scheint gewiss, dass die indogermani-
sche nationalität der Etrusker , wie sie sich für Corssen heraus-
gestellt hatte, wieder durchaus in frage gestellt ist und dass
wir mit der entscheidung über diese letzte frage grade so weit
sind wie vor Corssen ; denn was Deecke am Schlüsse über Ver-
wandtschaft mit den finnischen sprachen andeutet, wird er selbst
356 287. Grammatik. Nr. 8. /
gewiss für gegenwärtig noch unbeweisbar halten. Wir hoffen,
dass Deecke, dem ein sechswöchentlicher aufenthalt in Toscata
im vorigen herbst gelegenheit gegeben hat die hervorragendsten
denkmäler selbst zu vergleichen, uns bald eine fortsetzung seiner
forschungen giebt. J. <jp. <r.
287. Die substantivirung des lateinischen adjectivpa
durch ellipse, von prof. Joh. Nep. Ott. Kottweil. 1874. 19
s. 4°.
Während die durch subsumption unter einen allgemeinen
persönlichen oder dinglichen Oberbegriff substantivirten lateini-
schen adjectiva wie amicus, militaris, malum, summa ziemlich
genau untersucht sind, kann ein gleiches von denjenigen ellipsen
nicht gesagt werden, denen ein ganz bestimmter, meist concreter
begriff zu gründe liegt, und es ist daher sehr erwünscht, dass
Drägers reiche Sammlung (Hist. syntax 1. §. 25) durch eine
sorgfältige Specialuntersuchung bedeutend erweitert worden ist.
Bleibt es manchmal schwer zu entscheiden, ob die erstere
oder die zweite art der ellipse zu statuieren sei, so zeigt doch
vrf. gegen Gossrau, Dräger u. a. dass man bei brevi nicht tem-
pore ergänzen dürfe, so wenig als /govog bei fista tovto, oder
'zeit' bei in kurzem. Verfänglich bleiben allerdings falle wie
in Herculanensi (im Weimarischen), in pacato, weil daneben oft
agro erscheint, dessen ergänzung vrf. indessen nicht als zwin-
gend anerkennt, so wie er auch bei paucis äbsolvere kein verlis
hinzuzudenken scheint.
Ebenso kann man oft schwanken, welches Substantiv zu
ergänzen sei. Für aerarium, granarium, pomarium u. a. denkt
vrf. an ein ursprüngliches horreum , bei columbarium , gallinarium
u. a. an stabulum, bei argentaria, tonstrina u. a. an officina,
aber bei demselben argentaria, bei ferraria an fodina. Bei pro
rata (Livius 45, 40, 5. vgl. Dirksen, Manual, latinitatis fontium iur.
civ. 810), welches vrf. übersehen, kann sowohl parte als portione
suppliert werden, während der classische ausdruck einfach pro
parte ist; bei in Cumanum mag zwischen praedium und rus ge-
wählt werden. Als nachtrage citierenwir: Alpes] Cottiae u. a. ;
ars~\ fullonica, magicae Aulul. 51, 16, Peip. carmen] propempticon t
coliors] praetoria, Aur. Victor 2. filius] adoptivus. Oros. 5, 15,
frater] germanus, spätlat. navis] cursoria Sidon. Apoll, epist. 1,
Nr. 8. 288. Grammatik. 357
saltus] Pyrenaeus, schon bei Sallust, solea] pedalis, Petron, stellae]
Vergiliae.
Die leicht zu vermehrenden beispiele wären nicht nur chro-
nologisch zu ordnen, in welcher hinsieht Tacitus einen starken
fortschritt bezeichnet mit acta] diurna, lapis] in distanzangaben,
wie ad oetavum , litterae] laureatae , sellä\ curulis , sondern auch
nach den gattungen der litteratur. Denn offenbar ist superum
(mare, Cic. ad Attic, 9, 5, 1) nur im briefstile zulässig, ebenso
Appia u. a. (Cic. ad Q. fr. 3 , 7,1. Hör. Sat. 1, 5, 6) gegen
Appia via (Cic. de imp. Cn. Pomp. 55. p. Mil. 15. Philipp. 7, 1),
und reeta (eher via, als regione) im b. Afric. 18. 40. Hisp. 3.
Hör. Sat. 1, 5, 71, Priap. 8, 3 zeigt doch, dass r. via oder r.
itinere (Cäsar, Livius) der bessere ausdruck sei. Es kann aber
nunmehr auch keine frage mehr sein, dass Tac. Annal. 11, 11
octingentesimo post Romam conditam nicht anno ausgefallen ist,
da einmal Tac. bei lapis analoge ellipsen hat, bei Aur. Vict.
Caes. 5 celebratus octingentesimus urbis, 15 celebrato urbis nongen-
tesimo die ähnliche ellipse von dies (natalis) vorkommt , und ge-
rade die runde zahl eine entschuldigung gewährt.
E. W.
288. Grammaire et style de Tacite par J. Gantrelle.
Paris. 8. Garnier freres 1874. XH und 54 s.
J. Gantrelle hat sich durch eine reihe von Schriften als
kenner des Tacitus und auch der neueren deutschen literatur
über Tacitus bewährt, wie im Philol. Anz. oben, heft 3. bereits
anerkannt ist. In Deutschland ist bisher wohl nur die abhand-
lung über die tendenz des Agricola weiteren kreisen bekannt
geworden; aber die Übersetzung (Berlin 1875), durch welche
dies geschah, ist nicht frei von missverständnissen und auch
der inhalt gerade dieser abhandlung erschien dem ref. in der
hauptsache verfehlt (vgl. Literar. Centralbl. 1875, nr. 23), wäh-
rend andere forscher in Deutschland und Frankreich denselben
beifällig aufgenommen haben. Bei der beurtheilung der Schrift
über grammatik und stil des Tacitus wird sich kaum solche
meinungsverschiedenheit ergeben ; denn unbestreitbar findet sich
darin tüchtige eigene arbeit vereint mit geschickter benützung der
leistungen anderer gelehrten, namentlich des trefflichen buches von
Dräger über syntax und stil des Tacitus, dessen zweite aufläge
358 288. Grammatik. Nr. 8.
(Leipzig 1874) aber erst später als Gantrelle's werkchen erschien.
Schon die anzeige, welche Gantrelle über Drägers buch in der
Revue critique 1874 nr. 47 veröffentlicht hat, ergiebt, wie weit
er sich die Selbständigkeit zu wahren Weiss. Gegenüber der
durch einfachheit ausgezeichneten anordnung, die der deutsche
gelehrte seiner darstellung zu gründe gelegt hat, gliedert Gan-
trelle, dem dieselbe mehr philosophisch als praktisch erscheint, den
Stoff nach seiner nouvelle grammaire de la langue latine (10. edition.
Paris. 1875) in fünf theile : Lexigraphe; Syntaxe; Syntaxe speciale
des parties du discours ; Figur es de Syntaxe ; Du style , welche
wieder in 21 capitel und 186 §§ zerfallen. Ausser seiner
eigenen grammatik hat Gantrelle auch Burnouf's methode pour
etudier la langue latine vielfach citiert. Bezüglich der behandlung
des Stoffes soll hier nur an drei punkte erinnert werden, von
welchen die beiden ersten zwar von Gantrelle nicht übersehen,
vielmehr wiederholt und ausdrücklich angedeutet sind , aber
nach der Überzeugung des ref. noch durchgreifender zur dar-
stellung kommen sollten. Erstens kann die genetische entwicke-
lung der Taciteischen spräche nur durch chronologische anord-
nung und reichere auswahl der beispiele anschaulich gemacht
werden. Zweitens bedarf es für die erkenntniss des individu-
ellen Sprachgebrauchs nicht nur einzelner winke, wie sie Gan-
trelle gegeben hat, sondern durchgehender, bestimmter angaben
darüber, was Tacitus Vorgängern verdankt oder mit Zeitge-
nossen gemeinsam hat. Nun aber findet sich in dem nur we-
nige zeilen umfassenden abschnitt über ellipse eines Substantivs
curuli sc. sellae als beispiel angeführt, das auch bei Plin. Pan. 59
und sonst vorkommt; liburnae sc. navis, was schon bei Cäsar B.
civ. III 9, 1 und anderen begegnet ; postero sc. die, wie bei Cur-
tius VIII 6, 28 (wo allerdings die kurz vorher geht) und bei
dichtem steht. Endlich drittens erscheint es wünschenswerth,
die citierten beispiele nicht lediglich nach der lesart irgend
einer ausgäbe, sondern im hinblick auf die handschriftliche ge-
währ und die in den meisten guten ausgaben recipierte lesart
sorgfältig revidiert mitzutheilen. Gantrelle aber führt z. b. p.
3 für aemulatus nur die stelle Hist. III, 66 an, wo das wort
auf einer conjectur von Lipsius beruht; es war vielmehr Ann.
XIII, 46 zu citieren, da auch Agr. 46 die lesart nur auf eine
vermuthung von Heinsius gegründet ist und richtiger, wie auch
Nr. 8. 288. Grammatik. 359
in der ausgäbe von Gantrelle geschieht, durch similitudine er-
setzt wird. Ferner Hess sich p. 3 zu Ann. Xu, 11 toleratiora
andeuten , dass schon Ursinus laetiora verbesserte , was Halm,
Eitter und Dräger aufgenommen haben. Für die ellipse des
reflexivums im accusativ sind § 159 zwei stellen Hist. P7, 35
und Ann. I, 35 angeführt; an beiden aber stimmen die so ver-
schiedenen textrecensionen von Halm und Ritter in der abwei-
sung der betreffenden lesart überein. Sorgsame revision
würde den Wortlaut einiger belege noch diplomatisch correcter
herstellen können; jetzt ist, um ein beliebiges beispiel heraus-
zugreifen, p. 45 sieben mal unrichtig et gedruckt, während es
fünf mal ac, einmal atque und einmal aut heissen sollte. Die
abweichende auffassung mancher structuren kann ref. an diesem
orte nicht zur spräche bringen, muss aber ausdrücklich aner-
kennen, dass Gantrelle seine erklärungen stets mit umsichtiger
Überlegung, in einzelnen punkten auch richtiger als Dräger ge-
geben hat. Ungenau ist, um dies beiläufig zu bemerken, §.
160 die behauptung: Tacite seul sous-entend fore\ derselbe infi-
nitiv ist zu ergänzen bei Sali. Jug. 88, 4. In dem sonst cor-
rect gedruckten buch sind dem ref. einige irrige citate aufge-
fallen; es ist zu lesen p. 2 Ann. XVI, 18 statt 8; Ann. HE, 31
statt H; p. 4 Ann. D7, 11 statt XIV; Ann. XHI, 35 statt 55;
p. 40 Ann. H, 83 statt 19; Ann. I, 2 statt 12; p. 45 Germ.
19 statt 9; p. 47 Ann. XH, 27 statt 17; p. 48 Hist. III, 58
statt 38; Hist. IV, 11 statt 24; p. 51 Hist. HI, 40 statt 49;
p. 52 Ann. D7, 32 statt 30. Diese kleinen andeutungen wer-
den zur genüge zeigen, dass Gantrelle's buch nach der ansieht
des ref. eine Zukunft hat und dass ref. für nachbesserungen in
einer zweiten aufläge einen wenn auch geringen beitrag zu
liefern wünschte.
289. Philologos Germaniae Eostochii congregatos benevo-
lentissime consalutat Academia Eostochiensis interprete F. V.
Fritzschi o. Addita est dissertatio de numeris orationis so-
lutae. 8. Eostock. 1875.
Den hauptsächlichen inhalt dieser festschrift, womit der
greise veteran prof. Fritzsche die philologen zu Eostock be-
grüsste, bildet eine ausführliche Untersuchung über die Verdienste
des Thrasymachus um die ausbildung der rhythmischen periode
360 289. Grammatik. Nr. 8.
in der griechischen prosa. Die geschichte und theorie der grie-
chischen beredsamkeit hat in neuerer zeit bekanntlich bedeutende
fortschritte gemacht. Einen um so peinlicheren eindruck macht
es, dass der gelehrte Verfasser die meisten der hierher gehö-
rigen Schriften, soweit sie der neueren zeit angehören, nicht zu
kennen scheint. Selbst die griechische und attische beredsam-
keit von Fr. Blass und die rhetorik von Volkmann sind
unbeachtet geblieben-, und erst in einem Epimetrum finden wir
die bemerkung: His scriptis forte (!) incidi in C. F. Hermanni
disputationem de Thrasymacho sophista, Gotting. 1848.
Bei Blass ist die darstellung der rhetorischen Verdienste
des Thrasymachus kürzer, treffender und vollständiger. Wenn
indessen ein so grosser kenner der griechischen litteratur wie
Fritzsche dieselbe arbeit unternimmt, welche bereits vor ihm ein
anderer ausgeführt hat , so kann gleichwohl seine Studie nicht
ohne interessante resultate bleiben.
Darunter rechne ich weniger die emendation der bekann-
ten stelle des Suidas s. v. @QaGvfiaxog: fia&rjx^g [Toqytov, didd-
GxuXog de] HXaiwvoQ tov cp&oßocpov xai TooxoaTOvg tov q^Togog,
denn sie entbehrt der historischen begründung, oder die erklä-
rung der worte des Dionysius : ^ fisv ovv 0QaGvfid%ov X?'%tg r\
Xontij = Thrasymachi elocutio quae quidem adhue exstet, denn die
%i%ig ist keine discrete grosse, welche zum theil untergehen, zum
theil sich erhalten kann, — wichtiger erscheint mir der nach-
weis , dass die bezeichnungen mglodog, xwXov und xopfxa von
Thrasymachus (?) der lyrischen poesie entlehnt sind, und
dass mqtodog der attische ausdruck für das hellenistische wort
GvßTrifia ist, endlich dass die lateinischen theoretiker, wie Cicero
und Quintilian. die griechische technik zu mechanisch auf die
lateinische spräche übertragen haben-, der von Aristoteles em-
pfohlene päonische rhythmus z. b. sei für die lateinische spräche
wegen mangels an kurzsilbigen Wörtern ganz ungeeignet ge-
wesen.
Auch die behauptung, dass der päonische rhythmus von dem
kretischen wegen des einfachen und doppelten ictus wesentlich
verschieden sei, scheint mir der beachtung werth zu sein.
Dagegen kann ich es nicht billigen , wenn in dem auf-
treten des Thrasymachus in Plato's Republik zugleich der cha-
racter seiner eigenthümlichen Sprechweise gesucht wird. Denn
Nr. 8. 289. Grammatik. 861
das beispiel des Agathon im Symposium, wo das haschen jenes
dichters nach gorgianischen figuren leicht bemerkbar ist, er-
scheint mir wesentlich verschieden. Denn hier haben wir eine
epideiktische rede, dort eine philosophische Unterhaltung,
hier ist die form der rede, dort die definition der dtxoaoGvvr]
die hauptsache. Fritzsche ist auch nur im stände einen nega-
tiven beweis zu führen.
Wenn ferner Cic. Orat. §. 40 und 175 als beleg für die
b ehauptung angeführt wird , numerorum orationis solutae primum
auctorem Thrasymachum fuisse, so vermissen wir eine vorsichtige
Interpretation. Cicero unterscheidet an beiden stellen streng
zwischen Gorgias und Thrasymachus einerseits, und Isocrates
andrerseits, so dass ilim die periode des Thrasymachus der des
Gorgias näher zu stehen scheint als der isokrateischen. An
Gorgias und Thrasymachus werden §. 40 minuti numeri ge-
tadelt und von beiden wird ausgesagt : qui tarnen jprimi arte
quadam verba vinxisse traduntur. Auch Arist. Ehet. III, 8 :
XiCrttTut, dt naiuv, dp i^güivio (iiv\ndvTig\ äno QquGv[mx%ov uq-
^afjuroi, ovx iixov 6s Xtyuv x(g rjv, bestätigt nichts mehr als die
thatsache, dass Thrasymachus zuerst von dem päonischen rhyth-
mus praktischen gebrauch gemacht hat. Wichtiger ist die an-
gäbe des Theophrast bei Dionysius, dass Thrasymachus der er-
finder der geschlossenen periode sei, der GvGxqicpovGu ru vorjfiu-
ta xul GiqoyyvXcüg ixcpigovGu X£%ig. Aber Fritzsche geht zu
weit, wenn er die er findung des oratorischen rhythmus ein-
zig und allein dem Thrasymachus zuschreibt. Dieser rhythmus
hat ebensowenig eine einfache Substanz als er einen einzelnen
erfinder hat. Er ist nicht allein in metrischen dementen zu suchen,
er beruht vielmehr auf der id^ig xqovwv, also auf dem Wechsel
schwerer und leichter worte und Satzglieder. Wenn ich den
satz ausspreche : egregiam virginem tum in matrimonium duxit, so
sind die zusammengehörigen worte logisch geordnet und die
beiden schweren worte egregiam virginem folgen ohne Unterbrechung,
also ohne varietas temporis, aufeinander. Wenn aber Tacitus
schreibt : egregiam tum virginem, so erzielt er durch die zwischen
den beiden schweren worten eintretende thesis (respiratio vocis) einen
Wechsel des tons (—-•— y — ), und dadurch die hervorhebung des
adjectivs. Auf diese weise wird die rede rhythmisch. Dazu kommt
nun, besonders im epideiktischen stil, das antistrophische ver-
362 290. Homeros. ftr. 8.
hältniss der xwla , welches jüngst Blass in seiner schrift über
Isokrates nachzuweisen versucht hat. Nur solche Untersuchungen,
aber auch nur beide vereinigt, können uns allmählich das wesen
und den umfang des oratorischen numerus eröffnen ; der gebrauch
von versfüssen beschränkt sich in der regel auf die clausula der
jftoA« und der ntqtodog.
Cicero handhabte den numerus vortrefflich als künstler; als
theoretiker ist er nicht bis zum wesen der sache hin durchge-
drungen. Wenn er z. b. im Orat. § 181 die frage auf-
wirft, und er thut dies sicher nicht zuerst, ob das numerosum
allein durch den numerus hervorgebracht werde, oder ob die
conpositio verborum dazu mitwirke, und dann die letztere alter-
native mit dem einwand beseitigt, dass die conpositio nur der
gravitas und suavitas vocum diene, oder wenn er § 188 die be-
hauptung wiederholt: nullus est numerus extra poeticos, propterea
guod definita sunt genera numerorum, so erkennt man leicht, dass
vor Cicero es wohl weitsichtigere theoretiker gegeben haben
muss, welche diese und ähnliche fragen aufwarfen, dass aber
Cicero selbst von einer einseitigen und verkümmerten technik
beherscht war , welche ihm die einsieht in die von ihm geübte
kunst verschloss.
A, Weidner.
290. Eberhard, die spräche der ersten homerischen
Hymnen verglichen mit derjenigen der Ilias und Odyssee. —
Theil I und II. Programme von Husum 1873 und 1874.
In ähnlicher weise wie Windisch in seiner schrift De hym-
nis homericis majoribus und Bücheier in seiner ausgäbe des De-
meter-Hymnus, nur weit mehr ins einzelne gehend, behandelt der
vrf. in den vorliegenden arbeiten die drei ersten hymnen in
der art, dass er zunächst die ganz oder fast ganz mit Homer
übereinstimmenden verse mittheilt, dann einzelne verstheile zu-
sammenstellt, die sich in Hias und Odyssee an gleicher stelle
des verses finden, endlich sogar einzelne worte, geschieden nach
subst. adj. verb. partic. pronom. adverbien mit den an gleicher stelle
bei Homer vorkommenden vergleicht, wobei aber überall auch
das etwa abweichende hervorgehoben wird. Dann folgt eine
vergleichung der stehenden beiwörter, der nichthomerischen vo-
cabeln , der formenlehre , endlich der metrischen punkte (bau
Nr. 8. 290. Homeros. 363
der verse, caesur, digamma, hiatus). Es ergiebt sich dabei,
dass im hymnus auf den Apollo Delhis sechszehn versausgänge
und einundzwanzig versanfänge sich finden, die nicht bei Homer
vorkommen, ebenso im hymnus auf Apollo Pythius 25 und 34,
indem auf Hermes 65 und 92. Die nichthomerischen vocabeln
sind im ganzen schon aus Fietkau , De carminum Hesiodeorum
atque hymnorum quattuor magnorum vocabulis non homericis, be-
kannt, der Hermes-hymnus enthält ihrer weitaus am meisten.
Formenlehre und metrum stimmen fast gänzlich mit Homer
überein. Die arbeit ist durchweg mit grosser Sorgfalt und ge-
nauigkeit ausgeführt und zeugt von gründlicher kenntniss des
homerischen Sprachgebrauchs und versbaus.
An einzelnen stellen hätten wir gerne die belege für selt-
nere erscheinungen angegeben gehabt, so z. b. zu I, 15 zeile
14 die stellen aus dem ersten hymnus v. 19. 30. 87; 31. und
zeile 19 v. 93. — II, 18 bei der geistigen bedeutung von
TTganldeg vermissen wir zur begründung des 'häufigen' Vor-
kommens bei Homer die angäbe der stellenzahl (ref. hat nur
zur hand: A 608. 2 380. 482. Y 12. i\ 92. & 547) und einiges
andere. Aber das sind kleine ausstellungen , die, wie auch
einige druckfehler in citaten, kaum in betracht kommen.
Nur wäre zu wünschen gewesen , dass der vrf. schon in
dieser arbeit genaueres über die nach seiner ansieht aus dem
gesammelten material sich für das gegenseitige verhältniss der hym-
nen, ihr alter u. s. w. sich ergebenden resultate mitgetheilt hätte.
Die n, 34 aus den spuren des digamma abgeleitete altersbe-
stimmung, dass der Aphrodite-hymnus der älteste sei, dann die
auf Apollo folgen und der auf Hermes der jüngste sei, können
wir ohne andere beweise nicht für sicher halten, da das di-
gamma (wie vrf. selbst I, 16 ausdrücklich hervorhebt) in den
hymnen sich nur in bestimmten formein erhalten hat und so
auch die häufigen spuren desselben im Aphrodite-hymnus wohl
nur auf unbewusste anwendung solcher formein zurückzuführen
sind; vrgl. Windisch p. 48. — Vor allem aber scheint uns die
ansieht des vrfs. , wonach alle jene mit Homer übereinstimmen-
den formein der hymnen, alle jene stehenden beiwörter, über-
gangswendungen , ja sogar einzelne worte auf beabsichtigter
nachahmung grade der homerischen gedichte beruhen sollen,
nicht haltbar. Vielmehr glauben wir, dass ein sehr grosser
864 MO. Homefos. Nr. 8.
theil dieser Spracherscheinungen allgemein auf den schätz epi-
scher formein und Wendungen zurückzuführen ist, welcher durch
die lange pflege des epischen gesanges zum gemeingute gewor-
den war und wohl auch in den andern erzeugnissen epischer
dichtkunst verwandt ist. Wir vermögen desshalb in der grös-
seren oder geringeren ähnlichkeit mit der spräche grade der
homerischen gedichte ein an sich entscheidendes moment für
die frage nach der composition der hymnen nicht zu erblicken.
— Ueber diesen punkt noch einige worte. — Für den hymnus
auf Apollo Pythius (s. I, 24) schliesst sich der vrf. genau an
die ansieht Windischs (p. 1 7 fg.) an , wonach dieser hymnus
zunächst in zwei theile zerfällt: 1 — 200, 210 — ende. Der
grund, dass der zweite theil sprachlich mehr ähnlichkeit mit
Homer zeigt, ist allein nicht ausreichend, zumal viele Wen-
dungen in demselben eben rein formelhaft sind (vrgl. z. b. v.
273. 283. 288. 324. 335). — Weshalb ferner v. 210 fg. sich
nicht mit v. 120 fg. verträgt, sehe ich nicht ein, da doch v.
120 fg. nur von den anwohnern, v. 210 fg. von den priestern
gehandelt wird. Die von Welcker betonten Zeitverwechselungen
in v. 265. 300. 345 sind schon wichtiger. Besonders aber nö-
thigt wohl die ganz verschiedene darstellungsweise dieses letz-
teren theils und der schlechte anschluss an den vorstehenden
abschnitt zu einer solchen theilung: dagegen ist es unnöthig
den ersten theil mit Windisch und Eberhard wieder in zwei
theile (1 — 121; 122 — 195) zu zerlegen. Der grund, dass v.
120 fg. die gründung des tempels und dann erst v. 122 fg.
die tödtung des drachen erwähnt wird, ist hinfällig, wenn man
annimmt, dass der v. 123 ohne die zeitreihenfolge zu betonen
nur das factum erwähnt, an welche erwähnung sich dann die
längere erzählung schliesst. Dagegen sind, was Windisch nicht
hervorhebt, vv. 127 — 177 als störendes einschiebsei auszu-
schliessen; dass die verse 157 — 66 Hesiodeisches enthalten,
kommt nebenbei auch in betracht. — Vs. 197 — 209 hat schon
Hermann gestrichen. Auf die vielfach schwierigen fragen
nach der composition des Hermes-hymnus hier näher einzugehn,
gestattet der räum nicht. Der vrf. theilt hier (s. H, 36) mit
Matthiae und Hermann den hymnus in zwei theile, deren letzter
mit 213 beginnt (207 — 12 sind von allen gestrichen). Im zwei-
ten theil verwirft der vrf. nach Vorgang anderer: 519. 540 —
Nr. 8. 291. Griechische tragiker. 865
49; im ersten theil 12. 14. 17—19. 25. 77—78. 84 und 85
je halb, 111. 119. 134—36. 146. (151—53 sind zweifelhaft).
379—82. 447—49. 454. vielleicht auch 478—90. — Vgl. die
einzelnen verse in Baumeisters commentar und daselbst p.
186 die ansieht über heimath und alter des dichte rs , der sich
vrf. ebenfalls anschliesst. H. Schaefer.
291. Frid. Guil. Schmidt, Satura critica. Programm
von Neu-Strelitz 1874. 4. 34 s.
Diese satura critica reiht sich den früheren kritischen ab-
handlungen des vrfs. würdig an und bietet eine reihe scharf-
sinniger bemerkungen vorzugsweise zu den griechischen tragikern,
dann auch zu Menander und Theognis. Als sichere emendationen
oder auch beachtenswerthe conjekturen betrachten wir folgende:
Soph. El. 542 7/ tüjv ifxwv a Ai§r\g xiv tfitgov xixvuiv r\ xuiv
\xzlvr\g höfte Xfjßaofrai (für datGaG&at cl. Hesych. XalGaG&au'
xxrJGaGd-cu) nXiov; Trach. 1108 xuv xo (irjösv e5 xuv (j,rjdiv ugxat
(für SQnct)), Eurip. Ale. 713 puGGov'' . . xgovov für fjtsi^ov . .
Xqovov; fr. 290 mlguq für %gt(ag; 295 xv%r] für nfirj ; 463, 1
utj] mgiizsGeiv *%&{*(* (für aiGxga) rivr, 487 ov% ogaq für ov
Xtyuv, 1027, 3 psi^va xalg xv%mg für fi. xy\g xvxrjg; Adesp. fr.
97 Go(pTj (j,tv ^firjr, ulXu xaXV (für ndvx} ovx eixvxijg; Theogn.
129 f. (irjXE xv%riv iv%ov . . uvdgl yivoix agnr\ für fj,ijx' dgtxrjv
iv%ov . . dvdgl yivotro xv%)]; 935 f. oftwg vioi> ot xe nag' ovgov
<jjgr\g rjxovGiv (für ol rs xux' avxov X^QVQ sixovGiv), xot xs nalui-
oTtooi. In Adesp. fr. 100, 6 o (T äficpißdXXet, xa^vnovg xsXtv&ov
t'gyoo GxoxCav, acpvw (T ufpavxog -ngoGtßa . . nolv fiox&og "Aiöag
wird e'gyoj treffend in egntov geändert ; d^fptßdXXsi glaubt Schmidt
mit Hrretit 1 erklären zu können unter hinweis auf Soph. Ant. 343
tpvXov ogvl&tov uiAcpißukiüv uyu, allein hier folgt noch GmtgcuGw
dixxvoxlwGxoig. Es wird wohl die nebenbei bemerkte änderung
ä(i<pißatvti richtig sein. Die änderung von Soph. fr. 434 d-dX-
XovGa Xvnr] xovg dyav vnigcpgovag in GcpdXXovGiv önav xovg xxX.
kann ich nicht ganz billigen. Ich habe bereits in meinen Stu-
dien zu Euripides GcpdXXovGi Xvnuv emendirt und wüsste nicht,
warum man Xvnt) bez. Xvnav nicht beibehalten sollte. Uebrigens
hat Schmidt meine schrift noch nicht gekannt ; sonst würde er
wohl auch in Eurip. fr. 194 o cJ' iJGv%og (pi'XoiGC t' aGcpaXrjg
(fiXog noXu t 1 ugt,Gxoq nicht txoXiv xs TtiGxög vermuthet haben,
Philol. Anz. VII. 24
366 291. Griechische tragiker. Nr. 8.
nachdem ich dort noXet t uqioyog emendirt habe. Menand. fr.
736 KoQiv&t(a jiicjtve xal (irj %qw (pilcg ändert Schmidt in Ko-
gCv&tov 6v <pevye xii. Vielleicht hat das missverständniss von
KoQtv&lw nCaxeve fjirjöe XQ& <p&cp iß- i- (**} nißxeve [itjöe %Qui
(pl\m vgl. Krüger Gr. I § 69 , 50 anm.) die corruptel veran-
lasst. In Soph. fr. 736, 11 w naideg, uig äv (mji änaidevxwv
ßQoiwv doxw^isv elvai xu7iodt]fiovvTog naxoog vermuthet Schmidt
xdnb Xrjgovvxog naxqög. Ich halte Xrjqovvxog hier wo es sich um
eine bleibende eigenschaft handelt für ungeeignet und glaube,
dass xuTto dqfjboiov naxqog sowohl dem sinne als der Überlie-
ferung besser entspricht. Eine andere anzahl von conjekturen
erhebt sich nicht über das niveau gewöhnlicher, wenig wahr-
scheinlicher vermuthungen. Es ist eine falsche methode, wenn
man glaubt, das beibehalten einiger buchstaben des überlieferten
textes genüge um eine conjectur zu begründen. Wenn z. b.
Nauck Ai. 1013 xbv ix doqbg yeywxa nolefitov vo&ov in xbv ix
Xfyovg yeydixa öoqiivovov vo&ov ändert, Schmidt dagegen unter
anerkennung der von Nauck vorgebrachten bedenken dafür xbv
ix xoqrjg yeywxa 6oq^7txov vo9ov vorschlägt, so muss man,
wenn man den gründen von Nauck beistimmt, seine emendation
für durchaus wahrscheinlich halten, während die änderung von
Schmidt trotz der gleichen buchstaben oq als absolut unan-
nehmbar erscheint. Ebenso verhält es sich mit der änderung
von Trach. 1074 «AÄ,' uüxevaxtog alev eln6(j,t}v xaxoig in elQTxov
iv xaxoTg. Das zum beleg angeführte ei ydq iv xv%r} yi zap
cwirjot, ßaCi] Oed. E. 80, wo von dem ankommenden Kreon die
rede ist, und iv xaxoig ßeßqxevat (s. v. a. elvai) beweisen nicht
das mindeste; elqnov iv xaxoig ist eine undenkbare redensart.
Am wenigsten ist eine solche methode angebracht bei einer
Überlieferung, wie wir sie für die tragikerfragmente bei Stobaeus
haben. Kann man Eur. fr. 301 nqbg xrjv dvdyxr[v itdvxa
xdXV eCx' äcd-evrj mit jiq. x. d. äa&evrj iözt, ndvx' dyav für ge-
bessert erachten? Recht deutlich zeigt sich das bei Eur. fr. 172
ovx elxbg uq%eiv ovie %qqv dvsv vdfiov xvquvvov elvatf (xtot)Ca de
xal deXeiv og xätv bftoiwv ßovlszai, xqaxelv fiovog. L. Dindorf
hat fiLooCa de xal niXeiVj Enger fiioqCuv doxiT <T oyletv , Hense
de xal yikelv, Schmidt de xwcpelelv vermuthet, alle um etwas
von der Überlieferung zu retten und doch hat Euripides gewiss
nichts anderes als fiuqCav <F ocphaxdvet geschrieben. Manchmal
Nr. 8. 292. Aristophanös. 367
finden wir auch änderungsversuche an stellen, die durchaus ge-
sund sind. Es ist geradezu ein unrecht, zu Eur. fr. 127 dvyug'
GuüTir] (T uTTOQog igfiTjvevg Xoytov zu bemerken : sententia ita est
insulsa et futilis , ut ab Euripide eam profectam esse non possim
credere. Schmidt verlangt de roqog. Man braucht nur an die
Stellung des verses im dialoge zu denken und nicht für einen
besonderen gedanken eingenommen zu sein, um die bedeutung
des satzes ('du schweigst: mit schweigen ist mir nicht gedient')
zu erkennen. Warum soll der gedanke Sagaog dt ngog rag
Cv(jL(poqug fjbiv äa&tvtX richtiger sein als &dqaog ds nqog tag
Gvfjb(foqug fxiya a&tva (Eur. fr. 304)? Wegen des gedankens
ngog ttjv uvdyxrjv ndvxa zuXX' I'gt' uC&tvri nicht, da uvdyxr] und
CvficpoguC etwas ganz verschiedenes sind. Und kann nicht oX^oi,
xi dqdcu)', dval xaxolg fisgC^Ofiai (Adesp. 220) richtig sein, wenn von
der peinlichen wähl zwischen zwei Übeln die rede ist? Schliesslich
sei noch bemerkt, dass die änderung von Adesp. fr. 91, 5 %o.i-
quv unaQxeug xal yigag uytw (für Xu%hv) %6de fehlerhaft ist.
Wecklein.
292. Aristophanes und die historische kritik. Polemische
Studien zur geschichte von Athen im fünften Jahrhundert v. Chr.
g. von Hermann Müller-Strübing. Leipzig, druck und
verlag von L. G. Teubner 1873. 735 s. — 16 mk.
Das buch *) ist interessant und sehr anregend. Trotz seines
grossen umfanges und der zahlreichen mängel in inhalt und
form hat es der unterzeichnete mit ungeschwächtem interesse
zweimal hintereinander durchgelesen. Es ist mit grosser frische
und anschaulichkeit geschrieben. Dem vrf. steht eine umfang-
reiche belesenheit zu geböte, und namentlich hat er sich mit
Aristophanes und Thucydides eingehend beschäftigt. Dabei hat
er sich seinem stofie ganz hingegeben, und offenbar ist bei der
abfassung seines buches auch das gemüth thätig gewesen, er
nimmt für die demokratie Athens und ihre einzelnen führer mit
warmem herzen partei.
Er bezeichnet selbst seine Studien als polemische. Den
1) [Da die principien der erklärung des Aristophanes noch so
bestritten, erlauben wir uns, von unserm gesetze des umfangs der an-
zeigen bei diesem buche eine ausnähme zu machen. — Die redaction.]
24*
368 292. Aristophanes. Nr. 8.
grundsätzen seiner polemik kann man nur zustimmen : 1) dass
vielfach die erklärer des Aristophanes , und noch mehr die
neueren geschichtschreiber, die eigenthümliche art der komödie
gröblich verkannt haben, wenn sie den spott der komödie ein-
fach für baare münze nehmen und den komischen dichter so be-
nutzen, als wenn sie einen geschichtschreiber vor sich hätten.
Ebenso weist er mit vollem recht gelehrte, wie Ourtius und Kock,
zurück, welche in Aristophanes eine art von moralprediger
und patriotischem orakel erkennen wollen. Freilich verfällt
Müller selbst in den entgegengesetzten fehler, wenn er in dem
jungen Aristophanes einen Hans Liederlich erblickt, der sich
als dienstfertiger mitbummler der vornehmen jugend Athens
angeschlossen und im interesse der oligarchischen partei seine
komödien verfasst hätte. Für einen unbefangenen leser tritt
vielmehr immer wieder aus der lustigen mummerei der komödie
die sittlich gediegene und patriotische gesinnung des dichters
hervor. Bisweilen werden sogar durch den zu starken einfluss
der persönlichen Überzeugungen des dichters die forderungen
der heiteren komischen muse beeinträchtigt, z. b. in der schluss-
scene der Wolken. 2) Der vrf. hat recht, wenn er die befangen-
heit der herausgeber und der geschichtschreiber geisselt, welche
in blindem autoritätsglauben das werk des Thucydides wie ein
evangelium ansehen, an welches sie den massstab der kritik
nicht anzulegen wagen. Wenn sie aber diese Verehrung selbst
auf die handschriften des Thucydides ausdehnen, so wird die
sache einfach lächerlich. Der vrf. aber verfällt auch hierbei
durch seinen übergrossen eifer in den entgegengesetzten fehler.
Er bemüht sich, bei Thucydides ein absichtliches verschweigen
und vertuschen der Wahrheit theils aus persönlichem, theils aus
parteiinteresse nachzuweisen, aber die einzelnen beispiele, welche
er vorbringt, zerfallen, sowie man sie scharf ins äuge fasst, in
nichts, und der vrf. hätte sie wohl schwerlich für beweis-
kräftig gehalten, wenn ihn nicht allem anscheine nach eine
gewisse sucht, etwas bis dahin unerhörtes nachzuweisen, blind
gemacht hätte.
Das streben, sich der männer der fortgeschrittenen de-
mokratie, besonders des vielfach ohne alle frage mit unrecht
geschmähten Kleon, kräftig anzunehmen und ihren gegnern
abbruch zu thun, hat Müller zu einer gewissen oli garchen-
Nr. 8. 292. Aristophanes. 369
riecherei gebracht. Man darf natürlich nicht alle gegner der
radicalen demokratie mit den oligarchen in einen topf werfen,
am wenigsten mit denen, welche uns zur zeit der vierhundert
oder gar der dreissig tyrannen erscheinen , wo durch die
schlimmen zeiten , welche vorhergingen , sich die Zusammen-
setzung und die ziele der parteien vielfach geändert haben
mussten. Dass man zu diesen oligarchen einen Thucydides
und einen Xenophon, der bei dem vrf. auch wenig gnade fin-
det, wahrhaftig nicht rechnen darf, müsste meines erachtens je-
dem unbefangenen die darstellung hinlänglich zeigen, welche
sie von den betreffenden abschnitten der athenischen geschichte
geben.
Die personen nun , gegen welche sich die polemik
Müller's richtet , sind , ausser den herausgebern des Thucydides
und des Aristophanes, die gelehrten, welche in neuerer zeit
über" griechische antiquitäten geschrieben haben, wie Böckh,
Schümann u. a., besonders scharf aber geht er der griechischen
geschichte von E. Curtius zu leibe. Einem gelehrten gegenüber,
der sich wie Curtius durch andere Schriften grosse Verdienste
um die Wissenschaft erworben hat , wird es einem nicht leicht,
dem so rückhaltslosen verdammungsurtheile Müllers zuzustimmen.
Aber, wenn man der Wahrheit die gebührende ehre geben will,
so muss man nach meiner Überzeugung einfach sagen: der vrf.
hat in seiner einschneidenden kritik des buches von Curtius
durchgehends recht. Er weist Curtius grosse nachlässigkeit in
der benutzung der quellen und mangel an kritik und politischem
Verständnisse unwidersprechlich nach. Auch darin muss ich
Müller vollständig beistimmen , wenn er die verwaschene , süss-
liche, phrasenreiche form der darstellung, welche in dem buche
von Curtius vorliegt, entschieden verurtheilt. Wenn aber der
wackere mann hofit, durch seine kritik dem phrasenschwalle
ein wenig zu steuern , so kann ich mich leider dieser hoffnung
nicht anschliessen. Grade in der letzten zeit ist auf dem ge-
biete geschichtlicher und politischer fragen die phrasenmacherei
bei uns in Deutschland besonders beliebt geworden.
Müller hat offenbar ein heftiges temperament, und bei der
warmen gemüthlichen theilnahme, welche er seinem gegenstände
gegenüber zeigt, wird man es ihm gewiss gern nachsehen, wenn
seine polemik durchweg einen rücksichtslosen charakter trägt.
370 292. Aristophanes. Nr. 8.
Aber an vielen stellen wird doch der ausdruck ein unange-
messener und unwürdiger. Man fühlt sich nicht selten versucht,
den verf. an die mahnung zu erinnern, welche Dionysos
dem Aeschylus und Euripides giebt (Arist. Ran. 857. 858).
Gradezu peinlich aber werden die polemischen declamationen
des vrfs. , wenn derjenige, gegen den sich die polemik
richtet, offenbar recht hat, indem bei Müller merkwürdige
unkenntniss einer eigenthümlichkeit der griechischen spräche
vorliegt, welche bisweilen doch nicht gerade weit entlegen ist.
Vielleicht geht es ferner manchem leser des Müller'schen buches
ebenso, wie dem unterzeichneten, dass, wenn er auf p. 415 die
worte liest: 'ich lasse die Schimpferei weg' — es handelt sich
um die bekannte stelle über Hyperbolos Thucyd. VIII, 73 —
er bei sich denkt: der arme masslose und grobe Thucydides
vor dem richterstuhle des massvollen, feinen hm. Müller!
Dem ganzen buche fehlt übrigens die letzte durcharbeitung.
Es ist allem anscheine nach eilfertig niedergeschrieben und eil-
fertig publicirt. So ist es gewiss eine rücksichtslosigkeit gegen
die leser, wenn vrf. ganze abschnitte und einzelne stellen in
dem texte ruhig stehen lässt , während er sich doch , wie er in
einer note selbst bekennt, theils durch die forschungen anderer
gelehrten, theils durch eigenes nachdenken überzeugt hat, dass
die im texte von ihm vorgetragenen ansichten falsch sind. Man
muss wohl annehmen, dass besondere umstände den vrf. ge-
zwungen haben, seine Studien hals über köpf in die weit zu
schicken.
Das buch enthält eine ganze reihe von conjecturen, haupt-
sächlich zu Aristophanes und zu Thucydides. Diese art von kritik
ist nun freilich nicht gerade die starke seite des vrfs. Sein
interesse ist zu einseitig auf den inhalt gerichtet, während ihm
die sprachlichen und diplomatischen rücksichten gewöhnlich nicht
gerade sehr wichtig sind. Deshalb wird Müller, wenn mich nicht
alles täuscht, schwerlich grosse Zustimmung für seine conjecturen
finden. Aber ich bin weit entfernt, daraus dem vrf. einen Vor-
wurf machen zu wollen. Die freunde der beiden Schriftsteller
müssen ihm vielmehr herzlich dankbar sein dafür, dass er die
unhaltbarkeit der bisherigen meistens kläglich geschraubten er-
klärungsversuche nachgewiesen hat. Und solcher stellen, derer
Nr. 8. 292. Aristophanes. 371
behandlung nach dieser seite hin eine ganz vorzügliche ist , fin-
den sich viele in dem buche.
Daneben zeugen die erklärungen, welche Müller von zahl-
reichen stellen des Aristophanes giebt, das nachweisen versteck-
ter beziehungen und anspielungen von der eingehendsten be-
schäftigung mit dem komischen dichter und einem feinen ver-
standniss für die eigenthümliche weise der komödie. Ich stehe
nicht an, die erklärung mehrerer stellen für geradezu muster-
haft und für das beste zu erklären, was auf diesem felde für
das verständniss des Aristophanes geleistet worden ist.
Ebenso sind mehrere abschnitte, welche fragen aus den
griechischen alterthümern behandeln , ganz vortrefflich. Die
klare anschaulichkeit und die lichtvolle form der darstellung
sticht höchst wohlthuend ab gegen die auf diesem gebiete her-
gebrachte anhäufung von trockenen, unverarbeiteten citaten.
Ich will nun im folgenden , dem gange des Müller'schen
buches mich anschliessend, mein urtheil über die einzelnen fra-
gen, welche der vrf. behandelt, vorlegen. Wenn ich mich hier-
bei einer knappen, oft etwas apodiktischen form befleissige, so
nöthigt mich dazu der grosse umfang des buches und die
rücksicht auf den einer solchen anzeige zu gewährenden räum.
P. 13 der schluss aus Thucydides DU, 115: 'das heisst doch
wohl' u. s. w. ist unrichtig. P. 8 flg. bespricht Eq. 169 Kaq-
Xqdovu : dass da so zu lesen ist, kann man wohl als allgemein aner-
kannt ansehen. Anders steht die sache v. 1303, wovon p. 15 fgde.
Zu einer sichern entscheidung lässt sich, da wir von der zu gründe
liegenden thatsache nichts wissen , der fall nicht bringen , aber
ich halte es auch jetzt noch für gerathener, hier KaX^tjSova zu
schreiben und anzunehmen, Hyperbolus habe in einer Volksver-
sammlung, um sich selbst für die nächsten Strategenwahlen zu em-
pfehlen, zur entsendung einer starken flotte in die hellesponti-
schen und bosporanischen gegenden gerathen, nach Chalcedon
hin. In den handschriften sind bei der bedeutung der scholien,
Müllers angäbe ist nicht genau (vgl. F), die autoritäten ziemlich
gleich. Es ist Müller nicht gelungen , für die zeit der auf-
führung der Ritter eine allgemeinere Verbreitung der hochflie-
genden, auf die Unterwerfung von Sicilien und von Carthago
gerichteten plane in Athen nachzuweisen. Ohne dieselbe aber
wäre ein solcher witz, wie er in KaQ%r]d6va liegen würde, albern,
372 292. Aristophanes. Nr. 8.
ja sinnlos. P. 22. Müller irrt, wenn er einen boshaften witz
des Eupolis einfach für baare münze nimmt. Dabei liegt bei
ihm eine verkehrte auffassung von der dichterischen production
der komiker zu gründe. P. 30 : die elf jähre gewohnheits-
mässigen strassenraubs sind eine erfindung von Müller (es han-
delt sich um den Xwnodvirjg ^OgiGirjg Acharn. 1166 Av. 713,
1490). P. 34: das ng in Acharn. 1166 versteht Müller nicht rich-
tig. Es heisst: Orestes oder ein mensch seines gleichen. P.
43 note: die form der polemik, es handelt sich um Schölls
leben des Sophokles, ist unangemessen. P. 44 note. Die be-
handlung der stellen des Thucyd. III, 68 und V, 32 ist durch
gesuchte Spitzfindigkeiten offenbar falsch. urdganodf^Hv ist in
der ersten stelle nur der gegensatz zu änoxxttvtw. Ob die ge-
fangenen weiber vorher schon Sklavinnen waren oder mcht, dar-
auf kommt hier nichts an. P. 41 — 48 : die behandlung der be-
kannten stelle der Acharner über die dirnen der Aspasia v.
524 flgde. liefert trotz aller declamationen und exclamationen
Müllers nichts neues. Müller versucht selbst gar keine erklärung
des thatsächlichen. Es ist ganz wahrscheinlich, dass unter der
grossen zahl der fugitivi sich auch zwei Sklavinnen der Aspasia
befanden, welche Aristophanes boshafter weise ttoqvuu nennt, und
dass auf die reclamation der flüchtlinge überhaupt dieMegareer
dergleichen beschuldigungen gegen die Athener in Sparta er-
hoben. P. 49 : flgde. die polemik gegen Curtius, der so mächtig
über den terrorismus des Kleon in der Volksversammlung de-
clamirt, ist gerechtfertigt. Ebenso ist p. 52 note die Zurecht-
weisung gegen die Oberflächlichkeit von Curtius in der behand-
lung von Plutarch. Pericl. c. 8 ganz berechtigt. P. 59 : die schluss-
folgerung, welche Müller aus dem fehlen einzelner gegen Kleon
gerichteter citate bei den scholiasten des Aristophanes und den
grammatikern macht, erscheint mir als nicht stichhaltig. P. 63
note : die polemik gegen Koscher : leben und Zeitalter des
Thucydides, ist sachlich richtig, der form nach unwürdig. Da-
gegen ist p. 65 flgde. die persiflage der phrasen von Curtius
verdient und witzig. P. 70 und 71 note: die conjectur zu
Equit. 900 ist schwerlich richtig , da die form jtvgaog unge-
bräuchlich war und einen solchen ohnehin schwachen witz im
höchsten grade gezwungen gemacht haben würde. Die erklärung
von Av. 68 schwebt ganz ohne anhält in der luft. P. 72
Nr. 8. 292. Aristophanes. 373
ügüe. stellt Müller ganz mit recht der auffassung des Aristo-
phanes als moralisten schon das jugendliche alter des dichters
zur zeit der ahfassung seiner ersten stücke entgegen. P. 90:
die berichtigung von Curtius in der note ist richtig , ist aber
doch ziemlich geringfügig und rechtfertigt die unwürdige pole-
mik am Schlüsse keineswegs. P. 9 1 : die behauptete anspielung
in Pac. v. 610 ist gesucht und schwerlich richtig. P. 92: die
deutung von Vesp. 715 flgde auf das jähr 445 ist schwerlich
richtig wegen des nqwriv in v. 717. P. 94 ist der spott ge-
gen Curtius in der note ungerechtfertigt und ziemlich plump.
P. 105: die declamationen des vrfs. besagen wenig; es ist für
jeden unbefangenen evident, dass Aristophanes in ganz anderer
weise von Perikles, als von Kleon u. a. spricht. P. 112: das
wegwerfende urtheil über Xenophon erscheint mir als oberfläch-
lich und wenig begründet. Dagegen halte ich die auffassung
Müllers von der antipathie des Aristophanes gegen Kleon u. a.
für richtig und treffend. P. 113 flgde ist das urtheil über
die frivolität und obscönität des Aristophanes nicht haltbar.
Der verf. verwechselt die gattung mit der persönlichkeit des
dichters, wie schon die Übereinstimmung in den fragmenten der
anderen komiker zeigt. Natürlich hat er dagegen recht in sei-
ner behauptung , dass Aristophanes kein moralprediger war.
Aber p. 115 verkennt der vrf. doch wohl die damalige jugend
Athens. Solche dinge kannte dort gewiss jedermann. — P. 117
flgde. Sehr wahrscheinlich hat Müller recht, wenn er Aristo-
phanes in den frühern stücken in enger Verbindung mit der
vornehmen jugend denkt und es daraus erklärt, dass sich in
diesen stücken männer wie Alcibiades, Theramenes u. a. theils
selten, theils gar nicht verspottet finden, aber die oligarchischen
bestrebungen sind späteren datums. In dem dichter selbst fin-
det sich keine stelle, welche von einer parteinahme für solche
zeugt, deren, die dagegen sprechen, genug. Auch in der be-
hauptung, dass das parteileben alle Verhältnisse durchdrungen
habe, confundirt der vrf. die verschiedenen Zeiten, nimmt na-
mentlich keine rücksicht auf die Veränderung durch die sicili-
sche expedition. P. 119 hat Müller Acharn. 309 wohl nicht
richtig verstanden, es handelt sich um eine verurtheilung vor
gericht, wie die v. 5 flgde., bei welcher die ritter die Magel-
waren. Der chor spricht von seinem eigenen Standpunkte aus.
374 292. Aristophanes. Nr. 8.
Auch Vesp. 1023 steht nichts von dem, was der verf. aus den
Worten herauslesen möchte. P. 124: die worte: 'der um einen
in der schlacht gefallenen freund trauert' (es handelt sich
um die bekannte allerdings höchst boshafte Verspottung des
Klisthenes Ean. 422), zeigen, dass Müller die meinung des
Aristophanes seltsam missverstanden hat. P. 125 flgde ist die
Schlussfolgerung aus der stelle in der parabase der Wolken
nicht stichhaltig. Dort ist nur von den neuen Strategen die
rede : 'auch diese schlechte wähl kann euch segen bringen, wenn
ihr in diesem amte den Kleon als bestechlich und diebisch er-
kennt und ihn dann einsperrt.' Der gedankengang ist ein an-
derer, als Müller voraussetzt. P. 133 die erklärung vonEquit.
266 in der note ist wohl richtig, nur dass Kleon das noch nicht
gethan, sondern sich nur dazu erboten hatte, um die ritter zu
gewinnen, vgl. l'fit IXov und die folgenden verse. Auch die Ver-
setzung der worte fiifjbvrireu ©tojto/jinog ist richtig. P. 137: den
ersten theil der note halte ich nicht für richtig. In der ein-
gangsscene der Ritter erkannte jedermann den Mcias an seiner
Zaghaftigkeit und an seinem aberglauben, den Demosthenes an
seinem durst. Eine solche weise, den Zuschauer die personen
errathen zu lassen, entspricht nach meiner auffassung dem wesen
der komödie mehr, als die von Müller angenommene Verwen-
dung von portraitmasken. Die bemühungen des verfs. in dem
zweiten theile sind vergeblich (es handelt sich um die lücke
nach Equit. v. 21), da die worte des dichters nicht authentisch
herzustellen sind. Die änderung in der personen-vertheilung
von v. 23 ist schwerlich richtig. P. 140 und 141 : die conjec-
turen zu Aristoph. Eq. v. 34 und 1176, Pac. v. 187 sind nicht
haltbar. Es liegt in den stellen gar keine verderbniss vor.
Müller hat das IfioC in der stelle des Friedens missverstanden.
Trygäos verstellt sich ja nur, um Hermes zu ärgern. Das
sItts pol Müllers wäre nach dem (pgdle fiot des vorhergehen-
den verses kaum erträglich. — P. 146 flgde. Den nachweis, dass
Kleon im jähre der aufführung der Ritter Schatzmeister war, hat
der vrf. für mich überzeugend geführt. — P. 149 flgde. Mit
recht erklärt Müller die einführung des heliastensoldes für eine
billige massregel. Auch die vertheidigung der erhöhung dessel-
ben p. 150 flgde. ist treffend und überzeugend. P. 153 ist
fein und sinnig die benutzung, welche Müller von stellen des
Nr. 8. 292. Aristophanes. 375
Aristophanes macht (Nub. 57 flgde., Vesp. 249 ügüe. 291 fig&e),
um die vertheuerung der lebensmittel durch die kriegsnoth
nachzuweisen. P. 155: in dem fragmente des Aristophanes ver-
muthet Bergk, dem Müller widerspricht, mit recht eine corruptel.
Die stelle aus Pherekrates passt nicht, da in derselben noxafioC
subject zu qtvaovxui ist. Entsprechend müsste es in dem frag-
mente des Aristophanes heissen : t« oqr\ uvrofiara (piqtt. Viel-
leicht ist zu emendiren : uvr6[iaT aviotq. Uebrigens kann sich
die stelle auf alles mögliche beziehen z. b. auf irgend welche
bewohner der berge. P. 156 — 160: die heftige polemik gegen
Curtius, es handelt sich um die erhöhung des heliastensoldes, halte
ich für gerechtfertigt. P. 162 flgde: die erklärung Müller's von
der herabsetzung der tribute durch Kleon ist nach den aus-
führungen von Köhler nicht haltbar. Da Müller das selbst
weiss, vgl. die note zu p. 174 und 175, so ist es ungebührlich,
dass er seine falsche auseinandersetzung im texte unverändert
hat stehen lassen. Was die fünf talente Acharn. 5 und 6 be-
trifft, so hatte vielleicht Kleon sich auf discretion hin eine aus-
gäbe erlaubt, für die er bei der rechnungsablegung nicht, wie
seiner zeit Perikles für die bekannten zehn talente, indemnität
erhielt und sie daher aus seinen eigenen mittein ersetzen
musste. Das letztere besagt das i%rj(j,t<tev in v. 6 ohne alle
frage. P. 165 Müllers auffassung des fragmentes des Eupolis,
eine eigentliche erklärung versucht er gar nicht, halte ich nicht
für richtig. Was einem der barbier herunterschneidet, das wird
man los, Kleon aber soll ja den Athenern die elayoga gebracht
haben. P. 166 ist die erklärung von Vesp. 62 schwerlich rich-
tig. Die worte besagen nur im gegensatz zu den Equites:
Kleon soll nicht wieder das eigentliche süjet des Stückes bilden.
P. 167: die auffassung, welche Müller von den Wespen hat,
zeugt von einer verkennung des künstlerischen Schaffens des
Aristophanes. P. 1 70 note : Müller irrt sich ; Aristophanes knüpft
in seinen chorliedern nicht immer an das vorhergehende an.
Vgl. Eq. 1263 u. a. Die folgerung aus Vesp. 1031 flgde ist
nicht stichhaltig, wie schon v. 1037 zeigt. Der schluss der
note erscheint mir als nichtssagend. P. 171: der vrf. hat die
ganze anläge der gegenrede des Hasski eon Vesp. 655 flgde
missverstanden. Die rede richtet sich genau gegen die behaup-
tungen des Philokieon, widerlegt sie aber indirect. Das ver-
376 292. Aristophanes. Nr. 8.
hältniss der beiden reden zu einander ist chiastisch. Die ganze
annähme von dem finanziellen gegenthema in den Wespen er-
scheint mir als ein luftiges phantasie-gebilde Müllers. P. 176:
der erste theil der note, welcher nachzuweisen sucht, dass Ari-
stophanes mit dem scherze von der Verpflegung der athenischen
bürger durch die bundesgenossen, Vesp. 707 flgde, ein politi-
sches programm aufgestellt hätte, enthält doch nur einen wun-
derlichen einfall Müllers. P. 177: die harmlose einführung des
Stotterers Alcibiades Vesp. 44. 45 hat Müller zu einer merk-
würdigen Wichtigkeit aufzublasen gesucht. P. 179: ohne frage
konnte Aristophanes Acharn. 642 nicht sagen wollen, wie Müller
zu vermuthen scheint, er hätte sich um die oligarchen in
den bundesstädten Verdienste erworben. P. 185 flgde. Der vrf.
urtheilt richtig über das wesen des ostracismus und über die
zeit der betreffenden abstimmungen. P. 194: die note gegen
Köhler ist unrichtig. Gerade Müller, der, freilich nach meiner
ansieht fälschlich, in Athen nur parteiwahlen kennt, durfte sich
auf ein so nichtiges argument am wenigsten berufen , vgl. auch
zu p. 259. P. 194 und 95 urtheilt der vrt. richtig über die
hohe bedeutung des rafxtag rrjg xotvrjg irgoGodov. P. 204 oben:
in der sache , es handelt sich darum , dass die bezeichnungen
ol TilovGioti oder ol nax^ig oft einen gegensatz gegen die masse
des volkes, den schlechthin sogenannten demos, ausdrücken, hat
Müller recht, aber Eq. 223 zieht er unrichtig an, denn dort
wird ja den nlovßiotg der nivr\g XecJg entgegengestellt. Auch
Pac. 639 passt nicht recht, denn da handelt es sich um die
&vp,pa%öt. Die fragen, welche Müller auf p. 201 aufstellt, be-
antwortet er im folgenden vortrefflich und rechtfertigt die athe-
nische demokratie siegreich gegenüber den vorwürfen Böckhs
und Schömanns. P. 217 flgde: die stelle aus der Politik des
Aristoteles (V, 2 § 9) erklärt Müller vortrefflich. P. 219 flgde:
die polemik gegen die phrasen von Curtius ist gerechtfertigt.
P. 226 — 236 weist der vrf. überzeugend nach, dass Grote mit
recht gegen die angäbe Herodots die einführung des looses
durch Klisthenes bestreitet. P. 242: die erklärung der letzten
worte in der stelle des Plutarch (Aristides cap. 13) ist offenbar
unrichtig. Sie heissen ganz einfach : er wollte lieber die for-
derung des rechtes, als die des nützlichen beschränken. P. 243 :
der unterschied zwischen dem antiken und dem modernen Staate
Nr. 8. 292. Aristoplianes. 877
ist gut dargestellt. P. 245 und 46 : die ausführung des Achilles
als eines sittlichen ideals des Homer ist unrichtig. Grade weil
er das nicht ist, widerfährt ihm das leid durch den tod des
Patroklus. Er ist ferner gar kein unterthan des Agamemnon,
sondern nur ein freier verbündeter desselben. P. 247 flgde:
Müller macht es sehr wahrscheinlich, dass Aristides das loos
bei der besetzung der ämter eingeführt und auch die einrichtung
der finanzbehörden getroffen habe. Auch seine darstellung von
der ostracisirung des Themistokles p. 255 flgde erscheint mir
als richtig. P. 259 wird Müllers auffassung, dass die ostrako-
phorie mit rücksicht auf das amt des ru/xCag gegeben sei, schon
dadurch widerlegt, dass die sache jedes jähr vorgenommen wurde,
während die wähl des Staatsschatzmeisters ja nur alle vier jähre
vorkam. P. 261 flgde vertheidigt Müller in der note, wie es
mir scheint, mit recht gegen Köhler die ansieht Onckens über
die zeit der Verlegung des Schatzes von Delos nach Athen. P.
226: der grund, welchen der vrf. dafür anführt, dass Perikles
nicht ohne eine amtliche Stellung Cimon angeklagt haben könnte,
besagt wenig. P. 268 — 271: was Müller über den uvriyga-
cptvg i7jg dioixrjGtüog sagt, ist nicht haltbar. Es war allerdings
ein einfacher controlbeamter, der als solcher dem ra/xtag neben-
geordnet war. P. 274 flgde: die deutung der stelle des De-
mosthenes in der rede gegen Aristokrates p. 688 auf Miltiades
ist unmöglich : 1) musste Demosthenes eine so bekannte that-
sache allerdings wissen, und 2) passen die worte: /jisrexirrjas
ttjv Tiohnttav ja gar nicht auf die expedition des Miltiades gegen
Paros. Vischer hat wohl recht in der annähme, dass von einer
uns übrigens unbekannten expedition des Cimon gegen Paros
die rede ist. P. 280 note: die conjeetur zu Thucyd. V, 23 ist
nicht richtig, weil eine derartige stipulation für den fall eines
aufstandes der sklaven den Athenern gegenüber keinen sinn
hatte, während sie für die Spartaner werthvoll war. Die Athe-
ner Hessen sich gewiss keine Versprechungen stipuliren, auf
welche sie gar nicht reflectirten. P. 280 flgde : Müller miss-
billigt mit recht die Unterstützung, welche die Athener auf Ci-
mons rath hin den Lacedämoniern gegen die aufständischen
Messenier gewährten. P. 286 note : die conjeetur zu dem frag-
mente des Eupolis ist nicht haltbar. Die erklärung bei Suidas
kann nicht auf diese stelle gehen , zu der sie weder der form
S78 292. Aristophanes. Kr. '$.
(plur.), noch dem inhalte nach (yvvcuxa ävdgog statt avöqa
yvvaixog) passt. Vielleicht ist zu schreiben: xaxog fih ovx qv'
cptXonoitjg de xafitXrig \ wv iviot untxoifiaT äv iv Aaxtüat-
fiovt | xav *EXnwixr}v itfvde xamXinwv (j,6vrjv. P. 288 der be-
weis, dass Ephialtes der hauptgegner bei der ostracisirung des
Cimon gewesen sein müsse, ist nicht zwingend. Nur Cimon
war überhaupt bei dieser gelegenheit gefährdet, aber weder
Perikles noch Ephialtes. Aus der stelle bei Plutarch (Pericl.
10) geht keineswegs die gleichzeitigkeit des todes des Cimon
und des Ephialtes hervor. Plutarch beginnt im folgenden ca-
pitel die Schilderung der zeit, als durch ihren tod beide neben-
buhler des Perikles , Ephialtes , der andere führer des demos,
und Cimon, Perikles freies feld gelassen hatten. P. 291 und
92 : zu der annähme Müllers, die Spartaner hätten bei ihrem ein-
rücken in Attika unter Pleistoanax auf ein einverständniss mit
den oligarchen und gar auf einen aufstand des attischen land-
volkes gerechnet, liegt kein grund vor. Die wohlbeglaubigte
bestechung des königs und seines rathgebers erklärt den ver-
lauf der sache hinlänglich. P. 293 und 94: auch in den länd-
lichen demen, besonders an den gränzen, konnten sich viele in
das bürgerrecht eingeschlichen, und viele fremde weiber aus den
angränzenden ländern geheirathet haben. P. 299 ist die erklä-
rung, welche Sintenis an der stelle des Plutarch (Pericl. 1 6) von
dem artikel tcüv giebt, richtig, und die declamationen , welche
Müller bei dieser gelegenheit macht, sind ganz unberechtigt.
Hierdurch fällt seine ohnehin schwer glaubliche deutung der
ganzen stelle und die ganze berechnung der zeit der ostraci-
sirung des Thucydides. P. 302 : das argument des vrfs., dass die
Opposition gegen Perikles bei dem beginne der grossen bauten
hätte einsetzen müssen, ist nicht stichhaltig. P. 304: für seine
behauptung, dass Thucydides (es handelt sich um den söhn des
Melesias) nicht erst nach dem samischen kriege hätte verbannt
sein können, bringt Müller keine zwingenden gründe bei. P.
309 ist die frage, welche Müller in der parenthese an Cur-
tius richtet, unbegründet und seltsam. Zwischen den parteien
und zugleich den führenden persönlichkeiten , ist ja offenbar
der sinn der worte bei Curtius. P. 310 unten und 311 oben:
derartige berechnungen sind ohne jeden sicheren anhält. P.
315 halte ich trotz dem zu p. 304 bemerkten den beweis Müllers
Nr. 8. 292. Aristophanes. 379
dafür, dass der feldherr Thucydides im samischen kriege nicht
der söhn des Melesias ist, für überzeugend geführt. P. 317
flgde. : die bittere polemik gegen Curtius , welcher die schuld
der anklage des Anaxagoras auf Kleon und Diopeithes allein
geschoben und den antheil des Thucydides daran verschwiegen
hat, ist gerechtfertigt. P. 324 : den einfluss der subaltern-beam-
ten bei fiskalischen processen hat Müller vortrefflich nachgewie-
sen. P. 326 hat Müller wohl recht, dass der sykophant Ktesias
Acharn. 839 und der Marpsias Acharn. 702 dieselbe person ist.
Dagegen irrt er, wenn er meint, Vesp. 401 wären nicht die
richter des chors gemeint. P. 327: die Verwendung, welche der
vrf. von der inschrift macht, umAv. 1452 zu erklären, ist sehr
hübsch. P. 333: der einwand gegen Meineke, oder vielmehr
gegen Elmsley (es handelt sich um Acharn. 685), ist nicht
richtig. Elmsley hat richtig veuviav iuvzco emendirt: er hat
sich den rücken gedeckt und geht nun tapfer darauf los. P^
330 hat Müller recht, wenn er im anschluss an Blaydes
behauptet, dass Acharn. 700 flgde. nicht der bekannte Thu-
cydides , der söhn des Melesias , gemeint sein könne. P.
334 note : in der notiz des Suidas liegt keine Verwechselung vor.
Dieselbe bezieht sich vielmehr offenbar auf Acharn. 705. Es
sind nur drei worte ausgefallen, und es ist zu schreiben : Krjyt-
GoSrjfxog 'A&rjvulog , XuXog QrjxwQ, ötivog ntoi Tag öixag, £wq-
yoqog Qovxvdtdov rov ävnjvohnvofiivov UsgtxkH. P. 335 und
36: Müller hat sich den nachweis erlassen, wie denn Ktjyiaö-
drjfiog ein Spitzname für KriyioocpüJv sein könnte, p. 344 besagt
dafür nichts. Und damit fällt seine conjectur zu dem fragmente
der Holkades. Die notiz des scholiasten führt vielmehr dahin,
dass am ende aus Acharn. 716 einzusetzen ist: ^w KXtivCov.
Es scheint nämlich nach dem zusammenhange, in welchem v.
716 in den Acharnern steht, als wenn bei einem anrüchigen
processe, in welchem Euathlos der hauptankläger war, sich auch
Alcibiades betheiligt habe. Aristophanes rückt ihm die schlechte
gesellschaft vor. P. 338 in der mitte: es hätte Müller bei seiner
vermuthung, Kephisodemus wäre der yQUfifiaxtvg, allerdings
die beobachtung irre machen müssen , dass derselbe v. 709 als
Xukog %vvrjyoQog bezeichnet wird. P. 340 und 343 : was der vrf.
über den Teleas in Av. 1024 sagt, ist hübsch combinirt
und nach meiner ansieht richtig. Gut ist auch seine bemerkung
380 292. Aristophanes. Nr. 8.
über Alcibiades p. 345. Ueberhaupt ist der ganze abschnitt
über die subaltern-beamten vortrefflich. P. 346: dass der hieb
gegen Alcibiades Acharn. 716 so klein wäre, ist doch wohl nur
ein seltsamer subjectiver eindruck Müllers. Nicht richtig ist
auch seine auffassung über den schluss des kampfes der beiden
loyoi, in den Wolken. P. 349 flgde : die polemik gegen Böckh
über die sitophylaken ist schlagend und vortrefflich durchgeführt.
P. 351 flgde: die darstellung von der ein träglichkeit vieler loos-
ämter ist sehr gut. Mit recht polemisirt Müller p. 354 ügäe
gegen diejenigen, welche den spott der komiker über die be-
stechlichkeit Kleons für baare münze nehmen. P. 366: die
stelle in Thucyd. III, 11 ist nicht richtig von einer bestechung
der beamten erklärt, wie schon die Zusammenstellung mit l wv
re xoivov 1 zeigt. P. 367 note: in der stelle des Plutarch, Pe-
ricles cap. 15 sind die worte jolq vlict von den söhnen der
tyrannen, nicht wie Müller im anschluss an Sauppe will, von
den söhnen des Pericles zu verstehen. P. 368: die verse(Vesp.
576 und 77) zeigen grade im gegentheil, dass ein solcher ver-
kehr in der that sehr anstössig war. P. 370 note: die polemik
gegen Curtius ist gerechtfertigt. P. 371 : die erklärung vonEq.
852 flgde ist schwerlich richtig. Es sind nur im allgemeinen
handwerker gemeint, welche zu Kleon hielten. Honig- und
käsehändler scheinen hervorgehoben zu sein, um das gemisch
(den xvxsiü v) zu bezeichnen, aus dem nach Aristophanes auffassung
die partei der demokraten, welche Kleon anhing, zusammenge-
braut war. P. 370 und 71 verwirft Müller mit recht gegen
Böckh das zeugniss Aelians Var. Hist. X, 17 von der berei-
cherung Kleons. P. 372: die derbe abfertigung von W. Ribbeck,
welcher die Grote'sche auffassung von Kleon kindlich nennt, ist
nicht unverdient. P. 373 und 74: die darstellung von der Wir-
kung des spottes der komödie ist im allgemeinen richtig, aber
doch nur cum grano salis, wie wir aus der apologie des Plato
sehen. Semper aliquid haeret. P. 377 unten: die bemerkung
über die vorsieht , mit welcher man einzelne beschuldigungen
der komödie zu behandeln hat, ist ganz richtig. P. 379: die
boshafte bemerkung gegen W. Ribbeck ist unangemessen und
hier ganz unberechtigt. Dagegen ist die polemik gegen Curtius
p. 381 note gerechtfertigt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass,
wie Müller ausführt, die bilder des Perikles auf das bekannte
Nr. 8. 292. Aristophanes. 381
relief des Phidias zurückgehen. P. 385 oben: die erhöhung der
tribute durch Kleon stimmt nicht mit den früheren, allerdings
falschen bemerkungen des vrfs. P. 387 unten: das schelten
Müllers über die Unklarheit im stile des Thucydides ist sehr
seltsam. Thucydides konnte freilich nicht daran denken, es den
philologen unserer tage unmöglich zu machen, über seine worte
zu streiten. Uebrigens hat das kein alter schriftsteiler fertig
gebracht. P. 390 note: der schluss, welchen Müller in seiner
behandlung von Thucyd. rV, 135 aus dem schweigen der
scholien machen möchte , ist unhaltbar. Der ausfall solcher
worte, wie Müller vermuthet, hebt die sachliche Schwierigkeit
der stelle nicht. Auch bleibt für die Stellung der folgenden
angäbe dieselbe Schwierigkeit, an welcher die erklärung Krügers
leidet. Die benutzung dieser stelle , um die Wichtigkeit der
wähl des Staatsschatzmeisters zu beweisen p. 393 ist verfehlt.
Kleon konnte, wenn er doch einmal als Stratege nach Thracien
gehen wollte, gar nichts gescheid teres thun, als so bald, wie
möglich, dorthin zu ziehen. P. 394 note: mit recht vertheidigt
Müller in Vesp. v. 343 die anderung Bentleys vicov aus vswv.
P. 399: die note über den gebrauch von dtrjX&ev bei Thucydides
'wurde verzettelt' ist unrichtig, denn dtfX&ev heisst das eben
nicht, wie schon die von Müller selbst in dieser note angeführ-
ten beispiele zeigen. P. 408: aus der ganzen darstellung des
zuges des Agis gegen Argos bei Thucydides V, 57 flgde geht
deutlich hervor, dass Agis hoffte, die Argiver zum anschluss an
Sparta zu bringen, und dass darauf sich auch die Versprechun-
gen der Unterhändler bezogen. Thucydides hat nach meiner
ansieht hier gar nichts verschwiegen. P. 409 : es ist nach der
darstellung des Thucydides nicht wahrscheinlich , dass , wie
Müller meint, die Schlacht bei Mantinea sehr bald nach der
landung der athenischen hülfstruppen erfolgt ist. P. 412 oben:
Alcibiades anwesenheit in Argos Thucyd. V, 76, 2 muss nach
dem dazwischen erzählten ziemlich viel früher fallen, als die
Zeitangabe in cap. 81. P. 411: das zeugniss des scholiasten zu
Vesp. 1008 über die Verbannung des Hyperbolus und die dar-
auf fassende berechnung hat Müller keineswegs entkräftet. P.
408 flgde: die ganze argumentation des vrfs. bricht, abgesehen
von mancherlei einzelnen unwahrscheinlichkeiten , in sich zu-
sammen. Es liegt auch nicht der mindeste grund vor, weshalb
Philol. Anz. VII. 25
382 292. Aristophanes. Nr. 8.
die Athener um der wählen willen nicht hatten rechtzeitig die
kleine truppenabtheilung abschicken sollen. Das zögern der
Lacedämonier erklärt sich hinreichend aus der hoffhung, die
Argiver durch Verhandlungen und intriguen von der Verbindung
mit den Athenern abzubringen. P. 420 können die worte: äivei-
Iriyivai, tv tjj uvtüjv re xal nqoq xf t nöltv unmöglich so verstan-
den werden, wie Müller will, da die beiden durch re xal ver-
bundenen bestimmungen eng zusammengehören. P. 422 note:
die polemik gegen Böckh ist nicht begründet. Die conjectur
L. Dindorfs zu Xen. Hellen. I, 7, 2 ditoßsllag halte ich für
richtig. P. 427 note: die polemik gegen Curtius ist unwürdig.
P. 428 unten : die bemerkung über die Widersprüche in Thucyd.
V, 35 und 81 ist bei dem schwanken der handschriften ganz
gegenstandlos. Es ist offenbar an beiden stellen nicht dieselbe
stadt gemeint. Müller leistet auch zur erklärung nichts, als
einige ausrufe. P. 432 : mit recht tadelt der vrf. den autori-
tätsglauben der herausgeber und erklärer des Thucydides, welche
selbst für die fehler der abschreiber in den handschriften kämpfen.
P. 435 : die Schlüsse zur bestimmung der jähre für die bei Thucydi-
des nicht erwähnten Unternehmungen der Athener in Thracien sind
ganz unsicher. P. 433 flgde. : die benutzung der Steinschrift,
um nachzuweisen, dass Thucydides wichtigere Unternehmungen
der Athener in Thracien nicht erwähnt hat, ist vortrefflich. P.
444 in der mitte: der schluss ist nicht richtig. Perdikkas ent-
schied sich erst, als er durch das bündniss zwischen Sparta
und Argos sich vor der räche der in Griechenland beschäftigten
Athener weniger zu fürchten hatte. P. 452 oben : die polemik
gegen Curtius, es handelt sich um die nachforderung von tausend
athenischen hopliten nach der Schlacht bei Mantinea, ist un-
würdig. P. 452 : das avxol in Thucyd. V, 80 kann , wie die
ganze fassung der stelle zeigt, nicht im gegensatze zu Demo-
sthenes stehen. Die vermuthung, Demosthenes habe die hülfs-
truppen der Athener nach Mantinea geführt, stützt sich auf
nichts. Sie wird aber durch die darstellung des Thucydides
sehr unwahrscheinlich , da sich kein vernünftiger grund denken
lässt, weshalb Thucydides cap. 75 jenes namen verschwiegen
haben sollte. P. 454: die bemerkungen gegen Köhler, welcher
ganz mit recht von der idealen auffassung der griechischen ge-
schichtschreibung gesprochen hatte, ist nicht zutreffend. Gewiss
Nr. 8. 292. Aristophanes. 383
kommt bei den worten Köhlers auch Herodot in betracht. Auch
die behauptung Müllers, dass sich bei Xenophon von einer ide-
alen auffassung wenig erkennen lasse, ist nicht haltbar. P. 456:
die folgerung aus der rückgabe des Heräums an die Epidau-
rier, es wäre in Athen eine andere mehr conservative partei
ans rüder gekommen, ist nicht stichhaltig, da es ja die Athener
schon ein jähr vorher wieder aufgeben wollten, und die Epi-
daurier ihrem bunde wieder beitraten. P. 460: mit der Unter-
nehmung der Athener gegen Perdikkas verhält es sich doch
wohl anders. Es ist wahrscheinlich, dass das heer aus Athen
gar nicht auszog , weil die nachricht kam , dass das heer des
Perdikkas, welches schon in Thracien war und an der küste
zu den Athenern stossen sollte , heimgezogen war. Die stelle
aus Plutarchs vergleich ung zwischen Nicias und Crassus cap. 5,
besagt hierfür gar nichts, und Thucyd. V, 83, 4 lässt beide
auffassungen zu. P. 458 : wie wenig stichhaltig solche bemer-
kungen sind, wie die in der klammer befindlichen worte Müllers
'gehört es zur Charakteristik des Nicias u. s. w.', zeigt schon
gleich Thucyd. V, 83, 4 xul ^ Aptflnokiv. P. 463 : die interni-
rung der dreihundert argivischen oligarchen war gerade für
Alcibiades bei seinen beziehungen zu Argos nichts weniger als
unbedeutend. Sie beweist keineswegs, wie Müller meint, dass
er flügellahm war. P. 462 unten und 463 oben: der schluss
ist nicht richtig , denn die mauern waren , wie das praesens
6txo3o(iov(A,£va bei Thucyd. V, 83 zeigt, noch nicht fertig. P.
464 oben: der schluss ist nicht haltbar. Die wortedes Thucy-
dides sind ganz klar. Die unmittelbare folge der treu-
losigkeit des Perdikkas war, dass sich Athen im kriegszustande
gegen ihn befand. P. 465 : dass Thucydides die Vorgänge in
Thracien nicht genau berichtet, zeigt Müller durch die Zusam-
menstellung von VI, 7 und VTE, 9. Uebrigens ist diebeobach-
tung nicht neu, vrgl. Krügers ausgäbe zu den worten fitru
IJegdCxxov in der letzteren stelle. Auch halte ich die bemer-
kung des vrfs. p. 466. 467 und 468 für sehr wahrscheinlich,
dass Thucydides eine persönliche abneigung hatte, näher in die
thracischen Verhältnisse einzugehen. P. 469 — 480: dass bei
Thucyd. V, 82 eine andere den oligarchen günstigere dar-
stellung des aufstandes in Argos zu gründe liegt, als bei Diodor
und Pausanias, bemerkt Müller ganz mit recht, und das haben
25*
384 292. Aristophanes. Nr. 8«
aßteJa, schon andere gesehen. Dass aber Thucydides hierbei
einer unrichtigen darstellung folge, und dass er dieses wissent-
lich thue, das hat vf. nicht bewiesen. P. 480: die gründe für
das zaudern der Lacedämonier braucht Thucydides V, 82 gar
nicht besonders anzuführen. Sie beruhen, wie die unmittelbar
darauf folgenden worte jedem unbefangenen klar zeigen, darin,
dass die Argiver sich noch gar nicht den Athenern angeschlossen
hatten, und dass die Spartaner sie denselben nicht in die arme
treiben wollten. Die Korinther hielten auch nach cap. 83 gewalt-
massregeln noch nicht für an der zeit, vrgl. die folgenden worte
vMiqxs dt x. t. X. P. 483 : dem Schlusssatze bei Müller kann, ja
muss man auch für Thucydides unbedingt zustimmen. Müller
ist aber in seinen behauptungen viel weiter gegangen, als er
selbst zu wollen scheint. P. 491: der vrf. hat gewiss recht,
dass Thucyd. III, 102 in den Worten: inl rmv vbwv, die fünf-
zehn schiffe der Koreyräer cap. 94 gemeint sind; doch scheint
es mir wahrscheinlich , dass hier die nähere angäbe durch ein
versehen der abschreiber ausgefallen ist, und dass zu schreiben
ist: inl t&v mviexatdexu rwv KsQxvgaCwv vmv. P. 493 oben:
schwerlich werden die sechzig bogenschützen die imßdvm des
athenischen geschwaders gewesen sein. Mit dem bogen kann
eben nicht jeder schiessen. Daher konnte man dazu nicht ohne
weiteres die schiffssoldaten verwenden. Sie gehörten vielmehr
zur besatzung von Naupaktos. P. 495 : davon dass Demosthenes
nach den erfolgen in Akarnanien noch eine weile in dieser
gegend zurückgeblieben wäre, finde ich bei Thucydides nichts.
P. 495: die dreihundert panhoplien, welche Demosthenes nach
Athen schickte, beweisen nichts. Er schenkte sie der stadt,
und dieselbe musste sie um so eher annehmen, da ja auch die
Athener zu dem Gv^fiaxtxov gehört hatten. P. 497: die scbluss-
folgerungen des vrfs. für die zeit der Strategenwahlen aus dem
falle des Demosthenes sind doch sehr unsicherer natur: 1) konnte
die entrüstung eines theiles des athenischen volkes über Demo-
sthenes so gross sein, dass er auch noch nach dem neuen erfolge
doch nicht gewählt wurde; 2) und das scheint das wahrscheinlichere
zu sein, zog es vielleicht Demosthenes selbst vor, sich zunächst
gar nicht den chancen der wähl auszusetzen, sondern hielt es
für besser^ durch eine Unternehmung, welche er auf eigene hand
und gefahr unternahm (das castell bei Pylos), sein ansehen
Nr. 8. 292. Aristophanes. 385
vollständig wieder herzustellen, ehe er sich wieder um das stra-
tegenamt hewarh. Auch der schluss aus der hesorgniss der
Athener, dass der winter hätte vor der thüre sein müssen, als
sie Kleon und Demosthenes zu feldherren machten, ist unsicher,
denn auch mitten im sommer konnten sie mit sorgen an den
winter denken, wenn die belagerung von Sphakteria in der-
selben weise, wie bisher, verliefe. P. 504 : die annähme von
einer solchen hast, ja liederlichkeit in seiner dichterischen pro-
duction, wie Müller sie in seiner hypothese von einer späteren
einlage Acharn. 593 — 618 bei Aristophanes vorträgt, verstösst
vollständig gegen den eindruck, welchen man von der ganzen
art des dichters gewinnt. Es ist gar keine gefahr vorhanden,
dass Müller anhänger für seine meinung gewinnt. Der schein-
bare Widerspruch von v. 579 und 594 ist absichtlich, wie die
verwunderte frage am Schlüsse von 594 deutlich zeigt. Die
behauptung des vrfs., dass sich in fast allen stücken des Ari-
stophanes Widersprüche fänden, welche man sich nur durch die
hast des dichters erklären könnte, ist ganz hinfällig. Die meisten
Widersprüche der art beruhen nur in dem mangelhaften ver-
ständniss der leser. P. 505 : bei seiner auffassung von Wahl-
listen für alle Strategen verkennt der vrf. den unterschied
zwischen den wählen in den phylen und denen in der allge-
meinen Volksversammlung. P. 506: das argument, Dikaiopolis
widerspräche sich in v. 201 und in v. 599 flgde. , ist hinfällig,
da ja offenbar Dikaiopolis an der letzteren stelle nur den La-
machos ärgern will. Wenn man übrigens v. 593 — 620 mit
Müller als eine spätere einlage streichen wollte, so hätten 620
— 623 gar keinen irgend vernünftigen anschluss an 592. P.507
unten: jetzt ist auch die zweite hälfte des chors der Acharner-
greise umgestimmt, und zwar gerade durch das, was Dikaiopo-
lis dem Lamachos über die benachtheiligung der greise 609 —
619 ad oculos demonstrirt hat. P. 510: das xtlivuv in v. 1073
ist durchaus nicht ein anstössiges befehlen. Ein beschluss der
mehrzahl , vrgl. nlilovtq in v. 1078, konnte auch einen einzel-
nen collegen nöthigen, wider seinen wünsch einen zug zu un-
ternehmen. P. 512: die vermuthungen des vrfs. zur ausfüllung
von angenommenen lücken in den Acharnern sind nicht haltbar.
P. 517: die ganze argumentation für die zeit der Strategen-
wahlen aus der stelle der Acharner ist hinfällig. Dagegen er-
386 292. Aristophanes. Nr. 8.
scheint mir p. 516 die erklärung der schlussscene der Achar-
ner aus der angenommenen theilnahme des Lamachos als lo-
chagen an dem ätolischen feldzuge als ansprechend und treffend.
P. 521. 533 und 546. Die heziehung des IlavovQyinjraQxCdrjt;
in Acharn. 603 auf den geschichtschreiher Thucydides ist nur
eine luftige hypothese Müllers. Dass Aristophanes in den
Acharnern den Hipparchus für den tyrannen gehalten habe,
während er Vesp. 504 ganz gut weiss, dass es Hippias war,
wird dem vrf. nicht leicht jemand glauben. Recht hat er da-
gegen in der behauptung , dass c InnaQ^idr\q ein Spottname war.
Vielleicht ist Aristides, der söhn des Archippos, gemeint, den
Thucydides ja unter den Strategen dieses jahres nennt. IJav-
ovqyoq heisst er im gegensatze zu dem gerechten Aristides, mit
dem er den namen gemein hatte, und t IjTjtag^(ör}g mit anspielung
auf seinen vater Archippos. Das argument aus der gleichheit
des metrums bei Müller p. 533 besagt doch nur sehr wenig,
übrigens ist dasselbe bei ' udQpTTjtlSrjg der fall. Aber alle solche
vermuthungen sind sehr unsicherer natur. Es ist wohl besser,
einfach zu sagen : wir wissen nichts davon. P. 524 : statt unten
die note hinzusetzen, hätte der vrf. die unrichtige bemerkung
im texte ändern sollen. Dasselbe gilt für den schluss der note
auf p. 528. P. 526 flgde: es ist sehr wahrscheinlich, dass, wie
Müller ausführt, unter o KoiGvgag in Acharn. 614 Hippokrates
zu verstehen ist. Dass eine bestimmte person gemeint ist, zeigen
die folgenden verse deutlich. P. 530: der vrf. verkennt die
Stellung des komischen dichters, wenn er ihn einen politischen
gegner des Thucydides nennt. P. 531 : das geschichtswerk und
die ganze persönlichkeit des Thucydides widerlegt wohl für je-
den unbefangenen deutlich genug die annähme des vrfs. , Thu-
cydides habe im j. 425 zur partei Kleons gehört. Seine partei-
stellung ist ja klar genug. Er ist conservativer demokrat und
von den radikalen ebenso weit entfernt , wie von den oligar-
chen. P. 535 : der vrf. hat recht in seiner polemik gegen
Röscher, dessen erklärung über die episode von der Vertreibung
der Pisistratiden sehr